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Full text of "Das Buch Jesaia"

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Handkommentar 

zum 

ALTEN TESTAMENT. 

In Verbindung mit anderen Fachgelehrten 

hetauigegeben ron 

D. w. Nowack, 

o. Prof. d. Tbtol. in StnMbnrg 1. Ell. 
ni. Abtoilung, Du j)roph*tüeh#n £lkk#r, 1. Band. 

Das Buch Jesaia 

übersetzt und erklärt 



D. Beruh. Duhm, 

«. PnA d. Theol. tu BimI. 




Tandcnhecdt unA Rapr<cbt 

\902. 






Dm lUeht der ÜberteUimg behäU sich die Verlagshuehhandkmg vor. 



Die erete Auflage ist 1892 erschienen. 



Vorwort. 

Nachdem ich kaum die letzte Zeile am Buch geschrieben habe, kann ich 
eigentlich kein Vorwort schreiben; was ich zu sagen hatte, habe ich im Buch 
gesagt^ und was ich dort aus dem einen oder anderen Grunde nicht sagen konnte, 
das geht erst recht nicht in ein Vorwort hinein. Dreierlei war in's Auge zu 
fassen: erstens die Herstellung wo nicht des ursprünglichen, so doch eines mög- 
lichen Textes. Ich bin dabei von der Voraussetzung ausgegangen, dass die 
Autoren, bevor nicht das Gegenteil bewiesen ist, als gute Schriftsteller angesehen 
werden sollen, die nicht radebrechen und stümpern, sondern richtig und ver- 
nünftig reden: eine an sich selbstverständliche Voraussetzung, die aber doch nicht 
von allen Erklärem geteilt wird. Wenn ferner die Autoren sich bestimmter 
metrischer Masse bedienen, so scheint es mir Pflicht der Exegeten zu sein, dem 
nachzugehen und die Arbeit am Text nicht eher für beendigt zu halten, als bis 
jene festgestellt sind. Auf diesem Gebiet fuhren jetzt Schlendrian und Willkür 
die Herrschaft und treten die abenteuerlichsten Thorheiten zu Tage. Wenn erst 
die allgemeine Aufmerksamkeit auf diesen Punkt gerichtet sein wird, wird sich 
zeigen, dass die Metrik ein ebenso wichtiges textkritisches Hülfsmittel ist, wie die 
Vergleichung der alten Übersetzungen. 

Die zweite und wichtigste Aufgabe ist, herauszubringen, was die Autoren 
eigentlich sagen und sagen wollen. Diese Aufgabe wird niemals vollkommen er- 
füllt werden. Auch wenn nicht unser zeitlicher und kulturhistorischer Abstand 
von den alten Schriftstellern uns beständig Schwierigkeiten machte, so würde 
schon der stets vorhandene Unterschied zwischen dem objektiven Ausdruck und 
der Meinung eines Autors das völlige Erfassen der letzteren höchst erschweren. 
Das beste, waa man thun kann, ist versuchen, in die Persönlichkeit des Schrift- 
stellers selber so tief wie möglich einzudringen. Das ist überhaupt auf dem 
Gebiet der Religion die wichtigste und dankbarste Aufgabe, denn nirgends mehr 
als hier steht die lebendige Persönlichkeit hoch über dem blossen Wort. Zu 
diesem Zweck vor allem treibt man Kritik: diese ist noch mehr eine Pflicht 
gegen die alten Autoren, als die Vorbedingung für unsere richtige Einsicht in 
die historische Entwicklung. 

Diese letztere aber wird nicht gefordert durch gelegentliche Reflexionen 
und Betrachtungen, die vom Zufall oder vom »Standpunkt« des Auslegers ein- 
g^;eben * sind, sondern nur durch bewusste kultur- und religionsgeschichtlicfae 
Kritik. In einem Kommentar kann diese Aufgabe allerdings nur in sehr unvoll- 
kommener Weise erfüllt werden. Dennoch muss ein Kommentar wenigstens die 
Rohstofie für jene Kritik entdecken und für eine zusammenhangende Verwertung 
vorläufig herrichten. Es ist besser, darin einen Missgrifi* zu machen und selbst 
einem Autor ein Unrecht zuzufügen, als diese Arbeit zu unterlassen. Denn wenn 
sie erst einmal zu etwas sicheren Ergebnissen gelangt sein wird, so werden diese 
die beste Schutzmauer für die alten Schriftsteller gegen die Razzien der Dogma- 
tiker aller Farben sein. 

* ^ i\ ^ ' i 



IV Vorwort. 

Der Umfang des Kommentars ist massig, weil ich solche Betrachtungen 
möglichst vermieden habe, die jeder selbst macht und darum nicht zu lesen 
wünscht, und weil ich solche Stellen nicht zitiert habe, die kein Mensch nach- 
schlägt Die Übersetzung ist weniger schön als wörtlich. Die benutzten Hülfs- 
mittel habe ich nicht immer zitiert, der Gelehrte kennt sie, der Lernende will sie 
nicht kennen. Vielleicht ist mir ab und an ein brauchbares Altes oder Neues 
entschlüpft, das Aufnahme verdient hätte; das Kommentarschreiben hat eben viel 
vom pig puzzle. Die Polemik gegen de Lagarde würde natürlich weniger scharf 
ausgefallen sein, wenn ich hätte ahnen können, dass das Buch ihm nicht zu 
Gesicht kommen werde. 

Ich ho£re, Leser zu finden, denen an der Wahrheit und an der Religion 
gelegen ist und die, wenn sie irgendwo etwas Richtigeres finden, es mir nicht vor- 
enthalten. Auf einem Gebiet, auf dem man nicht so viele »vielleicht« schreiben 
kann, als man möchte und müsste, ist man für Belehrung sehr empfänglich. 
Wenn man nicht glauben dürfte, dass auch Lrtümer, ehrliche Arbeit voraus- 
gesetzt, gute Folgen haben können, so dürfte man überhaupt über Bibel und 
Religion nicht schreiben. 

Basel, den 1. Juni 1892. 

Bernh. Duhm. 



Vorwort zur zweiten Auflage. 

über das Buch Jesaia ist im letzten Jahrzehnt so viel geschrieben worden, 
dass der Umfang dieses Kommentars trotz des viel sparsameren Drucks der 
Übersetzung nicht wesentlich eingeschränkt werden konnte. Er wäre im Gegen- 
teil noch mehr angewachsen, wenn ich alles Neue auch nur hätte erwähnen 
wollen. Ich habe sogar manche textkritische oder literaturgeschichtliche Ver- 
mutung unerwähnt gelassen, die ich für ebenso gut halte, wie die von mir akzep- 
tierte. Denn ein Handkommentar kann keine Anthologie aller schönen Ge- 
danken sein, und wir treiben das Studium der F^pheten ja wohl nicht zu dem 
Zweck, uns selbst wichtig zu machen. Es pflegen sich schon so die Namen und 
Ansichten der Ausleger wie eine Nebelwolke vor die Texte zu drängen und den 
umstand ganz in Vergessenheit zu bringen, dass die Kommentatoren nur ein not- 
wendiges Übel sind. Ich darf mir gleichwohl verstatten, unter den vielen, die 
mich direkt oder indirekt gefördert haben, die Namen Cheyne und Marti an 
dieser Stelle zu nennen. 

Dass diese zweite Auflage verhältnismässig druckfehlerfrei ist, verdanke 
ich teils mehreren mir von auswärts zugestellten Fehlerlisten, teils der Mithülfe 
meiner Söhne. 

Basel, den 18. Nov. 1901. 

Bernh. Duhm. 



Einleitung. 



I. Analyse des jetzigen Buches 

a. Das Buch Jesaia und seine HaupUeile. 

1. Das Buch Jesaia gehört im Eanon zu den prophetae posterioreB, unter 
denen es bald die erste, bald die dritte Stelle eingenommen hat, die erste s. B. 
bei Hieronymus im Prologus galeatus, die dritte in dem Tractat Baba bathra 
14 b. *15a, wo die Reihenfolge Jeremia Hesek. Jes. Duodecim als die Tradition 
der Mischna bezeichnet wird. Die LXX hat es hinter den zwölf kleinen Pro- 
pheten und vor Jeremia. 

Das Buch Jesaia wird zum ersten Mal Lk 4i7 erwähnt und zwar, da 
dort Jes 61 if. als Wort Jesaias zitiert wird, nach seinem gegenwärtigen Umfang. 
Wann es die jetzige Form erlangt hat, darüber giebt es kdne vorchristliche Tra- 
dition, sondern nur allerlei späte Meinungen, die wir ignorieren dürfen. Wir 
wissen auch nicht, wann die proph. posteriores als Oanzes abgeschlossen sind. 
Nach Wellhausen (Bleek Einl.^ 8. 554) bestimmt sich der Abschluss der Pro- 
pheten (priores und poster.) danach, dass Maleachi und Jona noch Aufnahme 
gefunden haben, Esra und Daniel nicht mehr. Das ist ein elegantes, auch schon 
von anderen nachgeahmtes Bestimmungsverfahren, aber es ist schwerlich richtig. 
Schon das ist unrecht, dass die priores (Josua bis II Reg.) und die posteriores 
in dieser Weise zusammengestellt werden, denn ihre Entstehungsgeschichte ist 
völlig ungleichartig. IKe priores sind ursprünglich nicht die eine Hälfte eines 
prophetischen Kanons, sondern der integrierende Teil des grossen Beligions- 
buches, das von der Geneeis bis 11 Reg. läuft. Wann sie von diesem Beligions- 
buch abgespalten und wann sie mit den propL posteriores zu einem prophetischen 
Kanon verbunden wurden, das wissen wir nicht, aber es scheint, dass ersteres 
erst nach der Entstehung der Chronica und letzteres in noch viel späterer Zeit 
geschehen ist Denn die Chronica scheint noch die Selbständigkeit des sogen. 
Priesterkodex vorauszusetzen; diesen wUl sie fortsetzen, nicht das ältere deutero- 
nomische Reli^onsbuch, letzteres vielmehr eher verdrängen. Das ältere Buch 
hat den Sieg davongetragen, es wurde nicht allein nicht verdrängt, sondern um- 
gekehrt ihm der Priesterkodex eingeordnet» dagegen die Chronica mitsamt dem 
mit ihr verkitteten Buch Esra in den Winkel der ketubim gewiesen. Es ist 

lUndkMUMAttf s. A. T.: D«ha, Jm. S. ▲■!. I 



Vi Einleitung. 1. Analyse des jetzigen fiiiches «tesaia. 

nicht beweisbar, aber wahrscheiDlich, dass die Zerlegung des mit dem Priester- 
kodex vereinigten Religionsbuches Gen. — Kon. in die zwei jetzigen Teile (Thora 
und proph. priores) mit der Übersetzung der Thora ins Griechische zusammen- 
hängt» zu der ja der jerusalemische Hohepriester seine offizielle Mitwirkung ge- 
liehen haben soll. Der abgespaltene Teil Josua bis II Reg. brachte von seiner 
früheren Zugehörigkeit zu dem Religionsbuch Gen. — Kon. einen festen Rahmen 
mit, der freilich nicht verhinderte, dass noch bis in die späteste Zeit sein Inhalt 
den eingreifendsten Änderungen, Zusetzungen, Weglassungen, Umstellungen aus- 
gesetzt blieb. Diesen festen Rahmen hatte er vor den prophetischen Büchern im 
engeren Sinne voraus, denen er jetzt näher gerückt wurde, und es ist möglich, 
dass die relative Geschlossenheit des Komplexes Josua bis II Reg. die Anregung 
gegeben hat, auch für die eigentlich prophetischen Bücher einen festeren Rahmen 
herzustellen. Wann das geschehen ist, darüber wissen wir gar nichts. Es ist 
eine ganz willkürliche Annahme, dass das Buch Daniel deshalb nicht unter die 
»Bücher« (Dan 9 2) aufgenommen werden konnte, weil diese schon ein in sich ab- 
geschlossenes Ganzes bildeten ^). Als die LXX entstand, die den Daniel den 
proph. posteriores anreiht, diese selbst aber von den priores losreisst, war höch- 
stens die allgemeine Idee einer sachlichen Gruppierung vorhanden ; aber auch die 
palästinensischen Juden, die in älterer Zeit niemals sämtliche Prophetenschriften 
auf Eine Rolle schrieben (s. Buhl, Canon des A. T.8 § 10), sind erst recht spät 
zu einem festen prophetischen Kanon gelangt. Wenn aber auch der Begriff und 
sogar die Zahl der prophetae poster. im Allgemeinen feststand, so hinderte das 
schwerlich, dass man innerhalb des entstandenen Rahmens noch ebenso frei ver- 
fuhr, wie in den priores, dass man also in dem B. Jesaia noch alle möglichen 
Änderungen vornehmen konnte. Fand man z. R um das Jahr 100 a. Chr. eine 
Schrift, die man mit Recht oder Unrecht von Jesaia ableitete, so ist uns kein 
Grund bekannt, warum man sie nicht dem B. Jesaia hätte einverleiben sollen. 
Allgemeine Sätze können hier wenig helfen; die natürlichste allgemeine These 
wäre aber doch wohl die, dass die Herstellung des klassischen Textes, des Ktib, 
und die endgültige Feststellung der klassischen Auswahl, des Kanons, in einem 
sachlichen und darum wohl auch in einem zeitlichen Zusammenhang mit ein- 
ander gestanden haben. Die Übersetzungen der einzelnen Bücher (von der Thora 
abgesehen, deren Text älter ist) sind älter als Ktib und definitive Redaktion: vor 
der letzteren giebt es aber keinen »Kanon«, keinen eigentlichen Abschluss. 

Wir sind demnach in der Frage, wann das B. Jesaia seine jetzige Form 
erhalten hat, ganz auf die Ergebnisse der inneren Kritik und auf wenige zufällige 
Notizen in anderen Schriften angewiesen. Von den letzteren nützt uns die Er- 
wähnung des vofiog und der 7VQ0(prffeiai im Prolog zum Siraciden nichts, weil 
zu unbestimmt^). Die Angabe II Mak 2u, dass noch Judas Mak. sich um die 



') Andere Gründe liegen viel näher, z. B. die aramäische, d. h. profane Sprache 
in Dan 2—7. 

*) Ob der griechische Jesaia um 132 a. Chr. so aussah, wie jetzt, ob es über- 
haupt nur eine Übersetzung gab, das ist die Frage. Oft bat die LXX zwei Übersetzungen 
derselben Stelle, von denen keine mit dem Ktib übereinstimmt (z. B. c. 228 459). Vgl. 
auch das Verhältnis des griechischen Jeremia zum hebräischen. 



Einleitung. 1. Anatyse des jetzigen Buches Jesaia. VIT 

heilige Bibliothek Verdienste erworben habe» mag beweisen, dass man um das 
spate Zustandekommen der Sammlung wusste ; der vorhergehende Vers zeigt aber 
zugleich, dass der »Kanon« im 1. Jahrh. a. Chr. noch anders aussah als jetzt. 

2. Im 3. Jahrh. a. Chr. zitiert der Ghrouiker (IIChr3622f. = Esrli — s) 
die deuterojesaianische Verheissung, dass Cyrus den Tempel bauen lassen werde 
(Jes 4428), als ein Wort des Jeremia, hält also Jes 40 — 66 oder einen Teil 
davon für jeremianisch. Daraus folgt zwar nicht, dass zu dieser Zeit Jes 40 — 66 
mit dem B. Jeremia verbunden gewesen sein muss, wohl aber, dass dieser Teil 
damals noch nicht zum B. Jesaia gehörte. 

Aber auch Jes 1 — 39 war damals noch nicht in der jetzigen Verfassung. 
Der Chroniker kennt zwar die cap. 36 — 39, sieht sie auch für jesaianisch an, 
zitiert sie aber nicht aus einem Jesaiabuch, sondern aus dem »Buch der Könige 
von Juda und Israel« (IlChr 3283). Unfehlbar würde er ein Jesaiabuch als 
Quelle genannt haben, wenn er gekonnt hätte, denn er empfindet seine Abhängig- 
keit von den Bb. Samuelis und Kön. offenbar als lästig. Standen zu seiner Zeit 
c 36 — 39 noch nicht im B. Jes., so haben auch c. 1 — 35 damals noch nicht 
ihre jetzige Form und Vollständigkeit gehabt» denn aller Wahrscheinlichkeit nach 
sind c. 36 — 89 von demselben Manne ins B. Jes. herübergenommen, der auch 
c. 1 — 35 zusammengestellt hat. Dieser Hauptredaktor hat darum immer noch 
nicht die letzte Hand an das Buch gelegt, hat doch seine eigene Arbeit an 
c. 36 — 39 noch wieder Zusätze erhalten (s. zu c. 38 10^20. 2if.), und so wissen 
wir immer noch nicht, ob er, der nach dem Chroniker gelebt haben muss, schon 
die sämtlichen ersten 39 cap. besass. 

3. In JSir 4828 — ^25 heisst es, dass zu Jesaias Zeit die Jes 38 berichtete 
wunderbare Heilung des Hiskia geschehen sei und dass Jesaia die Trauernden 
Zions getröstet und die letzten Dinge vorhergesagt habe. Diese Stelle sieht nicht 
blos Jes 40 — 66 für jesaianisch an, sondern scheint auch ihre Verbindung mit 
c. 36 — 39 vorauszusetzen. Indessen beweist sie nicht allzu viel, weil es keines- 
wegs sicher ist, dass der Siradde sie verfasst habe. Aber selbst in diesem Fall 
würden wir nicht wissen, wie zur Zeit des Siraciden, in den ersten Dezennien des 
2. Jahrh. a. Chr., die jetzigen ersten 35 cap. aussahen, ja nicht einmal, ob die 
JSir 482Bff. ausgesprochene Meinung die allgemein herrschende war. Nur dass 
c. 36 — 66 älter sind als die Chronica und das Buch Sirach, können wir beweisen , 
nicht aber, dass auch z. B. c. 24 — 27 oder c. 33 — 35 schon um 200 a. Chr. 
existierten. 

4. Wegen der Stellung des Chronikers zur Sache haben wir c. 40 — 66 
und c. 36 — 39 vorläufig abzusondern und c. 1 — 35 fär sich allein zu analysieren. 
Diese cap. zerfallen von selbst in drei Gruppen infolge der Erscheinung, dass 
c. 13 — 23 nicht blos im Eingang eine eigene Überschrift mit dem Namen und 
Vatersnamen des Propheten besitzen, sondern auch die einzelnen Stücke mit dem 
Worte M^» überschreiben, was sich sonst (mit Ausnahme von c. 306) nirgends 
findet Diese cap. müssen also für sich gesammelt sein, können auch, obwohl 
dies weniger gewiss ist, einmal als selbständiges Buch existiert haben. Ebenso 
haben c. 1 — 12 eine besondere, nur fär sie bestimmte Überschrift in c. 1 1 und 
einen Epilog in c. 12, sind daher vielleicht auch einmal ein besonderes Jesaia- 

I* 



VItl ßinleitunfi:. 1. Analyse doR jetzigen Bucbea Jesaia. 

buch gewesen, haben aber jedenfalls als Sammlung ihre eigene Entstehungs- 
geschichte. Nur die dritte Gruppe c. 24 — 35 hat ohne Überschrift und Bchluss 
einen weniger abgeschlossenen Charakter; die drei kleineren Schriften, die sie 
umfasst, mögen also erst in dem Augenblick zusammengestellt sein, als sie mit 
der ganzen Sammlung c. 1 — 35 oder 39 oder 66 vereinigt wurden. 

5. Der Reihenfolge dieser drei Teile li^ schwerlich ein tieferer Gedanke 
zu Grunde, doch ist sie -auch nicht zufällig, c. 1 — 12 enthält das »Gesicht« 
Jesaias über Juda und Jerusalem, das nach der Meinung des Sammlers und 
nach dem Eindruck, den z. B. c. 6 — 9 thatsächlich auf ihn machen musste, sich 
mehr an zeitgeschichtliche Anlässe anschliesst^ als c. 24 — 35. Die zweite Samm- 
lung c. 13 — 23 betrifil die fremden Völker. Die dritte Gruppe c. 24 — 35 ist 
wesentlich eschatologischen Charakters. Das ist nun dieselbe Anordnung, die wir 
auch in dem griechischen B. Jeremia, besonders deutlich aber im B. Hesekiel an- 
treffen. Der Urheber dieser Dreiteilung ist Hesekiel, ihm hat der Mann, dem 
wir die jetzige Gestalt von c. 1 — 35 verdanken, nachgeahmt. 

6. Bis jetzt hätten wir folgende Akte in der Entstehungsgeschichte des 
B. Jesaia zu verzeichnen: 1) die Sammlung von a) c. 1 — 12, b) c. 13 — 23; 
2) die Verbindung der drei Gruppen c. Iff. 13 ff. und 24 ff. und ihre Abschliessung 
durch die geschichtlichen Nachträge c. 36 — 39; 3) die Anfügung von c. 40 — 66. 
Selbstverständlich können mehrere Akte auf einen und denselben Urheber zu- 
rückgehen, aber auch das Umgekehrte ist möglich, dass nämlich jeder einzelne 
Akt eine weitläufige Geschichte für sich hat. Es ist sogar wahrscheinlich, dass 
die Entstehung des Buches viel komplizierter war, als sich bis jetzt zeigte. 

6. D<i3 Jesaiabuch c. 1—12. 

7. Der Sammler von c. 1 — 12 hat keine freie Verfügung mehr über die 
zusammenzustellenden Stücke gehabt, sodass er sie nach eigenem Gutdünken, 
etwa nach chronologischen oder sachlichen Gesichtspunkten oder nach Stich Worten 
hätte anordnen können, vielmehr fand er schon ältere kleine Sammlungen vor, 
deren selbständige Disposition er respektieren musste. Wenn dem nicht so wäre, 
so würde er c. 526 — so mit c. 97—104, femer c. 5i6f. mit c. 2 verbunden, er 
würde die Überschrift c. 2i gespart und vermutlich c. 6 an den Anfang gestellt 
haben. So aber hat er die Überschrift von c. 2i gar nicht verfasst, sondern 
am Kopf von c. 2 — 4 schon vorgefunden, und die kleinen Büchlein, die er zu- 
sammenstellte, hatten eine solche Geschlossenheit und wahrscheinlich auch in 
einem grösseren Publikum eine solche Autorität, dass er c. 6 nicht von c. 7 f. 
losreissen konnte. Warum er nun nicht etwa c. 6 mit seinem Anhang versetzte, 
das wird erst erkennbar, wenn man den Inhalt der einzelnen Büchlein näher be- 
trachtet 

8. Am deutlichsten giebt sich c. 2 — 4, von dem vorläufig c. 22 — 4 bei 
Seite zu lassen ist, als ein älteres selbständiges Jesaiabuch zu erkennen. Es 
hat eine eigene Überschrift, die schon dadurch, dass dem Prophetennamen der 
Vatersname beigesetzt ist, das Vorhergehen anderer Stücke ausschliesst, und eine 
Disposition, deren Absichtlichkeit schon daraus erhellt, dass der Sammler dieses 



Einleitung. 1. Analyse des jetzigen Buches Jesaia. TX 

Büchleins, um eiDen AbschlusB zu gewinnen, den Schluss c. 42-6 selbst ver- 
fasst hat. Dieser Schluss enthält die trostliche Weissagung über die eschato- 
logische Endzeit, wie mau sich diese in den letzten Jahrhh. a. Chr. vorstellt; ihm 
g«^Düber steht der Anfang des Büchleins mit der Drohung vom Tage Jahves, 
die Mitte nimmt die Motivierung der Drohung und die, allerdings mehr indirekte, 
Vermittlung der Verheissung ein. Schon die schlechte Erhaltung des Textes 
und seine Vermehrung mit zahlreichen Glossen und grösseren Zusätzen könnte 
für das relative Alter diese» Büchleins zu sprechen scheinen, entschiedener 
spricht dafür ein anderer Umstand. Die kleine Dichtung c. 22 — 4 gehört 
nämlich diesem Büchlein ursprünglich nicht an, weil sie an verkehrter Stelle 
steht, am Anfang statt am Schluss, und weil ihr Text sich in einem ganz 
anderen Zustand befindet, als das ganze kleine Buch, sie muss diesem also erst 
nachträglich beigeschrieben sein. Das ist aber in einer Zeit geschehen, wo das 
Bächlein Mch 4. 5, das jene Dichtung in c. 4i — i ebenfalls enthält, noch nicht 
gesammelt oder wenigstens nicht allgemein verbreitet war, wo die sammelnden 
8chrif%gelehrten noch keine rechte Übersicht über das gesamte Material besassen 
und noch mehr isoliert und auf eigene Hand arbeiteten. Ist also c. 22 — 4 ver- 
^hältnismässig früh beigeschrieben, so muss natürlich c. 2 — 4 noch älter sein. 
Daraus folgt freilich nicht einmal, dass das Büchlein vor dem 2. Jahrh. ent- 
standen ist 

9. Dieselbe Disposition wie c. 2 — 4 befolgt die Sammlung c. 6i — 96: 
zuerst die Drohung, zuletzt die Verheissung, in der Mitte die Motivierung der 
ersteren und die Vermittlung der letzteren. Die Überschrift wird ersetzt durch 
die mit Datum versehene Einleitung des Propheten selber, und die Verheissung 
läuft c. 96 in einen passenden, feierlichen Abschluss des Ganzen aus. Ein ein- 
heitliches Gepräge wird dieser Sammlung durch das Vorwalten der erzählenden 
Form gegeben. Aller Wahrscheinlichkeit nach liegt ihr ein älteres von Jesaia 
selber redigiertes Buch zu Grunde (s. unten § 26 ff.), das jetzt jedoch teils ver- 
stümmelt, teils vermehrt ist. Über die Lebzeit des Sammlers, der sich in c. Visff. 
als schlechten Stilisten zeigt, ist nichts Genaueres zu sagen, doch kann er nicht 
alt sein s. zu c. 8i9f. 28b. 

10. Endlich enthält auch die Gruppe c. 9? — 11 16 zuerst die motivierte 
Drohung, dann die ausführlich vorbereitete Verheissung ; c. 9? bildet einen passen- 
den Eingang, und für den Abschluss hat der Sammler in eigenen Zusätzen ge- 
sorgt c. 11 9 — 16. Wegen der Hofinung, dass die vereinigten Israeliten die Phi- 
lister und Moabiter unteijochen werden, darf man den Sammler gewiss nicht vor 
die makkabäischen Erfolge setzen. 

11. Die kürzeren Sammlungen c I und c. 6 sind weniger vollständig, 
da ihnen die Verheissung fehlt; und obwohl sie, wie das B. Obadja zeigt, trotz 
ihrer .Kürze als selbständige Schriftchen existiert haben könnten, so hat man 
doch weniger Mut dies anzunehmen, weil sie auch keine Überschrift haben. Der 
Ordner von c. 5 hat c. 2—4 und c. 9? — 11 16 entweder nicht besessen oder als 
unantastbare Bücher besessen, weil ihm nicht entgehen konnte, dass v. 15 f. nach 
c. 2 und V. 25 ff. nach c. 97ff. gehört Die Frage, wie sich etwa im 2. Jahrh. 
noch zerstreute Jesaiareden finden und vereinigen liessen, beantworten wir vor- 



X Einleitung. 1. Analyse des jetzigen Baches Jeeaia. 

läufig dahin, daBs wir noch heute mit geringer Mühe aus c. 36 — 39 ein Capitel 
Jesaiareden zusammenstellen könnten. 

12. Die Reihenfolge, in der der Redaktor von c. 1 — 12 diese Sammlungen 
verband, ist wahrscheinlich als chronologische gemeint, wenn auch vielleicht nicht 
ganz in unserem Sinne. Jesaia, den er sich ähnlich einem Daniel oder Henoch 
vorgestellt haben dürfte, weissagt ra eoxccva JSir 4828ff.; das »Qesicht Jesaias« 
(c. li) enthüllt zuerst die nähere, dann die entferntere Zukunft. Daher gehört 
c. 11 ans Ende und mit ihm das Büchlein, zu dem es gehört, c. 9iff. muss 
vorhergehen, weil dort erst die Greburt des Messias geweissagt wird, dessen Regi- 
ment c. 11 schildert, c. 2—4 muss noch weiter nach vom, weil dort vom Messias 
noch nicht, oder, wenn der Redaktor ihn unter dem nin*« n»at c. 4 verstanden 
haben sollte, erst in verhüllter Weise geredet wird, auch der »Tag Jahves« c 2i2ff. 
auftritt, dessen Nennung und Beschreibung in einer Visionenreihe selbstverständ- 
lich den Anfang bilden musste. Da ausserdem der Redaktor weiss, dass Jesaia 
von Usia bis Hiskia gewirkt hat, so war die Begegnung zwischen Jesaia und 
Ahas (c. 7) in die Mitte, dagegen c. IQbff., wo der Kampf zwischen Hiskia und 
Sanherib deutlich genug den Hintergrund der Rede bildet, ans Ende zu setzen. 
Cap. 5 mag ihm a potiori als passender Anhang zu c. 2. 3 erschienen «ein; 
c. l2ff. eignete sich wegen seines Anfangs vortrefflich zum Kopf des ganzen 
Buches. Wegen der Umsicht, mit der der Redaktor verfahrt, und wegen der 
Zurückhaltung, mit der er z. B. die Überschrift c. 2i stehen lässt und die eigene 
Überschrift c. li nicht etwa, wie Hes l2f. vgl. Hos li geschehen, mit jesaiani- 
schen Worten verkettet, muss man ihn möglichst spät ansetzen; dasselbe ergiebt 
sich daraus, dass sein Epilog c. 12 ein Mosaik aus jungen Dichtungen ist und 
zugleich an solche in c. 24—27 eingesetzte Dichtungen erinnert» die mindestens 
bis hart an die Grenze des 1. Jahrh.s herabgehen. 

c. Das Jesaiabuch c. 13 — 2H, 

13. Von anderer Hand ist das Buch c. 13 — 23 zusammengestellt Die 
Selbständigkeit dieses Buches geht hervor aus den Überschriften mit dem Worte 
NX* 79, ferner aus dem Umstand, dass dem Namen Jesaia im Anfange der Vaters- 
name beigefugt ist, endlich daraus, dass die beiden namenlosen, also erst nach- 
träglich eingesetzten Stücke, c. 1424 — v und c. 17 12 — 18 7, an ihre jetzige Stelle, 
überhaupt in c. 13 — 23 gar nicht hätten geraten können, wenn der Einsetzer ein 
anderes Buch als c. 13 ff. zur Verfügung gehabt hätte. So wenig wie c. 1 — 12 
ist auch c. 13 ff. freihändig geordnet, vielmehr liegen auch hier ältere Sammlungen 
zu Grunde. Das Buch enthält nämlich elf oder, da wahrscheinlich c. 306. 7 ur- 
sprünglich neben c. 21 f. gestanden hat» zwölf überschriebene Orakel, von denen 
die mittleren zehn zwei ältere Sammlungen vorstellen. 

14. Die voranstehende Fünf zahl c. 1428—206 (excl. 17 12— 18 7) betrifil 
nach den Überschriften die Völker Philistäa, Moab, Syrien, Ägypten und Kusch. 
Die Orakel haben sachliche Überschriften oder Einleitungen, das erste und letzte 
sind genau datiert und so gewissermassen die Ellammem fiir das Ganze. Doch 
scheint ihre Reihenfolge nach dem geographischen Gesichtspunkt der Nachbar- 



Einleitung. 1. Analyse des jetzigen Baches Jesaia. XI 

Schaft angeordnet zu sein, der nächste Nachbar kommt zuerst daran, der ent- 
fernteste zuletzt ^). Der Sammler hat die Sammlung der jeremianischen Heiden- 
orakel noch nicht gekannt, weil er sonst vielleicht das Orakel über Moab nicht 
aufgenommen hätte, das er wahrscheinlich selber in die jetzige Form gebracht 
hat Wegen dieses Orakels, sowie wegen der zweiten Hälfte vom c. 19 kann 
der Sammler erst am Ende des 2. oder im Anfang des 1. Jahrh. a. Chr. gelebt 
haben. 

15. Eine zweite, sehr verschiedene Fünfzahl erhalten wir in c. 21. 22. 
306. 7. Die Überschriften dieser kurzen Orakel charakterisieren sich durch die 
eigentümliche Verwendung von rätselhaft klingenden Stichworten. Da der wahr- 
scheinlich sehr junge Zusatz c. 21 lef., weil offenbar von derselben Hand verfasst, 
wie c. IGisf., dem Sammler dieses Büchleins schwerlich angehört, im Übrigen 
aber die fünf Orakel mit Ausnahme des Schlusses von c. 22 sämtlich jeifaianisoh 
oder exilisch sind, so könnte diese Sammlung verhältnismässig alt sein. Dann 
mag ihr Sammler mit dem Gebrauch des Wortes n\dt3 vorangegangen sein. Jer 
238sff. untersagt den Gebrauch dieses Wortes: je später wir den Sammler an- 
setzen, desto schwieriger ist es, Nichtkenntnis dieser Stelle bei einem Schriflt- 
gelehrten anzunehmen. 

16. Der Redakten der die kleinen Sammlungen c. 1428 — c. 20 und c. 21 f. 
mit einander verband, setzte ausserdem noch zwei längere überschriebene Stücke 
hinzu. An den Anfang stellte er das Orakel über Babel c. 13 1 — 14 2s, das 
neben c. 21 1 — lo, an den Schluss das Orakel über Tyrus c. 23, das neben 
c. 17 1 — IL zu stellen gewesen wäre, wenn sie den älteren Sammlungen angehört 
hätten. Beide Orakel sind selbst wieder zusammengesetzt und zwar von sehr 
jungen Händen. 

17. Endlich sind, aber nicht von der Hand des Redaktors, die un- 
benannten Stücke c. 1434 — 27 und c. 17 12 — 18? diesem Jesaiabuch einverleibt, in 
das sie wegen ihres Inhalts nicht hineinpassen. Warum sie an ihren jetzigen Ort 
gestellt sind, ist schwer zu sagen, vielleicht nur deshalb, weil sich hier zufallig 
ein freier Platz fand. Auch die Vermehrungen des 22. c. mögen erst einer 
letzten Hand zu verdanken sein. 

18. Schon wegen der späten Entstehung der Sammlung c. 1428 — 206 
muss der Redaktor von c. 13 — 23 sehr spät gelebt haben. Hat er oder der 
Sammler von c. 1428ff. die Zusätze c. 16i3f. c. 21i6f. verfasst» so werden wir 
damit am wahrscheinlichsten bis in die Zeit des Alexander Jannäus hinabgeführt. 
Aber auch wenn man diese Zusätze nicht in Anrechnung bringt, so werden wir 
doch durch c. lOieff. in die zweite Hälfte des 2. Jahrh. a. Chr. gewiesen. 
Ohnehin wird die Redaktion von c. 13 — 23 eher später denn früher als die von 
c. 1 — 12 sein. Freilich braucht, wenn die eine Arbeit die andere anregte, der 
Zeitabstand nur nach Monaten zu zählen. Dass diejenige Arbeit, die den gegen- 
wärtigen Zustand unseres Kanons hervorgebracht hat, erst in der ersten Hälfte 



') Ähnlich sind in Jdc 3 — 12 die Erzählungen urBprünglich nach der geographi*^ 
sehen Reihenfolge der St&mme angeordnet. 



XII Einleitung. 1. Analyse des jetzigen Baches Jesaia. 

des leisten Jahrb. a. Chr. geschehen ist, wird auch durch diese Ergebnisse be- 
stätigt Nicht weniger durch die Betrachtung der dritten Gruppe. 

d. Die Gruppe c. 24 — 35, 

19. Diese dritte Gruppe bietet keine Anzeichen, dass sie als Ganzes ein- 
mal ein selbständiges Buch war, wohl aber scheinen mindestens c. 24 — 27 und 
c. 28 — 33 einmal als selbständige Schriften existiert zu haben. In ihre jetzige 
Verbindung und an den gegenwärtigen Ort gebracht sind sie vielleicht erst durch 
den Schriftgelehrten, der unter Hinzufugung von c. 36—39 das ganze Buch 
c. 1 — 39 abschloss, dessen eschatologischen Teil sie bilden. 

20. Das Büchlein c. 24 — 27 ist eine durchaus selbständige Schrift, die 
weder sich selbst für jesaianisch ausgiebt» noch von denen, die sie durch Zusätze 
vermehrt haben, dafür angesehen worden ist. Eingesetzt sind, abgesehen von 
kleineren Zusätzen, die vier Psalmen c. 25 1 — 5; c 259 — ii; c. 26 1 — 19 mit c. 25i2; 
c. 27 a — ^6, die ebenso eingeführt werden, wie die beiden Dichtungen in c 12, 
zum Teil sich auch sonst mit ihnen berühren, so dass ein Zusammenhang zwischen 
ihnen und c. 12 wenigstens möglich ist Hat wirklich der Redaktor von c. 1 — 12 
dies Büchlein gekannt, so mag er es seiner Sammlung nicht einverleibt haben, 
weil er um seinen nichtjesaianischen Ursprung wusste. Denn das Büchlein ist 
wahrscheinlich um 128 a. Chr. entstanden, als Antiochus Sidetes Jerusalem ver- 
wüstet hatte und selber von den Parthem getötet war, ist auch in seiner ganzen 
Haltung und Theologie der neutestamentlichen Apokalypse näher verwandt, als 
den meisten alttestamentlidien Prophetien. Die eingesetzten Psalmen aber sind 
noch jünger und, soweit man ihre Abfassungszeit erkennen kann, erst nahe am 
Ende des 2. Jahrb. entstanden. 

21. Das Buch c 28 — 33 wird zusammengehalten durch sechs *»in (c. 28 1 
29 1 29 16 30 1 31 1 33 1), mit denen das "jn c 32i auf gleicher Linie stehen mag. 
Die Grundlage zu diesem Buch scheint Jesaia selber geliefert zu haben (s. § 26 ff.), 
doch hat der Redaktor ausser dem jungen 33. c mit grosser Freiheit von seinem 
Eigenen hinzugesetzt und dadurch gezeigt» dass er mit seiner Arbeit weniger den 
Zweck, die Entstehung eines »Kanons« zu befördern, als jenes praktische Ziel 
verfolgte, um des willen so viele Apokalypsen in und seit dem 2. Jahrh. a. Chr. 
geschrieben wurden. Besonders der erste dieser Einsätze (c. 28 5f.) zeigt eine 
nähere Verwandtschaft mit der Bedaktorenarbeit c. 42 — 6, die freilich auf Nach- 
ahmung beruhen kann. W^;en dieser Einsätze und wegen der Dichtung c. 33 
kann dies Büchlein nicht vor der zweiten Hälfte des 2. Jahrh. entstanden sein. 

22. Die Dichtung c. 34. 35 steht zwar mit ihrer Umgebung in gar 
keinem Zusammenhang, ist also insofern selbständig, hat aber trotzdem ein völlig 
sekundäres Gepräge. Sie setzt die Eschatologie der spätesten Zeit als bekannt 
voraus und verrät sich besonders in c. 34 le als ein Produkt der Schriftgelehrsam- 
keit» das im Zusammenhang mit dem heil, prophetischen Schrifttum geleisen sein 
will. Demnach stellt sich auch die Gruppe c. 24 — 35 als sehr jung heraus. 



Einleitung. 1. Analyse des jetzigen Baches Jesaia. XIII 

e. Cap. 36 — 6*6*. 

23. Die geschiohtlicheii Zusätze c. 36 — 39 > verschiedenen Quellen ent- 
nommen, sind wahrscheinlich vom Redaktor der Königsbüoher zusammengestellt^ 
also nicht zu dem Zweck, um dem B. Jesaia einverleibt zu werden. Letzteres 
ist erst nach der Zeit des Chronisten geschehen (s. § 2) und hat zu einem vor- 
läufigen, aber nicht zu einem endgültigen Abschluss von c. 1—39 geführt. Denn 
wenn sogar in c. 36 — 39 nachträglich noch c. 38 lo — ^ao und v. 21 f. eingesetzt 
worden sind, so kann erst recht c. 1—35 noch umfangreiche Vermehrungen er- 
fahren haben. Es wäre z. B. möglich, dass das durch c. 36 — 39 abzuschliessende 
Jesaiabuch nichts weiter ausser diesen Gapiteln enthalten hätte, als diejenigen 
Stücke, die mehr historischen Charakter oder doch kurze Einleitungen haben, 
also etwa c. 6i — 96 c. 20, ausserdem etwa c. 3i6 — 4i 14a8 — 32 29i8f. Denn es 
ist wahrscheinlich, dass die Herstellung von mehr biographisch gehaltenen Pro- 
phetenbüchern in der Vorgeschichte des Kanons eine ältere Phase bildet, als die 
Sammlung des reinen Wortes. Jedenfalls aber hat derjenige, der den cc. 36 ff. 
ihre jetzige Stelle angewiesen hat, nicht beabsichtigt, c. 40 — 66 mit aufzunehmen-. 

24. Diese c. 40 — 66 könnten schon zur Zeit des Chronisten ein abge- 
aohlossenes Ganzes gebildet haben, das dem Anscheine nach in drei kleinere Vo- 
lumina eingeteilt war, nämlich in c. 40 — 48, c. 49 — 57, c. 58 — 66; denn c. 4822, 
aus c. 5721 entlehnt, scheint vom Redaktor dieser Schrift beigesetzt zu sein, um 
dem ersten Drittel einen ähnlichen Abschluss zu geben, wie dem zweiten und 
dritten, und dadurch die Zusammengehörigkeit der drei Teile zu markieren. Der 
Redaktor von c. 40 — 66, der sich hin und wieder eigene Zusätze (die grösseren 
sind c. 426—7 449 — ao 466 — 8, manches in c. 48, femer c. 50iof. 528 — 6 58i3f. 
595 — 8 6628f.) gestattet zu haben scheint, gehört den letzten Jahrhunderten an, 
da sich seine Darstellungen der Bilderverehrung sehr nahe mit Darstellungen 
uifd Ansichten der jüngsten Schriftsteller berühren. Von ihm abgesehen, 
haben wir 

25. in c. 40 — 66 drd Schriftsteller zu unterscheiden. Der älteste ist der 
sog. Deuterojesaia, Vf. von c. 40 — 55 excl, die späteren Einsätze; er schreibt 
um rund 540 a. Chr., wahrscheinlich in einem am Libanon, etwa in Phönizien 
gelegenen Ort. Jünger und jedenfalls nachezilisch sind die Ebed-Jahve- 
Lieder c. 42i— 4; c. 49i — e; c. 504 — 9; c. 52i8 — 53i2, die sich zwar an Deu- 
terojesaia ebenso anlehnen wie an Jeremia und dj» Buch Hiob, aber ihrerseits 
dem Dtjes. nicht bekannt sind, da er sonst auf sie hätte Rücksicht nehmen 
müssen. Wahrscheinlich sind sie aber älter als die dritte Schrift c. 56 — 669 die 
sich nach Form und Inhalt als Erzeugnis eines einzigen Schriftstellers ausweist, 
den wir der Kürze halber Tritojesaia nennen. Die beiden Hälften dieser Schrift, 
c. 56 — 60 und c. 61 — 66, scheinen durch den Redaktor von c. 40 — 66 umge- 
stellt zu sein. Geschrieben ist sie kurz vor der Wirksamkeit des Nehemia und 
zwar in Jerusalem. Dass übrigens in c. 40-66 noch bis in die späteste Zeit 
allerM kleine Zusätze gekommen sind, beweist besonders schlagend c. 51 11 = 
c. 35 10. 

Ist JSir 4828ff. wirklich von dem Siraciden, also um c. 200 a. Chr. ver- 



XIV Einleitung. 2. Chronologische Übersicht über die Schriftsteller etc. 

fasst, 80 ist damals wahrscheinlich c. 40 — 66 mit dem § 23 besprochenen älteren 
und noch wenig umfangreichen Jesaiabuch bereits verbunden gewesen , die Ver- 
einigung also in den letzten Dezennien des 3. Jahrh. erfolgt Ein kanonisches 
Jesaiabuch war aber damit noch lange nicht geschaffen; neben ihm gingen her 
oder wurden erst später veranstaltet allerlei kleinere Sammlungen , ja manches, 
z. B. c. 19i6ff. c. 33 — 35 c. 24 — 27 und zahlreiche Ergänzungen der Sammler, 
war damals noch nicht einmal geschrieben. 



II. Chronologische Übersicht Über die Schriftsteller und Schriftstücke des 

Jesaiabuches. 

a. Jesaia ben Amoz. 

26. Nach dieser vorläufigen Zerlegung des Jesaiabuches, die von dem 
gegenwärtigen Bestand ausging, müssen wir den Versuch machen, das Entstehen 
und allmähliche Anwachsen des in ihm enthaltenen Schrifttums darzustellen. 
Auf Kritik im Einzelnen, die mit der Exegese verbunden bleiben muss, können 
wir uns dabei nicht einlassen, ebenso wenig auf ein Capitel über das Prophetentum 
und seine Geschichte, das in die ATI. Theologie gehört; wir haben nur die lite- 
raturgeschichtiiche Aufgabe, nachzuweisen, wie und aus welchen Bestandteilen 
das B. Jesaia entstanden ist. 

Jesaia (vollständig in^yu)*«, abgekürzt n'^^v^, »Heil Jahves«) ist Sohn 
eines uns völlig unbekannten Amoz (jnnei), den nur spätere Unwissenheit mit 
dem Propheten Amos (D1739) verwechseln konnte, Jerusalemit, von vornehmem 
Stande (s. zu c. 78 82) und aristokratischer Erziehung (s. zu c. SsflT.), Mann 
Eines Weibes (c. Ss) und Vater mehrerer Söhne, denen er prophetische Namen, 
Wahrzeichen der Zukunft, gab (73 8a. is). Im Todesjahr des Usia, um 740, am 
Königstempel zum Prophetenamt berufen (c. 6), zu dem ihn schon frühere Erfah- 
rungen mochten vorbereitet haben (s. S. 20 u.), wirkte er unter Jotham, Abas 
und Hiskia und erlebte den Einfall der Syrer und Ephraimiten in Juda (um 
734) und Ahas Unterwerfung unter Assur, den Untergang Samariens (722), die 
Züchtigung der Philister durch den Feldherrn Sargons (711 s. c. 20), endlich die 
Invasion Sanheribs (701) mit deren politischer Vorgeschichte. Er ist ein reli- 
giöser Politiker, mächtig schon von Anfang an und mit den Königen, in denen 
er die Nachkommen Davids ehrt, und ihren Grossen (c. 22i5ff.) auf gleichem 
Fuss verkehrend, aber sein Verlangen, dass man aller weltlichen Politik ent- 
sagen und sich den Beschlüssen Jahves über die Zukunft vertrauensvoll unter- 
werfen solle, stösst beim Königshause auf furchtsames Ablehnen und Aus- 
weichen (7 18 SOifT.), bei den Volksführem auf Spott (c. 287ff.), niemals freilich, 
wie bei Jeremia, auf Versuche, den lästigen Mahner gewaltsam unschädlich zu 
machen; zuletzt hat nach c. 37 dennoch sein Gottesmut den in seiner Politik 
gänzlich gescheiterten König Hiskia retten müssen. Auch die Menge ist nicht 
geneigt, seinen Beden stand zu halten (s. au c. 5ifiV 22iff.), denn er kündigt 



Einleitung. 2. Chronologische Übersicht über die Schriftsteiler etc. XV 

von Anfaug an den ganzlichen Untergang nicht blos Nordisraels, sondern auch 
Judas an und ▼erspricht nur einem kleinen Rest die Rettung und die Teil- 
nahme an der herrlich von ihm geschilderten messianischen Zeit. Er fühlt sich 
wie am Vorabend des jüngsten Tages, dem er mit tiefer Trauer über das Ge- 
schick seines Volkes entgegengeht, aber auch mit »Glauben« und vorahnender 
Freude über die darauf folgende Wiederaufrichtung, mit ihm eine Zahl »Jüngers 
die seine Weissagung und seine Predigt des Glaubens in sich bewahren (8 16 — is). 
Diese haben ihn für den Propheten gehalten, der er sein will, denn er fuhrt 
seine Weissagungen und seine Hauptgedanken ausdrücklich und unzweideutig 
auf ganz bestimmte objektive Offenbarungen zurück (c. 6. 8ii 22 u) und ist 
keineswegs ein Mann der Idee und der scharfsinnigen Kombination. Über 
seine menschliche, prophetische und schriftstellerische Grösse zu sprechen, ist 
am allerwenigsten hier der Ort, wo seine Schriften für ihn selber das Wort 
fuhren. 

27. Die Reden und Gedichte Jesaias lassen sich zwar grösstenteils, aber 
nicht alle genau datieren, teils weil wir doch die Zeitumstande des Propheten 
nicht bis ins Einzelnste kennen, teils weil uns manche seiner Erzeugnisse nur 
als Bruchstück oder mit allerlei Alterationen erhalten sind. Die nachfolgende 
Obersicht muss sich also allen Irrtum vorbehalten. 

In die Jugendzeit des Propheten, vor den Einfall der Syrer und Ephrai- 
miten, setzen wir die nur fragmentarisch erhaltenen, poetischeu, stürmischen Reden 
c. 2 11 — 17 (5i6. le) und c. 26 — lo. i8 (i9 — ai), die Gedichte c. I21 — 26 und 329 — u; 
die Rede c. 3 1—9. 12 und ihr Seitenstück c. 3i6. 17. 24 4i, femer c. 5i — 7; 3i8 — 15, 
die Bruchstücke c. 7i8b. 19. 20; c 821.22, sowie c. I29 — 31 und manches in den 
Weherufen c. 5 8 — 24, endlich c. 97 — IO4 mit c. 526 — 29, sowie c. 17 1 — 11, viel- 
leicht auch c. 28 1 — 4. 

In der Zeit der syrisch-ephraimitischen Invasion ist wohl der Inhalt von 
c. 81 — 18 nicht blos geschehen, resp. gesprochen, sondern zum Teil (c. 85 — 8 
V. 11 — 15 auch niedergeschrieben worden. 

In das Jahr 711 fällt wenigstens die Handlung, wenn auch vielleicht 
nicht die Aufzeichnung von c. 20i. s — 6. Femer müssen der Zeit Sargous an- 
gehören die Tempelreden c. 287—13. 14 — 22 29 1 — 4a. ob — 7 mit dem Maschal 
c. 2823 — 29, vielleicht auch c. 22 15 — 18, endlich c. I18 — 20 und manches in den 
Wefaerufen c. 5 8 — 24. 

Dagegen scheinen wir mit c. 29 9f. i3f. 15 30 1—6. e. 7a. 8 — 17 in die ersten 
Jahre Sanheribs vor seinem Einfall zu kommen, ebendahin gehört wohl auch 
c. 31 1 — 3, ferner c. 22 1 — 7. Auch ist vielleicht in dieser Zeit die Aufzeichnung, 
resp. die Redaktion von c. 6 c. 72 — ^ea. 9 — u. le c. 81— 18 erfolgt. 

Während Sanheribs Anwesenheit in Palästina ist dem Anscheine nach 
geschrieben c. 228. 9a, 11b— 14, ferner c. 17 12— 186 und c. 1424 — 27, sodann 
c. 106 — 9. 13 — 14 c. I2 — 17, endlich c. 3027—38 31 4a. 6. sa. 9b, sowie c. 9 1—6. 

Übrig bleiben noch die unter sich nahe verwandten messianischen Dich- 
tungen c. 22 — 4 c. 11 1 — 8 c. 32 1 — 5. 15 — 18. 20, die, wenn sie von Jesaia herrühren, 
wahrscheinlich in das Greisenalter des Propheten, vielleicht in die Zeit nach San« 
beribs Einfall, zu setzen sind. 



XVI Einleitung. 2. Chronologische Übersicht über die Schriftsteller etc. 

28. Soviel Jesaia geschrieben hat, so ist er doch kein Schriftsteller von 
Beruf; er schreibt teils aus dem allgemeinen Grunde, dem mündlich gesprochenen 
Wort eine grössere Ausbreitung und nachhaltigere Wirkung zu geben, teils zu 
dem besonderen Zweck, gegenüber dem Unglauben der Mehrheit seines Volkes 
Beweisstücke für die richtige Vorhersagung der Ereignisse zu schaffen, wofür er 
auch andere Mittel anwendet (c. 7ioff. 81 4); er schreibt also für die Politik 
des Tages und für ein Publikum, das bald bis auf einen kleinen Rest zu Grunde 
gehen wird. Daher hat er für die Erhaltung seiner Flugschriften wenig Sorge 
getragen, und es ist wahrscheinlich, dass, wie paulinische Briefe, so auch jesaia- 
nische Reden verloren gegangen sind; hingegen haben wir nicht den geringsten 
Grund zu der Annahme, dass er seine Reden, Gedichte und Berichte selber 
gesammelt und als Ganzes herausgegeben habe. Das schliesst jedoch nicht aus, 
dass er ausnahmsweise einmal einiges Zusammengehörige in Buchform zusammen- 
fasste. Das c. 30 s erwähnte »Buch« scheint in der That eine solche Ausnahme 
zu sein; das auf göttlichen Befehl geschriebene Buch muss Jesaias Warnungen 
vor dem Bündnis mit Ägypten, überhaupt vor weltlicher Politik, enthalten 
haben, kann also mit dem, was wir in c. 30 und seiner Umgebung zu lesen 
bekommen, identisch sein, und das um so mehr, als besonders die vorhergehenden 
Stücke von c. 28 an einen geradezu auffallend grossen sachlichen Zusammenhang 
darstellen und allem Anschein nach einer strengen zeitlichen Reihenfolge unter- 
liegen, die man am natürlichsten dem Vf. selber zuschreibt. In der Erklärung 
ist angenommen, dass dies Buch etwa c. 28 1 — 30 17 umfasst hat, selbstverständ- 
lich ohne die jüngeren Einschaltungen und mit dem Vorbehalt, dass vielleicht 
noch etwas aus c. 30 und 31 dazugehörte oder umgekehrt einiges später ein- 
gesetzt worden ist. Nicht ganz so sicher ist es, ob c. 816 von einem eigent- 
lichen Buch die Rede ist; darf man dies, unbeschadet der Bildlichkeit der Aus- 
drucksweise, annehmen, so dürfte dies Buch c. 6 c. 72 — sa. 9 — u. I6 c. 81 — 18 
umfasst haben und vielleicht noch einiges, was jetzt verloren gegangen ist (s. 
zu c. 73). Beide Bücher enthalten das politisch-religiöse Vermächtnis des Pro- 
pheten »für einen folgenden Tag, ein Zeugnis für alle Zeit« (30 s), die »Bezeu- 
gung« dessen, was Jahve über seinen Zukunftsplan geoffenbart, und die »Weisung« 
zum Gottvertrauen und Glauben, die er als den Inbegriff der Religion hingestellt 
hat (8 16). 

29. Die Stelle c. 816 darf vielleicht als der erste Keim derjenigen Ent- 
wicklung angesehen werden, deren Abschluss der fertige Kanon des AT. dar- 
stellt. Die »Jünger«, denen Jesaia geistig und vielleicht auch materiell in Ge- 
stalt eines Buches seine »Bezeugung und Weisung« anvertraut hat, sind die 
erste Generation jener Gottesgelehrten, die später das Deuteronomium unter dem 
Eindruck der jesaianischen »Bezeugung« vom kommenden Gericht und mit den 
Mitteln seiner und überhaupt der altprophetischen Thora geschaffen und die zu- 
gleich für die Aufbewahrung der uns erhaltenen prophetischen (und geschieht^ 
liehen) Schriften gesorgt haben. Kritische Sorgfalt und Treue gegenüber dem 
Buchstaben der alten Schriften kann man bei diesen Sopherim, denen es nur 
auf die Sache ankam und deren Interessen nicht immer dieselben blieben, nicht 
erwarten. Aber wenn man wahrnimmt^ dass c. 26 — 4i nur Schriftstücke Jesaias 



fiinleitnnf;^. 2. Chronologische Übersicht über die Schriftoteller etc. XV^lt 

aus seiner frühesten Zeit enthält, so darf man, da der kritische Scharfsinn der 
jüngsten Diaskeuasten daran gewiss unschuldig ist, in dieser Erscheinung ein Erbe 
aus der alten Zeit erblicken, wie wir ja schon c. 6— 8i8 und c. 28 — 30 als 
solche gerettete Einheiten sogar von Jesaias Hand selber beurteilt haben. 
Solcher Einheiten mag es mehrere gegeben und z. B. c. 22 — 4 11 1 — s 32 1 — 5. isff. 
eine solche gebildet haben, nur dass sie jetzt zersplittert sind. Diese Zersplitte- 
rung erklärt sich nicht etwa daraus, dass Jesaias Schriften zeitweilig arg ver- 
nachlässigt wurden, sondern umgekehrt aus ihrer fleissigen Benutzung und 
daneben aus dem Umstände, dass die Kleinheit und Selbständigkeit der einzelnen 
Reden, Gedichte, Sprüche ihre separate Aneignung von Seiten eifriger Leser und 
ihre Verflechtung in andere Zusammenhänge, erleichterte. Soweit das für die 
ältere Zeit uns Erreichbare. 

b. Nachjesaianische Schrißstdler bis auf Esra, 

30. Von Jesaia bis aufs Exil ist dank dem Umstände, dass die in dieser 
Zeit lebenden Propheten unter eigenem Namen schreiben, ausser einzelnen 
Glossen (c. Tsb) nichts Fremdes zum Jesaiabuch hinzugekommen. Auch die 
jetzt zunächst zu nennenden Schriftsteller haben weder selber daran gedacht, 
für Jesaia gelten zu wollen, noch sind sie die ersten Jahrhunderte von anderen 
mit ihm identifiziert. Warum ihre Schriften wenigstens jetzt des Autornamens 
entbehren, dafür haben wir keine genügende Erklärung. Vielleicht liegt auch 
dieser Erscheinung gar keine besondere Absicht zu Grunde, denn ursprünglich 
sind wohl die meisten Prophetenschriften unbenannt erschienen, und eben darum 
konnten, wie es Jer 23 so heisst, viele Propheten ihre Orakel anderen »abstehlenc. 

Den Beigen unserer Anonymi eröffnet der sog. De utero jesaia mit der 
um c. 540 geschriebenen Schrift c. 40 — 55, von der allerdings nach Abzug 
der Ebed-Jahve-Lieder und späterer Einsätze nur etwa drei Viertel für ihn 
übrig bleiben. Die auch so noch ziemlich grosse Schrift bildet eine Kette von 
prophetisch-lyrischen Dichtungen, von denen die grössere Hälfte in Vier- oder 
meist Achtzeilern (die Zeile zu je drei Hebungen), die kleinere in drei- bis sieben - 
zeiligen Langversstrophen abgefasst ist, während andere Versmasse selten sind. 
Als seine Aufgabe bezeichnet der Vf., der bald den Propheten, bald den Poeten 
mehr hervorkehrt, die Ankündigung, dass Jahve in nächster Zeit auf einem 
wunderbaren Wege quer durch die Wüste sein Volk von Babel nach Jerusalem 
zurückführen werde, sowie die Predigt von dem »Worte Jahves«, das, seit der 
Schöpfung bis auf Cyrus in schon erfüllten oder noch zu erfüllenden Weis- 
sagungen ergehend, inmitten aller Umwälzungen dieser vergänglichen Welt seine 
sieghafte, befruchtende, aufbauende Kraft und die alleinige Gottheit Jahves be- 
wahrt. Damit verbindet sich die Tröstung Israels, des Lieblings Jahves, dem 
seine Vei^hen vergeben sind und die glänzendste Zukunft bevorsteht, die Be- 
schwichtigung des Befremdens über das von Jahve erwählte Werkzeug seiner 
Pläne, Cyrus, die Bekämpfung des Heidentums und die Aufforderung an die 
der bevorstehenden Katastrophe entrinnenden Heiden, sich in die allein wahre 
Religion retten zu lassen. Die Schrift fasst in grossartigster Weise den idealen 



XVIIT Einleitnng. 2. Chronologische Übersicht über die SchrifUteller etc. 

Gehalt der bisherigen prophetiBchen Religionsentwicklung zusammen; ihr Wert 
besteht nicht sowohl in eigenen neuen Gedanken, als in der eigentümlichen 
idealistischen Spiegelung, Verallgemeinerung, Verklärung der konkreten Gedanken 
der Alteren in einem Geiste, in dem sich naivste Subjektivität, pathetische Welt- 
betrachtung, grosse Gefühlswärme und bewegliche Phantasie mit einem höchst 
sanguinischen, lebhaften und geräuschvollen Temperament verbinden. Den 
»Deuterojesaiac für Eine Person mit dem grossen Realisten des 8. Jahrh. la 
halten, bedurfte es der ganzen Kritik- und Verständnislosigkeit der letzten Jahr- 
hunderte a. Chr. Gelebt hat er gewiss nicht in Babylonien, wahrscheinlich auch 
nicht in Palästina, vielleicht im nordlichen Phönizien (s. zu c. 49 12). 

31. ungefähr gleichzeitig mit Deuterojesaia schreiben die weder ihn noch 
sich einander kennenden Verfasser von c. 132 — 22 14 4b — 21. 23f. und von c. 21 1 — 15, 
jener mehr ein von wildem Hass gegen Babel beseelter Dichter von bedeutender 
Kraft als ein Prophet, dieser ein echter Visionär von merkwürdig objektiver 
Haltung. Während man von dem ersteren nur sagen kann, dass er wahrschein- 
lich nicht im eigentlichen Babylonien gelebt hat (s. zu c. 14 19), dürfte der Vf. 
von c. 21 1 — 15 ein Bewohner des südlichen Juda gewesen sein, angesehen auch 
bei den benachbarten Edomitern. 

32. In die nachezilische Zeit kommen wir mit dem Dichter der Ebed- 
Jahve-Lieder c. 42i — 4; 49i-6; 504 — 9; 52is — 53i2. Er lehnt sich an Jere- 
mia, Deuterojesaia und das B. Hiob an und scheint seinerseits von Tritojesaia 
und dem Vf. des B. Maleachi gelesen zu sein, schreibt also wahrscheinlich in 
der ersten Hälfte des 5. Jahrh. und zwar inmitten der jüdischen Gemeinde; in 
c 53 schwingt er sich zur Prophetie auf. Sein Held, ein Thoralehrer und 
Seelsorger, ein umkommender Gerechter, wie Tritojes. 57 1 sagt, scheint eine 
historische Persönlichkeit gewesen zu sein; wie er so ist der Dichter von sanftem, 
tiefem Geist, bedächtiger und nüchterner als Deuterojesaia, voll ernster Gedanken 
über die Verschuldung des Volkes, aber auch gewisser Hoffnung für die Zu- 
kunft der zur Weltreligion bestimmten Jahvereligion ; er selber und sein Held 
sind Lichtgestalten in dem ersten dunklen Jahrhundert der nachexilischen Ge- 
meinde. Die vier Lieder sind erst von später Hand zwischen oder sogar 
(c. 42 1 — 4) mitten in die deuterojes. Dichtungen gesetzt, zum Teil mit grosseren 
Zusätzen (c. 425—7 50 10— 11). 

33. Dass c. 56 — 66 wenigstens zum grossten Teil in die nachexilische 
Zeit fallen, ist bereits von Gheyne, Kuenen u. a. erkannt worden; nur etwa 
c 60 — 62 sollen dem Deuterojesaia angeboren. Aber c. 60 — 62 unterscheiden 
sich von ihrer Umgebung weder in sprachlicher, stilistischer und theologischer 
Beziehung, noch nach ihrem zeitlichen Hintergrunde; und dass in c. 60 und 62 
deuterojesaianische Sätze wörtlich zitiert werden, spricht eher gegen als für 
Deuterojesaia, um so mehr als diese Sätze in c. 62 wegen der veränderten Zeit- 
lage dieselbe Umbiegung erfahren, die auch sonst in c. 56—66 häufig vorkommt. 
Den Versuch, den Tritojesaia in eine Mehrheit von Schriftstellern aufzulösen und 
mehrere seiner Stücke in späteren, zum Teil dunklen Zeiten unterzubringen, hat 
Marti in seinem Komm, mit Becht abgewiesen. Tritojesaia schreibt durchweg 
in denselben Versmassen (gewöhnlichen Achtzeilern und Langversstrophen) wie 



£inleitan|^. 2. Chronologische Übersicht über die Schriftsteller etc. XtX 

Deuterojesaia, und da er ausserdem diesen am meisten nachahmt und scheinbar 
auch in einigen Verheissungen, die sich auf den Ausbau (nicht Bau) und künfti- 
gen Glanz Jerusalems beziehen, mit ihm übereinstimmt, so ist es nicht auffällig, 
dass seine Schrift der deuterojesaianischen angehängt wurde. Aber er lebt in 
der Zeit Esras und hat denselben Geist, wie der von ihm vielfach benutzte 
Hesekiel, obwohl nicht dessen Gemütskälte und Neigung zur Konstruktion. 
Seine Situation ist diejenige, aus der Nehemia die Tempelgemeinde erlöst hat. 
Während Dtjes. nichts verliert, im Gegenteil gewinnt, wenn man c. 56 — 66 von 
seiner Schrift abtrennt, erhalten wir an diesen cc. eine wichtige Quelle für das 
Verständnis jener Bewegungen, aus denen Esras Theokratie und die samarita- 
nische Gemeinde hervorging. Dass c. 61 — 66 und c. 56 — 60 wahrscheinlich 
umgestellt sind, ist schon § 25 erwähnt worden (vgl. zu c. 59i6ff*. c. 61iff.). 

e. Die Beiträge aus der Zeit zwischen Esra und den Makkabäem. 

34. Die auf Esra folgende Zeit scheint zunächst zu sehr von der Neu- 
ordnung der Dinge, der Einführung und weiteren Ausführung des Gesetzes in 
Anspruch genommen zu sein, um sich viel mit der Zukunft zu beschäftigen; als 
geistliche Gemeinde innerlich befestigt, beschenkt mit der »ewigen Satzung«, be- 
gnügte man sich vorläufig mit dem Errungenen und strebte, wie es schon die 
Deuteronomisten gethan hatten und wie es jedes gesetzliche System zu thun liebt, 
in mehr konservativer Gesinnung nach geschichtlicher Fundamentierung des Ge- 
wordenen. Ein grosser Teil des in den geschichtlichen Büchern vorliegenden 
archäologischen (ethno-, genealogischen, geographischen, chronologischen) Stoffes 
ist wohl in dieser Zeit erst entstanden, daneben manchfache Bearbeitung der 
Rich|;er- und Königsgeschichte in romanhaft-erbaulicher Weise, endlich manches 
Prophetenleben mit oder ohne pseudepigraphischen Charakter, wovon ausser den 
noch vorhandenen Resten die Zitierungen des Chronisten zeugen. 

Ob nun auch die Jesaiageschichten in c. 36 — 39 (II Reg I81S.17 — c. 20i9) 
aus der Zeit nach Esra stammen oder wenigstens zum Teil älter sind, das wissen 
wir nicht. Die Schriften, aus denen c. 36 — 39 entlehnt ist, haben wahrscheinlich 
beträchtlichen Umfang gehabt und manche gute Überlieferung enthalten, so dass 
ihr Verlust lebhaft zu bedauern ist (vgl. S. 226). Was wir jetzt besitzen, ist 
vom Redaktor der Königsbücher zusammengestellt, der sich dabei Zusätze (s. zu 
c. 36 1 386) und Änderungen, sowie Umstellung von c. 36 f. (s. S. 244) in un- 
befangenster Weise gestattet hat. Die zu seiner Komposition benutzten Stücke 
sind: 1. c. 36ib— 379a. 87. as (mit kleineren Einsätzen); 2. c. 3722 — 82; 3. c. 
379b — 21.38.85.36 c. 38 1 — 5.7 — 6 c. 39. Erst in sehr später Zeit ist c. 389ff*. 
hinzugekommen, als nämlich diese cc. schon dem B. Jesaia einverleibt waren. 
Ursprünglich sind aber diese Erzählungen ganz ohne Rücksicht auf ein (damals 
noch gar nicht vorhandenes) Jesaiabuoh geschrieben worden. Ob die Schriften, 
denen sie entnommen sind, mit den II Chr 2622 3282 genannten zusammenhangen, 
ob ihnen etwa einmal Jes 7i — 17 und c. 20 angehört hat, das steht dahin. 

35. Auch die im 4. Jahrh, entstandenen, jetzt dem B. Jesaia zugeteilten 
Schriftstücke stehen ausser aller Beziehung zu Jesaia und seinen Schriften« 



XX Einleitung. 2. Chronologische Ühersicht Ober die Schriftsteller etc. 

Um die SGtte dee Jahrb. ist verfasst Jes 23i — u, das gar keine Prophetie ist, 
BODdern ein Klagegedicht in siebenzdligen Langversstiophen über die Zerstörung 
Zidons durch Ochus; um dieselbe Zeit bedroht in c. I9i — 16 ein ägyptischer Jude 
Ägypten mit der Eroberung durch denselben Perserkonig. In die Zeit nach 
der Schlacht bei Issos fällt wahrscheinlich das kleine wider Philist&a gerichtete 
Gredicht c. 1429— as. Nach der Zerstörung von Tyrus durch Alezander den 
Grossen, vielleicht erst seit der Herrschaft der Seleuciden über Tyrus, ist la 
c. 23 1 — 14 der Nachtrag v. 15 — 18 hinzugef&gt und das Glicht selbst für eine 
Weissagung über Tyrus erklart worden. 

36. Die Herstellung des hebräischen und griechischen Pentateuchs, die 
nach unserer Mutmassung § 1 indirekt durch das Interesse der alezandrinischen 
Bibliothek veranlasst wurde, hat wohl die Anregung gegeben, dass auch die 
jüdischen Schriftgelehrten an die Aufstellung ihrer klassischen Bibliothek lu 
denken anfingen. Auf unserm Gebiet scbeint die erste Frucht des jetzt beginnen- 
den Sammlerfleisses das § 23 besprochene, noch wenig umfangreiche Jesaiabuch 
gewesen zu sein, das, etwa aus c. 6 — 96. 20. 36 — 39 und ähnlichen Stücken zu- 
sammengesetzt, gewissermassen den Übergang von den biographischen Arbeiten 
über die Propheten zu den Sammlungen des reinen Prophetenworts bildet und 
nach der Zeit des Chronisten entstanden sein muss. Vielleicht ist ebenfalls um 
diese Zeit die Sammlung c. 40 — 66 hergestellt worden und alsdann, etwa am 
Ende des 3. Jahrh., mit jenem Jesaiabuch zu einem Volumen vereinigt, wenn 
anders JSir 4828ff. um 200 geschrieben ist. 

d. Die Vermehrungen und der Äbschluss des Jesaiabuches unter den 

Hcisnumäem. 

37. Die ruhige Weiterentwicklung wurde zwar durch die Wirren unter 
Antiochus Epiphanes gestört, aber dass die Sache im Fluss war, möchte doch 
Hogar aus der schon erwähnten Notiz in II Mak 2 u über Judas Verdienste um 
die beilige Bibliothek hervorgehen. Aber die glückliche Verteidigung der 
Religion durch Judas und fast noch mehr das erfolgreiche Ringen der has- 
monäischen Hohenpriesfer und Könige um die politische Freiheit, um die Aus- 
breitung der Herrschaft, ja um die davidisch-meesianische Herrlichkeit kam nicht 
blos der älteren Literatur zu Statten, sondern rief zugleich ein eifriges Schrift- 
stellern auf prophetisch-apokalyptischem wie auf poetischem und historischem 
Qebiet ins Leben. Für das erstere Gebiet bezeugen es ausser dem B. Daniel 
und den pseudepigraphischen Schriften die Bücher Jesaia, Jeremia und Dodeka- 
propheton. Die Kritiklosigkeit der Sopherim, die grossartige Unkenntnis der 
alten Zeit, die schon der Chronist und noch mehr die späteren Geschichts- 
schreiber zeigen, die apokalyptische Anschauung von der alten Prophetie machten 
es möglich, dass manches Schriftstück bald nach seiner Entstehung für jesaianisch 
angesehen werden konnte, wenn es auch alle Merkmale seiner wahren Zeit an 
der Stirn trug. Ebenso hatte es für die Schriftgelehrten, die sich mehr auf das 
Sammeln und Ordnen der alten Schriften beschränkten, kein Bedenken, diesen 
das hinzuzufügen, was ihnen nach ihrer Meinung fehlte, l>esonders eschatologische 



fiinleitang. ä. Chronologische Übersicht ftber die Schriftsteller etc. XXt 

VerheiBsuDgeo, die für die Leser der hasmonäischen Zeit das unmittelbarste In- 
teresse und, wie die Geschichte bis an das 2. Jahrh. p. Chr. zeigt» eine gewaltig 
stimulierende Kraft besassen. 

38. An selbständigen Schriften und Schriftstücken, die mit mehr oder 
weniger Sicherheit aus dem 2. Jahrh. abgeleitet werden dürfen und sich nicht 
für jesaianisch ausgeben, finden sich folgende vier: 1. c. 33, ein prophetisches 
Gedicht, wahrscheinlich aus dem Jahre 162 a. Chr.; 2. c. 24 — 27 (excL die 
späteren Einsätze), eine Apokalypse, wahrscheinlich aus dem Jahre 128 a. Chr.; 
3. das Elaggedicht über Moab c. 15 1 — da IG? — ii, das erst durch die jüngere 
Bearbeitung zur Prophetie gestempelt worden ist, dessen Abfassungszeit wir 
nicht genauer bestimmen können ; 4. das apokalyptische Gredicht über Edom und 
über die Zukunft Zions c. 34. 35, das wegen seines theologischen Charakters 
sehr jung sein muss, aber noch vor die Unterjochung der Edomiter durch Jo- 
hannes Hyrkanus fällt. 

39. Die in § 8 — 11. 14 — 17. 21 aufgezahlten kleineren Sammlungen sind 
ja zum Teil in ihrem Grundstock sehr alt, c. 6 — 8, c. 28 — 30, c. 2. 3 gehen 
wahrscheinlich sogar auf Jesaia und seine Zeit zurück (§ 28 f.). Aber ihre jetzige 
Form und Vollständigkeit, zumal die Zusätze, Ergänzungen, Epiloge verdanken 
sie doch erst den Schriftgelehrten des 2. Jahrh. und zwar grösstenteils der 
letzten Dezennien dieses Jahrh. Zum Teil wurden sie, so c. 2 — 4; c. 97-^lli6; 
c. 28 — 33; c. 24 — 27, wahrscheinlich selbständig veröfibntlicht, um die escha" 
tologische Hoffnung in dem Volke zu entflammen, nicht zunächst zu dem Zweck, 
der Sammlung des Jesaiabuches vorzuarbeiten. Charakteristisch ist für alle 
diese Herausgeber, denen auch die Ergänzer von c. 13. 14 (c. 14i — 4a), c. 15. 16 
(c. 16i— 6. 13. u), c. 19 (v. 16ff.), c. 21 (v. 16f.) zuzurechnen sind, dass sie 
überall, manchmal in höchst unpassender Weise, von »jenem Tage« reden, also 
alles unter den eschatologischen Gesichtspunkt stellen und für den geschieht* 
liehen Sinn der von ihnen herausgegebenen Redeif offenbar nicht das geringste 
Interesse und Verständnis haben. 

40. Diejenigen Schriftgelehrten endlich, die c. 1 — 12 und c. 13—23 und 
c. 24 — 35 zusammenstellten und die damit das mit c. 40 — 66 bereits verbundene 
Jesaiabuch (§ 36) kompletierten , haben vielleicht erst in den ersten Dezennien 
des 1. Jahrh. a. Chr. gearbeitet, denn die in c. 24 — 27 eingesetzten Psalmen 
gehen bis in das letzte Jahrzehnt des 2. Jahrh, herab, und die Epiloge c. 16isf. 
21i6f. könnten sogar noch etwas jünger sein. Die Schlussredaktion des Buches 
Jesaia ist also schwerlich viel älter als die Herstellung des Ktib. 



Erklärungr der Sehriften In der Obersetztmgr« 



Schrift für Jesaia. 

Schrift für Deuterojesaia. 

Schrift für Tritojesaia. 

Sclirift für dleSbed- JatLve-Xjieder . 

Schrift für die Erzählung c 36iff. 



Schrift für die Erzählung c. 379bff. 

Schrift für die selbständigen Prophe- 
tien oder DidUungen, 

Schrift für die wichtigeren Zusätze. 

Schrift fßr die kleineren Einsätze, Glossen 



u. 8. w. 



HsndkoBUMnter i. A. T.: Dtthm, Jw. 2. AaM. 



n 



Abkürzungen 

der citierten biblischen Bücher, Zeitschriften u. s. w. 



Akt * Akta, Apostalgesch. Jdt 

Am = Arnos Jer 

Apk s Apokalypse Jes 

Bar = Baruch Jo 

Chi = Chronik Job 

Cut = Canticum Joh 

Dan = Daniel Jon 

Dtn = Deuteronomium Jos 

£ph ' Epheserbrief Jud 

Esr s Esra Koh 

Est = Esther Eol 

Ex s Exodus Kor 

Gal = Galaterbrief Lev 

Gen = Genesis Lk 

Hab ^ Habakuk Mak 

Hag - Haggai Mal 

Hbr = Hebräerbrief Mch 

Hes s Hesekiel Mk 

Hos : Hosea Mt 

Jak = Jakobusbrief Na 

Jdc = Judicum liber Neh 



Judith Num 

Jeremia Ob 

Jesaia Phl 

Joel Phm 

Hieb Prv 
Johannes (Ev. U.Briefe) Ps 

Jonas Pt 

Josua Beg 

Judasbrief Böm 

Eoheleth Bt 

Kolosserbrief Sam 

Eorintherb riefe Sap 

Leviticus JSir 

Lukas Th 

Makkabäer Thr 

Maleachi Tim 

Micha Tit 

Markus Tob 

Matthaeus Zeh 

Nahum Zph 
Nehemia 



3 Numeri 

= Obadja 

s Philipperbrief 

s Philemonbrief 

= Proverbien 

s Psalmen 

= Petrusbriefe 

- Beges 

s Bömerbrief 

3 Buth 

' Samuel 

s Sapientia 

s Jesus Siracida 

= Thessalonioherbriefe 

= Threni 

: Timotheusbriefe 

r Titusbriefe 

= Tobias 

= Zacharias 

s Zephanias 



Bl = Schenkels Bibellexicon. 

EWK s AUeem. Encyclopaedie der Wissenschaften u. Künste. 

HbA 3 Biehms Handwörterbuch des biblischen Altertums. 

JbW : Ewalds Jahrbücher der bibl. Wissenschaften. 

JdTh ' Jahrbücher für deutsche Theologie. 

JprTh = Jahrbücher für protest. Theologie. 

B. E. s Herzogs Bealencyclopädie. 

SBOT s Sacred books of tbe 0. Test, herausgegeben ?on P. Haupt. 

StKr = Theol. Studien u. Kritiken. 

StW = Theolog. Studien aus Würtemberg. 

ThJ = Tübinger Theol. Jahrbücher. 

ThLz = Theolog. Litteraturzeitung. 

ThT = Theologisch Tydschrift. 

ThSt = Theologisch Studien. 

ZSchw s Meili's Theolog. Zeitschrift aus der Schweiz. 

ZhTh = Zeitschrift für historische Theologie. 

ZlTh = Zeitschrift für luth. Theologie u. Kirche. 

ZPK = Zeitschrift für Protest, u. Kirche. 

ZTh ^ Tübinger Zeitschr. für Theologie. 

ZWL = Zeitschrift für kirchl. Wissenschaft u. Kirchl. Leben (Luthardts). 

ZwTh s Hilgenfelds Zeitschr. für wissenschaftl. Theologie. 

ZATW = Stades Zeitschrift für alttestamentl. Wissenschaft. 

ZDMG = Zeitschrift der Deutsch-Morgenland. Gesellschaft. 

ZDPy s Zeitschrift des Deutschen Palaestina Vereins. 

Abkürzungen der citierten 
hebräischen Grammatiken und Lexica. 

G = Gesenius Lexicon herausgeb. von Mühlau-Volck-Buhl. 

GTh = Gesenius Thesaurus. 

(r-K - Gesenius hebr. Grammatik bearb. von Kautzsch (letzte Auflage). 

M - hebr. Schulgrammatik von A. Müller. 

= hebr. Grammatik von Olshausen. 

S = hebr. Grammatik von Stade. 




L Das ältere Buch Jesaia» Cap. l — 39. 



a. Cap. 1— IS. 



1 ^Gesicht Jesaias, Sohnes des Ätnoz, das er sah über Juda und Jeru- 
salem in den Tagen des Usia, Jotham, Ahas, Hiskia, der Könige von Juda. 

Über das ältere und eigentliche Jesaiabnoh, c. 1 — 39, s. die Einleitung , ebenso 
über das erste kleinere Jesaiabuch c. 1—12. Von dem letzteren ist 

1, 1 die Überschrift, die zwar jetzt dem ganzen Buch c. 1 — 66 dienen muss, 
aber mit ihrem Ausdruck ȟber Juda und Jerusalemc schon nicht mehr zu c. 13 ff. passt. 
Sie röhrt wohl mit dem Epilog in c. 12 von dem Sammler von c. 1 — 12 her, nicht von 
Jesaia. Für diesen wäre die Angabe über seine eigene Lebzeit v. Ib höchst sonderbar, 
auch hat er c. 1 — 12 nicht zusammengestellt. Dillmann betrachtet v. la als von Jes. 
geschriebene Überschrift des 1. cap., aber dies cap. ist kein »Gesicht«, und Jes. schreibt 
stets »Jerusalem und Juda«, nicht umgekehrt, wie die Späteren; endlich ist auch c. 1 
von fremder Hand zusammengesetzt. Das Wort iim, absichtlich kein Plural (etwa n-at^tn), 
spiegelt die apokalyptische Auffassung des Sammlers und überhaupt der Späteren von 
der Prophetie wieder, als hätten wir im Folgenden eine göttliche Apocalypsis über die 
gesamte Zukunft von einheitlich dogmatischem Charakter; für die Schriftgelehrten der 
letzten Jahrh. a. Chr. sind die Propheten Eschatologiker (und Thoralehrer). Die Be- 
grenztheit des Ausdrucks »über Juda und Jerus.« mag andeuten, dass der Redaktor noch 
andere Weissagungen Jesaias, solche wie c. 13 fT., kannte. Über Namen und Vatersnamen 
des Propheten s. d. Einl. Den Namen Usia entnahm der Verf. aus c. 6i; der Name 
Jotham ergab sich damit von selbst, nötigt uns aber nicht, nach Stücken ans Jothams 
Zeit zu suchen. 

Die erste kleine Sammlung c. 1 (s. Einl. § 11) enthält die Bede v.2— 17, die 
zwei Sprüche v. 18—20, die Dichtung v. 21—26 mit dem Zusatz v. 27 f. und das Bruch- 
stück V. 29—81. Wer diese Stücke als einheitliche Komposition behandeln will, muss die 
vom Propheten doch wohl nicht grundlos gewählten Stil- und Yersformen ignorieren, 
ebenso die Verschiedenheit des Inhalts und der Abfassungszeit. Die letzteren Momente 
verbieten sogar, c. 1 als von Jes. selbst veranstaltete Sammlung anzusehen. 

Das erste Stück, c. l8 — 17, ist eine im einfachsten Versmass, nämlich in wenig 
gefeilten Vierzeilern (die oben in je zwei Zeilen wiedergegeben sind) abgefasste Rede ; sie 
enthält zuerst Jahves erregte Klage über Israels Untreue (v. 2 f.), dann eine heftige 
Anrede des Propheten an das sündige Volk mit nachfolgender Schilderung der schon er- 
littenen Strafen (v. 4^9), endlich eine Thora über den falschen und den wahren Gottes- 
dienst (10 — 17). De Lagarde will v. 2 f. abtrennen (Semitica I, 1), Stade (Gesch. Israels 
S. 586 Anm. 2) v. 5—9 herausnehmen, Cornill (ZATW. 1884, S. 86) drei Reden, v. 2 f., 

H»adkowM>nt>r z. A. T. : Duhm, Jes. 2. Aufl. 1 



2 Jes 1«— s. 

'Höret, Himmel, und horch auf, Erde, denn Jahve redet: 
JSöhne macht' ich ^oss und hehr, doch sie — untreu wurden sie mir! 

3 Es kennt der Stier semen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn, 

Israel kennt's nicht, mein Volk will's nicht einsehen." 



y. 4 — 9, T. 10 — 17, unterBcheiden. Das sind Übertreibanj^en des richtigen Eindruckes, 
dass unser Stfick wahrscheinlich nicht eine einzige mündlich gehaltene Rede reproduziert, 
sondern die Quintessenz mehrerer Beden zu einer Einheit verarbeitet; die Abtrennung 
von V. 2 f. beruht auf einer Missdeutung des Bildes in v. 3, die Anrede in v. 10 wäre 
ohne den voraufgehenden 9. v. unmöglich. Gehalten sind die Straf- und die Lehrrede 
zu einer Zeit, wo die judäische Landschaft von Barbaren überschwemmt und verwüstet 
war und wo die Hauptstadter Jahve mit Opfern fiberhäuften, um ihn gunstig zu stim- 
men. Das ist wahrscheinlich die Zeit der Invasion Sanheribs, denn der Einfall Syriens 
und Nordisraels in Juda hat die Landschaft schwerlich so furchtbar mitgenommen wie 
V. 5 ff. schildert; die Geschichtsschreibung des Chronisten (UChr 28: 120,000 Judäer 
auf einen Tag erschlagen!) ist kein Beweis für das letztere. Die Klagen über schlechte 
Bechtspflege sind permanent; der gutgesinnte, aber schwache Hiskia war nicht der Mann, 
die übrigens nicht blos auf der Bosheit der Menschen, sondern vor allem auf der mangel- 
haften Bechtsorganisation der semitischen Staaten (s. zu v. 17. 23) beruhenden Schäden 
gründlich zu heilen. 2a Die Aufforderung zum Hören ist auch der Yolkspoesie geläufig 
(s. zu c. 2828. 329 vgl. 5i). Hier werden Himmel und Erde dazu aufgefordert, weilJahve 
redet, und offenbar, weil er erregt redet; Jes. giebt einer solchen Erregtheit objektiveren 
Ausdruck als etwa Deuterojesaia (42isf.). Wegen des Bedners wird nicht zuerst die Erde 
(wie Gen 24) genannt, sondern der Himmel; ob dabei an die physischen Welten allein 
oder auch an ihre Bewohner (vgl. 68. IBeg 22i9ff.) gedacht wird, darüber kann man 
streiten, aber das Erstere genügt, denn wie die Welt far Dichterohren ihre eigene glosso- 
lalische Sprache hat Fs 19sff., so hört sie auch (vgl. Mch 6if.) und nimmt an den 
hervorragenderen Thaten und Ereignissen in der Menschenwelt sittlichen Anteil (vgl. 
z. B. Am 88 Job f6i8). Weniger angebracht will es uns bedünken, wenn der nach- 
ahmende Dichter Dtn 32 1 für sich und seine >Lehre< dieselbe grossartige Zuhörerschaft 
beansprucht wie hier Jesaia für Jahve. Der Satz: Jahve redet, ist bei Jes. nicht Phrase: 
der ekstatische Charakter seiner Bede, die beim Niederschreiben etwas mehr Form und 
Gleichmass empfangen haben wird, als sie bei ihrem ersten Ausbruch besass, war ihm 
hinreichendes Anzeichen der Inspiration. Genauer übrigens: »hat geredet«, nämlich in 
dem Augenblick, als die Ekstase den Propheten packte (s. c. 8ii). 2b 8 die Gottesrede, 
die bei Jes. im unterschiede von vielen Späteren immer sehr kurz ist; der alte Volks- 
redner unterscheidet viel objektiver zwischen dem, was er im Moment der Ekstase von 
Gott bekommt, und dem, was er für das Volk erläuternd, begründend, folgernd hinzufügt. 
Eine schmerzliche und empörende Wahrnehmung hat Jahve gemacht: die Söhne, die er 
grossgezogen, sind untreu gegen ihn geworden. Die Vaterschaft der Gottheit ist in fast 
allen Beligionen etwas ganz Gewöhnliches, daher keine auszeichnende Eigentümlichkeit 
der biblischen oder gar blos der christlichen Beligion; auch Eemosch hat Söhne und 
Töchter (Num 21 S9), die Numina der israelitischen Geschlechterreligion werden Vater 
und Mutter genannt (Jer 2x7). Der Vatername bedeutet auf semitischem Boden keine 
physische Verwandtschaft, sondern zunächst nur die Führerstellung nach den Begriffen 
der patriarchalischen Kulturstufe, etwa noch mit einer Andeutung der »Liebe und Treue«, 
die den übersinnlichen Patron mit seiner menschlichen gens verbindet. Das AT betont 
den geschichtlichen Ursprung solcher Verbindungen, und besonders Nordisrael ist sich 
der verhältnismässigen Jugendlichkeit der Jahvereligion bewusst vgl. Ex 3 Hos 9io. 
11 1. Jes. stimmt hier mit der Darstellung Hoseas überein, nach der das mosaische Israel 
ein kleines Kind war, das Jahve aufzog; die Beligion Israels beginnt mit der Vision des 
Mose und dem Auszug aus Egypten. Aus freier Gunst, nicht wegen einer Blutsverwandt- 



Jes l4— 5. 3 

^Ha, heilloser Haufe, Volk schwer von Schuld, 

Saat von Übelthätem, verderbte Söhne! 

Verlassen haben sie Jahve, verachtet den Heiligen Israels! 

^Worauf wollt ihr geschlagen werden [sich zurückgezogen. 

[noch, fortsetzend die Abkehr? 



Schaft, hat Jahve jenes Kind angenommen, um so grösser ist Israels Verpflichtung gegen 
ihn. Er hat es auch herrlich gemacht; "nniaii ist hei der Bedeutung, die 01*1 hei Jes. 
hat, nicht blos Synonymum zu '^n^Ts, wie in der Nachahmung c 234. Weltliche Herrlich- 
keit ist damit nicht gemeint vgl. c. 2i9ff., aber doch Volksmenge, Freiheit (c. 9sff.), 
Gottessiege (282i) und jene heilsamen Institutionen, die einst die Aufmerksamkeit der 
Fremden auf sich ziehen (c. 22ff.) und die vor allem durch das Königtum repräsentiert 
werden (96 lliff. 32iff.). Trotzdem »wurden sie (die eigenen Kinder!) treulos an mir«. 
Die Untreue ist hier nicht Götzendienst, sondern sittliche Verschuldung v. 15 f., beson- 
ders wohl auch, wegen der grossen Ähnlichkeit der Stelle c. SOsff. mit der unsrigen, 
politische Eigenmächtigkeit, die gegen Jahves Willen und Jesaias Abraten den Krieg 
gegen Sanherib und damit die v. 5 ff. geschilderten Leiden heraufbeschwor, v. 3 stellt 
diese Untreue in ein grelles Licht. Die Haustiere, die nach antiker Auffassung mit 
zur Familie gehören, kennen den Hausherrn, die Söhne nicht! Jahves Volk benimmt 
sich (diese Nuance liegt im hithpalel), als wüsste es nicht, wem es gehört. Der eifrige 
Opferdienst, »eingelernte Menschensatzung« (.29 is), fällt für Jes. gar nicht ins Gewicht; 
es mag übrigens auch sein, dass diese Worte nicht, wie v. 10 ff., ursprünglich am Tempel 
gesprochen sind. De Lag. (Sem. I, S. 2. 3) hat den Eindruck, als ob Juda zu der Zeit, 
wo v. 2f. geschrieben wurde, gross und stark gewesen sei. Aber v. 2 bezieht sich auf 
die ganze Geschichte Israels, und v. 3 wird von de L. falsch gedeutet: »Tiere kennen 
den, der ihnen Futter vorschüttet, das heisst doch: Israel steht gut im Hafer.« Dass 
die Haustiere den Herrn und die Krippe kennen, merkt man weniger beim Füttern, 
wo es auch gleichgültig wäre, als dann, wenn sie sich zur Krippe zurückfinden und den 
Herrn wiedererkennen; Israel kehrt nicht zur Krippe zurück vgl. das ähnliche Bild 
Jer 87. v^9a ist ein sog. Herrschaftsplural s. Ges. § 124 i. Zu disk mit 6 statt Chat. 
Seg. 8. Olsh. S. 335. 4 Jetzt nimmt der Prophet das Wort, zunächst mit einem Weheruf 
die göttliche Klage fortsetzend; er spricht viel leidenschaftlicher als Jahve, dessen Rede 
bei ihm stets eine gewisse majestätische Ruhe bewahrt, wart -n; "in bildet eine Parono- 
masie, die oben schlecht genug wiedergegeben ist; das Paseq hinter rn scheint kako- 
phones Zusammensprechen der beiden ersten Wörter verhüten zu sollen, nas von käbid 
eine natürlichere Verkürzung als das gewöhnliche nas. Eigentlich ist die Schuld schwer 
nicht der Träger; die Volkssprache ist reich an solchen Übertragungen, yir soll nicht 
die Nachkommenschaft bedeuten, entweder um schon die Vorfahren ausdrücklich als 
Übelthäter zu bezeichnen (s. dagegen v. 21) oder um nach bekannter orientalischer Sitte 
die Getadelten im Vater doppelt stark zu treffen; es heisst absolut Saat, Brut, Sipp- 
schaft, denn sonst würde auch das korrespondierende d'*3& im stat. constr. stehen. Zu 
sT-^nvo ist etwa wrr zu ergänzen. In v. 4 b hat der hehr. Text drei Stichen statt der 
zu erwartenden zwei ; die LXX lässt den dritten weg und liest in den beiden ersten die 
2. Pers. , hat wahrscheinlich in allem recht, obwohl zur Not die 3. Pers. beibehalten 
werden kann (wie oben geschehen). Was ^ihk rra eigentlich bedeutet, ist schwer zu 
sagen und besonders das niph. sonderbar; »sich rückwärts entfremden« vereinigt zwei 
Bilder zu einem einzigen, das man sich nicht vorstellen kann. Die beiden ersten Stichen 
sind nicht zu beanstanden, geben aber wenig Aufschluss über das, was Jes. eigentlich 
meint; vielleicht darf man sie wie v. 2 nach c. 309ff. deuten. Sie haben verachtet den 
Heiligen Israels, statt seinen Mund zu befragen (c. 30if.) und ihm zu gehorchen, die 
Ausführung seines Weltplans in Selbstbescheidung und Vertrauen zu erwarten. Jes. hat 
sich offenbar nur deswegen so kurz ausdrücken können, weil er ebendasselbe sonst schon 
gesagt zu haben sich bewusst war. Der »Heilige Israels«, welcher Ausdruck ausserhalb 

1* 



4 Jes 1 

Das ganze Haupt ist krank und das ganze Herz 

^Von der Fusssohle bis zum Kopf ist nichts daran heil. 

Beule und Strieme und frisdier Schlag! 

Nidit sind sie ausgedrückt noch ver- noch isf s gelindert mit ÖL 

P>unden, 

des B. Jes. nar noch bei sehr jangen Schriftstelleni (Jer 50» 51 5 Ps 71» 784i 89 1») 
▼orkommt, bedeutet das Ton Israel kultisch verehrte Numen. Der Begriff der Heiligkeit 
ist stets ein kultischer und kann nur auf indirektem Wege, wie jeder beliebige andere 
Begriff auch, ethischen Nebensinn gewinnen ; er ist femer (man sollte nicht nötig haben, 
dies hinzuzusetzen) durchaus nicht alleiniges oder ursprfingliches Eigentum der Jahre- 
religion. Heilig ist, was zum Kultus gehört, Sachen, Handlungen, Personen. Die Ana- 
lyse des Begriffs, die hier nicht vorgenommen werden kann, würde von der Frage auszu- 
gehen haben, ob zuerst die Sachen oder die Personen heilig genannt worden sind. Dass 
es die Sachen sind, scheint mir nicht zweifelhaft, mag das Etymon von vi-p sein, was es 
will; die Übertragung der Eigenschaft von der Gott gehörenden Sache auf Gott selber 
ist nicht so schwierig zu denken wie das Umgekehrte. Es giebt keine gerechten, treuen, 
gnädigen Altäre, Dienstkleider, Salben, weil persönliche Eigenschaften nicht auf Dinge 
übertragen werden können, wohl aber giebt es (sprachlich) neue, geweihte hölzerne 
Götter: das Medium der Übertragung ist das Objekt des Kultus, die mehr oder weniger 
sinnliche Erscheinungsform der Gottheit, das Bild, Symbol, Baithyl u. s. w. Natürlich 
denkt Jes. bei jenem wahrscheinlich von ihm selber geprägten Ausdruck nicht mehr an 
dergleichen; er legt in ihn seine tiefe Ehrfurcht, die religiösen Schauer, die ihn in der 
Nähe Gottes erfüllen — übrigens aber nicht »seine Grundanschanung von Gott«, wie 
jemand phrasenhaft sagt. Befremdend sind noch in v. 4b die beiden nota acc. ; in 
solchen EJeinigkeiten mögen die älteren Abschreiber sorglos genug gewesen sein. 5 Der 
Weheruf v. 4 geht in zornige Klage über, mrhy heisst nicht »warum«, wie LXX Trg. 
Fesch, und manche Ausleger übersetzen, als sagte der Prophet: warum lasst ihr euch 
immer schlagen, ich wollte euch doch klüger haben! Das ist nicht der Ton des Jes. 
Er denkt sich das Volk als einen Körper, der überall von Schlägen getroffen ist, so dass 
Gott keine Stelle mehr findet, auf die er noch schlagen könnte, ohne ihn ganz zu zer- 
fleischen. Zorn und Jammer spricht aus diesen Worten. Das Bild vom Körper schwebt 
dem Yf. so entschieden vor, dass er sich v. 6 mit dem Suffix von la auf den Körper 
zurückbeziehen kann, den er gar nicht genannt hat. Ebenso heisst VKn-^a trotz des 
fehlenden Artikels nicht »jeder Kopf«, wobei man die Beulen wörtlich verstehen müsste. 
Dass dem Volk so übel zu Mute ist (^n ^h), diese Klage reflektiert vor allem auch die 
Stimmung des Redners selber. Jahves Schläge sind zugleich die natöriiche Reaktion 
seines Zorns gegenüber dem Abfall seines Volkes und Versuche, diesen aufzuhalten ; sehr 
ähnlich ist Arnos 46— ii. Jener Grundgedanke Jesaias von dem gnadenlosen Beschluss 
der völligen Verblendung und Vernichtung Israels, der seine Reden sonst so gewaltig 
macht und der seine eigentliche Lebensleistung ist, tritt hier einen Augenblick in den 
Hintergrund vor den mehr menschlichen Gefühlen, die ihm der gegenwärtige Zustand 
des Volkes einflösst. Doch erfüllt er auch hier die Aufgabe, dem Volk beständig Jahves 
Thun zu zeigen (c. 6), und das Sätzchen mo fS'^Din, ein Relativsatz mit weggelassenem 
-tvK, scheint anzudeuten, dass er sich nnf Umkehr keine Hoffnung macht. 6 Rückhaltslos 
lässt sich jetzt die Klage gehen. Bei allen Wunden keine ärztliche Hülfe! Das bezieht 
sich natürlich nicht auf die heilende Thätigkeit der prophetischen Predigt oder der 
Massnahmen der Regierung; der Wundarzt würde Jahve sein, wenn er nicht vielmehr mit 
neuen Schlägen drohen müsste; er würde, ähnlich dem barmherzigen Samariter Lk 10 S4, 
die Wunden ausdrücken (!»■»* wahrscheinlich pass. von qal vgl. Olsh. S. 536, von n-^t, einer 
abgemilderten und dadurch zu technischer Bedeutung geeignet gewordenen Nebenform 
von i"»»), um sie zu reinigen, sie dann verbinden und alles Schmerzhafte (nD3-) Neutrum) 
durch öl lindern vgl. Jer 8 m. Die Änderung von oi^ in o^w (Cheyne) oder o^n? (Haupt) 



Jes l7— 9. 

^Euer Land eine Wüstenei*), eure Städte feuerverbrannt! 

Euer Acker vor euem Augen — Fremde verzehren ihn. 

**Und übrig blieb die Tochter Zion wie eine Hütte im Weinberg, 

Wie eine Hängematte im Gurkenfelde, wie eine Burg der Wacht. 
^Wenn nicht Janve der Heere gelassen uns einen Rest, 

Fast wie Sodom wären wir, Oomorra gleichen wir. 

*) Glosse V. 7c: eine Wüstenei wie die Umkehrung Sodoms. 



und Martis Streichung der 2. Hälfte von v. 6 a und der ersten von v. 6 b sind wohl nicht 
notwendig. Das Bild, grade weit genug ausgeführt, aber nicht breitgetreten, geht nun 
7 in direkte Schilderung über. v. 7 schildert, was die eingeschlossenen Hauptstädter 
sehen können, und schweigt von der WegfUhrung der 200,000 Judäer, deren Sanherib sich 
rühmt (Schraders Keilinschriftl. Biblioth. II, S. 95), weil wahrscheinlich Jes. davon noch 
keine Kenntnis hat. Die verkürzende Wendung »den Acker essen« ist häufig s. z. B. 
c. 36 16. Die letzten drei Worte von v. 7 gehören nicht in den Text, denn sie bilden 
weder einen selbständigen Satz, noch lassen sie sich an den vorhergehenden auschliessen ; 
sie sind Bandbemerkung eines Lesers zu dem ersten misv: »und zwar eine Wüstenei 
wie . . .« 0"^^ giebt weder als gen. subj. (»wie wenn Fremde es umkehrten« — sie thun 
es ja wirklich) noch als gen. obj. (»wie man Fremde umkehrt« — wie thut man das denn?) 
einen Sinn; d^^ heisst es nicht, und ein Wetterguss kehrt ein Land nicht um, würde 
auch zur Verbrennung der Städte nicht passen; schon wegen rdcnis ist mit Ewald u. a. 
DTO zu lesen vgl. v. 9. Dem Vf. dieser Randnote war wohl die Ähnlichkeit von v. 5—9 
mit Am 46— ii aufgefallen, aber überhaupt ist unsre Redensart bei den Späteren beliebt 
(c. 13 19 Dtn 2922 Jer 49 is). 8 Jerusalem, wo Sanherib den Hiskia »wie einen Käfig- 
vogel einsperrte«, blieb unerobert. Zu dem appositionellen Gebrauch des stat. constr. in 
Tochter Zion, womit Zion als junges Weib poetisch bezeichnet wird, vgl. die Verbindung 
n**e -ina, der Fluss Euphrat. Was Jes. in c. 30 17 gedroht hatte, hat sich erfüllt; einsam 
ist Zion übrig geblieben, wie der Hüter draussen in der Weinbergshütte oder in der 
Hängematte (vgl. 242o) eines Gemüsegartens. Bei dem dritten Bilde hat besonders das 
unglückliche caph veritatis eine Menge von Auslegungen ermöglicht, die der Widerlegung 
nicht bedürfen. "^"7 ist ein von Wall oder Mauer umschlossener Ort im Gegensatz zum 
offenen Flecken oder Zeltdorf und kann von viel oder wenig (Gen 4i7) Menschen bewohnt 
sein, wie die Burg im älteren Deutsch. Von nniia kommt c. 604 der Plural o'^'^isa vor. 
Der Zweck der Wartburgen und Wachttürme bedingte in den meisten Fällen eine ein- 
same Lage an hohen Aussichtspunkten. 9 Den Untergang Jerusalems erwartet Jes. 
offenbar nicht, entsprechend der Haltung, die c. 37 von ihm berichtet wird. Jahve hat 
einen Rest übrig gelassen, sonst wären wir »fast wie Sodom«, nicht ganz so, weil doch 
der Assyrer nicht alle Menschen getötet hätte, isy^d, von den alten Übersetzern ignoriert, 
gehört nicht in den zweiten Stiches, den es metrisch überfüllt und sachlich übertreibt, 
da Jerusalem keineswegs ein winziger Teil Judas war, sondern ist mit Buhl zu v. 9b 
zu ziehen (Marti streicht es). Jahve der Heerscharen ist ein Lieblingswort der meisten 
Propheten (ausser Hesekiel) ; ob die Heerscharen die Israeliten sind oder die kriegerischen 
Geister, mit denen er seine Schlachten schlägt und deren Hauptmann bei Jericho verehrt 
wurde (Jos 5isff.)> darüber wird gestritten. Jes. liebt jedenfalls das kriegerische Ge- 
bahren seines Völkleins nicht; wenn für ihn die Heerscharen Menschen wären, so müssten 
es die Assyrer sein (vgl. z. B. c. 288), er denkt eher an himmlische Mitkämpfer. Hier 
mag die Anwendung des Namens andeuten, dass Jahve durch seine Kraft den Assyrer 
verhindert, auch den Rest hinwegzunehmen. Jes. kennt beide Namen Sodom und Go- 
morra, ebenso Amos (4ii), endlich auch das Gedicht, dessen Bruchstücke jetzt in Gen 
18sof. und c. 1984f. sich vorfinden; dagegen spricht der Jahvist, dem Gen 1927f. nicht 
mehr gehört, immer nur von Sodom, nimmt auch eine andere Art des Untergangs an, 
als die beiden Propheten und der Dichter, der Jahve die Städte vom Hinunel her »um- 
kehren« lässt, nachdem er c. 182of. vom Himmel herabgestiegen war, um ihre Bosheit 



6 Jes 1 10 — 1«. 

10 Vernehmt das Wort Jahves, ihr Häuptlinge Sodoms! 
Hört die Weisung unsers Gottes, du Volk Oomorras! 

11 Wozu mir die Menge eurer Schlacht- spricht Jahve, 

[opfer? 
Satt bin ich der Brandopfer von und des Fettes der Mastkälber; 

[Widdern 
Und Farrenblut und Lämmer und Böcke liebe ich nicht: 

i*Wenn ihr kommt, mein Antlitz zu wer hat dies von eurer Hand verlangt? 

[sehen, 



kennen zu lernen. Es gab also verschiedene Sagen, auch wenn Adma und Zeboim (Hos 
11 8) von späteren (Dtn 29») und spätesten (Gen 14) Schriftstellern zu Unrecht in die 
Sodomssage hineingezogen sein sollten. So weit geht die Klage. 10 schliesst sich aber 
aufs Engste an v. 9 an, denn die Anrede an die Häuptlinge Sodoms etc. wäre ohne v. 9 
nicht verständlich; wenn man auch erriete, wer gemeint sei, so w&sste man doch nicht, 
warum die Jerusalemer so genannt werden. Das schliesst freilich die Möglichkeit nicht 
aus, dass v. 10 ff. erst nachträglich mit v. 2 — 9 von Jes. verknüpft, ursprünglich aber 
nicht in demselben Atem geredet worden ist. Angeredet werden vor der Bürgerschaft 
die herrschenden Klassen, die Jes. überall in erster Linie für die Zustände im Volk ver- 
antwortlich macht, pxp. Entscheider, Kadhi, bedeutet Jdc 11s und Jes 36.7 ungejfahr 
so viel wie Diktator, ist jedenfalls kein gewöhnlicher Amtsname. Mit Sodom und Go- 
morra wird Juda wohl zunächst wegen des fast gleichen Geschickes verglichen, ob auch 
wegen der Ähnlichkeit der sittlichen Zustände, das Hesse sich nur dann beurteilen, 
wenn man wüsste, welcher Art für Jes. die o-ro rpyt Gen 18io war; denn wenn ihm Gen- 19 
vorgeschwebt hätte, so wäre eine sittliche Gleichstellung stark übertrieben. Die Aus- 
drücke Wort Jahves und Thora Gottes sind bisweilen Gegensätze, sei es feindliche wie 
Jer. Ssf. oder complementäre , so dass die Thora dem Priester und das Wort dem Pro- 
pheten zufällt wie Jer 18 18; hier ist nur das Wort Jahves der allgemeine und Thora 
derjenige Ausdruck, auf den es speziell ankommt. Das hiph. n'^'n scheint ursprünglich 
das Werfen des heiligen Loses, dann allgemeiner ein Bescheidgeben, Bedeuten (Prv 6is), 
Anweisen auszudrücken ; die Thora giebt das Numen jedes Ortes durch ihm eigentümliche 
Zeichen, die der ^s zu sehen und zu deuten weiss und dem Laien in Wort« umsetzt; diese 
enthalten irgend eine Weisung oder Aufklärung, gewöhnlich von ganz konkretem Charakter, 
wenn auch im Lauf der Zeit aus einer grösseren Zahl von Einzelbescheiden allgemeine 
Grundsätze für die Praxis abgeleitet werden können. Meist werden solche Thoroth sich 
innerhalb des Gebietes des Kultus gehalten haben, und so spricht ja auch Jes. im Fol- 
genden über den Kultus. Dass ein Prophet das Wort zu einer Thora nimmt, ist nicht 
auffallig, denn auch der yn^ ist ursprünglich Seher. 11 Was soll ich mit euren vielen 
Schlachtopfern? Diese Frage muss am Tempel gethan sein und zwar zu einer Zeit, wo 
man besonders bemüht war, durch reiche Gaben die Gottheit günstig zu stimmen. Die 
Frage will trotz des »satt bin ich der Brandopfer« nicht die Ps 50» — is bekämpfte 
Meinung abweisen, dass Jahve die Opfer im eigentlichen Sinn zu essen pflege, sondern 
nur die Vorstellung, dass man ihn durch Geschenke umstimmen und zur Abwendung 
der Landesnot bewegen könne. Genannt werden zuerst allgemein die Schlachtopfer, 
dann speziell die ri^y, die auf den Altar wandern {Tihy), und das Fett, das Jahves Anteil 
an den Mahlopfem bildet. Auch das Blut gehört der Gottheit und hat an sich mit der 
Sünde nichts zu thun; der Dichter von Ps 50 is stellt sogar das Blut dem Fleisch an 
die Seite wie das Getränk der festen Speise. 12 Schon die LXX fasst riK^V als niph. 
auf aus dem theologischen Grunde, dass man Gott nicht sehen kann ; dass trotzdem rStc^V 
zu punktieren ist, beweist der acc. **:e. Das panim der Gottheit, das man sieht, wenn 
man sich ihr im Kultus nähert, ist deren Abbildung oder Behausung; für David ist es 
ISam 15t5 die Jahvelade, eben dieselbe ist vielleicht Ex 33 u gemeint. Diese müsste 
es auch bei dem Tempel sein, wo Jes. diese Bede hielt; allerdings war sie in Salomos 



JeS 1 12-14. 

Zu zerstampfen meine Vorhöfe — zu bringen Opfergabe, 

f^^thut's nicht mehr, 

Nichtig ist das Rauchopfer, Grauel ist es mir! 

Neumond und Sabbath, Versammlung berufen — 

Nicht kann ich Frevel und Festlichkeit 

i^Eure Neumonde und Festzeiten hasst meine Seele, 

Sie sind mir zur Last, müde bin ich sie zu tragen. 



Tempel nicht mehr so zagänglich wie noch IBeg 2x8, man musste sich begnügen, nach 
der Stelle hinzublicken, wo sie im Dunkel wohnte. Die alte Ausdrucksweise »Gott sehen« 
erhöht den Kultusakt zu einem Empfangen der höchsten Gunst, die die Beligion kennt 
(IJoh 32), die jüngere theologische »sich vor Gott sehen lassen« setzt ihn herab zu 
einer Pflicht, und so ist die Veränderung der Aussprache ein Symbol für die Wandelung 
der volkstümlich-prophetischen Religion in die nomistische. An der Misshandlung des 
Textes von 12b 18 hat die LXX noch keinen Anteil; man muss ihrer Satzteilung 
folgen. Denn wie hätte der Prophet das Dd-ns mit Don verbinden können: von der Hand 
fordern, dass die Füsse zertreten? und welchem Zuhörer konnte er den absurden Ge- 
'danken zutrauen, dass Jahve das Zertreten seiner Yorhöfe gefordert hätte? und ist Jes. 
etwa der Meinung, Jahve wünsche nicht, dass die Grossen und Bürger der Stadt zum 
Tempel kommen? warum klagt er denn sonst ausnahmslos darüber, dass sie nicht auf 
Jahve blicken? Endlich verlangt auch der Rhythmus die Pause hinter od-no. Das mt 
bezieht sich natürlich auf die Opfer, und die jetzige sonderbare Konstruktion ist von 
dem Bestreben eingegeben, den Satz zu beseitigen, dass Jahve überhaupt keine Opfer- 
gaben verlangt habe, ein Satz, der allerdings in Widerspruch steht mit der Regel des 
älteren Dekalogs Ex 3480 23 15, dass man Jahves Antlitz nicht mit leeren Händen sehen 
solle. Der Dichter von Ps 40? hat den Satz richtiger verstanden, vgl. auch Jer 72if. 
Dem kategorischen Verbot ist der Infinitiv (ohne V wie z. B. Gen 4ia) mit Emphase 
vorgestellt: zerstampfen meine Yorhöfe — sollt's nicht mehr! Ein weiterer erläuternder 
Infinitiv folgt: rnyia K'*an. Das zweite Wort kann sing, oder plur. sein, ist aber stat. 
absol. ; die LXX übersetzt es vermeintlich sachgemäss mit Oifti^cüUg, n^, aber die mincha 
bezeichnet in der alten Zeit auch das blutige Opfer vgl. z.B. Gen 44 und erst im Gesetz 
das unblutige und ist hier völlig eins mit n*iup (von "^isp verbrennen). n-tt9p wv ist in 
der LXX ed. rom. richtig als Prädikat und Sul^ekt mit einander verbunden, das folgende 
Sätzchen hat dieselbe Wortstellung. Sogar ein Gräuel ist das Opfer dem »Heiligen 
Israels«. Der Satz ist sehr stark und offenbar auch vom Affekt beeinflusst, übrigens 
nicht stärker als die Ausführung Am öm — S5; und der Affekt, der ja auch hier nicht 
mehr der erste Zorn der mündlichen Improvisation ist, gestattet der Antikritik nicht, 
aus solchen Stellen das Gegenteil von dem zu entnehmen, was sie unzweideutig sagen. 
18b 14 kommt der Redner, über den nächsten Anlass seiner Rede hinausgehend, allge- 
mein auf die Festtage zu sprechen, auf den wahrscheinlich uralten Neumond und den 
jüngeren Sabbath, mildert hier aber die bisherige schroffe Yerneinung durch den Zusatz 
"{isc in V. 13 und die Suffixe in v. 14, wie denn auch Amos den Sabbath hochhält. Die 
Yersammlung deutet die LXX mit ihrem ^fiigtcv fnydlriv auf die Yersammlungstage am 
Beginn und Schluss der grossen Feste, der Prophet hat vielleicht doch andere Gelegen- 
heiten im Auge und könnte recht wohl jene Yersammlungstage gar nicht gekannt haben. 
Hinter VdiK v. 13 ist ein Infinitiv (etwa dmvV) wohl nicht blos hinzuzudenken wie z. B. 
Ps 1015, sondern auch hinzuzusetzen, da der Stiches defekt ist. n*i:c7i i^k v. 13 klingt 
wie eine sprüchwörtliche Redensart vgl. die ähnliche Yerbindung in der überhaupt ähn- 
lichen Stelle ISam 15s2f.: n^tr)r'\ iik, eine Art Wortwitz, der darauf beruht, dass y^u 
auch eine entgegengesetzte Bedeutung hatte und irgend ein Numen oder Idol bezeichnete 
(Beth-Aven); die LXX rät auf Bis, Fasten. B'^-t^t« v. 14 sind alle möglichen nach dem 
Lauf der Gestirne (Gen 1 u) bestimmten (-tr«) Festtermine. Jahve hasst sie tödlich, sein 
Prophet gewiss auch, den doch die Weihenacht vor dem grossen Fest mit Herzensfreude 



8 Jes 116—17. 

15 Und wenn ihr ausbreitet eure Hände, verhülle ich meine Augen vor euch, 

Auch wenn ihr viel macht Gebet, ich höre gar nicht 

Eure Hände sind von Blut voll, i« waschet, reiniget euch! 

Entfernt die Bosheit eurer Thaten aus meinen Augen!*) 

*) V. 16 b. 17 a: Hört auf böse zu thun, lernt gut thun. 

erfüllt (90 S9); man begreift auch, abgesehen vom Folgenden, seinen Ekel, wenn man 
c. 288 liest. Wenn übrigens die Opfer u. s. w. für Jahve eine Last sind, die er tragen 
muss V. 14b, so liegt doch darin auch eine gewisse Gebundenheit Gottes an sein Volk. 
''fr^hi auch bei Jeremia (6ii 94 156 209) gewöhnlich ohne \; nva für rnv wie Gen 4t is 
und im selben Sinn, den die LXX beide Mal missversteht. Die Streichungen, die mehrere 
Kritiker in v. 12 — 14 vornehmen, scheinen mir doch nicht hinlänglich begründet. 
15 Auch das Beten dieser Leute mag Jahve nicht. Dillm. erblickt darin, dass das Beten, 
das sicher niemals ein Prophet verworfen habe, neben die Opfer und Feste gestellt wird, 
einen »entscheidenden« Beweis, dass priesterliche, im Namen Jahves erlassene Thoroth 
zur Regelung des Kultuswesens zur Zeit Jesaias schon vorhanden >aren: hat das schon 
jemand bestritten? Jes. sagt erstens: Jahve hat keine Opfer verlangt, zweitens: eure 
Opfer und Gebete sind ihm sogar zuwider; der erste Satz besagt nicht, dass Jahve 
anter keinen Bedingungen Opfer annimmt, wohl aber, dass Jes. keine göttliche Opfer- 
gesetzgebang kennt wie die pentateuchische , die allerdings Opfer verlangt. Jahve ver- 
hüllt die Augen (wie auch Menschen thun, die eine Bitte zurückweisen Prv 2897), statt 
sein Angesicht auf die Beter zu erheben Ps 4?, und hört gar nicht mehr; rov ^aant ist 
viel stärker als das verb. fin. Über das i in Ddv'^c s. Ges. § 60 Anm. 4. ds^es ist nicht 
etwa poetischer Ausdruck für ds'^-t'^; die Beter strecken die inneren Handflächen der 
Gottheit entgegen. Das ist wahrscheinlich ein dezenter Ersatz für das ältere Berühren, 
Streicheln, Umarmen und Küssen (Hos 132) des Idols oder Baithyls (vgl. Wellhausen 
Skizzen III, S. 105), also ursprünglich ein Ausdruck des Strebens nach innigster Ver- 
bindung, den allerdings die Zeit des Jes. schon anders verstanden haben mag, etwa als 
einen Göstus, durch den man die Gottheit auf sich aufioierksam zu machen sucht. 
Äusserlich entgegengesetzt ist die Selbstverhüllung des Menschen, die teils als Schutz- 
massregel dient, wenn die Gottheit schon zugegen ist Ex 36 IBegl93, teils als Mittel, 
die Inkubation und Inspiration hervorzurufen s. zu c. 29 lo. Bei den Griechen herrscht 
die erste, bei den Eömern die zweite Art des Betons vor; die darüber gemachten 
Beflezionen pflegen mehr geistreich als richtig zu sein. 15 b ist zu v. 16 zu ziehen. 
Die zum Gebet ausgestreckten Hände fuhren den Bedner darauf, wenigstens eine An- 
deutung dessen zu geben, was er den Häuptlingen und Bürgern vorzuwerfen hat: eure 
Hände sind voll von Blut. Was heisst das ? Wenn Jes. v. 17 dieselben Leute auffordert, 
dem Gewaltthätigen zu steuern, den Waisen zu helfen und dadurch wahre Beligion zu 
üben, so können sie keine blutigen Mörder sein. Wahrscheinlich haben die Angeredeten, 
die eben opfern, wirkliches Blut an den Händen; dies Blut, an sich schon Jahve zuwider 
V. 11, wird dem Bedner durch eine natürliche Ideenassoziation ein Sinnbild für all das 
blutige unrecht, das in Jerusalem geschieht, die Vergewaltigung der Bechtspflege, die 
Unterdrückung der Schwachen, mögen die Angeredeten dergleichen selber thun oder doch 
geschehen lassen. So erklärt sich auch die Fortsetzung 16: waschet, reiniget euch ! eine 
Aufforderung, die man an Mörder nicht richtet. Diestel sagt: »da Befleckung mit Blut 
niemals levitisch verunreinigt, im Gegenteil in höherer Weihe vorkommt, so ist an eine 
levi tische Symbolik hier nicht zu denken«. Levitische Symbolik an dieser Stelle ist aller- 
dings Thorheit, trotzdem geht auch hier der wörtliche und der bildliche Sinn der Auf- 
forderung Hand in Hand: weg mit dem Opferblut und weg mit dem Unrecht! kommt 
ohne Geschenke, aber als rechtschaffene Bürger wieder ! Ebenso lief vorhin in dem Aus- 
ruf: eure Neumonde hasse ich, die sinnliche Festfeier und die sittliche Schlechtigkeit 
der Feiernden in Einen Eindruck zusammen, ynn häufig mit weggelassenem Objekt in- 
transitiv; 'i^in^ nur hier, ist als hithp. von ndt betont (s. Ges. § 54d, Olsh. S. 602). Das 



Jes li7— 18. 9 

1^ Fraget nach Recht, steuert dem Gewaltthätigen, 

Richtet die Waise, verfechtet die Witwe! 

^^ Wohlan denn und lasst uns rechten, spricht Jahve: 
Wenn eureSünden sind wie Scharlach, lasst sie wie Schnee weiss sein! 
Wenn sie rot sind wie Purpur, lasst sie wie Wolle sein! — 



letzte Sätzchen von v. 16 wiederholt nur in schwächerer Form den vorhergehenden Satz 
und scheint mit dem ersten Sätzchen von v. 17 eine Zusammenfassung der in v. 16 f. ge- 
gehenen positiven Thora zu sein, ehen deshalb aber ein alter Zusatz, um so mehr, als 
er das Metrum überfüllt. 17 Kümmert euch um die Kechtspflege, haltet den Gewalt- 
thätigen in Schranken! zwei Sätze, die die Thätigkeit der alten Propheten selber genau 
wiedergeben. Es ist eine aktive Moral im antiken Sinne, die den Menschen als Bürger 
anffasst und in erster Linie für die salus reipublicao sorgt ; dass sie den Besseren Pflicht 
und Bedürfnis war, lag freilich zum grossen Teil an den primitiven Bechtseinrichtungen, 
an der Unfähigkeit der orientalischen Völker, sichere und der Willkür entzogene Organi- 
sationen für diejenige Gemeinschaft zu schaffen, die nicht mehr auf dem naturwüchsigen 
Stammverband ruhte. Die Ethik des Individuums und die Seelsorge finden in Jesaias 
Beden noch keinen Platz, nicht etwa, weil er wesentlich ein politischer Volksredner, son- 
dern weil er über den ethnischen Standpunkt noch nicht hinaus war; erst bei Jeremia, 
dem Entdecker des Herzens und des servum arbitrium, beginnt das Individuum seine 
Ansprüche geltend zu machen. Jesaias Grösse beruht auf etwas anderem, auf der 
Schöpfung der Eschatologie, die drei Beligionen hervorbrachte. Die beiden letzten Sätze 
V. 17 b bezeichnen die Merkmale, an denen man im altisrael. Staatswesen am sichersten 
die Gesundheit der öffentlichen Zustände prüfen kann. Der Bürger schützt sich selbst, 
in alter Zeit finden auch die VTitwcn und Waisen ihren Bückhalt an der Sippe; an 
letzterem wird es grade in Jerusalem leicht gefehlt haben, denn in der grossen Stadt 
treten die Blutsbande gegen andere gesellschaftlichen Gliederungen zurück, in Jerusalem 
doppelt leicht wegen seiner gemischten Bevölkerung; der Beichthum (58ff.), die Stellung 
bei Hofe (22i5ff.) waren weitere Faktoren, die die sozialen Schwerpunkte verrückten. 
Damm ist das »Bichten« etwas Wohlthätiges , Notwendiges für die Schwachen, eine 
hochverdienstliche Leistung für die Grossen und eine Grundfordernng der religiösen Ethik, 
and die Gottheit ist vor allen Dingen Schirmherr des öffentlichen Bechts und Beschützer 
der Schwachen, zu denen ausser den hier genannten auch noch die Armen, Beisassen, 
Fremden und Asylbedürftige aller Art gehören. Hinter is'**^ sollte man trotz c. 51 S2 ein 
3*^ (Prv 2223) erwarten oder wenigstens ein V Damit ist die Thora und die ganze Bede 
zu Ende. Bringt mir keine Geschenke, sondern seid rechtschaffene Bürger! lautet die 
neue Weisung des unsichtbaren Volkskönigs. 

Zweites Stück c. Ii8— 20, nach Form und Inhalt gegen das erste völlig selb- 
ständig. Es sind hier zwei Sätze zusammengestellt, die zwar aus einer und derselben 
Bede stammen können, aber nicht müssen, und die jedenfalls, wenn der Schlusssatz von 
V. 20 ursprünglich ist, nicht unmittelbar auf einander folgten. Dass sie jesaianisch sind, 
dafür haben wir nur das Zeugnis des Sammlers; es spricht wenigstens nichts dagegen. 
18 Jahve fordert Ungenannte, etwa das Volk und seine Begenten, auf, mit ihm zu rechten, 
wie es zwei Parteien vor dem Schiedsrichter thun Mch 62. Er will sie anklagen, sie 
sollen sich rechtfertigen, wenn sie können. Nach diesem Eingang darf man v. 18b nicht 
übersetzen: eure Sünden sollen (durch mich) weiss werden, nämlich vergeben werden. 
Wenn Jahve sie vergeben wollte, so bedürfte es keines Disputierens. Die gewöhnliche 
Deutung von v. 18b aber dadurch möglich zu machen, dass man in nnsta einen fremden 
Sinn hineinlegt (»lasst euch von mir zurechtweisen«), würde sich nicht verlohnen, auch 
wenn es erlaubt wäre, denn nirgends bietet Jes. so zuvorkommend dem Volk die Sünden- 
vergebung an, und wenn es hier geschähe, müsste man durchaus an der »Echtheit« von 



10 Jes 1 19—81. 

i^Wenn ihr willig seid und gehorcht, sollt ihr das Out des Landes kosten; 
20Doch wenn ihr euch weigert und sollt ihr das Schwert kosten. 

[widerstrebt, 
Denn der Mund Jahves hat^s geredet 

« 
21 Wehe wie ward zur Hure die treue Stadt, 
[ZionJ das mit Recht erfüllte, wo Gerechtigkeit weilte! und jetzt Mörder! 

V. 18 zweifeln. Aber auch ein Späterer hätte nicht so leicht sich derartig im Bilde ver- 
griffen, rote Sünden kann man weiss- machen wollen durch Entschuldigung und Ableug- 
nung, nicht durch Vergebung. Die beiden Nachsätze v. 18b sind entweder entrüstete 
Frage: sollen sie etwa weiss sein? oder eine ironische Aufforderung: lasst sie weiss sein, 
macht euch zu unschuldigen Lämmern! Die Ironie passt vielleicht besser, da doch das 
Rechten nur sarkastisch gemeint sein kann und da man dann auch das ihvD, -nasd als 
absichtliche, nämlich spöttische Übertreibung fassen darf, während die unabsichtliche 
Übertreibung eine Ungerechtigkeit enthalten und den Angriff schwächen würde. Auch 
der Bedingungssatz passt besser zur Ironie; er stellt als möglich hin, dass scharlachrote 
Sünden zum Vorschein kommen, sagt aber nicht, dass »eure Sündenc überhaupt scharlach- 
rot sind. Dillro. vcrmisst bei dieser »künstlichen Auslegung« ein "yy^ oder '^tah; er 
hat sich nicht die Mühe genommen, sie sich näher anzusehen, sein Nachfolger Kittel 
natürlich erst recht nicht. 19 Während v. 18 zu jeder Zeit von Jes. geschrieben werden 
konnte, würde v. 19 f. sich z. B. nicht in die Situation von v. 2 — 17 hineinschicken; dieser 
Spruch fällt offenbar in eine Zeit der Entscheidung. Willigkeit und Gehorsam und ihr 
Gegenteil sind, wenn der Spruch von Jes. ist, nicht abstrakte Dinge, sondern auf eine 
konkrete Anforderung Jahves zu beziehen, etwa auf die, sich Jahves Plan zu unterwerfen 
und nicht Politik auf eigene Hand zu treiben c. 7 c. 30; in c. 309. isff. findet sich der 
Spruch fast in allen Einzelheiten wieder. "sKn wie c. 309. i5. ynttn aits noch ohne den 
überschwenglichen Beigeschmack der Deuteronomisten , wenn sie vom Lande Israels 
sprechen. Die Punktation ^ht^ 3**^ 20 liefert nicht den scharfen Gegensatz zu dem 
Schluss von v. 19, der beabsichtigt ist, und nicht einmal einen vernünftigen Sinn, denn 
ann wäre dabei der acc. instr. : mit dem Schwert sollt ihr gegessen werden. Das Schwert 
als Vorlegemesser — das wäre eine Ausmalung ins Kannibalische. Hitzig n. a. über- 
setzen: ihr sollt essen gemacht werden das Schwert. Aber warum nicht ^hysir, wie es der 
Gegensatz fordert? Knebels Bedenken, dass die Redensart »das Schwert essen« im AT 
ohne Analogie ist, hätte sich schwerlich geregt, wenn die Punktatoren das qal geschrieben 
hätten. Ein Redner und ein Dichter (Fs 102 lo Asche essen) darf ja wohl ein Bild ge- 
brauchen, das noch nicht gedruckt steht. Sachlich vgl. c. 30i6f.: wenn ihr gegen Jahves 
Willen in den Kampf geht, werden euch die Assyrer schlagen. Der Schlusssatz würde 
anzeigen, dass v. 19 f. der Prophet spricht, aber dieser Satz und der ähnliche n*im Dto 
mag nicht selten von Abschreibern oder Sammlern mechanisch angehängt sein. 

Drittes Stück c. 1 21—26 mit dem Anhang v. 27 f., eine na»«, eine Elegie, in 
Langversen geschrieben, die aus dem gewöhnlichen Distichon von 2x3 Hebungen (»Hexa- 
meter« nennt es Josephus) durch Weglassung der letzten Hebung verkürzt sind und öfter, 
aber nicht immer, in der Totenklage, ebenso auch in anderen, sogar idyllischen Dich- 
tungen vielfach angewandt werden, von Jes. z. B. in c. 329 — u. Der erste Sechszeiler 
beklagt die sittliche Verderbtheit Zions, der zweite verheisst Besserung durch ein Läute- 
rungsgericht. Für Herkunft der Dichtung aus Jesaias erster Zeit spricht der Umstand, 
dass in ihr die eigentümlichsten eschatologi sehen Ideen, die erst seit der c. 7. 8 dar- 
gestellten Krisis ausgebildet zu sein scheinen, noch nicht vertreten sind. Die beiden 
Langverse v. 27 f. sind jünger. 21 Einst, im Anfang v. 26, als David dort »sein Lager 
aufschlug« 29 1, war Jerusalem eine treue Stadt (n^^p im AT ein durchaus poetisches 
Wort), eine Hure ward es, weil die Bechtspflege, die keusch und unzugänglich sein sollte, 
feil geworden ist. Das Bild mag von Hosea beeinflusst sein, wird aber doch wesentlich 



Jes 1 82—24. 11 

2^Dein Silber ward zu Schlacken, dein Trank verschnitten, mit Wasser 

23 Deine Führer wurden Aufrührer und Genossen der Diebe; 

Ein jeder liebt Bestechung, jagt dem Lohne nach, 

Der Witwe Hader kommt nicht an sie, die Waise richten sie nicht 

2^1>arum spricht der Herr Jahve der Heere, der Starke Israels: 

Ha, ich will mich lechzen an meinen Widersachern und mich rächen an 

[meinen Feinden! 

anders gewendet, da vom Abhuren des Weibes Zion von ihrem göttlichen Ehegemahl zu 
anderen Göttern mit keiner Silbe gesprochen wird. In v. 21b hat der hebr. Text, nicht 
aber der griechische, das metrisch unentbehrliche, auch stilistisch wünschenswerte ^t^s 
▼erloren. Dagegen passen die letzten Worte »und jetzt Mörder« weder zum Bhythmus, 
noch zur Satzbildung, noch zum Sinn, denn der Prophet könnte die Herrschaft der Mörder, 
die übrigens nach seinen gesamten Keden weder zur Zeit des Ahas noch zu der des 
Hiskia angenommen werden darf, hier nicht so beiläufig abfertigen, um dann mit schwä- 
cheren Anklagen fortzufahren; die Worte siud eine Randbemerkung, veranlasst durch ein 
oberflächliches Verständnis der blutbefleckten Hände v. 15 und der scharlachroten 
Sünden v. 18. Zu der poetisch altertümlichen Form *M(^19 mit alter Genitivendung vgl. 
Olsh. S. 236 Ges. §901. 22 Zwei Bilder für denselben Gedanken, das erstere nur für 
uns Modernen nicht ganz glücklich. Das Beste ist die Gesundheit des Gemeinwesens, 
auch hier dieselbe ethnische Betrachtungsweise wie v. 17. Zu dem ana^ liy. h'\no ver- 
gleicht man gewöhnlich die lat. Phrase castrare vinum. n-iaa ist dazu eine (übrigens 
richtige) Glosse, die neben dem originellen Bilde trivial wirkt, wenn sie dem Text ein- 
verleibt wird. 28 Für das Bild die Sache. Dass die Paronomasie im Anfang dem 
Anschein nach eine Beminiscenz aus Hos 9 15 ist, fällt dann am wenigsten auf, wenn die 
Dichtung der ersten Periode Jesaias angehört. Hinter ^-^-^v ist wohl mit Bndde rn ein- 
zusetzen vgl. V. 22. Die ü^'^.v sind die Beamten; sie sind Bebellen wider den göttlichen 
Oberrichter, denn sie halten es mit den Störern der Bechtsordnung , decken den Yer- 
brechem, von denen hier die allererbärmlichsten , die Diebe, genannt werden, gegen 
Anteil an der Beute den Bücken, lassen sich bei Prozessen bestechen oder nachher 
bezahlen (d'*39^v nur hier) und sind für die Unvermögenden nicht da. Jes. zürnt und 
klagt darüber, wie andere Propheten auch (z. B. Mch Ts), er denkt niemals daran, 
Einrichtungen vorzuschlagen, die den Krebsschaden des damaligen wie aller asiatischen 
Staaten, die schlecht geordnete und oft korrupte Verwaltung und Rechtspflege hätten 
heilen können, und doch beweist die Allgemeinheit (nr) und die ewige Wiederkehr solcher 
Klagen, dass die schlimmen Zustände nicht blos an den Personen, sondern auch an dem 
Mangel einer sachgemässen Verfassung der öffentlichen Dinge lagen. Gesetzgebung und 
Rechtspflege werden wohl von der Sittlichkeit ihrer Organe stark beoinflusst, haben aber 
doch auch ihre eigene sachliche und technische Selbständigkeit, wenn sie auf solider 
Basis aufgerichtet sind. Die israelitische Lebensverfassung rechnet überwiegend mit rein 
natürlichen oder mit persönlichen Faktoren (c. lliff.), um später, wo diese versagen, 
einer autoritären Disziplin sich völlig unfrei zu fügen. Selbstverständlich darf man dies 
Volk nicht gering schätzen, weil es eine Aufgabe, für deren Lösung europäische Völker 
berufen waren, nicht gelöst, nicht einmal klar erkannt hat; vielleicht hätten die Pro- 
pheten ihre höhere Aufgabe, Organe der Religion zu sein, nicht erfüllen können, wenn 
sie nicht gerade mit einiger Einseitigkeit immer nur das persönliche Moment vor Augen 
gehabt hätten. Technik und Inspiration vertragen sich nur ausnahmsweise mit einander; 
und die Zivilisation, die den Propheten bei vorgeschritteneren Nachbaren entgegentrat, 
war ihnen in nicht wenigen Punkten ein Anstoss, weil sie die unbedingte Herrschaft 
des persönlichen Gotteswillens beeinträchtigte (c. 26ff.). — In v. 23 b sind oben die 
beiden Vershälften des Metrums wegen umgestellt; das Recht dazu erweisen manche 
Erscheinungen in doppelt vorkommenden Texten vgl. z. B. Ps 18 45 mit II Sam 2246. 
24 pV leitet die Drohung ein, wie oft bei Jes.; das &k3 giebt der Dichtung die pro- 



12 Jes I25— 88. 

^^Und will wenden meine Hand wider dich und dich läutern mit Lauge, 

Deine Schlacken, die will ich entfernen, all' deine Bleistücke, 

26Und wieder machen deine Richter wie im Anfang und deine Räte wie im 

Damach heissest du die Burg der Gerechtigkeit, treue Stadt [Beginn: 

^^Zion wird durch 's Gericht erlöst werden und seine Bekehrten durch Ge- 

[rechtigkeit, 
^^Doch Zerschmetterung der Abtrünnigen und Sünder allzumal, und die 

[Jahve Verlassenden kommen um! 

phetische Qualität. Die Häufung der Gottesnamen überschreitet das Mass; niMss n<in*, 
auch sonst häufig eingesetzt (vgl. c. 3738 395) ist hier nach c. 3i hinzugefügt, p'iscr, 
bei Jes. noch c. 3i, ist Jahve als oberster Gerichtshorr. Ob Jes. die mehr trauliche, den 
Gottesschutz gegenüber den Feinden ausdrückende Bezeichnung Jahves als des Starken 
Israels in späteren Gerichtsreden auch brauchbar gefunden hätte, kann man bezweifeln, 
ebenso ob er das *^"ax durch die Aussprache von n*a^, dem epith. ornans für menschliche 
Helden und für Stiere, ängstlich unterschieden hätte wie die Punktatoren. Jahve will 
seiner Qual und £mpörung Luft verschaffen durch Bache an seinen Widersachern. Dass 
er D-*is, Bedränger, Einenger, hat, ist merkwürdig genug, er fühlt sich durch die Wider- 
setzlichkeit der Grossen in seinen Wünschen und Absichten für das Volk bedrängt und 
geschädigt vgl. c. 639. Ein Anthropomorphismus, der von einer lebendigen Beligion un- 
zertrennbar ist. Von äusseren Feinden leidet übrigens Jesaias Gott keine Not. 
25 Wenn das ns^vK in v. 25 und 26 beide Male ursprünglich ist, so bezeichnet Jes. selbst 
den letzteren Satz als positives Komplement des ersteren. In v. 25 ist das Verständnis 
der LXX, obwohl sie (in verschiedenen Codices verschiedene) unnütze Zusätze hat, doch 
besser als das des hebr. Textes, der dem Metrum nicht gerecht wird. Also zu lesen: 
">& TfH'^sK^ ich will dich läutern mit Laugensalz, wie es der Metallschmelzer zum schnelleren 
Entmischen benutzt. Das 1 der apodosis in n-)^Ki *7*;d »deine Schlacken, die will ich 
entfernenc scheint vom Ktib raissverstanden und an seiner Konstruktion schuld zu sein, 
wie es z. B. dem Abschreiber von Ps 18 41 (vgl. IlSam 224i) unbequem war. 26 Die 
Bichter sollen wieder werden wie in der davidischen Zeit. Später hat Jes. entwickeltere 
messianische Vorstellungen, nach denen die Zukunft auch die beste Vergangenheit weit 
übertreffen soll; auch soll das Gegenwärtige nicht blos geläutert, sondern vernichtet 
werden. Die »Batgeber« scheinen eine Spitze gegen den König zu enthalten. Nach 
der Läuterung heisst Jerusalem wieder die gerechte und treue Stadt. Spätere Propheten 
haben dies K^p" gern zu einer neuen Benennung erweitert (s. zu c. 622.4). Mit dem letzten 
Ausdruck »treue Stadt« kehrt die Elegie in den Anfang zurück. Schon dies macht 
wahrscheinlich, dass wir hier den Schluss haben. 27 28 würden, wenn hier ursprüng- 
lich, nur die Wirkung der Dichtung abschwächen, weil sie nur allgemein wiederholen 
würden, was im Vorhergehenden prophetisch konkret gedroht und verheissen ist. Trennt 
man sie aber ab und liest sie für sich, so scheinen sie etwas anderen Sinn zu haben als 
V. 24 ff. Zion soll ausgelöst werden, ist also gegenwärtig Sklavin oder Schuldgefangene. 
Aber der fremde Herr oder Gläubiger hat nicht das Eecht oder das volle Becht, das er 
sich anmasst, darum soll Zion nicht durch Zahlung, sondern durch ein gerechtes Gericht 
befreit werden. Das ist die Vorstellung, die in und nach dem Exil herrschend wird, 
die man mit keiner Stelle aus Jes., aber vielen aus Deuterojes. und Tritojes. (vgl. nur 
c. 623ff. 5917—20 61 8) belegen kann, rryo ist nach c. 59» punktiert, ob mit Becht, oder 
ob h'^^ Syr. Luth. richtiger n-aq sprechen, können wir nicht entscheiden, doch empfiehlt 
V. 28 die masor. Aussprache. Die jüdische Gemeinde, die hier durch Zion bezeichnet ist, 
hat Abtrünnige in oder neben sich, Häretiker wie die Samarier (c. 59i7ff.) oder Griechen- 
freunde, wie sie c. 33 u Ps li mit dem terminus D*«Ki9n gemeint sind. Diese bösen Ele- 
mente werden ebenso wie die heidnischen Herren durch das Gericht vernichtet werden. 



Jee lt9— 81. 13 

^Denn ihr werdet zu Schanden werden w^en der Eichen, die ihr hebt, 
Und euch schämen wegen der Gärten, die ihr gern habt; 

**Denn ihr werdet sein wie eine Eiche mit welkendem Laul)e 
Und wie ein Garten, der kein Wasser hat; 

81 Und werden wird der Starke zum Werg und sein Werk zum Funken, 
Und brennen werden sie beide zumal, ohne dass einer löscht 



Viertes Stück c. I29— si, ein Brachstück, yielleicht der Schluss einer grösseren 
Bede, die nicht blos an Jerusalem gerichtet war, da die hier bekämpften Kulte sonst vor- 
wiegend dort vorkommen, wo Jes. Gesamtisrael , besonders Nordisrael anredet c. 26ff. 
10 1 — 4 17 1 — 11; aus demselben Grunde wird diese Bede zu den älteren gehören und 
wenigstens vor 722 fallen. 29 Das "^a bringt keine Motivierung f&r v. 28; wie hätte 
jemand schreiben können: sie werden umkommen, denn sie werden sich schämen! Wahr- 
scheinlich ging in dem verlorenen Teil der Bede eine Drohung vorher, aber eine mildere 
als V. 28 bringt, etwa: euer gegenwärtiges Thun und Treiben wird euch zum Unheil aus- 
schlagen, isa*» scheint von v. 28 beeinflusst zu sein und ist in iva? zu verbessern, wie 
die Fortsetzung zeigt. Dagegen kann man schwanken, ob man den Artikel vor d^V^k hin- 
zufügen oder in ris^n weglassen soll, indessen steht er auch in pr^n v. 31, und der Stil 
ist überhaupt nicht absichtlich poetisch (öfteres '^.w). Die t3*V**s( (wozu n^H v. 30 als 
Singnl. gelten kann) sind die sonst häufig (vgl. zu c. 575) erwähnten »grünenden«, viel- 
leicht immergrünen Bäume, in denen die lokalen Numina hausen und deren sehr ver- 
schieden geschriebener und ausgesprochener Name (ajl, ela, elon, allen) vermutlich mit 
^9, Gott, göttliches Wesen, zusammenhängt. Der Baumkult, der ältesten dämonistischen 
Beligionsstufe, der altsemitischen Geschlechterreligion (Jer 227) angehörend, ist in Palä- 
stina bis zum heutigen Tage unausrottbar. In der Genesis ist Überall Abrahams Name 
mit solchen Bäumen verbunden (Jakob mit hl. Steinen, Isaak und Ismael mit Quellen). 
Yielleicht war zur Zeit dieser Bede die Auffrischung der altväterlichen Neigungen von 
aussen (z. B. Syrien c. 17iff.) her beeinflusst. Bei dem Garten scheint, soweit er nicht 
blos das Vielfache des Götterbaums ist, nach v. 30 die Quelle die Hauptsache zu sein, 
da sie das Leben des Temenos erhält. Den Propheten gilt mehr und mehr der Lokalkult 
als verwerflich und abgöttisch (Jer 2 20), wie den Protestanten des 16. Jahrb. die lokalen 
Gottheiten der kathol. Yolksreligion. Die Wiederbelebung des überlebten Dämonismus, 
mit der die Neigung zur Magie nnd zu Teufelsbündnissen (28 16) zusammenhängt, wird 
eine Quelle der Schande und Enttäuschung werden. 80 Wie die n^s »welkend an ihrem 
Laube« (warum rfyy statt n^y punktiert ist, ist nicht recht einzusehen) ihr El nicht im 
Leben erhalten konnte, so wird er auch seine Verehrer nicht schützen. Der zweite Lang- 
vers, V. 30b, ist etwas zu kurz geraten, vielleicht ist bei na»i etwas ausgefallen. 81 Der 
Starke wird durch und mit seinem Werke zu Grunde gehen. Was das für ein Work ist, 
lässt sich nicht sagen, sicher kein Götzenbild, weil dann der Satz »verbrennen werden 
sie mit einander« wörtlich verstanden werden müßste und einen grotesken Sinn gäbe; 
Werk eines Starken ist etwa Eriegsrüstung oder Kriegsthat, Verbündung mit fremden 
Mächten u. dgl. De Lag. »stellt (für lonn und '\hyt) ysirrn und i^sja her«, ersteres, weil 
er pn nicht etymologisch deuten kann und Am 29 in seinen Augen nichts entscheidet. 
Es wäre doch wohl nötig gewesen zu sagen, warum Am 29 nichts entscheidet. »Dass 
^hyt ganz unhebräisch ist, braucht man nur auszusprechen.« Das ist ein sehr unglück- 
licher Ausspruch. Der Zorn gilt der Punktation i^^io, aber wem die nicht gefallt (s. 
übrigens Olsh. § 155b), der kann ja i^ye schreiben, ein gut hebräisches und oft von Jes. 
gebrauchtes Wort. Sprachlich lässt sich die Stelle nicht anfechten und wegen des 
Sinnes schon deshalb nicht, weil wir ein Bruchstück haben. Wohl aber lässt sich der 
Sinn des »hergestellten« Textes anfechten. Eine Sonnensäule wird zu Werg, die Büste 
darauf zum Funken, keiner, der den Brand löscht — so viel Lärm um nichts? Die 
Liebhaber der unjahvistischen Kulte bedroht Jes. mit Schande und Untergang; was 



14 Jea 2 1—8. 

2 ^Das Wort, das schaute Jesaia, Sohn des Amoz, über Juda und Jerusalem. 

^Denn geschehen wird's in den künftigen Tagen: 

Festgemindet wird sein der Berg Jahves, 
Und das Haus unsers Gottes auf dem Haupt der Berge 

Und überragend die Hügel; 
Und strömen werden zu ihm Völker, 

3 Und gehen werden viele Stämme und sagen: 

hinterher mit den Idolen geschieht, wird ihm so gleichgültig gewesen sein, wie sogar den 
Betroffenen selber; das einsam verbrennende Baalbild wäre yielleicht ein Stoff für ein 
modernes Gemälde oder ein »stimmungsvolles« Gedicht, nicht für den gar nicht senti- 
mentalen Jesaia. Nein, diß Menschen »verbrennen« durch ihr unrecht (9 17 Job31iJf) und 
haben keinen Gott, der den Brand löscht. 

Zweite kleine Sammlung c. 2 — 4 s. Einleitung § 8. Sie enthält nach einer 
eigenen Überschrift ein erst später eingesetztes Gedicht c. 22—4, fünf Reden oder Bruch- 
stücke von solchen und einen wahrscheinlich vom Sammler verfassten eschatologischen 
Abschluss c. 42—6. Der Text ist an manchen Stellen stark verderbt und ungewöhnlich 
reich an Zusätzen aller Art. 

2, 1, die Überschrift des Sammlers, bringt nicht blos den Namen des Pro- 
pheten, sondern auch den seines Vaters, ein Beweis, dass einst weder c. 1 noch ein 
anderes jesaianisches Stück vorherging, dass also wahrscheinlich dies Büchlein einmal als 
selbständige Schrift existiert hat. Der Ausdruck »das Wort, das schaute etc.« scheint 
zu besagen, dass der Sammler das Folgende als das berühmte Jesaiaorakel über die 
Endzeit Judas und Jerusalems ansieht, was ja nicht ausschliesst, dass er noch andere 
kannte, z. B. die c. 28 ff. Das »Wort« denkt er sich mehr substantiell, als einen Teil 
aus dem Vorrat von Geheimnissen, die vom Weltbeginn an im Himmel objektiv vorhanden 
sind und stückweise den einzelnen Sehern gezeigt werden. LXX las ^k rrn statt nrn. 
Über die Voranstellung von Juda s. zu c. li. 

Erstes Stück c. 22—4, eine Dichtung, deren glatte Sechszeiler ihr genaues 
Seitenstück an den auch inhaltlich verwandten Strophen von c. 11 1 — ^8 c. 32 1 — 5(6 — 8) 
und c. 32 15 — 20 haben und am natürlichsten mit ihnen aus derselben Zeit und von dem- 
selben Verfasser abgeleitet werden. Dass dieser Verf. Jes. sein muss, kann man schwerlich 
jemals beweisen, aber gegen ihn sind auch bisher noch keine erheblichen Gründe vor- 
gebracht worden; auch Hackmann, Cheyne und Marti haben die Frage nicht spruchreif 
gemacht. Allgemeine Sätze wie: die Eschatologie ist rein literarischen Ursprungs, 
kommt erst mit dem Exil auf, können nichts entscheiden; wir wissen nicht einmal, wie 
der »Tag Jahves« Am 5i8ff. gedacht wurde. Siehe noch Bertholet, Stellung der Israeliten 
u. s. w., S. 97 ff. Aus dem doppelten Vorkommen der Dichtung c. 29 — 4 bei Jes. und 
bei Micha darf man schliessen, dass die Meinungen der Späteren unsicher and uneinig 
waren, nicht aber, dass ein Sammler das Stück aus dem einen Propheten in den andern 
hätte versetzen können; und dass Jes. oder Micha sich dessen schuldig gemacht hätten, 
was Jer 23so Diebstahl genannt wird, ist vollends unglaublich, mag das Stück auch 
noch so »klassisch schön« sein. Will man gegen Jesaia den Umstand verwerten, dass 
unsre Dichtung in c. 2 — 4 nicht ursprünglich aufgenommen war, dass also vielleicht 
ein Privatbesitzer des Büchleins sie auf einem leeren Platz nur deshalb niederschrieb, 
um sie für sich zu besitzen, nicht um sie dem Jesaia zu vindizieren, dass damit auch 
die Weglassung von Mch 44 auf Mangel an Platz zurückgeführt werden könne, so ist für 
Jesaia günstig die äussere und innere Verwandtschaft der Dichtung mit denen in c. 11 
und 32, deren Echtheit freilich auch angezweifelt werden kann. Hat Jes. sie und die 
übrigen verfasst, was mir die wahrscheinlichste Annahme ist, dann am ersten im Greisen- 
alter, nicht für das grosse Publikum, sondern für die Jünger und Gläubigen, und nicht 
als beauftragter Prophet, sondern als prophetischer Dichter; wielleicht war dieser Zyklus 
von Dichtungen sein Schwanengesang. Der Text ist gut erhalten bis auf die Fehler, die 



.TeR 28. 15 



„Auf und steigen wir hinauf zum Berg Jahves, 

Zum Haus des Gottes Jakobs, 
Damit er uns belehre über seine Wege 

Und wir gehen in seinen Pfaden, 
Denn von Zion geht aus Lehre 

Und Jahves Wort von Jerusalem." 



der Sorglosigkeit der Abschreiber zur Last fallen und die sich nur unsicher verbessern 
lassen, obwohl uns mit Mch 4iff. und der LXX vier Eezensionen zu Gebote stehen. 
2 Die erste Strophe verheisst, dass in der Endzeit Jahves Berg und Haus so erhaben 
sein wird, dass ihm die Volker zuströmen. Sie ist Bede des Dichters, der nirgends in 
diesen Dichtungen (von Mch 44 abgesehen, s. u.) ein »so spricht Jahve« einflicht. Zu 
Anfang verdient das or^ in Jes. LXX, das nicht blosses Anführungszeichen sein kann, 
schon wegen seiner Auffälligkeit Berücksichtigung; das nT,^ "s wurde vom Ktib in rf^ni 
umgeändert, weil es am Anfang steht. Da sich c. 11 lo inhaltlich mit unserer Dichtung 
deckt und nur wie ein Versuch des entsprechenden Sammlers aussieht, den verloren 
gegangenen Wortlaut inhaltlich wiederzugeben, so könnte c. lliff. einst dieser Strophe 
vorhergegangen sein. Die Folgezeit, ü'^'^n n->-ir;M hat hier, anders als z. B. Gen 49 1 
Dtn 480, eschatologischen Sinn. Die folgenden drei Stichen lauten in allen vier Texten 
verschieden. Das iiaa steht an verschiedenen Stellen, in Micha LXX sogar doppelt, wo 
aber aroifiov korrigierende Dublette sein dürfte und e/jL(pav€g für die Wortstellung in Jes. 
spricht. Ferner haben die beiden Versionen hinter n-'n"» i^sa nur den Berg Jahves, dem 
in Jes. LXX alsdann das Haus Gottes korrespondiert; sie werden darin recht haben, 
sowohl wegen v. 3 wie wegen des Metrums und besonders wegen des besseren Sinnes. 
Denn es ist nicht einzusehen, wie man bei der Zusammenziehung, die sich der hehr. 
Text zu Schulden kommen lässt (Berg des Hauses Jahves statt: Berg Jahves und Haus 
Gottes oder besser unseres Gottes) und bei der gewöhnlichen Übersetzung: der Tempel- 
berg wird auf die Spitze der Berge gestellt sein, dem Sinn entgehen will, dass der 
Tempelberg auf die anderen Berge getürmt werden soll. Wenn noch ok-)V statt w^^ 
stände! Das Zauberwort »nn eigentlich« thut's doch nicht. Späteren Lesern war freilich 
auch die Vorstellung von der physischen Erhöhung des Tempelbergs annehmbar, und 
vielleicht hat der Vf. von Zeh 14 lo, der unter Alkimus lebte, schon den gegenwärtigen 
hebr. Text gelesen. Dagegen giebt Jes. LXX folgenden Sinn: künftig wird der Berg 
Jahves, entweder der Zion (als Königssitz) oder das Bergland Jahves, nämlich Juda oder 
Palästina, wie c. 11 9, sicher gegründet sein, d. h. nach den voraufgegangenen Völker- 
stürmen sicheren Bestand gewinnen; das ist derselbe Gedanke, den wir c. lliff und 
c. 9i — 6 finden, und derselbe Gebrauch von ^is wie c. 96 (s. d.). Die Fortsetzung giebt 
verschiedene Nuancen ein und desselben Gedankens, je nachdem man den 3. Stichos durch 
n-fl"« oder durch n-^rr* -psa vervollständigt; im ersteren Fall wird der Zion hervorgehoben: 
unser Tempel wird stehen auf dem vornehmsten Berge, im zweiten Fall erhält der 
Tempel den Akzent: fest begründet, von niemandem mehr gefährdet, wird auch der 
Tempel auf dem vornehmsten Berge sein. Die erstere Auffassung ist die bessere, denn 
bei der zweiten sieht a-'nnn vm*^3 fast wie ein unnützer Bedeschmuck ans, und der 4. Stichos 
schliesst sich schlecht an. Also: der Zion, .die nma« des künftigen Davididen 11 lo und 
der Berg des Jahvetempels, wird einst fest gegründet und das Haupt der Berge sein und 
sein Tempel die Hügel überragen, natürlich nicht physisch, sondern politisch. Ist nun 
»der Thron Davids festbegründet« (IBeg 24ö) und der Tempel weithin berühmt worden, 
so strömen (Jer 31 u) ihm die Völker zu wie bisher anderen grossen Mittelpunkten der 
Menschheit z. B. Babel (Jer 5144). Das i-^V^ bei Micha greift zu weit vor, wie der paral- 
lele Stichos zeigt, der verkehrter Weise zu v. 3 gezogen ist; sonst ist der Text Michas 
in diesen beiden Stichen besser, denn »Stämme, viele Völker« ist bescheidener und darum 
älter als das auf späterer Theologie beruhende »alle Völker«, wird auch durch v. 4 be- 
stätigt. Zu den sorglosen Textverraehrungen gehört auch das prosaische und den Stichos 



16 Jes ^4. 



*lJnd richten wird er zwischen den Völkern 
Und Entscheidung geben vielen Stämmen; 

Und sie werden umschmieden ihre Schwerter zu Pflugeisen 
Und ihre Lanzenspitzen zu Winzermessem; 

Nicht hebt Volk gegen Volk das Schwert, 
Und nicht lernen sie mehr Krieg. 



flberfüUende 1"«)9K1. 8 von idV an, die zweite Strophe, giebt mit der Bede der Fremden 
an, was sie nach Jerusalem zieht: sie wollen sich von dort die wahre soziale und poli- 
tische Ethik holen. Durch Propheten wie Jes. wird Jahve sie belehren , wie man dem 
Gewaltthätigen steuert, den HQlf losen Recht schafft nnd Streitigkeiten unter den Stämmen 
beilegt: sie werden »in Jahves Wegen gehenc, seine Aufträge und Bescheide ausführen 
Lk 78, die gerechten und weisen Einrichtungen des Jahyeyolkes bei sich einführen. So 
Hessen sich die Bömer ihr Zwölftafelgesetz in Delphi bestätigen, holten sich die Eleer 
beim Pharao Psammis Bat über die unparteiische Einrichtung der olympischen Wett- 
kämpfe (Herod. II, 160), und in Palästina hiess es: Wer fragen will, frage zu Abel 
(IlSam 20 18). Wenn die Fremden etwas von Israels Einrichtungen (i^sn-re) nachahmen, 
so geben sie damit ihre politische Selbständigkeit nicht auf, vielleicht nicht einmal ihre 
nationalen Kulte ; sie erkennen nur an, dass Jahve der gerechteste und weiseste Gott ist. 
Anerkennungen fremder Gotter nach gewissen Seiten hin sind im Altertum etwas ganz 
Gewöhnliches; schon früher suchten Fremde Jahve (Naeman) oder die Israeliten andere 
Götter auf (IIBeg 1). Es ist ja möglich, dass Jes. weiter gehende Wirkungen des ethi- 
schen Einflusses angenommen hat, aber er spricht nicht davon. Auch spricht er weder 
hier noch anderwärts von einer durch Israeliten ausgeübten Mission, wie es sicher ge- 
schehen wäre, wenn er, wie die nachexilische Zeit, unter dem Wort Jahves und der Thora 
das pentateuchische Gesetz verstanden hätte; er überlässt die Mission dem Eindruck 
der Tbaten Jahves und der Zustände seines Volkes. Die Dichtung hat also keinen theo- 
logischen Charakter, sondern lässt sich aus Jesaias grossartiger Geschichtsbetrachtung 
erklären. Darum auch keine Spur von Hass oder Verachtung der Völker, die nach der 
nachezilischen Theologie, wenige Ausnahmen abgerechnet (s. zu c. 1988—86), in der End- 
zeit nur als Sklaven oder Klienten der Juden oder als Tributpflichtige gedacht werden. 
Über Thora und Wort Jahves vgl. zu c. lio; während dem »Wort« der Genitiv nicht 
fehlen darf, steht die Thora absolut, weil sie ein mehr selbständiger Besitz der Menschen 
werden kann; der Bauer kann z. B. die von Jahve (c. 2886. 89) gelernte Kunst des Acker- 
baus unzivilisierten Stämmen auch ohne Jahves Nachhülfe lehren, dagegen muss man 
sich jedes einzelne Orakel von Jahve holen. 4, die dritte Strophe, schildert den daraufhin 
eintretenden Gottesfrieden in der Völkerwelt. Wie sich jetzt die Bürger oder die Stämme 
eines Volkes in schwierigen Fällen an den König (IlSam 144ff.) oder an das Orakel 
wenden (Ex 228), so wird künftig Jahve nicht der Begent, aber der Schiedsrichter, der 
weise unparteiische für die Völker sein vgl. Gen 3153. Sein schiedsrichterliches Walten 
wird ihnen so durchaus genügen, dass sie die Waffen bei Seite legen, ja zu Werkzeugen 
friedlicher Arbeit umwandeln. Dass die Waffen auch gegen wilde Tiere nicht mehr nötig 
sind, gehört mit zum Gottesfrieden der messianischen Zeit Hos 280; das zu erwähnen, 
war hier nicht möglich, aber auch unnötig, wenn einmal c. lliff. vorherging. Der 
Dichter hält den Krieg für ein Übel, Altisrael dachte anders darüber, für es war die 
mm ntanVa der Höhenpunkt des religiös nationalen Lebens. Jes. ist zwar noch ein Israelit 
alten Schlages, denn der grosse Schlachttag, den er erwartet, erfüllt ihn mit Enthusias- 
mus (3087ff.), und selbst seine Worte über die Assjrer (586ff.) und Äthiopen (18iff.) 
zeugen von seiner Empfänglichkeit für kriegerische Thaten und Tüchtigkeit. Aber weil 
aus den mm monVo ein abschliessender einziger Tag geworden ist, den Jahve allein, 
ohne menschliche Hülfstruppen, ausfechten wird, ist ihm aller sonstiger Krieg und alle 
Kriegsrüstung ein Gräuel. Im vorletzten Stichos haben beide Bezensionen Vk statt des 



Jes ^5— «. 17 

'^Haus Jakobs, auf und gehen wir im Lichte Jahvee! 

^Denn Verstössen hat Jahve sein Volk, das Haus Jakobs, 

Denn voll sind sie von Wahrsagung von Osten her und von Zauberern wie 

[die Philister, 
Und mit Barbaren tauschen sie Handschlag 



zu erwartenden Vy, ausserdem Micha im ersten Distichon ein metrisch anstössiges Zuviel 
in seinem pinn— ry. Gleich diesem Zusatz wird auch Mch 44 Yon späterer Hand hinzu- 
gefügt sein und zwar nach II Reg 56, sowohl aus metrischen Gründen als wegen seines 
schwächlichen Inhalts. 

Zweites Stück c. 25— 2S, Gerich tsdrohun gen nach voraufgegangener Schilderung 
der hosen Zustände. Dies Stück ist das schlechtest erhaltene des ganzen Buches. Der 
Anfang fehlt, gegen Ende hahen wir nur dürftige Beste des ursprünglichen Wortlautes, 
danehen prosaischen Ersatz für ihn, Lücken und Zusätze sind häufig. Wahrscheinlich ist 
es nicht einmal einheitlich, sondern aus zwei verschiedenen Fragmenten zusammengeflickt, 
die zwar manchfache formale und inhaltliche Verwandtschaft hahen ^ auch ungefähr aus 
derselhen Zeit stammen, aher sich schon durch den Kehrvers unterscheiden. Martins 
Versuch, ein Stück daraus zu machen, führt doch zu grossen Gewaltsamkeiten. Die heiden 
Fragmente sind erstens c. 26 — lo. 18 — si, zweitens v. 11 — 17; zu dem zweiten findet sich 
noch ein abgerissenes und etwas ausgebessertes Stückchen in c. 5i6. i6. Das erste Frag- 
ment wendet sich gegen das superstitiöse und weltliche Treiben Israels und droht im 
Eehrvers mit der schrecklichen erderschüttemden Erhebung Jahves, das andere kündigt 
den Tag Jahves an über alles Hohe und allen Hochmut. Vielleicht ist die Zusammen- 
schweissung beider stürmischen Jugendreden durch die Wahrnehmung veranlasst, dass 
die erstere einen Vers hat (v. 9), der dem Kehrvers der zweiten in mehreren Ausdrücken 
wenn auch nicht grade im Sinne entspricht. Das Fragment v. 6—10. 18—21 wird nach 
seinem Inhalt in dieselbe Zeit fallen wie c. Issff. 17i— ii 97—104. Das andere Stück 
V. 11 — 17 setzt einen äusserlich glänzenden Zustand Israels voraus und mag wegen des 
Sturms und Dranges, der es durchtobt, und weil es den Tag Jahves zum ersten Male 
anzudrohen scheint, die älteste schriftstellerische Produktion Jesaias sein. 6 passt weder 
in der Form noch im Inhalt zum Folgenden und ist zweifellos von einem Leser geschrieben, 
um zu verhüten, dass das "s von v. 6 eine gradezu absurde Fortsetzung von v. 2—4 
liefere; Mch 45 gab ihm die nötige Anleitung. Äusserst unglücklich kritisiert und ver- 
bessert de Lag. den Vers: »nd^ai ia^ ist garstig« — das ist Geschmackssache, die alt- 
test. Autoren haben nun einmal den garstigen Geschmack s. ISam 99 11 u vgl. Jer35ii 
Ob li — »n3^3 ist ein grober Sprachfehler . . . man dürfte kaum nim nnjta nsV: dulden, 
müsste bei mrr "»"»Ka durchaus ns^nrai erwarten«. Der Sprachfehler ist hier durchaus 
auf Seiten des Kritikers. *7^nnn steht bei nachexilischen Schriftstellern mit tk oder ^ith 
in dem Sinne »in der Gemeinschaft, unter den Augen jemandes leben«, was hier nicht 
sonderlich passen würde und wobei ein älterer Schriftsteller ebenfalls mit ^^^rt auskommt 
Mch 68. *T^n ist in übertragener Bedeutung so häufig, dass es unnütz ist, Stellen zu 
zitieren; warum wird denn nicht auch v. 3 korrigiert? Vorgeschlagen wird ■>««'' nnsiai 
für -itKa na^3i, aber von einem Bechten ist im Folgenden nichts zu spüren. Wie wenig 
durch diese Teztänderung der fehlende Anfang unsers Stückes gewonnen ist, beweist die 
weitere Vermutung, dass zwischen v. 5 und 6 ein Vers abhanden gekommen sei. 6 Das 
n mag Anfang einer neuen Strophe sein, vor der eine oder mehrere verloren gegangen 
sind; unmittelbar vorher ging also vielleicht der Kehrvers, der zur Flucht vor Jahve 
auffordert v. 10. 19. 21. Die 2. pers. in dem noch dazu pleno geschriebenen nnwo: und 
in ysy ist auffällig, die LXX hat die 3. pers. Vielleicht war abgekürzt geschrieben «Twa 
^w n*. De Lag. will nswoa herstellen, aber das giebt eine noch viel unerträglichere 2. pers., 
dazu kommt vtss ausser in den Dichtungen Jer 156 Dtn 32 15 immer von der Verstossung 
des Volkes durch Jahve vor. Dass durch die Textlesart die Schuld des Volkes gestrichen 
oder gemildert würde, scheint auf der sonderbaren Meinung zu beruhen, dass ein Schrift- 

HftndkomBMntor I. ▲. T. : Do hol, Jes. 2. Aufl. ^ 2 



18 Jes 27—9. 

^Und voll ward sein Land von Silber und Oold und kein Ende seinen Schätzen, 
Und voll ward sein Land von Rossen und kein Ende seinen Wagen, 

^Und voll ward sein Land von Nichtsen, 

Dem Werk seiner Hände huldigt es, dem, was gemacht seine Finger. 

^Und niedrig ward der Mensch und erniedrigt der Mann, und nicht giebt's 

[Erhebung für sie! 

steiler die Wirkang nicht vor der Ursache nennen kann. Verstössen hat Jahye »das 
Haus Jakohc (LXX Israel) wegen seiner Hinneigung zu fremden Leuten und Dingen, vor 
allem zur ausländischen Mantik und Magie, a-rpis hat längst Anstoss erregt und Vor- 
schläge wie D5JP13, DCp» und oip» acj;, hervorgerufen; der letztere oder etwa D-rp« •^'söp ist 
schon des Khythmus wegen der beste. Die ncp genannte Divination (ursprünglich »Ent- 
scheidung«, nämlich durch das Los) steht nicht immer im bösen Sinn, wird Meli 36. ii 
auch vom traa ausgesagt vgl. Jes 32 und scheint nach Prv 16 lo keine äussere Manipu- 
lation zu erfordern. Die a**]» deutet Fleischer als die, »die durch Zauber geschlechtlich 
unfähig machenc, aber dieser Sinn scheint zu speziell zu sein im Vergleich mit dem 
häufigen Vorkommen dieser Magie; eher mögen es Eegenzauberer sein (den. von ^39), 
obwohl man auch eine Nebenform von ray, Zaubersprüche singen, annehmen kann; im 
Talmud wird ^aiy noch mit y^ (Augen verblenden, hypnotisieren) oder mit naiy Zeit (Tage- 
wählerei) zusammengebracht. Der dritte Stiches hat die zweite Hälfte verloren, wenn 
wir hier überall Langverse (s. zu c. Isi) haben; möglich ist auch, dass immer auf je 
zwei Langverse ein kürzerer Stiches folgte, ^p''t^r scheint dcnom. von einem nicht vor- 
kommenden Nomen des Sinnes »Handschlag« zu sein. In w^^^i ^-tV*a ist sowohl das 3 
auffällig (statt V oder üy) als auch der Plural s^-^aa statt ^sa oder aber das *-t^^ vor dem 
Plural. Die Vermutung "^t^ für •'■rVa hat mir Hitz. schon vorweggenommen. Dillm. 
bringt für seine Meinung, dass man Jünglinge (dies soll "tV*^ bedeuten) gern zu Wahr- 
sagern genommen hätte, keine Beweisstellen bei. Was für Eontrakte oder Geschäfte mit 
den Barbaren gemeint sind, erfahren wir nicht, vielleicht liegt die Ergänzung im Fol- 
genden. 7 Silber und Gold füllten (in Folge des v. 6b erwähnten Verkehrs?) »sein« 
Land (LXX: ihr Land); in dem Suffix wirkt oy von v. 6a nach, wenn der Text richtig 
ist. Jene Schätze, noch mehr Wagen und Rosse, die Altisrael nicht besass, gelten dem 
Propheten als weltlicher Besitz, als Machtmittel, die Jahves Hülfe scheinbar überflüssig 
machen, als eine Entlehnung fremder Kultur, die Israel zum Verkehr mit den Fremden 
zwingt und diesen ähnlich macht. Die der palästinensischen Kultur abholde Gesinnung 
Altisraels hat sich bei den Propheten, Nasiräern, Bechabiten in manchen Dingen (Leben 
in Städten, Weingeuuss etc.) mit merkwürdiger Zähigkeit erhalten. Gold und Bosse 
stehen charakteristischer Weise mitten zwischen den Zauberern v. 6 und den Götzen 
V. 8, die mit einer spöttischen ümbiegung von d-^k ^"V^ genannt werden, Nichtse (von 
hr^); vielleicht hat schon Jes. V^ als »Starker« aufgefasst. Was ^k wirklich bedeutet, 
weiss kein Mensch. Jesaia spottet wie vor ihm schon Hosea über die Bilder als Men- 
schenwerk; er ignoriert oder verachtet den unterschied zwischen dem Bilde und dessen 
Geist mitsamt all den superstitiösen Bedingungen und Zeremonien, unter denen ein 
beseeltes Idol zu Stande kommt. Das zweite Verbum ist mit de Lag. als Singular t^nr«^ 
zu sprechen; der konsonantische Charakter des 1 ist z. B. auch Gen 20i3 von den Punkta- 
toren verkannt vgl. noch v. 20. Der erste Stiches von v. 8 ist, wenn Langvers, unvoll- 
ständig; man könnte etwa ergänzen t'^rasajts rixis^ 1-^1 und die Ähnlichkeit dieses Vers- 
Bchlusses mit dem folgenden als die Ursache des Ausfallens betrachten. 9 scheint arg 
mitgenommen zu sein ; man kann nicht sehen, ob ein oder zwei Stichen beabsichtigt sind. 
Die erste Hälfte scheint zu besagen, dass die Menschen gesunken sind durch den Aber- 
glauben und die Nachahmung der Ausländer. Die zweite Hälfte erklärt Dillm.: »nicht 
darfst (kannst) du ihnen vergeben« und sucht die 2. pers. durch v. 6 zu rechtfertigen, 
ohne zu fühlen, wie unglaublich schwächlich und schläfrig dieser Satz für Jes. überhaupt 
und zumal in dieser Feuerrede sich ausnimmt; wenn noch statt Vm die Schwurpartikel sk 



.Tes 2io— 12. 19 

^^Komm in ... . Felsen und verbirg dich im Staube 
Vor dem Schrecken Jahves und seiner hehren Majestät, 
[Wenn er aufsteht zu erschüttern die Erde] 

^^Und niedrig wird werden der Hochmut der Menschen 

Und erniedrigt der Stolz der Männer, 
Und erhaben wird Jahve er allein an jenem Tage. 
^^Denn einen Jas hat Jahve der Heere über alles Prächtige und Stolze 
Und über alles Ragende und [Erhabene] 



stSnde ! Das kvk der LXX und die bisher versuchten Änderungen geben nichts -Annehm- 
bares, oben ist ein nrzh n*;« dsci nach Gen 4i zu Grunde gelegt worden. 10, der Kehr- 
yers, hat ebenfalls den letzten Stiches verloren, den jedoch die LXX noch vorfand. 
Wahrscheinlich sind auch vor ""is einige Wörter ausgefallen, da die Halbverse zu kurz 
aind vgl. v. 19. 21. k*'3 und p-jn worden als inff. abss. einen sehr lahmen Anfang zu 
der donnernden Drohung dieses Strophenschlusses bilden, der imp. kann durch v. 19 und 
21 nicht in Frage gestellt werden. Wenn Jahve sich zum Gericht erhebt, dass die Erde 
unter seinen Eusstritten erbebt (Jdc 54), so sollen vor seiner Schreckens- und hoheits- 
vollen Erscheinung, die nach c. 30t7 und alter Anschauung mit dem Gewitter heraufzieht, 
die Menschen sich in Höhlen verkriechen, wie sonst wohl vor einfallenden Feinden (I Sam 
136). Übrigens ist hier einmal Hosea in der oft zitierten Stelle c. 10 8 dem jungen Jes. 
überlegen in der Darstellung des jähen Gottesschreckens, der das götzendienerische 
Gesindel überfallt. 

211—17; s. die Vorbemerkungen zu c. 25ff. 11 wirkt nach v. 10 nur abschwächend, 
ist zudem, wie v. 17 vgl. 5i5f. zeigt, ein Kehrvers, gehört also einem andern Zusammen- 
hang als V. 10. Vermutlich ist v. 11 — 17, dessen Bhythmus ein ganz anderer ist als der 
von V. 6 ff., grade hier eingesetzt worden, weil die alte Handschrift zwischen v. 10 und 
18 ganz unleserlich geworden war und ungefähr den Kaum einer Strophe (s. zu v. 18) 
offen Hess. Dem 11. v. ist wahrscheinlich eine Schilderung menschlichen Hochmuts 
voraufgegangen. Obgleich Dillm. dekretiert, dass der Text von v. 11 in Ordnung, ein 
Befrain nicht beabsichtigt und jede Gleichmacherei mit v. 17 ungebührlich sei, wird sich 
doch empfehlen, wenigstens den Klassikern des AT zuzutrauen, dass sie über solches 
unbehülfliche Stottern, wie im jetzigen v. IIa, hinaus waren, und anzunehmen, dass die 
grosse wörtliche Übereinstimmung zwischen v. 11 und 17 einen ästhetischen Zweck habe, 
denjenigen, um des willen mau Kehrverse schreibt, hw k a ^^7 ist im Hebr. noch viel 
barbarischer, als im Deutschen: »die Augen des Hochmuts der Menschen ist niedrige; 
verdächtig ist das Nebeneinanderstehen von htv und nvt, und wegen v. 17 vgl. c. 5i5a 
das erste Wort wahrscheinlich eine Variante zum zweiten. Da die Kehrverse nicht in 
jeder Kleinigkeit übereinstimmen müssen, da die Augen auch c. 5iA vorkommen, sowie in 
LXX, so könnte der erste Stiches etwa mit ia;^ (vgl. c. 31 i) »und ducken wird sich der 
Hochmut« angefangen haben; ob man alsdann im zweiten nvi oder htv-) schreibt, das ist 
ziemlich gleichgültig. Aber ebenso möglich ist freilich, dass die beiden Kehrverse völlig 
gleich lauteten. Kinn di-'s ist bei den Sammlern und Ergänzern der prophetischen Bücher 
so beliebt, dass man es zunächst immer für verdächtig halten muss; hier ist aber die 
Echtheit durch die Stellung und die Fortsetzung geschützt. 12 Die neue Strophe knüpft 
mit "«a unmittelbar daran an. Dass der Tag Jahves hier zum ersten Mal von Jes. be- 
schrieben wird, ist schon oben vermutet. In dieser Schilderung schafft sich das ganze 
jugendliche Ungestüm eines grossen Mannes hinreissenden Ausdruck; die Ekstase, mit 
der die alten Israeliten die Schlachten Jahves schlagen halfen, lebt darin auf. Die ele- 
mentare Grewalt der Empfindung muss aber zugleich den noch fehlenden Gedanken- 
reichtum der späteren Beden ersetzen. Das letzte Adjektiv in v. 12 übersetzt LXX mit 
fAer^tj^ov xal Taneivat&iiaovTai, also doppelt; offenbar ist das Zweite eine Korrektur nach 
dem hebr. Text, und dass fitriwQov, n^va oder ns;, dem htv vorzuziehen ist, liegt auf der 
Hand. Dillm. halt allerdings den Schreibfehler für unentbehrlich, übersetzt aber so, als 

2* 



2Ö Jes 2 18-1?. 

^3 Und über alle Zedern Libanons, die stolzen, 

Und über alle Eichen Basans, die ragenden, 
i*Und über alle Berge, die stolzen, 

Und über alle HügeL die ragenden, 
15 Und über jeden hohen Turm 

Und üoer jede befestigte Mauer 
i^Und über alle Tarsisschiffe 

Und über alle köstlichen Bildwerke: 
i^Und niedrig wird werden der Hochmut der Menschen 

Und erniedrigt der Stolz der Männer, 
Und erhaben wird Jahve er allein an jenem Tage. -* - 



wenn Vbv*>i stände; er meint, das Besultat müsse in einem allgemeinen Satz gleich all- 
gemein angegeben werden: würden sonst die Leser nicht dahinter gekommen sein? Jes. 
schreibt doch nicht für die Fibel? 18 Nach dem Bau der übrigen Stichen zu urteilen, 
scheint eines der beiden Adjectiva in v. 13a zu 13b zu gehören. Mit stürmischer Eile 
wird nun v. 18 — 16 der Gottessturra an uns vorübergeführt ; alles nimmt er mit sich 
fort, was in die Lüfte ragt, Baum, Turm und Meerschiff. Denn wenn Jahve zum Kampf 
erscheint, so kommt er mit sinnlichen Wettern und wirft, obgleich nur den Menschen 
zürnend, auch solche «Dinge nieder, die ihm nichts zu Leide gethan haben. Die Bäume, 
Berge, Schiffe allegorisch zu deuten, ist geschmacklos; und dass die wiederholten »und« 
ein ungesucbtes rhetorisches Mittel sind, die Eile und Gewalt des Gottessturms zu malen, 
sollte doch wohl fühlbar sein: wie ist es denn möglich, sie mit dem schläfrigen »sowohl 
— als auch« wiederzugeben! Höchst naturwahr wird der Orkan in seinen einzelnen 
Phasen geschildert: zuerst hört mau ihn in der Laft über die Wälder und Berge hin- 
brausen V. 13. 14, dann steigt er zu den Städten v. 15, endlich zum Meer herab v. 16 a, 
und kommt man zur Besinnung, so sieht man die kostbarsten Gegenstände y. 16 b nieder- 
gestürzt durch den wütenden Wind. Schon ein gewöhnliches rechtschaffenes Gewitter 
wütet vom Negeb bis zum Libanon nach Ps 29. Die Eichen (und Büffel) Basans sind 
im AT so berühmt wie die Zedern des Libanon; übrigens verwendet die antike Poesie, 
auch die griechische und römische, geographische Epitheta viel mehr als die moderne 
zur Ausmalung; müsste man doch von unserem Geschmack aus dem Dichter von Ps 29 
vorwerfen, dass er ein sinnliches Phänomen in einer Ausdehnung schildert, die über den 
Bereich der sinnlichen Anschauung weit hinausreicht. Tarsisschiffe wie unser Indien- 
fahrer (die alten Übersetzer: Meerschiffe). Vielleicht hatten die Jadäer zur Zeit dieser 
Bede solche Schiffe, die aber nicht nach Tarsis (Tartessus) in Spanien fuhren, denn üsia 
eroberte die Hafenstadt Elath am älanitischen Meerbusen; aber es ist wahrscheinlicher, 
dass Jes. das Mittelmeer vor Augen hat. Das an. Uy, nr^v ist vermutlich nach n-sv« 
auf Erzeugnisse der Schnitzkunst und Bildhauerei zu deuten, die die Häuser und Gärten 
der Vornehmen schmückten und die Spuren eines Sturms und Erdbebens besonders auf- 
fällig zeigten und nicht minder die menschliche Ohnmacht gegenüber den unsichtbaren 
Mächten. So hätten wir v. 16 einen passenden Anschluss an den Kehrvers v. 17. Das 
Erdbeben unter üsia, das Jes. als Kind erlebt haben kann, mag frühzeitig in der Seele 
des jungen Patriziers solche Eindrücke, wie sie hier zu Worte kommen, hervorgerufen 
und sein Gefühl für die Erhabenheit Jahves und die Nichtigkeit der menschlichen Kraft 
geweckt haben; so braucht man für den Vorwurf der Hoffart vielleicht gar keine beson- 
deren Veranlassungen anzunehmen. Der durch erschütternde Ereignisse erzeugte Ernst, 
der den jungen Jes. für das härene Kleid des Propheten vorbereitete, wie er im Mittel- 
alter verwandte Geister in die Wildnis oder ins Kloster trieb, konnte ihm Dinge an- 
stössig machen, mit denen die Weltmenschen gedankenlos ihre Lust und Eitelkeit be- 
friedigten, ohne sich für gottlos zu halten. Die Strophe und vielleicht die Bede ist mit 
V. 17 zu Ende. 

2 18— 21 weist dagegen in Inhalt und Form auf v. 6 — 10 znrück. Nach dem 



Jes 2i8 — «2. 21 



^«Und die Nichtse . . . alles geht vorüber 



^^ Kommen werden sie in Felsenhöhlen 

und in Löcher des Staubes, 
Vor dem Schrecken Jahves 

und seiner hehren Majestät, 
Wenn er aufsteht zu erschüttern die 

[Erde. 



*oAn jenem Tage wird hinwerfen der 
Mensch seine silbernen und goldenen 
Nichtse, die er sich gemacht zur Hul- 
digung, den Maulwürfen und den 
Fledermäusen, 
•*iZu kommen in die Felsenspalten 

und in die Risse der Steine, 
Vor dem Schrecken Jahves 

und seiner hehren Majestät, 
Wenn er aufsteht zu erschüttern die 

[Erde. 



^Lasst doch ab vom Menschen, in dessen Nase ein Hauch ist, denn wie hoch 
ist der zu achten. 



zweimaligen Auftreten des Kehrverses v. 19. 21 könnte man meinen, zwei Strophen an- 
nehmen zu sollen, die dann freilich beide sehr kurz ausgefallen wären. Dem Befrain 
V. 19 gehen nur ein paar kaum verständliche Worte vorher, dem Befrain v. 21 gar ein 
Satz von ausgesprochen prosaischem Charakter. Beide Strophen würden so ziemlich 
dasselbe besagt haben, nämlich den Untergang des Götzendienstes. Daher empfiehlt es 
sich, V. 20 f. als Variante von v. 18 f. zu betrachten: v. 18 f. stand in der halb zerstörten 
Handschrift unsers Büchleins, v. 20 f., wegen der kleinen Verschiedenheiten im Kehrvers 
wahrscheinlich einer anderen Handschrift entnommen, sucht den Sinn, da der Wortlaut 
nicht mehr herzustellen ist, wiederzugeben und hat dazu vielleicht c. 3022 31? zu Bäte 
gezogen. 18 enthält die Worte, die in der ganzen Strophe noch zu entzifTem waren. 
h'h^ D'^^^^Km soll nach Dillm. gleich o'^V-'^itn ^^Iss sein und t\hm »es wird vorbei sein« 
heissen ; wie sich v. 19 daran anschliesst, macht ihm keine Sorge. Einem Schüleraufsatz 
von heute würde man eine solche Leistung, wie sie v. 18—21 bietet, nicht hingehen 
lassen. De Lag. vermutet in ^"Vs ein Substantiv mit der Vergleichungspartikel 3, übersieht 
dann aber in der £ile, mit der er geschrieben zu haben scheint, dass r^rr^ mit diesem 
Substantiv als Belativsätzchen verbunden werden kann, also T\zrS nicht nötig ist. Er 
kann Recht haben, nur ist bei dem Zustand des Textes der Boden selbst für glückliche 
Konjekturen völlig unsicher. 20 knüpft natürlich mit dem unvermeidlichen »an jenem 
Tage« an. Mit de Lag. ist *)T9 zu sprechen s. v. 8. In die Verbesserung ni")D'^En^ willigen 
auch die konservativsten Anhänger des überlieferten Textes; gemeint sind Tiere, die viel 
graben und wie die Fledermäuse in der Nähe der menschlichen Wohnungen, in den Höfen 
oder den Gärten, wo die Idole stehen, sich aufhalten, also etwa Maulwürfe. Die un- 
glückliche Verbindung dieses Satzes mit dem Kehrvers 21 durch das zweckangebende h 
kommt auf Bechnung des Ergänzers. 22 ist ein Stossseufzer , den ein Leser an den 
Band schrieb, veranlasst durch den Eindruck des vorhergehenden Stückes. Der Vers, 
in T.YY noch fehlend, kann natürlich wohl von Jes. sein, ebenso gut aber auch von 
jedem beliebigen anderen, und jedenfalls passt er weder in v. 6—10. 18 — 21, noch in 
V. 11 — 17. Dillm. will ihn mit c. 3iff. verbinden, aber dazu passt er noch weniger, denn 
dies Stück geht von dem Gedanken aus, dass menschliche Stützen der Gesellschaft nicht 
Mos möglich, sondern notwendig sind, nur dass sie auch taugen müssen, ü^h ist dat. eth., 
der den Imper. vertraulich dringlich macht. Der Mensch hat nur eine n)9va, eine y^vxv 
Cua« IKor 1545, ist kein El und keine nn-i c. 31 s; auf was d. h. wie gering ist der zu 
rechnen (das part. niph. wie oft im gerundivischem Sinne). 

Drittes Stück c. 3 1—12, in wenig gefeilten Achtzeilem abgefasst. Es kündigt 
dem judäischen Staat die bevorstehende, von Jahve zur Strafe für die Missregierung und 
Korruption der BecLtspflege herbeigeführte Anarchie an, bildet also eine Ergänzung zu 
den bei Jes. vorwiegenden Drohungen mit äusseren Feinden, hat aber manche Berührungen 
mit c. 97ff., besonders mit c. 9isff. Es fällt wahrscheinlich in die Zeit, wo die assyrische 



22 Jes 3 1—4 

3 ^Denn siehe der Herr, Jahve der Heere, 

Entfernt von Jerusalem und Inda Stütze und Stützung*), 
^Den Leibwäcnter und den Kriegsmann, 

Den Richter und Propheten, den Orakelmann und Ältesten, 
»Den Obersten von Fünfzig, den Günstling und Ratgeber, 

Den Qeheimkünstler und zauberverständigen. 
^„Und machen werde ich Jünglinge zu ihren Obersten, 

Und Misshandlungen sollen herrschen über sie''. 

*) jede Stütze des Brodes und jede Stütze des Wassers. 



Gefahr und selbst die syrische Invasion noch nicht im Anzüge war, und das um so mehr, 
als V. 12 a auf keinen König besser passt, als auf den schwachen Ahas. 1 knüpft an 
einen unbekannten Zusammenhang an, wenn *3 ursprünglich ist. Jahve ist daran (part. 
mit ran vgl. c. 17i), dem kleinen Staat zu nehmen, wer und was ihn gegenwärtig stützt. 
»Jerusalem und Juda«, mit Voranstellung der Stadt (s. zu c. li), ist Jesaias stehende 
Bezeichnung für den jud. Staat, dessen Hauptstadt, für ein grösseres Reich geschaifen, 
eine dominierende und für die weitere Entwicklung auch der Religion bedeutungsvolle 
Rolle spielte, v. Ib ist ein Interpretament auf Grund von Gen 186 Hes 4ia Lev 26 w, 
aber ein falsches, denn von einer Hungersnot, etwa in Folge einer Belagerung, ist nicht 
die Rede (auch v. 7 nicht); gemeint sind v. la die Stützen der politischen und sozialen 
Ordnung (vgl. c. 19io. is Ps 11 8 Gal 29), die Vertreter der Autorität. Übrigens hat 
der Glossator mit seinem ^s den Eindruck richtig wiedergegeben, der mit der Zusammen- 
stellung von ^yvo und nzym beabsichtigt ist. Die Ausführung in v. 2 f. erinnert an Hos 34. 
Die Männer der Ordnung stehen aber recht ungeordnet durcheinander; Jes. wollte da- 
durch schwerlich in witziger Weise die beginnende Konfusion andeuten, so wenig wie der 
Jahvist Gen 12 16 die Knechte und Mägde aus Schelmerei zwischen die Esel und Eselinnen 
gestellt hat; indessen ist schwer zu sagen, was seine Reihenfolge war und was Spätere 
hinzugethan oder weggelassen haben, ob z. B. nicht der Priester mitgenannt war. Der 
"v^^i ist ein Soldat von der stehenden Truppe der gibborim oder Leibwache, deren naiv 
auszeichnender Name an die »Unsterblichen« der Perserkönige erinnert; das yCymrra ytai 
ia^voma der LXX nennt noch den ^^rr u;*». Der k"» ist der gewöhnliche Ekstatiker, über 
dessen schlechte Aufführung c. 287ff. Mch 35. 7. ii Zeugnis ablegt; über den ddp s. zu 
c. 26. Der d-3s Ktva ist ein Bevorzugter, der nicht wegen Adels oder Verdienstes ange- 
sehen ist, sondern dem der König oder sonst ein Mächtiger »das Gesicht erhoben« hat; 
die LXX hat ihn nicht, bezeichnet dafür bemerkenswerter Weise den Folgenden als 
yt^ ^^1 (8- 05). Der cr-in ösn und der wrr^ Ttas haben offenbar verwandte Professionen; 
da vnV das Murmeln der Zaubersprüche bedeutet, so werden die &^v'->n keine technischen 
Fertigkeiten sein, wie die alten Übersetzer und einige Exegeten annehmen, sondern die 
tausend Künste des Adepten. Auch nach Hos 34 gehören jene volkstümlichen Autori- 
täten, die die Mantik üben, zu den Grössen, ohne die man sich den Bestand der gegen- 
wärtigen Gesellschaft gar nicht denken kann. 4 Hat nun die durch Jahve hervorgerufene 
Umwälzung die Polizei und die Regenten, sowie die ganze geistige Führerschaft der 
Menge hinweggefegt, so geht alles drunter und drüber, so siegt die physische Kraft und 
die Leidenschaft, junge Feuerköpfe und halbreife Buben reissen die Herrschaft an sich. 
Das ist natürlich keine Anspielung auf den jungen Ahas v. 12a, denn die hier gemeinten 
Elemente steigen, wie v. 5 noch deutlicher zeigt, aus der Hefe des Volkes empor und 
gehören überdies der Zukunft an. o^^i^yn vgl. c. 664 bezeichnet wie das Verb. h\rrr\ die 
persönliche Vergewaltigung, das Sichvergreifen an jemandes Person, also jene Insulten 
und brutalen Misshandlungen, die grade die soziale Revolution so leicht begleiten. Auf- 
fallig ist das plötzliche Auftreten der 1. pers. ; vielleicht soll der Wechsel den Strophen- 
schluss markieren. 5 schildert die Anarchie, 6. 7 die verzweifelten Versuche, wieder aus 
ihr herauszukommen. Die Strophe ist charakteristisch für die aristokratische Lebens^ 



JeB 35-7. 23 

^Vnd drängen wird sich das Volk Mann auf Mann der eine auf den andern, 
Losstürmen der Junge auf den Alten und der Lump auf den Ehrenfesten. 

^Wenn dann einer anfasst den andern im Haus seines Vaters: 
„Einen Mantel hast du, Häuptling wirst du uns sein, 
Und dieser Trümmerhaufe sei unter deiner Hand" — 

7 Ruft der an jenem Tage: „Ich will nicht Wundarzt sein, 
Und in meinem Hause ist weder Brod noch Mantel, 
Nicht sollt ihr mich machen zum Häuptling des Volkes!" 



anschauiing Jesaiae, die auch sonat, z. B. c. 326, zu Tage tritt. Wenn die Entfesselung 
der rohen Natnrtriehe die Ordnung, die Pietät und den Respekt tiher den Haufen ge- 
worfen hat V. 5, dann wird man wieder Ordnung haben wollen, und es versteht sich für 
Jes. von selbst, dass man sich an die Reste des Patriziats wenden wird. Wie die auf- 
ständischen Bauern dem Ritter Götz die Führung aufzwangen, so stürmen die >Enterbten« 
zu einem Patrizier, der nicht blos noch ein eigenes Haus hat, sondern im Hause seines 
Vaters, im alten Erbe, sitzt, und wollen ihn zum Diktator machen, weil er (er allein) 
noch einen Mantel und damit die Mittel zu repräsentieren habe. Grade diese Motivierung 
dürfte beweisen, dass es die Plebs, nicht etwa die (meist vernichteten oder geflüchteten) 
Angehörigen der regimentsfähigen Klassen sind, die auf diese halb naive, halb herrische 
Weise das Bedürfnis kundgeben, den Zusammenbruch wieder zu heilen, und zugleich die 
eigene Unfähigkeit zu regieren und die gewohnte Unterordnung unter die Vornehmen 
verraten. »Häuptling (s. zu c. lio"! wirst du uns sein«, ein kategorischer Befehl. Aber 
der Erwählte setzt eine ebenso kategorische Vereinung dagegen v. 7. Er ruft (Vip zu 
ergänzen wie z. B. Job 21 is) in der Erregung: Ich will nicht Wundarzt (c. l5) sein, 
ich bin ebenso arm wie ihr alle. Dass er auf keine Besoldung rechnet, liegt wohl nicht 
blos an der durch die Anarchie hereingebrochenen allgemeinen Armut, sondern wird 
auch sonst das Gewöhnliche gewesen sein und eine der Ursachen, dass blos die Reichen 
öffentliche Ämter versehen konnten und dass manche sich durch Bestechungen und Er- 
pressungen entschädigten und für die Armen nicht zu haben waren (s. zu c. 1 17.83). Das 
c; y:s.p deutet an, dass Jesaia sich auch die Dynastie vertrieben oder abgesetzt denkt, 
die er v. 2 f. nicht mitnannte (wie doch Hosea c. 34), weil es ihm bei seinen bekannten 
Gesinnungen gegen das davidiscbe Hans widerstreben mochte. Angesichts der Dar- 
stellung V. 1— 7, deren Lebenswahrheit seitdem so manche Revolution bestätigt hat, fragt 
man sich, ob Jes. schon Ähnliches erlebt hatte, wenn auch nicht im eigenen Land, so in 
der Nachbarschaft. Oder haben wir diese bewundernswerte Schilderung als Beweis 
seiner Genialität anzusehen? Gewiss ist er nicht blos im engeren Sinn als Visionär 
und Gottesredner Prophet, sondern auch in dem weiteren, in dem jeder grosse Dichter 
Prophet ist. 8 Die dritte Strophe v. 8. 9. 12 giebt nun die Motivierung zu der in v. 1 — 7 
gedrohten rSi^n, Wort und That sind in Stadt und Land wider Jahve. ^k (statt hv) ist 
hier noch viel unmöglicher als c. 24; v. 8 b ist überhaupt etwas sonderbar trotz gewisser 
Anklänge an c. 1 16. nt-)^^ für nSnwn!; vgl. Ps 78 17 (Ges. § 53 q). 9 Jahve ist der Ober- 
ricbter und hat die Aufsicht über die menschlichen Regenten und Richter, die aber vor 
seinem Richterstuhl nicht bestehen, weil sie in offenkundiger Weise parteiisch sind. 
Eben darum der Zusammenbruch, die Entfernung der Richter und Regenten und ihres 
gleichgesinnten Anhangs. Es ist wunderlich, dass die meisten Ausleger diesen einfachen 
Zusammenhang verkennen und sich abquälen, dem bekannten Ausdruck n^ac v&n, die 
Person ansehen, wovon wir hier das nom. verb. haben (s. zu der Form Olsh. S. 359. 582), 
irgend einen andern Sinn aufzunötigen oder ein anderes Wort (von der Wurzel ^an) zu 
entdecken, in der Meinung, dass für Jes., als wäre er ein Schulmeister, Ausdrücke wie 
»ibr Aussehen«, »ihre Frechheit« schlimmere Anschuldigungen enthalten, als der Vorwurf 
absichtlicher Rechts Verdrehung. Bestätigt wird die gewöhnliche Bedeutung des Wortes 
durch den schönen Gegensatz, der im Prädikat liegt: »zeugt wider sie«. Die Grossen, 
die sich nur als Machthaber und Richter fühlen, stehen selbst als Angeklagte vor einem 



24 " Jes 38—1«. 

^Denn es strauchelt Jerusalem und Juda fällt 

Denn ihre Zunge und ihre Thaten sind wiaer Jahve, 

Zu empören die Augen seiner Majesiat 
9 Ihr Personansehen zeugt wider sie, 

Und ihre Sünde sprechen sie aus*) unverhohlen. *) wie zu Sodom. 

Wehe ihnen selbst, denn sich thun sie Böses an! 
12 Meines Volkes Herr ist ein Bube, und Weiber beherrschen es, 

Mein Volk, deine Leiter sind Verführer und deine Pfade verwirren sie. 

^^Heil dem Gerechten, denn gut geht's [ihm], 

Denn die Frucht ihrer Thaten werden sie essen. 
**Wehe dem Gottlosen, böse geht's [ihm], 

Denn Vergeltung seiner Hände geschieht ihm. 



höheren Bichter und werden von ihrer eigenen Ungerechtigkeit verklagt. Der Einwand, 
dass die Bede nicht einen einzelnen Stand, sondern das ganze Volk im Auge habe, ist 
unbegreiflich. Als ob nicht Jes. (wie alle Propheten) stets die fuhrenden Klassen für das 
Geschick und den Znstand des ganzen Volkes verantwortlich machte und dies nicht oben- 
drein V. 12 ausdrücklich ausspräche ! Wenn die rthvyis durch die Entfernung der Autori- 
täten entsteht, warum soll dann nicht das bv^ durch die Frevel dieser Autoritäten mo- 
tiviert werden können ? d'-tdb v. 9 a ist Bandbemerkung eines alten Lesers, der durch den 
zweiten Stiches von v. 9: sie machen kein Hehl aus ihrer Sünde, an die Sodomiter er- 
innert wurde, natürlich nicht an die sodomitische Sünde, sondern an das schamlose 
Heraussprechen ihrer Absicht, die schutzlosen Fremden zu vergewaltigen, n-rns kV hat 
den Charakter eines Hülfsverbums. Ihre eigene Person {watz wie z. B. c. 47 u 46 s) 
bringen jene ins Unglück, die andere ungestraft vergewaltigen zu können sich rühmen 
V. 9 c. 10. 11 Der Ausruf in v. 9 c hat einen Leser veranlasst, ein paar herzlich triviale 
und in unserm Zusammenhang gradezu unpassende Sprüchwörter an den Band zu setzen. 
Unpassend und unmöglich ist hier der Satz, dass der Gerechte die Frucht seiner Thaten 
esse, deswegen, weil die Guten grade so gut wie die Schlechten unter der Missregierung 
und in der bevorstehenden Anarchie zu leiden haben. Für Jes. und die alte Zeit worden 
die Gerechten das Gut des Landes essen (1 19), wenn sie mit dem ganzen Volk mehr oder 
weniger identisch sind; die individualistische Vergeltungslehre, die offenbar die Meinung 
unserer Sprüchwörter ist, dass der Fromme auf jeden Fall auf genaue Honorierung seiner 
Thaten zu rechnen habe, konnte naturgemäss erst herrschend werden, als der alte Staat 
als solcher seinen Wert für die Beligion verloren und der Einzelne auf eigene Hand, 
vielleicht in fernen Himmelsstrichen, sein Glück zu schaffen hatte. Übrigens scheint der 
Band für die beiden Sentenzen etwas zu knapp gewesen zu sein: bei y^ fehlt, wie die 
Parallele zeigt, das *>3, bei y-i und s'fis das *iV, denn dass beide Wörter unglücklich und 
glücklich bedeuten, kann man mit Gen 479 Am 68 Ps 1125 nicht beweisen, jedenfalls 
wären sie neben p^x und ro*\ sehr ungeschickt ; die eine Stelle, mit der sich der Wegfall 
des 1^ bei aiia allenfalls rechtfertigen Hesse, Jer 44 17, giebt, wenn man sich auf ihr Alter 
und ihr Hebräisch berufen darf, den Sinn viel unzweideutiger zu erkennen. Der Platz- 
mangel war auch wohl schuld, dass i*^»« für '^v^ gelesen werden konnte. Dillm. will 
allerdings die Antiphonese bei i^om verteidigen; dass dies Wort sonst nicht mit dem 
acc. pers. konstruiert wird, macht in diesem Fall nichts aus, behauptet er, natürlich 
ohne es zu begründen; >son8t< (hilft das eine nicht, so hilft das andere) könnte man 
auch übersetzen: sagt, der Grerechte, dass er gut. Eine solche Stotterei muss sich Jes. 
gefallen lassen, nur damit sich der Abschreiber nicht versehen habe? Freilich erklärt 
Dillm. das n^itsK für »unentbehrliche : Jes. fordere die verstockten Bösewichter auf, sich zu 
jenen Wahrheiten (des deuteronomi sehen Katechismus) zu bekennen, und rüge so indirekt 
ihren — frivolen Unglauben. Eine wunderbare Pädagogik! War Jes. eben erst aus dem 
Seminar entlassen, dass er mit solchen Kindlichkeiten Eindruck zu machen glaubte? 
12 sagt uns, wie die v. 8 f. geschilderte sittliche Verwilderung entstehen und sich so 



Jes 3 13 -15. 25 

^Dasteht zu hadern Jahve, tritt hin zu richten die Stämme, 

"Jahve kommt ins Gericht mit den Ältesten seines Volks und 

[seinen Obern: 
„Und ihr, abgeweidet habt ihr den der Raub des Elenden ist in euern 

[Weinberg, JHäusem ! 

15 Was zerschlagt ihr mein Volk und zermalmt das Gesicht der Elenden?" 
Spruch des Herrn Jahves der Heere. 



schamloB geberden konnte: der König ist ein Kind (»Wehe dir Land, dessen König ein 
Kind ist und dessen Oberen unmässig« Koh 10i6) nicht grade den Jahren, aber der Keife 
nach : um so besser passt das hyperbolische VViyr, das, wenn es nicht aus VVty verschrieben 
oder »verbessert« ist, den Sinn des gleichlautenden. Part. Poel von ^^9, misshandelnd, 
miteinschliessen soll. Statt des Knaben regieren die Weiber, etwa die Mutter, die ihn 
noch am Gängelbande hat, und er selbst ist kein starker Regent, sondern ein launischer 
hochmütiger Frohnvogt. vwa im Plur. vgl. c. 194 1». Das zweimalige «na?, die Voran- 
stollung des Wortes in 12 a, der Wechsel der Person sieht nicht sehr vertrauenerweckend 
aus, auch sonst ist manches auffällig. Dass v. 12 b jesaianisch ist, kann man nur zu gut 
beweisen, denn er kehrt c. 9i5 fast wörtlich wieder, während es uns schwer ein will, 
dass ein Jes. sich in dieser Weise selbst zitiert haben sollte, s. jedoch zu c. 9i5. Das 
7-1-1 war vom Abschreiber versehentlich geschrieben und dann nicht gestrichen, um die 
Abschrift nicht zu verunzieren und dadurch zu entwerten, ähnlich wie "pn in Gen 19 is. 
17^3 fand die LXX ohne das y und sprach es rs^; hhz passt in der That besser als ^Va 
verschlingen, das vielleicht vom Ktib mit Bücksicht auf c. 9 15, wo es auch die LXX hat, 
gewählt ist. 

Viertes Stück c. 3i8— 15, mit neuem Eingang und von ganz anderer Form, als 
das vorhergehende, wo bereits das Gericht und seine Folgen geschildert sind, während 
hier sogar erst die Gerichtsverhandlung angekündigt wird. Stammt es von Jes., was 
freilich weder bewiesen noch widerlegt werden kann, so verweisen wir es in seine früheste 
Zeit, denn die Gerichtsvorstellung ist sehr einfach, Jahve selbst noch der Eichter. In- 
dessen ist es freilich trotz des abschliessenden c»a v. 15 wohl nur ein Bruchstück, es 
fehlt ein Darum! 18 Jahve will hadern, Prozess führen, aber nicht als Ankläger (lis), 
sondern als Eichter. Er sitzt nicht, wie in späteren Darstellungen (Dan 7 9), die in der 
Ausmalung der göttlichen Majestät sich nicht genug thun können, sondern er steht da; 
eben »aus der Feme« herbeigekommen, tritt er voll Zorns und Eifers vor das Volk, um 
ohne viel Zeremonieen die Schuldigen zur Eechenschaft zu ziehen; keine Spur von dem 
feierlichen, von langer Hand vorbereiteten Weltgericht. Die o-wy sind nicht die Völker 
überhaupt, sondern die israelitischen Stämme, wie doch v. 14 f. deutlich genug zeigt. 
D7 ist die kleine oder grosse Volksgemeinschaft von Einem Blute und mit einer Volks- 
gemeinde, daher oft der einzelne israelitische Stamm z.B. Gen 49 ig. 10, dessen verhältnis- 
mässige Selbständigkeit sogar zur Zeit Jesaias noch nicht ganz aufgehört hat vgl. c. 980; 
die Korrektur i%9 ist unnötig. Obgleich Jahve die Stämme richten will, fordert er doch 
14 nicht die Gesamtheit oder die einzelnen Individuen Mann für Mann vor sich, sondern 
nur die für die Wohlfahrt des Volkes verantwortlichen Gemeinde- und Staatsbeamten 
(vgl. zu c. 39). Zornig bricht er los »und ihr« vgl. Ps 26, nicht als ob er vorher andere 
abgeurteilt hätte, wovon ja nichts gesagt wird, sondern weil der Affekt einen andern 
selbstverständlichen Satz unterdrückt: ich habe euch doch zu Beschützern des Volks 
eingesetzt. »Den (nicht: meinen) Weinberg habt ihr abgeweidet« ist wahrscheinlich eine 
sprüchwörtliche Eedensart. Statt den Weinberg vor dem Weidevieh zu behüten, haben 
sie selbst ihre Herde darauf getrieben. Der Eaub (zu r\n s. Olsh. S. 320) der Armen 
(gen. obj.), das was sie den Schutzlosen etwa durch die Am 84ff. 5ii. is erwähnten Mittel 
abgenommen haben, ist in ihren Häusern, dient also als Beweismittel. 15 ist noch 
stärker; was erfrecht ihr euch, nb no in Ein Wort zusammengezogen, darum ohne ^^ 



26 Jes 316-17. 

i^Und es sprach Jahve: Weil hochmütig sind die Töchter Zions, 

Und gehen gereckt den Hals und schielend mit den Augen, 

Immerzu trippelnd gehen und mit ihren Füssen klirren: 

17 Wird grindig machen der Herr ihren und Jahve ihre Scham entblössen, 

[Scheitel 



vgl. dagegen c. 22 1. Die Niedrigen werden als Sklaven behandelt und zerschlagen, ob- 
gleich sie doch Jahves Volksgenossen sind (*^y): eine echt antike und anschauliche Mo- 
tivierung für das Eingreifen Gottes zu Gunsten der Machtlosen, die ebenso gut Bfirger 
sind wie die Beichen, aber deren Bürgerrecht leicht missachtet oder (s. zu c. 58) gefährdet 
wird; nur der Bürger als solcher hat mit der Gottheit direkten Verkehr, nicht der 
Sklave, darum hat das Bürgerrecht unmittelbar religiösen Sinn und Wert und ist die 
Antastung eines freien Volksgenossen eine Verletzung der Beligion. Der stärkste Aus- 
druck am SchluBs: ihr zermahlt, wie zwischen zwei Mühlsteinen, mit euern Machtmitteln 
und BechtsknifTen die Niedrigen, um ihnen das Letzte an Besitz und Kraft abzupressen ; 
unser »schinden« ist ähnlich vgl. Mch Ss. Ob der abschliessende Stiches, der über- 
flüssig ist und zu v. 13. 14 a nicht sonderlich passt, von Jes. herrührt, mag ds^ingestellt 
bleiben. 

Fünftes Stück c. 3 16—4 1, das ursprünglich nur aus den drei Secbszeilem 
c. 3 16. 17. 24 c. 4i besteht. Es ist gegen die hochmütigen, über die gute Sitte sich 
hinwegsetzenden Weiber der vornehmen Klassen in der Hauptstadt gerichtet und darf 
gewiss unbedenklich dem Jes. zugeschrieben werden, während über die Zeit der Abfassung 
keine Sicherheit zu erlangen ist; am ersten würde ich es neben c. 3i — 12 stellen. Der 
Eingang, ebenso wie c. 29 13 vgl. 85 lautend, legt die Vermutung nahe, dass das übrigens 
in sich abgeschlossene Stück einst einem grösseren Zusammenhang angehörte, aber nicht 
dem jetzigen, wo solche Eingänge ganz fehlen, wahrscheinlich einem von Jesaia selbst- 
verfassten Buch, das nicht als ein Ganzes erhalten blieb, sei es durch Schuld des Zufalls, 
sei es deswegen, weil spätere Schriftsteller einzelne Bestandteile anderen, etwa geschicht- 
lichen Zusammenhängen einverleibten, denen sie die Sammler wieder entnahmen. 16 »Und 
es sprach Jahve« scheint, nach dem Versbau zu urteilen, dem gedichtartigen Stück selbst 
anzugehören und nicht etwa von Jes. oder einem anderen nachträglich vorgesetzt zu sein. 
Zion ist hier im engsten Sinn das vornehme Stadtviertel, "^s ijT" leitet Öfter bei Jes. eine 
längere Periode ein c. 29 is 75. Das ältere m^üs ist dem rrtsa des Qre vorzuziehen. Statt 
den Blick zu senken, recken die vornehmen Damen den Hals und lassen die Augen nach 
den Männern schielen; vor der Lüsternheit betont charakteristischer Weise Jes. den 
Hochmut, der in dieser Hinwegsetzung über den Anstand liegt, den die orientalische 
Dame in der Öffentlichkeit zu beobachten hat. ^e'^*) 7')Vr, das erste Verbum nur Hülfs- 
verbum im Sinne von »immerzu« vgl. Gen 8s. 5 ; der inf. abs. wie ein Gerundium im abl. 
Das Klirren der Füsse (zu dem mascul. Suffix s. Ges. § 135 0) bewirken die Fussspangen 
(o-c5r, davon es? denom.) und Schrittkettchen (v. 20). 17 ntr sollte wie rnto und rnto^s, 
Schorf, mit c geschrieben sein; der Schorf ist die Folge gänzlicher Verkommenheit durch 
Verarmung, Krankheit u. dgl. Oben ist des Metrums wegen das schwerfällig wiederholte 
p*s ni:2 durch das Suffix ersetzt, "^rc fassen die meisten Neueren und wahrscheinlich 
auch die Pnnktatoren als »ihre Scham« und kriegen deshalb von Stade (ZATW 1886 
S. 336) eine Strafpredigt über Unverstand (weil der zweite Stiches nach dem ersten er- 
klärt werden müsste) und Beleidigung des Anstandes. Das ist ein wenig blinder Eifer. 
Der sinnlichen Grundbedeutung, die rc haben soll, braucht sich Jes. gar nicht bewusst zu 
sein, Derbheit ist am Platz, wie der erste Stiches zeigt, und n^y passt sehr gut zu der 
modernen Übersetzung von rt. Jedenfalls ist aber die Zuversichtlichkeit, mit der Stade 
nach Koppes Vorgang "{n^^ = I^^^jd zu lesen jeden verständigen Leser auffordert, nicht 
sehr berechtig^. Was bedeutet denn ein Aufdecken oder Entblössen der Kopfseite? 
Dillm., der, von der in nc angeblich liegenden Obscönität erschreckt, Stade beifällt, er- 



Jes 3s4. 4i. 27 

^^Siatt Balsams wird Moder sein und statt Gurtes ein Strick 

Und statt Haargekrauseis eine Glatze und statt weiter Hülle Sackumgürtung 

[„Schandmal statt Schönheit." 

4 *Und ergreifen werden sieben Weiber Einen Mann an jenem Tage: 

„Unser Brod wollen wir essen und in unser Gewand uns kleiden, 

Nur werde dein Name über uns genannt, nimm weg unsre Schande!" 



klärt HM für die Schläfe (was zu VM*n e zrtrt Lev 19 17 schlecht genug stimmt, noch 
schlechter zu dem sonstigen Gehrauch des Wortes) und r^^y als Enthaaren, was es sonst 
niemals hedeutet. Und wie verhielte sich das Enthaaren der Schläfe zu dem Grindig- 
machen des Scheitels? ist es eine absteigende Klimax oder eine Ergänzung dazu? will 
Jahve die Weiber r.zi und n-p machen? Aber die Glatze kommt erst v. 24. In Wahr- 
heit kann man mit der Aufdeckung der Seite nichts anfangen. Hieronymus scheint bei 
seinem crinem nudabit an I Kor 11 6 gedacht zu haben, fibersetzt jedenfalls willkürlich. 
Die alten jüdischen Erklärer werden mit ihrer Deutung »Scham« (vgl. nSre cardines 
feminae) wohl im Recht bleiben; ivirpn dafür einzusetzen (Bachmann u.a.), ist nicht gut 
wegen c. 4, Ib. Zu der Vokalverkürzung von yrrt vgl. Olsh. S. 270, zu dem SufF. Olsh. 
184. Ges. § 91 f. Zu n-ar, das nach Lev 20i8f. auch als hiph. gesprochen werden könnte, 
vgl. das Nomen rsi-;?^ und die Stelle c. 478. Wie der erste Stiches in v. 17 auf v. 16 a, 
so schlägt dieser zweite auf v. 16 b zurück. Die Entblössung der Weiber hat man sich 
wohl nicht als Folge der Kriegsgefangenschaft zu denken, sondern eher (s. zu c. 4i) als 
Insnltierung seitens des Pöbels, auf den jetzt die Vornehmen hochmütig herabsehen. — 
V. 18 IT. s. u. 24 schliesst sich an v. 17 an ; das n-rr's am Anfang ist wohl nur durch 
den langen Einsatz nötig geworden. Zu dem Grind kommt hinzu Moder, zu der Ent- 
blössung ein Strick wie c. 32 ii. Die vornehmen Frauen sind in schmutzige Bettlerinnen 
verwandelt, rvop^ n^wj, Werk von Drechselei, ist zu sonderbar, als dass man nicht das 
erste Wort für einen stehen gebliebenen (vgl. zu c. 3 12) Sehreibfehler halten sollte. 
h^i^rt ist wohl wegen des folgenden Gegensatzes von Jes. als Compositum angesehen. 
-£■' pnr -3 (-t « -"i», eine Hautverletzung durch Schlagen, Kratzen u. s. w. vgl. nsi» Ex 
21 25) scheint ein volkstümliches Beimwort und von einem Leser beigeschrieben zu sein. 
V. 25f. s. u. — c. 4, 1 setzt c. 324 fort, als letzter stärkster Zug aus dem Bilde von der 
Verkommenheit jener Weiber. Jetzt stolz auf ihre hohe und sichere Stellung werden sie 
dann von der Verzweiflung dazu gebracht, sich mit Beiseitesetzung des Schamgefühls 
dem ersten besten Mann an den Hals zu werfen, um nur durch den Namen einer Ehefrau 
einige Sicherung vor den gemeinsten Insultierungen zu gewinnen, denen in Zeiten der 
Anarchie alleinstehende Weiber, am meisten aber heruntergekommene vornehme Frauens- 
personen ausgesetzt sind. Der Anfang ist Zeh 8x3 nachgeahmt. M^rn Di*a hier wie 
c. 2 11. 17 am Schluss des Satzes; *i5«V wird hier wie c. 3? hinzugesetzt sein. Die Weiber 
wollen sich selbst durch Arbeit oder mit den Besten ihres Vermögens durchs Leben 
schlagen, statt sich von dem Mann ernähren zu lassen, wenn er sie nur durch seinen 
Namen deckt, '^rhy drückt die Oberhoheit aus vgl. z. B. Am 9i», wie ja auch das Weib 
ihren Mann ^72 oder ti-k nennt (Gen 18 1«). "isrE-^n ist nicht die Schmach der Ehe- oder 
Kinderlosigkeit; die wäre unter so he wandten Umständen selbst für orientalische Weiber 
ein kleines Übel. Gemeint ist die Schande, in der nach dem allgemeinen Zusammenbruch 
die gestürzten, schutzlosen, früher beneideten, jetzt verlumpten Weiber der aristokrati- 
schen Stände leben, nachdem ihre Väter, Brüder, Gatten getötet oder verjagt sind. 
So sind diese drei Strophen ein Seitenstück zu c. 3 1—1«. — Einverleibt sind ihnen zwei 
Zusätze : 

1) c. 3 18 — 23 unterbricht den Zusammenhang von v. 17 und 23 durch ein Inventar 
der weiblichen Toilette, das durch das unvermeidliche »An jenem Tage« eingeführt wird 
und eine erstaunliche Beschlagenheit Jesaias auf diesem Gebiet verraten würde, wenn 
man es ihm ernsthaft zuschreiben dürfte. Aber Jes, hat hier so wenig die Putzwaren- 



28 Jes 3l8— 23. 85. 26. 

3 ^^Än jenem Tage wird entfernen der Herr die Pracht der Fussspangen 

und der Sonnchen und Mondchen, ^^der Ohrgehänge und Ketten und Schleier, 

'Oder Kopfbunde und Schrittkettchen und Gürtel und Duftbüchsen und Amu- 

lete, '^der Fingerringe und Nasenringe, ''der Galakleider und Überkleider und 

Umschlagetücher und Taschen, '^der Handspiegel und Hemden und Turbane 

und Überwürfe. — 

^^ Deine Mannen werden durcVs und deine Heldenschaft durch Krieg. 

[Schwert fallen 

'* Und Magen und jammern werden und ausgeleert wird sie zur Erde 

{ihre Pforten,, [sitzen. 



handlang ausgeschrieben, wie der Dichter des Hohenliedes den Krämerladen in Cnt4i3f. 
Dillm. meint freilich, dass die Aufzählung ihre gute oratorische Wirkung habe und dass 
die lange, nicht enden wollende Reihe die Masslosigkeit der Prunksucht der Weiber ver- 
anschauliche, warnt übrigens vor der Einbildung, dass jede einzelne alle diese 21 Dinge 
zusammen oder gar zu gleicher Zeit getragen habe. Um die Kulturgeschichte mag der 
Einsatz nicht unverdient sein, hat wenigstens Stoff zu ganzen Büchern geliefert. Das 
Verzeichnis kümmert sich wenig um geordnete Reihenfolge und natürlich noch weniger 
um den Rhythmus der prophetischen Rede. Zum Teil sind die Artikel ausländischer 
Herkunft, wie die Namen beweisen. 

2) c. 3s5. 26 enthält vier Stichen, die von den übrigen in Form und Inhalt so 
stark abweichen, dass ihre Unechtheit in die Augen springt. Angeredet wird v. 25 ein 
Femininum, nach v. 26 eine Stadt, unter der der Einsetzer natürlich Zion verstanden hat, 
während dies vom Dichter nicht so sicher behauptet werden kann. Dass die beiden 
Disticha, die vielleicht ursprünglich nicht so nahe bei einander standen (wegen des 
Wechsels der Person), einem Gedicht entlehnt sind, ergiebt sich aus der Sprache: dtä, 
n-'.nu sind durchaus poetische Ausdrücke, und v. 26 ist ganz und gar poetisch gehalten. 
Das Schicksal der unbekannten Stadt scheint mir zu elegisch ausgemalt zu sein, als 
dass ich die Verse dem Jes. zuschreiben möchte. 25 o*'*^« wird im gewöhnlichen Leben 
nicht mehr gebraucht, eben darum von den Dichtern im emphatischen Sinne; nniaj ist 
Kollektiv für d— naj wie z. B. -^las c. 5i3. 26 Das alliterierende n^a«'» '38i auch in der 
späten Stelle c. 198. ü^nrt von einer Stadt noch gewählter als B*^?r; die Thore klagen 
(vgl. c. 14si), weil die Männer getötet sind, die im Thor sonst zusammenkamen, oder weil 
eine grosse Gefahr droht, nrpai steht trotz des kleinen acc. dist. in Pausa, um zu vor- 
hindern, dass das folgende Wort mit ihm, statt mit arn zusammengelesen werde. Aus- 
geleert (von Bewohnern ? oder von Freude, Glück ?) wird sie sein, zur Erde hinsitzen (in 
Appositionsstellung hinzugefügt), nicht grade wie eine Entthronte (c. 47 1), sondern wie 
eine Trauernde (Thr 2io). 

Sechstes Stück c. 42 — 6. Es schildert den herrlichen Zustand Palästinas und 
Jerusalem in der Zeit nach dem grossen Gericht, vor allem die Herabknnft der göttlichen 
Majestät auf den Tempelberg. Der Stil ist so schleppend und schwerfällig, wie in keinem 
vorexilischen Prophetenbuch; hin und wieder findet sich ein Ansatz zum üblichen 
Parallelismus membrorum, aber es entsteht höchstens eine Art von halbpoetischer Prosa. 
Ob die Vorstellung von der »Heiligkeit« der »Entronnenen Israels«, vom Geist des Ge- 
richts und der »Abspülung« der Unreinheit durch Jahve, von der sinnlich wahrnehmbaren 
Gegenwart Gottes über der Festversammlung, und die Verweisung auf die analoge, vor- 
bildliche Gegenwart Gottes über der mosaischen Stiftshütte jesaianisch sind^, das darf 
man wohl bezweifeln. Ist die messianische Deutung von v. 2 und der hebr. Text von 
V. 5 im Recht, so würden sich die Anzeichen für späten Ursprung noch mehren. Stade 
(ZATW 1884 S. 149 ff.) streicht v. 5. 6 als nachexilischen Zusatz, weil hier von der Rück- 



Je» 4»— S. 2ft 

4 'An jenem Tage wird gereichen der Sprosa Jahves zur Zierde und zur 
£hre und die Frucht des Landes zur Hoheit und zum Schmuck den Entronnenen 
Israels. <Und geschehen wirds, der Übriggebliebene in Zion und der Bewahrte 



kehr Jahves nach Jerusalem die Bede sei, wovon ich nicbte entdecke; er stellt ausser- 
dem die ersten drei Verse in die Reihenfolge 4, 3, 2. Auf diese Weise Hessen sich doch 
aas Koheleth oder Esther jesaianische Präparate herstellen? Das Stfick, das sich mehr- 
fach mit den Zusätzen in c. 28 — 32, besonders mit c. 28 5f. berührt, spiegelt die eschato- 
logischen Vorstellungen des 2. Jahrb. wieder (s. zu c. 24s3); es dürfte vom Sammler des 
Büchleins c. 2—4 verfasst sein, der dieses nicht ohne tröstlichen Scbluss lassen mochte 
und daran, dass seine Sätze Jesaias Lehre wiedergeben, so wenig zweifelte, wie heut« 
ein bibelgläubiger Theologe an seiner Übereinstimmung mit der Bibel. 2 Das einleitende 
»An jenem Tage«, sich an das Vorhergehende ebenso schlecht anschliessend wie c. 285, 
führt uns in die eschatologischen Stimmungen und Interessen hinein, mit denen die 
jüdischen Leser überall an die alten Orakel herantraten und über deren geschichtlichen 
Sinn sich hinwegsetzten. In der Endzeit giebt es eine Vk*»»" r^t c. lOio, einen Rest 
c. 285, der der allgemeinen Vernichtung entronnen ist und mit der jüdischen Gemeinde 
nach Ausscheidung der Abtrünnigen und »Sünder« c. Isrf. zusammenfällt; diesem Best 
wird der dann eintretende Stand der Dinge zur hohen Ehre dienen. Selbstverständlich 
heisst das nicht: der Best wird sich daran genügen lassen und nicht nach anderen 
weltlich hohen Dingen streben (Dillm.), das hiesse es selbst dann nicht, wenn dastände: 
* rrrht *r9a: die späteren Eschatologiker denken immer daran, was die Fremden dazu 
sagen werden, wenn »Israel« plötzlich so emporkommt. Zu dessen Ruhm wird gereichen 
mTV^ rnxi und f-^wn "^e. Die Frucht des Landes, nämlich des heil. Landes, ist nach Num 
13ss Dtn 88 Gen 43 ii Wein, Granatäpfel, Feigen, Balsam, Honig u. s. w., was alles 
in der Zukunft viel herrlicher gedeihen wird als jetzt, als Beweis für die Frömmigkeit 
des Volkes und den Segen seiner Religion Dtn 28 Lev 26. Da Jahve Korn, Baum- 
frucht n. 8. w. sprossen lässt, so könnte r^^-rr rras dasselbe sein, indessen ist der Gesichts- 
punkt dabei ein anderer. Frucht des Landes ist, was das Land nach Bodenart, Klima, 
Wasserverteilung dem Fleiss des Landmanns erfahrungsgemäss liefert, Spross Jahves 
das, was die Gottheit unberechenbarer Weise durch Gabe von oben her, namentlich 
durch Regen, wachsen lässt, eventuell auch auf dem Boden, der sich menschlicher 
Kultur versagt vgl. Ps 104isff. Beides zusammen, wie es auch Dtn 28iif. etwas weit- 
läufiger zusammengestellt ist, hat, wenn es sich künftig im reichsten Masse einstellt, 
zur Folge, dass alle Völker Israel mit Scheu und Bewunderung ansehen werden, als »ein 
Geschlecht, das Jahve gesegnet hat« c. 61 9 622.3. vgl. Dtn 28 lo 46.7. De Lag. macht 
nach der Besprechung von '" rmx als dem ttuTo^aroK tfviv, für das er Wetzsteins und 
Sprengers Parallelen aus dem ausserbibl. Sprachgebrauch beibringt, folgende Mitteilung : 
»Der Ausdruck ''^ 's bedeutet mithin nach Vergleichung von Jer 236 33 15 einen Nach- 
kommen des davidischen Hauses, den Jahve in dunkler Zeit als einen Gegensatz gegen 
die untauglich gewordenen natürlichen Nachkommen geboren werden lässt. Der Aus- 
druck ist bereits in Jes. ein technischer, mithin älter als Jesaia.« Die beiden »mithin« 
sind ganz unberechtigt, es ist die reine Offenbarung. Was soll denn das parallele ***»» 
T^iin bedeuten, giebt es da kein »mithin«? De Lag. fährt fort: »Auch hier wie so oft 
das am Tiefsten in die Herzen Greifende der jammervollen Bibliolatrie des Protestantis- 
mus zum Trotz nicht in der Schrift, sondern zwischen ihren Zeilen und hinter denselben.« 
Nein, auch nicht hinter ihnen, sondern blos in den »mithin«. Wenn der letztere Satz 
dem Vf. der Semit, von einem Dritten in den Mund gelegt wäre, so dürfte er sich be- 
schweren. Denn grade die »Bibliolatren« huldigen seit langem der von ihm vermeintlich 
neu entdeckten messianischen Deutung des rmx. Übrigens ist man viel spröder gegen 
subjektive Offenbarungen, die so unbeglaubigt über uns herfallen, als gegen zu weit 



äO Jefi 48—5. 

in Jerusalem, heilig wird er genannt werden, jeder der aufgeschrieben ist zum 
Leben in Jerusalem, ^wenn abgewaschen hat der Herr den Unflat der Töchter 
Zions und die Blutschulden Jerusalems w^pült aus seiner Mitte, durch den 
Geist des Gerichts und den Geist der Vernichtung. ^Und kommen wird Jahve 
auf die Statte des Berges Zion und dessen Versammlung auf der Wolke bei 



getriebene Anhänglichkeit an kirchliche Deutungen. 8 »Und geschehen wird's«, aber- 
mals ein ärmliches Anknüpfungsmittel. Der Rest soll heilig »genannt werden«, letzteres 
ein Lieblingsausdruck bei den Späteren, besonders bei Tritojesaia (c. 60 u 61 6 624. is). 
Die allgemeine »Heiligkeit« aber ist ein eschatologisches Dogma, das kaum vor der 
deuteronomischen Zeit möglich war und auch da hauptsächlich nur von solchen Schrift- 
stellern vertreten wird, die wie Tritojes. und Deuterosacharja in den Juden eine Art 
Priesterkaste für die ganze Menschheit sehen und auf die künftige Herrschaft des Tem- 
pels und seines Kultus über die Welt rechnen (Jes 61g 62» Zeh 148of. vgl. den Zusatz 
zu Jes 6is). Ein Prophet, der auf ein Königtum und fleissige Ackerbauer (c. 3280) 
rechnet, könnte einen permanenten Heiligkeitszustand jedes Einzelnen weder für möglich, 
noch für wünschenswert halten. Das »ungeschickt nachklappende und sich in den Pa- 
rallelismus nicht fügende Versende« von v. 3 hftlt Stade für ein Glossem, weiss auch 
»die Vorstellung, dass die ,zum liCben* Prädestinierten in ein göttliches Buch des Lebens 
eingezeichnet werden, nicht recht in der Theologie des Jes. unterzubringen.« Aber 
klappt nicht auch das Versende von v. 2 und 4 nach ? Der ganze Stil ist unjesaianisch ; 
V. 3b erinnert dagegen an den Stil von gesetzlichen Verordnungen (vgl. z. B. c. 566 b). 
Das Buch des Lebens, das auch Ex 3232f. ISam 25x9 Ps 69». 139 le Dan 12 1 ähnlich 
vorkommt vgl. Hes 94 Apk 7 äff. Jer 22 so und ein von den Bürgerlisten genommenes 
Bild ist (Hes 13 o vgl. Neh 12ttf. 7 5.64), wäre bei Jes. immerhin möglich, und die Idee 
der Prädestination braucht nicht darin gesucht zu werden; aber es nimmt sich diese 
Vorstellung für einen Jes. allerdings zu kleinlich und theologisch aus. 4 würde bei Jes. 
wahrscheinlich nicht mit dm, sondern mit ^s (denn) beginnen. Die Ausleger streiten, 
ein indirekter Beweis für den schlechten Stil des Stückes, darüber, ob v. 4 Nachsatz zu 
V. 3 oder Vordersatz zu v. 5 sei ; was richtig ist, kann kein Mensch sagen, dk »ist hier 
nicht reine Bedingungspartikel, sondern neigt zum Zeitbegriff hin wann«, sagt Dillm., 
ohne Missfallen Über eine solche Unreinheit zu empfinden; als die Zeit angebend steht 
es auch z. B. c. 28 S5. Die Töchter Zions sind wohl die c. 3i6 von Jes. angegriffenen 
Zionitinnen; das v. 4a gebrauchte Bild gehört, im Gegensatz zu der Bestimmung, die 
vernünftiger Weise jedes Bild hat, zu denen, die man nicht in der Vorstellung repro- 
duzieren darf. Die Blutschulden betreffen die männliche Hälfte der Bevölkerung, sie 
sollen »abgespült« werden, ein Ausdruck aus der Kultussprache vgl. Hes 4088 IIChr46. 
Die Abwaschungen geschehen »durch den Geist des Gerichts und der Vernichtung« (denn 
verbrennnen soll '^72 doch wohl nicht bedeuten, da man mit Feuer nicht abspülen kann). 
csevQ in diesem technischen Sinn auch c. In 5i6; für den Geist haben Überhaupt die 
Späteren eine Vorliebe vgl. c. 286 63 lo. i4 Zeh 68. Dass hier der Geist als Medium des 
Gerichts auftritt, könnte auf einer theologischen Ausspinnung von c. 11 4 beruhen (vgl. 
c. 407). 5 im hebr. Text: und schaffen wird Jahve über der ganzen (heilig. Wohn-) 
Stätte des Zionberges und über Zions Festversammlung eine Wolke u. s. w. Danach 
würde* über dem ganzen Berge, der nicht mehr Königssitz, sondern nur noch Tempelberg 
ist, eine von Gott neu geschaffene Wolke bei Tage und Bauch und Feuerglanz bei Nacht 
schweben, erstens weil alles Herrliche überdacht sein muss, zweitens (v. 6) um Bogen 
und Sonnenglnt abzuhalten. Ganz unverändert wird dieser Satz nur von Wenigen 
akzeptiert (z. B. von v. Orelli), die meisten versuchen es mit andern Konstruktionen, 
Umdeutungen oder Streichungen. Hitz. zieht die ersten zwei Worte von v. 6 zu v. 5, 
ähnlich Ew. und Del., Bredenk. umgekehrt ntr. zu v. 6; Ges. Knob. fassen ntn als un- 



Tage und mit Rauch und Glanz der Feuerlohe bei Nacht*), 'und er wird sein 
zum Schatten vor der Hitze und zur Zuflucht und zum Versteck vor Wetterguss 
und Regen. 

*) denn über aller Hoheit ist ein Baldachin. 



pers. perf. pual ; Dillm. streicht v. 6. y. 5b kann ohne Künstelei nur heissen: denn über aller 
Hoheit ist ein Baldachin (v. Or.), das ist aber offenbar eine Motivierung für den Yorher- 
gehenden Satz des hebr. Textes: Jahve wird über dem Tempel eine Wolke etc. schaffen, 
and zwar eine so entschieden rabbinische Motivierung, dass sie dem Vf. nicht angehören 
kann : wie der König unter dem Baldachin sitzt, Braut und Bräutigam unter ihm gehen, 
so muss der Tempelberg als Königsthron, die Kultusgemeinde als Braut des himmlischen 
Bräutigams einen Baldachin über sich haben. Nach Entfernung von v. 5b bleibt noch 
manches Auffallige. »Wolke bei Tage und Bauch«, wie die Akzontuation vorschreibt, 
giebt keine Bauchwolke, wohl aber zwei schlecht vereinbare Dinge. LXX und manche 
Exegeten verbinden mit Becht p? mit rM; Ex 1321 und Parall. stimmt nicht blos 
damit fiberein, sondern ist offenbar Grundlage und Vorbild unserer Stelle. Dillmanns 
Einwendung, dass man des Nachts den Bauch nicht sehen kann, würde selbst dann 
nichts helfen, wenn sie richtig w&re (s. Gen 15i7), denn den himmlischen Lichtglanz 
können menschliche Augen auch nicht sehen, d. h. nicht vertragen;, der Bauch macht 
ihn erträglich und er den Bauch sichtbar. Sonderbar ist ferner v^2; .es würde, wenp 
ursprünglich, zu der Annahme zwingen, dass nicht von der »Gnadengegenwart Gottes« 
in der Wolken- und Feuersäule die Bede sei, sondern von etwas ganz Neuem und zu 
anderen Zwecken Bestimmtem, und dies hat ja auch die Glosse v. 5b hervorgerufen; es 
würde ferner in v. 6 den wunderbaren Gedanken hineinlegen, dass die Wolke vor Bogen 
schützen soll. Etwas Besseres erhält man durch Vergleichung der LXX: iis^a ^s n*ni Kai; 
lesen wir dafür mit Hülfe des hebr. Textes: y^y^a hy mrr^ ksi 9kommen wird Jahve über 
die Stätte«, so erhalten wir wenigstens etwas, was möglich ist und als Abschluss zu 
V. 2 — 4 passt, auch fällt dann das überflüssige ^3 des mas. Textes hinweg. Ferner hat 
LXX ir^si Dttr 133» ^s (? axuxaii)^ das wäre etwa "jwai '■' y hy »auf (c. 19 1) der Wolke bei 
Tage und im Bauch etc«. Die Festversammlung (Sing, oder Flur. s. Olsh. S. 377) Zions, 
zu der die Gemeinde nach dem nachexilischen Gesetz an den Sabbathen und Festen be- 
rufen wird (Lev 23 d. 7. 8 Ex 12 16 Num 28 is) verdient wohl den Vorzug vor den »Um- 
gebungen« der liXX. Bei den Versammlungen am Tempel soll offenbar die ganze Volks- 
gemeinde zugegen sein. Dass die goldene Zukunft jene goldene Vergangenheit der 
mosaischen Führung repetieren soll« ist zwar eine beliebte Vorstellung der Späteren, weil 
diese den Pentateuch gelesen und einen flüchtigen Gedanken Hoseas (2i6f.) gern mit der 
Wirklichkeit des babylonischen Exils kombiniert haben, aber für Jes. ist Davids Zeit das 
klassische Vorbild, das jedoch weit überboten werden soll. Auch ist sehr unwahrscheinlich, 
dass Jes. sich Jahve im künftigen Jerusalem als unter beständigen sinnlichen Erschei- 
nangen gegenwärtig sollte vorgestellt haben; c. 28—4 lliff. 96f. 32iff. i5ff. weiss nichts 
davon. Der Vf. von c. 45 vertritt die von Hesekiel und Tritojes. begründete^ dann be- 
sonders im 2. Jahrb. ausgebildete Eschatologie des gesetzlichen Judentums, dio aufdera 
Heiligkeitsgedanken beruht und ihren Stoff durch eine realistische Auslegung von Gesetz 
und Propheten gewinnt und die ja in christlichen Formen auch unter uns aufgetaucht ist. 
6 Die Hütte verdankt ihr Dasein nur der Erwägung, dass die neugeschaffene Wolke und 
der Lichtglanz v. 5 nicht gut gegen Begon und Sonnenglut schützen können; das rrnn 
der LXX ist natürlich richtig. So verbürgt v. 6, den Dillm. ganz konsequent zu Gunsten 
des K-13 beseitigen möchte, die Bichtigkeit von Ma in v. 5. Ferner ist mit LXX uw zu 
streichen, weil n^*»^ fehlt. An ">irc'3, wofür Jes. -»no schreibt (c. 28 17 322), nehmen wir 
keinen Anstoss, da es nur die Indizien der ünechtheit vermehrt. Dillm. beanstandet 
Wetterguss und Begen als Bilder des Ungemachs, aber nur hier, nicht c. 254 282 322. 



5 ^Singen lasst mich doch von meinem Freunde, 

I>as Lied meines Freundes von seinem Weinberg. 
Kinen Weinberg hat mein Freund 
Auf fettreichem Home, 
^Und er grub ihn um und entsteinte ihn 

Und bepflanzte ihn mit Edelrebe, 
Und baute einen Turm in seiner Mitte, 

Und auch eine Kelter hieb er in ihm aus, 
Und er hoffte, dass er Trauben bringe, 
Doch er brachte Herlinge. 
^IJnd jetzt, Bürger von jeru^em 
Und Mann von Inda, 
Richtet doch zwiscnen mir 
Und zwischen meinem Weinberg: 



Dritte kleine Sammlung c. 5. Die Anzeichen, dass c. 5 eine eigene Samm- 
lung bildet, sind mehr negativer Art. Zunächst kein Anschluss nach vorn und rückwärts : 
die Drohungen c. 5 hätten sachlich vor c. 4 oder nach c. 6 gestellt werden mfissen. 
Sodann gehört c. öi5f. nach c. 2iiff., c. 525ff. nach c. 97—104; der jetzige Zustand lässt 
darauf schliessen, dass der Sammler c. 2 — 4 und c. 6i — 104 entweder nicht besessen hat 
oder nicht anzutasten wagte. Vgl. Einl. § 11. 

Erstes Stück c. 5i — 7. Jes. hat bei einer Gelegenheit, wo er nicht blos Jeru- 
salemer, sondern auch Judäer in grösserer Zahl beisammen fand, die Maske eines Volks- 
sängers vorgenommen. Er wollte nicht gleich erkannt sein, damit dem finsteren Ver- 
kündiger des Gerichts die Zuhörer nicht entliefen. Nachdem er ihre Aufmerksamkeit 
durch die leichtgeschürzten Verse im Volkston, wohl auch durch entsprechende Musik, 
vor allem durch den rätselhaften, die Neugier weckenden Eingang gefesselt hat, wirft 
er die Maske ab und schliesst mit kurzen prophetischen Sätzen, die man nicht wieder 
vergisst. Da das Bild vom Weinberg hier als unbekannt vorausgesetzt wird, da in 
späterer Zeit Jes. wohl allgemein, selbst den Landleuten, so bekannt war, dass ihm die 
Verkleidung nichts geholfen hätte, so verlegen wir die Parabel vom ungeratenen Wein- 
berg wohl am besten in seine früheste Zeit. 1 a ist ein Vorgesang, für einen Volkssänger 
unentbehrlich, um für das Lied selbst Ruhe zu schaffen s. zu c. I2. In *t-t-V und töisV 
ist das h wahrscheinlich volkstümliche Verkürzung für hn. Eigentlich will der Sänger 
nur seines Freundes Lied vortragen, der denn auch von dem zweiten Achtzeiler an das 
Wort hat. -Tin als Abkürzung von d-^tih zu fassen (Lowth u. a.) oder in ^tt, zu verwan- 
deln, empfiehlt sich nicht; das Folgende ist kein Liebeslied oder gar Jesaias Liebeslied, 
Jesaia kein Freund süsslicher Allegorie. Ib d^s und ^-ip, ein volkstümliches Klangspiel. 
Der Boden des Weinbergs war fett; 2 Arbeit wurde nicht gespart. Das arr, Xiy. ptj, 
umgraben, ist in dieser Bedeutung durch arab. und talmud. pty. gesichert. Zu ^pc vgl. 
c. 62 10, wo "{Stet: dabeisteht. Der Weinberg erhält die kostbarsten Beben (s. zu c. 723), 
Edelreben (Gen 49 11), einen Turm für den Hüter, nicht blos eine Hütte (Is), eine eigene 
Kelterkufe, aus dem Felsenboden selbst herausgehauen, damit in sie der in dem oberen 
Trog (n^ ausgetretene Saft abfliesse vgl. Mt 21 38. Es fehlte also nichts, trotzdem 
9machte« der Weinberg nicht ordentliche Trauben, sondern faule, übel schmeckende, D*^a 
seil. 0*337, wilde Früchte, wie es Jer 2si in ähnlichem Bilde heisst. 8 Jetzt nimmt der 
Freund das Wort. Die zweite Strophe beginnt wie die dritte mit dem zu Strophen- 
anfängen beliebten nry*). Die Zuhörer sollen Schiedsrichter sein. Ähnliche Streitfragen, 
ernsthafte oder scherzhafte, mochten oft von den Volkssängern vorgetragen, vielleicht 
auch bisweilen von improvisationsfähigen Zuhörern beantwortet werden. In unserem Fall 
nahmen die Zuhörer den Streitfall bisher wohl noch von der scherzhaften Seite und waren 
auf den Bichterspruch über den widerborstigen Weinberg gespannt. Wird der Besitzer 
ihn verschenken? oder in Weide umwandeln? oder gar einen Versuch mit schlechten 



Jes 64—7. 33 

^Was ZU fhun war noch für meinen Weinberg, 

Und ich halt' es nicht gethan an ihm? 
Warum hofft' ich, dass er Trauben bringe, 
Und er brachte Heriinge? 
^ Und Jetzt lasst mich euch doch kund thun, 
Was ich thun will meinem Weinbei^: 
Entfernen seine Hecke, 

Dass er veriälH dem Abweiden, 
Umreissen seine Mauer, 

Dass er verSllt dem Zertreten, 
^Machen will ich ihm das Qaraus, 
Nicht wird er beschnitten noch behackt, 
Und aufsteigen wird er mit Dom und Distel, 

Und den Wolken eebiete ich, nicht auf ihn zu resiien! 
^Denn der Weinberg Jahves der Heere ist das Haus Israel, 
Und der Mann von Juda ist die Pflanzung seiner Lust; 
Und er hoffte auf gut K^ment und siehe da: ein Blutr^ment, 
Auf Rechtsprechung und siehe da: Rechtsbrechung! 



Beben machen? 4 Denn der Besitzer hat nichts gethan oder unterlassen, was den 
rätselhaften Aasfall verschuldet haben könnte. Die Nebenordnung der Sfttzchen in v. 4b 
statt : warum brachte er schlechte Trauben, da ich doch auf gute rechnen durfte ? macht 
einen fast scherzhaften Eindruck, ist aber doch wohl nur volkstümliche, refrainartige 
Annäherung des Schlusses dieser Strophe an den der ersten. 6 Der improvisierte Yolks- 
tbing der BQrger von Stadt und Land schweigt, »und jetzt« f&hrt der Bedner, noch im 
bisherigen Bilde, aber mit verändertem Tone fort, jetzt nicht mehr Kläger, sondern 
Bichter. Er will den Zuhörern sagen, was er zu thun im Begpriff ist (part.) In raschem, 
zornigem Flusse folgen sich die Infinitive, Dornhecke (nsivo vom Ktib von 71 v, von der 
Punktat. von 739 abgeleitet) und Mauer wie Hos 28 neben einander gestellt, gleichsam 
zur Auswahl für die Phantasie. Es ist doch eben nur ein Weinberg in der Vorstellung, 
kein wirklicher: schon hier kann der aufmerksame Zuhörer ahnen, dass etwas Besonderes 
hinter den bisherigen harmlosen Worten steckt. 6 ersetzt wie gewöhnlich die Infinitive 
durch das bequemere verb. fin. : ich will ihn machen zur Verwüstung. r,rt ist doch wohl 
mit r:r% c. 7 19, von nra abschneiden, identisch, obwohl die Punktation eine andere Wurzel 
anzunehmen scheint. Der Weinberg soll zum nackten oder mit Unkraut bewachsenen 
Berghang werden, n^ c. acc. wie Prv 24 si: zu Dornen aufsteigen, ein anschaulicher 
Ausdruck. Die Alliteration n'^vi '^**ov nur im B. Jes., bei Jes. selbst noch c. 9 17. Diesen 
letzten Satz konnte zur Not noch ein menschlicher Weinbergsbesitzer sprechen, doch 
gehört er schon nicht mehr zum Liede, denn sein Partner und die folgenden Stichen in 
V. 6 verlassen den bisherigen Rhythmus. Denn plötzlich hat Jes. die Maske des Sängers 
abgeworfen und geht zur prophetischen Bede Über. Bevor die Zuhörer recht zur Be- 
sinnung kommen, sind sie in die Strafrede hineingezogen. »Den Wolken gebiete ich« — 
es ist kein Mensch, der das spricht, sondern Jahve. 7 Und jetzt kann auch mit einem 
*3 der nackte Inhalt des Bildes hinzugefügt worden, v. 7 ist rhetorisch ungemein wirk- 
sam, ein packender Abschluss des ganzen Vorgangs. Zuerst die chiastische Satzbildung 
in V. 7 a, die die Erregung des Bedners wiederspiegelt, dann die Wortspiele in v. 7 b, die 
dem Zuhörer wider dessen Willen sich einprägen, als ein Schlagwort, das ihnen die sitt- 
liche Lage der Gegenwart und die Gefahr der Zukunft mit derselben Gedankenlosigkeit 
wie bisher anzusehen gar nicht mehr gestatten wird. Darum wird auch kein Wort mehr 
hinzugesetzt, nicht einmal eine Drohung, denn diese müssen sich schon die betäubten 
Zuhörer aus dem Gleichnis herausnehmen. Ob ncva Vergiessung, nämlich von Blut, 
bedeutet, mag fraglich sein, aber die Deutung: nto anschliessen »» rauben (Del., Diest.) 
ist noch viel fragwürdiger. Das Blutvergiesseu ist in dieser Allgemeinheit wohl eine 

UiuidkoMn«inltf t. A. T.: Da hm, Jes. 2. AuA. 3 



34 Job ßs— 9. 

^Wehe denen, die Haus an Haus rficken, Feld an Feld reihen, 

Bis kein Raum mehr ist — — — — — 

Und ihr allein behaust seid inmitten des Landes! 

^rprum so enthüllte sich] in meinen Ohren Jahve der Heere: 

Fürwahr viele Häuser werden zur Wüste werden, grosse und schöne ohne 

[Bewohner, 



Hyperbel, die dem Wortspiel und der drastischen Wirkung zu Liebe gewagt wurde. Zu 
rrprt vgl. Job 19?: ich schreie über Gewalt. 

Zweites Stück c. 58 — m: sieben Wehe, die allerdings durch Ausfall einiger 
Verse zwischen y. 13 und v. 14 scheinbar auf sechs zusammengeschrumpft sind. Auch 
sonst sind, wenn man annehmen darf, dass die Weherufe von Jes. selbst zusammengestellt 
sind und dass demnach die Strophen gleich lang waren, zahlreiche Verse ausgefallen, 
andere verstümmelt oder mit Zusätzen belastet, endlich vielleicht auch unleserliche aus 
anderen Zusammenhängen ergänzt. Aber es ist mindestens ebenso wahrscheinlich, dass 
die Sprüche von anderer Hand aus jesaianischen (oder anderen) Schriften zusammen- 
gelesen sind, denn es scheint, dass sie sehr verschiedenen Zeiten angehören. So wird 
man v. 14. 17, wo der völlige Untergang Jerusalems angekündigt zu werden scheint, in 
die früheste, dagegen v. 19, wo der Spott über das Ausbleiben der geweissagten Gottes- 
thaten erwähnt wird, eher in die spätere Zeit des Propheten zu setzen geneigt sein. 
Sichere Entscheidung ist schwerlich möglich; jedenfalls ist aber das Verfahren Stades 
und Giesebrechts (der noch Verse aus c. 10 einflickt), durch ausgedehnte Umstellungen 
einen jesaianischen Text herzustellen, nicht geeignet, sichere Ergebnisse zu schaffen, und 
auch nicht erlaubt, ausser im Boman, so lange man nicht neben den inneren noch 
evidente äussere Entscheidungsgründo für die neue Anordnung beibringen kann. Die 
meisten Dlsticha sind zu den c. Isi besprochenen Langversen verkürzt, aber nicht alle, 
ein Beweis mehr für den unsichern Zustand des Textes oder den zusammengesetzten 
Charakter des Stückes. 8 bis v. 10 greift die Latifundien Wirtschaft an. Die Beleben 
kaufen Häuser und Äcker zusammen, der geringe Mann, vielleicht durch feindliche Inva- 
sionen und Kriegslasten verschuldet, kann sich nicht behaupten ; so werden jene die ein- 
zigen Vollbürger im Lande (oravin mehr als Dna«r, denn die Armen wohnen ja auch; es 
ist gleichsam denom. von 3th*> Bürger). Denn der altisrael. Staat ist so sehr auf dem 
Anteil jedes Freien an dem gemeinsamen Grund und Boden basiert, kennt so wenig den 
reinen Kapitalbesitz, dass man mit Haus und Acker das Bürgerrecht zu verlieren in 
Gefahr ist, Tagelöhner oder gar Sklave wird; man ist wohl noch *^*9a a«7i% aber nicht 
mehr ^-«yn avr. Man weiss, mit welcher Hartnäckigkeit der Israel. Bauer an seinem Hof, 
zumal am ererbten, gleichsam adligen Hofe festhält (IReg 21). In der Bezeichnung 
Palästinas als »Haus« oder »Erbgut Jahves« wird Jahve als der Grossgrundbesitzer, die 
Freien als seine Lehnsleute gedacht, die ihm in den Zehnten, Erstlingsfrüchten etc. den 
Zins zahlen. So hat der bürgerliche Besitz auch seine religiöse Seite. Der unfrei gewordene 
Mann (und das Weib) tritt aus der religio seines bisherigen Geschlechts in die seines 
Herrn über und ruft dessen Gottheit an (Gen 24 12), der er durch eine besondere Zere- 
monie angeschlossen wird (Ex 21 e). Wer kein Haus hat, hat auch keinen eigenen Gott, 
umgekehrt verlang^ der selbständige Hof einen eigenen Besitzer (Leviratsehe) und damit 
die Aufrechterhaltung einer eigenen religio oder den vollberechtigten Anteil an einer 
solchen. Jes. ist zu seinem Weheruf gewiss nicht durch nationalökonomische Betrach- 
tungen gekommen, sondern als Verteidiger der bürgerlichen und religiösen Selbständigkeit 
des freien Mannes gegen die Entmündigung der Geringen und die Oligarchie der Beichen. 
Dass er nicht durchgedrungen ist, beweist Jer 3481T.; und das spätere Gesetz Lev 25 10, 
das übrigens in seiner Bückkehr »zum Besitz und zum Geschlecht« noch dieselbe 
Gedankenverbindung aufweist, ist natürlich Utopie geblieben. Die 2. pers. in v. 8b 
steht in diesem Stück isoliert da. 9 ist wahrscheinlich verstümmelt; es fehlt etwa ein 
»Drum« und ein Verbum vgl. c. 22 14. LXX übersetzt ein: n-ir?* «arKa nvi ^s, und der 



Jes 5 10 — 13. 35 

^^Denn zehn Joch Weinbergs werden Einen Eimer bring«! und ein Malter 

[Aussaat einen Scheffel. 

^^ Wehe denen, die früh am Morgen aufstehend dem Meth nachiagen, 

Die spät in aer Dämmerunfi; aushaltend der Wein gluhoi macht, 

^Und es ist Zither und Har& Pauke und Flöte und Wein ihr Gelage, 

Doch das Werk Jahves erblicken sie nicht und das Thun seiner Hände 

[sehen sie nicht: 

^3 Drum fi[eht in Verbannung mein Volk aus Mangel an Einsicht, 

Sein Adel ausgesogen von Hunger und die Ma^ brennend von Durst 



stat. constr. hat bei einigen Neueren (Geiger, Cornill) Beifall gefunden als vermeintlich 
kühner Anthropomorphismns. Ja, was hat denn Jahve gehört? giebt's über ihm wie 
über einem Wodan noch eine Schicksals macht, der er die Orakelsprüche ablauscht? 
Das ä in ^itn nötigt den Leser eine kleine Pause zu machen, ywo verneint eigentlich 
doppelt vgl. Ges. § 152, 2. Der Schwur, der übrigens auch beweist, dass Jahve redet 
und nicht hört, lässt wie gewöhnlich den Nachsatz weg. 10 Dass die reichen Besitzer 
der grossen Häuser zu Grunde gehen, wird damit begründet, dass Jahve auf ihren 
vielen Äckern nichts wachsen l&sst, wieder ein Zeichen davon, dass Juda noch reiner 
Ackerbaustaat ist und selbst Jerusalem noch keine Handelsstadt. Man hat wohl, da 
doch geemtet wird, an Miss wachs zu denken, nicht an Verheerung der Icker durch den 
Feind (wie c. Tasff. 37 so). Bath = Epha »» Vio Chomer. Nach den Babbinen soll ein 
Bath c 20 Liter halten, nach Josephus fast doppelt so viel; Bertheau (Z. Gesch. der 
Israeliten S. 73) berechnet es auf 1985,77 Par. Cub.-Z., Benzinger (Archäologie S. 184) 
auf 36,44 Liter. »Joch«, so viel, als ein Paar Ochsen an einem Tage umpflügen können, 
vom Ackerland auf den Weinberg übertragen. 11 bis v. 13 das zweite Wehe. Zum 
stat. constr. vor der Präposition vgl. Ges. § IdOa. Weintrinken am Morgen ist im 
Orient fast unerhört vgl. Akt 2i6 £oh lOief. Schwelgerei greift Jes. auch c. 22 und 
28 an. 12 Musik und Gesang beim Gelage erwähnt Amos (65) bei den Nordisraeliten. 
Bei nrvQ denkt Jes. nicht mehr an die Wurzel nnv, sonst wäre y^ überflüssig. Das 
Schlimmste ist, dass das Genussleben die Fähigkeit zu sehen und zu hören abstumpft, 
sonst müssten die Schwelger merken, dass Jahve Grosses im Werk hat. Sein Werk ist 
nach Dillm. »das ganze Wirken Gottes in der Geschichte zur Verwirklichung seines 
Heilsratschlusses« , aber was weiss Jes. von der protestantischen Dogmatik? Jahve hat 
dem Propheten zugeflüstert, dass grosse Dinge bevorstehen, Verwüstung der vornehmen 
Häuser, Verbannung des Volkes; Jes. hat das oft genug angekündigt, wenn man wollte, 
könnte man es sehen. Die Führer des Volkes müssten doch die Bewegungen in der 
Völkerwelt schon wahrnehmen und hinter ihnen Jahves Absichten. 18 Aber weil die 
Schlemmer nicht »auf den sehen, der es von ferne her bildet«, (c. 22 11b), geht »mein 
Volk«, das jenen schlechten Führern anvertraute unglückliche Volk Jahves, unter »aus 
Mangel an Einsicht«. Dillm. will diese wörtliche Übersetzung von rr^ -Vau nicht, weil 
sie voraussetze, dass jene Prasser die Pflicht des Lehrens hätten. Aber muss man denn 
immer gleich an Pfarrer und Schulmeister denken? Sind für Jes. grade die politischen 
Wegeleiter des Volkes, denen die Erkennung der Ziele Jahves obliegt, nicht noch viel- 
mehr die Lehrer des Volkes, als etwa die Priester, die übrigens nach c. 287ff. unter den 
Schwelgern mitgemeint sein können? i-iias und la'non, beides abstr. pro concreto (325), 
bezeichnet die beiden Hauptstände, die Patrizier und die Masse der Freien, die plebs, 
welche letztere für die Verirrungen der Führer mitbüssen muss. Dillm. fürchtet, dass 
bei dieser allein möglichen Deutung von ynrt das »beabsichtigte Gesetz der Vergeltung« 
nicht zum Ausdruck komme, hat also den eben vorhergehenden Stichos schon wieder 
vergessen. Wenn das Volk gefangen weggeschleppt wird, leidet es Hunger und Durst: 
das Gegenspiel und die Strafe für die jetzige Völlerei, "na ist durch Verwechslung des 
gelispelten n mit t entstanden, muss also "fo oder nr^ geschrieben oder wenigstens ge- 
sprochen werden vgl. Dtn 32s4; das emphatische o^nn wäre hier ganz unpassend. Ob 

3» 



36 Jes 6u— 17. 

ß^ehe über Jerusalem] 
rum macht weit Scneol ihre Gier und sperrt auf ihren Mund ohne Mass, 

Und herabfährt seine Hoheit und sein Haufen und sein Lärm und der 

[Frohlockende in ihm. 

^^Und niedrig wird der Mensch und erniedrigt der Mann 

Und die Augen der Hohen erniedrigt; 
i^Und hoch wird Jahve der Heere durch's Gericht, 

Und der heilige Gott heiligt sich durch Gerechtigkeit. 

^^Und es weiden Lämmer wie auf ihrem Trieb, und die Trümmer fressen 

[Widder ab. 



in älterer Zeit Handschriften bisweilen nach Diktat angefertigt wurden, da Hörfehler 
öfter vorkommen? Einen Hörfehler könnte man auch in nV> (statt n^s) annehmen, denn 
von der Verbannung des Volkes redet eigentlich Jes. direkt sonst niemals; v. 13 b (ein 
Zu Standssatz) könnte auch von einer Belagerung des wasserarmen Jerusalems verstanden 
werden. 14 und v. 17, jetzt durch das fremde Stückchen v. 15 f. auseinandergerissen, bilden 
den Best des dritten Wehe, dem grade das Wehe jetzt fehlt; denn dass v. 14 nicht die 
Fortsetzung von v. 13 ist, zeigt schon das ]ih. Aus den weibl. Suffixen in v. 14b und 
den »Trümmernc v. 17 erhellt, dass der Weheruf an eine Stadt, also wohl an Jerusalem, 
erging oder an deren Häupter. Micha schickt seiner fihnlichen Drohung c. 3i8 eine 
Bede an die Häupter Israels voraus, an den, der Zion mit Blut baut, an die Priester 
und Propheten, die sagen : Jahve ist unter uns, uns trifft kein Unglück. Ähnliches könnte 
auch hier gestanden haben. Jer 26i7ff. scheint allerdings eine Verkündigung des Unter- 
gangs Zions von Jes. nicht zu kenneu, indessen fällt in Jer 26 das Hauptgewicht auf 
den Tempel, der hier gewiss nicht genannt war. Auch hat später Jes. seine Drohung, 
die übrigens auch c. 329 — 14 ertönt, modifiziert und ist ahnungslos grade der Urheber 
jener Bichtung geworden, die zu Jeremias Zeit ausriefen: der Tempel Jahves ist dies, 
uns kann kein Unglück treffen. In v. 14 ist Scheol (als Landesname stets ohne Artikel 
und fem.) wie sonst wohl auch oberirdische liänder (27 1) als Ungeheuer gedacht, das 
»seine Gier weitmacht« (ebenso Hab 26; ^ti als Organ der sinnlichen Begierde bei Jes. 
auch c. 298); in den weiten Bachen fährt die ganze vornehme und geringe, lärmende, 
jauchzende Volksmasse hinab — ein grossartiges Bild plötzlichen Untergangs, wie ihn 
ein Erdbeben oder die Erstürmung der Stadt durch den Feind herbeiführt. — v. 15 f. s. 
nach V. 17. 17 schliesst unmittelbar an v. 14 an. Auf die Katastrophe folgt die grau- 
sige Stille der menschenleeren Trümmerstätte; aus den Bninen, die niemand aufzurichten 
denkt, wächst Gras (nach Mch 3 12 gar ein Wald). Dillm. findet diese Buhe idyllisch. 
Auf der Stätte weiden Schafe, als mGsste es so sein, »wie auf ihrem Triebe (*^^7:, das die 
LXX auch Mch 2i8 nicht kennt, ist wohl nicht ganz dasselbe wie "^aiQ). Und »die Wüsteneien 
Feister geniessen Wanderhirten« fährt Dillm. fort, will aber den Wanderhirten die 
Böckchen der LXX vorziehen, also d"-:» oder v^t für D'^-^a schreiben. Die Feisten oder 
Markigen sollen Wohlgediehene, Wohlhabende sein: was hätten die Markigen, Wohl- 
gediehenen hier zu thun? Die Stelle Ps 22so, wo "^'^ viel besser passen würde, als ''ain, 
kann unsere Markigen schwerlich beglaubigen. Am besten passt für ü^tvs der Sinn 
»Widder« (Ps 6615), dann ist aber s--2 oder vielmehr w^'ii ein Interpretament dazu; 
Streichung dieses Wortes verbessert auch den Bhythmus. Also: Schafe weiden wie auf 
ihrem Trieb und Widder fressen die Trümmer ab (sprich Kia'^n; zu Vsk s. c. I7). 15. 16 
kann nicht Fortsetzung von v. 14 sein (v. 14: die Menschen kommen alle um, v. 15: sie 
werden erniedrigt), unterbricht den Zusammenhang von v. 14 und 17, redet nicht wie 
die Weherufe von bestimmten Leuten, sondern ganz allgemein von den Menschen. Offenbar 
liegt diesen Versen der Befrain von c. 2 11 — 17 zugrunde; der Sammler oder ein späterer 
Besitzer von c. 5, der c. 2 — 4 nicht besass, notierte sich das jesaianische Bestehen, um 
es sich zu erhalten, hier am Bande; jedoch wusste er nur den ungefähren Wortlaut und 



Jes 5 18— 23. 37 

^^Wehe denen, die herbeiziehen die Schuld mit Stricken des Eitlen 

Und wie mit dem Was^enseil die Sfinde . . . 

^^Die da sagen: es eile, beschleunige sich sein Werk, damit wir's sehen, 

Es nahe und treffe ein der Rat des Heiligen Israels, dass wir's erkennen! 

^Wehe denen, die da nennen das Böse gut und das Gute böse, 

Die machoi Finsternis zum Licht und Licht zur Finsternis, 

Die machen Bitteres zu Sfissem und Süsses zu Bitterem! 

^^Wehe denen, die weise sind in ihren Augen und vor sich selbst klug! 

^ Wehe den Helden im Weintrinken und den Kraftmännem im Methmischen, 

23 Die gerecht sprechen den Schuldigen um Bestechung und das Recht des 

[Gerechten ihm vorenthalten! 



machte einen Vierzeiler daraus. »Der heilige Gott heiligt sich« ist eine künstliche und 
schwülstige Wendung wie die: »sie heiligen den Heiligen Jakobs« in der ebenfalls un- 
echten Stelle c. 29i3. Gott befreit durch das Gericht sich und die Kultusgemeinde von 
den Menschen, die in ihrem Hochmut dem Gesetz sich nicht unterwerfen, den trhhrt der 
Psalmen vgl. zu c. Isrf. 18 und y. 19, das vierte Wehe, dem die beiden letzten Stichen 
mit dem »Drum« abhanden gekommen sind. Es gilt den Leichtsinnigen (kiv) und Spöttern, 
die den Propheten verhöhnen, weil das Gericht immer noch nicht kommen will : möge es 
doch bald kommen, wir möchten es gern sehen. Jes. steht oft Skeptikern gegenüber 
c. 28nif. , solchen Propheten, die sich von ihm nichts sagen lassen wollen 289, solchen 
Zuhörern, die Angenehmes zu hören verlangen 80 lo. Die Zweifler ziehen sich mutwillig 
die Sünde und die Strafe auf den Hals, statt wenigstens mit religiöser Scheu die Pro- 
pheten gewähren zu lassen. Übrigens wird Jes. niemals wie Amos und Jeremia per- 
sönlich bedroht. Hinter nnisn scheint ein Yerbum ausgefallen zu sein. 19 Über die sonst 
fast ausschliesslich auf die 1. pers. beschränkten Kohortativformen rv^rr und nxan s. 
Ges. § 48bd. Olsh. S. 458. Zu v. 19b, wo der herrschende Bhythmus ganz zerstört 
ist, vgl. c. 30 11. 20 Das fünfte Wehe hat statt sechs Stichen nur noch drei. Welche 
Leute es eigentlich sind, die das Gute, Wahre, Heilsame in das Gegenteil verkehren, 
wissen wir nicht. Meint Jes. die Höflinge und Schmeichler der Machthaber? Oder gab 
es Sophisten, die die raffinierte Klugheit der Egoisten, Blasierten, Skeptiker, weltlichen 
Politiker vertraten, die z. B. die Güteraufkäufe, die Schlemmerei derer, die das Geld 
dazu haben, klug verteidigten und wie die Gerichtsdrohungen, so auch die von den 
Propheten verlangte rauhe Ehrbarkeit witzig verspotteten? »Gut« und »böse« sind für 
Jes. (oder wer sonst den Spruch geschrieben haben mag) so klare und unzweideutig fest- 
stehende Begriffe wie süss und bitter. 21 das sechste Wehe, mit seinem einzigen Lang- 
vers an sich verständlich, ohne unserer Anschauung rechte Nahrung zu geben; vielleicht 
zielt es auf die Priester und Propheten c. 287ff. 29 u, die von Jes. keine nrt annehmen 
wollen. 22 und 28, das siebente Wehe, verbindet zwei Langverse, von denen der erste 
eigentlich im zweiten Wehe schon dagewesen ist; auch ohne das macht die Vereinigung 
zweier ganz verschiedener Vorwürfe, deren Inhalt sich freilich psychologisch recht wohl 
mit einander in Zusammenhang setzen lässt, nicht den Eindruck, dass sie von unserem 
Meister der Bedekunst herrühre. Die »Helden« thun nicht blos nicht Wasser in ihren 
Wein, wie im Süden allgemein gebräuchlich, sie steigern noch die erregende Kraft ihres 
»Bauschtrankes« durch Gewürz, wie sie ja auch schon am Vormittag zu trinken lieben. 
Nach nachbiblischen Angaben ist der Bauschtrank, ^^v, eine Art Bier oder Meth aus 
Getreide und Honig; der Zusatz zum Wein oder Meth heisst Gut 88 rvpj^^^ das Mischen 
geschah im p'^tn Am 66 und erforderte eine feine Zunge Prv 2380. 28 Für D-^p^rtx ist mit 
der LXX der Sing, zu lesen, ro^ und p*n2B stehen hier nicht im sittlich religiösen Sinn, 
sondern im juristischen ; schuldig und unschuldig, Unrecht und Becht habend. 24 scheint 



38 Jes 5s4— S5. 

2^1>runi wie Stoppeln frisst des Feuers und Heu in Lohe zusammensinkt, 

[Zunge 

Wird ihre Wurzel wie Moder sein und ihr Spross wie Staub auffli^n, 

Denn verschmäht haben sie die und veracntet das Wort des Heiligen 
[Weisung Jahves der Heere [Israels. 

.... (8 fehlende Stichen) .... 

2s Darum entbrennt der Zorn Jahves auf sein Volk, 

Und er streckt aus seine Hand wider es 
Und schlägt es, dass beben die Bergje 

Und ihre Leichen sind wie Kehncht mitten auf den Gassen. 
Bei alledem wend^ sich nicht sein Zorn 

Und noch ist seine Hand ausgestreckt 



die Schlnssgtrophe des ganzen Stückes sein za sollen. Die beiden ersten Disticha, die 
wie das dritte den sonst vorherrschenden Langvers ganz aufgeben, enthalten eine bei 
einem guten Schriftsteller unwahrscheinliche Znsammenschweissung zweier verschiedener 
Bilder, so dass hier zu vermuten ist, der Sammler habe einem stark verderbten Text 
mit eigenen Mitteln nachgeholfen. Stoppelfeuer und Steppenbrande waren in Pal&stina 
oft genug zu sehen vgl. c. 9i7f. Wurzel und Spross (Frucht, Zweig), ist eine sprttch- 
wörtliche Redensart (c. 14» 37 si Am 29 Hos 9i6 Job 18 16 Mal 3i9). Die Weisung 
im letzten Distichon ist wohl die Forderung der Gerechtigkeit, die Gottesrede (das 
poetische n^K schmeckt nicht nach dem jesaian. Stil) die Gerichtsdrohung, beides zu- 
sammen eine kurze Inhaltsangabe der jesaian. Predigt. 

Drittes Stück c. 5s5 — so, ein Bruchstück, das die assyrische Invasion androht 
und mit dem Vorhergehenden nichts zu thun hat, durch v. 14. 17 schon weit überboten ; 
vor allem wäre v. 25 mit seinem Darum eine höchst unglückliche Fortsetzung zu dem 
Darum des 24. Verses. Das dritte Distichon ist nun aber der Eehrvers des Stückes 
c. 97—104, das des Schlusses entbehrt; und da auch der Bhythmus, sowie (von der ver- 
stümmelten Strophe c. 5t5 abgesehen) die Stichenzahl der Strophen in beiden Stücken 
genau übereinstimmt, so müssen sie mit einander vereinigt werden. Die Trennung hat 
natürlich nicht ein Sammler oder der Bedaktor von c. 1 — 12 verschuldet, der ja damit 
eine ganz unerklärliche Thorheit begangen hätte; dass man dennoch diese Annahme ge- 
macht hat, ist ein Beweis, wie stark die ältere Ansicht vom buchschreibenden Propheten 
selbst da noch nachwirkt, wo man beginnt, dem wirklichen Zustand und der Entstehungs- 
geschichte der Prophetenbücher einige Aufmerksamkeit zu schenken. Sonderbar ist auch 
die Meinung, dass c. 5s5 — ^80 oder wenigstens v. 25 vor c. 9? gehöre, als ob eine Bede 
mit Darum anfangen könnte und als ob nicht c. 97ff. seinen eigenen Anfang hätte. 
Vielmehr gehört v. 25 ff. an den Schluss von c. 9? — 104 und ist vor v. 25 eine Anzahl 
Stichen ausgefallen, wahrscheinlich durch denselben Unfall, der auch die Trennung beider 
Hälften verschuldet hat. Das Stückchen Papyrus, das den Schluss enthielt, fiel dem 
Besitzer von c. 5i — 84 in die Hände, der wohl nicht geahnt hat, dass spätere Gelehrte 
V. 25 ff. mit V. 1 — 24 als Eine »Straf- und Drohrede« verarbeiten würden. Mit c. 97ff. 
fällt c. 5t5ff. in die früheste Zeit des Jes. (s. zu c. 97), denn der Assyrer wird hier in so 
idealer Weise geschildert, dass Jes. ihn noch nicht aus eigener Erfahrung gekannt haben 
dürfte, als er dies schrieb. 25 Vorher sind acht Stichen ausgefallen, da sämtliche 
übrigen Strophen 7 Disticha zählen; sie haben unser Damm motiviert, v. 25a für un- 
echt zu erklären, liegt kein stichhaltiger Grund vor. p-^sr wie c. 9i6, während c. 58— S4 
immer "ph gebraucht wird. Die Verba müssen sämtlich als Futura angesehen werden, 
weil auch c. 97ff. überall nur das Futur, möglich ist. Einige Exegeten behaupten aller- 
dings das Gegenteil. Aber wenn hier wie in c. 97ff. die Vergangenheit geschildert sein 
sollte, so hätte Jes. ein erzählendes Gedicht und nicht eine prophetische Bede geliefert, 
noch dazu eine Erzählung von Ereignissen, die grösstenteils nicht geschehen sind, und 



Jes 5i6— 28. 39 

*^llnd erheben wird er ein Panier dem Volk aus der Feme 
Und ihm zischen vom Ende der Erde: 
Und siehe, in Eile, schnell kommt es, 

^7 Kein Müder noch Strauchelnder in ihm; nicht schläft noch schlummert es 
Nicht geht auf der Gurt seiner Lenden, 
Noch zerreisst der Riemen seiner Schuhe; 
2® Dessen Pfeile geschärft sind 

Und dessen Bogen alle gespannt! 
Die Hufe seiner Rosse sind wie Kiesel zu achten 
Und seine Rader wie die Windsbraut; 



der Kehrvers wäre von fast lächerlicher Wirkung. Anders liegt die Sache Am 46ff., wo 
aber der immer wiederkehrende Satz lautet: und doch bekehrtot ihr euch nicht! Schon 
das »Darum« spricht für Drohung, nicht für Schilderung. Dass perf. und imp. cons. 
selbst da, wo kein fut. dabei steht, auf die Zukunft gehen können, beweist c. 9i — «. 
Das Beben der Berge kann als eigentliches Erdbeben und als blosse Begleiterscheinung 
des Zomausbrnchs gemeint sein ; was richtig ist, kann man bei der Verstümmelung dieser 
Strophe nicht sagen. Das Schlagen wäre etwa, wenn ein Erdbeben nicht gemeint sein 
sollte, mit der Pest zu erklären. Zum Erdbeben würde der 4. Stichos gut passen: ihre 
Leichname (n^as coli, wie z. B. c. 26 19 Jer 78S) werden wie Kehricht auf den Gassen 
liegen, haufenweise, nicht bestattet (oder verbrannt). Die Unreinlichkeit der orientali- 
schen Städte, wo die Hunde das Beinigungsgeschäft besorgen, ist bekannt, aller Schmutz 
wird auf die Strasse geworfen und bleibt da liegen. Der Befrain sagt, dass noch Jahves 
Zorn nicht befriedigt ist, dass immer noch Schlimmeres nachkomme. Es ist einer der 
wirksamsten Kehrverse, die je erdacht sind ; er reisst den Leser unaufhaltsam vom Anfang 
an die furchtbare Stufenleiter hinauf bis zum Schluss, wo der Kehrvers verstummt. 
26 bis 29 bringt nun als letzte Strophe das Schlimmste. Jahve erhebt ein Panier, wie 
es an einem Mastbaum auf hohem Berge gehisst c. 18s 30 n als Signal dient, oder er 
zischt, wie ein Bienen vater den Bienen c. 7i8, dem Volk aus der Ferne (1. mit Boorda 
^Tt^vs "^.ih wie Jer 5i5, da überall nur von einem Volk die Bede ist), vom Ende der Erde. 
Jes. meint die Assyrer, während Jeremia das »unbekannte« Volk der Skythen dafür ein- 
setzt. Jesaias Erde ist noch klein und dünkt ihm doch gross, während uns die ganze 
Erdkugel klein vorkommt. Wer weiss, ob Altisrael die Kraft besessen hätte, die pla- 
stische Persönlichkeit seines Gottes und die klassische Einfachheit und Unmittelbarkeit 
seiner Beziehungen zu Israel und zur Geschichte auszubilden, wenn es unser Weltsystem 
gehabt hätte; wir leben von einer Frucht, die unter unserem kopernikanischem Himmel 
vieUeicht nicht hätte erwachsen können. Schnell kommt das ferne Volk, weil Jahve es 
ruft. Noch hat Jes. die Erfahrung nicht gemacht, die er später an den Assyrern und 
Habakuk an den Chaldäem machte, dass die Fremden »nicht so denken« (10?), sondern 
im eigenen Interesse handeln. Das Heraneilen Assurs wird nun meisterhaft geschildert, 
die Verschweigung des Namens erhöht das Unheimliche. 27 Trotz der Idealisierung 
Assurs braucht man doch nicht zu glauben, dass Jes. von ihm dasselbe hätte sagen 
können, was der Dichter (Ps 12t 4) von Gott sagt und was auch allein von Gott gesagt 
werden kann, dass er nämlich nicht schläft. Dillm. sucht dies ihm unbehagliche Bild 
durch ein »wo's Not thut« zu mildern, da passt es denn zu jedem Kriegsheer, aber 
nicht mehr zu unserer Schilderung. 28 "»vk ist ein besonders im Job (s. z. B. 8i4 9i7 
12 lo) beliebtes Mittel zur Fortsetzung einer pathetischen Schilderung. Die Pfeile waren 
bei blossen Übungen wohl stumpf. Der Bogen, fast mannsgross, wird beim Spannen 
durch den gegen die Mitte gesetzten Fuss gekrümmt, daher den Bogen »treten« für 
spannen; man spannt ihn nur unmittelbar vor dem Gebrauch, um die Elastizität des 
Holzes oder Erzes nicht zu mindern. Die Pferde wurden nicht beschlagen, konnten also 
für gewöhnlich auf Israels Felsenboden so wenig fertig werden, wie man »mit Bindern 
das Meer pflügen« kann (Am 6is), aber die Bosse vor den zweirädrigen Kriegswagen 



40 Jes 5i9~so. 

^Gebrüll hat's wie die Löwin 

Und brüllt wie die jungen Löwen, 
Und donnert und fasst Beute 

Und sichert sie, ohne dass einer rettet 

^^'Und es donnert über ihm an jenem Tage wie Meeresdonnera, 
Und er blickt zur Erde, und siehe da angstvolle Finsternis 
(Und das Licht ist verfinstert) in ihren Dunkelheiten (?). 



der Assyrer haben kieselbarte ("^s, Kiesel, nur hier) Hufe. 29 Mit donnerartigem Ge- 
brüll springt der Löwe auf seine Beute und trägt sie unangefochten davon (vgl. die 
prächtige Schilderung c. 31 4): so der Assyrer auf seine Gegner, auf Israel. ^*s« -j-^ki 
giebt einen guten Abschluss; der Kehrvers darf hier nicht mehr auftreten, weil das 
Schlimmste genannt ist. Jeder Mann in Israel mag sich das Weitere nun selber hinzu- 
denken, was mit der Löwenbeute wird, ob es noch eine Bettung für den einen oder 
anderen giebt, der Prophet sagt es nicht — abermals ein wirkungsvolles Schweigen. 
80 scheint vom Sammler oder von einem Leser hinzugesetzt zu sein, um doch einen 
tröstlichen Abschluss zu haben (vgl. zu c. 6is). Denn in den Sätzen: »es (oder er, Jahve) 
donnert über ihm u. s. w., und blickt er zur Erde, siehe da, Finsternis« kann das Suffix 
von r^9 und das Subj. von tsaa nur auf den Assyrer bezogen werden, weil sonst niemand 
genannt ist; die Übersetzung: »über einem«, »man blickt« ist willkürlich und die reine 
Yerlegenheitsauskunft. Dass nun aber Jes. mit diesen kurzen, durch nichts motivierten 
Worten Jahves Gegenangriff auf den Assyrer habe schildern wollen, ist unmöglich zu 
glauben. Dazu kommt, dass das wiederholte nnr zwei Bilder stilwidrig mit einander 
verbindet und so jedes einzelne um seine Wirkung bringt. Endlich ist das Mittelstück 
von V. 30 aus c. 8m geborgt vgl. v. 30: ts ^wn nani -pic^ tsaai mit 8w: ram wa*» ■jr-nK-^JÄt 
n2'cr,'\ ms. Mit der LXX wird die Ähnlichkeit eher noch grösser, sie übergeht nämlich 
das -jwn -»iki, das danach im hehr. Text recht gut eine Variante zu -s ^vn gewesen sein 
und ursprünglich Trn-) r-s gelautet haben könnte wie c. 8 m. In n-B^'^ya ist vr^y (LXX 
hatte, wie es scheint, q^ra) an. Xey,, und das Suffix müsste schon, so schlecht das geht, 
auf pMH bezogen werden, wenn man nicht lieber nach Cnt 86 etwa n^fi**:? lesen will. 
Für "^iK^ ist "^^K^ zu lesen und das Zaqef auf das vorhergehende Wort zu setzen. Will 
man durchaus von v. 30 für Jes. etwas retten, so muss man mit Weglassung des Mittel- 
stückes so übersetzen: Und es donnert über ihm (dem Assyrer) wie Meeresdonnern, und 
das Licht ist finster geworden im Wolken dunkel Jahves. Dann wäre der Assyrer mit 
dem Meere verglichen, über dessen heranstürmender Brandung der Donner der Wellen 
und des Sturras und die finstere Wetterwolke der Gottheit auf uns herandringt : an sich 
ein sehr gutes Bild, dem zu Liebe man das zweite Distichon von v. 29 preisgeben könnte, 
freilich auch müsste (wegen isnir und wegen der Stichenzahl). Aber das unglückliche 
»an jenem Tage«, das Fehlen von ivn ^imi in LXX und die Schwierigkeit, v. 29b ohne 
Gewaltstreich zu beseitigen, macht mir die Sache zweifelhaft. 

Vierte kleine Sammlung c. 6i — 96; s. Einl. § 9. Dass der Bedaktor von 
c. 1—12 das 6. cap. nicht abtrennte und zu seinem ersten Capitel machte, zeugt für 
das selbständige Dasein des Büchleins vor seiner Zeit und für den Respekt, den er vor 
ihm als heiliger, schon halbwegs »kanonischer« Schrift hegte. Von Jes. ist es aber nicht 
zusammengestellt, denn in mehreren Stücken, besonders c. 7i 823 c. 7i7. isff. macht sich 
die spätere Hand sehr bemerkbar. Trotzdem könnte die älteste Grundlage auf Jes. zu- 
rückgehen und ein von ihm verfasstes Buch existiert haben, das c. 6 und den grössten 
Teil von c. 8 (bis v. 18), auch manches von c. 7 wenn auch in etwas anderer Form 
(1. pers. statt der 3. pers., wo von Jes. die Rede ist) enthalten hätte. 

Erstes Stück c. 6. Im Todesjahr des Usia, also etwa 740 a. Chr., ist das in 
diesem Cap. berichtete Ereignis geschehen, aber nicht das Cap. geschrieben, weil sonst 



Jes f>i— j». 41 

5 Um Todesjahr des Königs Usia da sah ich den Herrn sitzend auf hohem 
und ragendem Thron, während seine Schleppen die Halle füllten. ^Sarafen 

die Zeitbestimmung nicht dabeistände. Die Niederschrift scheint die Dokumente ver- 
mehren zu sollen, durch die Jes. gegenüber dem Unglauben der Zeitgenossen und für 
das Häuflein der Gläubigen von der Wahrheit und Wahrhaftigkeit seiner Mission Zeugnis 
ablegte, könnte also mit der c. 7. 8 geschilderten Krisis zusammenhangen, ebenso wohl 
aber auch ein zeitliches und sachliches Seitenstfick zu dem c. dOs erwähnten Buch und 
durch das letztere veranlasst sein. Die düstere Färbung der in der Berufungsvision 
erhaltenen Instruktion darf man übrigens für die Zeitbestimmung nicht allzu sehr ver- 
werten. Die Meinung, dass er mit seinen Beden das Volk nicht bekehren, sondern eher 
noch mehr verblenden werde, kann Jes. schon von Anfang an gehabt haben, selbst wenn 
er den Amos nicht gelesen hätte. Es ist ganz unberechtigt anzunehmen, dass er nach 
eigenem Gutdünken und nach gemachten Erfahrungen den Inhalt seiner Instruktion nach- 
träglich festgestellt hat. Denn diese Vision ist, wie schon die genaue Datierung v. 1 
zeigt, keine »Einkleidung« einer Idee, sondern ein Faktum. Sie hat mit den älteren 
Visionen und Ekstasen, die von den Propheten selber berichtet werden, die Eigentüm- 
lichkeit gemein, dass sie nur in einem einzigen Bilde und in einem kurzgefassten Ge- 
danken besteht (Am 7—9 Jes 8iiff. Jer 483— m. i9 — n vgl. noch zu Jes 408ff.), und 
das ist nicht das geringste Kennzeichen ihrer Echtheit gegenüber den Visionen vieler 
Späteren. Dadurch wird freilich nicht ausgeschlossen, dass die zarten, laftartigen Linien 
und Farbentöne des traumartigen Bildes in der Nacherzählung mit menschlichen Worten 
gröber und sinnlicher werden und der von Gott in die Seele und den Willen des Menschen 
gesenkte Gedanke eine unzulängliche, hier wegnehmende, dort hinzusetzende Wiedergabe 
findet; Paulus fühlte sich unfähig, das Gehörte nachzusprechen II Kor 11 4. Erzählte 
Visionen sind immer halb unecht, aber darum nicht unwahr oder gar Fiktionen. Die 
grösste Kunst besteht fast mehr im richtigen Verschweigen, als im Aussprechen, in der 
Anregung und leisen Lenkung der Phantasie des Lesers, in der Hervorbringung der 
richtigen, dem Zustand des Ekstatikers möglichst angenäherten Stimmung. Und diese 
Kunst scheint mir Jes. in diesem Gap. meisterlich bewährt zu haben, obwohl die beiden 
Dichtungen Jeremias in c. 4 in ihrer Art nicht weniger bewundernswert sind. — 1 Jes. 
steht etwa am Eingang des inneren Vorhofs, dem offenen Hause zugewandt, und kann 
durch das »Heilige« bis zum Debir sehen; er ist, wie es scheint, allein. Denn dass 
nicht der irdische, sondern der himmlische Tempel gemeint sei, bedarf nicht der Wider- 
legung, da das Capitel nicht aus der nachexilischen Zeit stammt (für Jes. steht nicht 
einmal fest, ob er überhaupt Jahve im Himmel wohnend gedacht hat). Er hat, dürfen 
wir annehmen, längere Zeit in Andacht versunken dagestanden, unbewusst hat er sich 
für die Ekstase vorbereitet. Da wird ihm »das Auge geöffnet« (Num 244). Er sieht 
Jahve auf einem hohen Thron, als König, majestätischer als Amos. Er siebt ihn mit 
menschlichen Augen v. 5, leibhaftig, aber er betrachtet ihn nicht genau und neugierig, 
wie ein Hesekiel, bei dem die Schauer der göttlichen Gegenwart sich erst dann ein- 
stellen, nachdem er mit seiner ein ganzes Cap. füllenden Besichtigung fertig ist. Jes. 
blickt nach dem ersten unwillkürlichen Aufschauen nieder auf den Saum des göttlichen 
Gewandes. Die Schleppen füllen die ganze Halle, das ist neben dem hohen Thron das 
Einzige, was von Jahves Erscheinung gesagt wird. Diese keusche Zurückhaltung, die 
Wahrhaftigkeit selber, zeichnet Jahves überwältigende Majestät besser, als die grösste 
Anstrengung menschlicher Darstellung. 2 schildert etwas ausführlicher Jahves Umgebung 
und beschäftigt dadurch unsere Phantasie, lenkt sie aber nicht von Jahve ab, sondern 
erregt uns durch die Erscheinung und das Thun seiner Diener neue Ahnungen von seiner 
unbeschreiblichen Hoheit. Sarafen »stehen« als Diener vor, genauer über dem sitzenden 
Gott, weil der Stehende höber aufragt als der Sitzende. Dillm. bekümmert sieh darum, 
dass sie Jahve auf die Schleppe treten, und lässt sie daher beständig fliegen oder auch 



42 Jes 62. 

standen hoch vor ihm, sechs Flügel hatte jeder, mit zweien bedeckte er 
sein Gesicht, mit zweien bedeckte er seine Füsse und mit zweien flog er. 



wie die Wolkensäule Num 14 14 in der Luft stehen. Aber die Sarafen gehören so wie so 
an die Schwelle und in den Vorhof. Sie sind trotz der Menschenhand v. 6 tiergestalte 
Wesen wie die auch mit Händen begabten Cheruben Hes 10 7f., denn sie haben Flügel, 
die das Altertum keinem menschenähnlichen Wesen zuschreibt, auch nicht den Engeln. 
Trotz der Füsse v. 2 haben sie ferner, wenn auch vielleicht nicht an unserer Stelle, ur- 
sprünglich einen Schlangonleib, denn wir haben kein Recht, die Sarafen des Tempels von 
dem geflügelten Saraf der Wüste c. 806, der wie c. 1429 mit anderen Schlangen zusammen- 
gestellt wird, und von den Sarafenschlangen Num 21 eff. grundsätzlich zu trennen. Gegen 
den Biss der letzteren half bekanntlich das von Mose angefertigte eherne Sarafenbild 
V. 8 f. Ein solches Bild, sogar mit dem mosaischen für identisch gehalten, befand sich 
bis auf Hiskia im Tempel, also auch zur Zeit unserer Vision, und empfing Opfer II Beg 
I84. Offenbar verehrte man keinen Nebengott in diesem Saraf, sondern ein Wesen, das 
mit gewissen selbständigen Eigenschaften und Funktionen (hier Heilungen) ähnlich dem 
Chenib Hüterdienste an der Schwelle des Gottespalastes verbindet und den Zugang zu 
Gott entweder verwehrt oder wie hier v. 6 f. ermöglicht. Wenn eine semitische Greif- 
gestalt unter dem Namen Sefr, demotisch Serref, ein ägyptisches Grab hütet (L. Stern 
in Fleischers Zschr. f. d. gebildete Welt V 1884, S. 299), so ist das eine verwandte Vor- 
stellung. Die Priester des Dagontempels zu Asdod treten nicht auf die Schwelle I Sam 55, 
weil diese die Behausung des haushütenden Geistes ist. Der israel. Priester trug Schellen 
am Kleid beim Aus- und Eingehen in das Heilige, »um nicht zu sterben« (Ex 2883 — 85); 
das Klingeln galt schwerlich Jahve, vielmehr den Dämonen des Eingangs. In Nordisrael 
haben die Tempel neben dem Bild Gottes noch Tharafenbilder , die vielleicht das ara- 
mäische Pendant zu den südpalästinensischen Sarafen sind. Wie der Araber verschiedene 
Arten von Djinnen kennt, hülfreiche, inspirierende Geister und so zu sagen wilde, wie 
alle alte Welt gefährliche und den Menschen freundliche, übernatürlicher Kraft und 
Klugheit mächtige Schlangen kennt, so kennt Israel wilde Sarafen in der Wüste und 
sarafische Hausgeister in seinen Heiligtümern. Wenigstens dürfte das vom Süden gelten, 
vom Negeb und dem Isthmus. Herodot will in Ägypten sogar Knochen von geflügelten 
Schlangen gesehen haben, die auf dem Isthmus zu Hause seien (II, 75). Vielleicht haben 
die Bewohner der genannten Gegenden von Alters her Sarafenbilder in ihren Häusern 
und Zelten gehabt, wie ihre nördlichen Nachbarn Tharafenbilder; die sollten wie das 
mosaische Bild den Schlangenbiss heilen, das Eindringen böser Geister ^Gen 4?) ver- 
hüten und vielleicht auch sonst helfen und nützen; und es wäre möglich, dass der Gott 
solche Wesen erst zugesellt erhielt, als er Hausherr wurde d. h. einen Tempel bekam. 
Dass die Sarafen Jesaias die Schlangengestalt, obgleich nicht ganz die Tiergestalt, ab- 
gestreift haben, kann nur den in Verwunderung setzen, der nicht weiss, wie oft und 
leicht bei allen Völkern Schlangen sich in Menschen verwandeln. Es ist gar nicht nötig 
anzunehmen, dass Jes. selbst diese Verwandlung vorgenommen hat oder dass er es be- 
wusst gethan hat; seine Schilderung verrät zwar, dass er keine ganz fertige, auch 
anderen geläufige Vorstellung mit herzubrachte, aber wir wissen nicht, wie die gewöhn- 
liche Vorstellung seiner Zeit beschaffen war, und die neuen Züge werden sich mit der 
Spontaneität des Traumbildes gebildet haben. Seine Sarafen haben übermenschliche 
Grösse, denn sie überragen trotz demütiger Haltung den auf hohem Thron sitzenden 
Gott. Mit zwei Flügeln bedecken sie das Gesicht, weil der Diener den Herrn nicht an- 
sehen soll, mit zweien die Füsse, d. h. den unteren Körperteil, denn sie sind unbekleidet 
vgl. Hes l28. Wegen des Duals beim Zahlwort s. Ges. § 88 f. 8 »Und gerufen hat«, 
keine Erzählung eines einmaligen, sondern Konstatierung eines beständigen Geschehens. 
Es war wohl ein Wechselgesang, er preist den Herrn des Tempels und den Herrn der 
Welt. Wie der nentestamentl. Beter sein Gebet beginnt: Unser Vater im Himmel, wir 



Jes 6 s— 5. 48 

^Und gerufen hat der zu dem und gesprochen: 

Heilig, heilig, heilig ist Jahve der Heere. 
Die ganze Erde errallend seine Herrlichkeit! 

^und es schwankten die Schwellensimse von der Stimme des Rufenden, und das 

Haus füllte sich mit Rauch. '^Da sprach ich: 

Wehe mir, denn ich bin vernichtet! 

Denn ein Mann unrein von Lippen bin ich, 

Und inmitten eines Volks unrem von Lippen wohne ich. 

Denn den König Jahve der Heere sahen meine Augen! 



wollen deinen Namen belügen, so beginnen die Sarafen mit dem Worte Heilig, das sie 
dreimal ausrufen, als wäre es der Grundton ibres Denkens und ibrer Lobpreisungen; sie 
baben nur den Jussiv »gebeiligt werde!« nicbt nötig. Aucb die Bitte »dein Beleb 
komme!« ist für sie eine Aussage: seine Herrlicbkelt fttllt die Erde; es ist ein Ton aus 
der Ewigkeit. Dass Jabves Macbt und Herrlicbkelt die Welt ausfüllt, aucb wenn mensch- 
liebe Tyrannei die Welt in Banden bält, konnte besonders beredt seit der Zeit gepriesen 
werden, wo man mebr auf die Wunder der Natur aufmerksam geworden war s. Jes 40M»f., 
aber Jes. weiss es aucb sobon (vgl. aucb nu c. 2i2jGr.), und man abnt bei diesen Worten, 
die wie ein Glockenklang durcb die scblicbte Erzäblung klingen, welcbes Gefübl ibn so 
tief in die Andacbt versinken Hess, aus der diese göttlicbe Erscbeinung emporstieg. Zu 
Jesaias Heiligkeitsbegriff s. zu c. l4. 4 Infolge des Bufens sab (imp. cons.) Jes. die 
Yorsprünge der Scb wellen, natürlicb der Oberscb wellen vgl. Am 9 1, bin und ber scb wanken. 
Sonderbarer Weise verstebt Ew. unter dem Bufeuden Jabve, der ein »Woblangenommen!« 
donnere, wäbrend docb jeder Leser bei dem K*p v. 4 an das K^p vod y. 3 denken muss; 
andere verscbllmmern seinen Missgriff dabin, dass Jabve irgend einen Zornesruf über sein 
unbeiliges Volk ausstosse, so dass Jesaias: »denn leb wobne unter einem unreinen Volk« 
eine überflüssige Wlederbolung entbleite- Wenn Jesaia dergleicben gemeint b&tte, so 
h&tte er es auszudrücken gewusst. Jabves Bede kommt erst v. 8 und nocb niobt einmal 
als direkte Anrede an Jes.; der Menscb muss erst gewelbt sein, bevor er die Stimme 
Gottes vemebmen kann. Die Fassung von v. 4 giebt zu jener künstllcben Eonfusion 
nicbt den geringsten Anlass. Bei dem Lobgesang wallt zugleicb Baucb auf, nicbt vom 
Altar und nicbt der Baucb, der sonst wobl Gottes Licbtglanz umfingt (s. zu c. 46), 
sondern aus dem Munde der Sarafen, äbnlicb wie nacb Ps I89 »Baucb in Jabves Nase 
aufsteigt und Feuer aus seinem Munde frisst«. Stellen aus der Apokalypse wie c. Ss 158 
darf man nur dann vergleicben, wenn man die spätere Tbeologie gebübrend in Becbnung 
stellt ; eber ist Hes 1 isf. beranzuzleben : die Tiere saben aus wie brennende Fenerkoblen. 
Das Haus wird voll Baucb, die Halle und die Vorböfe, ein gewaltiges, Gott woblgefälliges 
Opfer. 5 Aber Jes., der Menscb, füblt sieb verloren (perf. !), denn er bat als Ungewelbter 
am böchsten Mysterium teilgenommen, ünwillkürlicb, angeregt durcb den cborus mysticus 
der Sarafen und glelcbsam vorabnend seine Propbetenbestimmung, spricht er von seinen 
Lippen; es Ist ibm, als müsste er miteinstimmen In den Lobpreis, und doch darf man 
Jabves Namen nur mit geweibten Lippen aussprecben Zpb 39. Gab es vielleicht damals 
scbon eine symboliscbe Lippenweibe? Man muss die ünreinbeit nicht ausschliesslich 
sittlich wenden und blos an Sünde denken; unrein ist der Menscb schon als sarkisches 
Wesen und dem Tode verfallen, sobald er mit den übersinnlichen Wesen zusammentrifft 
ohne deren Willen (Ex 19« Sdso Jdc 18 n ISam 6j9; die von Dillm. angeführte Stelle 
Gen 16 18: habe leb auch hier dem Seher nachgesehen? gehört nicht hierher). Aber 
freilich tritt diese seine sarkische Natur in den Sünden zu Tage; sündigte er nicht, so 
würde er ohne viel Umstände wie ein Noah oder Abraham In den unmittelbaren Verkehr 
mit Gott eintreten können, wäre dann aber von den gewöhnlichen Menschen merklich 
verschieden. Jes. ist das nicht, er »wohnt unter einem unreinen Volke; seine Zelt ist 
nicht mehr die der Erzväter, die nachlebende Menschheit Ist degeneriert, der Einzelne 



44 JeB 6«— 8. 

^Da flog zu mir einer von den Sarafen, in seiner Hand ein Olühstein, den er 

mit der Zange genommen vom Altar, ^und rfihrte damit an meinen Mund und 

sprach: 

Siehe, gerührt hat dies an deine Lippen, 

So weicht deine Sünde und deine Schuld wird bedeckt 

^Und ich hörte die Stimme des Herrn sagen: 

Wen soll ich senden. 

Und wer wird für uns gehen? 



ist aber mit denen solidarisch verbunden, deren Blat er in den Adern hat. Was seine 
Brüder, sein d;, nicht dürften, das darf auch er nicht: dem König Jahve körperlich 
nahen, er der Paria, der Genosse der »Brut von Übolthätern«. 6 Da naht sich ihm einer 
der Sarafen. Mit einer Zange nimmt er eine Kohle (oder eher einen Glähstein) vom Altar; 
die Zange gehört zu den unabsichtlichen Vermenschlich nngen der Sarafen durch Jes. 
Die naive Beligion vermenschlicht, die spätere Theologie strebt nach Entmenschlichung. 
Der Saraf fliegt zu Jes. hin, weil dieser eben nicht auf der nsK v. 4 steht, wie Dillm. 
meint, sondern entfernter, am Eingang des Vorhofs. 7 Er lässt die Kohle an die Lippen 
des Menschen rühren. Sie brennt ihn nicht, denn Jes. ist in der Ekstase vgl. Lk 10 19. 
Die Folge ist die Entfernung der Schuld. Dies ist für die Erhebung des Menschen in 
den pneumatischen Zustand die wichtigste Vorbedingung, weil Sünde und Schuld den 
Menschen in jenem Zustand, dem sie entspringen, festhalten und die Übersinnlichen am 
Verkehr mit demjenigen, an dem sie Sünde sehen, dessen Schuld nicht bedeckt, unsichtbar 
gemacht ist, hindern, »Gottes Augen aehen nichts Unreines«. Nach Dillm. ist alles, 
Altar, Zange, Glühstein, im Himmel, und das Feuer brennt die innere Unreinheit hinweg, 
weil es himmlisches Feuer ist, während irdisches Feuer nur die äussere Unreinheit ent- 
fernen würde. Jes. würde diese protestantische Belehrung über die äusserlicho Wirkung 
der Feuerreinigung jedenfalls verwundert angehört haben. Bios aus Vergnügen an sym- 
bolischem Spiel haben sich die Alten nicht mit so vielen »Zeremonien« geplagt. Nein 
es ist ein irdischer Glühstein (freilich von Gottes Altar) und trotzdem wirksam; der 
Saraf kann den Jes. so gewiss entsündigen, als er ihn mit dem Feuer unschädlich be- 
rühren kann vgl. Mt 95, darum hebt er auch hervor: das hat deine Lippen berührt. 
Wundervoll ist es, dass der Saraf nicht erst von Gott die Ermächtigung erhält, dem 
Mensehen die Sünde zu vergeben. Nicht etwa, dass er Jahves Willen ohne dessen Reden 
erkannte (was freilich auch mit anzunehmen ist), sondern die Zulassung des Menschen in 
Jahves Nähe, für die die Sündenvergebung nur Vorbedingung ist, gehört eben zu seinen 
Befugnissen, er ist hier der Mystagog. Jes. denkt allerdings über die Sündenvergebung 
anders als die spätere Zeit; sie ist ihm nicht das Ein und Alles, wie der entgöttlichten 
Theologie. 8 Jetzt kann Jes. Gott selber hören. Schon der Ausdruck : und ich hörte die 
Stimme Jahves, beweist, dass Jahve hier zum ersten Mal für Jes. spricht. »Wen soll ich 
senden« sagt er, als ob er sich um die Anwesenheit des Menschen noch nicht gekümmert 
hätte. In Wahrheit will er Jes. volle Freiheit lassen, sich zu melden oder nicht zu 
melden, denn Jes. wird sein Leben zu der Sendung herzugeben haben. In dem Plural 
19^ sind nicht sowohl die Sarafen, als überhaupt die hier freilich nicht besonders er- 
wähnten Angehörigen der übersinnlichen Welt eingeschlossen vgl. IReg 22i9ff. Jes. 
meldet sich zum Gesandten Jahves, zu seinem Vertreter und Geschäftsträger unter den 
Menschen. Den Inhalt seiner Sendung kennt er noch nicht, ahnt ihn höchstens, er ist 
zu allem bereit. Die freudige Unterwerfung unter Jahves Batschluss charakterisiert ja 
auch seine Theologie. 9 Sofort, ohne eine Äusserung über die Person des sich anbieten- 
den Jes., erteilt ihm Jahve seine Instruktion. »Diesem Volk da« — eine dem Jes. eigen- 
tümliche verächtliche Bezeichnung Israels c. 86. is (9i5) 28 ii. u 29 is. u, die ausser der 
zweifelhaften Stelle 9i6 überall in Beziehung zum Unglauben oder Aberglauben des 
Volkes steht — soll er sagen : Hören sollt ihr, aber nicht verstehen. Also soll ihnen Jes, 



Jes 69—11. 45 

und ich sprach: Siehe mich, sende mich! ^Und er sprach: 

Geh und sprich zu diesem Volk: 
Hört immerzu, doch habt nicht Einsicht, 
Und seht immerzu, doch versteht es nicht! 
^^Mache fett das Herz dieses Volkes 
Und seine Ohren schwer und seine Augen verklebt. 
Damit es nicht sehe mit seinen Augen und mit seinen Ohren höre 
Und sein Herz Einsicht habe, dass man es wieder heile! 

^^Und ich sprach: Bis wie lange, Herr? Und er sprach: 

Bis dass wüste sind die Städte ohne Bewohner 

Und die Häuser ohne Menschen. 

Und bis das Land fibrig blieb als Wfistenei, 



bestandig Jahves Beschlüsse zu hören und sein Thun zn sehen geben and ihnen damit 
das erzeigen, was recht eigentlich den Inhalt der Religion ausmacht; ja das beständige 
Hören- und Sehenlassen würde eine besondere Hulderweisung Gottes und das höchste 
Gluck der Menschen sein, wenn alles recht stände, wie es umgekehrt ein Zeichen des 
Gotteszoms und ein TerzweiflungsvoUer Zustand für die Menschen ist, wenn das »Wort 
Gottesc ausbleibt Am 8iif. ISam 3i 1487f. Aber dem ungläubigen Volk wird grade die 
höchste Offenbarung Gottes Zur xQiaig. Ebenso wird durch Christi Erscheinung die Welt 
deshalb gerichtet, weil sie die höchste Offenbarung der göttlichen »Liebe und Treue« ist. 
»y ersteh ts nicht!« es liegt natürlich kein physischer, aber doch ein psychologischer 
Zwang in diesen Worten. Der Unglaube kann nicht ohne Konsequenz bleiben, ja muss 
sich bei den bevorstehenden Wundern des Wortes und der That nach dem Gesetz der 
sittlichen Kausalität erst recht entfalten und steigern ; ist man geringen Wundern gegen- 
über ungläubig gewesen, eingebildet auf die eigene Weisheit, wie viel mehr muss man es 
sein, wenn man mit Wundern überhäuft wird c. 29 14. Die Yerstockung ist also psycho- 
logisch und ethisch begründet. An einer anderen Stelle (c. 29» — 19) erscheint sie aller- 
dings dem Jes. als etwas Fremdartiges, Unbegreifliches, als eine Wirkung göttlicher 
Sinnesyerwirrung, aber das ist kein eigentlicher Widerspruch, sondern eine natürliche 
Begung im Herzen des selbst so fest und freudig glaubenden Propheten. 10 Durch das 
Beden soll Jes. des Volkes Herz, Ohren und Augen krank machen, noch kränker, als sie 
schon sind, damit diese Organe des Verstandes und Aufnehmens zwar immer noch fun- 
gieren, aber nicht mehr nach der Seite der Beligion hin. Für nv'i liest man besser nvi 
mit Anschluss an ms*^; denn die »Bückkehr« fällt ganz aus dem Bilde und zerstört den 
Bhythmus. Die Beligion, an sich eine Arzenei, wird ein Gift für den Verschmähenden. 
Arnos und Hosea drohen mit Entziehung der Beligion, f&r Jes. liegt umgekehrt in dem 
Übermass der göttlichen Offenbarungen das Gericht. Jesaias Auffassung hat mit Becht 
in der späteren Eschatologie das Feld behauptet, sie ist die tiefere. Die Welt kann nur 
dann durch völlige Vernichtung ihres gegenwärtigen Bestandes zur Neuschöpfung vor- 
bereitet werden, wenn die Vernichtung durch die letzte Steigerung der Sünde sittlich 
notwendig geworden ist; die höchste Steigerung der Sünde hat aber die höchste Offen- 
barung des Guten zur notwendigen Voraussetzung. Übrigens wird, je schroffer Offen- 
barung und Unglaube in ihrer höchsten Potenz sich gegenüberstehen, desto mehr der 
dramatische Charakter der Krisis notwendig, den Jes. überall betont; nur eine Mystik, 
die den sittlichen Weltprozess in geistige Alchymie umsetzt, kann das anstössig finden. 
11 bis 13 schildert die Vernichtung, das Garaus von c. 56. Jes. spricht nur vom Volk 
als einem unteilbaren Ganzen, an die Individuen denkt er nicht, obgleich er einzelne 
kennt, die auf die Zukunft hoffen (z. B. Sieff.). »Bis wann?« giebt es nicht noch eine 
Wendung, eine Möglichkeit eines neuen Versuchs, ob das Volk fähig geworden ist zum 
rechten Hören und Sehen? Die Frage ist ein prächtiger Lakonismus, die Antwort ein 
klares Nein auf die zitternde Bitte in dem »bis wann«. Die kommenden Thaten Jahves 
sind nicht mehr solche Strafen, nach welchen Gott innehält, um abzuwarten, ob sie zur 



Jee 6it— lt. 

"Und Jahve entfernt hat die Menschen, 

Und ^oss geworden ist die Verödung inmitten des Landes; 
'^Und ist noch darin ein Zehntel, 

So muss es wieder ins Feuer, 

Wie die Eiche und die Terebinthe, 

An denen beim Falten ein Wurzelstamm blieb*). 

*) Heiliger äame ist sein Wurzel stamm. 



BesaeruDg führen (wie Am 4eff.), eondera die Stafenleiter der TeiDichtangBBchl&ge. Für 
nm^ lesen LXX '■«ar, offenbar richtiger aU der hebt. Text mit seinem zweimaligen mtü 
und der nutzlosen H&ufung: verwOstet werden zui Wüstenei. 12 ist wohl noch von dem 
•bis dasBc T. 11 abhängig, denn zu einem selbständigen Satz hat der Ters zu wenig In- 
halt. Das Subst. na^Tir wie c. 17 s. Wie Jahve die Menschen entfernt, wird nicht gesagt, 
das wird Jes. durch spätere Mitteilungen erfahren. 18 Aber sie sollen alle entfernt 
werden. Haben die Bchlimmsten Schläge JabveH noch ein Zehntel abrig gelassen, wie 
Arnos (5s) drohte, soll dies Zehntel abermals verfallen dem ■>7^, dem Verbrennen, wie 
das folgende Bild andeutet. Wenn anf einer Neurodnng die Bäume geßtlt sind, macht 
man die WurzelstQmpfe, deren Ansgrabung zn viel Arbeit kosten würde, durch Feuer 
unschädlich. Der Ausdruck ist ein wenig schweTfäUig, und die liebevollen Bemühungen 
um Umdeutung oder Änderung von ^73 wären besser auf das ds-^sm verwendet worden. 
Die wörtliche Übersetzung giebt einen gut«n Sinn, aber keinen glücklichen stilistischen 
AbschluBs des herrlichen Capitela. Oberhaupt kBnnten v. 12. 13 fehlen, ohne dass man 
etwas vermisste; Harti streicht beide Terse. Hüsste man mit Dillm. das letzt« Zehntal 
auf Juda und die eisten 9 Zehntel auf Nordisrael beliehen, so könnte man den jeaaiao. 
Ursprung eines so gesclunacklosen Rätsels, das ansserdem stark nach einem vaticinium 
ex eventu anssäbe, kaum mit gutem Gewissen aufrecht erhalten. Das Bild vom verblei- 
benden Wurzelstamm verstehen viele Exegeten entgegen dem Wortlaut nnd Zusammen- 
hang im tröstlichen Sinne, offenbar verführt durch die in der LXX noch fehlende Glosse; 
•heiliger Same ist sein (des Landes) Wurzelstamm*, deren ihp allein schon stutxig machen 
sollte. Der Wurzelstamm entspricht ja doch dem letzten Zehntel, das wieder in den 
Untergang geschickt wird, und das Feuer ist nicht etwa wie Zeh ISBf. ein Läuferangs- 
fener. Der Prophet kQmmert sich hier nicht um die anderwärts an sgea pro ebene Hoffnung, 
das« noch ein kleiner Rest bleibt, weil er hier nicht seine ganze Eschatologje auseinander- 
zuaetien hat, sondern seinen eigenen Anteil an den künftigen Ereignissen. Seine Mission 
ist nur, die Terstockung des Volkes beschleunigen zu helfen', damit Jahve dem ganzen 
gegenwärtigen Bestand das Garaus machen kann. An der NeuachÖpfuDg hat et keinen 
Anteil, weil er Mensch ist; ihr kann er nut gläubig und sehnsuchtsvoll entgegenbarren, 
wie jeder andere Fromme auch. Sie ist ein absolutes Wunder Jahves , bei dem jede 
munscLlii'be Mitwirkung eifersüchtig an sge schlössen ist. Von ihr spricht Jen. auch gar 
nicht EU dem für den Unt«rgang bestimmten Volk. Mir scheint diese Berufungsvision 
viel Ktossartiger und wahrhafter zu sein, wenn sie nur das eine Bild von dem in den 
Untergang unaufhaltsam hineintreibenden Volke bat; auch tritt die berhe (rrSase des 
Mannes viel gewaltiger hervor, wenn man ihn als das gelten ISsst, was er ist, als 
Unglückspropheten. Jcremia hat seine Vorgänger besser gekannt (c. 28e). Die >ewige 
Hoffnung- kommt nicht in kurz, wenn man hier den Jes. konstatieren hSrt, dass die 
gunze (gegenwärtige Religion, ohne Abzug und Einschränkung, aufgehoben werden 
soll: gnide dieser, in solch unerbittlicher Klarheit vorher nie ausgesprochene Gedanke 
verleibt diesem Capitel seine Bedeutung. 

Zweites Stttck c. 7i— IT: Ein Bericht von Handlangen und Reden Jesaiaa beim 
Herannahen der S^rer und Israeliten gegen Juda (734 a. Chr.). Verschiedene Zusätze 
und das Auftreten der 3. pera., wo von Jes, die Rede ist, scbeinen zn verraten, dass 
nifbt blo8 der Sammler stSrker eingegriffen hat, sondern dass diese Erzählung einmal 



Jea ?i— 3. 47 

7 ^XJnd 68 geschah in den Tagen des Ahas, des Sohnes Jothams, des 
Sohnes üsias, des Königs von Juda, heraufzog Bezin, der König von Aram, und 
Pekah, der Sohn Remaljas, der König von Israel, nach Jerusalem zum Sturm, 
doch konnten sie nicht stürmen. ^Und gemeldet wurde dem Hause David also: 
Niedergelassen hat sich Aram auf Ephraim; und es bebte sein Herz und das Herz 
seines Volkes, wie Waldbäume beben vorm Wihde. ^Da sprach Jahve zu mir: 
Geh doch hinaus dem Ahas entg^:en, du und Schear-Jaschub, dein Sohn, ans 
Ende der Wasserleitung des obem Teiches auf die Strasse des Walkerfeldes ^ und 
sprich zu ihm: 



einem aDdern Zasammenhang einverleibt gewesen ist; dennoch scheint mir die Grundlage 
jesaianisch zu sein, schon deswegen, weil manche Erscheinungen in c. 8 darauf hinweisen, 
dass Jes. mehr über die syrische Erisis erzählt hat, als was wir jetzt in c. 8 lesen. 
De Lag., der das Stück mit v. 18 ff. in einen Topf wirft, hat allerdings nach dem Vor- 
gang anderer Kritiker c. 7 für das Machwerk eines kl&glichen Pfuschers erklärt; aber 
seine Kritik ist so unglaublich ungeschickt, dass sie fast wie ein Versuch aussieht »fest- 
zustellen«, was sich seine Leser bieten lassen würden. 1 Die Genealogie des Ahas kann 
nicht von Jes. sein, denn man wüsste nicht, für welche Leser er die beigesetzt hätte. 
Aher der ganze Vers scheint nicht von ihm herzurühren. Zwar nicht das ist »ungehörig« 
(de Lag.), dass der Misserfolg der Verbündeten vorweg berichtet wird, denn das Capitel 
ist kein Boman, und die Spannung konnte der 1. v., dessen Inhalt den Zeltgenossen be- 
kannt war, nicht verderben. Aber v. 1 bietet keinen Anschluss an v. 2, sagt nichts von 
dem Gegenkönig v. 6, der doch nach der Art seiner Erwähnung vorher genannt sein 
wird, und ist im Wesentlichen identisch mit IIBeg 166, wo er die notwendige Einleitung 
zu der Altargeschichte v. 7 — 18 bildet und mit seinem Schlusssatz begreiflich macht, 
wie Ahas Zeit hatte, den Assyrer zur Hülfe herbeizurufen. Von dort hat ihn also der 
Sammler entlehnt, um den verlorenen Eingang einigermassen zu ersetzen. Das zwei- 
malige rrhy hätte er besser nicht hinzugesetzt; man^o heisst: Nahkampf. Für h^" steht 
im Original besser der Plural. 2 beginnt den Bericht über die denkwürdige Episode in 
frischer Weise. Dem Hofe wird gemeldet : Niedergelassen hat sich, wie ein Heuschrecken- 
schwarm, Aram auf Ephraim; ganz Syrerland (das femin.!) hat sich aufgemacht wider 
uns und ist schon unterwegs. Die Konjektur ü9 nntc: für hr nna (de Lag.) wäre auch 
dann ein Luxus, wenn sie passte. Aber wenn auch zugegeben werden kann, dass das 
angenommene denom. von i-tk, Bruder, existierte und dass das Verhältnis (kaum eine 
»Verbrüderung«) zwischen Pekah und Bezin vielleicht II Beg 1587 mit Unrecht in die Zeit 
Jothams zurückdatiert wird, so konnte die Nachricht davon dem Volk kaum den Schrecken 
einjagen, welchen v. 2 schildert. Zu r: und ;:-><< s. Ges. § 72 q t. 8 Ahas ist im ersten 
Schrecken zu der Wasserleitung hinausgeeilt, wahrscheinlich um sich zu überzeugen, ob 
Jerusalem für eine Belagerung Wasser genug habe, denn der Mangel an ausreichenden 
Quellen war die Schwäche der sonst so starken Feste. Wo die Leitung und der obere 
Teich zu suchen ist, ist zweifelhaft. Das assyrische Heer stellt sich c. 362 an derselben 
Stelle auf, und da der Angriff am leichtesten von Nordwesten und Norden her erfolgt, 
so könnte die Wasserleitung gemeint sein, die von Norden her in die Stadt zu einem 
Doppelteich nördlich vor der späteren Burg Antonia führte ; hierzu würde die Wendung : 
geh hinaus bis ans Ende, besonders gut passen. Andere denken an die reichlich weit 
von der Stadt liegende heutige birket el Mamilla im Westen, von wo eine Leitung in 
die Stadt führte, oder an einen innerhalb der Mauern im südöstlichen Stadtteil belegenen 
Teich. Jes. erfährt durch Jahve, wo sich Ahas in diesem Augenblick aufhält (vgl. I Sam 
9^0 Mk 11 iff.). Er soll seinen Sohn mitnehmen, dessen Name »ein Best bekehrt sich« 
sowohl das Gericht wie die Hoffnung ausspricht. Daraus ist zu schliessen, erstens, dass 
Ahas das Kind und seinen Namen und zugleich ältere Weissagungen Jesaias kannte, 



4Ö Jes 74—7. 

Hute dich und sei ruhig, 

Fürchte dich nicht und dein Herz verzi^e nicht 

Vor diesen zwei Stummeln rauchender reuerbrände, 

Bei der Zomesglut Rezins und Arams und des Sohnes Remaljas! 
^Weil wider dich geplant hat Aram Böses, 

Ephraim und der Sohn Remaljas also: 
^,,Ziehen wir hinauf in Juda und bedrängen es und brechen es uns au! 

Und setzen zum König in seiner Mitte den Sohn Tabels": — 
'So spricht der Herr Janve: 

Nicht soll's bestehen und nicht soll's geschehen! 



die mit dem Namen in Beziehung standen und etwas über die gegenwärtige Lage aus- 
sagten, etwa dass Assur (und also nicht Syrien und Israel) das Strafgericht an Juda 
(und auch an Syrien und Israel) vollziehen solle; zweitens, dass Jes. mit seiner Familie 
dem Eönigsbause nahe stand, dass Ahas, auf den der Eindesname Eindruck machen soll, 
wohl nicht ganz so schlimm gewesen ist, wie ihn IIBeg 168 schildert; endlich dass 
zwischen dem Todesjahr Usias und unserer Szene mehrere Jahre liegen, weil der Knabe 
schon mitgehen kann. Ew. spricht noch die Vermutung aus, dass Jes. den Lesern vorher 
den Namen erklärt hatte. Für irryiT-^K schreibe "h», 4 Ahas soll »sich hüten«, als ein 
Mann, der schon durch frühere Weissagungen vorbereitet ist, und »Ruhe halten«, d. h. 
von aller kriegerischen Rüstung im Vertrauen auf Gott absehen vgl. c. 30i6f. Sein Herz 
soll nicht »weich werden«, denn die beiden Feuerbrände, die das Eriegsfeuer bringen 
wollen, sind nur rauchende »Schwänze«, von Assur schon hart mitgenommen. Der Chro- 
nist hätte sich unsere Stelle erst ansehen dürfen, bevor er II Chr 285ff. dichtete. Diilm. 
meint freilich umgekehrt, Jes. hätte nicht so tapfer sprechen können, wenn das in der 
Chronik (und II Beg 166) Berichtete schon geschehen wäre. Freilich, wenn der schwächere 
von den beiden rauchenden Stammeln in Juda, einem .Lande von 60 Quadratmeilen , an 
Einem Tage 120000 Mann tötet, da muss wohl selbst ein Jes. bange werden. Wenn nun 
der Chronist noch eine Null angehängt hätte? »Rezin und Aram«, wie v. 5: »Ephraim 
und der Sohn Remaljas«; Volk und Eönig verdienetf zusammen genannt zu werden, weil 
sie keineswegs so eins sind, wie Juda und sein legitimes Eönigshaus. Den Namen des 
Israel. Eönigs würden wir trotz dreimaliger Erwähnung desselben nicht erfahren, wenn 
nicht V. 1 vorgesetzt wäre. Er wird nur mit dem Namen des Vaters genannt, weil dieser 
kein Eönig war, und so als Thronräuber gekennzeichnet, v. 4b zu streichen liegt kein 
Grund vor. n in qst-^'nna ähnlich wie c. 98b. 5 Zu ""S )r^ vgl. 3i6. 6 nas'^ps müsste ein 
sonst nicht vorkommendes hiph. von ipp (sich fürchten v. 16) sein; 1. mit Ges. nach 
c. 298. 7: n9;^^:(3. Der Vorschlag von de Lag. naxra passt nicht zu der Absicht Rezins, 
Judas Eräfte für seine Zwecke, den gemeinsamen Widerstand gegen Assur, auszubeuten, 
zerstört auch die Elimax. »Aufbrechen«, ein oft vorkommender Terminus, mit Vn auch 
II Chr 32i. Das letzte Ziel ist die Verdrängung der Davididen durch einen Mann , von 
dem nur der Vatersname mitgeteilt wird, weil auch er ein Emporkömmling ist. Ein 
späterer Schriftsteller hätte uns sicher auch den eigentlichen Namen genannt, und wenn 
er ihn hätte erdichten müssen. LEX sprechen Tabeel, halten Rezins Werkzeug also für 
einen Syrer, ebenso die Punktatoren, die aber hier wie Esr 4? das ^k in V« (nicht) ver- 
wandeln, um auch ihrerseits den Bösewicht abzustrafen. Ob es wirklich ein Syrer war, 
das ist zweifelhaft; die Assyrer hatten wenigstens die vernünftige Politik, Eingeborene 
zu Vasallenfürsten unterworfener Länder zu machen, ebenso die Ägypter und Chaldäer. 
Eigennamen mit Vk kommen zu dieser Zeit auch in Juda vor, wenn auch nicht oft (c. 36 s); 
vielleicht hiess also der Rivale des Ahas Tobiel. 7 — 9 Nachsatz zu v. 5 f. Der Plan soll 
misslingen, denn es sind Menschen und menschliche Mächte, die die bösen Pläne ge- 
schmiedet haben. Ahas sieht in seiner Angst nur die scheinbar ungeheure Gefahr; sie 
hat in seinen Augen übertriebene Dimensionen angenommen. Jes. sucht ihn zunächst zu 
ernüchtern: es sind ja nur die wohlbekannten Nachbarvölker mit Hauptstädten, über die 



Jes 78—9. 49 

®Denn das Haupt Aratns ist Damaskus ^^Vnd in noch 65 Jahren wird 
Und das Haupt von Damaskus Rezin, Ephraim gestürzt sein, dass es 

^Und das Haupt Ephraims ist Samaria kein Volk mehr ist. 

Und das Haupt Samarias der Sohn Remaljas: — 
Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht 



das Dayididenhans schon geherrscht hat, und mit Königen, die ihre Würde geraubt haben 
und auch schon von Assur unterjocht sind. Freilich sind sie Juda überlegen, aber Jahve 
hat gesprochen! Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht. Obwohl Jes. den Ahas be- 
ruhigen will, so ist er doch selber erregt, nur nicht durch die Angst, sondern durch das 
gespannte Bemühen, den Ahas in dieser entscheidenden Stunde ganz für den unsichtbaren 
Gott und dessen Batschluss zu gewinnen. Es handelt sich für ihn um die Frage, ob 
Ahas »hören und sehen« kann, und da, unsers Wissens zum ersten Mal in Israels Beli- 
gionsgeschichte, wird der Ausdruck gefunden, der später von so gewaltiger Bedeutung 
werden sollte, der Ausdruck: glauben. Frühere Schriftsteller gebrauchen ihn selbst da 
nicht, wo er uns beim blossen Nacherzählen ihrer Geschichten unwillkürlich auf die Zunge 
kommt, z. B. nicht der Jahvist in Gen 12iff., wo Abraham im Glauben an Gottes Ver- 
heissungen in die recht- und schutzlose Fremde wandert (oder »irrt«, wie der Elohist 
c 20is sagt); erst der Deuteronomist wendet ihn mit vollem Bewusstsein seiner Bedeu- 
tung c. 156 an. Der Chronist, der B. II. c. 20ao unsere Stelle benutzt, setzt mit richti- 
gem Gefühl dem "psicr: ein Dncsaa hinzu. Der Glaube bezieht sich auf das Prophetenwort 
von Jahves Plan, es ist im Grunde der Glaube an Jesaias Eschatologie , es ist jenes 
»Einsehen«, von dem c. 6 sprach. Wo er fehlt, da »weicht« man (28 le) oder verlässt 
sich auf menschliche Politik und Kraft (30i5ff.). Blitzartig, wie der Gedanke in dem 
Propheten aufleuchtet, ist er ausgesprochen, ohne Sorge darüber, ob der Gegensatz: 
Menschenpläne — Gottespläne, dem Zuhörer sogleich klar ist. Ein solches Stück, in 
dem die Geburtsstunde des Glaubens in genialer Weise dargestellt ist, einem ungeschickten 
Machwerk zuzurechnen, ist ein wahrer Unglücksfall, nicht für das Capitel, sondern für 
den Kritiker. »Was soll man für Vernunft darin finden, sagt de Lag., wenn einem Un- 
gläubigen [wo steht das?] gesagt wird: „falls du nicht glaubst, gehst du unter", und 
der so Predigende ersichtlich der Überzeugung ist, dass der Angeredete, auch wenn er 
nicht glaubt, doch nicht untergeht ?« Das » ersieh tlich« ist gut, es spart den Beweis für 
die Unvernunft, auf den es angekommen wäre. Man darf von einem Kritiker verlangen, 
dass er mit den wichtigsten Gedanken seines Opfers einigermassen bekannt ist, von einem 
Kritiker von c. 7 also, dass ihm c. 30i5 — 17 einföUt. Nicht durch Syrien wird Ahas 
untergehen, das hatte Jes. schon früher gesagt (c. 17iff.) und Ahas sollte es glauben, 
aber durch Assur kommt die Vernichtung, wenn man »die Ohren schwer und die Augen 
verklebt« hat, auch das sollte Ahas glauben, da er es von Jes. schon gehört hat (öseff.). 
Nicht die Bettung von den »rauchenden Stummeln« ist dem Jes. die Hauptsache, sondern 
die Frage, ob Ahas glauben kann, was der Prophet in Gesichten gesehen und verkündigt 
hat, und ob er also zu dem Best gehört, der umkehrt. Aber den Haupttrumpf spielt 
diese Meisterkritik gegen v. 8b aus: »in noch 65 Jahren wird Ephraim gestürzt werden 
(bei Jes. bedeutet nnn c. 89: bestürzt sein) oys, für D7 nrrre, so dass es kein Volk mehr 
ist«. In langen Sätzen wird bewiesen, dass diese Verheissung dem Ahas nichts nützen 
kann und dass sie an verkehrter Stelle steht. Ja, ist denn das eine neue Entdeckung? 
Warum wird v. 8 b nicht als das behandelt, wofür es seit langem erkannt ist, als Glosse 
zu V. 9a? Übrigens muss die Glosse ziemlich alt sein. Ein spät lebender Glossator 
würde die Eroberung Samarias als den Untergang Israels angesehen haben, er dagegen 
weiss, was wir erst aus den assyr. Inschriften wieder erfahren haben, dass Israel auch 
nach 722 noch reichlich ein halbes Jahrh. mit relativer Selbständigkeit fortvegetierte 
und erst durch Asurhaddon Esr 4s und Osnapar (»> Asurbanipal) v. 10, die neue Kolo- 
nisten nach Samaria brachten, aufhörte ein w zu sein und dafür »ein gemischter Haufe 
von s'^i^« (Diest.) wurde. Die 65 Jahr können wir ihm nicht genau nachrechnen, konnte 

Haadkomneiktar i. A. T. : Du hm, Jee. 2. Aufl. 4 



50 Jeft 7io— u. 

i^Und weiter sprach ich zu Ahas also: Fordere dir ein Zeichen von Jahve, 
deinem Gott, mach's tief nach Scheol oder hoch nach oben hin! ^^Ahas aber 
sprach: Ich fordere es nicht, um Jahve nicht zu versuchen. ^*Da sprach ich: 
Höret doch, Haus Davids, ist's euch zu wenig, Menschen zu ermüden, dass ihr 
auch ermüdet meinen Gott? ^^Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen 
geben: siehe, das junge Weib ist schwanger und gebiert einen Sohn und wird 



er seinerseits nicht aus den uns erhaltenen Geschichtsbüchern nehmen, so dass er auch 
deswegen nicht allzuweit von dem Ereignis abgerückt werden darf. Je älter aber 
die Glosse, desto älter die glossierte Stelle; jene ist also eher eine Stütze für die Echt- 
heit unserer Erzählung. 10 Jes. merkt, dass Ahas unschlüssig ist, und greift nach 
einem besonders kräftigen Mittel, ihn zu sich herüberzuziehen. Die Fortsetzung y. 11 und 
namentlich v. 13 zeigt, dass r:'\7:'^ ein vom Sammler eingesetztes falsches Explicitum von s)cri 
ist, dass also Jes. blos t)sn oder vielmehr ^k^ geschrieben hat. 11 Ahas soll sich von Jahve 
ein Zeichen erbitten, um sich durch dessen Eintreffen zu überzeugen, dass Jahve helfen 
will, ein Wunder, das nach seinem Belieben von der Unterwelt her oder am Himmel 
geschieht; es mag sich z. B. die Erde spalten wie Num 1628ff. oder die Sonne sich ver- 
finstern. Vgl. Jdc 696ff. De Lag. meint, Jes. mnsste entweder ein Schwärmer oder ein 
Betrüger gewesen sein, wenn er dies gesagt hätte. Aber bis zum 18. Jahrh. hat die 
ganze Menschheit aus solchen »Schwärmern« bestanden. Ist denn c. 6 auch ein Pfuscher- 
machwerk? Für nVitr, das imper. von ^mv zu sein scheint und wohl den Gedanken an 
Nekromantie abwehren soll, ist n^kv zu punktieren, wie der Gegensatz r^yoh zeigt. 
12 Während Jes. mit seinem Anerbieten seinen zwiefachen Glauben an die Wahrheit der 
ihm gewordenen Offenbarung und an das Eintreffen des Wunders beweist, will Ahas 
»Jahve nicht versuchen«. Er zweifelt nicht daran, dass ein Wunder geschehen werde, 
aber er fürchtet, dass es zugleich ihm gefährlich werden möchte. »Wer verpföndet sein 
Herz (d. h. wagt es), sich mir zu nahen?« heisst es Jer 80 21. Am wenigsten der, der 
kein gutes Gewissen hat. Ahas hat ein böses Gewissen, er fühlt, dass er jenen anderen 
Glauben v. 9 nicht hat, trägt vielleicht auch schon den später ausgeführten Gedanken 
in sich, Assur um Hülfe anzugehen, und weiss, dass dies vielleicht Jes., aber nicht Jahve 
verborgen ist. Für ihn wäre die Bitte ein frivoles Herausfordern Gottes wie für Jes. der 
echte Beweis wahrer Religion (Mt 17 so), und der Vorfall selber ist eine geschichtliche 
Auslegung von c. 69ff. 18 Da wallt eine beisse Entrüstung in dem Propheten auf. Ähn- 
liche stumpfsinnige, von moralischer Feigheit oder Gleichgültigkeit zeugende Ablehnungen 
hat er selber vom »Hause David«, von Ahas, vielleicht auch von Jotham und einfluss- 
reichen Prinzen, denen er als Mensch mit wohlgemeintem Bat nahe getreten war, er- 
fahren, dies Mal aber kam er mit einem Auftrage Jahves. Nicht blos das v. 3 — 9 Er- 
zählte, sondern auch die Aufforderung v. 11 war ihm also direkt von Jahve eingegeben: 
Jes. ist in der Ekstase. 14 Und in der Ekstase fährt er fort: darum wird der Herr von 
sich aus ein Zeichen geben. Dies Zeichen muss in der Hauptsache denselben Zweck 
haben, den das abgelehnte hatte, nämlich bestätigen, dass der Prophet über die gegen- 
wärtigen Feinde und das Misslingen ihrer Pläne die Wahrheit gesagt hat. »Siehe, das 
Weib ist schwanger etc.« Das Partie, mit nan ist an sich weder Gegenwart noch Zu- 
kunft; die Geburt muss freilich in die Zukunft fallen, dagegen kann das Weib recht wohl 
schon jetzt schwanger sein vgl. Gen 16 11, und man kann aus diesem Ausdruck nicht 
schliessen, dass die Geburt erst nach mindestens neun Monaten erfolgen wird. Schwanger- 
schaft und Geburt irgend eines Weibes kann an sich kein Zeichen sein, der Nachdruck 
liegt auf der Namengebung, wie auch das verb. fin. anzudeuten scheint. Der erste Aus- 
ruf, den ein Weib bei der Geburt ausstösst, wird ähnlich wie die letzten Worte eines 
Sterbenden gern als eine Art Omen oder Orakel aufgefasst und zur Namengebung ver- 
wandt. Ausrufen wird das Weib : Gott mit uns ! Umgekehrt rief die Schwiegertochter 
Elis, als sie auf die Nachricht von der Gefangennahme der Jabvelade in Weben fiel : dahin 



Jea 7 16— 17. 51 

seinen Namen „Gott-mit-uns" nennen. ^^Denn bevor ** Sahne und Honig wird er 

der Knabe weiss, das Böse zu verschmähen und das ©äsen um die Zeit, wo er 

Oute zu wählen, wird verödet sein das Land, vor weiss, das Böse zu ver- 

dessen beiden Königen du dich graust "Bringen schmähen und das Gute 

wird Jahve über dich und über dein Volk und über ^^ ^ ®^' 

daa Haus deines Vaters Tage, welche nicht gekommen 

sind seit dem Tage, wo Ephraim abfiel von Juda*). *) den König von Assur. 



ist die Hoheit! ISam 4i»— u. mhyn ist nicht eine Jungfrau (nV^ina), sondern ein mann- 
bares, verheiratetes oder lediges, keusches oder hurerisches (Pr? 80 19) Weib Cnt 68. 
Da Jes. kein bestimmtes Weib bezeichnet, so hat er auch kein bestimmtes Weib gemeint 
(so wenig wie Koheleth c. 786 vgl. Ges. § 126 r), also nicht ein Weib des Königs, der 
doch auch seinen Harem nicht zur Inspizierung des Wasserwerks mit hinausgenommen 
haben wird, nicht sein eigenes Weib, das auch nicht zugegen war, auch nicht ein zufallig 
in der Nähe stehendes Weib, das mindestens in der Niederschrift näher hätte bezeichnet 
werden müssen. Jedes beliebige Weib, das demnächst schwanger ist und gebiert, wird 
den Buf ausstossen. Wie kann das nun ein Zeichen sein ? De Lag. sagt : »Es ist nahezu 
Verrücktheit, jemandem daraufhin Glauben für eine Behauptung abzuverlangen, dass etwas 
heute Gesagtes sich in 10 Monaten als richtig bewähren werde.« Es ist schwer ver- 
ständlich, wie jemand sich bei solchen Ansichten mit dem AT abgeben mag, denn im 
AT kommt solche Verrücktheit leider öfter vor. um von Jes 3780 abzusehen, so heisst 
es Ex 3 12: das sei dir das Zeichen, dass ich dich gesendet habe: wenn du das Volk aus 
Ägypten ausgeführt hast, werdet ihr auf diesem Berge opfern. Also auch ein Zeichen 
post festum. In allen alten Beligionen spielen die Zeichen eine grosse Bolle : überall da, 
wo nicht direkte Kundgebungen Gottes in Erscheinungen, Träumen u. dgl. vorliegen, 
manchmal auch trotz ihrer, wird eine reichentwickelte Symptomatologie zu Hülfe gerufen. 
Besonders wichtig ist die Beachtung der Symptome dann, wenn die direkten Kund- 
gebungen Gottes unsicherer Art sind oder in Zweifel gezogen werden vgl. Dtn 182if. 
In unserer Stelle aber handelt es sich um eine Offenbarung, die nicht geglaubt wird und 
hei der grade der Glaube noch wichtiger ist, als der Inhalt der Weissagung selber. Die 
Syrer werden ganz sicher bald unschädlich sein ; Jes. will aber, dass Ahas gezwungen ist, 
diese Thatsache als von Jahve vorhergesagt (und bewirkt) zu erkennen und anzuerkennen, 
und dass er nicht mit derselben Stumpfheit, mit der er und das Volk bisher die Thaten 
Jahves und die vorlaufenden Weissagungen > sahen und hörten, aber nicht verstanden«, 
auch die heutige Szene einfach vergisst. In dem Augenblick also, wo die Syrer abziehen 
müssen, wird Jahve gebärenden Weibern eingeben, Gott mit uns! auszurufen, und Ahas 
wird Kindern mit solchem Namen begegnen. Das ist ihm alsdann nicht blos eine Er- 
innerung an die beutige Vorhersagung, sondern auch an seinen eigenen Unglauben; Gott 
mit uns! heisst für ihn zugleich: Gott wider mich! ns-^p ist nicht 2. pers. (LXX), son- 
dern archaistische 3. fem.; zu Jesaias Zeit haben wohl noch die Weiber in der Begel 
den Kindern die Namen gegeben. 15—17 v. 16 schlägt auf v. 14 zurück; das "^a könnte 
zwar V. 16 und V. 17 einleiten und v. 14 und v. 15 begründen, aber in diesem Fall 
müsste jedes Verspaar eine syntaktische und sachliche Einheit darstellen, was keineswegs 
zutrifft. Wenn aber *3 nur v. 14 und v. 16 verbindet, so ist v. 15 nicht ursprünglich in 
diesem Zusammenhang, v. 14 und 16 reichen auch so entschieden für das Zeichen aus, 
dass man das Mehr als lästig empfindet : bald wird man Gott-mit-uns ! rufen, denn wenig 
später wird sogar Syrien-Israel ganz vernichtet sein, d. h. Assur wird sie erst unschädlich, 
dann ihnen das Garaus machen. Bevor der Knabe zwischen Gut und Böse unterscheiden 
kann (zum inf. abs. ein und -«ina als Objektsakk. s. Ges. § 113 f) bedeutet: bevor er 
zwei, drei Jahr alt ist, vgl. Dtn ls9 zum Ausdruck und Jes 84 zur Sache. Zu at^^n vgl. 
c. 6 12 179. — V. 15 ist vom Bande eingedrungen. Wahrscheinlich nahm sein Vf. an, 

4* 



5^ Jes ?i8— il 

i^Und geschehen wird's an jenem Tage: 
Zischen wird Jahve der Fliege*) und der Biene**) 

^^Und kommen werden sie und sich niederlassen alle 
In die Thäler der Klippen und in die Klüfte der Felsen 
Und in alle Dombfiscne und auf alle Triften. 

*) die am Ende der Nile Ägyptens; **) die im Lande Assur. 



dass der Knabe eine besondere eschatologische Grösse sei, etwa der Messias, über dessen 
Jugendschicksale er durch Exegese, durch Kombinierung unseres Stückes mit y. 21 f., 
eine interessante Einzelheit gefunden zu haben glaubte. Der Vers ist also jünger als 
der Redaktor, der v. 18 ff. anfügte, hätte übrigens hinter v. 16 eingeschaltet werden 
sollen, da er eine spätere Zeit beschreibt. Gegen seine Echtheit spricht auch, dass das 
Essen von Sahne in v. 18 ff. die notgedrungene Folge der Verwüstung Judas ist, während 
V. 16 von der Verwüstung Syriens und Israels redet. Dass y. 14. 16 später messianisch 
gedeutet wurden, beweist auch das sehr späte Einschiebsel Mch 5s, das dort v. 1 und 2 
ebenso thöricht trennt, wie hier y. 15 den 14. und 16. v. iryn^ heisst »gegen die Zeit 
etc.« (zu \ ygl. Gen ds), nicht »zum Zweck seines Wissens«, wozu das Essen von Sahne 
und Honig nicht hilft und wozu einem zum Messias bestimmten Menschen überhaupt 
kein »charakterbildendes« Mittel hilft, sondern die Mitteilung des Geistes. — v. 17 ist 
ebenso asyndetisch angehängt wie y. 15, aber doch yon anderer Art. Denn während y. 15 
mit seiner Messiaserwartung sich um die geschichtliche Situation yon y. 1— 17 und v. 18ff. 
nicht kümmert, bemüht sich der Vf. von y. 17 grade um eine geschichtliche Verbindung 
beider Stücke; er drückt sich zwar ungeschickt aus, hat aber doch richtig gefühlt, dass 
das Vorhergehende (besonders v. 9b) eine Drohung miteinschliesst. y. 17 ist sogar 
notwendig, wenn man beide Gapitelbälften in einem Atem lesen will, denn wenn er 
fehlte, würde man die y. 18 ff. beschriebene Verwüstung, die gewiss Juda gilt, nach y. 16 
auf Syrien und Israel deuten müssen. Der Vers ist also ein Produkt des Redaktors, 
der y. 18 ff. mit dem Vorhergehenden zusammenschweissen wollte. Sobald man diese 
Verbindung aufhebt, findet man ihn hinter y. 16 lästig, da er höchstens allgemein sach- 
lich, nicht aber stilistisch und dispositionell yorbereitet ist. Vgl. weiter zu c. 888b. 
Dass die Glosse »den König yon Assur« hier wie y. 20 und c. 8? dem Text einverleibt 
wurde, ist ein Zeichen yon der Gedankenlosigkeit der Abschreiber. 

Drittes Stück c. 7 18—85, eine yom Sammler aus jesaianischen Überresten zu- 
sammengesetzte Bede Über das Juda beyorstehende Gericht. Gegen direkte jesaian. 
Abkunft des Ganzen spricht der sehr mangelhafte Stil und die ewige Wiederholung der 
Phrase: es wird geschehen an jenem Tage. Daneben findet sich aber manches kräftige 
und originelle Wort, und die rein zeitgeschichtlichen Weissagungen über Assur, die die 
Späteren nicht interessierten, können nur yon Jes. (oder einem Zeitgenossen) sein. Wegen 
mehrfacher Berührung mit älteren Stücken setzt man diese Fragmente am Besten in die 
frühere Periode Jesaias, sodass in dieser Beziehung der Bedaktor einigermassen das 
Bichtige getroffen hat, wenn er auch besser gethan hätte, seine Komposition nicht zu 
einer Fortsetzung der Bede an der Wasserleitung zu machen. 18. 19 das erste Frag- 
ment ; y. 18 a yon der Hand des Bedaktors. Jahye wird die Fliege und die Biene herbei- 
zischen ygl. c. 586. Die Fliege hat den Zusatz : die am Ende der Nile (-»ir ist das ägyp- 
tische Wort für den Nil) Ägyptens ist. Schwerlich kann nsp das Juda benachbarte Ende 
des Nils, die Nilarme des Delta, bezeichnen; wäre ünterägypten gemeint, so würde nsp 
fehlen. Der Schreiber dieser Worte denkt ohne Zweifel an Oberägypten und Äthiopien, 
an das Beich des Sabako; den Plural '^nn'^ nahm er aus c. 18 1. Dass aber Jes. diesen 
und den folgenden Belatiysatz, beide so prosaisch und das Bild zwecklos machend, ausser- 
dem sachlich so überflüssig wie nur möglich, geschrieben habe, ist ganz unwahrscheinlich. 
Die Fliege kann ein Bild Ägyptens sein (s. zu c. 18 1), die Biene, mit der auch sonst 
gefährliche Feinde yerglichen werden (Dtn I44), ein Bild Assurs, das reich an Bienen 



Jes 720—83. 53 

*oAn jenem Tage wird abscheren der Herr 
Mit dem Schermesser, dem jenseits des Stroms gedungenen,*) 
Das Haupt und das Haar der Füsse, 
Und auch den Bart nimmt es hinw^. 

^^Und geschehen wird's an jenem Tage: 
Man hält ein Kühchen und zwei Sdiafe, 

^ünd geschehen wird's: ob der vielen gewonnenen Milch isst man Sahne, 
Denn Sahne und Honig wird essen jeder Übriggebliebene im Lande. 
**Und es wird sein an jenem Tage: 
Bein wird jeder Ort, wo 1000 Beben um 1000 Bekel sein werden. 
Für Dornen und Disteln wird er sein. 

*) mit dem König von Assur. 



war; ob Jesaia beide Völker und nicht yielmehr nur das letztere gemeint hat, mag 
dahingestellt sein. — v. 19. Die Insekten werden das ganze Land erf&llen. De Lag. sagt : 
»Dass die beiden Dränger sich in die Felsspalten und die Dombüsche legen, ist den 
Begeln wenigstens der neueren Kriegskunst nicht entsprechend u. s. w.« Welch ver- 
nichtender Spott! Nur kann man mit demselben Argument alle Prophetenschriften und 
Dichter ausrotten. Für Fliegen und Bienen sind Dornbüsche und Felsspalten grade die 
richtigen Quartiere. Sollten übrigens diese Tiere beide Völker, die Ägypter und Assjrer, 
bezeichnen, so hat sich diese Erwartung nicht genau erfüllt, ein Beweis natürlich nicht 
gegen, sondern für die Echtheit, auch wohl für frühe Abfassung, da Jes. später nicht 
mehr an die Heldenhaft! gkeit der Ägypter glaubt c. 20 c. 30iff. 20 ist wieder ein 
anderes Fragment, das nur noch das gebrauchte Bild einer jesaian. Bede gerettet hat, 
nicht mehr ganz den ursprünglichen Wortlaut. Dass die »Dingung« des Schermessers 
auf das von Geschenken begleitete Hülfsgesuch des Ahas IIBeg 16 7f. anspiele, ist eine 
gar zu scharfsinnige Vermutung. . Das Werkzeug der Bache und der Beschimpfung, das 
dem als Mann gedachten Juda Bart, Kopfhaar und die Schamhaare wegnimmt (vgl. II Sam 
10 4f.), ist von Jahve selbst gedungen, Assur ist Jahves Söldner. Der Plural "-»nrs steht 
hier doch anders als Jer 4982 I Beg 54 und ist wohl (scheinbaren) Pluralformen wie "'^^tt, 
"n; nachgebildet, denn eine sachliche Mehrheit passt nicht zum Bild vom Schermesser; 
vor -tra sollte man den Art. erwarten. Zur Glosse s. v. 17. 21. 22 ein weiteres Bruch- 
stück, bei dem die spätere Hand stärker eingegriffen hat. v. 21b ist eigenartig genug, 
um dem Jes. zugeschrieben werden zu dürfen; v. 22b kann ebenfalls in einem jesaian. 
Zusammenhang, wenn auch nicht in der jetzigen engen Verbindung mit v. 21 gestanden 
haben. Geschildert wird ähnlich wie in mehreren früheren Stücken, besonders c. 5i4. i7 
329ff., die völlige Verwüstung des Landes, die zum Hirtenleben zurückzukehren nötigt 
und zwar zu einem recht armseligen. Eine junge Kuh, ein paar Schafe oder Ziegen zieht 
sich eine Familie auf; statt Brot und Fleisch essen die wenigen Übriggebliebenen geronnene 
Milch, die sonst nur Zukost ist Gen 18s, dazu wilden Honig, gleichsam unfreiwillige 
Eremiten (Mt 34). Die nKion hat einen Späteren zu einer echt rabbinischen Beflexion 
verleitet: warum Butter und nicht Milch? weil man so viel Milch gewinnt, dass man 
sie gar nicht bewältigen kann, wenn man nicht Butter daraus macht, ist es doch der 
Vorabend der messianischen Zeit. De Lag. rechnet diesem Unglücklichen vor, was er für 
ein Ignorant in der Landwirtschaft sei: eine Kuh gebe bei Stallfütterung acht Mass 
Milch, auf der Weide weniger, und das Vieh des Südens noch weniger. Das wäre gewiss 
ein schlagender Beweis gegen die Echtheit des Capitels, wenn es von einem Landwirt 
oder Milchhändler geschrieben sein wollte. 28 — 25 enthält ähnliche Schilderungen. 
Dass diese Verse in ihrer jetzigen Gestalt von Jes. sein könnten, ist nicht zu glauben. 
In V. 23 viermal das Verb, rrr^j in den drei Versen dreimal die Domen und Disteln! 
nach V. 24 wagt man sich in die letzteren mit Pfeil und Bogen, nach v. 25 wagt man 
sich nicht in sie. Die Beben v. 23, die Stück für Stück einen Sekel (c. 27s ^&rk) kosten, 



54 Jes 7 «4— «6. 8 1—4, 

^^Mit den Pfeilen und dem Bogen kommt man dorthin, 
Denn Dornen und Disteln wird das ganze Land sein. 

>^Und alle Berge, die mit der Hacke behackt werden, 
Nicht kommt man dahin aus Furcht vor Domen und Disteln, 
Und dienen wird's zur Austreibung des Stieres und Zertretung des Schafes. 

♦ • 

« 

8 ^Und Jahve sprach zu mir: Nimm dir eine grosse Tafel und schreibe 
darauf mit Volksschrift: „Dem Raubebald-Eilebeute'S ^und ziehe mir hinzu glaub- 
würdige Zeugen, Uria den Priester und Sacharja den Sohn Jeberechjas. — »Und 
ich nahte der Prophetin und sie ward schwanger und gebar einen Sohn, und 
Jahve sprach zu mir: Nenne seinen Namen „Raubebald-Eilebeute^^; *denn bevor 
der Knabe weiss zu rufen: Mein Vater und Meine Mutter, wird man einhertragen 
das Vermögen C^amaskens und den Raub Samariens vor dem Könige von Assur. — - 



sind jedenfalls die allerteuersten (zwölfmal so teuer als zur Zeit des Reisenden Burck- 
hardt die Beben in Syrien). Wie den kostbaren Weinbergen ergeht es v. 25 den ßergen, 
die jetzt wegen ihrer BodenbeschafFenheit die intensivste Ausnutzung durch den Gärtner 
gestatten; der Mensch wagt sich gar nicht mehr hin, jagt die Weidetiere darauf. K^an 
passt nicht gut als 2. pers. m., noch weniger als 3. pers. f., mag man im letzteren Fall 
die näherliegende Deutung wählen : jene Berge sind vor den Disteln sicher, oder in über- 
feiner Weise erklären : die Furcht vor den Disteln kommt nicht [mehr] dahin, weil — die 
Disteln schon da sind. Man muss wohl ioa*" lesen wie v. 24 und nxn^ als adverb. Accus, 
fassen (vgl. z. B. USam 233). 

Viertes Stück c. 8i— 4, zwei kurze Berichte über Handlungen, durch die sich 
Jes. die Mittel schaffen will für den in späterer Zeit zu erbringenden Beweis, dass er 
das eingetroffene Ereignis, nämlich die Niederwerfung Syriens und Israels durch Assur, 
wirklich vorhergesagt habe. Da Jes. auf eine solche Weissagung nur dann Gewicht legen 
konnte, wenn sie zunächst noch allen Erwartungen zuwider lief, so müssen diese Hand- 
lungen vor der Botschaft des Ahas an Tiglat Pileser IIBeg 167 geschehen sein, also 
ungefähr in dieselbe Zeit mit der c. Tsff. erzählten Handlung fallen. 1. 2 Jes. soll eine 
grosse geglättete Platte mit »Menschengriffel« beschreiben, d. h. wohl so, dass jeder es 
lesen kann vgl. Hab 2 2. Merkwürdig ist, dass das sonst nur in der Poesie vorkommende 
V13M hier wie sonst v"k Dtn du den gemeinen Mann zu bezeichnen scheint; ist etwa 
m^ der altfränkische Mann, der mit der Zeit nicht fortschritt und auch in den »Wissen- 
schaften« dem Alten treublieb ? Die Schrift wird dieselbe gewesen sein, wie die auf der 
von Guthe (ZDPV IV, S. 102 ff.) veröffentlichten Inschrift, die die Steinhauer zu ihrem 
Vergnügen im Siloahtunnel eingruben. Die Tafel ist gewidmet dem: »Eilend Raub «» 
sich beschleunigend Beute« vgl. zu h Hes 37 16; "trre und vn (5i9) sind Partizipien. Sie 
wird öffentlich aufgestellt, um zu Anfragen über den Sinn zu veranlassen. Damit sie 
auch dann, wenn ihr Inhalt sich bewahrheitet hat, als schon jetzt vom Propheten auf- 
gestellt nachgewiesen werden kann, werden zwei Zeugen zugezogen. Aus rn*«;r:^, das die 
LXX noch hat, ist im hebr. Text n-r'^^rKi geworden, sei es durch Schuld des aramäisch 
sprechenden Abschreibers, sei es weil man den dat. eth. "'^ falsch verstand. Als glaub- 
würdige Zeugen, d. h. solche, denen das Volk (nicht Jahve) glaubt, werden der aus 
II Reg 16 bekannte Oberpriester XJria und der sonst nicht bekannte, jedenfalls aber vor- 
nehme Sacharja bezeichnet. Beide Männer sind keine nahen Freunde Jesaias gewesen, 
wenn ihr Zeugnis als unverdächtig galt: dass er doch über sie verfügen kann, spricht 
wieder für seine vornehme Abkunft. 8. 4 Die Geburt des Knaben fällt ohne Zweifel in 
dieselbe Zeit. a^tpKi steht natürlich nicht im engen Anschluss an das Vorhergehende, 
ist dem '^«x'"^ v. 3b nur in bekannter Weise nebengeordnet, wo wir durch das plusquamp. 
einen zeitlichen Abstand zu schaffen als nötig gefühlt hätten. Jes. nennt sein Weib 



Jes 85—6. 65 

^Und Jahve fuhr noch fort zu mir zu reden also: 

^Weil verachtet dies Volk die Wasser Siloahs, die sacht fliessenden, 

Und verschmachtet vor Rezin und dem Sohne Remaljas: 



»die Prophetin«, hat also den Titel irs: nicht für sich abgelehnt wie Arnos (Tu), hat 
auch nur ein Weib gehabt. Dies Mal benennt der Vater den Sohn und zwar mit dem- 
selben Namen, den die imaginäre Person v. 1 bekam: eben dämm gehören beide Hand- 
lungen derselben Zeit an, denn sonst hätte Jes. das Bedürfnis der Variation empfunden. 
Ein Glück, dass wir den Vater des Knaben kennen, denn ohne das wäre auch der Banbe- 
bald eine eschatologische Grösse geworden wie der Immanuel. 4 giebt nun die Deutung 
des Namens; "a bringt, wie öfter (c. 7i6), etwas mehr als blosse Begründung. Bevor ein 
bis zwei Jahre vorüber sind, wird Syrien und Israel von Assur geplündert sein. Das ist 
genau dieselbe Zeitbestimmung wie in c. 7i6, wo nur ein etwas späteres Stadium, die 
Verödung Syriens, ins Auge gefasst und darum ein etwas höheres Alter des »Immanuel« 
als Datum verwandt ist: erst die Bettung Judas c. 7 14, dann die Plünderung der feind- 
lichen Hauptstädte c. 84, darauf die völlige Verödung der feindlichen Länder 7i6. Wegen 
dieser nahen Beziehungen mnss c. 81 — 4 mit c. 78—16 in ursprünglicher Verbindung ge- 
standen und muss auch c. 72ff. einst in der 1. pers. erzählt haben. Dass die Zeitbestim- 
mungen sich mit der Erfüllung nicht in jeder Beziehung decken, ist bekannt : Syrien ist 
erst zwei Jahre nach der Geburt des Knaben durch Tiglat Pileser vernichtet, nämlich 
732 a. Chr., und Samaria ist erst etwa ein Dutzend Jahr nach den in c. 7. 8 erzählten 
Handlungen geplündert. Das sind Differenzen, die für die Echtheit sprechen. Und 
ihnen zum Trotz ist Jes., indem er später von seinem Thun schriftlichen Bericht gab, 
mit vollem Becht der Meinung gewesen, dass er in den Hauptsachen von Jahve recht 
instruiert war. Für uns ist, abgesehen von der religionsgeschichtlichen Bedeutung von 
c. 79, am wichtigsten der Umstand, dass Jes. ganz bestimmte, mit Zeitangaben versehene 
Vorhersagungen giebt, dass diese nicht aus politischen Kombinationen stammen, sondern, 
allen menschlichen Mutmassungen widerstreitend, von Jes. für wunderbare Enthüllungen 
Jahves gebalten werden, dass ihm endlich diese speziellen Weissagungen als besondere 
Beweise seiner prophetischen Sendung gelten. Man mag über die Möglichkeit solcher 
Vorhersagungen denken, wie es beliebt, aber man muss den Jes. nicht für das moderne 
Bewusstsein retten wollen, indem man sein eigenes Bewusstsein ignoriert. Lieber halte 
man ihn für einen »Schwärmer«. 

Fünftes Stück c. 85 — 8. Auch die gedichtartige Bede v. 6 — 8a stammt nach 
V. 5 ans denselben Tagen wie die im 2. und 4. Stü-ck erzählten Begebenheiten und ist 
von Jes. mit ihnen in derselben Schrift aufgezeichnet. Zwischen den beiden Langversen 
in V. 8 scheint eine Lücke zu bestehen. 6 Wieder hat Jes. in der Ekstase ein einfaches 
Bild bekommen. »Dies Volk da« in Jerusalem verachtet die Wasser Siloahs und soll 
dafür von den Wassern des Euphrat überschwemmt werden. Von der jetzt sogen. 
Marienquelle (unterhalb des Ophel c. 32 14) floss ein spärliches Wasser in verschiedenen 
Binnsalen und Leitungen nach Süden bis zur Vereinigung des TyropÖon- und Kidronthals 
zur Quelle Siloah (vgl. Neh 3 15) herab; die Quelle soll mit der Tempelqnelle in Ver- 
bindung gestanden haben. Dies Wasser ist ein Bild der Herrschaft und Macht des 
Bewohners des Berges, dem das Wasser entströmt, Jahves, nicht des Davididenhauses, 
das man nicht missachtet, dessen Missachtung auch zu keiner Prophetenrede Anlass 
gegeben hätte. So gering dies Wasser, so gering ist in den Augen der Judäer, die nur 
das Sichtbare sehen, nicht mit Glaubensaugen das unsichtbare, Jahves Macht. Hesekiel 
(c. 47), Joel (4 18), Deuterosacharja (c. 14) verheissen dem Tempel eine bessere Quelle, 
weil auch sie das Sichtbare lieben, während der Dichter von Ps 46 zufrieden ist, weil 
er nach dem (verderbten) 5. v. eine geistliche Tempelquelle kennt, v. 6 b ist unüber- 
setzbar. Das vt«i9i schwebt in der Luft, denn man kann aus 'o yr kein yr herausnehmen 
und es davor stellen ; und dass die »Wonne mit Bezin« im Zusammenhang unmöglich ist. 



56 Jes 87—8. 

7 Drum siehe lässt steigen der Herr die Wasser des Stroms, die gewaltigen 

[und vielen*) 

Und steigen wird er über all' seine Betten und treten über alr seine Ufer, 

^Und wird eindringen in Juda, überschwemmen und überfluten, bis an den 

[Hals reicht's 

Und die Ausspannungen seiner Flügel werden ausfüllen die Breite 

[des Landes 
Denn „mit uns ist Gott''. 

*) den König von Assur und seine ganze Herrlichkeit. 



beweisen die verzweifelten Erklärungen derjenigen, die es verteidigen, zuletzt Dillmanns : 
sich mit Bezin an kriegerischem Apparat und Bündnissen erfreuen, als ob davon ein 
Wort zu lesen und die Judäer damals in der Stimmung (7«) gewesen wären, über solche 
Dinge mit ihren Feinden vor Freuden zu hüpfen. Spricht man mit Hitz. Die«, so erhält 
man ein passendes Yerbum, aber keine passende Konstruktion. Wahrscheinlich hat aber 
die missverstandene Schreibung jenes Wortes mit tj die Ersetzung eines ursprünglichen 
*^3B« oder "at^Q durch r» verschuldet. Ein ^y aber darf man ergänzen, wenn vorher das 
""D gestrichen und nach c. 30 is wo ^r* gelesen wird. So ergiebt sich das offenbar be- 
absichtigte Beim Wortspiel tko — ztn und mit dem *n^ die nötige Länge des Hemistichs, 
während durch Streichung des "d das entsprechende Hemistich in v. 6 a entlastet wird. 
7 Ein Drum folgt auch c. 30 is auf das dk« p^; das i davor ist wohl zu streichen, ebenso 
onSy. Weil man das kleine Wasser verachtet, lässt Jahve das grosse kommen, natürlich 
über Juda, wie ja doch v. 8 ausdrücklich sagt. Das Interpretament »den König von 
Assur und seine ganze Herrlichkeit« dem Jes. als »Selbstglosse« zuzuschreiben, heisst 
ihn mutwillig zum Stümper machen ; steigt denn der König über air seine Betten ? Der 
Euphrat und seine Seitenarme und Kanäle überschwemmen in den Frühlingsmonaten 
alljährlich ihr Ufergebiet. Obwohl das Bild von der Sündflut hier nahe gelegen hätte, 
macht der Prophet nicht die leiseste Anspielung darauf. 8a Die Überschwemmung dringt 
in Juda ein, bis an den Hals reichend (c. 3088), ein Wunder, wenn jemand lebendig 
davonkommt. So beweist Jahve den Ungläubigen, dass es nicht an seiner mangelnden 
Kraft liegt, wenn die Wasser Siloahs leise fliessen. Diese Drohung hätte wohl eine 
andere Gestalt erhalten, wenn sie nicht noch vol* das Hülfsgesuch des Ahas fiele. 
8b bringt ein ganz anderes Bild, möglicherweise auch einen andern Gedanken. Irgend 
jemand, der Assjrer? Jahve? wird mit einem grossen Vogel verglichen, der mit seinen 
ausgespannten Flügeln das Land oder die Erde ausfüllt, vihfo wie c. 68, für rrn sollte 
man "t^n erwarten. Das Suffix von 'jse'^M ist ganz rätselhaft, Juda oder Ahas kann hier 
doch nicht plötzlich angeredet sein. Jene imaginäre Persönlichkeit aber, deren Namen- 
gebung nach c. 7i4 ein Zeichen für Ahas werden soll, ist zur Zeit der Bede v. 6 ff. noch 
nicht einmal geboren, und selbst wenn man v. 8b in eine spätere Zeit versetzen wollte, 
so könnte eine blos vorgestellte Figur doch nnr dann angeredet werden, wenn sie etwas 
symbolisierte. Aber was soll denn der Immanuel symbolisieren, etwa die neue bessere 
Generation (Dillm.)? Das könnte allenfalls ein für die Krone geborenes Königskind, 
nicht aber X ben Y. Der Name allein thut's doch nicht. Und was wäre der Sinn von : 
»0 Messias, o neue Generation, wie ein Vogel wird er das ganze Land bedecken« ? Sagt 
das der Politiker Jesaia? Da Gewisses nicht zu erreichen ist, so nehme ich an, dass 
das Bild vom Vogel der Best einer verlorenen Strophe oder ein Zitat ist und dass das 
vermeintliche Suffix "7 mit dem Namen Immanuel zu demselben Satz vervollständigt 
werden muss, den wir auch am Schluss von v. 10 finden. Dieser Satz ist, vielleicht 
nicht zweimal, sondern nur einmal, von jenem andächtigen Leser an den Band ge- 
schrieben, der c. 7 15 ebenfalls an den Band schrieb. Er meint hier wie c. 7i5 etwas 
den »Weben des Messias« Verwandtes vgl. die Verfolgungen des Messias durch den einen 
Wasserstrom ausspeienden Drachen und seinen Aufenthalt in der Wüste Apk 12i8ff. 



Jes 89—11. 67 

»Tobt, Völker, und seid betäubt! 

Und horcht auf, alle Weiten der Erde! 
Rüstet euch und seid betäubt. 
Rüstet euch und seid betäubt! 
1^ Plant einen Plan, dass er gebrochen werde, 

Beschliesst einen Beschluss, dass er nicht zu Stande komme! 
Denn „mit uns ist Gott". — 

i^Denn so sprach Jahve zu mir, als mich Die Hand gepackt hielt und 
er mich zurechtwies, nicht zu gehen auif dem Wege dieses Volkes da: 



Sechstes Stück c. 89.10; es kündigt in höchst erregter Sprache den Völkern 
das Scheitern ihrer Pläne an und ist, obgleich alle Weiten der Erde zum Aufhorchen 
aufgefordert werden, ohne Zweifel jesaianisch, berührt sich formell mit c. 299, inhaltlich 
mit c« 7sff.; sachliche Gründe gegen die Echtheit sind auch von Hackra. und Marti nicht 
beigebracht worden. Von der Erregung Jesaias zur Zeit der syrischen Invasion, die nicht 
in psychologischem Widerspruch mit seinen geringschätzigen Äusserungen über die Feinde 
c. Tsff. steht, zeugt auch das folgende Stück. Dass v. 9. 10 den Zusammenhang zwischen 
V. 5 fr. und V. 11 unterbreche, ist ein mir nicht ganz verständlicher Einwand gegen die 
ürsprünglichkeit des Stückes an seiner Stelle. Das ": in v. 11 schliesst sich auch an 
V. 5ff. nicht eng an; andererseits ist unser Stück zwar buchstäblich an die Völker ge- 
richtet, aber doch für dieJudäer gesprochen und nimmt auf deren Angst so gut Rück- 
sicht wie die nach Wortlaut und Inhalt so ähnliche Bede c. 77ff. 9 '^y'^ (LXX schlecht 
i;-t), an ".rr: assonierend : erbost euch, rüstet euch gegen uns ! »und seid erschreckt« =» 
ihr werdet erschrecken; der Zorn und der Rückschlag fallen in Einen Augenblick zu- 
sammen, nnn wie c. 31 4. Alle fernen Länder sollen aufmerken; das Vs ist hier wie 
c. 188 von hervorragender Wichtigkeit. Alle Völker werden, teils als Mitbeteiligte, teils 
als interessierte Zuschauer in das bevorstehende Drama hereingezogen. In der eigenen 
Erregung glaubt man, dass auch andere erregt sein müssen, Josua fordert die Gestirne 
auf zuzuschauen Jos 10, Debora die Könige zuzuhören Jdc 58, Jes. in c. I2 Himmel und 
Erde. Jes. aber hat den Gedanken dieser erregten Stunden in seiner Eschatologie fest- 
gehalten und der Nachwelt vererbt; der üniversalismus der Jahvereligion, der Gedanke 
des Weltgerichts ist kein Produkt einer allmählichen Aufklärung des Verstandes, sondern 
des Eindrucks, den Jahves künftige Thaten auf seinen Propheten machten, gewesen. 
10 Der Plan der Völker, das stolze Wort, das sie reden, ist c. 75f. mitgeteilt worden, 
und in ähnlicher Wendung wie c. 7? wird hier den Judäern versichert, dass sie keinen 
Erfolg haben werden, "»a-r "."^a-; wäre auffällig, wenn es nicht auf etwas bereits Erwähntes 
anspielte, man sollte dann wenigstens einen Ausdruck wie »grosse Worte« erwarten. — 
Das Stichwort »denn mit uns ist Gott« ist hier im Munde des Propheten trivial. So 
wird das Volk sprechen, wenn es die Entscheidung erlebt, vorher sprechen natürlich die 
Gegner ebenso (36 10). 

Siebentes Stück c. 811 — 15. Es berichtet von einer Ekstase, die dem Jes. die 
richtige Einsicht in den geheimen Zusammenhang und den Ausgang der Ereignisse gab, 
im Gegensatz zu den Meinungen des ganzen Volkes. Auch diese Ekstase und damit 
zwar nicht die prosaische Einrahmung, wohl aber der Inhalt der Bede muss in die 
Schreckenstage von c. Tsff. gesetzt werden, c. 8iiff. ist nächst c. 6 die wichtigste der 
Stellen, die uns einen Einblick in die psychische Seite der jesaianischen Inspiration ge- 
statten. 11 »Denn so sprach Jahve zu mir« d. h. ich kann und muss so sprechen, wie 
im Vorhergehenden geschehen, weil ich von Jahve selbst erfahren habe, wie es steht. 
Trotz aller Allgemeinheit dieser Anknüpfung beweist doch das "d für einen von Jes. 
selbst hergestellten Zusammenhang der vorhergehenden kleinen Stücke. Diese bilden 
darum noch keine oratorische Einheit und keine pragmatische Darstellung, sie sind 
sozusagen nur Tagebuchblätter aus und nachträgliche Notizen über die bewegteste Woche 



58 Jes 812— 13. 



i^Nicht nennt Verschwörung alles, was dies Volk Verschwörung nennt, 
Und vor dem was es fürchtet, fürchtet euch nicht und erschreckt nicht! 

i8Jahve der Heere, den macht zum Verschwörer! 
Und er sei eure Furcht und er euer Schrecken! 



des jungen Propheten, -rn ppma (oder nach MSS: na): als die Hand packte; rptr ist 
Inf., wie die Fortsetzung zeigt, die den inf. in herkömmlicher Weise durch das verb. fin. 
ersetzt. 1^7: ist ein dezenter Lakonismus, dem Geheimnisvollen des Vorgangs angemessen. 
Ausführlicher ist Hes 3 14: Geist erhob und entführte mich und ich ging bitter im 
Grimm meines Geistes, da Jahves Hand über mir stark war: ein halbwegs kataleptischcr 
Zustand, gegen den der menschliche Geist bitter und grimmig, infolge einer psychologi- 
schen Keaktion, als gegen eine ihm angethane Gewalt sich wehrt. Die übernatürliche 
Gewalt hat Jes gefasst und hält ihn gleichsam niedergeduckt wie einen hypnotisierten 
Vogel; sein Gehirn ist wie gelähmt, vermag nicht in der sonst gewohnten Freiheit und 
Beweglichkeit den eigenen Gedanken nachzugehen, sondern muss fremden »Suggestionen« 
stillhalten. Die ausserordentliche Geistesgespanntheit Jesaias in jenen schlimmen Tagen 
darf vielleicht als prädisponierendes Moment gelten. Er allein sollte sich dem ganzen 
Volk entgegenstellen und nicht etwa dessen Zorn und Angriffen (was nur die Kraft eines 
hochgemuten Mannes erhöht hätte), sondern dessen sinnverwirrender Angst; er soll dem 
sinnlich überwältigenden Eindruck der Gefahr, der Wahrscheinlichkeit eines gräuelvollen 
Kampfes um und vielleicht in Jerusalems Mauern den Glauben an unsichtbare Schutz- 
mächte, die Aufforderung, sich nicht einmal zur Gegenwehr zu rüsten, gegenüberstellen. 
Noch dazu hört er — jede Stunde bringt Neues — von Zeit zu Zeit in den Strassen den 
Kuf der fieberhaft erregten Menge: Verrat, Verrat! 12 Es war ja fast selbstverständ- 
lich, dass Bezin und Pekah den ben Tabel nicht ohne einen gewissen, wirklichen oder 
scheinbaren, Rückhalt im Volke Judas zum Gegenkönig aufgestellt hatten. Wenn später 
Jes. selber den fremdgebomen Minister c. 22i5ff. heftig angreift, wie viel eher wird in 
einer solchen Krise, wie es diese unter dem Kinder- und Weiberregiment war, die Masse 
überall Verrat gewittert und bald diese bald jene Verschwörung entdeckt haben! So 
packt ihn in einem Augenblick, wo wieder einmal das Geschrei über Verschwörung zu 
ihm hinflberdringt, Die Hand, die ihn zwar nicht des Bewusstseins beraubt, aber doch 
passiv macht. 18 Es ist nur ein einziger Gedanke und kann nur einer sein, der jetzt, 
durch Jahvo erzeugt, als Gegenwirkung gegen die von der Strasse her auf ihn ein- 
stürmenden Eindrücke in ihm emporsteigt. Nicht der und der ist ein Verschwörer, 
sondern — . Nach dem jetzigen Text würde die Fortsetzung lauten: sondern Jahve ist 
heilig. Dass man damit nichts anfangen kann, beweisen die verschiedenen Auslegungen, 
die sich gegenseitig vernichten. Auch die seit Secker immer wieder hervorgeholte 
Änderung des "rp v. 12 in r-ip taugt nicht. War denn eine besondere Offenbarung 
nötig, um Jes. zu belehren, nicht alles Mögliche, sondern Jahve sei heilig zu nennen? 
wo enthält in alter Zeit eine Offenbarung einen so allgemeinen Gedanken? und sind 
denn vnp und y^^T: Synonyma ? Dass unser Stück bei dieser Erklärung aus dem übrigen 
Zusammenhang herausfallt und *: v. 11 unpassend wird, mag von geringerem Gewicht 
sein. Man muss nicht blos das originelle "^vp v. 12 beibehalten, sondern nach ihm das 
unbrauchbare if'^-»pr v. 13 durch n'^'rpp ersetzen. Dies hiph. kommt sonst nicht vor, 
wird auch niemals sonst vorgekommen sein, weil man doch nicht für jede Verbrecher- 
Spezies, noch dazu für eine so seltene, ein eigenes denominativ. bilden konnte, sondern 
mit dem allgemeinen yv^n auskam. Einer besonderen Offenbarung dagegen, die mit 
solchem Nachdruck erzählt wird, darf man auch einen originellen Ausdruck, ein neues 
drastisches, prägnantes Wort zutrauen; vgl. übrigens s-^tsn Job 24». Jahve ist der Ver- 
schwörer! der will den beiden Häusern Israel ein Stein des Anstossens und ein Fall- 
strick werden. In c. 6 wird ja gleichsam die Stunde der Verschwörung beschrieben. 
Nicht Ahas, Bezin, Fekah, Tiglat Pileser lenken die Geschichte, sie sind alle nur Werk- 



Jee 8 14— 16. 69 

^^Und er wird sein zum Stein des Anstossens 
Und zum Fels des Straucheins für die beiden Häuser Israel, 
Zur Schlinge und zum Fallstrick für den Bürger Jerusalems; 

^^Und straucheln werden unter ihnen viele 
Und werden fallen und zerbrochen werden 

Und werden verstrickt und gefangen werden. 

* « 

^^Zusammenbinden (will ich) die Bezeugung, versiegeln die Weisung in 



zeuge in der Hand Jahves. y^To und iis^'^jr v. 12 scheinen nicht mit einander tw. halrnio* 
nieren; ist crsteres Causat., so sollte es auch das letztere sein, das aber intrans. sein 
muss. De Lag. will daher y. 12 ^s^^r lesen, doch hat das qal c. 2 19. 2i einen anderen 
Sinn (erschüttern, als transit.), während das hiph. auch c. 29s3 intransit. ist; eher sollte 
man also ^ro beanstanden und vielleicht y^To lesen. 14 »Und er wird sein zum 
Heiligtum« ist selbst dann unerträglich, wenn vorher vom Heiligen die Bede war, denn 
wird der Befehl v. 13 befolgt, so ist es selbstverständlich, dass Jahve (vorausgesetzt, 
dass der ganze Ausdruck möglich ist) zum »Heiligtum« wird, dann kann er aber nicht 
zugleich ein Fels des Anstossens, sondern nur ein »Fels des Heils« sein. Ausserdem 
stört das Sätzchen den Bhythmus und Parallelismus, s'-tp^ ist Variante zu dem v^^^i 
der folgenden Zeile; beide Wörter standen übereinander, und das erstere geriet in die 
falsche Zeile. Den Jerusalemiten wird Jahve zur Schlinge, beiden Völkern zum Stein 
des Anstossens ; Schlinge und Stein liegen ungesehen auf dem Wege, den »dies Volk da« 
V. 11 geht. Der Beschützer Israels ist, wie ein Verschwörer, so auch ein Nachsteller, 
eine heimliche Gefahr für die Treulosen geworden: »gegen die Frommen zeigst du dich 
fromm, gegen die Hinterlistigen hinterlistig«, sagt mit ähnlicher Kühnheit Ps 1826f. 
15 findet sich c. 28i3b fast ebenso, kann aber dort wohl eher fehlen als hier. Den 
Hauptaccent sollte i^^sva und nicht o*a"i haben. Der Vers wird bekanntlich oft im NT 
zitiert (Lk 2s4 Mt 2144 Böm 93S IPt 28). Viele unter ihnen (nicht »durch sie«) 
kommen um, ein kleiner Best bekehrt sich. Den letzteren lehrt uns das folgende Stück 
kennen. 

Achtes Stück c. 8i6— is; es sieht aus wie der Abschluss der Stücke 2. 4—7 und 
als ein Gegenstück zu c. 6 als der Einleitung: das Volk ist dem Untergang geweiht, 
denn es hat sich unfähig erwiesen, das, was es sah und hörte, zu verstehen, so wendet 
sich Jahve von ihm ab. Aber es bleiben seine Weissagungen und sein Sitz auf dem 
Zion, und es giebt einige wenige, die ihm folgen. 16 "^is und einn werden meist als in- 
korrekt plene geschriebene imper. angesehen und ein Befehl Jahves an Jes. oder eine 
Bitte Jesaias an Jahve oder Ahas angenommen. Möglich wäre ohne Zweifel nur jener 
Befehl; Jünger Jahves wären diejenigen, die sich durch den Propheten haben belehren 
lassen vgl. c. 604. Aber der Satz steht bei dieser Auffassung, die den Ausfall eines 
»weiter sprach Jahve zu mir« unerklärt lässt, ganz isoliert da und erweckt allerlei Ver- 
mutungen, ob nicht vor ihm (Dillm.^ oder hinter ihm (Cheyne) etwas in Verlust geraten 
ist, während man doch den Eindruck hat, dass sachlich ein guter Zusammenhang 
zwischen ihm und seiner Umgebung vorhanden sei. Das Etib scheint airn für den inf. 
abs. zu halten; ^^rse ist gleichfalls inf. abs. von *^-:s (für ^^^:t vgl. Olsh. § 245 i). Diese 
Auffassung passt am besten zur Fortsetzung; v. 16 und 17 stehen in derselben Ver- 
bindung wie z. B. Jer 79 und lo. Also orn zu schreiben. Jetzt will ich, sagt Jes., 
meine Bemühungen als vergeblich erkennend, für Sicherung der Weissagung sorgen, 
dann aber der Zukunft entgegenharren. Die »Bezeugung« ist nach dem Zusammenhang 
die Predigt von der Ohnmacht der Völker und Jahves Batschluss, der Inhalt des »Hören- 
und Sehenlassens«, die »Weisung« ist die Aufforderung zur Buhe und zum Glauben. 
Die will er, nachdem er sie aufgeschrieben, zusammenwickeln zu einer Bolle und ver- 
siegeln wie ein Testament oder ein anderes juristisches Dokument^ Ahei das ist Our 



60 Jes 8 16— 18. 

meinen Jüngern. i^Und ich will harren auf Jahve, der sein Antlitz verbirgt vor 
dem Hause Jakobs, und auf ihn hoffen. ^^ Siehe, ich und die Kinder, die mir 
Jahve gegeben hat, sind zu Zeichen und Vorbedeutungen in Israel von Jahve der 
Heere, der da wohnt auf dem Berge Zion. 



bildlich gemeint: das Dokument ist die Zeugenschaft seiner Jünger. "^"eVa heisst nicht: 
durch meine Jünger; warum sollte Jes. die Rolle nicht selbst zusammenbinden und ver- 
siegeln, wenn auch vor seinen Jüngern oder für sie? Dillm. will: unter meinen Jüngern, 
aber würde das nicht durch 'rira oder *izh ausgedrückt sein? Natürlich schliesst die 
bildliche Fassung nicht aus, dass er den Jüngern auch seine Schrift übergeben hat, ob- 
wohl gewiss nicht versiegelt, denn in diesem Fall hätte er sie doch eher einem unpar- 
teiischen Dritten übergeben Aber Jes. hat überhaupt wohl dies Schriftchen nicht gleich- 
zeitig mit den c. Tsff. 8i— 4. iiff. erzählten Begebenheiten zusammengefasst, sondern erst 
später, als er mehr Ruhe hatte, wielleicht erst im Zusammenhang mit dem c. 308 er- 
wähnten Schriftchen, denn v. 16 klingt wie ein Abschiednehmen von der Arbeit unter 
dem Volke. Dagegen hat er von Anfang an seinen Jüngern Bezeugung und Weisung 
eingeprägt. Diese Jünger werden es auch gewesen sein, die diejenigen Schriften Jesaias, 
die wir noch besitzen, der Nachwelt gerettet haben, vielleicht auch die verwandten 
Schriften eines Amos, Hosea, Micha. Wir haben hier den ersten Keim jener Thätigkeit, 
die zuletzt zum Entstehen des Kanons führte. Der Unglaube hat diesen Anfang hervor- 
gerufen, der Glaube ihn ermöglicht. Es ist Schade, dass wir von joner Jüngerschaft 
nichts Näheres wissen. Prophetenschüler, d. h. Jünglinge, die zu Propheten herange- 
bildet werden sollten, waren es nicht, weil es die nie gegeben hat; es lässt sich wohl 
die Mantik lernen, nicht aber die Prophetie. Vielleicht ist der Ausdruck erst von Jes. 
geschaffen. Schulen, in denen man lesen und schreiben lernte, muss es längst gegeben 
haben; nun hat Jes. gleichsam eine Schule um sich errichtet, indem er denen, die sich 
an ihn anschlössen, wie an Pythagoras oder Sokrates deren Freunde, die Zeichen der 
Zeit deutete und statt der »eingelernten Menschen Satzung« den wahren Gottesdienst 
predigte. Es war keine Kirche, keine Kultusgemeinde, aber doch eine Gemeinschaft, die 
sich vor dem künftigen Zorn retten lassen wollte. Es ist merkwürdig, wie viel solcher 
Genossenschaften sich in jenen Jahrhunderten von China bis nach Griechenland gebildet 
haben. Als ob Ein Geist die Menschheit durchzöge, der körperliche Berührung der ein- 
zelnen Glieder des grossen Körpers nicht nötig hat. 17 Hat Jes. als Prophet nichts 
mehr zu thun, so will er als Glaubender in Hoffnung Jahves Tbaten erwarten. Er darf 
hoffen, das Volk nicht mehr, Jahve verbirgt sein Antlitz vor dem Hause Jakobs. Harm 
und Trauer klingt durch diese Worte. Wie Mose nicht das Volk ausgerottet sehen 
kann, obwohl er selbst zum Volk werden sollte (Num 14nff.), so trauert Jes., selber der 
Bettung gewiss, um das verlorne Volk, für das später ein Paulus sich selbst opfern 
möchte Rom 92f. Aber er hofft! Die Stimmung ist ähnlich der der ersten Christen. 
18 Aber kann er nicht wirken, so ist er doch selbst wie Hosea eine Person gewordene 
Prophetie, die verkörperte Antezipation der Zukunft. Er kann seine Kinder nicht bei 
Namen rufen, ohne jene heraufzubeschwören und sich und andere an Ekstasen und pro- 
phetische Handlungen von entscheidender Bedeutung zu erinnern. Er und seine Kinder 
sind selbst zu Vorbedeutungen gemacht von Jahve, der auf dem Zion wohnt. Dies letzte 
Wort, mit dem das Schriftchen zu Ende geht, weist auf den Angelpunkt der Hoffnung 
hin. Zion ist die Stätte des Gerichts, aber auch der Wiederaufrichtung. Früher hat 
Jes. auch den Untergang Zions angenommen (5i7 d29ff.), die syrische Krisis, in der Zion 
durch Menschen bedroht wird, scheint die Wendung hervorgebracht zu haben: Jahve ist 
das Haupt Jerusalems, hinter den stillen Wassern Siloahs steht die Macht Jahves der 
Heere, des Weltkönigs, hier wird er das neue Reich aufrichten 96 28ff. Eine spätere 
Generation von Jüngern Jesaias hat diese Hoffnung an den Tempel auf dem Zion ge-* 



Jes 81»— 80. 61 

f i^Und wenn sie sagen zu euch: fragt bei den Totengeistern und den 

Zauberkundigen, den zirpenden und den murmelnden, — fragt nicht ein Volk bei 
seinem Gott an? für die Lebenden bei den Toten?! '^^„Zum Gesetz und zum 
Zeugnis!" fürwahr so wird sprechen, der keine Morgenröte hat; 



knüpft und den Tempelkult zum Angelpunkt der Hoffnung gemacht. Davon weiss 
natürlich der Vf. yod Jes lioff. nichts. Für ibn geboren der Wohnsitz Davids und der 
Wohnsitz Jahves zusammen, und sein Ideal ist die Gerechtigkeit, nicht die Heiligkeit. 
Neuntes Stück c. 819— ssa. Es besteht wohl zum grössten Teil aus jesaiani* 
geben Sätzen und Worten, kann aber als Ganzes nicht von Jes. herrühren, v. 21. 22 
scheint mir ein nicht sehr gut erhaltenes Fragment aus einer der ältesten Beden Jesaias 
zu sein; es schildert die künftige Verwüstung und Hungersnot und die daraus ent- 
springende Verzweiflung, v. 19. 20 enthalten jesaianische Worte, aber in fremdartiger 
Einrahmung und sind wohl wie c. 7i. 17 8s8b vom Bedaktor geschrieben, um die Ver- 
bindung mit der Umgebung herzustellen. 19 Die wahre Beligion und der Aberglaube 
einander gegenübergestellt. Man soll wie Jes. und seine Jünger sich an den lebendigen 
Gott halten und sich nicht von denen verführen lassen, die an die Mantik glauben und 
also doch Thoren sind. Die Angeredeten sind die Leser der heil. Schriften. Hätte Jes. 
den V. verfasst, so müssten Ahas und seine Batgeber angeredet sein. Aber zu einer 
politischen Bede passt nicht der belehrende, pädagogische Ton, der Eingang: »gesetzt, 
man sagt zu euch«, die rationale Begründung: »fragt ein Volk nicht seinen Gott« und 
gar die demonstratio ad hominem: könnten die Toten den Lebenden Bat geben, weiss 
ein Lebender über seine eigenen Angelegenheiten nicht besser Bescheid als ein Ab- 
geschiedener? niaxn vgl. c. 294 (193) sind die Geister, mittelst derer die ai« "«Vra Orakel 
geben (ISam 288); nach c. 294 spricht der Geist aus der Erde heraus, nach IlSam 28 
kann die Besitzerin eines a-^tc einen Toten aufsteigen lassen. Danach scheint der aiM 
ein Geist zu sein, der die Fähigkeit hat, den Verstorbenen Stimme zu geben oder gar 
sie sichtbar werden, sich »materialisieren« zu lassen ; hs2 und ante n^ya wären den Medien 
der heutigen Spiritisten zu vergleichen. Mit ihnen werden die d^s^-p zusammengestellt; 
die »Wissenden«, die Adepten (nicht : die Wahrsagegeister), sind in der Begel wohl nicht 
selbst Psychiker, wie jene Medien, sondern Inhaber der geheimen Wissenschaft und 
mögen bei jenen oft die Bolle unserer Hypnotiseure gespielt haben. Die »zirpenden« 
sind die sprechenden Seelen der Abgeschiedenen (Virg. Aen. VI, 492 f.), die »murmelnden« 
die Zauberer, die Beschwörungen sprechen. Vor dem Nachsatz v. 19b ist hinzuzudenken: 
»so sage ich«. Man soll vernünftiger Weise das legitime Orakel befragen, den Hohen- 
priester mit seinem ürim und Thummim oder einen Propheten, wenn es einen giebt. 
Q->n^K bedeutet weder hier noch ISam 28 die Manen; rn'7M ist für Israel selbstverständ- 
lich Jahve. Die zweite Hälfte von v. 19b sieht nach einer Glosse aus; die LXX hat 
noch (oder setzt aus eigenen Mitteln hinzu) ein ir-n-' rP9. -rya für, wie Jer 21 2. 20 »Zum 
Gesetz u. s. w.« ein Ausruf der Beue, h für V«. Schwerlich haben hier n")in und nnyn 
denselben Sinn wie v. 16 (bemerke die umgekehrte Wortstellung!), denn die Bezeugung, 
dass die Völker ohnmächtig sind, die Weisung, sich ruhig zu verhalten, passt absolut 
nicht zum Folgenden. Natürlich hat der Schreiber dieser Worte auch v. 16 schon die 
Thora als Gesetzeslehre und die Theuda (im Sinne von niny Vgl. Ps 198) als Synonymum 
davon verstanden. »Fürwahr, gemäss diesem Wort«, eine schwerfällige Ausdrucksweise, 
aber nb war nicht gut möglich, weil es eine folgende Bede einzuleiten pflegt. Für t'^a»'^ 
ist der Sing, za lesen, denn die Beziehung des iV-t«m auf hth -lann wäre zu sonderbar. 
Keine Morgenröte haben, heisst wohl hoffnungslos sein vgl. PslBOsf. Wenn das Gericht 
da ist, können sich die Abgefallenen nicht mehr zum Gesetz bekehren, vielmehr gilt 
ihnen, was in der jetzt anzuführenden Stelle v. 21 f. der alte Prophet gedroht hat. 
21 na "^ayn; Subj. ist der einzelne Israelit oder auch das Volk; aus dem Suff, von na geht 



62 Jes 8ti— ». 

2^ Und er geht durch es gedruckt und hungernd, 
Und geschehen wird's, wenn er hungert, wird er sich wütend geberden, 
Und wird verfluchen seinen König und seinen Gott, 
Und wird sich wenden nach oben ^und zur Erde blicken, 
Und siehe Drangsal und Finsternis, Umnachtung der Angst, 
Und in Dunkelheit ist er gejagt! *^Deim hat nicht Umnachtung, was Angsti- 

[gnng hat? 

s^Um die frühere Zeit hat er Schmach gebracht nach dem Lande Sebulun 
und dem Lande Naphthali, aber die spatere Zeit wird er Ehre bringen nach der 
Meerstrasse, nach jenseits des Jordans, nach dem Völkerkreis. 



hervor, dass in dem jetzt fehlenden Anfang das Land genannt und dessen Verwüstung 
geschildert war. Man durchstreift das Land, etwa um Bettung bei einem Orakel zu 
suchen Am 8is, gedrückt und hungernd, aber ohne Erfolg. Da schlägt die Angst in 
verzweifelten Zorn um. Man verwünscht und lästert den König, der helfen sollte und 
nicht kann (vgl. die ergreifende Geschichte IIBegGaeff.), und den Gott, der helfen kann, 
aber nicht will (dass es sich um einen Götzen handele, ist eine unbegründete Annahme), 
beides um so mehr Zeichen einer wahnsinnigen Verzweiflung, als diese Flüche todes- 
würdige, wenigstens in Nordisrael mit Steinigung bestrafte Verbrechen sind IReg 21 lo. 
Das Lästern der von Gott Heimgeiuchten ist Apk 16 11.21 sehr passend unter die Bilder 
des jüngsten Gerichtes aufgenommen. Mit n->n^Ka sollte v. 21 schliessen. 22 Sich nach 
oben wenden mit den Blicken, bedeutet weder Bekehrung noch Bitte um Hülfe, denn 
was sollte dann das Hinblicken zur Erde sein ? Nach oben und unten heisst nur : nach 
allen Seiten. Würde man von Menschen verfolgt, so würde man sich nach links oder 
rechts wenden; da man aber vom »Hunger« leidet, so richtet man die Blicke auf die 
grausame Natur, die keine Speise, keinen Bogen hergiebt. Not und Finsternis in der 
Variante c. 580 umgestellt. Warum v. 22 c^ira {an, JU/.), v. 23 v^reo steht, ist unklar. 
Das letzte Sätzchen v. 22 m» n^Bin ist vermutlich verstümmelt; es ist nur die Hälfte 
von dem, was zu erwarten war. Das pual n-tra kommt sonst nicht vor, und für das part. 
sollte man das verb. fi^n. erwarten, also etwa nns, obwohl bisweilen das part. ohne Ktn 
und sogar ohne voraufgebendes nan steht vgl. Gen 327. »In Finsternis (rr^cM acc. der 
Bichtung; Jer23i2 bat in derselben Bedeusart nVcKa) ist er gestossen« ist ein guter Ab- 
schluss. Die Bücksicht auf v. 23 a hat einige Exegeten zu sonderbaren Erklärungen ver- 
führt, so Hitz. : Dunkel, das verscheucht wird, und noch abenteuerlicher Dillm. und 
Studor: aber Finsternis wird verscheucht, denn nicht hat Finsternis das Land, das 
Drangsal hat. Was würden diese Exegeten sagen, wenn man ihnen seibor einen solchen 
Satz zuschriebe! Dillm. pflegt solche Unglücksstellen mit seinem »unentbehrlich« zu 
motivieren. Auch soll seine Konstruktion genau mit c. 17 1 übereinstimmen, während ihr 
das nsn fehlt, das er doch nach seinem »aber« nicht aus dem Anfang des Satzes herbei- 
ziehen darf. 28 a sagt, wenn es ein affirmativer Satz ist, das Gegenteil vom Vorher- 
gehenden, und das noch mit einem begründenden *3: siehe da Dunkelheit, denn nicht 
ist Dunkelheit da. Es ist Frage und eben deshalb Glosse. Ihr Vf. fragte sich, ob die 
Dunkelheit buchstäblich oder bildlich gemeint sei, entschied sich für das Letztere und 
beweist nun die Möglichkeit dieser Auffassung mit seinem: denn ist ein bedrängtes Land 
nicht verdunkelt? Das Suff, von rh ähnlich wie das von na v. 21. Die Auffassung des 
Glossenschreibers wird die richtige sein vgl. c. 9i. 

Zehntes Stück c. 883b— 96, eine messianische Weissagung von der Zeit, wo 
die Herrschaft Assurs gebrochen, der künftige Herrscher geboren und das Beich Davids 
herrlich für alle Zeit aufgerichtet ist. Wie alle derartigen Weissagungen Jesaias in aus- 
gesprochen poetischer Form und ohne ein : so spricht Jahve, nicht weil es nur eine sub- 
jektive Phantasie wäre, sondern weil sie nicht direkt zum öffentlichen Beruf des Pro- 



Job 9 



es 



9 ^Ilas Volk, das da wandelt in 

[Finsternis, 
Die da wohnen im Schatten- 

[lande, 
'Viel machst du den Jubel, 

Sie freuen sich wie mit der 

[Emteh^ude, 
3 Denn das Joch seiner Last 

Den Stecken seines Treibers 
^Denn jeder in Lärm auftretende 

[Stiefel 
Der wird werden zum Brande, 



sieht ein grosses Licht, 

Licht erglänzt über ihnen. 

machst ^oss die Freude, 

wie sie jubeln beim Beuteteilen. 

und das Kummet seiner Schulter, 
zerbrichst du wie am Tage Midians. 
und in Blut gewälzte Mantel, 

eine Speise des Feuers. 



pbeten gehört und nur für die Hoffenden bestimmt ist. Der Sklavenvogt y. 8 kann nur 
Assur, der Soldat, der im Lande sein blutiges Handwerk treibt v. 4, nur das Heer San- 
heribs sein, also fällt diese Weissagung in die letzte Zeit Jesaias und ist ein sehr merk- 
würdiges Gegenstück zu o. It — 17. Diese Dichtung sucht mit dem Vorhergehenden zu 
verbinden der prosaische Satz c. 9 sab, indessen ohne Glück. Der Redaktor hat das 
Wohnen im Schattenlande o. 9i unrichtig auf das Exil bezogen, in das Tigiat Pileser 
die nördlichsten Distrikte Israels schickte (II Reg 15»), und darum c. 9i — 6 irrig in die- 
selbe Zeit mit c. 7 und 8 gesetzt. Spätere Schiiftsteller wie Deuterosacharja (Zeh 10 lo) 
und der Dichter von Mch 7i4 — so (v. 14) könnten c. 988b schon gelesen und also das 
Büchlein c. 6i — 96 schon besessen haben. 28 b Vpn und vaan stehen absolut (das letztere 
so auch IlChr 25i9): Schande, Ehre hervorbringen, dazu prägnant: und hinbringen nach. 
Ob das gutes Hebräisch ist, ist die Frage. Subj. ist wohl Gott, der nach bekannter 
später Manier nicht genannt wird. In der Angabe der entvölkerten Landstriche mag 
der Vf. Nachrichten folgen, die wir nicht mehr haben. Die Meerstrasse identifiziert 
Guthe (Zkftsb. des Jes. 41) vielleicht richtig mit der via maris der Kreuzfahrer, die von 
Akko nach Damaskus führte. Der Yölkerkreis, sonst nur »der Kreis« genannt (Jos 20? 
21 SS IBeg 9 11 II Reg 15x9) ist der nördlichste Teil des nordisrael. Gebiets; o'^'un 
musB wohl eine konkrete Bedeutung gehabt haben vgl. Jdc 4 t. 9, 1 Der propheti- 
sche Dichter versetzt uns mit einem Schlage in die Zukunft; er schreibt in lauter Per- 
fekten und läset ein Bild nach dem anderen in rascher Folge vor uns aufsteigen, fertige, 
abgeschlossene Bilder, die, nur in wenigen Strichen hingeworfen, durch sich selber wirken 
müssen. Gleich der Anfang mit seinem voraufgestellten Subjekt ist charakteristisch: 
eben noch befindet sich das Volk im Dunkeln, »wandert«, »wohnt« darin, als könnte es 
nicht mehr anders sein, plötzlich ist das Licht da, ein grosses Licht, der volle Tag. 
r\^hx zu lesen s. Olsh. § 106 b. Das Schattenland spielt vielleicht auf die Unterwelt an 
vgl. Job lOn 88 17. 2 ein weiteres Bild. Für »^ will Qre tV lesen, das aber ohne Grund 
den Ton des Satzes auf sich zöge. Daher verdient die von Krochmal verbesserte Kon- 
jektur Seldwjns nWn für «V ^lan (aus älterem jA^an) den Vorzug, obgleich schon der Vf. 
von c. 26 15 den jetzigen Text gelesen zu haben scheint. Der Jubel bricht aus, sobald 
das Licht erscheint. Er wird verglichen mit sprüchwörtlichen anderen Freuden, der 
Erntefrende vgl. Ps 48 1266 und der Freude beim Beuteteilen Ps 119 1(». •y'it^ halte ich 
für einen gedankenlosen Zusatz des Abschreibers, die »Freude vor Gott«, d. h. die Kultus- 
freude, passt nicht hierher. 8 Denn Jahve zerbricht das lastende Joch. Das singul. 
Suff, zur Abwechslung. Für ntra 1. mit Studer u. a. rbr, Jochhaken ; das Volk wird mit 
einem Zugtier verglichen. Zu t^c s. Ges. § 98q. Der Tag Midians ist offenbar wieder 
ein sprüchwortähnlicher Ausdruck (vgl. 1026) für einen grossen Sieg; natürlich bezieht 
sich der »Tag« nicht auf Midians »Herrschaft«, die gar nicht existiert hat, sondern auf 
seine Niederlage, über die Jes. wohl noch andere Traditionen besass, als wir jetzt iu 
Jdc 6 — 8 finden. Jes. zitiert die Vergangenheit immer nur in sehr kurzer Weise; man 
kann das im historischen Interesse bedauern, nicht im ästhetischen. 4 Das "^ ist dem 



64 Jes 96. 

^Denn ein Kind ist uns fi^eboren, ein Sohn uns gegeben, 

Und es kommt die Hoheit auf seine Schulter . . . 

Und genannt wird sein Name: Wunderrat, 

Heldengott, Beutevater, Fürst des Friedens. 



von Y. 3 parallel. Die Assyrer werden alle erschlagen (c. 18 sf.), alles, was von ihnen 
übrig blieb, verbrannt (Dtn ISief. Hes 399); jenes thnt Jahve, dies das Volk. Dieser 
Vers spricht am deutlichsten für Abfassung des Stückes in der Zeit Sanheribs. "pKO 
muss zur Soldatenausrüstung gehören und verbrennlich sein; nach dem Aram. erklärt 
man es als Schuh und iwc als denom. davon. 5 Abermals ein *a, das, den beiden vorher- 
gehenden nebengeordnet, v. If. motiviert. Diese drei "^ drücken in ihrer raschen Folge 
die gehobene Stimmung des Dichters aus. Den grössten Anlass zur Freude giebt die 
Geburt des Messias. Wann sie erfolgt, das darf man Mos aus der Beihenfolge dieser 
Sätze nicht schliessen wollen, die nur Bild an Bild reihen; trotzdem darf man annehmen, 
dass sein Auftreten erst nach der Niederwerfung Assurs gedacht wird. Die letztere 
denkt sich Jes. sehr nahe, und dass ihr auch nur die Geburt des Davididen vorhergehen 
sollte, ist nicht wahrscheinlich. Auch diese Geburt gehört zu den Segnungen der Wieder- 
herstellung; sie ist eine Frucht der Wunderzeit und nur in ihr möglich. In dem »uns 
geboren, uns gegeben« spricht sich in rührender Weise die Freude aus, die der greise 
Prophet im Vorgefühl des Augenblicks empfindet, wo das Wunderkind seinem Volk ge- 
schenkt ist; er hört schon die frohe Mär ausrufen unter den beglückten Teilnehmern 
der goldenen Zukunft. Nun führt uns das impf. cons. weiter in die Zukunft hinein. Das 
Kind wird Mann, wird Herrscher, n'iv^ kommt nur hier vor und v. 6, wo es Parallele 
zu Wihv ist. Wahrscheinlich bedeutet es die Fürstenhoheit, die etwa durch den Königs- 
mantel symbolisiert ist; zu "n^v-hy vgl. o. 2228. Die Aussprache misra geht auf die 
Wurzel rs'yo zurück (vgl. den Namen Seraja, Sara) ; dass die LXX bei ihrem a^x^ ^n eine 
Form von ^^v gedacht haben müsse, ist eine willkürliche Behauptung von de Lag. 
Übrigens muss man nach dem Rhythmus auf den Ausfall einer Hebung hinter wsv 
schliessen. le^p*^ ist als qal punktiert, weil man vielleicht die Benennung auf Gott oder den 
Vater des Kindes zurückführte, aber das »t!;^?! der LXX ist natürlicher. Denn es handelt 
sich in v. 5 b nicht um den Eigennamen, weil dann die Benennung sich an die Geburt 
ansehliessen und nur ein Name genannt sein würde, sondern um Ehrennamen, die der 
Messias im Lauf seiner Regierung erwirbt. Welche Namen sind es? Luzzato macht 
einen Satz daraus : Wunderbares beschliesst Gott der Starke, der Ewig-Vater, der Friede- 
fürst; aber abgesehen von der Wunderlichkeit des Namens selber muss man dabei 
Anstoss nehmen an dem part. pr, da doch dann, wenn dieser Name gegeben wird, die 
Tt:ty Gottes längst ausgeführt ist. Die LXX hat statt "iia; \>h 791*« vht gelesen oder ge- 
raten T\h'\ti nse; "TKVtt, Ausrichter des grossen Ratschlusses, wogegen derselbe Einwand 
gilt, sowie der Umstand, dass der Begriff ^kVts in dem hier erforderlichen Sinne erst der 
späteren Zeit angehört Mal 2?; immerhin ist interessant, dass der Messias bei dem 
griech. Übersetzer einen Teil der Funktionen bekommt, die die jüdische Theologie aus 
älteren Geschichten vom nin-» -jx^» abstrahierte, Zeh 6i2f. gab hier wohl den Inhalt her. 
Was weiter folgt, verwandelt die LXX in einen Satz, dessen erster Teil lautet : -19 (K)-aK 
Di^9 0**"^«, ich bringe Frieden zu den Fürsten. Der hebr. Text ist unstreitig besser, ob- 
gleich nicht zweifelfrei. Dass k^c mit yrr zu verbinden ist, zeigt die Analogie der fol- 
genden Namen; auch wäre vtht für sich ebenso wenig ein Name (wenn man nicht **kVc 
Jdc 13 18 schreiben will) wie t^'i'*. Aber »ein Wunder von einem Ratgeber« vgl. zu c. 3 s 
LXX) könnte wohl ein auszeichnender Beamtentitel sein, nicht aber gut Ehrenname des 
Königs« noch dazu der erste in der Reihe. Anders steht es Mch 49, wo der König Zions 
Berater genannt wird. Vielleicht muss man vt\t (also nicht stat. constr. tc^e) als acc. an- 
sehen und annehmen, dass es des Nachdrucks halber vor das part. gestellt ist wie c. 222 
nsV^ niKiir, also: Wunderbares ratend, beschliessend. Es ist die Eigenschaft, zu der ihm 



Jes 9«. 



65 



®3Bur Mehrung der Hoheit 

Auf dem Throne Davids 
Die zu festigen und zu stützen 
Von nun an bis in Ewigkeit: 



und zum Frieden ohn' Ende, 
und seiner Königsherrschaft; 
mit Recht und Gerechtigkeit, 
Jahves Eifer thut das. 



der Geist des Batee verhilft c. 11 2. Der zweite Name ist "iiaa ^m (*>i33 Appos. wie Jer 
32 18). Wie Esau dem Jakob als ein Gott erscheint (Gen 33 10), so wird der Davidide, 
ausgerüstet mit dem Geist der Heldenkraft e. IIa, seinem Volk wie ein El vorkommen, 
wie einer jener kriegerischen Übersinnlichen, ans denen sich Jahves Heere zusammen- 
setzen (s. zu c. 1 9). Jes. bedient sich hier eines volkstümlich hyperbolischen Ausdrucks, 
der, in der älteren Zeit ganz unverfänglich (vgl. noch II Sam ]4i7. so), selbst in späterer 
Zeit seine Analogieen hat (Zeh 128). Wie ein starker £1 zu denken ist, wie weit seine 
Kraft reichte, das zeigt ja die Erzählung von dem El von Peniel Gen 32»5fr. und seinem 
misslungenen Angriff auf Jakob, der freilich auch übermenschlich stark ist. Ob c. 10 21 
el gibbor den Messias oder Gott meint, bleibe dahingestellt. Mit diesem Namen ist 
gegen die Accente der dritte zu verbinden: Vater der Beute. Vater der Ewigkeit =* 
Ewiger gäbe einen leeren Sinn. Auch deutet Jes. nirgends an und ist von keinem 
Späteren dahin verstanden worden, dass die Genossen des neuen Beichs unsterblich sein 
werden, also hat er es auch nicht gemeint, denn einen so wichtigen und völlig neuen 
Gedanken hätte er ausdrücklich aus- und besprechen müssen. Dasselbe gilt gegen die 
Deutung : Vater von Ewigkeit, auf ewig, die ausserdem noch in das Wort Vater einen 
Sinn (väterlich gesinnt) legt, den es an anderen Stellen nur durch den Zusammenhang 
(Job 29 16 Ps 68 6) oder durch falsche Deutung gewinnt (Jes 22 si) ; Vater wäre in diesem 
Zusammenhang weniger als König; ein Beamter oder das Haupt eines Geschlechts oder 
einer religiösen Genossenschaft kann abbas genannt werden, nicht der Davidide. Der 
el gibbor wird in seinen Kriegen immer Beute machen vgl. c. 49x5 II Sam Im. Dillm. 
wendet ein, dass Jes. den Messias nicht als kriegführenden Fürsten beschreibt, warum 
nennt er ihn denn gibbor? Der vierte Name ist Friedefürst; es ist der letzte Name, 
weil Friede und Wohlfahrt das letzte und höchste Ziel einer guten Begierung und sogar 
auch der Kriegsführung sind. 6 r.z'^nh mit dem finalen o, das auch die LXX voraus- 
setzt, die mit ihrem vyuut auf ein Nomen von der Wurzel v^r, zu raten scheint; der 
Text ist hier also von Alters her zweifelhaft. Hält man a^ für Dittographie aus z^hv 
V. 5, so muss man mit n^'^-} fortfahren. Aber wegen des h vor dem folgenden nn^s liest 
man doch wohl besser ns'^^^. Den beiden Substantiven im ersten Stiches, Hoheit und 
Friede (oiVv^ für qi^» ^^i*"^)» entsprechen im zweiten der Stuhl und das Königtum; auf 
Davids Stuhl thront ein dem David gleichender Fürst, über Israel ist Friede. Beides, 
Fürstenglanz und Volkswohlfahrt, ist Folge jener Eigenschaften und Thaten des gottge- 
gebenen Königs, von denen die Ehrcnnamen reden. Mehr die innere Qualität der mes- 
sianischen Begierung heben die beiden folgenden Stichen hervor, die durch ihr h den 
vorhergehenden äusserlich koordiniert, aber doch anders gebaut sind. Sachlich zu ver- 
gleichen Frv 2088: durch Milde stützt der König seinen Thron, welches Spruch wort auch 
Jes I65 benutzt wird. »Von nun an« passt zu den Perfekten, die aus der Zukunft die 
Gegenwart machten. »Bis in Ewigkeit« bezieht sich auf die Davididenherrschaft, nicht 
auf den einzelnen Davididen, dessen Geburt Jes. zu erleben hofft. Denn es wird bald 
geschehen: »der Eifer Jahve thut dies«. Jahve brennt darauf, das Beich, das bei Jes. 
noch das Beich Davids, nicht das »Beich Gottes« ist, nach seiner rechten Vollkommen- 
heit erstehen zu lassen. Des Propheten Ungeduld ist nicht grösser als Jahves Leiden- 
schaft für die gute Sache, ntup ist Leidenschaft, deren Inhalt sehr verschieden sein 
kann; Cnt 86 ist es z. B. Liebesleidenschaft. Zwar sagt Hos. c. 11 9: Jahve sei kein 
Mensch, sondern El, sei heilig, und gebe darum seiner Hitze nicht nach, aber zum Glück 
ist der Gott der Propheten, auch Hoseas, keineswegs frei von den leidenschaftlichsten 
Handkommantar 1. ▲.. T.: Dahm, Jee. 2. Aufl. 5 




66 Jes 9l 



^Bin Wort sendet der Herr in Jakob, 
Und nieder wird's fallen in Israel, 



Affekten, weil er ein lebendiges Wesen mit einem Willen und einem Herzen ist. Die 
neutestamentl. »Geduld« ist auch nur der mühsam ertragene Zügel eine? ungeduldigen 
Hoffnung auf das Kommen des Beiches. Grade diese Ungeduld, die Sehnsucht nach 
Gott, der Glaube an seinen Eifer erhebt die biblischen Religionen Über alle anderen. 
Das niKssc ist oben weggelassen, obwohl es auch in der Wiederholung unsers letzten 
Stichos in c. 37 22 steht; es fehlt aber in der Parallele IIBeg 1931, und das Versmass 
kann es auch nicht brauchen. Man darf unbedenklich annehmen, dass in sehr vielen 
Fällen ein solcher Bedeschmuck den Bedaktoren oder Abschreibern angehört. — Die 
Gegner der Echtheit von c. 9i— 6 haben sich ihre Beweisführung doch gar zu leicht ge- 
macht. Wenn ynnio ein Fremdwort sein sollte, was beweist denn das? Wie kann man 
verlangen, dass Jeremia, Hesekiel und Deuterojesaia, entgegen ihrer sonstigen Art, dies 
Gedicht zitieren müssen, wenn es als echt gelten soll? Dass die Familie Davids hier 
»keine regierenden Glieder« habe, davon steht nicht einmal eine Andeutung im Text. 
Besonders unglücklich ist der Einwand, dass Jesaia seine Hoffnung auf eine religiöse 
Gemeinschaft ohne politische Organisation gesetzt, dass der hier erwartete Messias als 
politische Grösse für die Beligion keine direkte Bedeutung habe; so hätte Jes. nur 
denken können, wenn er ein nachexilischer Schriftgelehrter oder ein christlicher Autor 
gewesen wäre. Sogar Hosea verheisst nicht etwa, sondern droht die Aufhebung des 
Königtums an, und das nicht für immer, sondern nur auf längere Zeit (34)! Sie ist für 
ihn eine Strafe und war das selbstverständlich für jeden vorezilischen Schriftsteller. 

Die fünfte kleine Sammlung c. 9? — 11 16, ebenso disponiert wie die zweite 
und vierte und gesammelt in einer Zeit, wo man auf kriegerische Erfolge der Juden 
gegenüber den Nachbarvölkern rechnete (11 iiff.), also wahrscheinlich im 2. oder 1. Jabrh. 
a. Chr. Vgl. die Einl. § 10. 12. 

Erstes Stück c. 9? — 104. Dass dazu noch c. 685 — so gehört und zwar als 
Schluss, und dass es in die Zeit vor der syrisch-ephraimitischen Invasion fällt, ist schon 
c. 585ff. bemerkt. In poetischer Form weissagt es eine Beihenfolge von sich steigernden 
Zornesschlägen Jahves, die zunächst Nordisrael treffen, aber auch Juda nicht verschonen 
werden. Nach mehreren Ezegeten würde allerdings der Inhalt dieser Strophen der 
Hauptsache nach auf die Vergangenheit zielen und Jes. eine Art Schulaufsatz liefern, 
vielleicht weil er nichts Besseres zu thun hatte und sich auf wirkliche prophetische 
Beden üben wollte. Der Aufsatz oder die Ballade wäre ziemlich misslungen, weil Zu- 
kunft und Vergangenheit bunt durch einander laufen und die angeblichen Bückblicke 
nichts weniger als historischen Sinn verraten. Der Grund dieser wunderbaren Auffassung 
liegt in den Perfekten, die ebendieselben Exegeten in c. 9i — 6 oder c. 144ff. getrost im 
^ futurischen Sinn verstehen. 7 Ein Wort »hat der Herr gesandt«, nämlich in dem Augen- 
blick, als er es in die Menschenwelt, zunächst an seinen Propheten, hinabschickte. 
Jakob, Israel ist, wie die Fortsetzung zeigt, in erster Linie Ephraim. Ob Jes. das Wort 
selbst nach Nordisrael getragen hat oder es in diesem Schriftstück dorthin senden will 
oder ob er vielmehr meint, dass das ihm geoffenbarte Wort wie eine objektive Kraft un- 
mittelbar wirkt und die im Folgenden beschriebenen Plagen gleichsam hervorbringt, 
wie in der Apok. die Öffnung des Buches, das kann man leider nach diesen wenigen 
Worten nicht herausbringen; das Letztere scheint mir die einfachste Annahme. Das 
einmal ausgesprochene Wort entfesselt bis dahin latente Kräfte, ist selbst eine Swafiis 
Böm li6; es kann v. 7 b in Israel »niederfallen« wie ein Blitz oder wie jener Stern Apk 
8iof. 9i vgl. Jes 5öiof. Ps 147 16. Bekannt ist, wie oft und in wie verschiedener Weise 
später das Wort »hypostasiert« wird; im »christlichen Adamsbuch« tritt es fast wie ein 
Engel auf. Die LXX macht isn daraus, noch unglücklicher denkt de Lag. an ein »Natur- 
eräugnis«. v. 7 b ist reichlich kurz, es scheint ein adverbieller Zusatz oder ein Wort 



Jes 98—11. 67 

^Und merken wird es das ganze Volk, 

Ephraim und der Bewohner Samarias; 
[Denn sie sagen] mit Hoffart 

Und mit grossem Herzen also: 
^ „Lehmsteine fielen, doch Quadern bauen wir, 

Sykomoren sind umgehauen, doch Zedern setzen wir an die Stelle'^ 
*<>Und erheben wird Jahve seinen Dranger*) wider es, ♦) Bezin. 

Und seine Feinde stachelt er auf: 
" Syrien von vorne und die Philister von hinten, 

Dass sie fressen Israd mit vollem Munde. 
Bei alledem wendet sich nicht sein Zorn. 

Und noch ist seine Hand ausgestreckt 



mit t ausgefallen zu sein. 8 Israel wird es an den Folgen spüren vgl. Hos 9?. Nach 
den Ezegeten, die unsere Rede in eine Ballade verwandeln, vergisst Jes. das ganze 9. cap. 
hindurch, von diesen Folgen zu sprechen, so dass für sie das Wort in ganz anderem 
Sinne zu Boden gefallen ist. v. 8b ist verstümmelt; schon das Metrum zeigt das, denn 
wir haben zu viel für einen, zu wenig für zwei Stichen; noch deutlicher zeigt es der 
Sinn, '^»tih müsste ja jetzt das ^.yr aufnehmen, was unsinnig w&re; es fehlt offenbar das 
verb. dicendi, mit dem allein es verbunden werden kann, etwa ein: denn sie sagen oder 
prahlen. Dadurch wird auch das mw^a besser eingeführt, das natürlich nicht, wie man 
geraeint hat, von -i^tc^ abhängen kann. Bickell (Garm. Vet. T.) ergänzt etwas zu schwer- 
ßllig und zn sehr im Psalmenstil, aber sachlich richtig: i^^nrn ^w. Zu dem grossen 
Herzen, d. h. grossem Mute vgl. Jdc 5i5. 9 enthält ein Liedchen, das wahrscheinlich 
damals in Israel wirklich gesungen wurde. Man hat Verluste erlitten, aber geringfügige, 
und denkt sie glänzend zu ersetzen, wie ein schlechtes, aus Lehmsteinen und gewöhn- 
lichem Holz gebautes und eingefallenes oder zerstörtes Haus durch einen neuen festen 
Bau aus Quadersteinen und Zedernholz. Dieser Vers beweist doch so deutlich wie nur 
irgend möglich, dass die v. 10 — 20 angeblich erzählten furchtbaren ünglücksfölle noch 
nicht erlitten sind, dass Israel noch nicht »mit vollem Munde« von seinen Feinden ge- 
fressen, Kopf und Schwanz noch nicht ausgerottet, der Bürgerkrieg aller gegen alle noch 
nicht entbrannt ist. Wir haben hier offenbar die Situation, die Hos. c. 79. lo mit fol- 
genden, unserem Propheten vielleicht vorschwebenden Worten schildert: Israels Kraft 
verzehren Fremde, aber es merkt es nicht, sein Hochmut klagt es an in sein Gesicht 
hinein, aber es bekehrt sich nicht bei alledem. Wenn 10 sich unmittelbar an das fnt. 
^rm V. 8 anschlösse, so wäre das impf. cons. hier ebenso berechtigt wie v. 5, aber bei 
der grossen Entfernung empfiehlt es sich, mit Bick. auiz*? zu sprechen. Für y:i^ "^x hat 
liXX Y^ *in ^3, was natürlich nicht angeht; aber man darf vielleicht ^x*i n^^x daraus 
machen. Israels Widersacher, den Jahve stark macht, ist Aram v. 11 ; 'px'i ist ein Inter- 
pretament, denn anch in v. 10b werden die Feinde noch nicht genannt, sondern erst 
V. 11 und hier nicht mit den Namen der Fürsten, sondern den Volksnamen. Auch das 
Metrum spricht für diese Änderung, die uns des Zwanges enthebt, in ps*^ '**'s das zweite 
Wort für einen gen. subj. zu nehmen. 11 wäre in seiner ersten Hälfte überflüssig, wenn 
Bezin schon genannt wäre. Dem Singular n^x entspricht Aram, dem Plural ra'^K die 
Philister; Aram ist der Hauptgegner. Jerobeam IL hatte Damaskus unterjocht II Reg 
1428; in den Wirren nach seinem Tode befreite es sich, und jetzt wird Jahve es soweit 
kräftigen, dass es wieder als der alte Erbfeind Israels auftreten kann. Unser Stück 
fällt augenscheinlich noch vor die c. 7 (II Reg 1587 165) berichtete Yerbündung Rezins 
und Pekahs. Wie weit sich diese Drohung hinsichtlich der Philister verwirklicht hat, 
wissen wir nicht, Rezin scheint aber Israel zu jener Yerbündung ähnlich gezwungen zu 
haben, wie er c. 7 Juda dazu zwingen wollte. Zu v. IIb vgl. zu c. 526. Die Sjrerfehde 
wird nicht das Schlimmste sein, nur der Anfang. 12 Das Volk treibt der Verstockung 
entgegen, wie Jes. seit seiner Berufung weiss und wie bereits Arnos erkannt hatte. 

5* 



68 Jes 9i2— lö. 

i^Doch das Volk wendet sich nicht zu dem, der es schlägt, 

Und Jahve der Heere suchen sie nicht 
i^Und ausrotten wird Jahve von Israel Kopf und Schwanz, 

Palmzweig und Binse an Einem Tage. 

^^Der Älteste und GünstliDg, das ist der Kopf, 
Und der Prophet, der Lüge orakelt, das ist der Schwanz. 

15 Und es sind die Leiter dieses Volkes Irrefuhrer, 
Und seine Geführten Verschlungene. 

1^ Darum seiner Jünglinge schont der Herr nicht, 

Und seiner Waisen und Witwen erbarmt er sich nicht; 

Denn jeder ist gottlos und böse handelnd. 
Und jeder Mund redet Thorheit. 

Bei alledem wendet sich nicht sein Zorn, 
Und noch ist seine Hand ausgestrecld. 



Dillm. sagt: »dasB die Perfekte nicht weissagend gemeint sein können, dürfte ohne 
Weiteres einleuchten«. Warum leuchtete es ihm denn v. Iff. nicht ein? Dass die 
Israeliten durch eine Bedrängung seitens Syriens und Philistäas nicht zu einer religiösen 
und sittlichen Umkehr kommen würden, das konnte Jes. seihst ohne Vision und ohne 
Arnos vorhersehen, da er die Menschen kannte. Für ins^n -rj wird man mit de Lag. nrj? 
ins^a »dem Jes. aufbürden« (Dillm.) und so die Fälle, wo ein Wort wider die Begel doppelt 
determiniert sein soll, um einen vermindern dürfen; Dillm. fügt seiner Verteidigung des 
Sprachfehlers ein »unerl&sslich« hinzu, wie immer, wenn es schief steht. In v. 13 b ist 
das impf. cons. (»und so rottet Jahve aus«) möglich, aber t^'2\Z'1 nach der in den Psalmen 
gewöhnlichen Vokalisation des Impf, (nicht Juss.) ist natürlicher. Kopf und Schwanz 
u. s. w. sind wahrscheinlich sprüchwörtliche Redensarten für hoch und niedrig. Auf 
Einen Schlag wird Jahve den Pekah mit seinem geringsten Parteigänger ausrotten. 
Pekah ist später durch Meuchelmord gefallen; doch geschah es nicht in der Weise und 
in der Beihenfolge geschichtlicher Begebnisse, wie sie v. 12—20 in Aussicht genommen 
werden, denn er fiel erst nach dem Kriege gegen Juda und nach der für die letzte 
Drohung aufbehaltenen Invasion Assurs (II Beg 143o) ; selbst wenn man die folgende 
Strophe mit der unsrigen vertauschte, wäre noch nicht alles in Ordnung. Will man 
aber die Ausrottung von Kopf und Schwanz auf weiter rückwärts liegende Begebnisse 
beziehen, wohin kommt man dann mit der ersten Strophe? Also haben wir hier eine 
Weissagung, keine Ballade. 14. 15 scheint ein Einsatz von der Hand des Sammlers zu 
sein, dazu bestimmt, vier unleserlich gewordene Stichen mit jesaianischem Material not- 
dürftig zu ersetzen. Sieht man blos die Ausdrücke in v. 14 »das ist der Kopf«, »das 
ist der Schwanz« für Glossen an, die das Bild von Kopf und Schwanz falsch erklären, 
da der Prophet mit zum Kopf gehört, so werden die beiden Stichen v. 14 zu kurz. Dazu 
ist der Inhalt aus c. 3 s. s geborgt, n^-ii^a ist ursprünglich Bezeichnung des Orakel durch 
Zeichen gebenden Gottes vgl. Hab 28 Gen 126 Jdc 7i, dann auch des die Zeichen 
deutenden Priesters II Ohr lös. v. 15 ist ebenso verdächtig; denn erstens ist er aus 
c. 3 12 entlehnt, und zweitens passt er nicht als Begründung von v. 16. Wenn das Volk 
durch seine Führer unglücklich gemacht wird, so ist das für Jahve kein Grund, sich der 
Waisen und Witwen nicht zu erbarmen. Vermutlich haben die vier ausgefallenen 
Stichen vom Hochmut der Vornehmen geredet, und v. 16 bringt die Ergänzung in der 
Anklage der ganzen Volksmasse. 16 Die unpassende Litotes m^r ersetzt de Lag. glück- 
lich durch noE"» (geschrieben war r.vt") vgl. c. 31 5. Die ungewöhnlich harte Drohung, 
dass Jahve sich nicht einmal der Waisen und Witwen, deren Schützer er doch sonst 
ist, erbarmen will, wird noch besonders motiviert: das ganze Volk taugt nichts mehr. 
y-^^ ist schwerlich = yi -pa, vielmehr Pausalform für ?^^ (Olsh. S. 392). rar:, auch c. lOe 
(und in den unjesaian. Stellen c. 326 33 14), ist profan, unreligiös vgl. Job 813 Ps 35i6: 
gottvergessen, Religionsspötter, das Gegenteil von D-^nVs K^^ Nahe verwandt ist nba:, 



Jes 9 17— so 10 1. 69 

17 Denn es brennt wie Feuer das Unrecht, 
Dom und Distel frisst es, 
Zündet an die Dickichte des Waldes, 
Dass sie aufwallen als Rauchsäule. 
1^ Durch den Grimm Jahves taumelt das Land, 

Und es wird das Volk wie Kannibalen, 
i^Und man haut ein zur Rechten voll Hungers 

Und frisst zur Linken unersättlich, 
*** Keiner verschont seinen Bruder, 

19« Jeder frisst das Fleisch seines Nächsten: 
^Menasse den Ephraim und Ephraim Menasse, 
Zusammen sie wider Juda. 
Bei alledem wendet sich nicht sein Zorn, 
Und noch ist seine Hand ausgestreckt. 
10 iWehe denen, die Satzungen des Unrechts aufsetzen 
Und immerzu drückende Vorschriften schreiben. 



denn ^Thorheit redenc heisst atheistische, gotteslästerliche Beden führen Job 2io Ps 14i. 
Israel war greisenhaft geworden, sagt Hosea. 17 bis 20, die dritte Strophe, weissagt 
innere Kämpfe in Israel von der Art, wie man sie bei der Ausrottung der Dynastie Jehu 
erlebt hatte, verbunden mit einem Krieg gegen Juda, den Pekah wirklich geführt hat, 
aber als Vasall des Bezin. Das "s motiviert die Fortsetzung der Drohungen. Die Gott- 
losigkeit frisst zerstörend um sich wie ein Feuer, das, in der Steppe entstanden, zuletzt 
auch den Wald angreift. Sowohl die Gottlosigkeit (Job 31 is) wie die Strafen der Gott- 
heit (Dtn 3222) werden mit einem Feuer verglichen, das nach Scheel hinabbrennt vgl. 
c Isi. nsaiir-, an. jlfy., vielleicht von Jes. erst gebildet, um an •'MD anzuklingen: der 
Wald wälzt sich (aufwärts) als ein Aufsteigen des Bauches, rsr ist qal von rx-. 18 Der 
Text hat hier und v. 19 mehrere Schäden, cnva ist ein an. X^y.^ dessen Bedeutung ab- 
solut unbekannt ist, dazu sollte es fem. sein. Vor ynsc sollte man den Artikel erwarten 
vgl. das folgende srn. Auch das Sätzchen: das Volk wird eine Speise des Feuers, kann 
kaum als eine gute Einleitung zu der Schilderung der rasenden Selbstzerfleischung gelten, 
V. 19 wird das Volk viel mehr als fressend, denn als gefressen dargestellt, viel mehr: 
s-K -^rk •ittt als «x r^b««?, welch letztere Ijosung aus v. 4 stammen dürfte. Auch Hos 7? 
heisst es, dass das Volk seine Bichter fresse (vgl. noch Hab 3u). Zu einem solchen Satz 
würde die Übersetzung von nnya seitens Posch, und Vulg. : conturbata est terra, besser 
passen als diejenige der LXX (»ist verbrannt«); man schreibt wohl am Besten VT.«" ^Vr 
vgl. c. 299. Jahves Zorn hat die Baserei hervorgerufen, in der sie über einander her- 
fallen. V. 18c, dessen erstes Wort mit dem letzten von v. 18 b hässlich zusammenklingt, 
scheint an der verkehrten Stelle zu stehen und vor v. 19c zu gehören, mit dem er ein 
Distichon bildet. 19 ab Zu "-t; vergleicht Hitz. das arab. t*-;, und de Lag. schreibt 
danach nr, was wohl nicht nötig ist. Setzen wir v. 18 c vor v. 19 c, so wird die un- 
mittelbare Aufeinanderfolge von Vs«"^ vermieden. Für iy)T lies ^y^ (nach der ursprüng- 
lichen LXX und Trg.), denn wenn auch der Bürgerkrieg ein Wahnsinn ist, so sind die 
Israeliten doch nicht samt und sonders im eigentlichen Sinn wahnsinnig, ausserdem 
zeigt ja auch die Fortsetzung, dass jeder den andern frisst, nicht sich selber. Den 
»Arm« aber im übertragenen Sinn von den natürlichen Bundesgenossen verstehen, hiesse 
dem Jes. eine affektierte Sprache zuschreiben. 20 Ein Krieg zwischen den beiden 
Stämmen Ephraim und Menasse ist uns unbekannt. Dillm. tröstet sich mit IIBegl5s7, 
wo doch durchaus nichts von dergleichen »angedeutet« ist. Dazu fehlt bei dem Kriege 
gegen Juda der Hauptangreifer, Syrien, kein Wunder in einer Prophezeiung, unbegreiflich 
in einem geschichtlichen Bückblick. — Noch Schlimmeres soll folgen. — 10, 1 bis 4, 
die vierte Strophe, bringt wieder zuerst eine Schilderung der Verworfenheit. Dass Jes. 
sich hier deshalb gegen Juda wende, weil auch c. 58 das ''in vorkomme und weil auch 
den Judäern Bechtsbruch vorgeworfen werde, das ist eine Beweisführung, der gewiss 



70 Jea lOf— 4. 

^Um w^udrängen vom Gericht die Niedrigen 

Und zu rauben das Recht der Elenden meines Volkes, 
Damit Witwen ihre Beute seien, 

Und sie die Waisen ausplfindem! 
3 Und was wollt ihr thun auf den Tag der Untersuchung 

Und auf den Sturm, der von ferne kommt? 
Zu wem wollt ihr fliehen um Hülfe 

Und wohin in Sicherheit bringen euem Reichtum? 
^Belthi bricht zusammen, gebrochen ist Osir, 
Und unter Erschlagene fallen sie! 
Bei alledem wendet sich nicht sein Zorn, 
Und noch ist seine Hand ausgestreckt 



nichts unmöglich ist. Man kann zugeben, dass nach c. 9i7ff. die beiden ersten Verse 
von c. 10 etwas fremdartig klingen, dass sie recht gut aus einer Bede gegen Juda her- 
rühren können, aber wenn man hierauf viel Gewicht legen will, so muss man annehmen, 
dass entweder c. 10 1. 2 ein Einsatz aus einer anderen Rede sind, um den verloren ge- 
gangenen Anfang der Strophe zu ersetzen, oder dass vor c lOi eine Strophe ausgefallen 
ist, in der Juda schon etwas nachdrucksvoller als jetzt in c. 9ao genannt war. Indessen 
scheint mir beides unnötig zu sein; Israel stand dem judäischen Propheten nahe genug, 
um so direkt angegriffen zu werden; die Klagen, die wir hier hören, sind dieselben, die 
Amos und Hosea erheben; der neue Ansatz aber, den der Stil allerdings macht, erklärt 
sich vielleicht aus dem Bedürfnis des Propheten, bei seinem Vordringen in die fernere 
und immer fernere Zukunft ab und an wieder festen Fuss in der Gegenwart zu fassen. 
Es sind die ruhmredigen Politiker von c. Ssf., die von Jahve abgewandten Volkshftupter 
von c 9it, denen er hier von einer anderen Seite zu Leibe geht. Ihre Gesetzgebung 
diene nur dazu, sagt er, die Niedrigen und Hülflosen vom Becht auszuschliessen und 
auszubeuten. Dem Jes. ist offenbar schon das viele Schreiben zuwider; er will ein Recht, 
das aus dem natürlichen Rechtsgefühl und dem Gewissen stammt und dem des Lesens 
unkundigen Tagelöhner und armen Weibe ebenso verständlich ist wie dem Gelehrten. Es 
rouss damals in Israel schon geschriebenes Recht in grösserem umfange gegeben haben, 
denn wenn auch die y^r, (aufgelöste Form mit i statt o^n wie Jdc 5i5, vielleicht klang 
diese Form spöttisch) kurze auf öffentlichen Tafeln eingeritzte Verordnungen gewesen 
sein mögen, so muss man doch bei v. Ib an mehr denken, und erst recht bei v. 2. 
2 bezeichnet (wie öfter) den Effekt der Handlung als deren Absicht. Man drängt ab- 
seits vom Gericht (IlSam 3s7), wo sie ihr Recht suchen, die Niedrigen Am 5 12. Syn- 
taktisch ist der Vers ein interessantes Beispiel für das gelenkige Ausweichen von einer 
Konstruktion in die andere: erst der gewöhnliche inf. mit Objektsacc, dann eine Art 
acc. cum inf., endlieh der Übergang zum verb. finit. 3 Zornig springt die Rede auf: 
wisst ihr Richter nicht, dass es einen Oberrichter giebt, der eines Tages zu revidieren 
kommt? Zum Ausdruck vgl. Hos 95. Dr ist auch vor hm^v hinzuzudenken. Wie hier 
der Sturm, so kommt c. 5x6 das strafende Volk und c. 30 S7 Jahve selbst »aus der Feme«. 
Die Vorstellung der Feme hat für die alten Propheten einen besonderen Zauber. Denn 
die gewöhnlichen Numina sind Götter »aus der Nähe«, Jahve allein sieht und wirkt in 
die Ferne vgl. besonders Jer 23s8f., welche Stelle in klarer Weise zeigt, wie die Vor- 
stellung vom fernen Gott die Brücke bildete zu der Idee des allgegenwärtigen Gottes. 
Der Umstand, dass der Gott des Wüstenberges Sinai und das in Palästina eindringende 
Volk Israel räumlich und doch nicht persönlich von einander getrennt wurden, ist von 
unermesslicber Bedeutung für Israels religiöse Entwicklung gewesen (s. u. zu c. 30s7). 
»Auf wen wollt ihr fliehen« ; wenn hs (statt ^n) richtig ist, so ist t^3 prägnant gebraucht 
und umfasst zugleich den Begriff des sich Stutzens, Vertrauens vgl. c. 206. Ebenfalls 
prägnant: »wohin wollt ihr zurücklassen eueren Reichtum (Gen 31 1)?« 4 Das erste 



Jes 105—«. 71 

^Wehe Assur, dem Siab meines Zorns 

Un^ dem Stecken*) meines Grolls! *) der ist in ihrer Hand. 

^Auf ein gottlos Volk entsende ich ihn, 

Und wider die Nation meiner Empörung entbiete ich ihn, 
Zu rauben Raub und zu erbeuten Beute 

Und es zu machen zur Zertretung wie Thon der Gassen: 



Distichon übersetzen Knob. a. a. : [nichts könnt ihr] ausser dass man sich beugt anter 
Gefangenen u. s. w., Hitz. Dillm.: in Ermangelung davon, dass er sich beugt unterhalb 
eines Gefangenen, werden sie unter Erschlagene fallen. Dass diese monströsen Sätze 
nicht das Eigentum Jesaias, sondern nur seiner Interpreten sind, bedarf keines Nach- 
weises. Die ersten Worte könnte man etwa mit LXX in ;^a ^t^h^h verändern: damit ihr 
nicht zusammenbrecht, und das letzte Wort iVki^ schreiben, aber i-ok r^rrn spottet aller 
Eiklärungsversache, denn die Deutung, dass sich der eine oder andere dadurch das Leben 
rettet, dass er sich unter einen Gefangenen duckt und so übersehen wird, ist für die 
Prophetenrede gar zu scherzhaft. Wollte man das erste rrrr durch "^ira ersetzen, so 
bliebe noch der Sing, "i"^!« anstössig. Auch das zweite rnn ist nicht leicht zu verstehen. 
Sind die Erschlagenen im Kampf gefallen, so würden jene Vornehmen, die unter sie zu 
liegen kommen, zuerst getötet, also die Tapfersten gewesen sein, was zu den Verben von 
v. 3 nicht passt; handelt es sich aber um die Niedermetzelung von Gefangenen, so 
würden wohl die Vornehmsten zuletzt abgeschlachtet werden und nicht zuunterst liegen. 
Obendrein hätte man von v. 3 zu v. 4 einen lästigen Wechsel der Person. Es bleibt 
nichts anderes übrig, als den »Einfalle (Dillm.) Eutings und de Lag.s anzunehmen und 
unter Vergleichung von c. 46 1 Jer 502 Lev 26 w zu lesen: •'-•^k rn ny-ijb -»mVä. Jene 
Israeliten werden versuchen, bei den fremden Göttern, nämlich in deren Heiligtümern, 
für sich und ihre Habe ein Asyl zu finden, aber Jahve oder sein menschliches Werkzeug 
stürzt die Götzenbilder um und wirft die Leichen der sie schutzflehend umklammernden 
Israeliten »auf die Leichen ihrer Abgötter« (Lev 2630). Dillm. wendet ein: eine Straf- 
androhung für die Personen der Grossen sei unentbehrlich. Erwürguug über den Götter- 
bildern ist doch eine ganz artige Drohung? Die Göttemamen vokalisiert de Lag. "tnVsi. 
und v;;k. Osiris und Baaltis, letztere in dieser Zusammenstellung die Isis vertretend, 
kommen bei den Phöniziern auf dem Festland und den Inseln oft genug vor, und dass 
ihre Verehrung bei den Israeliten verbreitet war, ist bei den durch Hosea bezeugten 
Verbindungen der Israeliten mit Ägypten sehr wohl denkbar. *>"ok ist auch ein biblischer 
Eigenname, wahrscheinlich verkürzt aus Abd Osir, vgl. Ex 6s4 I Chr 67ff. » (wo sogar 
^^^ als Eigenname auftritt). Wahrscheinlich hatten sich vornehme Israeliten, zunächst 
die Gesandten und ihre Sender, in die Osiris-Isis-Mysterien aufnehmen lassen und so, 
wie Jes. c. 28i6 von den vornehmen Judäem sagt, einen Bund mit Tod und Unterwelt 
gemacht. In ähnlicher Weise führten sie zur Zeit des syrischen Bündnisses syrische 
Kulte ein c. 17 lof. Die hier gegen Israel geschleuderten Drohungen werden in den 
Schlussstrophen c. 525 und v. 26 fr. gesteigert. Nachdem Jahve am Tage des Sturms die 
Grossen mit ihren Götzenbildern zerschmettert hat, schlägt er das ganze Volk, dass die 
Leichen die Gassen füllen, und den Kehraus macht der Assyrer. 

Zweites Stück c. 105—84. Diese gegen die Assyrer gerichtete Bede ist eine 
Komposition von allerlei jesaianischen Bruchstücken und Zusätzen von junger Hand. Das 
was dem Jes. wirklich angehört, rührt aus der Zeit Sanheribs her und ist zum Teil 
auch in den Beden, die dieHistoriker in c. 36 und 37 dem Assyrer und seinen Gesandten 
in den Mund legen, benutzt worden. In der Scheidung des Echten und des Zugesetzten 
lässt sich natürlich ein etwas subjektives Verfahren nicht vermeiden. 

5—7 darf man nach Inhalt, Stil und Bhythmus unbedenklich dem Jes. zu- 
schreiben. 5 bedroht Assur, das Jahves Zornesrute ist, aber nach v. 7 sich selbst nicht 
dafür ansieht. Q-ra Kin ist eine Glosse, die sonderbar genug noch immer Verteidiger 



72 Jeß 107—9. 

^Doch er denkt nicht so, 

Und sein Herz rechnet nicht so, 
Sondern zu vertilgen ist in seinem Herzen, 
Und auszurotten Völker nicht wenige. 

8 Denn er spricht: 

Sind nicht meine Beamten allzumal Könige? 
»Ist nicht wie Karchemisch Kalno? 

Oder nicht wie Arpad Hamath? 

Oder nicht wie Damaskus Samarien? 



findet; ihr Verf. nahm Anstoss daran, dass Assur selbst ein Stock sein soll und meint, 
Assur habe den Stock in der Hand. 6 Jabve sendet, entbietet Assur wider die Völker, 
denen er zürnt; allerdings könnte man unter dem Volk das Eine Volk Juda verstehen. 
D-^'fl vom Qre unnötig in air verwandelt. 7 Aber Assur »denkt nicht so«. Der Gegen- 
satz gilt nicht V. 6b, sondern v. 6a, ist allerdings nicht sehr klar ausgedrückt, würde 
vielmehr beträchtlich gewinnen, wenn man v. 7b abtrennen und v. 13 ff. an v. 7 a an- 
schliessen dürfte (s. zu v. 13] : Assur sollte wissen, dass Jahve ihn sendet, er aber meint, 
der Kraft seiner Hände seine Erfolge zu verdanken. Darum braucht v. 7 b nicht unecht 
zu sein, das blosse Ausrotten aus Lust am Ausrotten war gewiss nicht nach dem Sinne 
Jesaias. Jes. nimmt in v. 5— 7 a seine ideale Auffassung von Assurs Sendung nicht 
zurück, denn hinter Assurs Vordringen steht noch immer Jahves Wille und Macht, wohl 
aber sieht er ein, dass Jahves Geschichtslenkung nur objektiv vorhanden und keineswegs 
von seinen Werkzeugen anerkannt ist. Er beweist damit, dass er fähig ist, seine An- 
schauungen in Einzelheiten zu verbessern, dass sein urteil reifer geworden ist als in 
seiner Jugendrede c. 526ff. Aber zugleich beweist v. 6, dass Jes. keineswegs meint, Jahve 
zürne nur ein wenig und die eigentliche Schwere des Gerichts komme auf Eechnung der 
heidnischen Bosheit (Zeh li5). 8 — 11 hat anfangs ebenfalls noch jesaianische Sätze 
V. 8 f., dagegen weist der Stil und Inhalt von v. 10 f. auf spätere Nachhülfe hin. 8 Das 
einleitende »Denn er spricht«, das in das Versmass nicht passt, gehört wohl dem 
Zusammensetzer an vgl. v. 13. Der Assyrer rühmt sieb, dass seine Statthalter allzumal 
Könige seien, vgl. c. 369, wo der Zweck dieser Prahlerei* besser ersichtlich wird als hier: 
der kleine König von Juda sollte sich doch gegen den Grosskönig, dessen Beamten ihm 
schon überlegen sind, nicht auflehnen. 9 So viel Keiche hat Assur schon unterjocht, 
wie sollte Juda widerstehen können? vgl. c. 37i8f. Beide Sätze in v. 8 und 9 können 
nur dann v. 5 — 7 fortsetzen, wenn man ihren eigentlichen Zweck und Sinn mehr zurück- 
treten lässt und sie nur mehr als Prahlereien auffasst; eben darum sind sie nicht die 
ursprüngliche Fortsetzung. Die Assyrer haben erobert: 1. Karchemisch, assyr. Gargamisch 
(nicht =s Circesium), etwa in der Mitte der westlichsten Ausbuchtung des Euphrat an 
dessen Westufer gelegen, 1876 von Geo. Smith in den Euinen von Dsheräbis — Europos 
wieder entdeckt, eine Hauptstadt der Chittiter (assyr. Chatti), 717 von Sargen dem assyri- 
schen Reiche einverleibt; 2. Kalno (nicht = Kalne Gen 10 lo, eher = Kalne Am 62), 
wahrscheinlich das von Tiglat Pileser etwa 738 eroberte Kullani in der Nähe von Arpad ; 
3. Arpad, jetzt Buinen von Teil Erfäd, drei Meilen nördlich von Halcb oder Aleppo, um 
dieselbe Zeit wie Kalno erobert, später wieder gegen Sargon aufständisch; 4. Chamath 
am Orontes, assyr. Amätu, später Epiphaneia, jetzt Hamä, von Tiglat Pileser, dann von 
Sargon um 720 unterworfen. Sämtliche Städte waren von den Ghittitern bewohnt. 
5. Damaskus, 732 erobert; 6. Samarien, 722 von Sargon eingenommen. Jes. nennt also 
nur benachbarte Beiche, die zu seinen Lebzeiten von Assur zerstört wurden, wenn auch 
nicht von ein- und demselben König. 10 kann wenigstens in seiner jetzigen Form nicht 
jesaianisch sein. Ein Schriftsteller der assyr. Periode hätte schwerlich Nordisrael für 
minder mächtig erklärt als jene kleinen chittitischen und aramäischen Eeiche, und Jes. 
nicht leicht den logischen Fehler begangen, deren Götter für Nichtse und doch für stärker 
als Israel zu erklären. Will man diesen Fehler durch die Lesung nWn nhaW^ beseitigen, 



Jea 10 10— 14. 73 

10 Wie meine Haud gereicht hat an die Götzenkönigreiche, 
Obwohl ihre Bilder Jerusalem und Samaria übertrafen, 

11 Werde ich nicht, wie ich gethan habe Samaria und seinen Nichtsen, 
So auch thun Jerusalem und seinen Götzenbildern? 

i'XJnd geschehen wird's, wenn abschliesst der Herr sein ganzes Werk auf 

dem Berge Zion und in Jerusalem, wird er heimsuchen die Frucht des Hochmuts 

des Königs von Assur und den prahlenden Stolz seiner Augen. i'Denn er spricht: 

Durch die Kraft meiner Hände hab' ich's gethan 

Und durch meine Weisheit, weil ich einsichtig bin, 
Und entfernte die Grenzen der Völker 

Und plünderte ihre Vorräte 
Und Hess niedersinken in Asche [die Städte] 

die Thronenden. 

i^Und es greift wie nach dem Nest meine Hand 

Nach dem Vermögen der Völker, 
Und wie man verlassene Eier an sich rafft, 

Raffe ich die ganze Erde an mich. 
Und da ist keiner, der mit dem Flügel flatterte 

Und den Mund aufsperrte und zirpte. 

so wird der Satz aoch prosaischer, als er ohnehin ist. \ hs^ kehrt v. 14 in ungleich 
ursprünglicherer Form wieder. Vielleicht soll man aas cn-V-^ct (plur. zu dem sing, ^e; 
über das masc. Suffix s. zu c. 3i6) ein -vce vor Jerusalem und Samaria ergänzen. 11 ist 
ebenfalls ziemlich schwerfällig und das :-V-Vk im Munde des Assyrers verdachtorregend. 
Die »Spitze des Hohns« liegt natürlich nicht darin, dass »Israels ungesetzliche Gottes- 
bilder« und Judas Gottheit auf eine Linie gestellt werden, wie Dillm. meint, und auch 
von (Ten fremden Göttern, die von Juda und Israel verehrt wurden, nimmt der Assyrer 
keine Notiz. Ihm haben seine Siege bewiesen, dass Assur, sein Gott, mächtiger ist als 
alle anderen Gotter und Völker. 12 ist sicher vom Sammler verfasst. Das Ungetüm: 
die Frucht der Grösse des Herzens des Königs Assyriens, passt trefflich in die Gramma- 
tikon als Beispiel davon, was alles möglich ist, aber nicht in eine beschwingte Propheten- 
Tcde; der Eingang r;*r:i ist ebenfalls den Ergänzern geläufig; vor allem aber weist der 
Satz: wenn der Herr sein Werk abschliesst (wörtlich: absehneidet, nämlich eigentlich 
den Faden vom Trumm, wenn das Gewebe fertig ist vgl. c. 38 12) auf dem Berge Zion 
(als dem Tempelberge) und in Jerusalem (als der heiligen Stadt), auf einen Schriftsteller 
hin, für den die Beihenfolge der eschatologischen Ereignisse längst durch das Studium 
der alten Propheten festgestellt war. Die Aussprache "ipr« für tpf könnte allerdings 
nicht ihm, sondern einem Abschreiber zur Last fallen. Die »Frucht« ist wohl die Aus- 
geburt des Hochmuts, die Prahlerei. 13 zeigt dagegen mehr den Stempel eines originalen 
Schriftstellers und darf mit r. 14 unbedenklich von Jesaia abgeleitet werden ; beide Verse 
würden sich vortrefflich an v. 7 a anschliessen. Der Assrrer hat nicht als Sendbote 
Jahves, sondern durch eigene Kraft und Weisheit die Völker niedergetreten \y. 6). Er 
beseitigt die Grenzen der Völker, indem er sie seinem Beiche einverleibt. Nach Jes. soll 
die Selbständigkeit der Völker selbst in der messianischcn Zeit nicht angetastet werden 
(s. zu c. 22—4); die Grenzen gelten der alten Welt als von der Gottheit gesetzt und 
beschützt. Der Assyrer hat dagegen mit der Klugheit des berufsmässigen Eroberers die 
Selbständigkeit der Nationen durch eine neue Methode der Völkermischung und -Ver- 
setzung zu brechen gewusst. Dem Futurum in v. 13b zieht Dillm. mit Recht -»-ck^ und 
-:—'»• vor. Tr-jf für -r-c-r ist poel von rcf . In or.-rT-nj ist kein Grund, das i mit Qre 
in ü zu ändern. Das dritte Distichon in v. 13 scheint verstümmelt zu sein. Die 
»Sitzenden« sind wohl emphatisch als die Thronenden zu verstehen, da t"^"!» auf den 
Hochsitz hindeutet, aber bei dem Verbum vermisst man die Angabe des Wohin, ein v**s<^ 
oder "^oa oder dergl. Ob "-aKs die richtige Lesart enthält, ist mehr als zweifelhaft ; das 



74 Jes 10 16— 19. 

1^ Berühmt sich die Axt gegen den, der mit ihr haut, 

Oder thut gross die Säge gegen den, der sie schwingt? 
Als schwänge der Stab die, die ihn erheben, 

Als erhöbe der Stecken den, der nicht Holz ist! 
i^Darum entsendet der Herr Jahve der Heere in sein Fett die Schwindsucht, 

Und unter seiner Pracht entbrennt ein Brand wie Brand des Feuers, 
17 Und es wird sein das Licht Israels zum Feuer und sein Heiliger zur Lohe, 

Und die verbrennt und frisst seine Domen und Disteln an einem Tage; 
i^Und die Pracht seines Waldes und Fruchtlandes vertilgt er von der' Seele bis 
Und es wird sein wie wenn ein Siecher dahinsiecht» [zum Fleisch, 

i^Und der Rest seiner Waldbäume wird gering sein, und ein Knabe schriebe sie auf. 



*^'nr des Qre ist ebenso nichtssagend. Die LXX hat ein noUis dafür und ausserdem eine 
veränderte Wortstellung in v. 14. Oben ist "^*axa in "tra oder it» (Thr 3x9) verwandelt 
und die »Städte« der LXX hinzugefügt; vielleicht stand vor oder nach c'^avT noch ein 
y-«^ oder dafür etwa y^Kn-Vs -aw vgl. LXX. 14 Das prächtige Bild giebt in drastischer 
Weise den Eindruck wieder, den die Erfolge der Assyrer auf Jes. machten, und Habakuk 
wird nicht müde, in c. 1 und 2 seines Büchleins Inhalt und Bilder unserer beiden Verse 
immer aufs Neue zu variieren. Die mit Schätzen angefüllten Städte sind wie verlassene 
Nester, nachdem die Einwohner geflüchtet oder getötet sind, und was noch übrig ge- 
blieben ist, wagt sich nicht zu rühren aus Todesangst. Etwas Bewunderung vor der 
gewaltigen Überlegenheit der Assyrer, noch mehr die Empörung über ihre grässlicbe 
Bohheit und Unersättlichkeit, etwas Mitleid und etwas Verachtung für ihre Opfer spricht 
aus diesen Worten, deren Wahrheit die greulichen Siegesborichte der Grosskönige selber 
bestätigen. 15 Dies Tetrastich fällt gegen die vorhergehenden Verse so stark ab und 
ist so weitschweifig, dass ich es nicht für jesaianisch halte. Das erste Distichon würde 
schon genügen. Ausserdem rühmt sich zwar in v. 13f. der Assyrer, aber nicht gegen 
Jahve; V. 15 würde viel besser an v. 11 anschliessen. Mit ganz ähnlichen Vergleichen 
beginnt auch der Einsatz c. 29i6ff. Die Ableitungen von "iKt sind bei den Späteren be- 
liebt (v. 12 c. 3 18), besonders häufig bei Tritojes. in c. 60 und 61. p-K^ ist wohl Nach- 
ahmung von v-K-K^ c. 31 8. Die Wendung »die Säge schwingen« ist sonderbar und mit 
Ex 20s5 nicht zu erklären. In tki ist das wahrscheinlich aus einer falschen Konstruktion 
hervorgegangene "i zu streichen. 16—19 enthält jesaianisches Gut jedenfalls nur äusserst 
wenig und kann in seiner jetzigen Gestalt weder von Jes. noch überhaupt von einem 
guten Schriftsteller herrühren. In v. 16a zunächst das Bild von der Schwindsucht, aus 
c. 174 geborgt und hier ganz unpassend, weil der Assyrer auf einen Schlag vernichtet 
werden soll, wie noch v. 17 b weiss. Dann v. 16 b das Bild von einem Feuer, das unter 
der Herrlichkeit Assurs angezündet wird vgl. 94; um die klappernden Alliterationen zu 
vermehren, heisst es: ein Brand wie Feuerbrand — giebt's denn auch andere Brände? 
Darauf v. 17 ein ganz anderes Bild vom Feuer, dessen Zusammenstellung mit dem vorher- 
gehenden gradezu stilwidrig ist; oder soll der »Heilige Israels« unter der Herrlichkeit 
des Assyrers brennen? Aber nein, die letztere ist schon wieder vergessen und wird 
durch Dornen und Disteln ersetzt, ein wunderbarer Ersatz für die Herrlichkeit, v. 18 
soll die Herrlichkeit des assyrischen Waldes und Fruchtgefildes (was soll man sich dar- 
unter denken?) vertilgt werden »von der Seele bis zum Fleisch«: schlechter konnte eine 
sprüchwörtliche Redensart gar nicht angewendet werden. Diese Redensart führt dann 
aber in greulicher Ideenassoziation wieder zu dem Bilde der Schwindsucht v. 18 b. 
Endlich in v. 19 zur Vervollständigung der bunten Reihe die Waldbäume, mit dem kleinen 
Knaben aus c. 11 6. Das hätte Jes. selbst nicht in einem ersten flüchtigen Entwurf zu 
Papier gebracht. Auch wenn man die Worte v. 18 von vtrs bis ces hinter v. 16 a setzte, 
bliebe noch genug AnstÖssiges, vor allem auch Erborgtes, dass man an jesaian. Ursprung 
nicht denken kann« 2u den schon erwähnten Entlehnungen wäre noch hinzuzufügen: 



Jes 10 so - «3. 76 

'oüod geschehen wird's an jenem Tage: nicht wird femer fortfahren der 

Rest Israels und die Entronnenen Jakobs, sich zu stützen auf den, der es schlägt, 

und wird sich stützen auf Jahve, den Heiligen Israels, in Treue. >^„Der Rest 

bekehrt sich^ der Rest Jakobs, zum „Heldengotte". ''Denn wenn dein Volk, 

Israel, sein wird wie der Sand des Meeres, ein Rest bekehrt sich in ihm: 

„Vertilgung ist entschieden, flutend von Qerechtigkeit'S 
>'I)enn „Tilgung und Entscheidung will der Herr, Jahve der Heere, 
Vollfuhren inmitten der ganzen Erde''. 



das brennende -tiM wahrscheinlich aus c. 31 9, Feuer und Lohe aus c. SOso; y. 17 b aus 
c 9 17, der eine Tag aus 9is; Wald und Frnchtgefilde sind Lieblinge auch des Verf. von 
c. 29i6ff. und stammen aus c. 32 15. Es bleibt also gar nichts Eigenes übrig, und der 
Verf. hat sich alle Mühe gegeben, den Jes. reden zu lassen. Der Inf. qal cd« kommt in 
c. 86 in anderer Bedeutung vor (in c. 8? hat die Glosse ebenfalls die -:ia9 des Assyrers), 
Doa ist an. liy., vielleicht ein Lehnwort aus dem Griechischen {vaaos), 20—28 sind von 
ganz ähnlicher Art. Zuerst die den Ergänzern unentbehrliche Einleitungsformel, dann 
ein Satz, der mit seinem rts-^c an c. 4 s erinnert, dessen Inhalt aber schwer verständlich 
ist. Israel wird sich nicht mehr stützen auf den, der es schlug oder schlägt — in 
welcher Zeit könnte das gesagt sein, wenn es jesaianisch sein soll? Ahas stützte sich 
nach IIBegl6 auf Assur, ward aber nicht geschlagen, Hiskia wurde geschlagen, stützte 
sich aber nicht auf Assur. Aber wenn man sich hier zur Not helfen könnte (sich stützen 
auf den Beschützer, der in Wahrheit ein barbarischer Frohnvogt ist), so weist das *"»« 
auf eine Zeit hin, wo nach Jes. der Assyrer überhaupt nicht mehr vorhanden ist, also 
weder stützen noch schlagen kann. Nur unter einer Voraussetzung giebt der Satz einen 
guten Sinn: wenn man nämlich das Assur Jesaias mit dem Assur des 2. Jahrb., mit 
Syrien, vertauscht. Da bildet die jüdische Gemeinde den »Reste, der unter einem Alki- 
mus, später unter Johannes Hyrkanus sich freiwillig oder unfreiwillig auf Assur stützt 
und doch von ihm geschlagen wird und dessen Befreiung die Frommen, sobald man sich 
nur auf den Heiligen Israels stützt, in Bälde erwarten. Dass der Ergänzer dem alten 
Propheten diese Yerheissung in den Mund legt, bildet keine Schwierigkeit. Wo wäre 
eine alte Weissagung, die sich nach der Meinung der Späteren über die ganze Zukunft 
erstreckt, ohne Interpolationen und kleine Nachhülfen geblieben? und hier lag die Yer- 
tauschung des alten und des neuen »assyrischen« Druckes so nahe, dass sie sogar ohne 
klare Absicht geschehen konnte. Der »Heilige Israels« wie v. 17 aus c. l4; r^^stca ist ein 
Lieblingsausdruck in c. 40 ff. Der Satzbau lässt kaum noch etwas von einem Metrum 
spüren, v. 21 enthält zwei Zitate aus c. 78 und 95. Ob der El gibbor Jahve oder der 
Messias sei, kann man nicht erkennen, das letztere ist keineswegs unmöglich vgl. Hos 35. 
Wie diese Hoseastelle interpoliert ist, so auch die Stelle Hos 2i, auf die sich v. 22a 
beruft; auch die ähnlich lautenden Genesisstellen (Gen 22 17 32 is) sind späten Datums. 
Der Sinn von v. 22a ist wieder nicht sehr deutlich. Man übersetzt wohl: gesetzt auch, 
dass dein Volk so zahlreich wäre wie Sand am Meer, so bekehrt sich doch nur ein Best; 
aber was ist das für eine leere Rhetorik! Es scheint wieder eine verhüllte Anspielung 
auf das 2. Jahrh. vorzuliegen. Damals wsir Israels Volk zahlreich wie nie zuvor, in 
Assur und Ägypten lebten Millionen Juden, aber es gab viele Abtrünnige, noch mehr 
Gleichgültige; die Gesetzestreuen, die Chasidim, das Häuflein der Freiheitskämpfer war 
nur ein Best, sollte es auch nach den Propheten sein (Zeh 139). dk kann also wie c. 44 
temporal gefasst werden, v. 22b ist allem Anschein nach auch ein Zitat, wenn auch 
der Stichos »Vertilgung ist beschlossen, strömend mit Gerechtigkeit« (nämlich der Ge- 
rechtigkeit des Gerichts) so nicht vorkommt, obwohl er aus jesaian. Ausdrücken zu- 
sammengesetzt ist. V. 23 endlich, aus c. 2828 mit einigen Änderungen entlehnt, schliesst 
den eschatologischen Ausblick ab, es dem Leser überlassend, das Gericht nach bekannten 



76 Jes 1024—27. 

•* Darum so spricht der Herr, Jabve der Heere: Fürchte dich nicht, mein 

Volk, das Zion bewohnt, vor Assur, das mit dem Stabe dich schlägt und seinen 

Stecken über dich hebt in der Weise Ägjrptens. '^Denn noch ein wenig, ein 

Kleines, so ist zu Ende der Grimm, und mein Zorn geht auf ihre Aufreibung. 

**Uud regen wird über es Jahve der Heere die Geissei gleich dem Schlage 

Midiaus, und seinen Stab über das Meer, den erhebt er auf die Weise Ägyptens. 

*''ünd geschehen wird's an jenem Tage: 

„Weichen wird seine Last von deiner Schulter 
Und sein Joch von deinem Halse verschwinden". 



Dogmen auf Israel und die Heiden zu verteilen. 24— 27a ist auf dieselbe Weise kom- 
poniert. »Darum«, weil die eschatologische Hoffnung besteht, »fürchte dich nicht, mein 
Volk, das Zion bewohnt«, fast genau so wie in dem Einsatz c. 30 19. »Das mit dem Stabe 
dich schlägt« vgl. c. 3031. »Auf die Weise Ägyptens«, d. h. wie Ägypten schlug, aus 
Am 4 10. — V. 25 »Noch ein wenig, ein Kleines«, genau so wie in dem Einsatz c. 29 17 
(vgl. 16 14). »Vorüber ist der Grimm« vgl. c. 2620: bis vorbeigeht der Grimm. Gemein- 
sam ist allen diesen späteren Vaticinien die Tendenz, die Juden, die Tempelgemeinde, 
zu trösten; Judas Leiden und Gefahren sind der historische Hintergrund für diese Nach- 
dichtungen. Für Bn-'^an wird auch an gelosen, mit derselben Bedeutung. — v. 26 ^^*\y 
stammt wahrscheinlich aus dem poetischen Fragment in II Sam 23 18. Der Midianstag 
war c. 93 erwähnt; zum Babenfelsen vgl. ausser Jdc 725 besonders Fs 837—12. »Sein 
Stab über das Meer«, d. h. den er einst über das Meer erhob, ist ein Ausdruck, der 
besser zu einem Exegeten passt als zu einem Propheten. »Auf die Weise Ägyptens« vgl. 
V. 24 heisst hier, wie Ägypten (im Schilfmeer) geschlagen wurde. Seit Hesekiel liebt 
man es, die Geschichte des Exodus als beziehungsreichen Themenstoff für Predigten und 
Prophetieen zu verwerten vgl. zu c. 45. — v. 27 leitet mit der üblichen Formel ein 
Distichon ein, das sich c. 1425 ähnlich findet, aber w^ahrscheinlich auch dort eingesetzt 
ist, die Grundlage ist c. 93. Dem zweiten Stiches fehlt jedoch im jetzigen Text das 
Verbum; es muss in ^am stecken, das jetzt mit dem Folgenden zu einem unübersetz- 
baren Satz verbunden ist. Die Übersetzungen: vernichtet wird das Joch vor Fettigkeit 
(nämlich Judas, die das Joch sprengt!) oder: unbrauchbar wird ein Joch vor Fettigkeit 
(was heissen soll, von neuer Einjochung des fett gewordenen Juda könne künftig keine 
Rede mehr sein!) oder: denn verdorben wird ein Junge vor Fett (der Junge ist hier 
despektierlicher Ausdruck für den Assyrer!) beweisen nur, dass der Text verdorben ist 
und zwar vom Fett. Secker wollte -jm in •sa'a ändern mit Berufung auf Zeh 4u, 
Knebel V^jn lesen und *:e dem Nacken und Hals beiordnen. Aber ein dritter Stiches ist 
an sich unwahrscheinlich, die Wiederholung des hy unangenehm und die Ausdrücke 
sonderbar. Robertson Smith liest: "^io ■j^es's r:^? Vnn^; das ist zwar zu stark geändert und 
wäre eher wahrscheinlich, wenn wir einen jeremianischen Text hätten, aber es scheint 
doch von einer richtigen Ahnung eingegeben zu sein. Vrr:^. für Vam kann man akzeptieren. 
Im Übrigen liegt es nahe, in y^s-c einen Ortsnamen zu vermuten. Man könnte direkt 
einen Ortsnamen wie pene oder bene Schemen annehmen, indessen ist es natürlicher, an 
den nördlich unweit der im Folgendon genannten Ortschaften liegenden Hügel Kimmen 
(Jdc. 2045) zu denken, der, da Rimmon ein Gottesname (Rammanu, der Donnerer) ist, 
leicht mit vollem Namen i^»*: 'ac heissen konnte, •scia kann freilich auch Präposition 
bleiben: er zieht herauf vor Rimmon weg, wo er das letzte Standquartier gehabt hat. 
27b (von V? an) — 82 an Mch lio— 16 erinnernd, schildert den Anmarsch eines von Norden 
kommenden Heeres auf Jerusalem. Trotz der Perfecta handelt es sich nicht um eine 
vergangene, sondern eine zukünftige Begebenheit. Ob der Assyrer gemeint ist oder ein 
anderes Heer, ob das Bruchstück von Jes., was mir nicht sehr wahrscheinlich ist, oder 
vpn einem anderen herrührt, das lässt sich schwerlich feststellen. 28 Ajjath ist wahr- 



Jes 1027— U. 



77 



Er zieht herauf von Pene-Rimmon, 

Passiert zu Miaron, 
^^Sie passieren den Pass, 

Erregt ist Harama, 
^^ Gelle laut, Bath Gaüim, 

Antworte ihr, Änathoth, 

Die Bewohner von Gebim üüchten, 

Ansetzen wider den Berg der Toch- 
ter Zum, 



^^kommt auf Ajjaih, 

Mikmasch vertraut erseinenTross an. 

„Geba giebt Herberge uns^^, 

Gribea Sauls flieht, 

lausche, Laischa, 
^^Madmena macht sich davon, 
^^heute noch wird er Nob besetzen, 

den Hügd Jerusalems. 



»»Siehe der Herr, Jahve der Heere, 

Entästet die Krone mit der Axt, 
Und die hochragenden Bind gefallt, 

Und die hohen sinken nieder, 
»^Und niedergehauen werden die Walddickichte mit dem Eisen, 

Und der Libanon fallt durch das Beil. 



scbeinlich Aj oder Haaj, südöstlich von Bethel, südwestlich vom Bimmonfelsen. Migron 
musB nördlich von Mikmasch liegen ; letzteres liegt nordöstlich von Geba v. 29, zwischen 
beiden der schmale Pass (Wadi Suweinit), der für ein Heer schwer zu passieren ist und 
den Train in Mikmasch deckt. Südwestlich von Geba liegt Harama, zwischen diesem 
Ort und Jerusalem wahrscheinlich Gibeath Schaul. 30 Die Lage von Bath Gallim und 
Laischa kennen wir nicht. Änathoth, das hier doch wohl nicht das elende genannt 
werden soll, sondern zum Einstimmen in das Klagegeschrei aufgefordert wird (1. v"?^)» 
Jeremias Geburtsort, liegt (säd-)östlich von Gibea (o8t-)nördlich von Jerusalem. 31 Mad- 
mena und Gebim sind unbekannt; die Gebim d. h. Zisternen sollten sich zum Verbergen 
der Habe eignen, trotzdem müssen die Bewohner flüchten (seil, die Habe). 82 Nob muss 
natürlich unmittelbar bei Jerusalem liegen, aber über seine Lage hat man nur Ver- 
mutungen, -rey^ ist Umschreibung für das Impf. Ges. § 114 k. Qre ändert in v. 32 b 
n^3 mit Recht in r&. Die ganze Schilderung scheint mir zu spielend zu sein, als dass 
man sie dem Jes. zuschreiben dürfte. 33. 34 bildet den vom Bedaktor dazu geschrie- 
benen Schluss. Es sind wieder möglichst viele jesaian. Ausdrücke gebraucht, das ge- 
wählte, schon V. 18 f. gebrauchte Bild aber möglichst unpassend. Zunächst im Anfang 
von V. 33 dieselben pompösen Gottesnamen wie v. 16. Jahve beraubt die Krone des 
Baumes (v. 18 f.) ihrer Zweige (nycw den. von q-yo) — aber thut er das durch einen 
Schrecken? Eine solche Vorstellung kann man doch selbst diesem unglücklichen Sti- 
listen nicht zutrauen. Zudem kommt nx-^s'« sonst nicht vor. Offenbar ist nx^rBä, mit 
der Axt, zu lesen, entsprechend dem ^nas v. 34. pp3 ist wohl niph. und sollte im plur. 
stehen. Der Libanon, der auch c. 29 17 neben dem Fruchtgefilde (v. 18) steht, bedeutet 
den Libanonwald und dieser das vor Jerusalem rückende Assyrerheer. Er soll fallen 
>durch einen Hehren« (vgl. c. 33 ai). Was für ein manierierter Stil ! Man sollte entweder 
t:5i für a oder den Namen eines Werkzeuges für i**-:« erwarten, etwa ^n». 

Drittes Stück c. 11 1 — lo. Die ersten acht Verse enthalten eine prophetische 
Dichtung von vier sechszeiligen Strophen, über die die Vorbemerkungen zu c. 22 — 4 zu 
vergleichen sind. Sie schildert die Zeit des Messias, zuerst dessen Person und Regiment, 
sodann den Gottesfrieden in der Natur. Die Darstellung ergeht sich in behaglicher 
Breite, die einem Gedicht aber wohl ansteht. Hat Jes. diese Strophen geschrieben, was 
doch die nächstliegende Annahme bleibt, obwohl die ersten Spuren ihrer Nachwirkung 
sich erst in c. 65 zeigen, so fallen sie gewiss in sein Greisenalter, als er den Charakter 
des Manasse, den v. 1 beiseite zu schieben scheint, bereits erkannt hatte. 1 Anknüpfung 
an ein anderes Stück ist nicht vorhanden, wenn man nicht etwa die letzten Strophen 
von c. 32 vorsetzen will. An c. 10 6— M dürfte man dies Gedicht selbst dann nicht an- 



IS Jes 11 1— f. 

11 ^Hervorgehen wird ein Reis aus dem Stumpf Isais, 

Und ein Spross aus seinen Wurzeln Frucht tragen, 
^Und niederlassen wird sich auf ihn der Qeist Jahves, 

Der Geist der Weisheit und der Einsicht, 
Oer Qeist des Rates und der Kraft, 

Der Geist der Erkenntnis und aer Furcht Jahves *). 

*) Var. T. 3a: und sein Wohlgefallen ist an der Furcht Jahves. 



knüpfen, wenn jenes Stück ganz von Jes. stammte. Aus dem Stumpf (rti von y-r»), aus 
dem in der Erde zurückgebliebenen Wurzelstamm Isais keimt eine Bute (Prv 14s) anf. 
Warum Isais und nicht Davids? Der Ausdruck yti deutet an, dass vor der messiani- 
schen Zeit die Dynastie Übel zugerichtet werden wird; von der nächsten Zukunft 
scheint sich Jes. ähnliche Vorstellungen zu machen wie Hosea (c. 3). Das Haus 
Davids verßllt ebenso gut der Strafe wie das Volk Jahves (vgl. zu 3? 79). Der Messias 
wird nicht sowohl von David abstammen, als ein zweiter David sein. Wären mit dem 
Exil die Davididen untergegangen, so wäre unser Vers späterer Abfassung verdächtig, 
aber die in dem Ausdruck >Stumpf Isais« (statt Davids) liegende Drohung hat sich nicht 
erfüllt. »Seine Wurzeln« d. h. eine von seinen Wurzeln, absichtlich unbestimmt, rrc*, 
Frucht tragen, etwas mehr als n-tr^, sprossen. 2 Niederlassen wird sich auf den zweiten 
David von oben her (o. 32 is) der Geist Jahves. Dadurch werden nicht etwa menschliche 
Kräfte und Eigenschaften gesteigert, sondern etwas Übermenschliches dem Messias mit- 
geteilt. Wenn der Geist auf die Ältesten sich niederlässt, verfallen sie in Glossolalie 
Num litt — S9, Elisa wird dadurch wundermächtig und von den Prophetengenossen als 
höheres Wesen verehrt II Reg 29—15. Da der Messias den Geist dauernd erhält, so wird 
er dadurch in eine höhere Wesensklasse emporgehoben und bekommt einen gewissen 
Anteil an den Eigenschaften, durch die sich die übersinnliche Welt von der Welt der 
groben Materie unterscheidet. Diese Eigenschaften sind von sehr verschiedener Art, 
keineswegs alle den menschlichen von vornherein überlegen, giebt es doch anch z. B. 
stumme Geister und hat sich doch der die höchste Gottheit umgebende Adel der Geister- 
welt nach Gen 6s einmal zu den Menschen in sinnlichster Art erniedrigt. Aber hier ist 
die Rede vom Geist Jahves. Der Messias erhält zu seiner menschlichen Seele noch 
einen Geist aus der übersinnlichen Welt hinzu, den wir mit seinem basar wohl nicht 
so innig, jedenfalls nicht so naturnotwendig verbunden denken dürfen, wie die vt3, die 
nach antiker Auffassung selbst nach dem Tode noch an den Körper gebunden ist; der 
höhere Geist wird nicht sein Geist, sondern bleibt Jahves. Der Messias ist nicht Pneu- 
matiker in dem Sinne, wie es die Christen sind, er wird nicht etwa einmal seinen 
Körper ablegen und ganz avd^Qttnos nwvfAaxixag sein und unsterblich. Das Charisma, 
das der Geist ihm mitteilt, ist ein königliches, denn der Geist wirkt individuell, wenn 
er auch kein Individuum ist. Das jesaian. Königsideal kennen wir aus c. 95f., und wir 
erhalten hier eine ähnliche Zeichnung. Der Geist giebt ihm 1. Weisheit und Einsicht, 
Weisheit, um den rechten Sinn und Zweck seines Amtes zu erkennen, Einsicht in die 
Umstände und Verhältnisse, unter denen er wirkt, also die für die ideale und reale 
Seite seines Berufs nötigen intellektuellen Eigenschaften; 2. Bat und Kraft, Rat, um die 
Mittel nnd Wege zu finden, durch die in jeder Lage die Erreichung der höheren Zwecke 
ermöglicht wird, Kraft, um den gefundenen Rat zu verwirklichen. Diese vier Eigen- 
schaften, das erste Paar die Ausrüstung zum Erkennen, das andere die zum Handeln, 
entsprechen ungefähr den Namen in c. 9ß, die nur die Kraft mehr betonen. Das dritte 
Paar ist Erkenntnis und Furcht Jahves, die erstere (rrr hat hier nur als stat. constr. 
Sinn) entspricht dem ersten, die letztere dem zweiten Paar. Jahve erkennen heisst hier : 
wissen, wie Jahve regiert haben will, also z. B. wissen, dass man die Witwen nnd 
Waisen richten soll. Es ist das Verständnis für den sittlichen Charakter Jahves und 
seines Verhältnisses zum Volk. Der König ist der Hausmeister, der den Herrn beim 



Jes lls— 4. 7fl 

^Vnd nicht nach dem, was seine Augen sehen, richtet er, 

Und nicht nach dem, was seine Ohren hören, entscheidet er; 

^Richten wird er in Qerechtigkeit die Niedrigen 

Und Entscheidung geben in Gradheit den Elenden des Landes; 
Und schlagen wird er den Wüterich mit dem Stabe seines Mundes 
Und durch den Hauch seiner Lippen töten den Schuldigen. 



Gesinde yertritt und deshalb seine Intentionen kennen muss (vgl. Lk 1247.42—46). Er 
muss aber nicht blos Jahves Willen kennen, sondern ihn auch respektieren, daran denken, 
dass es einen Bevisionstag giebt. Abraham fürchtet Gen 20 ii, dass das Volk von Gerar 
keine Gottesfurcht habe und den rechtlosen, blos auf den Schutz der Gottheit ange- 
wiesenen Fremden vergewaltigen könne. . Der König ist doppelt der Gefahr ausgesetzt, 
seine Gewalt zu missbrauchen, deshalb bedarf er der Furcht Jahves. Der Geist aber ist 
die Garantie dafQr, dass die künftigen vollkommenen Bechtszustände nicht wieder aus- 
arten, wie seit dem ersten David (s. zu c. Ise). Der Politiker legt den Nachdruck auf 
das Technische, die Verfassung, den Geist der Gesetze, der Prophet auf das Irrationale, 
das Persönliche, auf den freien Geist Gottes. Daher haben die Forderungen der Pro- 
pheten in der Geschichte der Staaten wenig Glück gehabt, sie werden zu leben beginnen 
nach dem Gericht. Sa trägt zu dem letzten Stiches in v. 2 noch eine Variante nach 
mit sinnlosem Text : und sein Biechen ist an die Furcht Gottes. Wenn noch das verb. fin. 
stände, dass wenigstens die Konstruktion erträglich wäre! Und wie riecht die Gottes- 
furcht eigentlich? Dillm. müsste es wissen, da er v. 3a festhält, aber er verrät es nicht. 
Wenn die Gottesfurcht im Opfern besteht, so ist allerdings ein Biechen möglieh (Am 58i 
Gen 8si), aber von Opfern kann hier keine Bede sein. Ew. u. a. übersetzen m-m mit 
»atmen in Gottesfurcht«, was sprachlich nicht angeht und auch sachlich nicht viel 
helfen würde. Sb und 4 bilden die zweite Strophe, die nun die Folgen der Herabkunft 
des Geistes vorführt. Er richtet nicht nach dem, was er sieht. Das könnte etwa ein 
unparteiisches Bichten aussagen wollen, aber der parallele Stiches passt nicht dazu. 
Wenn der Bichter auch die Person nicht ansehen soll, so muss er doch hören, was die 
Parteien vorbringen; das Nichtanhören ist ja nach c. l2S grade das Zeichen der 
schlechten Justiz. Das Hören kann nicht bedeuten: auf Schmeicheleien oder Verleum- 
dungen hören, weil dann die Hauptsache zu ergänzen wäre. Auch sind die Augen und 
Ohren gewiss nicht ohne Absicht hinzugefügt. Demnach kann der Sinn nur sein: der 
vom Geist geleitete Messias braucht nicht, wie andere Bichter, mit leiblichen Augen und 
Ohren die Sachen zu untersuchen, er weiss ohne weiteres, unmittelbar, durch den Geist, 
was vorgegangen ist. Vgl. II Sam 14 ao : mein Herr (David) ist weise wie der mal'ak 
elohim, zu wissen alles, was im Lande ist. Der zweite David ist nicht von der Be- 
schränktheit und Irrtumsfähigkeit der menschlichen Sinne, auch nicht von der Tüchtig- 
keit und Zuverlässigkeit seiner Beamten abhängig, sondern weiss wie ein Prophet (I Sam 
9i9f.), was »im Herzen der Menschen« ist und was im Beiche geschieht. Das ist kein 
Allwissen, sondern ein Innewerden dessen, was für ihn wissenswert ist, ein Femsehen 
innerhalb des Gebiets seines Amtsinteresses, genau von der Art, wie es die alte Zeit 
den Geistern, die heutige den Heiligen (oder auch dem Teufel) zuschreibt. 4 Das In- 
teresse eines Königs nach dem Ideal des Jes. gilt vor allem den Schutzlosen, die in der 
Gegenwart ihr Becht nicht finden. In v. 4a ist ^^iy aus *i^ (Cheyne), in v. 4b y^}n aus 
7":;^ verschrieben. Durch den »Stab des Mundes«, den »Hauch der Lippen« töten, bedeutet 
nicht: durch den Bichterspruch, den der Henker vollzieht, denn das thut jeder Bichter; 
er tötet durch das blosse Wort vgl. die Geschichte von Petrus und Ananias Akt 5i — lo 
(Hos 65). In IIThess 28 wird darum gar nicht so unrecht diese Stelle auf Christus und 
den Antichrist gedeutet. Auch in der messianischen Zeit giebt es noch Frevler, doch 
werden sie sofort erkannt und vernichtet, ebenso noch Niedrige (und Adlige c. 324), ein 
»Freien und sich freien lassen« (v. 8), sie ist also nur das veredelte und gereinigte 



80 Jes 11 6—8. 

5 Und es wird sein Gerechtigkeit der Gurt seiner Hüften 
Und die Treue der Gürtel seiner Lenden; 

*^Und gasten wird der Wolf beim Lamm, 

Und der Pardel beim Böckchen lagern, 
Und Kalb und lunglöwe essen zusammen, 
Indess ein kleiner Knabe ihren Führer macht 

'Und Kuh und Bärin befreunden sich. 

Zusammen lagern ihre Jungen, 
Und Löwe wie Rind frisst Stroh, 

^Und der Säugling spielt an der Höhle der Otter, 
Und nach dem Feuerauge des Basilisken 
Streckt ein Entwöhnter seine Hand aus. 



Abbild der Gegenwart und keineswegs das, was unser »Himmel« ist, zu dem sie doch in 
Parallele gestellt werden muss, wie das ihr vorhergehende Gericht zum jüngsten Tage. 
5 und 6 bilden die dritte Strophe, die mit der vierten die Folgen des messianischen 
Begiments schildert, v. 5 entspricht c. 96: das Beich zu stützen durch Becht und Ge- 
rechtigkeit. Eins von den beiden -itk wird durch -n^n zu ersetzen sein. Man gürtet sich 
zum Kampf oder zur Arbeit, der Gürtel ist daher das Sinnbild der Kraft und Bereit- 
schaft. Der König steht stark und gesichert da, weil sein Begiment auf Becht und 
Treue gegründet ist. Vielleicht schwebt dem Habakuk c. 24 diese Stelle vor. Weitere 
Folgen sind c. 2iß. geschildert. Hier wird statt des Friedens unter den Menschen der 
Friede unter und mit den Tieren geschildert, beides schon mit einander verbunden in 
Hos 220. Die Weidetiere des Menschen werden nicht mehr verfolgt durch die Baubtiere, 
die vielmehr selbst zu Weidetieren werden. Jenes Gedicht, aus dem Gen. 1 durch Um- 
arbeitung entstanden ist, behauptet v. 30, dass ursprünglich alle Tiere Gras gefressen 
haben, und erfindet das offenbar nicht zum ersten Male, sondern geht von alten Vor- 
stellungen über die Urzeit aus. 6 a nennt zwei Paare von jetzt zahmen und wilden 
Tieren; 6b stellt Kalb, Junglöwe und Mastrind zusammen, hat dagegen kein Verbum, 
ist also fehlerhaft. In LXX fehlt k^~q, wofür nachträglich tuvqos eingesetzt ist, wie noch 
die Wortstellung verrät, als Verb hat sie ßoaxfi&riaovrai. Wahrscheinlich ist k-"'«'» aus 
ursprünglichem k— la* oder auch s(~3^ entstanden , mag das nun qal oder hiph. sein : sie 
essen (oder man füttert sie) zusammen. In C3 :r:a ist :r;3, das sonst den acc. regiert, als 
Substantiv behandelt: Führer unter ihnen. 7. 8 die vierte Strophe. Der Anfang ist 
verderbt, denn n3^:r-r für sich allein giebt keinen Sinn, Hinzusetzung von i'^r;'* ergäbe 
einen Missklang mit dem zweiten Stiches. Mit de Lag. ist nach Prv 2284 zu lesen 
ns-'y^rp, von ny-, gern haben. 8 Welche Schlange mit dem "»ryts gemeint ist, wussten 
schon die Alten nicht mehr genau, offenbar weil es mehr ein Fabelwesen ist, etwa ein 
Basilisk. Auch nnii«^ ist nicht recht klar, bedeutet aber doch wohl einen Körperteil des 
Tieres wegen des Verbums n-sn {an, ley.), ausstrecken die Hand nach ihm (andere wollen 
^'ü^ oder n^'yia). Also selbst die bösartigsten und unheimlichsten Tiere sind zahm ge- 
worden, Spielkameraden der Kinder. Jetzt ist die Tierheit degeneriert wie die Mensch- 
heit, mit der letzteren wird auch die erstere zur ursprünglichen Frömmigkeit zurück- 
kehren. Diese Ausführungen darf man nicht als blosses Spiel der Phantasie oder gar 
symbolisch und allegorisch auffassen, ebenso wenig allerdings auch sie allzu banausisch 
beim Wort fassen und sich z. B. auf das Stroh verbeissen, das der Löwe fressen soll. 
Die Tiere werden in Altisrael, wie bei den alten Völkern überhaupt, nicht so weit vom 
Menschen entfernt, wie wir es thun, sondern in die Sphäre des Ethischen mitherein- 
gezogen; die Israeliten töten den Stier, der einen Menschen getötet hat Ex 2128, wie 
bei den Bömern der Ochs sacer wird, der den Grenzstein beschädigte, und umgekehrt 
ein bucidium schlimmer bestraft wird, als die Ermordung eines Sklaven; der Deutsche 
zeigt den Haustieren den Tod des Hausherrn oder der Hausherrin au ; in einer gewissen 
Nacht können sie menschlich sprechen, ihre eigene Sprache wird wenigstens von einigen 



Jes 11 9— 10. 81 

^ „Nicht handelt man böse noch verderbt 

Auf meinem ganzen heiligen Bergland". 

Denn „voll ist das Land von Erkenntnis Jahves, 

Wie Wasser das Meer bedecken''. 
^^Und geschehen wird's an jenem Tage: 

Die Wurzel Isais, die dasteht zum Panier der Völker, 

Bei ihm werden die Heiden anfragen, 

Und sein Wohnsitz wird Herrlichkeit sein. 



Menschen verstanden; auch die Opferung der Haustiere hängt mit ihrem halbmensch- 
lichen Wert zusammen. Es ist ein eigentümlich gemfitvolier Ton in diesen Bildern, der 
uns anfangs gar nicht semitisch anmutet. Die Meinung Hesekiels (c. 34s5. ss) und seines 
Jüngers Ler 266, dass die Baubtiere ausgerottet werden sollen, dünkt uns leicht semi- 
tischer. Aber diese Gesetzeseiferer denken auch über die Heiden grausamer als Jes. 
(c. 28ff.). Die ältere untheologische Zeit ist tierfreundlicher, weil sie menschenfreund- 
licher ist. Hackmann findet die Ausführungen in v. 6 — 8 phantastisch, aber Jes. lebte 
ja nicht im 19. Jahrh. p. Chr., die Alten sind nun einmal so. Wie man eine solche 
moderne Empfindung als Argument gegen die »Echtheit« ansehen kann, verstehe ich nicht. 
Auch die übrigen Einw&nde gegen die Echtheit sind von derselben doktrinären Art; 
dass die sprachlichen Erscheinungen keinen »vollständigen« Beweis leisten können, 
giebt Marti zu; s. zu c. 96. 

9 und 10 sind Bedaktorenzusätze. 9 a will an das Vorhergehende anschliessen, 
passt aber doch nicht dazu. Das Subj. der Verben in v. 9 a müssten die Lämmer, 
Wolfe u. s. w. sein, aber die haben doch keine Erkenntnis Jahves. Wären es aber Über 
V. 6 — 8 hinweg die Menschen, so steht v. 9a in Widerspruch mit v. 4; auch wäre das 
Richten und überhaupt das Königsamt überflüssig, wenn niemand mehr böse thut auf 
dem ganzen Bergland Palästinas. Denn dass der »ganze« Berg Jahves nicht Zionist, 
folgt schon aus dem ^s und daraus, dass sonst das "^toip dazu nötigen würde, die Aus- 
sage auf den korrekten Gottesdienst zu beziehen. Passt also v. 9a schwerlich zu v. 1— 8, 
dagegen wohl zu einem Vf., der in der That im künftigen Jerusalem keinen König kennt, 
von der allgemeinen Heiligkeit eingenommen ist und behauptet, die künftigen Bürger 
werden alle gerecht sein (c. GOsi), so wird Tritojesaia, der unsern Satz ebenfalls hat 
(c. 65f5b), auch sein Verf. sein, und der Umstand, dass Tritojes. eben vorher (v. 25a) 
unsere Dichtung benutzt, ist die Veranlassung gewesen, dass der Bedaktor (oder ein 
Leser) seinen Schlusssatz mit hierherziehen zu müssen glaubte. Wie oft mögen die 
Redaktoren jesaianisches Gut mit fremden Zusätzen beiastet aus anderen Schriftstellern 
genommen haben! Zu unserer Vermutung passt auch das Suff, der 1. pers. in ->3hp, das 
in Jes 65, aber nicht in c. lliff. berechtigt ist, ferner die Hervorhebung der Heiligkeit, 
die einem Schriftsteiler des 8. Jahrh. ebenso fem liegt, wie einem deuteronomischen 
nahe (s. zu c 4s). 9b ist blos als Begründung von v. 9a möglich, also schon deshalb 
vom Red. hinzugesetzt. Zum Glück lässt sich auch hier der Fundort noch nachweisen: 
Hab 2 14 heisst es: denn voll wird die Erde von der Erkenntnis der Hoheit Jahves wie 
die Wasser das Meer bedecken; wie diese Stelle den konkreteren Gedanken hat, so auch 
in der zweiten Vershälfte den besseren Text. Für Jes. war übrigens v. 2 die Haupt- 
sache, dass der König Gott kennt, das spätere Judentum verlangt von jedem Juden die 
Kenntnis des Gesetzes, damit niemand mehr böse handele und die bessere Zeit kommen 
könne. 10 Zuerst die gewöhnliche Anknüpfungsformel der Ergänzer, dann ein Satz von 
wahrhaft fürchterlicher Stillosigkeit. Die Wurzel Isais, also eigentlich die Vorfahren 
Isais, hier aber gemeint als der messianische Nachkomme Isais, wird zur Fahne, und 
bei der Wurzel werden die Völker anfragen, und der Wohnsitz der Wurzel wird Herr- 
lichkeit sein. Wer das dem Jes. zutraut, kann ihn doch nicht mehr als guten Schrift- 
steller betrachten. Der Inhalt umschreibt die Dichtung c. 22 — 4, die der Sammler unsers 

UandkonuBeotar s. ▲. T.: Duka, J«s. 2. Anfl. 6 



82 Jes Uli— -1«. 

i^Und geschehen wird's an jenem Tage: 
Hinzuthun wird der Herr ein zweites Mal seine Hand, 
Loszukaufen den Rest seines Volkes, 
Der übrig blieb von Assur und von Ägypten 

und Yon Pathros und Kasch und Elam und Sinear und Hamath und 
den Inseln des Meeres, 
^^Und wird ein Panier erheben den Völkern 
Und wird zusammenbringen die versprengten Israeliten 
Und die zerstreuten Judäerinnen sammeln 
Von den vier 2iipfeln der Erde. 
^'Und weichen winl die Eifersucht Ephraims, 
Und die Bisdranger Judas ausgerottet werden, 
Ephraim wird nicht eifern wider Juda, 
TTnd Juda nicht Ephraim bedrängen 



Büchleins nur dem Sinn, nicht dem Wortlaut nach gekannt zu haben scheint. Der mit 
dem Geist begabte Messias kann allen Völkern Thora erteilen, sie fragen bei ihm an, 
wie bei einem Orakel, und seine Besidcnz ist daher weithin berühmt, nnia«, Wohnsitz 
vgl. Gen 49 15. . 

Viertes Stück c. 11 ii — le. Es verheisst die durch eine »zweite« Mach terweisung 
Jahves bewirkte Rückkehr der Diaspora und Triumphe über die kleinen Nachbarvölker. 
Obwohl es ja in der Zeit Sanheribs flüchtige Israeliten und Judäer in Menge gab, so 
zeigt doch schon y. 11, dass bereits die erste Rückkehr unter Cyrus hinter dem Verf. 
liegt. Die Sammlung der Diaspora ist einer der dringendsten Wünsche der nachexili- 
schen Propheten. Die Erhebung der Fahne ist Nachahmung von c. 49«, y. 14 ahmt 
Ps 60 10 nach, die Strasse y. 16 kommt auch c. 1988 vor und geht über c. 62 lo 358 auf 
c. 40 zurück, yor allem hat auch der Vf. Zeh lOsff. gekannt. Er hat also schwerlich 
yor dem Ende des 2. Jahrh. gelebt, wahrscheinlich erst unter dem kriegerischen Alex- 
ander Jannäus. So spät das Stück ist, so hat es doch wie c. 24 — 27 spätere Einsätze 
erhalten. 11 Vor Tt" ist ein inf. wie erheben, schwingen, ausstrecken hinzuzudenken. 
Unklar bleibt es, ob wir eine Züchtigung der Völker oder ein »Zeichen« wie c. 66 19 an- 
nehmen sollen. Dem »zweiten Mal« würde in einem echten Stück, wenn überhaupt dem 
Jes. eine derartige Abzahlung der eschatologischen Stadia zuzutrauen wäre, entweder 
Jahyes Handerhebung gegen Israel oder gegen Assur gegenüberstehen, was beides nicht 
passt. Der Zusammenhang fordert eine erstmalige Befreiung, natürlich nicht die aus 
Ägypten unter Mose, weil dann das Objekt »den Rest seines Volkes« übel angebracht 
wäre, sondern die Befreiung des Volkes aus Babel unter Serubabel. y. IIb zählt die 
Länder der Diaspora auf, aber wegen y. 15 f. darf man yermuten, dass der Vf. nur Assur 
und Ägypten nannte oder gar nur das erstere. Zu Assur (Syrien) und Ägypten gehören 
ja doch sämtliche übrigen Länder. Zum ptolemäischenReiche gehört neben Mizraim, 
das durch den Zusatz die Bedeutung Unterägypten erhält, noch Pathros oder Ober- 
ägypten und Kusch, die übrigen Namen nennen seleucidische Gebiete. 12 f. c. 49 tt. Die 
Juden sind über die ganze Welt zerstreut, die, wenn man den Ausdruck am Schluss des 
Verses pressen darf, yiereckig gedacht wird, eine Vorstellung, die auch bei den Arabern 
yorkommt. Jahye wird den Völkern ein Zeichen geben, damit die Juden kommen, 
denn die Heiden sollen die Juden auf dem Arm, in Sänften u. s. w. herbeitragen ygl. 
ausser c. 49» besonders c. 66i9ff. 604. Dass Männlein und Weiblein zurückgebracht 
werden sollen, sagen auch die angeführten Stellen regelmässig, hat aber unser Vf. etwas 
sonderbar ausgedrückt. Dillm. meint, es sei nicht zufällig, dass die Weiber Juda zu- 
geteilt werden, leider yergisst er, den tiefern Sinn dayon anzugeben. In "«nna hat 
auch das i wegen des Schwa sein dagesch yerloren, ebenso c. 568. 18 Logischer Weise 
sollte y. 13 f. hinter y. 15f. stehen, wo y. 11 f. fortgesetzt wird. Aber es giebt hier 
ebenso wenig eine feste Disposition wie in Zeh lOsff.; die Ereignisse im 2. Jahrh. yoll- 



^^ünd fliegen werden sie auf die Schulter der Philister meerwärts, 

Zusammen plündern die Söhne des Ostens, 

Edom und Moab sind ein Ausstrecken ihrer Hand 
• Und die Söhne Ammons ihr Gehorsam. 
^^Und austrocknen wird Jahve die Zunge des Meeres Ägyptens*) 

Und schwingen seine Hand über den Euphrat *) durch seinen Gluthauch 

Und ihn schlagen zu sieben Bächen, 

Und man wird ihn betreten mit Sandalen: 
^^Und es wird dne Strasse sein für den Best seines Volkes, 

Der übrig blieb von Assur, 

Wie eine gewesen für Israel, 

Als es heraufzog aus dem Lande Ägypten. 



zogen sich selber nicht nach der eschatologischen liOgik, man gewann Siege über die 
Bedränger, bevor die Diaspora zurückgekehrt und ganz Israel wieder beisammen war. 
Die Propheten des 2. Jahrb. leben so sehr in der Eschatologie, dass ihnen Zukunft und 
Gegenwart immer durcheinander laufen. Die Eifersucht Ephraims, für die man in der 
ganzen vorexilischen Zeit kaum ein Faktum oder ein Symptom anführen könnte, ist seit 
dem zweiten Tempel und zumal seit der Gründung der samaritanischen Gemeinde ver- 
standlich genug (vgl. zu c. 66&). Natürlich meint der Vf. nicht, dass diese und die 
jernsalemische Gemeinde sich vereinigen oder als Gleichberechtigte neben einander stehen 
sollen. Sind erst die Ephraimiten durch Jahve zurückgeführt, so schliessen sie sich 
selbstverständlich an den Zionstempel an, ohne Neid gegen Juda, das ihn in seiner Mitte 
hat. Die Bedränger Judas können nicht solche sein, mit welchen Juda andere bedrängt, 
auch würden diese nicht ausgerottet werden. (Jnd wann wäre Juda seit Rehabeam in 
der Lage gewesen, Ephraim zu bedrängen? Johannes Hyrkanus hat allerdings die 
Samaritaner nicht blos bedrängt, sondern fast vernichtet, aber das ist natürlich ein 
Verdienst gewesen (vgl. zu c. 25iff.). Die Feinde Judas sind hier etwa die Gegner des 
Joh. Hyrk. und seiner Nachfolger, ein Antiochus Sidetes, der durch die Parther, ein 
Ant. Kyzikeuus, der durch eigene Hand umkam u. s. w. v. 13 b ist eine unrichtig er- 
klärende Glosse; auf den »schönen Parallelismus beider Vershälftenc (Dillm.) könnten 
wir verzichten, selbst wenn er vorhanden wäre. 14 lässt sich am besten aus der Zeit des 
Alexander Jannäus erklären ; die Söhne des Ostens sind die Araber des Aretas, mag nun 
ihre Bedrohung vor den Angriff auf sie oder nach der von ihnen erlittenen Niederlage 
fallen (vgl. zu c. 21i6f.). Ein solch kriegerischer Ton, wie er hier angeschlagen wird, 
ist zwischen der Zeit Usias und der Makkabäer kaum denkbar (vgl. Ps GOsfT.). Für qrd 
punktiert man doch besser ni^s wie im B. Josua (15 lo. ii u. s. w.), da d^pv^e nicht Appo- 
sition zu dem »Schulterland«, dem Westabhang des judäischen Gebirges, sein kann. 
15 vgl. Zeh lOii. Q^-^nn, bannen, würde zu einem Volk oder einer Stadt passen, nicht 
zum Schilfmeer, daher ist mit den alten Versionen a"*?!;^ zu lesen wie c. 50» 37a6 vgl. 
51 10. »Zunge« auch Jos 158 u. oft. Wahrscheinlich gehört zu diesem Stiches noch das 
TtTi 0-93 der zweiten, aber als Glosse; der »Gluthauch«, wie dieser Ausdruck nach dem 
Arabischen erklärt werden muss (andere lesen Sriin os^a), passt zu a*'nnn, nicht zum 
Schwingen der Hand, das seine Fortsetzung in dem ran findet. Für Deuterojes. haben 
solche Verheissungen einen guten Sinn, weil zu seiner Zeit das Volk gefangen und trost- 
bedürftig ist, entsprechen auch seinem poetischen Enthusiasmus; die vielen Nachahmer 
aber zeigen, wie misslich es ist, wenn die Schöpfungen prophetischer Begeisterung von 
Theologen in nüchterne Wirklichkeitsprosa verbuchstäblicht werden. Warum sollen die 
Juden der Diaspora nicht auf dieselbe Weise wie andere Menschenkinder nach Palästina 
auswandern, wenn sie Lust haben? An den Mitteln fehlte es ihnen nicht, wohl aber an 
der Lust. 16 Die Strasse ist natürlich eine Wunderstrasse, eine Strasse durch Meere 

6* 



84 Jes löi— 6. 

12 1 Und du toirst spredien an jenem Tcye: 

Ich lobe dich, Jahve, ^ Siehe der Gott meines Heils, 

Denn du zürntest mir, Ich traue und graue mich nicht, 

Es wandte sich dein Zorn, Denn mein Hort und Sang ist Jah, 

Und du tröstetest mich. Und er ward mir zum Heil, 

' Und ihr werdet Wasser schöpfen mit Wonne aus den Qudlen des Heils 

^und werdet sprechen an jenem Tage: 

Lobt Jahve, ruft an seinen Namen, 
Thut kund unter den VSlhem seine Thaten, 
Buhmet, dass erhaben ist sein Name, 
^Singet Jahven, denn Chrosses hat er geihan, 
Bekannt sei dies auf der ganzen Erde! 
Jauchze und juble, Bürgerschaft Zions, 
Denn gross ist in deiner Mitte der Heilige Israels. 



und Flüsse. Die SpSteren sind ausserordentlich wandersüchtig. So müssen nach Jos 3 
die Wasser des Jordan sich wie eine Maaer auftürmen, damit die in Palästina ein- 
dringenden Israeliten sich die Füsse nicht nass machen. Vgl. Mk 8iif. Das Klangspiel 
^toMtt ■wvr ^"w, noch verstärkt durch vorhergehendes '^tao und nachfolgendes -^vto, scheint 
dem Vf. viele Freude zu machen vgl. v. 11. Zu der Bezugnahme auf die Geschichte des 
Exodus vgl. zu c 45 10m. m. 

Epilog zu c. l — 12, c. 12. Die heiden Psalmen dieses Cap. sind wohl nicht von 
dem Sammler c. 9? — 11 16 hinzugesetzt, der eine zu prosaische Natur zu sein scheint 
und sich mehr im Namen des Jos. zu reden hemüht, sondern eher von dem Bedaktor 
von c. 1 — 12, der seinerseits mit dem Mann identisch sein könnte, der c. 24 — 21 mit 
mehreren Psalmen verzierte, denn die letzteren werden ganz ähnlich eingeleitet wie die 
unsrigen. Dass der Epilog sehr jung ist, ergieht sich schon daraus, dass er so junge 
Dichtungen wie Ex 15 und Ps 105 benutzt. Übrigens wäre es möglich, dass zwei ver- 
schiedene Hände den Epilog zusammengesetzt haben. 1 Die Eingangsformel ähnlich wie 
c. 259 26i 27». Subjekt von n*«98 ist Juda oder Israel, av^ ist indic. mit der aus den 
Psalmen bekannten Verkürzung des impf.; 1. ^»ansPi. 2 Der Anfang wie c. 259 Ex 152b. 
V. 2b wörtlich aus Ex 15 sa. nirr« ist zu der verkürzten Form n^ hinzugesetzt wie c. 264. 
Das vorhergehende Wort ist "n^^ auszusprechen, obgleich der Vf. nach aramäischer Art 
das ! verschluckt haben wird. 8 Die Einleitung bedient sich des Plurals, weil die 
Dichtung eine Mehrheit zum Gesang auffordert. Sie ist etwas ausführlicher gehalten, 
gleichsam zur Motivierung dafür, dass dem ersten Epilog noch ein zweiter angehängt 
wird. Die Wonne etwa aus c. 35 lO; die geistlichen »Heilsquellen« gehen etwa auf 
c. 55i zurück und kommen bei den Späteren oft vor. -^r^ aus ^v^^ statt des gewöhn- 
lichen ^^Ti' 4 Die beiden ersten Stichen des Liedes aus Ps 105i (IChr 168); Bick. ver- 
mutet, dass der Epilogschreiber nur den ersten Stiches benutzt und ein Leser den 
zweiten nachgefügt habe. »Mittelst des Namens Jahve anrufen« heisst nicht: seinen 
Namen bekannt machen (Dillm.), sondern sich bei der Anrufung der Gottheit des 
Namens Jahve bedienen. Der dritte Stiches nach Ps 148 is. 5 ntio auch c. 26 lo vgl. 
Ex 15 1. Das Qre nmfs, part. hoph., ist dem t^TT% das »befreundet« heissen würde, vor- 
zuziehen. Das part. steht im Ausruf, wie z. B. ^!i^&, daher zu übersetzen: bekannt sei. 
6 De Lag. behauptet, 21 navi*' sei im Zeitalter Jesaias nicht gesagt worden, aber s. Mch 
lii — 16. ^Vns wie c. 24 u 54 1 neben ""s*^. Dass das spätere Judentum immer daran 
denkt, was die Heiden zum Aufblühen Judas sagen werden, ist schon zu c. 48ff bemerkt 
worden. 



Jes 131—4. 85 



b. Oap. 13—23. 
13 1 Orakel über Babel, das 8ohaute Jesala, Sohn des Amoz. 

^Auf kahlem Berg hisst die Fahne, erhebt die Stimme ihnen, 

Schwenkt die Hand, dass sie kommen in die Thore der Edlen! 

^„Ich, ich habe entboten [zu meinem Zorn] meine Geheiligten, 

Auch gerufen meine Recken, meine stolz frohlockenden/* 

^Horch, Getümmel in den Bergen gleich einem grossen Volk, 

Hordi, Lärm von Königreichen, versammelten VSUcem: 

Jahve der Heere mustert das Heer der Schlacht, 



Zu dem zweiten Jesaiabuch c. 13 — 23 s. die Einleitang. Zu ihm bildet 

18, 1 die Überschrift, die den Namen nicht blos des Propheten, sondern aach 
seines Vaters giebt, zum Beweis, dass das Vorhergehen von c. 1 — 12 nicht vorausgesetzt 
wird. KITS von Kva seil. Vip, die Stimme erheben; der hier weggelassene gen. subj. ist 
mm nach Jer 2383. Der Bedaktor lässt das Verbot Jer 2388—40, das Wort Kira zu ge- 
brauchen, ausser Acht, weil er in den kleineren Sammlungen, die er in c. 13 — 23 zu- 
sammenstellte, das Wort schon gebraucht fand. Zu dem merkwürdigen Ausdruck »den 
Ausspruch schauen« vgl. zu c. 2i. Unser Vers dient mit seinem gen. obj. Vaa zugleich als 
Überschrift des 

Ersten Stückes c. 132 — 1488. Es besteht aus zwei Teilen, die wohl von 
Einem Verfasser herrühren können, aber nicht müssen, jedenfalls von ihm nicht in der 
jetzigen Verbindung zusammengestellt sind: 1. c. 13s — as, wozu vielleicht noch c. 14m. ss 
gebort, 2. c. 144b— si; das erstere verkündigt den Untergang Babels, das zweite schildert 
die Höllenfahrt des Königs von Babel, beide in demselben Rhythmus (der nur in dem 
ersteren Stück öfter mangelhaft ist) und wahrscheinlich auch in dem gleichen Strophen- 
bau, in Strophen von je sieben Langversen. Sie sind mit einander verbunden durch die 
Sätze c. 14 1 — 4a, die in einem ganz unglaublichen Stil und in engster Anlehnung an 
Sacharja, Tritojes. und andere junge und alte Schriftsteller, also in später Zeit, abge- 
fasst sind. Dagegen fällt mindestens c. 144b — si vor die Eroberung Babels durch Cyrus, 
wahrscheinlich auch c. 138ff., das man doch am Besten dem Verf. von c. 144bff. zu- 
schreibt; denn beide Stücke stimmen weder mit dem wirklichen Schicksal der Stadt noch 
mit dem des Königs überein. Dass der Bedaktor das Stück ausdrücklich dem Jes. zu- 
schreibt, ist für die Kritiklosigkeit der Diaskeuasten bezeichnend. 2 vom Propheten ge- 
sprochen. Man soll sie herbeirufen, wen, das sagt erst v. 17 (s. d.), w e r es thun soll, 
das wird überhaupt nicht gesagt. So spricht die Aufregung. Der Dichter weiss, dass 
die nordöstlichen Nachbarn Babels sich demnächst auf den Unterdrücker der Welt stürzen 
wollen. Alle Welt soll sie herbeirufen. Bei Dichtern sind solche unbestimmten plurali- 
schen Imperative nicht selten vgl. z. B. IlSam Iso. Die »Thore der Edlen« enthalten 
vielleicht eine Anspielung auf die Gottes- oder Götterpforte Bab-ilu. Die Babylonier 
sind die Aristokraten in der Welt, alle Völker zur Plebs herabgesunken. 8 von Jahve 
gesprochen, der nicht besonders eingeführt wird. Aus metrischen Gründen ist oben das 
"«EM^ aus dem zweiten Langvers, wo es entbehrt werden kann, in den zu kurzen ersten 
versetzt, wo es auch stilistisch besser am Platz ist. t^is wird selten mit dem dat. kon- 
struiert, vielleicht sollte man "^y für h schreiben. Der Vers erinnert an Zph l7, wo der 
Tag Jahves ein Schlachtfest genannt wird, zu dem Jahve die Geladenen geheiligt hat. 
Der Kampf ist ein religiöser Akt, weil die Gottheit selbst unter den Kämpfern ist, da- 
her werden nicht blos die Kämpfer, sondern sogar die Waffen geheiligt I Sam 21 6, Hier 



86 Jes 135— J«. 

^Sie kommen vom fernen Lande, vom Ende des Himmels, 

Jahve und die Geräte seines Zorns, zu verderben die ganze Erde. 

^Jammert, denn nahe ist der Taa Jahves, toie Gewalt von Gewaltigen 

''Drum werden alle Hände schlaff [kommt er! 

Und jedes Menschenherz zerschmilzt, ^ bestürzt sind . . . 

Krämpfe und Wehen bekommen sie, mnden sich wie die Gebärerin, 

Einer den andern starren sie an, Flammengesicht ist ihr Gesicht. 

^ Siehe er kommt, ein Grausamer, mit Überwailen und Zomesglut, 

Machend die Erde zur Wüste und ihre Sünder vertilgend von ihr. 

^^Denn die Himmel und ihre Orione heUen nicht ihr Licht, 

Verfinstert ist die Sonne in ihrem Aufgang, und der Mond er- 

[glänzt nicht. 
^^ „Heimsuchen uMl ich am Erdkreis [seine] Bosheit und an den Frevlem 

[ihre Schuld, 
Und still machen die Hoffart der Stolzen und den Hochmut der 

[Tyrannen erniedrigen. 

^^ Teurer mctch' ich Menschen als Feingold und bterbliche als Golderz^ 

von Ophir. 



wie in Jer 60. 51 , wo unser Stück mit anderen zu einer grossen, dem Jeremia zuge- 
schriebenen Weissagung verarbeitet ist, sind die Meder Jahves Geheiligte (Jer 5l27f.); 
sie sind seine gibborim, seine Leibtruppe, seine »stolz frohlockenden« (vgl. Zph 3ii); zum 
Helden gehört der frohe Mut (Fs 196), zumal unter Völkern, welche ihre Schlachten 
weniger in taktischer Ordnung, als in heldenmütigen Einzelkämpfen schlagen. 4 Schon 
hört man das Getümmel zahlreicher Völker in den östlichen Bergen. Dem Vf. scheint 
c. 17 12 vorzuschweben. Mit de Lag. ist ris^):«, stat. abs., zu punktieren wegen der 
Cäsur. Jahve selbst, der Heerführer Altisraels, mustert dies fremde Kriegsheer: eine 
merkwürdige Übertragung altreligiöser Anschauung auf eine längst universalistisch ge- 
wordene Gottesidee. Ist Jahve der Gott der r'sKax, so steht ihm auch dies Kas zur 
Verfügung. 5 bis v. 8 scheint eine zweite Strophe zu sein. Vom fernen Lande (c. 5m) 
kommen jene Indogermanen. Der geographische Gesichtskreis unsers Vf.s ist schon 
etwas weiter als der des Jes. Die »Geräte« des Grimmes nach IlSam Ist; das Bild ist 
in der Dichtung Jer 5083ff. weiter ausgeführt (v. 25), aber vielleicht nicht in dem alter- 
tümlichen Sinn des Ausdrucks. 6 findet sich ebenso Jo 1 15 und es fragt sich, wo er ur- 
sprünglich ist. Wäre er es in Joel, so hätte ihn hier eine fremde Hand nachgetragen. 
Die Entscheidung ist schwierig, weil er an beiden Stellen fehlen kann, ohne eine merk- 
liche Lücke zu hinterlassen, an unserer Stelle vielleicht noch eher als in Joel. Jeden- 
falls ist er in v. 6 nur dann erträglich, wenn v. 9 eine neue Strophe beginnt oder dort 
'" av eingesetzt ist. Ist er echt, so bezeichnet der Tag Jahves nach dem Vorhergehenden 
den Schlachttag. ^^fm t;? könnte eine sprüchwörtliche Alliteration sein, so dass vor ^tv 
gar kein Vk hinzuzudenken wäre. 7 f. findet sich in Jer 5048 teils verkürzt, teils ver- 
mehrt, jedenfalls in schlechterer Fassung wieder. Für d-'i-s v. 8 steht dort n-ix. In v. 7 
hat der erste Langvers die zweite Hälfte verloren; von dem zweiten Langvers ist hinter 
der Cäsur in dem i^naai v. 8 das Verbum übrig geblieben, das Subj. ausgefallen; viel- 
leicht weist dasPaseq auf die Beschädigung des Textes hin. Der letzte Langvers ahmt 
Na 2 11 nach, aus dem auch Jo 26b abgeschrieben ist. Fieberhaft brennt in Erwartung 
des Gottestags das Gesicht der Menschen. 9 bis 12 scheint den dritten Siebenzeiler 
vorzustellen. Im ersten Langvers von v, 9 kann das n^ni di-> recht gut ein Einsatz sein, 
die Metrik würde diese Annahme empfehlen, ebenso die Bücksicht auf v. 6; dazu ist 
fraglich, ob der Tag Jahves Subjekt von v. 9 b ist und nicht vielmehr wie v. 5 Jahve 
selber; endlich passt """^tsk, in Jer 504S von den Modern gebraucht, besser als Adjektiv 
zu Jahve als zum Tage Jahves. Auch sonst haben spätere Häiide iu diesem Capitel 



f. 






Beidem 



Jeder 
^^Jeder 
i^Und ikre 

Gtplmdert 




allerlei anmötige Z«sätxe «imcr^fli^kt. Z« 
G.K. § 154, &. A. s*Trr reaae«4o. -sss Mm Sr^mm i«t ^^7.* 
Zusatz des AlMchreibers. lO >I>e«B« kaaa aekr als F 
später desto mehr wird die XAtmr ia di« Gehcktsrontell 
du Gericht imiBer mehr zmn ^Welt|;«ncht wirk, wiU veil 




merknmkeit der hibliachem SchiifUteUer seh abcrkaapt mfhx 4rr Xat«r i«w f 4-C I^:^ 
Berührung mit fremden T'olkein half dar« mit; d«r »rh mtfkx aad mehr irrttett^ 
machende UniTersaliamaa der prophetischea Beli^oa fsad hier eta ervAaarht«« F^d. 
während kein nationale« Leben mit Miaea dfia^eaderea Bedtffiüawa «ad aamjttolhafvfei^ 
Interessen in den Weg tmt. £a ist wohl Win Za£sll. 4mm gnA^ di« Schriftatoll^r. di«^ 
am wenigsten Ton den partikularUtisehea Bestrebaa^va aad theolofnsekca laterMsan 
der Jndenschaft okkupiert aind, Deaterojes. aad der Diehler de« Hioh, sich am bmuU« 
mit der Nator besehlLfti^n. Die Orioae de« HimoMls siad der Onoa aad die aaden^ 
Stemhilder, deren mehrere Job 9« 38sif. rgL II £e^ S3a gvaaaat werdea. lai AT 
kommen sie, da Am 5s ein Einsati ist, erst seit der aAheiea BekaaatAchall IcraeU mit 
den Cbald&em. Tor, anter denen die Astroaonue seit aralter Zeit blfihte. Fa wahrscheinlich 
ist, dass unser Dichter gesagt haben könnte : die Sterne und die Orioae, eiad denn letxten» 
keine Sterne? *a3^ ist also eingesetxt Die LXX hat eine Dublette, ihr arsprflBjf lieher 
Text lautete: u »uiJ. i aas Vs -3, wobei aas in *ax Terdarb. ***«« am Sehlas« ist eine «asrhö« 
klingende Wiederholung des vrr» am Schlnss de« rorheri^henden Laagrene«, daraa Znsats. 
11 f. wieder Ton Jahre gesprochen, hv wie Vvtf und dvtt steU ohne Artikel, gleichsam aon. 
propr., bei den Dichtem sehr beliebte Beseichnnag der (frnchtbaren) Erde, ry-, LXl 
wohl rir;, erwarten sollte man aber rrf^ (de iMg.)^ schon wegea de« ery. la r. 1 1 b ist 
wohl wieder das letzte Wort eine Textrennehrung, nach 2f. ii. 17 5i5. Ebenso da« lelJte 
Wort in t. 12, das der Dichter, wenn er diesen Bedeschmuek hier bitte braachea köaaen, 
näher an -"pv gerfickt hätte. Wo Ophir lag, wi««en wir noch immer nicht. IS bi« 16. 
die Tierte Strophe, dnrch das als Strophenanfang beliebte p-^ eingeleitet, das in solchea 
Fülen mehr rhetorischen als logischen Wert hat Im hebr. Text spricht die ersten drei 
Worte, aber nur diese, noch Jahre, besser liest man mit LXX »r|*:- Dmm xwWte Hemi- 
stich ist fiberlang; es fragt sich, ob nicht das sweite oder das letste Wert zageeetst ist. 
14 rrm ist wohl nicht Prädikat mit einem hinzosudeakendea tra ak Sabj^ «oadera da« 
bekannte prophetische Einleitnngssätzehen, hier adtig, am dea Cbergaag rea dea EMmmt4M 
lu Babel ond seinea Kauilenten zu finden, ^^ aas alJea T5ikera hefngestrdait iJmr 
5144), bei den ersten Znckungen des Weltgericht« snseiaaademti^^bea aad der Hetamt 
zustrebes. j, Uh » Jer 50i«. 15 hit beidea FMdikate «iad aa« mrtnschea Griadea 
mit eiBaflder za rertaaschea. Wer gefnnden wird, vm* allem ^ Babrk^ier «eib«t. 4k^ 
nicie >ia ikrmi Yolke fliehen« können, stirbt darch da« Sehwert der Zf Wr-^r h 
dieBäbjlimier äth wehren könnten, daroa ist gar keiae Eede. 1# gMt dem Mae« 
Bibel eiaea «ehr /eidenechaitlichm losdmck. Die B^hfloaMr hah^ xa ier-.ea^m 
80 gvwiiet, wie »mA der Beffhong des Dichters die Meder ia Bahei wtU9 m^.jm. Irm 
kJdBealiadertoUem Miermtihamitniwarteutr^ na Zm Hm I4i Iltci^ »« r« U7f 
'rerihm A^ea«. »•• ** "• ■■ ■<* ichea sweiMhail «»d ftr da« S*s.*t.'a m »irx 
ist fieUätÜ im ^ '^ *^ werwaadela. br «eil alz «bseia m 4tr «^uncwn ^^arJ^'-r- 



88 Jes 13i7^n. 

^'' Siehe, ich errege wider sie Medien 

Die Silber nicht achten und an Gold nicht Gefallen haben 
»8. . . . und Bogen 

. . . Jünglinge ... . . werden zerschmettert (?) 

Der Kinder schont nicht ihr Auge, und der Leibesfrucht erbarfnen sie 

[sich nicht. 
19 Und sein wird Babel, die Zier der Reiche, die stolze Pracht der Chaidäer, 

Wie da die Gottheit umkehrte Sodam und Gomorra. 

^^Bficht tüird sie wohnen in Eungkeit, noch hausen für und für. 

Und nicht zeltet dort der Araber, noch lassen Hirten lagern, 
^^ Lagern werden dort Wüstentiere 

Und voll sein werden ihre Häuser von Uhus 

Und wohnen werden dort Strausse und Satyre tanzen dort 

**Und singen werden Heuler in ihren Burgen und Schakale in den 

[Hatten der Lust. 

Und nahe ist zu kommen ihre Zeit und ihre Tage verziehen sich nicht. 



lesung durch asv ersetzt werden. 17 bis 19, die fünfte, stark verstümmelte Strophe. 
Jetzt erst nennt der Dichter mit Worten Jahves die schon zu Anfang ohne Namen er- 
wähnten Gegner Babels. Er thut es nicht, weil sie einmal genannt werden mfissten — 
sonst wäre das gleich Anfangs geschehen — sondern weil er mit ihrem Namen ihre 
Furchtbarkeit und Grausamkeit ausspricht. Übrigens ist, sowohl wegen des Metrums 
als wegen der Fortsetzung, ein Yolksname ausgefallen, etwa Elam vgl. c. 21 2; dass es 
mehrere Königreiche sind, sagt auch v. 4 (Jer 51 ii. 28). Die Meder waren den Israeliten 
seit der Zeit bekannt, wo sie mit den Chaldäem Assur vernichtet hatten. Cyrus selber 
war zwar ein Perser, galt aber den Westasiaten als Meder. Die Meder sind in den 
Augen (und nach der Hoffnung) unsers Yf.s Barbaren, sie werden Babel nicht etwa 
schonend behandeln, weil es dort manches Kostbare giebt, sich auch nicht mit Gold ab- 
kaufen lassen. Darum können sie oder ihre wilden Hülfsvölker doch die Häuser plündern 
V. 16. 18a ist ganz unsinnig und wahrscheinlich stark verstümmelt: Bogen (nicht etwa 
Bogenschützen, weil das verb. im fem. steht) zerschmettern Jünglinge! Mit Bogen 
schlägt man nicht. Der Satz mag etwa gelautet haben wie Jer 50 42 ; »Bogen und Speer 
halten sie, grausam sind sie«, und wird dann über die Tötung der Jünglinge und die 
Zerschmetterung der Mädchen gesprochen haben. In v. 18b sind die beiden Yershälften 
zu vertauschen schon des Metrums wegen; auch kommt so die Klimax besser heraus: 
Jünglinge, (Mädchen,) Kinder, Leibesfrucht. 19 Der zweite Langvers nach Am 4ii (vgl. 
Jer 5040 49 is Dtn 2922) mit dem alten Infin. mahpTca und dem merkwürdigen elohim, 
das auf den unisraelitischen Ursprung der alten Sage hinzudeuten scheint. Babel ist 
die Fracht des Stolzes (wenn nicht eines von den beiden Wörtern hinzugesetzt ist; LXX 
weicht stark ab) der Chaidäer. Die letzteren werden als Beherrscher Babels genannt; 
das war diese südbabylonische Völkerschaft erst seit Nabopolassar. Vor Jeremia sind 
die Chaidäer den Israeliten nicht als Eroberer bekannt; Hab Isff. giebt den gewaltigen 
Eindruck wieder, den ihr erstes Auftreten hervorbrachte. 20 bis 22, die sechste Strophe, 
schildert den Zustand Babels nach der Eroberung. 20 a wörtlich wiederholt Jer 5039b, 
20b ebendort v. 40b in schlechterer Form verwandt. Babel »wohnt nicht mehr« vgL 
Jer 1725. hrvi für Vn»*;, denom. von ^hr, das Zelt aufschlagen, -a*^]; (auch wohl ■'a'^?) von 
'arab, Steppe, der Steppenbewohner, bezeichnet seit Jeremia die Nordaraber, die als 
Karawanenführer den Handel zwischen Babel und den Ländern am Mittelmeer vermitteln. 
21 f. hat seine Parallelen an Zph 2i4f. Jer 5089a 5187 Jes 34ii— is und ist wohl die 
Grundstelle dieser Nachahmungen, höchstens die Stelle in Zph. könnte älter sein (s. 
Schwally ZATW 1890 S. 193. 229). Die beiden ersten Langverse in v. 21 scheinen das 
zweite Hemisticb verloren zu haben, in dem jedesmal ein impf, dem perf. des ersten 



Jes 14 1—3. 89 

14 *Denn es wird sich Jahve Jakobs erbarmen und noch ferner Israel vorziehen 
und sie niederlassen auf ihrem Boden, und es wird sieh anschliessen der Proselyt an sie, 
und sie werden sich versippen dem Hause Jakobs. *Und es werden sie nehmen Völker 
und sie bringen zu ihrem Orte, und es werden die vom Hanse Israel sie sich ererben 
zu Knechten und zu Mägden, und werden »Fänger ihrer Fänger« sein und herrschen 
über ihre Treiber. 'Und geschehen wird's an dem Tage, wo Jahve dir Buhe giebt von 



korrespondiert haben dürfte, o-^s. Sing, "j;» ungebräuchlich, von "s, Wüste, bezeichnet 
Ps 729 Menschen, hier Tiere der Wüste; welche Tiere gemeint sind, wissen wir nicht, 
ebenso wenig, ob die a*rrii, vielleicht »Heuler«, Uhus oder was sonst sind. Die »Haarigen« 
(ir^*;i7), wie auch die Ziegenböcke heissen Gen 37 si, sind satyrartige Dämonen s. zu 
G. 34h (Virg. eclog. 587: saltantes Satyri). Seit der exilischen Zeit erhalten sie Opfer 
auch von den Juden Lev 177, doch hat das Gesetz nur die jährliche Preisgebnng eines 
»haarigen« Ziegenbocks an einen, wohl den obersten Wüsten däraon Asasel unter die legi- 
timen Riten aufgenommen Lev 16 lo, natürlich mit einer Umdeutung, die dies Stück 
Heidentum einigermassen in Einklang mit der Jahvereligion bringen sollte. Dass seit 
dem 7. Jahrh. die Unholden so oft erwähnt werden, daran ist neben der Verwüstung des 
Landes und dem Untertauchen Israels unter die Heiden wohl auch die deuteronomische 
Beform indirekt mitschuld; denn wenn sie die Heiligtümer der Landschaft zerstörte und 
profanierte, so beseitigte sie damit nicht ohne weiteres die übersinnlichen Bewohner der 
alten Eultstätten, verwandelte aber leicht die bisher ihrer menschlichen Sippe zugethanen 
Wesen in unheimliche Dämonen, die das ganze Heer der Gespenster und Kobolde um 
sich versammelten. 22 d'^'^k und D*3n sind wohl nahe verwandt, Schakale, Goldhunde 
oder dergl. Das dritte Wort ist n-riran« zu schreiben, nämlich mit ■> statt h und dem 
weibl. Suff., das auch der folgende Stiches hat vgl. c. 34 18; auch wird !):|1 zu lesen sein: 
sie stimmen an im Wechselgesang. Diese Drohungen haben sich zur Zeit des Vf. nicht 
erfüllt; Cyrus war kein solcher Barbar, wie v. 17 f. gesagt und gehofft wird, hatte auch 
keinen Grund zu solcher Erbitterung, wie sie sich bei den meisten Judäern (nicht bei 
Hesekiel) findet 

c. 14 1 — 81 bringt den Gesang über die Höllenfahrt des Königs von Babel, mit 
einer Einleitung von später Hand 1 — 4a, die in bekannter unhistorischer Weise die 
Hoffnungen der letzten Jahrhunderte mit der Weissagung über Babels Untergang in Ver- 
bindung setzt. 1 »Denn« in der erbarmungslosen Vernichtung Babels (und der heid- 
nischen Herrschaft überhaupt) zeigt sich Jahves Erbarmung für Israel, ein für das spätere 
Judentum charakteristischer Gedanke. »Er wird ferner Israel wählen« nach Zeh 2i6; 
besonders häufig ist auch 3 "tna bei Tritojesaia. Auch der andere Satz von Israels Bück- 
kehr, wobei der Vf. offenbar an die Diaspora denkt, wird von Zeh 2i6 beeinflusst sein. 
Zu V. Ib vgl. nach Sinn und Ausdruck den Anfang der tritojes. Schrift c. 563—7; den 
äussern Anstoss hat wieder Zeh 215 hergegeben, während der Zusammenhang nicht dar- 
auf geführt hätte, schon an d**-; zu denken, wo die Israeliten erst auf Befreiung aus der 
Gefangenschaft hoffen, nee hängt mit r:^E3^: zusammen; die Proselyten können unter die 
Juden heiraten. 2 hat einen barbarischen Stil, aber der Inhalt ist noch schlimmer. 
Die Heiden müssen die Diaspora nach Hanse (Num 32i7) bringen (nach c. 66so 604 aus 
c. 49s8); zum Dank dafür werden die Israeliten sie sich erbeigen machen (das hithp., ein 
juristischer terminus, aus Lev 2546 vgl. Num 32 is), als Sklaven und Sklavinnen für 
immer. Diese abscheulich hochmütige Erwartung ist von Tritojes. c. 61.5 60 lo. u aus 
der Stelle c. 49ss entwickelt worden. »Fänger ihrer Fänger« ist Zitat ans Jdc 5i2. Das 
Verb, n-:*) ist bei den Späteren häufig. Die Treiber sind nicht die Babylonier, die aus- 
gerottet werden, sondern die Heiden überhaupt, unter deren Oberhoheit die Diaspora lebt. 
3 Mühsal (Gen 3i6ff.) und Unruhe (nach Job 14 1 vgl. 326) ist eigentlich überhaupt das 
Loos der Menschheit, aber die Juden werden einst ein Herrenleben führen und die Arbeit 
und Sorge den NichtJuden auferlegen. Die rrrp may stammt aus Ex ll4, y^2 '>\f 



90 Jes 143—8. 

deiner Mühsal und Unruhe und der harten Arbeit, womit du abgearbeitet wurdest, ^da 
wirst du erheben dies Spruchlied über den König von Babel und sagen : 

*** O wie ist stUl geworden der Treiber, stül das Stürmen! 

^Zerbrochen hat Jahve den Stecken der Frevler, den Stab der Tyrannen, 

^Der Völker schlug im Grimme, schlagend ohn' Unterlass, 

Der knechtete im Zorn Nationen, knechtend ohn' Ende, 

''Es ruht, es rastet die ganze Erde, sie brechen aus in Jubel, 

^Auch die Ct/p'essen freuen sich um dich, die Zedern Libanons: 

Seit du dich gelegt, steigt nicht mehr der FäUer zu uns auf. 



heisst: mit dem Bind wird gearbeitet Dtn 21 8, i\^ "^s ")vk, wo '^w acc. zu sein scheint, 
also: die harte Arbeit, in der mit dir gearbeitet worden ist. Israel ist noch in einer 
ägyptischen Knechtschaft. 4 a Die Dichtung heisst hv*s^ wobei der etymologische Sinn 
des Wortes ignoriert wird; auch Num 2127 nennt die einleitende Formel die öffentlichen, 
berufsmässigen Sänger von Yolksliedem o-^^vq, und Mch 24 steht Vv« neben Ttz, was ein 
passenderer Ausdruck für das nun folgende Gedicht gewesen wäre. 

4b— 21 das Lied auf die Höllenfahrt des Königs von Babel in fünf 
Strophen zu je sieben Langyersen. Es schildert zwar im Perfekt das Schicksal des 
babylonischen Königs, da aber dieses ganz anders ausfiel, als es hier geschildert wird, 
da der König Naboned von Cyrus nur gefangen genommen und nachher zum persischen 
Statthalter seines ehemaligen Beiches gemacht wurde, so haben wir trotz aller Perfekte 
eine Weissagung. Das nehmen selbst die an, die es vermögen, den König als »Zu- 
sammenfassung des Volks und der Macht der Babylonier« zu behandeln. Die Dichtung 
hat eine gewisse Bedeutung für die Entwicklung der Vorstellungen vom Dasein nach 
dem Tode. Diese psychologische Seite der Eschatologie ist sonst von der altisrael. Be- 
ligion und Prophetie völlig vernachlässigt. Wenn wir die Ausführung in Job 3, dass 
der Verstorbene so gut wie gar nicht existierend sei, als durch den Plan der Dichtung 
bedingte Übertreibung bei Seite lassen, so bleibt bis in die letzte Zeit Israel der ältesten 
gemeinmenschlichen Anschauung treu, dass die Seele, auch nach dem Tode noch an den 
Körper und das Grab gebunden, in einer Art Traumleben dahindämmert, aus dem sie 
durch Geisterzwang I Sam 28 oder durch furchtbare Geschicke der Nachkommen Jer 31 15 
aufgestört werden kann; und jene Trennung von Körper und Seele, die die Seelen zu 
einem etwas lebendigeren Dasein entführt, ist noch nicht da. Wahrscheinlich wären die 
Semiten von sich aus nicht auf die Vorstellung eines besonderen Totenlandes gekommen ; 
diese realistischsten Menschen, die es in der Welt gegeben hat, erkennen nur das an, 
was sie mit Augen sehen, und haben darum ursprünglich weder einen bewohnten Himmel 
noch eine Unterwelt. Beides haben mehrere semitische Kulturvölker anderswoher, be- 
sonders wohl von den Protobabyloniern, endlich angenommen; aber die Israeliten, die 
doch gewiss z. B. die ägyptischen Vorstellungen eher kennen lernten, als die Griechen, 
verhielten sich sehr spröde dagegen. Erst im Exil beginnt es sich leise zu ändern. 
Hesekiel bemüht sich, die babylonische Scheolvorstellung sich anzueignen, bringt es frei- 
lich bei seiner vollkommenen Phantasielos! gkeit nur zu einem kümmerlichen Kompromiss 
zwischen der ererbten sinnlichen Vorstellung und dem Neuerlemten : seine Unterwelt ist 
blos eine Sammlung von Friedhöfen c. d2i7ff.; und vergebens quält er sich, so etwas wie 
Vergeltung in das Loos der Hinabfahrenden hineinzubringen. Unser Dichter kommt um 
einen kleinen Schritt weiter, ohne das Alte vollständig abstreifen und ein lebendiges und 
widerspruchsloses Bild vom Jenseits entwerfen zu können. Dass bei dieser Bewegung 
die eigentliche Beligion gar nicht interessiert ist, liegt auf der Hand, wenigstens für 
den, dem die Beligion als Verkehr mit Gott gilt. Auch sonst war es für die Menschheit 
kein Gewinn, dass der physische Himmel und die Hölle sich in ihren Vorstellungen fest- 
setzte; nur die Kunst konnte damit zufrieden sein. 4 b "t'k s. zu c. I21. Der Sklaven- 
vogt hat unfreiwillig Sabbath gemacht. Ein sehr glücklicher Eingang. Statt des sinn« 



Jes 149— n. 91 

^Sched von unten stünnt dir entgegen deiner Ätikunft, 

Start auf um dich die Scheuten, cUle Häuptlinge der Erde, 

Treibt auf von ihren Thronen alle Völkerkönige; 

^^Sie aUe stimmen an und sagen zu dir: 

„Auch du bist erlegen wie wir, uns gleichgeworden I 

^^ Gestürzt in Scheol ist deine Majestät, das Rauschen deiner Harfen, 

Unter dir ist gebettet Fäulnis und deine Decke Oeumrm." 



losen Tt:ir.'vs ist mit den meisten alten Obersetzem nan-to zu lesen. 5 "^ao klingt an nav 
V. 4 an. Die n^yc^ auch c 13 u, für die Herrscher die Edlen c. 13s. 6 Die Partizipien 
beziehen sich auf den Stab v. 5. n-« bedeutet c. l5 (Sie) Abfall, hier Aufhören. In 
V. 6b muss statt q-^-n, das überhaupt nicht passt (Verfolgung?), ein Wort beabsichtigt 
sein, das dieselbe Wurzel hat wie das verb. n-r*, zu dem es den acc. bildet, also r-r^«. 
^n ist als perf. punktiert: das er nicht einhielt. 7 Alle Menschen brechen in Jubel 
aus (beliebte Wendung bei Deuterojes. c. 44x3 u. s. w.) über die wieder erlangte Freiheit 
und Buhe. 8 Auch die Bäume auf dem Libanon, auf dessen Ostabhang Inschriften 
Nebukadnezars gefunden sind, freuen sich; sie werden nicht mehr zu KriegsmaschiDen, 
Schiffen u. s. w. yerwendet. Selbst die Natur litt unter dem Wüten der Eroberer. 9 
bis 11, die zweite Strophe, führt uns in die Unterwelt. Sie selbst erscheint als belebtes 
Wesen; der Verf. denkt darum nicht an die babylon. Vorstellung von der Göttin der 
Unterwelt, bei den israelit. Schriftstellern ist Personifikation eines Landes sehr gewöhn- 
lich. Jetzt, wo die Oberwelt zur Buhe kommt, gerät die Unterwelt, sonst so totenstill, 
in Unruhe; wo der Babylonier erscheint, giebt es Aufregung. Die Verben -ii*«:? und vyn 
sind mit Unrecht als perf. masc. punktiert und müssen als inf. abs. betrachtet werden 
(also D-p.n mit inkorrekter mat. lect.), vgl. Bick. Die ü^hi^ weiden gewöhnlich als 
»Schlaffe« gedeutet, das wäre eine wunderliche Bezeichnung, die sich mit den xafiovris 
der griechischen Epiker keineswegs deckt. Vielmehr haben die Erstlinge des Toten- 
reiches, die vorzeitlichen Biesen, die, von Gott besiegt, noch jetzt in der Unterwelt vor 
ihm bangen Job 26, den Namen für die Bewohner der Unterwelt hergegeben. Am 
meisten werden von des Königs Ankunft aufgeregt die »Böcke« (Jer 508), die Führer der 
Menschenherden, die Völkerkönige. Sie sitzen auf Thronen, vielleicht umgeben von 
den gestorbenen Volksgenossen. Hierin geht unser Dichter über Uesekiel hinaus, noch 
mehr darin, dass die Schatten aufspringen und zu reden beginnen. In die stummen, 
dunkeln Weiten des Hades, in die schweigenden gekrönten Schemen kommt plötzlich 
Leben. Nicht an die Oberwelt werden sie emporgeschreckt, wie sonst wohl, denn das 
Ungeheure kommt zu ihnen. 10 a hat im ersten Hemistich eine Hebung zu wenig. Die 
drei folgenden Langverse 10 b. 11 enthalten den Chorus, den die Völkerkönige an- 
stimmen. Sie staunen darüber, dass auch er, der Göttergleiche, siech werden konnte. 
Sie haben also ein Wissen von ihm bewahrt oder ab und an durch neue Ankömmlinge, 
durch die, die er in die Unterwelt stürzte, Nachricht von ihm empfangen. Mit ihm ist 
seine Königspracht in Scheol hinabgestürzt (Hes 31 is), auch das Bauschen seiner Harfen. 
Auch c. 21 6 schildert, dass die Chaldäer mitten im üppigen Mahl vom Feinde aufgestört 
werden, und Dan 5 geht dem Untergang Belsazars ein schwelgerisches Gelage vorher. 
V. IIb ist nicht ganz klar. Soll der Schatten des Königs von Babel, der den andern 
gleich geworden ist, nicht ebenso auf einem Throne sitzen wie sie ? v. 14 heisst es aller- 
dings, dass er zur >äussersten Grube« herabstürzt, und auch v. 17 ff. scheint sein Loos 
im Jenseits etwas anders gedacht zu sein, als das der übrigen. Will man also nicht 
annehmen, dass der Dichter hier einen Stilfehler oder, noch schlimmer, einen poetischen 
Fehler gemacht habe und unwillkürlich in die alte Grabesvorstellung zurückgefallen sei, 
so hat er sagen wollen, dass der Chaldäer zur Strafe für seine Frevel und infolge des 
Urostandes, dass er keine königliche Bestattung erhalten hat, in der Unterwelt wie eine 
gemeine Leiche an der Erde liegen muss, Und der ßoden der Unterwelt ist Fäulnis und 



92 Jes 14 12— 16. . 

i^O tüie bist du gefallen vom Himmd, Lucifer, Auroras Sohn! 

[0 wie] bist du gefällt zur Erde, der alle Völker niederstreckte! 

A' Und du sprachst in deinem Herzen: Oen Bimmel will ich steigen, 

Oberhalb der Oottessteme erheben meinen Thron, 

Und sitzen auf dem Götterberge im äussersten Norden, 

^^ Steigen über die Wolkenhügel, mich gleichstellen dem Höchsten: — 

^^Nur zu Scheol wirst du hercAgestürzt, zur äussersten Grube! 



Wurmfrass! Davor sind die anderen Könige durch die Art ihrer Bestattung (gemauertes 
Grab, Sitzen auf einem Thron wie Karl d. Gr., Einbalsamierung u. dgl.) bewahrt. T^* 
als perf. pual stände inkorrekt im masc, vielleicht hat der Dichter ys^ gemeint, denn 
auch 7*C3io ist Subst., nicht Yerbalform vgl. c. 23x8. 12 bis 15, die dritte Strophe, 
wieder vom Dichter gesprochen. Der König von Babel war ein Lichtstern (1. ^Vri mit 
den meisten alten Übersetzern), Sohn der Morgenröte, also ein Morgenstern vgl. Apk 22 16 
Num 24 17. Die Sterne sind aber belebte Wesen Job 387, in der späteren Zeit Engel: so 
eine Art Halbgott war auch der König und wollte noch mehr werden. Aber er' ist vom 
Himmel geüallen. Der Ausdruck bedeutet nicht an sich (vgl. z. B. Apk 9i), sondern nur 
in unserm Zusammenhang den Sturz. Da nach Lk 10 18 der Satan vom Himmel föllt wie 
ein Blitz (vgl. Apk 127ff.), so konnten Tertullian und Gregor d. Gr. aus unserer Stelle 
den Namen Lucifer für den Teufel schöpfen, um so mehr, als Babel im eigentlichen oder 
allegorischen Sinne der Sitz der personifizierten Gottlosigkeit ist Zeh 56ff. Apk I82. 
In V. 12 b mag im ersten Hemistich, wo eine Hebung fehlt, ein "[""k ausgefallen sein. Das 
Niederhauen passt auch zum Stern, wenn dieser als mächtiger Kämpe gedacht wird; 
vielleicht spielt eine Sternfabel vom Morgenstern mit ein, der mit der Sonne den Himmel 
ersteigen wollte, aber zurückgewiesen wurde, Fabeln dieser Art (nicht Mythen) haben 
auch die Beduinen vgl. Job 383if. v^n wird Exl7is mit dem acc. konstruiert; lies daher 
Vs fiir hs (vgl. LXX). 13 Der König aber wähnte sich im Aufsteigen begriffen, als er 
gestürzt wurde. Der Dichter schreibt ihm ähnlich wie Habakuk einen dämonischen 
Hochmut zu; nach Daniel lästert Belsazar vor seinem Fall den wahren Gott. Der Aus- 
druck: in den Himmel steigen, an die Wolken reichen, kommt Job 206 als sprüchwört- 
liche Hyperbel vor, ist hier aber obwohl bildlich doch nicht als Hyperbel zu verstehen. 
Der Chaldäer will sein eigener Gott sein Hab lii. I6. Hesekiel hatte ähnliche Vorwürfe, 
schwerlich mit demselben Becht, gegen den TyrierkÖnig erhoben, der Nebukadnezar 
mutig widerstand (Hes 282ff.). Zu den Gottessternen vgl. die Gottesberge, = Zedern Ps 
367 80 iJ, doch wäre auch möglich, dass el hier nom. propr. für den allerhöchsten Gott 
sein soll vgl. v. 14. v. 13 c spricht von dem mythischen Versammlungsberg der Götter 
im Winkel des Nordens. Diese Vorstellung ist ein uralter Glaube jener Bässen, die 
südlich von den Ungeheuern Gebirgen Mittelasiens hausten, den Israeliten, deren Gottes- 
berg früher im Süden lag, wird sie erst seit dem Exil bekannt. Hier noch als fremder 
Mythus behandelt, wird sie schon von Hesekiel mit dem Eden der Genesis kombiniert 
(c. 28i3f.) und kommt in dieser Kombination auch später in den Pseudepigraphen vor. 
Dagegen wendet der Dichter von Ps 483 sie sonderbar genug auf den Zion an. 14 Die 
Wolken gehören dem Himmel an, hinter ihnen ist die Gottheit verborgen Job 22i8f. 
-r:ra, im Ktib häu^g Ti^a geschrieben, ist im Qre wahrscheinlich wegen der Endung ^-:r 
nicht von n^aa, sondern von noa mit radic. n abgeleitet. •ji'^Vy ist von den Punktatoren 
als Eigenname behandelt. 15 Der in die äusserste Höhe wollte, wird in die äusserste 
Tiefe gestürzt, ^k, nur, geht zur Not (»nur das hast du erreicht«), es könnte indessen 
auch für i"*» verschrieben sein. 16 bis 19a, die vierte Strophe. Der Dichter führt uns 
wieder auf die Oberwelt, zur Leiche des Königs, auch diese mit Du anredend: die volle 
Trennung von Leib und Seele will ihm doch nicht recht gelingen. Uns geht's freilich 
oft nicht besser. »Die dich sehen«, sind die Menschen auf der Oberwelt, deren Bede in 
den folgenden drei Stichen angeführt wird. Sie betrachten die Leiche mit Staunen : das 



Jes 14 16— Id. d3 

i< Die düJi sehen, auf dich schauen sie, auf dich merken sie: 

„Ist das der Mann, der die WeU aufstörte, Reiche verstörte, 

^"^Der den Erdkreis machte aleich der Wüste und seine Städte niederriss. 

Der seine Gefangenen nicht frei gab nach Haus, ^^ lauter Völkerkönige?" 

Sie alle werden ruhen in Ehren, jeder in seinem Haus, 

^^Du aber bist hingeworfen unter Erwürate, SdiwertdurMohrte, 

Hinabfahrend zu den Steinen der Orube^ wie ein zertretenes Aas. 



ist ans dem Weltstürmer geworden? 17 Da ^an immer fem. ist, so muss n*«*^» gelesen 
werden (Bick.). Dagegen bezieht sich das Suffix von I'^-i^ck natürlich auf den König. 
nnty er öffnete die Gefangenen? In Jer 404 Ps 102 ai 105so steht dafür das piel; das 
ist hier um so mehr zu schreiben, als das qal nirgends mit dem acc. pers. konstruiert 
wird; nx>i^ heisst: jemand zu einem machen, dem geöffnet ist. Ausserdem steht es präg- 
nant: frei geben und entlassen. Die Yersabteilung ist hier verunglückt; »alle Yölker- 
könige« v. 18 gehört noch zu v. 17, da es sich mit dem folgenden D^a nicht verträgt, da 
ferner der Stichos v. 17 b ebenso viel zu kurz ist, als der von v. 18 zu lang, vgl. ausser- 
dem den Schluss von v. 9 und Anfang von v. 10. Die Gefangenen des Chaldäers sind 
lauter Könige, ein Satz, der einem Dichter wohl ansteht und ja nicht wörtlich genommen 
sein will. Übrigens waren auch die Könige in einem andern Sinn Gefangene, als die 
Yolksmassen, nämlich wirklich eingekerkert. Warum die Yersteilung verfehlt wurde, 
lehrt v^. 18: sie alle sind ehrlich begraben, jeder »in seinem Hause«. Genau genommen, 
können die Yölkerkönige ja nicht in ihrem Hause begraben sein, wenn sie vom Chaldäer 
nicht nach Haus entlassen wurden. Der Dichter meint ohne Zweifel, dass die Könige 
durch den Sturz des Chaldäers befreit werden, um ihr Eeich wieder zu gewinnen und 
in Frieden zu sterben, und macht sich eines hysteron proteron schuldig, wenn er sie als 
schon Gestorbene dem eben sterbenden Babylonier gegenüberstellt; doch liest man wohl 
besser nad«:. Jedenfalls ist durch Stil und Ehythmus die richtige Stichenteilung zu 
deutlich angegeben, als dass man sie durch Umstellungen verletzen dürfte. Der Aus- 
druck in*aa darf ganz wörtlich verstanden werden, wenn man das Haus eben im antiken 
Sinn fasst. Die judäischen Könige wurden Mauer an Mauer mit dem Tempel begraben, 
der ja eigentlich die Burgkapelle war; die Priesterschaft murrte in der letzten Zeit 
darüber, als der Tempel durch die Beform zu so hoher Stellung kam (Hes 437ff.). 10 ist 
voll von Schwierigkeiten. Gesagt muss sein, dass der Chaldäer das Gegenteil eines ehr- 
lichen Begräbnisses erhält. »Du wirst hingeworfen« heisst es passend im hebr. und 
griech. Text (c. 343). LXX fährt fort: »auf den Bergen«, auf welchen Bergen? Man 
sollte fast denken, dass o'^^na aus o'^j'ina entstanden wäre. Der hebr. Text: ^'up^, aus 
deinem Grabe. Aber es ist unwahrscheinlich, dass der König erst in Frieden stirbt und 
begraben und darauf aus dem Grabe gerissen wird, denn die Schwertdurchbohrten sind 
doch gewiss Babylonier, mit denen der König fallt, auch v. 20 scheint dazu nicht zu 
passen, und das ganze Gedicht setzt voraus, dass der Tod des Königs und der Fall der 
babylonischen Herrschaft zu gleicher Zeit erfolgen. »Ohne dein Grab«, »fern von deinem 
Grabe« sind Übersetzungen, die an sich möglich, aber mit dem Yerbum »werfen« nicht 
gut vereinbar sind: du bist ohne dein Grab (statt ohne Grab) hingeworfen, du bist von 
deinem Grab weggeworfen (wie ein Ball durch die Luft?), ist beides höchst unwahr- 
scheinlich. Lassen wir dies erst bei Seite, so ist mit ^»a an der jetzigen Stelle nichts 
anzufangen. Eine Bute ist nicht verabscheuenswert, wird auch nicht durch Yersagung 
des Grabes bestraft; ein Familienspross käme in diesem Zusammenhang höchst uner- 
wartet, da doch eine Familie ihre ungeratenen Glieder nicht unbegraben hinzuwerfen 
pflegt; das vtxQog der LXX ist nichts und führt zu nichts. YöUig unbrauchbar ist 
endlich oia^ am jetzigen Ort; wie kann jemand bekleidet mit Erwürgten hingeworfen 
werden! und was wäre oia^ in dieser Yerbindung für ein wunderbarer Tropus I Es 
scheint, dass sämtliche Übelstände ihren letzten Grund darin haben, dass dieser Knäuel 



94 Jes I4i»— 21. 

von deinem Grabe, toie ein verahscheuter Spross, 

bekleidet [mit Schande] ; 

^^ [Deine Väter] nickt vereinst du dich mit ihnen im Begräbnis, 

Weil du dein Land verderbt hast, dein Volk erunlrgt. 

Nicht werde genannt in Ewigkeit der Same des ÜbeUhäters, 

^^ Bereitet seinen Söhnen die ächlachtbank ob der Schuld ihres Vaters, 

Dass sie nickt aufstehen und die Weit einnehmen und den Erdkreis *) 

*) Var.: die St&dte. [erfüllen! 



von Unmöglichkeiten, die Gruppe T'^P^ ^is «na^, die nach dem Strophenhau zwei volle 
Langverse enthalten mass, erst von einem altern Abschreiber vergessen, dann am Bande 
aufgezeichnet, dort verstümmelt und an der falschen Stelle in den Text gekommen ist. 
Schliessen wir an n^^on direkt das Q^d!tnn(a) an, so ist zunächst die vierte Strophe in 
Ordnung. Jene Könige ruhen in ehrenvollem Grabe, der Chaldäer ist hingeworfen unter 
Erwürgte (zu dem von uns vorgesetzten n vgl. die schon erwähnte Lesart der LXX), 
Schwertdurchbohrte {i^ra nur hier), ein guter und klarer Gegensatz. Der letzte Stiches 
enthält dazu eine Klimax: hinabfahrend zu den Steinen der Grube. Wegen der Yer- 
gleichnng: wie ein zertretenes Aas, muss man *7*"r sprechen, ohnehin ist zu erwarten, 
dass das part. sich auf den König bezieht und der Dichter sich bei den gleichgültigen 
»Erwürgten« nicht so lange aufhält. Die Grube ist auf die Bestattung, nicht aufScheol 
zu deuten. Die Steine der Grube können weder solche sein, mit denen das Grab ge- 
schlossen wird, noch solche, aus denen es aufgemauert wird, denn erstens kommt weder 
der König noch gar die Masse der Erschlagenen in ein gemauertes Grab, zweitens wäre 
letzteres durch einen edleren Ausdruck zu bezeichnen als durch '^'is, endlich müsste es 
D-<33ii ^13 heissen statt ^na «aa». Der Dichter meint die schimpfliche Beseitigung der 
Leichen durch die Feinde, man schleppt sie in Gruben und wirft Steine darauf vgl. 
nSam 18 17. Der Einwand, dass Vk **-riv diese Deutung verbiete, ist sonderbar, da dürfen 
wir wohl auch nicht mehr sagen: sich in den Kugelregen stürzen? Dahin, wo den in 
schnell gegrabene Löcher gestürzten Leichen die Steine der wilden Meder nachfliegen, 
schleppt man auch den toten Chaldäerkönig, um ihn unter Steinen zu begraben. Der 
Dichter scheint nicht im babylonischen Marschland zu wohnen, wo es keine o'^aast giebt 
(s. Gen 11 8). Die Chaldäer bleiben nicht ganz unbegraben, denn man würde ihre um- 
gehenden Geister fürchten, man bannt diese, indem man die Leichen mit Steinen bedeckt. 
So bedeckt man fremde Leichen, die man nicht anzurühren wagt, und Verbrecher, die 
auch schon lebend unter Steinen begraben werden (Steinigung); jeder, der künftig vor- 
übergeht, wirft einen Stein nach, um den Toten unschädlich zu machen. Die Steine 
durch »Fundamente« ("S'ik) zu ersetzen, ist unüberlegt; auf den Fundamenten ruhen nur 
die Mauern und Pfeiler, der Mensch kommt mit ihnen auch dann nicht in Berührung, 
wenn er am Boden liegt. 20 bis 21, die letzte Strophe, behandelt das Verhältnis des 
Königs zu seiner Familie und seinem Volk. Hier müssen und können wir den in v. 19 
ausgeschiedenen Wortkomplex unterbringen. Der erste Stiches könnte etwa gelautet 
haben: ayna "»^aa T^ap» p'jis: T^> wehe wie bist du getrennt von deinem Grabe u. s. w. 
Sein Grab ist das Erbbegräbnis der Könige von Babel, wo sein Platz schon zu seinen 
Lebzeiten für ihn hergerichtet ist Aber er wird nicht »versammelt zu seinen Vätern«, 
sondern ist in der Feme verscharrt »wie ein verabscheuter Spross«, wie ein verbanntes, 
ansgestossenes Familienglied, wie ein verlorner Sohn. Geht der Vf. von diesem Bilde 
aus, 80 ist seine Ausdrucksweise verständlich und natürlich, «jia^ ist Rest des zweiten 
Stiches, wahrscheinlich des zweiten Hemistichs, man kann ein nva hinzusetzen und sich 
das erste Hemistich als Gegensatz von v. 18 denken: niasia raav y^}^. Wie diese beiden 
Langverse am Anfang verstümmelt sind, so auch der dritte, 20 a, wo das Substantiv 
ausgefallen ist, auf das sich das Suff, von nn» bezieht. Da der König nur mit seinen 
Vorfahren im Grabe vereint zu werden wünschen könnte, da die Versagung des Grabes 



Jes l4tt~sS. d6 

SS Jjfid ich erhebe mich gegen eie, spricht Jahve der Heere, 

Und rotte aus van Bahd Rvhm und Rest, Schoss und S^oss, spricht 

[Jahve, 
>3 Und mache es zum Erbteil des Iqds und zu Wassersümpfen, 

Und kehre es aus mit dem Kehrbesen der Vernichtung, spricht Jahve 

[der Heere. 

r 

>^ Geschworen hat Jahve der Heere also: 

Fürwahr wie ich's gedacht, so geschieht's, 
Und wie ich's geplant, ws ersteht: 
^^Zu zerbrechen Assur in meinem Lande, 

Und auf meinen Beiigen tret' ich ihn nieder. 

Und weichen wird von ihnen sein Joch, 

Und seine Last von seiner (?) Schulter weichen (?). 



damit motiviert wird, dass er sein eigenes Volk gemordet habe, so müssen vorher die 
Väter genannt sein, also "j-misk. Naboned muss nicht blos ein Schwelger, sondern auch 
ein Tyrann gewesen sein, und zwar nicht nur gegen Israel, wie Deuterojes. bezeugt, son- 
dern auch gegen sein eigenes Volk. 20 b. 21 Mit ihm müssen seine Kinder untergehen. 
Das letzte Wort in v. 20 ist mit LXX in zy?. za verbessern, ebenso srnK v. 21 in on^aK, 
weil die Sprache dadurch energischer und die Dichtung einheitlicher wird. Man soll 
die böse Brut abschlachten, damit sie nicht die Erde einnehmen. Der Sohn des letzten 
Königs, Belsazar, war bedeutend genug, um ihn auf diese indirekte Weise (indirekt und 
allgemein, damit das volle Licht der Person des Königs verbleibt) zu erw&hnen. Der 
letzte Halbvers lautet jetzt: (damit sie nicht) erfüllen die Fl&che des Erdkreises mit 
Städten. Das wäre ja ein Verdienst, das Gegenteil von dem, was der Vater that v. 17, 
sollte also belohnt, statt bestraft werden, haben doch auch die Griechen deshalb Asien 
so leicht behaupten können, weil sie Städte bauten für die friedlichen Leute. Aber das 
letzte Wort ist auch metrisch überzählig, darf also nicht in v>:t'^y oder j'xf oder o'^r^ 
oder D"»» verwandelt oder als Aramaismus für o^:^ (ISam 28 le) angesehen werden, son- 
dern ist Variante zu. Van ^as. — 22. 28 Ob diese Verse von dritter Hand zugesetzt sind 
oder zu c. 13 gehören, was mir weniger wahrscheinlich ist, das lässt sich nicht ent- 
scheiden, sicher ist nur, dass man sie nicht zu dem völlig in sich abgeschlossenen Ge- 
dicht c. 144 - si hinzurechnen darf. Das Versmass ist wenig korrekt, das dreimalige ona 
um so auffälliger, als sonst in c. 13 Jahves Rede stets ohne jede Formel eingeführt wird. 
— Sogar Babels Name soll ausgerottet werden, t^ai p ist sprüchwörtlich wie unser 
Kind und Kegel vgl. Gen 21 ss Job 18 19. Der ntp auch c. 34 ii (Zph 2u) mit vV, meist 
für den Igel gehalten (andere: Bohrdommel). 

Zweites Stück c. 14m— S7. Über die Einsetzung des Stückes s. die Einleitung 
§ 13. Stade behauptet, es sei von einem nachexilischen Schriftsteller aus jesaian. Phrasen 
zusammengeleimt, ohne za sagen, woher die Phrasen stammen und warum sie zusammen- 
geleimt sind; Hackmann und Marti legen allerlei aus der dogmatischen Eschatologie in 
das Stück ein (sogar lehrhaft soll es sein !) und beweisen dann daraus seine Unechtheit. 
Um der »ganzenc Erde willen ein Stück für nach exilisch zu erklären, das ist wenig über- 
legt. Assurs völlige Niederwerfung war für Jesaias Standpunkt und Gesichtskreis, und 
wohl nicht blos für den seinigen, eine Entscheidung für alle Völker, in noch höherem 
Masse, als die »Völkerschlacht« bei Leipzig. Dass unser Stück mit der Redaktorenarbeit 
c. lOs — M nichts zu schaffen hat, versteht sich von selbst; mit c. 17 u — 186 möchte ich 
es nicht verbinden, weil das letztere in sich geschlossen ist, aber allerdings ist es dazu 
nach Form und Inhalt ein Seitenstück und jedenfalls in die Periode Sanherib zu setzen. 
24 Die Einlei tnngsformel fügt sich nicht in das aus Distichen bestehende Metrum und 
fehlt in LXX (die dafür den Schluss von v. 23 heranzieht); sie ist vermutlich aus der 



96 .Tes 14w-«7. 

2« Das ist der Plan^ der geplant über die ganze Erde, 

Und das ist die Hand, die gestreckt über alle Völker; 
27Denn lahve hat's geplant, und wer bricht's? 

Und seine Hand ist die ausgestreckte, und wer wendet sie? 



Schwurformel v. 24b abgeleitet, um doch dem Fragment etwas Selbständigkeit zu geben. 
Zu rna-T vgl. c. 107. Jahve hat einen Plan erdacht (nachgeahmt c. 19 is. i7 238.9), der 
sicher in Erfüllung geht (rrn und cip auch c. 77). 25 Er will Assur nach Palästina 
rufen als seine Zuchtrute c. 105, diese dann aber zerbrechen; in Jahves Lande soll es 
geschehen, damit sichtbar wird, dass Jahve es gethan hat ; in einem anderen Lande ge- 
schehend, würde es dessen Gottheit zugeschrieben werden. So denkt die alte Zeit (vgl. 
IIBeg 3s7), während es für den Universalismus der nachexilischen Zeit gleichgültig ge- 
wesen wäre, wo es geschieht. Was für Jos. zeitgeschichtlich motiviert ist, wird übrigens 
später zum eschatologischen Dogma vom Weltgericht bei Jerusalem, das auch der Islam 
angenommen hat. Der inf. im folgenden Stiches durch das verb. fin. abgelöst. In "^r: 
kann das Nomen auch als sing, gesprochen werden (Bergland). In v. 25 b wäre entweder 
i^Vra oder dq^v zu erwarten, und das zweimalige ^nc ist auch nicht schön. Das Distichon 
findet sich auch c. 10 27 (s. dazu) und ist aus c. 93 hervorgegangen. Dazu aber passt es 
gar nicht gut in unsem Zusammenhang, denn v. 26 zeigt, dass Jes. gar nicht speziell 
an Judas Befreiung denkt, sondern an Jahves Weltplan überhaupt. Daher ist das 
Distichon als Zitat eines Lesers, vielleicht aus c. 10 27, anzusehen. 26 r>«r bezieht sich 
offenbar über v. 25 b hinweg auf v. 24 b. 25 a. patn Va ist weder Palästina oder Juda 
noch das assyrische Beich, sondern eben die ganze Erde, wie v. 26 b deutlich genug zeigt. 
Es ist das ein hyperbolischer Ausdruck, wenn man Mos an die schlagende Hand denkt, 
obwohl allerdings nicht viel Völker ungeschlagen bleiben, nachdem zuerst Assur die 
ganze Welt bis nach Kusch hin (c. 20) geschlagen hat und dann mit allen seinen Völkern 
von Jahve geschlagen ist. Aber selbst die Völker, die nicht direkt passiv oder aktiv an 
dem grossen Weltdrama beteiligt sind, sind doch an dessen Ausgange sehr stark inter- 
essiert: wird Assur nicht vernichtet, so bleibt kein Volk ungeknechtet. Dieser Vers 
spricht mit begreiflicher Erregung des Sprechers den universalen Charakter der bevor- 
stehenden Katastrophe aus, und damit einen Gedanken, den vorher kein Prophet gedacht 
hatte. Assurs Streben nach der Weltherrschaft ist nicht die Ursache, aber die Veran- 
lassung gewesen, dass die prophetische Beligion die Welt zu umfassen wagt. Sie denkt 
ja noch nicht daran, Weltreligion sein zu wollen, aber ihren Gott erkennt sie als den 
Gott der Welt. Man braucht weder einem unhistorischen Supranaturalismus, noch dem 
Kultus des Genies zu huldigen, wenn man sich freut, den Mann zu kennen, der einen 
solchen Gedanken, wenn auch ohne Bewusstsein seiner unemiesslichen Folgen, zum ersten 
Mal empfangen hat. Dass es kritischer und historischer sei, weltumwandelnde Gedanken 
aus einer halb unbewusst erfolgten Ansammlung von Ansichten und Beflexionen zu er- 
klären, das Grosse nicht durch grosse Männer gethan, sondern durch die namenlose 
Masse oder durch die Gährung der Stoffe selber ausgebrütet zu denken, das bezweifle 
ich; das ist naturgeschichtlich, nicht geschichtlich gedacht und ebenso wenig religiös, 
denn die lebendige Beligion, zumal die biblische, stellt überall die Person und die That 
in den Vordergrund. 27 zeugt von dem Enthusiasmus, mit dem jener grosse Gedanke 
den Jes. erfüllt. Er leugnet, dass jemand Jahves Plan umstossen könne — dass jemand 
das Vorhandensein eines solchen Gottesplans anzweifeln könnte, daran denkt er in diesem 
Augenblick gar nicht. In v. 26 und 27 haben *, und ^ wider die gewöhnliche Begel 
überall ein dag. f. 

Drittes Stück c. 1488~S2, Orakel über Philistäa, ein Gedicht in vier Vierzeilern, 
deren letzter verstümmelt ist. Ganz Philistäa jauchzt über den Untergang eines unge- 
nannten Bedrückers, aber ein schlimmerer Feind, der mit dem bisherigeu irgendwie zu- 



JpB 14 «—81. 97 

*^Iiii Todesjahr dee Königs Alias war dies Orakel: 

^^Wreue dich nicht, ganz Phüistäa, 

D(M8 zerbrochen ist der Stab, der dich schlug. 
Denn aus der Wurzel der Schlange sprosst ein iasilisk. 
Und dessen Frucht ist ein geflügelter Saraf. 

'® Wind weiden werden auf meiner Aue die Niedrigen, 
Und die Armen in Sicherheit sich lagern; 
Aber töten werde ich durch Hunger deinen Samen, 
Und deinen Best ermorde im. 

^^ Beule, Thor, schreie, Stadt, 

Verzage, ganz Fhüistäa! 
Denn vom Norden kommt Rauch, 

Und keiner ist vereinzelt in seinen Reihen. 



sammenbäogt, wird über es hereinbrechen, während das arme Jahvevolk in dem von Jahve 
gegründeten Zion sich geborgen weiss. Verf. des Gedichts ist nicht Jes., denn dieser 
kennt wohl im Volk Arme und Niedrige, nennt aber nicht das ganze Volk so, schreibt 
diesem auch nicht die Gesinnung zu, die aus v. 32 spricht. Dagegen wird in der nach- 
exilischen Zeit, besonders auch von Tritojesaia, das Volk als ">39 und Zion als spezielle 
Schöpfung des Weltherrschers bezeichnet (z. B. c. 66). Der zerbrochene Stab ist also 
nicht Ahas, wie der Redaktor anzunehmen scheint v. 28, ebensowenig ein assyrischer 
König. Das Gedicht muss noch vor die Makkabäerzeit fallen, weil seine Haltung so ganz 
unkriegerisch ist und die Juden offenbar keine Händel mit den Philistern gehabt haben. 
Am leichtesten ist es wohl aus der Situation Palästinas nach der Schlacht von Issos 
und vor der Einnahme von Tyrus und Gaza durch Alexander zu erklären; unter den 
letzten Königen Persiens und deren ägyptischen Kriegen hatten die Philister genug ge- 
litten, um über Issos sich zu freuen. 28 Die natürlichste Auffassung dieser Oberschrift 
ist doch die, dass Ahas der Stab sein soll, der die Philister schlug. Wie der Redaktor 
den Ahas, von dem er doch IlChr 28i8f. das Gegenteil las, dafür ansehen konnte, ist 
allerdings schwer zu begreifen. Vielleicht hat in dem Zusammenhang, dem er das Ge- 
dicht entnommen haben mag, ein anderer ähnlicher Name gestanden, z. B. der Name 
eines Perserkönigs, etwa des vorletzten. 20 >Ganz« Philistäa, dessen Kantone sonst nicht 
immer einig waren, freut sich über den Sturz des Zwingherrn. Das Bild vom Stabe 
kennen wir als jesaianisch. v. 29 b bietet eine so unglückliche Vermischung verschieden- 
artiger Bilder, dass man gern annimmt, der Dichter bediene sich einer sprüch wörtlichen 
Phrase. Der Sinn ist: die jetzige Katastrophe euers Bedrückers wird für euch nicht die 
Freiheit, sondern noch härtere Drangsalierung im Gefolge haben, sei es, dass der jetzige 
Bedrücker wieder erstarkt und Rache nimmt, sei es, dass er einem schlimmeren Tyrannen 
Platz macht; das letztere scheint nach v. 31 die Meinung des Dichters zu sein. Auch 
Dan 2 werden die verschiedenen Weltreiche als Teile Eines Körpers betrachtet, wie hier 
als Teile Einer Pflanze. Saraf s. zu c 6s, Basilisk zu 11 s. 80 Die Erstgebornen, d. h. 
die Vornehmsten der Niedrigen müssten die Juden sein, aber wer sind denn die Niedrigen 
und warum sind die Juden die allemiedrigsten ? Da auch das Verb, weiden einer Näher- 
bestimmung bedarf, die jetzt fehlt, so ist mit vielen Exegeten *>'?ä&, auf meiner Aue, zu 
lesen. Sprecher ist Jahve, auch in 30 b, wo iyrr> nach der häufigen Verwechslung von ■« 
und K aus s^nii entstanden ist. Eine Wurzel durch Hunger töten, ist ein so unmögliches 
Bild, dass man gern zu dem von LXX gewiesenen Ausweg greift, yrii6 für einen Schreib- 
fehler statt ^:^T anzusehen, das auch zu n-<"iKv' besser passt. Der Hunger erinnert an 
c. 5i8; ein Land wie Philistäa konnte schon vor der unmittelbaren Berührung mit dem 
Feinde in schwere Ungelegenheit kommen, wenn der Handel gestört wurde. 81 Der dritte 
Vierzeiler ist den Zeitgenossen zweifellos deutlicher gewesen als uns. Ist der letzte 
Stiches nicht blos Phrase und Nachahmung (c. 5a6ff.), so ist er auf das Heer Alexanders 

UMidiommeBttf s. A.. T.: Dahm, Jm. 2. Aufl. 7 



98 Jes 1482 15 1. 

•> t/nd was toird antworten [mein VolkJ 

Den Volksboten 

Das8 Jahve gegründet Zion 

Und darin sich bergen die Elenden seines Volkes. 

15 ^Orakel über Moab. 

Dass in der Nacht vergewaltigt, Ar-Moab vernichtet! 

Dass in der Nacht vergewaltigt, Qir-Moab vernichtet! 



gewiss besser anwendbar, als auf irgend ein anderes aus jenen Jahrhunderten. Die 
D*^7rR3, die Trappenkörper des Feindes, den der Vf. hier mit dem Suffix bezeichnet, als 
hätte er ihn genannt, sind fest geschlossen, wie es sich für ein -ryna, wo jeder seinen 
zugewiesenen (rr) Platz hat, geziemt. Das Thor {'rro ausnahmsweise fem.) wie c. 3 96. 
ynsi inf. abs. statt des imp. Bauch kündigt den herannahenden Feind an, sei es der 
Bauch der Wachtfeuer oder der der verbrannten Städte; man kann nicht sehen, was der 
Yf. meint. 82 Dass y. 32a verstümmelt ist, wird schon am Bhythmus klar. Es fehlt 
ein Subj. zu nar, etwa **«y; femer sollte dem Antworten doch ein Fragen entsprechen. 
Also vielleicht: was wird mein Volk antworten den Yolksboten, wenn sie kommen, *)»-« "»d. 
Der Dichter erwartet oder weiss schon, dass die Philister Yolksboten ("'^y ein Gen. der 
Qualität), Yolksherolde nach Jerusalem senden wollen mit der Anfrage, was die Juden 
zu thun gedenken, ob sie sich einem Freiheitskampfe anschliessen wollen. Die Antwort, 
die der Dichter vorhersieht, ist nach dem Sinne Jesaias, aber auch nach dem der spä- 
teren Stillen im Lande. Juda führt keine weltlichen Kriege, hat es auch nicht nötig, 
denn Zion ist die Gottesstadt. Ob Jes. sich aber so ausgedrückt hätte, ist sehr fraglich. 
Für ihn ist Zion eine Eönigsstadt, von David gegründet (29 1), erst das nachexilische 
Zion ist eine spezifische Jahveschöpfung, eine geistliche Stadt: >meine Hand hat dies 
alles gemacht und so entstand alles dieses«, sagt Tritojes. c. 66 » und spricht dann weiter 
von dem ^y, ganz so wie unser Yerf. Der Ausdruck : »die Dulder seines Yolkes« enthält 
keinen Gegensatz gegen die Yomehmen, die ja sonst die Antwort zu geben gehabt 
hätten; 'nxf ist appositioneller Gen. und nötig, weil das Wort '^y das Suff, nicht gut 
bekommen konnte. 

Yiertes Stück c. 15. 16, Orakel über Moab, den nach Philistäa nächsten Nach- 
barn Judas. Es ist eine mehr dichterische, als prophetische Schilderung der Über- 
wältigung Moabs durch einen ungenannten Feind und ihrer Folgen, die sich in stark 
abweichender Bearbeitung auch Jer 48 findet. Dass in Jer 48 älteres Gut von jüngerer 
Hand umgearbeitet ist, ergiebt sich schon daraus, dass auch andere Schriften ausgebeutet 
sind, aber auch Jes 15. 16 ist nicht mehr ein erster Wurf. Am deutlichsten verraten 
sich als fremde Zusätze der Schluss c. 16isf., sowie c. 159 von M'^vtr'o an und c. 16s. 
Entfernt man diese Zusätze, die den Ton der Prophetie anschlagen, so bleibt kein Orakel 
über, sondern ein Elaggedicht, das Geschehenes und Geschehendes schildert und also erst 
von der Bearbeitung zu einer Yorhersagung gestempelt worden ist (vgl. zu c. 23 1 — u). 
Etwas zweifelhaft ist noch die Ursprünglich keit von c. 16 1. s — 6, wo die Sprache kälter 
und härter klingt, als in der übrigen von Mitleid überfliessenden Klage, aber dieser 
Unterschied kann auf dem Inhalt jener zwei Strophen beruhen. Die Dichtung stellt voran 
zwei Langverse, die mir aber darauf berechnet scheinen, vor jeder Strophe wiederholt zu 
werden, obwohl vielleicht nicht beide miteinander, sondern abwechselnd bald der eine, 
bald der andere; die Strophen enthalten ausserdem je sechs Langverse und würden mit 
dem Kehrvers die in solchen Dichtungen beliebte Siebenzahl erreichen. Gewiss ist, dass 
die Dichtung nicht von Jes. herrührt, mit dessen Sprache und Geist sie nicht das Min- 
deste gemein hat und in dessen Zeit man sie nicht unterbringen kann. Hitzigs scharf- 
sinnige Yermutung, dass Jona ben Amitthai 11 Beg 14x5 ihr Yerf. sei, stützt sich haupt- 
sächlich auf den Epilog c. 16i5f., der aber durch die vermeintlich jesaianischen Yokabeln 



Jes l5s-— A. 99 

^Mtinan steigt die Tochter Diban die Höhen zum Weinen, 

Auf Nebo und auf Medeba jammert Moab, 

Auf aU seinen Häuptern eine Glatze, jeder Bart abgehauen, 

^Auf seinen Oassen gürten sie den Sack um, auf seinen Dächern .... 

Und auf seinen MärÜen jammert aUes, zerfahrend in Weinen, 

^Es schreit Hesbon und Elale, bis Jahas ward's gehört. 



und die drei Jahre so wenig als jesaianisch erwiesen werden kann, wie der ähnliche 
Epilog c. 21i6f^ Andererseits sind Schwallys Gründe gegen vorexilischen Ursprung (ZATW 
1888, S. 209): das Fehlen der »Busspredigt«, die das Charakteristikum der echten Pro- 
phetie sein soll, das Beten im Heiligtum statt des Opfems, die mangelhafte, des Fort- 
schritts entbehrende Anlage, ohne alles Gewicht. Wenn die echten Propheten es anders 
machen und von einem solchen die Moabiter durchaus eine Bnsspredigt kriegen müssen, 
so kann man ja das Gedicht alten moschelim zuschreiben. Aber aus anderen Grtinden 
ist die Annahme eines späteren Ursprungs vorzuziehen. Die Epiloge c. 16isf. 21i6f. 
passen nur in eine Zeit, wo man den Wunsch und die Hoffnung hatte, die Moabiter und 
Araber gründlich gedemütigt zu sehen. Der Mann, der diese Wünsche zu verwirklichen 
trachtete, ist Alexander Jannäus. Zu diesen Unternehmungen wollen die Bearbeiter 
von Jes 15f. und Jer 48 anfeuern und prophetisch ermutigen. Ist nun das ursprüngliche 
Stuck nra geredet nach Jes 16 it, so darf man seinen Ursprung nicht allzu weit zurück 
verlegen, nicht in jene Urzeit, wofür die Juden die vorexilische Periode halten. Viel- 
leicht nimmt man am besten einen nabatäischen Überfall Moabs im 2. Jahrb. an; der 
Herrscher auf dem Zion, der nicht König genannt wird und der Edom unterjocht hat, 
wäre Johannes Hjrkanus; sollte c. 16i. s— 6 eingesetzt sein, so könnte das Gedicht in 
noch frühere Zeit fallen (Marti). 15, 1 "o hat die Kraft einer Interjektion wie Gen 18 so; 
ob es eine wirkliche Interjektion ist oder ob eine elliptische Phrase vorliegt (wir klagen, 
dass), ist nicht zu entscheiden. Der stat. constr. h^\ legt einen sinnlosen Akzent auf das 
rnrta (in der Nacht, wo Ar-Moab überwältigt worden ist, ist es vernichtet worden) und 
beruht auf einer Yerkennung des Rhythmus; man muss mit den alten Übersetzern hik 
lesen wie c. 16$ und Ar-Moab rhythmisch mit rm-Q verbinden, das sonst unangenehm 
nachklappt; die Cäsur fällt nach -nv. Ar-Moab und Qir-Moab sind die bedeutendsten 
Festungen und Hauptstädte, vorausgesetzt, dass beide Namen nicht dieselbe Stadt meinen. 
Ar-Moab liegt südlich am Amon, Qir-Moab, wenn identisch mit (Jir-Hareset (16? IIBeg 
385) weiter südlich, fast in der Mitte zwischen dem Amon und der Südgrenze. Beide 
Festungen sind dem Anschein nach überrumpelt. 2 ri'^an ist unverständlich. Wenn es 
ein Tempelhans bedeuten sollte, so müsste es näher bezeichnet sein, und dem Satz würde 
das Subj. fehlen; dass es aber für Beth Diblataim oder B. baal maon oder B. bamoth 
abgekürzt und also grade der unterscheidende Name weggelassen wäre, ist nicht weniger 
unwahrscheinlich. LXX hat es nicht. Zu lesen ist (vgl. Jer 48 is) : ';ia*n-M3 nrW. Dibon 
liegt eine Meile nördlich vom Amon; es wird zuerst erreicht von der Kunde des Schick- 
sals Ar-Moabs und sucht bestürzt die Höhenheiligtümer auf, um vor der Gottheit zu 
klagen. Dann breitet sich das Gerücht weiter nach Norden aus, nach Nebo am Berg 
Nebo, nahe an der Nordostspitze des toten Meeres, und nach Medeba, südöstlich davon, 
südlich von Hesbon. V'^Vr, gewöhnlich so statt ^->V! s« ^^^' § 70 d. In v. 2 b schwanken 
die Handschriften zwischen mn-ia und nn-ta, ersteres hat Jer 48 S7, letzteres ist drastischer. 
Die Aussprache rvtcn mit o für a nur hier. 8 Der Text ist mehrfach in Unordnung, 
denn der Wechsel zwischen dem masc. und fem. suff. ist unmotiviert und hinter n^n'oa 
fehlt ein Wort, wahrscheinlich "^^ vgl. Jer 4888 und das xonrta&e der LXX. 9Herab- 
fahren in Weinen« ist wohl eine ungenaue Anwendung des Bildes vom Auge, das in 
Thränen herabfährt (Jer 9i7 Thr lie 348). 4 a führt noch weiter nach Norden. Elale, 
Jer 48 34 durch -rar mit Hesbon verbunden und diesem untergeordnet, liegt nördlich nahe 
bei Hesbon, der Hauptstadt des Gebiets zwischen dem Arnon und Gilead, Jahas oder 

7* 



100 Jes 154— ft. 



MBarum Üben die Landen Moabs, seine Seele bebi ika^, 

^Sein Herz dem Moab eekrdt^ denen FlnddUng bis Zoar. 

AA! den Aufstieg von Haiuekä, mit Weinen erstägPs Um, 

AA! des Wegs von Horanaim, UntergangsUage erluben sie^ 

^Aehl die Wasser mm Ximrim, Wüstungen werden sie, 

Denn verdorrt die Mahd, dahin das Gras, Grünes giebfs nidä! 

'^MBarum das Übrige, das sie erworben^ und ihr Verwahrtes, 

Über den Weidenbaek tragen sie es. 

^Derni umkreist hat das Gesdirei die Grenze Moabs, 

Bis Eglaim gdd sein Gejammer und Beer Elim sein 

^Denn die Wasser Dimans sind voU von Blut .... 



Jahift wahncheinlieh ftüdöstlieh daT(m. 4b bis 6, die zweite Strophe, deren eiBJeiteodes 
p-yy auf das Thema t. 1 zor&ekweist. Ffir die "z^, die Gerüsteten Moabs, liest man 
wtt;en der Fortsetzung besser mit LXX "v^, die Haften, und in Folge daron das perf. 
^rr. r* Tgl. wr^ ist mit. liy, 5 Ffir -s? hat LXX besser a^ oder Tielleieht -sx Sodann 
spricht man wohl richtiger lOi - ^s , der sing, als EollektiT behandelt wie r-^, d^ui das 
weibliche Sof&x, ohnehin inkorrekt geschrieben« passt nicht. Zoar li^t an der Südost- 
spitze des toten Meeres: die Moabiter fliehen also nach dem Sfideo TgL t. 7. Eglat 
Schelischijja ist wahrscheinlich ans Jer 48s4 eingedrungen nnd ist vermatlieh ein Stadt- 
name; es mögen drei Eglat bei einander gelegen haben und das nnsrige von den Be- 
wohnern des Nordens als drittes, also södlichstes, gezahlt sein. Es folgen jetzt rier -?. 
Ton denen man nicht weiss, ob sie sämtlich Konjonktionen oder ob nicht die drei ersten 
Inteijektionen sind, Toraosgesetzt, dass der Text in Ordnang ist. Die Inteijektion wurde 
in den drei ersten Langrersen dem Bhjthmas besser entsprechen und wohl auch dem 
Sinne. Der Aufstieg Ton Haluchit nach Onomast. ed. de Lag. I, S. 276 zwischen Areo- 
polis (Babbath Moab, sudlich von Ar-Moab) und Zoar. Ffir den Weg ron Choronaim, 
das nach Jer 48 S4 nahe bei Zoar gelegen haben mnss, steht Jer 485 besser der Abstieg 
▼on Ch. Das sonderbare v*yy ist wohl ffir s - r ^ r ; verschrieben. 6 NimriuL. in de Lag. 
Gnom, als Xemerim (I, 143) und NißnQiift. (I, 284) erwähnt, nördlich ron Zoar. 7 bis 9, 
die dritte Strophe, wie die zweite t. 4b mit yi'^y beginnend. Man könnte übersetzen: 
einen Best macht er (durch die Flucht); besser fibersetzt man nach Jer 4836: das Übrige, 
Ersparte (rgl. "^ Ps 17 14), das man (oder besser !iv? sie) erworben hat. rr^c hier wie 
Ps 1098 im Sinn tou p-ipc z. B. Gen 41 m, nach Ler 523 Wertgegenstände, die man 
jemandem zur Aufbewahrung anvertraut hat. Diese Ersparnisse und Schätze bringen 
die Bewohner des Sfidens fiber den Grenzbach nach Edom. Der Grenzbach ist wohl der 
Wadi el Ahsa. Im zweiten Hemistich dieses Langrerses lies ^^^^nf^,' 8 scheint das Ver- 
lassen des Landes erklären zu sollen. Das Geschrei nnd also die Not zeigt sich auf der 
ganzen Grenze Moabs, kein Teil blieb uuTerscbont, um noch eine Zuflucht bieten zu 
können. Eglaim liegt nach de Lag. Gnom. I, 98. 228 acht Milien südlich von Babbath 
Moab, Beer Elim ist unbekannt. Man sollte erwarten, es würden zwei Grtschaften ge- 
nannt, die dem israelitischen »Dan und Berseba« entsprechen; danach würde das im 
nördlichen Moab gelegene Beer Num 21i6ff. rielleicbt passen; Perles schlägt vWmfi Tor, 
in Erelajim (?). 9 Dimon ist nach den Meisten ffir Dibon geschrieben, um an o-; anzu- 
klingen. Knob. meint, es könne Madmen beabsichtigt gewesen sein, welcher Grt, nach 
Jer 48t (Jes 25 lo) zu urteilen, wohl eine Erwähnung verdient hätte; auch hat man ver- 
mutet, dass Dibon, Dimon und Madmena dieselbe Stadt bedeuten vgl. Buhl, Paläst. 
§ 135. Was dann in v. 9 folgt, ist kaum yerständlich. Was ist das ffir ein »Hinzuge- 
fugtes«, wie können die Wasser Dimons blutig sein, wenn künftig etwas Schlimmeres 
hinzukommen soll ? was soll vollends der Löwe ? und warum spricht Jahve hier plötzlich 
und im fntur.? Dazu noch der Stil: Hinzugefugtes setzen, statt hinzaffigen, und als 



Jes 159— 164a. 101 

DeDn ich werde über Dimon setzen Hinzugefügtes, 

Der Flüchtlingschaft Moabs einen Löwen, dem Best Admas. 

16 'Und geschehen wird's: wie flatternde Vögel, ein gescheuchtes Nest, 

Werden sein die Gemeinden Moabs, die Ufer des Amon. 

16 ^Sie sandten das Lamm des Landesfürsten von Sda wüstenwärts, 

Zum Berg der Tochter Zion: \Gieb Bat, schaffe Entscheidung, 

Mache gleim der Nacht deinen Schatten mitten am Mittag, 

Verbirg die Vermengten, den Flüchtigen verrate nicht, 

^ Mögen gasten hei dir meine Versprengten, .... Moabs, 

Sei ein Versteck für sie vor dem Vertoüster! 



Appoeition zu jenem Neutrum ein Löwe! Vielleicht ist der Text stark verderbt, aber 
wahrscheinlich handelt es sich zugleich um eine Änderung, durch die die Dichtung zu 
einer Prophetie umgewandelt werden soll; der Löwe mag Alexander Jannäus sein und 
das »Hinzugefügte« sein bevorstehender Angriff auf Moab. Das letzte Wort scheint ein 
Eigenname zu sein, wie auch LXX annehmen; sind die Moabiter aus Sodom gekommen 
(Gen 19), so mochte auch ein Teil von ihnen als Best Admas bezeichnet werden können, 
wie Jer 475 die Philister »Rest der Enakiter« genannt werden. 16, 1 bis 4a bildet die 
vierte Strophe (ohne v. 2). in^o ist von den Punktatoren als imp. behandelt, man sieht nicht 
ein, warum und wer hier spricht. Dem Zusammenhang angemessen ist ^nW. In Edom 
angekommen, schickt man von Sola aus, das, nicht mit Petra identisch, nach IIBeg 14? 
wahrscheinlich in der N&he des Salzthals, östlich von Berseba (Buhl, Paläst. § 56), lag, 
das »Lamm des Landesherrschers«, den dem jüdischen Oberherm gebührenden Tribut, die 
mincha, die auch Mesa den Nordisraeliten in d-*^^ entrichtete IIBeg 34, »wüstenwärts« 
zum Berge Zion, zu Johannes Hyrkanus, der die Edomiter unterjocht hatte. 2 passt 
nicht in den Zusammenhang. Abgesehen von dem deutlichen futur. wäre es doch höchst 
sonderbar, hier von dem ängstlichen Flüchten der Moabiter zu reden, als hätten wir 
noch nichts davon gehört und als wären die Moabiter nicht grade auf jüdischem Boden 
vorläufig zur Buhe gekommen. Wegen des futur. muss dieser Vers zu c. 159b gehören: 
wenn erst der Löwe über Moab kommt, werden die Moabiter vor ihm das sein, was nach 
c. 10 14 die Völker vor Assur waren. Die aKiQ n^aa sind nach der Apposition »die Ufer 
des Arnon« Gemeinden, Städte, nicht Weiber. 8 schliesst sich unmittelbar an die v. 1 
gemeldete Beschickung des jüdischen Fürsten an. Zion wird angeredet, wie die Fort- 
setzung zeigt, daher mit Qre "trsn (Metrums halber vielleicht besser "«an) und "vy zu 
lesen ; man bestürmt die Tochter Zion mit einer Flut von Imperativen, weil man in Angst 
und Not ist. Mache rth'^ht {an, Acy.), Entscheidung, nämlich zwischen den Moabitem 
und den Eroberern, wenn diese, wie das Folgende andeutet, die Auslieferung der Flüch- 
tigen verlangen. Diese Bitte setzt voraus, dass der Fürst von Juda den Eroberern ent- 
weder gewachsen oder befreundet ist. Es ist zweifelhaft, ob dies von Usia gegenüber 
Jerobeam II. gesagt werden konnte, dagegen passt es sehr gut, wenn der Fürst Job. Hyrk. 
und die Besieger Moabs etwa die Nabatäer sind. 4a Die Flüchtlinge möchten vor der 
Hand als d-«^:i in Edom bleiben dürfen. Vor aKits muss ein dem *n-ta ähnliches Wort aus- 
gefallen sein, •'^n vgl. n^n Gen 27«9, wechselt mit ^:n ab. 4b bis 6, die fünfte Strophe, 
die ihrem Inhalt nach nicht fehlen kann, wenn man die vierte Strophe für einen ur- 
sprünglichen Bestandteil der Dichtung hält, aber noch mehr als die vierte durch ihren 
Ton von dem Ganzen absticht. Dem Dichter mag das hier angeschlagene Thema weniger 
leicht von der Hand gegangen sein, dass er in v. 5 so stark in Zitaten spricht und in 
Phrasen fällt, die im Munde der Moabiter gar nicht natürlich klingen. Oder wollte er 
ihr unaufrichtiges Geschwätz (v. 6) an einem Beispiel illustrieren, indem er ihnen solche 
Worte in den Mund legt, wie sie sie allerdings im 2. Jahrb. von frommen Juden hören 
konnten? Eine andere Möglichkeit wäre, dass eine fremde Hand sich hier eingemischt 
und Lücken unglücklich ausgefüllt hat. Ist v. 4b. 5 ursprünglich, so kann man kaum 



102 Je8 164b— 8. 

WWenn verschumnden der Bedrücker, vernichtet der Venvüster, 

Fort die Zertreter aus dem Lande, ^toird gegründet sein in Lid)e 

Und auf ihm sitzen einer in Treuen im ZeUe Davids, [der Thron 

Ein Richter, so fragend nach Hecht wie eifrig auf Gerechtigkeit/' 

^„„ Wir haben gehört vom Hochmut Moabs, dem sehr hochmütigen, 

Seiner Hoffart, seinem Hochmut und Übermut, seinem unwahren 

[Geschwätz.^ '^ 

T M9rum jammert Moab gegen Moab, ganz jammert es, 

Um die Traubenkuchen von Qir-hareset seufzen sie ganz zermalmt, 

^Denn die Pflanzungen Hesbons sind verwelkt, der Weinstock Sibmas, 

Dessen Eddtrauben erschlugen die Herren der Völker, 

Die bis Jaser reichten, schweiften zur Wüste, 

Dessen Schösslinge sich ausbreiteten, zum Meer hinüber wanderten. 



anders, als v. 4b als Vordersatz fassen, entweder: denn ist zu Ende, oder: wann zu Ende 
ist. "ps könnte Auspresser oder Auspressung sein, aber es ist an, Uy. und hat auf- 
fälliger Weise den Artikel, man könnte fragen, ob nicht ybn gemeint war; lies ferner 
Tvo für 1« (Marti), sowie vr^o^^ (Chejne). 5 klingt sehr nach c. 9 6, aber noch mehr nach 
Prv 208. 28, daher braucht man wohl nicht anzunehmen, dass die Moabiter den messiani- 
schen Hoffnungen der Juden schmeicheln wollen. Der Fürst thront im Zelte Davids, 
auf dem alten Eönigssitz; dass er selbör Davidide sei, wird nicht gesagt, wie er ja auch 
nicht König genannt wird. Das ^^rre meint wohl ebenso sehr die moralische »Eilfertig- 
keit«, als die technische Tüchtigkeit des Fürsten. 6 ist die Antwort auf das Gesuch 
der Moabiter; es wird abgewiesen wegen der längst bekannten Hofifart und Treulosigkeit 
Moabs, man versieht sich keiner Vorteile von solchen Metöken. k» aus hma verkürzt, 
was sonst bei der Form qittel der Wurzel rh nicht vorkommt (s. 0. § 182 b); Jer 4829 
steht das richtige niu. 7 mit v. 8 die sechste Strophe, p^ kann sich wieder nur auf 

c. 15 1 als Eehrvers beziehen, nicht auf das Vorhergehende, da das v. 7. 8 beschriebene 
Unglück auch dann bejammernswert wäre, wenn Moab in Edom Schutz gefunden hätte. 
Die letzten Strophen sind einem Gegenstand gewidmet, der für den Dichter ein beson- 
deres Interesse hat (v. 9), dem Wein. »Moab jammert um Moab« wäre geschraubt, wenn 
das zweite Moab das Land bedeuten soll, und schwülstig, wenn es heissen soll: über 
sich selbst. Ist der Text nicht verderbt (LXX haben ebenso künstlich sK^isa, in Moab 

d. h. nicht in Edom, wo die Aufnahme versagt wurde), so muss \ « V^. sein, obwohl es 
in V. 7b >a V; ist. Moab jammert gegen Moab, nur die Moabiter unter sich, da sie bei 
anderen kein Gehör finden. Qir-hareset s. c. 15 1 heisst v. 11 Qir-hares, doch wohl durch 
Schuld des Abschreibers. Für nann ist ohne Zweifel nan zu schreiben, wodurch der ge- 
wöhnliche Wechsel von impf, und perf. entsteht. Die Traubenkuchen (aus denen Jer 4881 
Männer macht) gehören zur Festspeise des frohen Herbstfestes. Dass der Überfall in 
der Erntezeit geschah, zeigt auch v. 9. 8 Die Weinpflanzungen Hesbons und des be- 
nachbarten Sibma sind verlassen und nicht bewässert, darum verdorrt, hhfo}^ scheint als 
Subst. angesehen zu sein. Die roten Trauben (zu n^i^», besser D'^p»';», ist n^aay zu er- 
gänzen) dieser Orte erschlugen sonst d. h. machten trunken (c. 28 1) die Herren der 
Völker, lieferten Wein weithin an die Vornehmen ; sie reichten (w« und nyn reimen sich) 
bis Jaser, nach de Lag. Onom. I, 131. 264 zehn Milien westlich von Babbath Ammon, 
fünfzehn nördlich von Hesbon; sie »irrten in die (östliche) Wüste«, verloren sich in 
Gegenden, wo die Steppe der Kultur Halt gebietet, Kulturpflanzen sich gar nicht hin 
getrauen und hier nur durch ihre überschwängliche Üppigkeit hingeraten; sie wandern 
westwärts hinüber zum (toten) Meer, nicht über's Meer, da der Weinbau Judas uns 
hier nichts angeht; rt»^ wäre allerdings deutlicher gewesen. und 10 die siebente 
Strophe. Über den Wein muss der Dichter selbst mitweinen »mit dem Weinen Jasers«, 
wie wenn er in oder bei Jaser zu Hause wäre, was auch bei unserer Ansetzung des 



Jee 169— u. 103 

^Oarum weine ich mit dem Weinen Jasers um Sibmas Weinstock, 

Netze dich mit meiner Thräne, Hesinm und Elcde, 

Denn auf deine Lese und auf dein Lesen brach ein Hussa herein, 

^^Und eingeheimst ist Freude und Lust aus dem Fruchtgelände, 

Und in den Weinbergen jauchzt es nicht, und kreisdU es nicht, 

Wein in den Kdtem tritt man nicht, das Heissa ist verstummt. 

^^tMarum mein Inwendiges, Über Moab gleich der Zither braust es. 
Und mein Inneres mher Qir-hares 



^>Uiid geschehen wird's, wenn sich abmüht Moab auf der Bama, 

Und kommt's zu seinem Heiligtum zu beten, kann es nicht .... 

^'Das ist das Wort, das Jahve geredet hat über Moab vordem. ^^Und 

jetzt spricht Jahve also: In drei Jahren gleich den Jahren eines Söldners da wird 

gering sein die Herrlichkeit Moabs mit all dem grossen Lärm und der Best klein, 

winzig, nicht stark. 



Stückes möglich sein wird, obgleich Jadas Makkabfias die Juden Gileads nach Judäa 
brachte (IMak 545). In yr^ scheinen i und "> ihre Stelle vertauscht zu haben, i^-'p, 
meist Obsternte, und ^"xp, sonst Kornernte, hier für i^& (das Jer 48 n hat) gewählt, um 
an TV anzuklingen, gehen beide auf die Weinernte. Auf diese, bei der sonst das fröh- 
liche -mn ertönt, ist ein fürchterliches n-rn des Feindes (vgl. Jer 51 u) gefallen, der auch 
sonst mit dem Kelterer verglichen wird c. 638 Apk 14i9f. Welches Schicksal alttest. 
Texte oft hatten, zeigt wieder das -r-nd von Jer 488S. 10 Das subj. explic. y^^r^ ist wohl 
nicht vom Vf. hinzugesetzt, vpnsi scheint auf riDu, das Einheimsen der Ernte, anzuspielen, 
W auf Vts^s zu reimen, y^'^ an yrr^ zu alliterieren, ^ravn steht auch Jer 4888 und kann 
trotzdem nicht richtig sein; es ist mit mehreren Kritikern n&ion zu lesen. 11 scheint 
mit seinem p'^y eine neue Strophe zu beginnen, die nur zum kleinsten Teil erhalten ist. 
Aber möglich ist auch, dass v. 11 nur eine nachträgliche Variante zu v. 7 vorstellt vgl. 
Jer 48 31, da v. 10 sich gut zum Schluss der Elegie eignet. Aus unserem ^m wäre das 
aim V. 7 entstanden. Des Dichters Eingeweide, der Sitz der stärkeren Empfindungen, 
brausen wie die Zither, seine innere Erregung strömte in eine Klagemelodie aus, die er 
nur in Form zu fassen hatte. Vielleicht würde die Dichtung uns bedeutender erscheinen, 
wenn sie in besserer Gestalt auf uns gekommen wäre, manches Einzelne, z.B. c. 168—10, 
hat auch jetzt poetischen Wert. 12 scheint nicht zu der Dichtung zu gehören, es ist 
eine Weissagung, hat einen andern Ton als die Klage und ist wahrscheinlich mit c. 159b 
und 16s vom Bearbeiter hinzugesetzt, wenn auch vielleicht nicht verfasst. Auch^die 
religiöse Wendung, die dieser Vers nimmt, fehlt völlig in der Elegie. Ew. ergänzt das 
letzte Sätzchen durch den Anfang von Jer 48 is: Moab wird zu Schanden vor Kemosch, 
natürlich ohne eigentliche Berechtigung, aber mit der an ihm bekannten feinen Empfin- 
dung für die Farbe des Verses, nic^a scheint ein blosses Versehen fElr ntcVa zu sein, sonst 
würde es die Anzeichen der Zusetzung noch vermehren, denn das Erscheinen auf der 
Bama ist längst dagewesen. 18. 14 Nachschrift von der Hand desselben Schriftstellers, 
der auch den Epilog c. 21i6f. schrieb, und da dieser letztere trotz aller jesaiau. Redens- 
arten nicht von Jes. sein kann, so wird dasselbe hier gelten. Stilo soluto sagt er, dass 
das Orakel c. 15. 16, das er selber erst in eine Weissagung verwandelt haben dürfte, 
bald in Erfüllung gehen soll. Es ist »vordem« gegeben, das heisst schwerlich: vor so 
und so vielen Jahrhunderten. 14 soll jesaianische Vokabeln und Gedanken haben, das 
ist nicht richtig. Das verbundene ^rra tayia findet sich in den unechten Stellen c. 10 85 
29 17. Die drei Jahre sind nicht Nachahmung von Jes. (c. 20 s 7i6 84 vgl. Jer 288); auf 
diese Meinung ist man nnr gekommen, weil man ^a^ ohne allen Grund als Jahrlöhner 



104 Jes 17i— s. 

17 ^Orakel über Damaskus. 

fliehe, Damaskus wird abgethan als Stadt, 

Und wird ein Trümmerhaufen, ^ verlassen für immer, 
Seine Städte verfallen den Herden, 

Und lagern werden sie uneeschreckt 
3 Und genommen wird das Bollwerk Ephraim 

Und das Königtum E)amaskus, 
Und der Rest Arams wird untergehen. 

Wie die Israeliten werden sie sein, 
Ist der Spruch Jahves der Heere. 



ansah, als einen Arbeiter, der sich aufs Jahr yerdingt; Jahrlöhners Jahre sollen knappe 
Jahre sein. Aber wo es sich um eine Eriegsdrohnng handelt, ist doch selbstverständlich 
der '^'ov ein Söldner (Jer 46si), und unsere Stelle sagt: man braucht die Söldner nur 
auf die übliche Periode eines Söldnerkontrakts, die also drei Jahr nmfasste, zn dingen, 
um mit Moab gründlich fertig zu werden. Dass Alexander Jannäus Mietstruppen unter- 
hielt, ist bekannt, i-^s »iV will G. Hoffm. (ZATW 1883, S. 116) mit Berufung auf die 
unglückliche Stelle c. 82s in -rasK iV ändern, aber wenn hier eine Yerheissung am 
Platz wäre, so könnte sie gewiss nicht über Jer 4847 hinausgehen ; auch fehlt c. 21 17 die 
Yerheissung. 

Fünftes Stück c. 17 1 — ii, Orakel über Damaskus überschrieben, obwohl es sich 
auch auf Nordisrael bezieht, ersterea soll untergehen, letzteres fast ganz vernichtet 
werden. Die Rede fallt in die Zeit, wo Bezin und Pekah sich verbündet haben, also 
nach c. 97ff., aber noch vor den Zug gegen Juda c. 7, dessen keine Erwähnung geschieht. 
Zu dieser frühen Abfassung stimmt die mehr poetische Form dieser Bede und ihre 
schlechte Erhaltung, auch die Hervorhebung der fremden Kulte (vgl. zu c. l29ff.). Die 
erste und zweite Strophe schliessen refrainartig mit: Spruch Jahves etc., die zweite und 
dritte beginnen mit: An jenem Tage. 1 bis 3 Die erste Strophe allein ist Syrien ge- 
widmet, nnd selbst hier ist das Interesse an Ephraim massgebend. Der Anfang mit nar; 
und dem verb. -iid wie c. 3i vgl. c. 19 1 24 1. Der Untergang Damaskens steht vor der 
Thür. Da Damaskus wahrscheinlich auch Subj. in v. Ib ist, so ist in v. la n^on« zu 
lesen. ">■«« für v> prrns. In v. 1 b wäre -ana an. k$y., dazu ein unnützer Zusatz zu rkvs, 
es fehlt in LXX, wird also mit de Lag. als ein Versehen des Abschreibers zu betrachten 
sein, der noch einmal ^'^n schreiben wollte (vgl. zu c. 3i8b). 2 Der Anfang ist schwerlich 
richtig. Es ist unangenehm, das part. über v. Ib hinweg von dem m'n v. la abhängig 
machen zu müssen, und mit den Städten Aroers oder Aroer ist man völlig verlegen. Es 
giebt ein Aroer in Juda, eins am Arnon, eins in Ammon, vielleicht auch eins oder mehrere 
bei Damaskus, die aber, weil niemals genannt, nicht von Bedeutung gewesen sein könnten, 
während die erstgenannten nicht hierher passen. LXX las: t; nary oder ny ^-r; V; den 
Best übersetzt sie mit etg xo^rnv, aber wohl aufs (xeratewohl. Ist v. 2 b richtig, so muss 
vor Q'^'^'^y^ ein fem. plur. gestanden haben, auch der Bhythmus verlangt noch eine Hebung. 
Oben ist rr^'^^ -9 naty übersetzt, natürlich ohne alle Sicherheit; Städte der Stadt Da- 
maskus kann man sagen vgl. z. B. Jos 13 17. 8 Das Bollwerk, das Ephraim genommen 
werden soll, kann nur Syrien sein, das seine Schutzmauer gegen Assur ist. Denn die 
Erwähnung Samarias, das ja im wörtlichen Verstände Ephraims Festung ist, käme hier 
zu früh. V. 3 b ist sicher verderbt. Die Herrlichkeit Israels müsste die demnächst 
untergehende Herrlichkeit sein, von der erst v. 4 spricht; mit etwas Künftigem kann 
doch Syriens Schicksal nicht beschrieben werden. Ausserdem kommt weder ein Stiches 
noch ein Distichon heraus. LXX cod. Alex, hat hinter Zvqnjv ein anoUttat, also tqtr, 
das besser passt als itads, dem es einigermassen ähnlich sieht. Also der Best Arams 
wird, nachdem die übrigen aramäischen Staaten schon unterjocht oder dezimiert sind, 
durch Asflur untergehen. Ob dann der Vf. fortfuhr, wie oben angenommen: wie die 
Israeliten werden sie sein, um damit die folgende Strophe vorzubereiten, das mag sehr 



Job 174—8. 105 

^An jenem Tage wird erniedrigt werden die Herrlichkeit Jakobs 

Und das Fett seines Fleisches abgemagert; 
^Sein wird's, wie wenn der Schnitter rafft den Halm 

Und sein Arm Ahnen schneidet, 
Sein wird's^ wie wenn man Ähren liest im Thal Rephaim, 

^Und ühng daran bleiben eine Nachlese wie beim Olivenklopfen: 
Zwei, drei Beeren in der Spitze des Wipfels, 

Vier, fünf in den Zweigen des Fnichtbaums, 
Ist der Spruch Jahves der Heere. 

^An jenem Tage wird blicken der Mensch auf seinen Schopfer 
Und seine Augen auf den Heiligen Israels sehen, 

^Und nicht wird er blicken auf das Werk seiner Hände*) 
Und was seine Finger gemacht, nicht sehen**). 

*) die Altäre. *) und die Ascheren and Sonnensftulen. 



zweifelhaft sein, aber Sicheres ist schwerlich noch zu erreichen. 4 rrn*) ist unnötig, be- 
schwert den Stichos, fehlt in v. 9 (v. 7) nnd ist zumal deswegen lästig, weil es gleich 
hinterher noch zweimal vorkommt, also ein Abschreiberzusatz. Zur selben Zeit mit 
Damaskus wird Jakob erniedrigt werden, die Schwindsucht bekommen. Hier steht einmal 
mrm W2 in passender Weise. 5a Verstärkte Drohung, das Gericht mit der Ernte ver- 
glichen. *i'*xp, nicht Ernte, Schnitt, sondern Schnitter, wie ^9*^t zeigt. Noch stärker 
drohen 5 b. 6, die nicht auf zwei Verse verteilt sein sollten. Die Ernte wird so gründlich 
vorgenommen, dass nur so wenig übrig bleibt, wie man bei der Nachlese findet. Der 
Ausdruck »es wird sein wie ein Lesender« erinnert in seiner Verkürzung an tileichnisse 
Jesu: das Himmelreich ist gleich einem Kaufmann. Das D'^Va« in v. 5b wird besser 
gestrichen, weil es eben vorher schon da war und den Stichos überlang macht. Die 
Erwähnung des Thals Rephaim, südwestlich von Jerusalem, zeigt, dass Jes. zunächst 
für die Judäer schreibt. Beim Klopfen der Oliven, die etwas vor der Beife abgepflückt 
und von den höheren Zweigen heruntergeschlagen werden, bleibt nur eine geringe Nach- 
lese übrig, nur die paar Beeren, die man nicht gefunden hat. So enthält diese Strophe 
eine berechnete Klimax. Die beiden letzten Wörter des letzten Distichons sind zu ver- 
bessern in r^i'^tri nTtz, Der Fruchtbaum spielt auf den Namen Ephraim an wie Gen 49» 
vgl. Hos 18 15. 7. 8 Diese vier Stichen, für eine Strophe viel zu wenig, machen einen 
etwas leeren Eindruck. Das schlimmste aber ist, dass die meisten Wendungen an anderen 
Orten wiederkehren und meist in originellerer Weise. Ein böser Konkurrent dieser Verse 
ist vor allem c. 228b. sa. iib, es scheint fast unmöglich, dass Jes. bewusst oder unbe- 
wusst sich so wörtlich sollte wiederholt haben. Sie könnten fehlen, ohne daas man eine 
Lücke fühlte, und sie passen gar nicht gut zum Zusammenhang. Denn wenn Israel so 
ganz vernichtet ist, wie v. 5 f. schildert, und wenn seine Städte verödet sind nach v. 9, 
so ist es Überflüssig hervorzuheben, dass die Menschen, die so ziemlich ausgerottet sind, 
nicht mehr nach den Werken ihrer Hände sehen, die zerstört sind. Also sind diese 
Worte eingesetzt und nicht einmal an einer guten Stelle; besser passten sie noch hinter 
V. 10 f., wo vorausgesetzt wird, dass die Israeliten bis zum Gerichtstage bei ihrer Lieb- 
haberei für unjahvistische Kulte verharren. Sie erinnern an die gleichfalls unjes. Stellen 
c. 290 9089 279. Dass sie aber ein für die Späteren wichtiges Thema berühren, zeigen 
auch die Znsätze in v. 8. 7 Der allgemeine Ausdruck »der Mensch« war in den Kehr- 
versen von c. 2 besser angebracht als hier, wo der Prophet ganz bestimmte Menschen 
und Zustände im Auge hat. inry soll wohl »sein Schöpfer« sein (Hos 8i4: Schöpfer 
Israels?); c. 22 steht dafür konkret: rr'vv, der es thut, der die bevorstehenden Geschicke 
herbeiführt. Der »Heilige Israels« ist in allen solchen Einsätzen sehr beliebt. 8 Das 
Menschenwerk erklärt eine dritte Hand durch die Glossen : Altäre, Ascheren und Sonnen- 
säulen, vielleicht nach Hos 8ii. Von den Altären hat dies schon Stade ZATW 1883, 



106 Jes 179— ij. 

'An jenem Ts^e werden deine Städte verlassen sein 

wie die X^rlassenschaft des Amoriters und Hivviters*), 
^^Weil du verfassest den Gott deines Heils 

Und des Felsens deiner Macht nicht gedachtest 
Darum magst du pflanzen Pflanzen der Adonisse 

Und Reben ^er Fremden säen: 
^^Am Tage, wo du pflanzest, bringst du's hoch. 

Und am Morgen, wo du säest, lassest du es sprossen : 
Fort ist die Ernte am Tage des Siechtums 

Und unheilbarer Kummer [vor dir]. 

*) welche sie verliessen vor den Israeliten; es wird eine Wüstenei sein. 



S. 10 ff. gezeigt; sie können nicht gemeint sein, weil auch der Altar des Tempels ein 
Menschen werk ist. Der Glossator glaabt wie der Yf. von c. 279 die Altäre schon durch 
den Plural hinlänglich zu kennzeichnen als solche, die neben dem einzig berechtigten 
Heiligtum durch menschliche Eigenmächtigkeit (c. 66iff.) errichtet sind. Die Ascheren 
(sing, tt'ivk) sind entästete Baumstämme, die neben dem Altar aufgepflanzt wurden, um 
die Anwesenheit des Numens darzustellen; die Sonnensäulen, wahrscheinlich schon 
weniger primitiv, galten speziell der Gottheit der Sonne (nsn), dem f»n ^yn. Jes. erwähnt 
diese Dinge niemals. Der Vf. der beiden Yerse meint aber mit seinem Werk der 
Menschenhand Gottesbilder. bis 11 die dritte Strophe. Den Anfang braucht man nur 
zu lesen, um sich zu überzeugen, dass der Text greulich entstellt ist: die Städte seiner 
(wessen ?) Macht werden sein wie die Verlassenheit des Waldes und des Wipfels, die sie 
verlassen haben vor den Israeliten, und es wird eine Wüstenei sein. Wald und Wipfel 
sind ein sonderbares Paar ; der prosaische Belativsatz lässt uns völlig im Unklaren über 
sein Subjekt; das letzte Sätzchen, überflüssig wie es ist, schwächt nur das vorhergehende 
Bild. LXX übersetzt folgenden Text : (an jenem Tage werden sein) "^^»Kn ranr^ r'zt;^ ^^9 
'^iiTtTVi^ sie befreit uns von den Machtstädten und giebt uns, wie v. 10 zeigt, das richtige 
Suffix, für den Forst und Wipfel erhalten wir den Amoriter und den Hivviter, die die 
TiYY um so weniger erraten hat, als sie die umgekehrte Beihenfolge hat und wahr- 
scheinlich die ursprüngliche, da die Umsetzung im hebr. Text sich daraus erklären lässt, 
dass der Wipfel als Teil des Waldes allerdings besser nach dem letzteren genannt wird. 
Sobald der Text nach LXX gereinigt ist, erkennt man den Relativsatz als eine Glosse, 
weil Jes. nicht in der 3. pers. pl. m. von den Israeliten reden kann, die er im Übrigen 
mit der 2. pers. f. sing, anredet. Das letzte Sätzchen ist ein Zusatz wie c. I7, denn es 
fügt sich nicht in den Rhythmus, ist überflüssig und trivial; diese Verwüstung scheint 
doch die Späteren sehr interessiert zu haben. Die Amoriter, die sich den Israeliten mit 
den Waffen entgegenstellten, und die Hivviter, die sich im allgemeinen friedlich unter- 
warfen, aber zum Teil auch, z. B. in Sichem Jdc 9, nach ausgebrochenen Zwistigkeiten 
vernichtet oder verjagt wurden, haben nach den Jes. zu Gebote stehenden Traditionen 
ihre Städte den Israeliten öde zurückgelassen. Ebenso werden die Israeliten ihrerseits 
bald dem ungenannten Feinde erliegen oder weichen, weil sie 10a ihren Gott, der sie 
allein hätte stärken und retten können, vergessen haben. Warum Israel als Weib an- 
geredet wird, das wird erst in der zweiten Hälfte der Strophe völlig klar. 10b, der 
Anfang einer ungewöhnlich langen und kunstvollen Periode, sollte einen neuen Vers be- 
ginnen. Israel hat sich dem besonders von den Weibern verehrten Adonis ergeben. 
u^vsTi ist schwerlich ein abstrakter oder ein Hoheitsplural, ^n ist wahrscheinlich Bei- 
name des syrischen Adon, Adonis; Pflanzen der Lieblichen sind solche, die man zum 
Zweck des Adoniskultus pflanzt vgl. c. I90. Ob die Anemone ihren Namen von "pya er- 
halten hat, was de Lag. behauptet und Wellh. (Skizz. III, S. 7. 8) bestreitet, wird sich 
mit sprachlichen Mitteln wohl nicht entscheiden lassen ; Wellh. berücksichtigt die volks- 
tümliche Neigung nicht, Fremdwörter durch ein neues Etymon sich mundgerecht und 



Jes 17i«— 14. 



107 



i'BIa, ein Brausen vieler Völker, 
Und Tosen {starker] Nationen, 

i*Doch er, er schilt darein 

Wie Spreu der Berge vor'm Winde 

i^Zur Zeit des Abends: siehe da, 

[Schr«dcen, 
Das ist das Teil unserer Plünderer 



die wie das Brausen des Meeres brausen, 
die wie das Tosen vieler Wasser tosen ! 
und es flieht in die Weite und ist|;ejafi;t, 
und wie Wirbelstaub vor der Winds- 

(braut 
bevor der Morgen da, ist es dahin: 

und das Los für unsere Rauber! 



verständlicher zu machen. Die Israeliten huldigen dem Adonis infolge ihres Bündnisses 
mit den Syrern, wie ilherall politische Gründe eine hervorragende Bolle in der Beligions- 
mengerei spielen , vgl. c. IO4. Das Suff, des mit doppeltem acc. konstruierten y^t (Alli- 
teration an n-not und ^y) hezieht sich etwa auf ein v zurück, das der Yf. im Sinn hatte, 
aber nicht schrieb; doch liest man wohl besser "Sf^n?? da das Verb im fem. stehen sollte 
(vgl. Marti). IIa Auch hier noch konzessive Verben, ^naa und 'jjit sind inff., daher 
''pna zu sprechen, dies auch deswegen, weil man nicht am Morgen eine Saat sprossen 
lassen kann, die man erst am Tage sät. av nicht einhegen (Dillm.), was ein nutzloser 
Beisatz wäre, sondern im Sinne von nvo und mv. Der Sinn ist: magst du anfangs auch 
noch 80 viel Erfolg haben. IIb bringt den Nachsatz, der weder der LXX, noch den 
Punktatoren verständlich gewesen ist. Mit Posch, und den meisten Exegeten ist nhra 
(vgl* nVrrQ) zu lesen: Siechtum, Krankheit. Das Bild von der Krankheit scheint anzu- 
deuten, dasB die Weiber die Adonispflanzen oder die von ihnen geernteten ("i"xp) Früchte, 
Blätter, Blumen als zauberkräftige Heilmittel bei Krankheiten, Wunden etc. ansehen. 
Wenn Israel den Schlag von der Hand Jahves bekommt, die Krankheit da ist (c. I5), 
werden ihre ausländischen Heilmittelchen fort sein, la konnte intrans. part. sein; es ist 
freilich nicht sicher, ob die Punktatoren es so verstanden. Zweifelhaft ist ferner, ob der 
Text in Ordnung ist. da der letzte Satz zu gross für einen Stichos, zu kurz für ein 
Distichon ist. LXX übersetzt am Schluss ein y^h, das sie allerdings eigenmächtig 
hinzugesetzt haben, das aber auch ursprüngliches '7'^feV sein kann, als Gegensatz zu -t3. 
Ein tröstlicher Ausblick fehlt : auch wird, wie in den meisten älteren Stücken, das Straf- 
werkzeug Jahves nicht genannt. 

Sechstes Stück c. 17 la — 18 7, über dessen Einsetzung s. Einleitung § 13. In 
c. 17 19— 14 hört der Prophet den Lärm vieler Völker und verkündigt ihren schnellen 
Untergang, in c. 18 fordert er die Kuschiten und mit ihnen die Bewohner der Erde auf, 
sich auf Jahves baldige Entscheidungsthat gefasst zu machen. Dass c. 17 if ff. und c. 18 
zusammenhangen, ist nicht absolut sicher, aber sehr wahrscheinlich. Dies allerdings nur 
unter der Voraussetzung, dass c. 18 nicht wortgetreue Wiedergabe einer Bede Jesaias 
an die Boten von Kusch ist ; aber dafür kann man dies cap. doch nur dann halten, wenn 
man glaubt, dass Jes. sich im Verkehr mit den Menschen, zumal fremden, als Phantast 
benommen hätte. Es ist recht wohl möglich, dass er Tarrakos Gesandte angeredet hat, 
aber natürlich hat er es so gethan, dass sie ihn verstehen konnten, und hier giebt er 
für ein ganz anderes Publikum nur die geistige Essenz des Gesprochenen wieder. Die 
Anrede an die Gesandten deutet, wie auch v. 3 zeigt, nur den äusseren Anlass dieses 
fliegenden Blattes an, die Hauptsache steht v. 4 — 6. Eben dieser Passus ist aber unver- 
ständlich, wenn nicht gesagt wird, wer den Geiern der Berge überliefert werden soll, und 
c. 17i3ff. nennt, wenn auch nicht mit Namen, die Räuber. Ginge nur c. I81. » vorher, 
so müsste man ja an die Kuschiten denken. Auch in der Form zeigen die drei Strophen 
die genaueste Übereinstimmung. Die Bede rouss aus der Zeit Sanheribs stammen. Ob 
die Gesandten von Kusch zum ersten Mal mit Bündnisanträgen kommen, ob sie den An- 
marsch Tarrakos melden und Hiskia zur Behauptung Jerusalems ermutigen sollen, ob 
es sich also um ein früheres oder späteres Stadium des von Hiskia gewagten Freiheits- 
kampfes handelt, das ist mit Sicherheit nicht zu entscheiden, doch ist die zweite Au- 



108 Jes 18i— s. 

18 ^Ha Land des Flügelgeschwirrs.*) ^das da sendet auf dem Meer Boten 
Und in Schilfnachen über aie geht, schnelle Sendlinge, 

[Wasserfläche: 
Zu dem Volk gestreckt und blank, zum Stamm gefürchtet weit und breit, 

Dem Volk von Kraft und Sieg, dessen Land Ströme durchschneiden: 

^Alle Bewohner des Erdreichs und die ihr haust auf der Erde: 

Wenn man das Panier erhebt, wenn man in die Posaune stösst, hört! 

[so seh^ 

*) das jenseits der Ströme Ton Kusch liegt. 



nähme die wahrscheinlichere, denn hevor Sanherib in der aus c. I7 bekannten Weise in 
Juda hauste, wären die Assyrer wohl nicht kurzweg als »unsere Plünderer« bezeichnet 
worden, und auch c. ISifif. scheint zu verraten, dass die Gl&ubigen, für die unser Stück 
offenbar hauptsächlich bestimmt ist, schon mit Ungeduld auf Jahves Eingreifen warten, 
c. 17i«— u ist Ton Stade (ZATW 1883, S. 16) für unecht erklärt worden, weil in Jesaias 
Theologie die yielen Völker noch nicht vorkommen können, c. 18 ist wohl nur zuf&Uig 
diesem Schicksal entgangen (s. v. 3). 12 Dillm meint, dieser Yers klinge nicht wie etwas 
im Geist Geschautes, sondern auch gewöhnlichen Menschen Vernehmbares. In Wirklich- 
keit kann dergleichen, auch wenn der Feind im Lande ist, nur die Phantasie wahrnehmen. 
Der Feind ist auch nach v. 14 noch nicht in unmittelbarer Nähe, sondern soll erst noch 
(vor Jerusalem) kommen, wie hätten auch sonst die fremden Gesandten in der Stadt sein 
können. Ähnlich hört mit Geistesohren der Nachahmer dieser Stelle c. 134. Die vielen 
Völker waren wirklich im Heer Assurs und haben mit der Theologie Jesaias nichts zu 
thun. Q**o** ist ein poetischer Plural, poetisch auch die archaistischen Formen ymm (wo 
die Pausa das radikale * geschützt hat) und] y\H7r. Oben ist des Metrums wegen &*>'^''a2 
aus dem vierten Stiches in den dritten gesetzt und seine Stelle nach der Variante v. 13 
durch B'^a'^ ausgefüllt; auch die LXX begünstigt in etwas diese Änderung. 18 Dass der 
erste Satz nur Variante ist, zeigt Stil und Versmass; um »die Dauer der Handlung zu 
malen« , hätten einem Jes. wohl wirksamere Mittel zu Gebote gestanden , als diese öde 
Wiederholung. »Er schilt drein«, in das Toben, ist ein wenig zu kurz für einen Stiches ; 
vielleicht fehlt ein icin, um so mehr, als ohne das subj. explic. der starke Gegensatz der 
Sache nur einen matten stilistischen Ausdruck findet ; man könnte etwa schreiben : k^ti') 
iä -ly»" ^f&. Gas Schelten ist zwar ein bildlicher Ausdruck, immerhin aber nicht so aus- 
schliesslich bildlich, wie etwa bei einem modernen Dichter, denn das blosse Wort, sogar 
das eines Menschen, hat eine reale Wirkung vgl. zu c. 9?; Jahve zaubert zwar nicht wie 
Wodan, aber Wunsch und Wille ist auch bei ihm unmittelbar Kraft. Sobald er schilt, 
ist der Völkerschwarm zerstoben wie Spreu der Berge vgl. c. 296. Das Dreschen mittelst 
der Dreschschleifen zerfetzt das Stroh in kleine Stückchen, die Dreschtennen lagen auf 
freien Anhöhen, ein Windstoss führte die leichte Spreu davon. 14 Gegen Abiend Schrecken, 
nämlich für Jerusalem, auf das Jes. einen Ansturm der wilden Völker, Assurs, Kirs, 
Elams erwartet (c. 226). Aber zwischen Abend und Morgen werden sie vernichtet. Auch 
c. 30i7ff. scheint sich in gleich gehobener Stimmung Jes. Jahves Arbeit als eine nächt- 
liche vorzustellen, jedenfalls als eine urplötzlich eintretende vgl. c. 295. Der Ausdruck 
»unsere Plünderer und Bäuber« enthält nicht etwa das Motiv für Jesaias Drohungen, 
es ist Jahves Wille, dass die Assyrer plündern und verwüsten sollen, auch Juda. Aber 
allerdings thun die Assyrer, wie Jes. allmählich erkannt hat (s. zu c. lOsff.), dies nicht 
im Gehorsam gegen Jahve, sondern aus eigenem bösen Triebe und gotteslästerlichem 
Hochmut, und darum durfte Jes. diese scheltenden Worte gebrauchen. 18, 1 — 8 eben- 
falls aus drei Vierzeilern bestehend. Jes. wendet sich nun an die Gesandten des fremden 
liandes. Dass Jes. dies Land geographisch und in einem sehr prosaischen Relativsatz 
näher bezeichnet haben sollte, ist sehr unwahrscheinlich; v. Ib ist eine Glosse wie die 
von c. 7 18 und der Ausdruck ähnlich verzwickt, wie in den Zusätzen zu Gen 22 s, wo im 
Lande des Moria ein gewisser Berg, nämlich der Moria, liegt. Für die Späteren ist 



Jes 184. 109 

^Denn so sprach Jahve zu mir: nRuhig will ich zuschauen an meinem 

[Ort, 
Wie strahlende Glut über'mSon- wie Thauwolke in Emt^luf. 

[nenlicht, 



allerdiogs KuBch eia mehr ethnographischer als nationaler Begriff. Jes. hätte wohl, wenn er 
Nennung des Landes heahsichtigte , den den Späteren unbekannten Namen des Beiches 
Tarrakos, Napata, genannt. Die Ströme sind der Nil selbst, der bei etwa 18® nördl. 
Breite in ostwestlicher Bichtung fliesst, und der Zuflass Astaboras (Takazzie), ferner 
der Astapas und der Astasobas, der blaue und der weisse Nil. ^;g^s bedeutet Dtn 2842 
die Heuschrecke oder Grille; Ton ^Vs, schwirren, sind femer Musikinstrumente D^VxVa; 
benannt. Unser bsVs, wie man den stat abs. doch wohl aussprechen muss, bedeutet da- 
nach Geschwirr und weist auf die Tsetsefliegen hin, an denen die Nilländer reich sind. 
LXX und Trg. denken an geflügelte Schiffe, die aber erst t. 2 an die Reihe kommen, 
Dillm. quält sich yergebens ab, seinem 's ^$ ^s das afuflaxioi des Strabo abzugewinnen, 
denn zu dem afitp^ reicht weder die Wiederholung des ^s, noch der Dual trns aus. Vom 
Insektenreichtum des fernen Landes werden Kaufleute wie gewöhnlich übertriebene An- 
gaben gemacht haben, um für die daher geholten Waren hohe Preise zu erhalten und 
Konkurrenten abzuschrecken. Fühlte sich der Judäer vielleicht geschmeichelt, wenn aus 
einem so fernen Lande (vgl. zu c. 39 s) Gesandte eines mächtigen Volks zu ihm kamen, 
80 erfüllt den Jes. das Hochgefühl, dass sich die ganze Welt um den Sitz Jahves bewegt, 
dass aber Jahve jener exotischen Hülfe nicht bedarf. 2 Jenes Volk sendet Boten auf 
dem Meer, d. h. dem Nil vgl. Na 3 8 Jes 195, in Fapjrusschiffen, kleinen sehr leichten 
und darum schnellen (Job 9s6) Fahrzeugen. Diese schnellen Boten fordert der Prophet 
auf, zu den Kuschiten eine Botschaft von Jahve zu bringen. Es ist eine sonderbare 
Annahme einiger Exegeten, dass die Boten von Kusch an Kusch selber geschickt werden, 
nämlich in die verschiedenen Distrikte, wobei über der höchst überflüssigen pathetischen 
Charakterisierung der Beschickten die Botschaft selber vergessen wäre, als welche v. 3 
nicht gelten kann. In Jesaias Munde nimmt sich jene Charakterisierung natürlich aus; 
sie entspricht, sofern sie lobt, den Höflichkeitsregeln des internationalen Verkehrs, sofern 
sie poetisch ist, den orientalischen Sitten, und die Botschaft ist in diesem Fall in den 
folgenden Versen enthalten. Die Äthiopen sind >langgestreckt« von Wuchs und »polierte 
{p'^'n für D^'n^ IBeg 745), von glänzender Bronzefarbe der Haut, fieyiOToi xai xakXiarot 
av&Qmnwv wie Herodot sagt; ferner gefürchtet von da bis dort, welchen volkstümlichen 
Ausdruck man wohl besser in räumlichem, als in temporalem Sinne fasst; femer ein Volk 
von i;9^p_ (so statt '9-ip zu schreiben), von sehniger Kraft, und noia«, Niedertretnng, Sieg. 
Endlich führt Jes., der Bewohner eines wasserarmen Landes, mit Bewunderung die 
Ströme an, die Äthiopien durchschneiden (? kts ist an, Uy, von unsicherer Bedeutung) 
und ihm einen beneidenswerten Vorzug vor vielen anderen Ländern geben. Marti setzt 
letzteren Satz (ohne ix'^k) an die Stelle von v. Ib. 8 Die Botschaft gilt den Äthiopen 
nur in demselben Masse, wie allen an der Katastrophe Assurs nicht unmittelbar betei- 
ligten Völkern, darum die Verallgemeinerung der Adresse: alle Bewohner der Erde. 
Wenn auch ptc das äthiopische Land allein bedeuten könnte, so doch nicht ^an. Fahne 
und Posaune sind natürlich nur Bild, und man braucht nicht zu fragen, wer die Signale 
giebt. Auf irgend eine Weise, wahrscheinlich nicht blos durch nachfolgende Nachrichten, 
sondern schon während der Ausführung, wird Jahves Grossthat allen Weltbewohnern 
vernehmbar. Jes. denkt sie sich offenbar durchaus als Wunder. Während wir uns, bei 
ganz anderen Ansichten vom Globus, das Wundersignal selbst nicht als Wunder vor- 
stellig machen können, erzählt das NT, dass die Weisen aus dem Morgenlande durch 
den Stern des Messias auf das Ereignis in Palästina aufmerksam gemacht werden. 
4 bis 6, abermals drei Vierzeiler. »Denn« es giebt wirklich etwas zu sehen und zu 
hören, Jes. durfte die Botschaft mitgeben, weil er eine besondere Offenbarung gehabt 



HO Jes 185. 

^Denn vor der Ernte, wenn fertig der und reifende Traube wird die Bifite, 

[Spross 
Schneidet er ab die Ranken mit und die Triebe schlagt er hinweg. 

[Winzermessem, 



hat. Kein Wort kann wahrer sein. In jener wetterschwangeren Zeit, als die Völker' 
Yon den entgegengesetzten Enden der Erde zum letzten Biesenkampfe sich anschickten 
und das kleine Juda unter dem ungeheueren Heer Assurs an den Boden gedrückt lag, 
hatte keine Kombination — wenn nicht auch Jesaias Ansicht von den Dingen das Gegen- 
teil jeder menschenmöglichen Kombination gewesen wäre — einem Manne eine solch 
erhabene, fast heitere Buhe des Geistes geben können, wie der Jahveprophet sie in dieser 
Bede zeigt. Wenn der Text richtig ist, so spricht nur v. 4 Jahve, dagegen in v. 5 der 
Prophet, demnach Jahve nur den einleitenden, scheinbar unbedeutenderen Satz. Man 
könnte geneigt sein, diese scheinbare Ungebühr durch Korrektur von v. 4 oder v. J5 zu 
beseitigen, aber es fragt sich, ob man es darf. Vielleicht will der Prophet wirklich nur 
den Inhalt von v. 4 als die Offenbarung jener Stunde bezeichnen. Dass überhaupt Assur 
vor Jerusalem untergehen soll v. 5, das wusste er schon von früher her. Jetzt hat er 
in einem ekstatischen Moment erfahren, dass Jahve schon jetzt als Zuschauer mit dabei 
ist, freilich ein Zuschauer aus ungeheurer Ferne: ruhig will ich blicken (ntspvK, im Qre 
mit Becht ohne *>, hat adverbiellen Sinn) an meiner St&tte, d. h. nicht an dem Ort, wo 
ich wohne (inipoa), sondern an dem Ort, wo ich mich zur Beobachtung aufstelle. Wo 
Jahve eigentlich wohnt, das erfahrt man bei Jes., wenn man vom Tempel absieht, nicht; 
über den gewählten Beobachtungsort darf man einen Wahrscheinlichkeitsschluss aus den 
folgenden Bildern ziehen. »Wie strahlende Glut« etc. s ist in v. 4 nicht Zeit-, sondern 
Vergleichungspartikel, denn wie könnte Jes. sagen, dass Jahve in der Erntezeit ruhig zu- 
schauen, vor der Ernte aber sein Gericht vollziehen wolle! Die strahlende Hitze ist 
jenes flimmernde Licht, das sich noch oberhalb der Sonne zu befinden scheint, auch nicht 
von ihr herrührt, sondern einer höheren Sphäre angehört, dem Menschenauge unerträg- 
lich, das sich doch des Sonnenlichtes freut, für viele Völker die Begion der obersten 
Götter. Wie dieser leuchtende Äther die Welt zu beschauen scheint, so will Jahve, und 
nun doch wohl vom selben Ort herab, dem Thun der Assjrer zuschauen, bis die Stunde 
da ist. Ähnlich ist: »wie die Thauwolke«. Eine Begenwolke, die niedrig sein würde, 
ist nicht gemeint, weil sie kein Bild für Buhe ist, auch die Emtehitze vor ihr nicht 
Stand hält, sondern wieder die allerobersten, feinen, scheinbar unbeweglichen (Cirrus-) 
Wolken, die so recht geeignet scheinen, auf die beobachtende Gegenwart der Himmlischen, 
zu deren Füssen sie sich befinden, leise hinzuweisen. Und so ist mit diesem wohl auch 
ein Wink gegeben zu der Annahme, dass der ekstatische Moment bei Jes. eintrat in 
einem Augenblick, wo er, »sich nach oben wendend« (8si), jene Wölkchen und zwischen 
ihnen jenes stechende Flimmern gewahrte, das den antiken Menschen aus der oberen Welt 
stammt. Marti streicht v. 3 und zieht v. 5 f. zu c. 17 1 — 11, lässt also blos v. 4 übrig, 
den für sich allein nur ein Exeget versteht und den kein Judäer, geschweige einÄthiope, 
verstanden hätte: Jes. beauftragt äthiop. Gesandte, nach Napata zu reisen und zu mel- 
den, dass Jahve ruhig blickt! Das ist die Folge davon, dass man religionsgeschicht- 
lichen Theorieen, noch dazu falschen, einen Einfluss auf die Kritik verstattet. Der theo- 
retische Universalismus und die grossartige Eschatologie der späteren Zeit sind in letzter 
Linie auf den Eindruck zurückzuführen, den die von der ersten welterobernden Macht 
hervorgebrachte ungeheure geschichtliche Bewegung auf einen Geist wie den des Jesaia 
machte; und es ist verkehrt, die Stellen wegzustreichen, aus denen man dies lernt, blos 
weil die von ihnen ausgegangene dogmatische Eschatologie, die ihre Ausdrücke und 
Wendungen wiederholt, scheinbar ähnlich redet. 5 »Denn« Jahve wartet noch erst, weil 
er den Zeitpunkt seines Eingreifens genau festgestellt hat; er wartet bis kurz vor der 
Ernte. Das Bild ist klar : Jahve lässt die verderblichen Anschläge und Anstalten Assurs 



Jes 106— t. 111 

^Überlassen werden sie zumal dem und dem Getier des Landes, 

[Oeier der Berge 

Und übersommem wird darauf und alles Getier des Landes darauf 

[der Geier [überwintern. 

7 In jener Zeit wird Gkibe dargebracht Jahven der Heere vom Volk ge- 
streckt und blank und vom Stamm gefürchtet weit und breit, dem Volk von 
Kraft und Sieg, dessen Land Strome durchschneiden, zum Ort des Namens Jahves 
der Heere, dem Berg Zion. 



sich erst entwickeln und bis nahe an die TÖUige Durchführung kommen, dann schreitet 
er plötzlich ein. Hier, in der Bede an die Knschiten, wird diese Handlungsweise nicht 
weiter erkl&rt, aber wir kennen das Motiv. Juda muss erst an den Band des Untergangs 
kommen, bis dahin ist Assur Werkzeug und wird nicht gehindert, auch erfordern Jahves 
weitere Absichten mit Israel und den Völkern das volle Wunder, den schlagenden Beweis, 
dass Jahve allein alles geplant und gethan hat. ^**:ep bedeutet hier die Weinernte, wie 
c. 169, wenn nicht '^^ zu lesen ist. rrn (Pausalform fdr rrn, an. ley., zur Wurzel vgl. 
0. § 265 i), er schlägt ab, dazu ^'^n mit adverbieller Kraft: er schl&gt hinweg. Der 
Weinstock wird grade in dem Augenblick vernichtet, wo er Frucht »machenc will. 
6 Bascher Übergang vom Bilde zur Sache. Die getöteten Assyrer werden als Räuber 
c. 17 14 den Aastieren, Geiern, Schakalen, Hunden, überlassen, die einen ganzen Sommer 
und Winter daran zu fressen haben werden. Jes. versagt ihnen die Ehre des Grabes, 
er fOrehtet sich nicht vor ihren Gespenstern und er sorgt sich nicht darum, dass ihre 
Leichen das Land verunreinigen werden, darin wieder ganz verschieden von Hesekiel, 
der in seiner weitläufigen apokalyptischen Ausbeutung unserer Eede eine sehr genaue 
Thora über die Beseitigung der Leichen und die Beinigung des Landes giebt c. 39ii — is. 
Mit diesem Yers ist die Bede zum Anfang zurückgekehrt und abgeschlossen. 7 ist ein 
später Nachtrag, trotz aller Nachahmung in einem prosaischen Stil gehalten. Jes. würde 
nicht zweimal in einem Satz Jahve der Heere geschrieben haben. Der Inhalt, dass »in 
jener Zeit« die Äthiopen an den Tempel zu Jerusalem steuern sollen, passt zur Situation 
der Bede ebenso schön, wie z. B. die weitläufige Thora in £x 12 f. zur eiligen Flucht 
ans Ägypten, gehört aber zum eschatologischen Inventar der späteren Zeit. Der Vers 
ist inspiriert von Zph 3io. hzr» ein feierliches Wort vgl. Zph 3io Ps 68 so. Für ny lies 
OTQ, denn wenn auch an sich der Gedanke, dass die Äthiopen selber als Gabe, als 
Tempelsklaven, naöh Jerusalem gebracht werden sollen, wegen c. 45 u sehr gut möglich 
wäre, so zeigt doch das folgende oya und LXX, dass ein Schreibfehler vorliegt. Der 
»Name« bezeichnet bei den Späteren den Tempelkultus. 

Siebentes Stück c. 19, Orakel über Ägypten. Es weissagt Ägypten Bürger- 
kriege, harte Bedrückung und sonstige Landeskalamitäten (v. 1 — 15). Dann werden die 
Ägypter sich vor Juda fürchten, zuletzt tritt Ägypten, wo fünf Städte, darunter Leon- 
topolis, jüdisch reden und ein Jahvetempel gebaut wird, zur Jahvereligion über und mit 
Syrien und Juda in friedlichen Verkehr (v. 16 — 25). Schon längst ist behauptet, dass 
das cap.- nicht von Einer Hand sei und mit v. 16 oder 17 oder 18 ein Nachtrag aus 
sehr junger Zeit beginne oder dass wenigstens v. 18 — 20 später eingesetzt sei oder Ein- 
sätze erhalten habe. In der That ist kaum ein Stück im ganzen Buch so »unecht« wie 
V. 16 ff. ; Jes. müsste gradezu seine sonstigen Weissagungen verleugnet haben , wenn er 
diese Yerse geschrieben hätte, und der zerfahrene Stil, die brockenhafte Aneinander- 
reihung von allerlei kleinen Weissagungen haben wohl ihre Parallelen in den Nach- 
ahmungen und Ergänzungen des 2. Jahrb., nicht aber in der alten Prophetie. Zur Zeit 
des Yf.s muss Juda derartige kriegerische Erfolge aufzuweisen gehabt haben, dass es 
Ägypten gefahrlich werden (v. 17) und neben Ägypten und »Assur« stehen konnte (v. 24). 
Die fünf palästinensisch redenden Städte, darunter Leontopolis, der »Altar«, wo man 



112 Jes 19 1—2. 

19 ^Orakel über Ägypten. 

Siehe, Jahve reitet auf schneller Wolke und kommt nach Ägypten, 
Und es wanken die Nichtse Äayptem vor ihm, 
Und das Herz Ägyptens zersckmüzt in seinen Innern. 
* Und aufstacheln werde ich Ägypten wider Ägypten, 
Und kämpfen unrd der eine gegen den andern und jeder gegen jeden, 
Stadt gegen Stadt und Königreich gegen Königreich, 



mm 

Opfer und Gelübde ausrichten kann, die Hoffnung, dass die Ägypter sich zu Jahve »be- 
kehren« werden, die so viel jüdische Schriften seit dem 2. Jahrb. hervorgerufen hat, die 
Anspielung auf die jüdischen Feldherm der Ägypter, auf die Dositheus, Onias, Chelkias, 
Ananias, zeigen deutlich genug, dass diese »Weissagungen« in die Mitte des 2. Jahrh. 
fallen; die Freundschaft, die zwischen Ägypten und Syrien entstehen und Jnda mit 
umfassen soll, erinnert sofort an die Hochzeit des Alexander Balas mit der Tochter des 
Ptolemäus Philometor, der Jonathan im Purpur beiwohnte IMak IO51— 66. Dieser Teil 
ist wegen der Verherrlichung des Tempels von Leontopolis und der jüdischen Feldherrn 
von einem ägyptischen Juden geschrieben ; daraus erklärt sich auch, dass von der Bück- 
kehr der Diaspora keine Bede ist und der heidenfeindliche, partikularistische Zug der 
palästinensischen Orakel ganz fehlt. Alle jene geschichtlichen, jedermann bekannten 
Thatsachen und Umstände in die Form von Weissagungen zu kleiden, lag für einen 
Zeitgenossen der sibyllinischen Dichter nahe genug. Dass der erste Teil nicht ebenfalls 
längst (ausser von £ichhorn und Bosenm.) dem Jes. abgesprochen ist, liegt wohl einer- 
seits an dem Mangel handgreiflicher Prädiktionen, andererseits an der geringen Auf- 
merksamkeit der Kritiker für Stil und Metrik. Würde Jes. in den ersten vier Zeilen 
sechsmal das Wort Ägypten geschrieben haben, oder ist v. 5f. oder v. 15 bei einem 
solchen Klassiker möglich? Würde Jes. sich so eingehend, wie v. 5 — 10 geschieht, um 
die Brotsorgen der ägyptischen Fischer und Weber gekümmert haben ? Vor allen Dingen 
ist unjesaianisch das Fehlen jedes Motivs, besonders jedes politischen Motivs für die 
Drohungen; offenbar lebt der Vf. zu einer Zeit, wo es schon Mode geworden war, 
Drohungen wider die Heiden zu schleudern, weil sie Heiden waren. Am besten wird 
wohl V. 1 — 15 auf die Kämpfe der letzten (30.) einheimischen Dynastie gegen den zweiten 
und dritten Artaxerxes bezogen, in denen Memphis und Zoan eine grosse Bolle spielten, 
Aufstände im eigenen Lande nicht fehlten und der letzte Pharao Nektanabis sich besser 
auf das Zaubern verstand, als auf die Abwehr des grausamen Ochus; es wäre demnach 
um die Mitte des 4. Jahrh. und wegen v. 5lf. ebenfalls in Ägypten geschrieben. 1 Jahve 
reitet auf schneller Wolke nach Ägypten, eine Vorstellung, die sich ähnlich in den 
Psalmen findet (1048 18 11), während Jahve in der älteren Zeit schreitet (Jdc 5« IlSam 
5m). Der erste Absatz ist mit seinem Anfang und Schluss der ersten Strophe von 
c. 17ifif. nachgebildet. Jahve kommt selbst nach Ägypten; bei Jes. wirkt er wohl 
durch menschliche Werkzeuge ausserhalb seines Landes, erscheint selbst aber nur in 
seinem Volke. Woher er kommt, setzt der Vf. als bekaiint voraus; wegen der Wolke 
sollte man an den Himmel denken, aber möglich ist auch, dass der Tempel zu Jerusalem 
gemeint ist. Die Götzen wanken und die Ägypter verzagen; bei den q**V**^k denkt der 
Vf. wohl an deren Bilder und an Erzählungen wie I Sam 5iff. vgl. übrigens Hes 30 is. 
Die Stichen sind im ganzen cap. durchaus regellos. 2 von Jahve gesprochen. Wenn 
das Stück von einem guten Schriftsteller wäre, so sollt« man v. 2 für einen Einsatz 
halten. In v. 1 ist Ägypten ganz mutlos, in v. 2 in wütendem Bürgerkrieg begriffen, 
in V. 3 wieder ganz ratlos. Der Vf. häuft alle möglichen Kalamitäten, wie sie ein Land 
treffen können und Ägypten im 4. Jahrh. wirklich getroffen haben, vermag aber weder 
ihren Zusammenhang, noch auch nur ihr Zusammentreffen recht darzustellen. Der letzte 
Pharao war selbst durch einen Aufstand gegen seinen Vorgänger Tachos zur Herrschaft 
gekommen und wäre seinerseits einem Aufruhr, der ihn in Tanis gefangen hielt, ohne 



Jes 19«— t. 113 

^Und ausgeleert unrd sein Ägyptens Oeist in seinem Innern, 

Und seinen Bat vernichte ich; 

Und sie werden anfragen bei den Nichtsen und den Beschwörern 

Und bei den Tatengeistem und den Wissenden. 
* Und ich werde beschliessen Ägypten in die Hand eines harten Herrn, 

Und ein grimmiger König wird Ober sie herrschen: 

Ausspruch des Üerm, Jmves der Heere, — 

^ Wind es versiegen die Wasser aus dem Meer, 

Und der Strom trocknet aus und wird trocken, 
^Und stinkend u?erden die Ströme, % 

Niedrig und trocken die Nüe Mazors. 

Bohr und Schaf wdken ah, 
^ Verschwunden ist alles Orün am Bande des NUs; 

Und alle Saat des Nils 

Wird verdorren, ist gejagt und nicht mehr. 



die HQlfe des Agesilaos erlegen ; diese ümst&iide reizten die Perser zar Eroberung (y. 4). 
•Vor der letzteren erwartet unser Vf. ein Allgemeinwerden der Bürgerkriege. »Beich 
gegen Reich« konnte auch zur Zeit des Einheitsstaates gesagt werden, weil bis zur 
griechischen Zeit die einzelnen Nomen eine grosse Selbständigkeit behaupteten und oft 
in der Vorherrschaft abwechselten, "nsoso nach c. 9io. 8 rm bezeichnet in der vor- 
exilischen Zeit ein übersinnliches Wesen oder eine übersinnliche Kraft oder deren Wir- 
kung, niemals einen Wesensbestandteil des Menschen; erst etwa von Hesekiel an kann 
es mit zh oder ves alternieren; zu der Phrase m*^ npa3 (für n^aa, als wenn paa intrans. 
qal statt niph. wäre s. 0. § 263 b) vgl. Jer 19?. Dass die Ägypter bei den Göttern um 
Bat fragen, kann ihnen doch blos ein Jude der späteren Zeit zum Vorwurf machen ; nach 
c. 8 19, welche Stelle im Übrigen zu t. 3 b zu vergleichen ist, würden die Ägypter darin 
ja ganz korrekt handeln. Unser Vf. sieht bereits das Heidentum als Abfall vom Mono- 
theismus an. Die &"t9)i deutet man als »Flüstererc, Sprecher von Zauberformeln. 4 *'n'^DD, 
Hes dOis: ^nnso; da die Stelle in Hesekiel unzweifelhaft die Grundstelle ist, so wird 
beider Orten dasselbe Wort gebraucht sein, nur weiss man nicht, welches. Der harte 
Herr (zum plur. s. c. Is Gen 4290) ist ein ausländischer Eroberer, nach unserer Annahme 
Ochus. Harte Herrschaft eines Einheimischen ist der Orientale zu sehr gewohnt, um 
darin eine besonders starke Drohung zu sehen ; dazu soll doch die Befragung der Götter 
durch Ägypten gewiss gegen eine ausländische Bedrohung Bat schaffen, vy ist wohl 
eigentlich eine Abkürzung von o^at is vgl. Dan 828, da es an sich nur »stark« heisst. 
6 bis 10 folgt eine äusserst umständliche und leere Beschreibung von nichtpolitischen 
Kalamitäten, für die sich Jes. schwerlich prophetisch interessiert hätte, weil sie ihn und 
sein Volk nichts angehen und mit dem grossen Batschluss Jahves nichts zu schaffen 
haben. In vielen Sätzen wird nach Hes 30 is das Austrocknen des Nils beschrieben, 
der V. 5 nach c. 18s »Meer« genannt wird, in v. 6a ^mt nach dem ägyptischen Namen 
aur; der plur. wegen seiner vielen Arme und Kanäle. in'^aTKn scheint aus einem aramai- 
sierenden in-aTM und einem zur Korrektur beigeschriebenen n entstanden zu sein, "iixta 
wie Muzur bei den Assyrem (Winckler zieht nach dem babyl. Mizri oder Mizarri die 
Aussprache "^Ss^ vor); hat der Vf. -ihac^ ausgesprochen, so spielt er auf das appellat. 
Einschliessnng, Bedrängung, an (vgl. 37 15). 6 b. 7 schildert die nächste Folge der Aus- 
trocknung des Nils. v. 7a wird meist so übersetzt: Auen am Nil, am Mund des Nils. 
Da wäre also das Verb von v. 6 her zu ergänzen, und der Satz würde sich neben v. 7 b 
sehr hülflos und stammelnd ausnehmen; wunderlich wäre die Selbst Verbesserung des Vf. s 
in dem »am Mund des Nils« für »am Nil«. Endlich giebt man zu dem an. ley, ri^ny die 
Erklärung, eigentlich bedeute es nackte, entblösste Stellen, darum — Auen! Da das 
*^iir in V. 6 ff. doch reichlich viel vorkommt, so kann mau sich nur freuen, durch das 
HmdkonuaMUtf i. A.. T.: Dakm, Jes. 2. Aufl. 8 



114 Jes 198—11. 

^ Und klagen werden die Fischer, 
Und trauern alle, die in den NU werfen die Angel, 
Und die das Netz ausbreiten auf der Wasserfläche, sind verschmachtet, 
^ Und zu Schanden toerden, die gehechelten Flachs verarbeiten 

[und die Baumwolle weben. 
^0 Und die ihn verweben, werden zerschlagen sein. 
Alle Lohnarbeiter sind gebeugter Seele, — 

iiJVt*r Thoren sind die Fürsten van Zoan, 
Die weisesten Ratgeber Pharaos ein verdummter Rat; 
Wie könnt ihr doch sagen zu Pharao: 
Sohn von Weisen bin ich, Sohn von Königen der Vorzeit! 

1^ Wo sind denn deine Weisen? 
Mögen sie dir doch anzeigen und mögen sie kundthun. 
Was beschlossen hat Jahve der Heere über Ägypten! 



p"^*" \^ der LXX für unser *^ik*« ^y es wenigstens einmal los zu werden, ni-y muss dazu 
Prädikat sein; liegt kein Textfehler vor, so kann man es der Etymologie gemäss mit 
»nackte, kahle Stellen« wiedergeben; vielleicht schreibt man besser ^^y. Der Mund des 
Nils ist schwerlich seine Mündung, weil der Nil nicht Eine Mündung hat und weil die 
Nehrungen am Meeresufer nicht als Beispiel für das vom Nil gesegnete Fruchtland 
gelten können; nc muss nach Prv 889 das Ufer bedeuten oder vielmehr beide Ufer, wie 
die Lippe das eine. r^T^a ist wegen s)-^ wohl nicht Saatland, sondern Saat vgl. ^sm, 
nrvtt. 8 iai(, ^^aK, i^V«k bei den Späteren beliebt. Die Austrocknung des Nils ist sehr 
ernsthaft gemeint, wenn es keine Fische mehr geben soll. Die späteren Schriftsteller 
lieben das Wunder und die Übertreibung, und das spätere Judentum die Ausmalung der 
Plagen, die die Heiden treffen sollen. 9 Die Flachsindustrie mag zur Zeit des Yf.s in 
Blüte gestanden haben. Der ilachs gedeiht am besten auf den Äckern, die am längsten 
unter Wasser stehen (Rosenm. bibl. Altertumskunde lU, 233). nnp'^i; ist Appos. zu D*rvc. 
'^^n übersetzt die LXX, die hier kompetent sein dürfte, mit ßvaaog. Wenn Dillm. da- 
gegen einwendet, dass wohl Plinius, aber nicht Herodot die Baumwollenstaude in 
Ägypten nennt, so sollte er eben unser Stück für jünger halten als Herodot; übrigens 
ist die Baumwolle lange vor ihm in Ägypten benutzt worden. Indessen ist möglich, 
dass der Vf. wirklich nicht von der Baumwolle gesprochen hat, denn das **-iin q'^s'^ki hinkt 
etwas schwerfällig hinter v. 9 a her und das Suff, von rrrrv scheint sich nicht auf ^-iin, 
sondern auf die vorhergehenden Plurale za beziehen. 10 Dies n^rn« übersetzt man: 
seine (nämlich des nicht genannten Ägypterlandes) Pfeiler oder auch Grundlagen, und 
versteht darunter entweder die Vornehmen oder die Geringen. Aber abgesehen'von seiner 
Zweideutigkeit und der Beziehungslosigkeit seines Suffixes wäre der Ausdruck hier viel 
zu allgemein. Ständen die beiden Stichen in umgekehrter Folge, so könnte man "^sv' 
(mit LXX und Posch.) lesen und danach rn^. Indessen sind wahrscheinlich auch hier 
Arbeiter gemeint, daher am besten das von Koppe und Rosenm. empfohlene rrnrö oder 
besser rrr^ zu lesen, mag dies das koptische Wort für Weber sein oder auch im Hebr. 
existiert haben (vgl. "rv, Gewebe); das weibl. Suff, bezieht sich auf den Flachs. Warum 
diese Deutung »sprach- und Zusammenhangs widrig« sei, bleibt Dillmanns (und Kittels) 
Geheimnis, "^dv '^vy-'^^ schliesst passend ab. Das an, Uy, ^sk ist vielleicht "oxf zu 
schreiben. 1 1 bis 15, der dritte Absatz, der sich wieder den politischen Dingen zuwendet 
und uns vor v. 4 zurückversetzt. Zoan, Tanis, am tanitischen Nilarm, eine alte Stadt 
(Num 1328), die Hauptstadt der Hyksos und später der 21. und 23. Dynastie, sonst eines 
hohen Statthalters, womöglich eines Königssohns, oft eines mehr oder weniger selbständigen 
Dynasten, diente dem letzten Pharao als Zuflucht vor den Empörern und sah alsdann 
(343) in nächster Nähe die Entscheidungsschlacht schlagen, durch die Ägypten die Beute 
Persiens wurde. Unser Verf. schreibt wohl zwischen beiden zuletzt genannten Ereig- 



Jes 19is—it. 115 

^* Beihört sind die Fürsten von Zoan, vermrrt die Fürsten von Memphis, 

Taumeln gemacht haben Ägypten die Häupter seiner Nomen. 
^^Jahve hat gegossen in seine Mute einen Geist der Verkehrtheit, 

Und taumeln machen sie Ägypten in allem seinen Thun, 

Wie ein Betrunkener taumdt in seinem Gespei; 
** Und nicht oiebt^s für Ägypten ein Thun, 

Das thäte Haupt und ächwanz. Palmzweig und Binse. 

^^Au jenem Tage wird Ägypten sein wie die Weiber und wird zittern und 
beben vor dem Schwung der Hand Jahyes der Heere, die er schwingt wider ee. 
^^Und es wird das Land Juda für Ägypten zum Grauen sein; wer immer es 
daran erinnert, bebt es — vor dem Beschluss Jahves, den er beschliemt über es. 



nigsen. Der zweite Sticbos wird meist so übersetzt: die weisesten Batgeber Pharaos — 
Bat ist ?erdummt. »Ihre Bat wäre dabei doch zu erwarten, und die Konstruktion zer- 
stört den 80 wie so kläglichen Versbau vollends. Man muss mit £w. ns9 als abstr. pro 
concr. fassen, um so mebr, als "^ya und '^y^s immer yon Personen gebraucht wird. Trotz 
ihrer Unfähigkeit trotzen die Beamten dem Pharao gegenüber auf ihren Priester- oder 
Eürstenadel. Die Betonung der Vorzeit charakterisiert die Ägypter überhaupt, ist übrigens 
im Altertum wie im Mittelalter zum Teil darauf begründet, dass Wissen und Können 
wegen mangelhafter Technik, Verbreitung und Zugänglichkeit der Lehrmittel und aus 
sozialen Ursachen viel mehr Erbbesitz als Gemeingut war. 12 wird plötzlich der Pharao 
angeredet, weil hier keine mündliche Bede reproduziert wird und dem Verf. c. 47i8f. 
vorschwebt; wegen dieser Beminiszenz liest man auch im zweiten Stiches mit LXX und 
Vulg. besser ny^r^. Ein Jahveorakel können allerdings diese Weisen nicht geben: der 
Vf. spricht wieder von seinem monotheistischen Gesichtspunkt aus. 18 variiert zunächst 
wieder v. IIa. i^Kts transponiert aus fh)va. Sich selbst betrogen haben die Fürsten von 
cp, wie Memphis, ägypt. Mannufer, seit Jeremia (2i6) statt vp (Hos 9 6) öfter genannt 
wird. Die bekannte Hauptstadt an der Südspitze des Delta war die Zuflucht des letzten 
Pharao, als er noch vor der Schlacht bei Pelusium entfloh. In v. 13b werden die ras 
TTH^v etwas Ähnliches bedeuten wie die w^v in v. 13 a. Die Verehrer der Punktatoren 
fassen rsc als Eckstein und quälen dann den Begriff der Vornehmheit heraus. Nach 
ISam 1488 Jde 20s ist nb^ zu lesen: Vorsteher, Häupter. Dass die D-xaav Kasten seien, 
während es sonst immer Stämme bedeutet, ist ebenfalls eine sonderbare Behauptung, 
zumal man mit den Kasten und ihrem Eckstein nichts anfangen kann und nicht einmal 
weiss, ob die Ecke der Kasten diesmal die Priester oder die Krieger bezeichnen soll. 
Mit V. Or. und älteren Erklärem hat man an das zu denken, was den israelitischen 
Stämmen entspricht, an die Nomen, die v. 2 genannten Königreiche, deren Bivalität die 
letzten und manche früheren Aufstände hervorgerufen hatte und Ägypten schwächte. 
14 benutzt zuerst c. 29 lo, variiert dann v. 13 b und enthält zuletzt noch eine Bemi- 
niszenz an c. 287 (Job 12 16). Für "^o», mischen, das ein unklares, zu na^^pa nicht 
passendes Bild giebt, liest man nach c. 29 lo besser -jca. nioTa meint die Verteidigungs- 
massregeln gegen den bevorstehenden Angriff; Tachus wurde durch den Aufstand des 
Nektanabis, dieser durch den Aufstand des Dynasten von Mendes gelähmt; das derbe 
Bild am Schluss (niph. von nyn nur hier) ist also nicht zu stark. 15 ist in seiner 
zweiten Hälfte Zitat von Jes 9i9, aber ein übel angebrachtes, denn welches Werk kann 
Schwanz oder Palmzweig vollbringen? Abgesehen davon ist der einfache Gedanke: 
weder hoch noch niedrig leistet etwas, in v. 15 matt und schwerfällig ausgedrückt, 
und statt dass wir hier einen kräftigen Abschluss, den Gipfel der ganzen Drohrede er- 
hielten, verläuft sich die Bede im Sande, weil das Letzte und Schlimmste schon v. 4 
gesagt ist. Wer es für verdienstlich hält, den Propheten durch Umstellungen aufzu- 
helfen, findet also hier ein Feld. 

8* 



116 Jes ldi8— 1«. 

18 Au jenem Tage werden fünf Städte im Lande Ägypten Bein, die die 
Lippe Kanaans reden und zugeschworen sind Jahven der Heere; Leontopolis wird 
eine heissen. 

i^An jenem Tage wird ein Altar für Jahve mitten im Lande Ägypten 



c. 19 16 — 85. 16 f. erweist sich als Nachtrag schon durch den neuen Anfang, ferner 
durch den zur reinen Prosa herabsinkenden Stil, endlich durch den Inhalt. Ägypten hat 
sich hier vor Juda zu f&rchten, von dem v. 1—15 nichts sagte; wäre v. 17 mit v. Iff. 
zu verbinden, so wäre der harte Herr von v. 4 ein Jude. Der Vf. hat die makkabäische 
Glorie erlebt wie der Yf. von Zeh 9 ff. Kriegerische Erfolge gegen die Ägypter anzu- 
nehmen, scheint nicht nötig, ebenfalls nicht die Annahme eines besonderen Grundes 
zum Zorn gegen sie. Es spricht aus diesen Versen das Bewusstsein der Juden von ihrer 
Schoosskinderstellung zu Gott, die von den Heiden erst nach den eschatologiechen 
Züchtigungen anerkannt werden wird. 16 ns*un aus c. 30 38 (auch c. 10 ss 11 is nach- 
geahmt). Der Yf. denkt wohl an ein Wunder der Art, wie es Ex 14 oder II Chr 14 er- 
zählt wird. 17 ffam klingt viel geweihter als 7*^m, Judäa ist eben das heilige Land. 
wn Aramaismus statt nm und an, Uy. ^vk \>i, wer immer, so viel wie: wenn immer 
jemand vgl. Gen 4 16. DerYf. hält es gar nicht für nötig, den Inhalt der ns9 anzugeben, 
es handelt sich ja um ein bekanntes Dogma: die Heiden müssen den Juden unterworfen 
werden, cp» Kin v. 16 und tr^ tnn in aramäischer Weise für das verb. fin. — 18 ein 
neuer Brocken, der aber nicht von einer anderen Hand herzurühren braucht; auch andere 
späte Stücke helfen sich auf dieselbe Weise weiter z. B. c. 7i8ff. Fünf Städte werden 
palästinensisch reden und Jahve zugesehworen sein, d. h. sie werden von Juden und 
Judengenossen bewohnt sein. Yiele Exegeten wehren sich gegen diese Deutung, als ob 
eine andere möglich wäre, als ob z. B. ganze ägyptische Städte blos aus Yerehrung für 
Jahve ihre Sprache aufgeben würden. Das thaten ja nicht einmal die fremdsprachigen 
Juden (Act 25ff.), und die Mehrzahl der ägyptischen Juden auch nicht, da wir sonst 
keine LXX hätten. Die Zahl fünf soll ungefähr dasselbe sein was bei uns ein halbes 
Dutzend und namentlich bei ägyptischen Dingen vorkommen, während doch v. 18 b deut- 
' lieh genug zeigt, dass ganz bestimmte Thatsachen gemeint sind. Hitz. nennt als die ge- 
meinten Städte: Heliopolis, Leontopolis, Migdol, Daphne, Memphis (vgl. Jer 44i). Aber 
diese Städte sprachen mindestens nicht alle blos palästinensisch. Es müssen Städte ge- 
meint sein, die so gut wie ganz jüdisch waren, wahrscheinlich also kleine Städte, die 
wir schwerlich noch herausbringen können. Zu Philos Zeit soll eine Million Ju^den in 
Ägypten gelebt haben. Für Jes. und die ältere Zeit überhaupt war die Möglichkeit, 
dass die Juden in Ägypten fünf Städte ganz und also zahlreiche andere zum Teil inne 
hätten, nicht blos durchaus unwahrscheinlich, sondern auch das Gegenteil des Wünschens- 
werten; da wird mit einem Aufenthalt in Ägypten nur gedroht, und selbst in nach- 
exilischer Zeit konnte so wie hier nur ein ägyptischer Jude sprechen. Den Namen Le- 
ontopolis hat man auf die mannigfaltigste Weise zu umgehen versucht; das einzige 
Mittel, ihn zu beseitigen, wäre die Beseitigung des ganzen Satzes. Dass haris im Arabi- 
schen nur Epitheton des Löwen ist, verschlägt ja doch gar nichts, da dergleichen halb 
verhüllende, halb offenbarende Namen in der Apokalyptik gäng und gebe sind. Die 
Yariante D-tn, Heliopolis, ist im Grunde nur eine Bestätigung für die ursprüngliche Les- 
art; die Yariante der LXX Aaedix, p?s^, nicht minder, denn sie enthält offenbar den 
Beinamen, den die ägyptischen Juden der Stadt gaben, wo sie ihren Tempel hatten und 
nach ihrer und unsers Yf.s Meinung Opfer der Gerechtigkeit brachten (vgl. Jer 31 ss). 
Den Tempel baute Onias lY. um 160 unter Ptolemäus Philometor auf den Buinen eines 
Tempels der löwenköpfigen Göttin Bast. Wir haben hier eine Prädiktion von der Art 
wie IBeg 13s. Der Umstand, dass ein nach 160 a. Chr. verfasstes Orakel in das Buch 
Jes. kommen konnte, ist für jeden Unbefangenen ein sicherer Beweis für die späte Ent- 



Jes 19i9— «. 117 

sein und ein Malstein nächst seiner 6rens&e für Jahye. '^Und er wird sein zum 
Zeichen und Zeugen für Jahve der Heere im Lande Ägypten: wenn sie schreien 
zu Jahve vor Bedrängern, so wird er ihnen einen Helfer senden, und der wird 
streiten und sie erretten. '^Und kund wird sich Jahve Ägypten thun, und die 
Ägypter werden Jahve an jenem Tage erkennen und werden dienen mit blutigen 
und unblutigen Opfern und Jahve Gelübde geloben und bezahlen. >>Und Jahve 
wird die Ägypter plagen, plagend und heilend, und sie werden sich zu Jahve be- 
kehren und er sich ihnen erbitten lassen und sie heilen. 

^*An jenem Tage wird eine Strasse sein von Ägypten nach Syrien, und 
dienen wird Ägypten mit Syrien. 



stehung dieses Baches. — 19 bis 22. Der Altar ist natürlich der, den der 60 Fubb hohe 
Tnrm des Oniastempels umschloss; die mazzeba an der Grenze können wir nicht mehr 
nachweisen. Da seit dem Deuteronominm (16 n) die mazzebot als verwerflich galten, so 
könnte man denken, dass der hier gemeinte Salbstein schon von den ersten vor und nach 
der Zerstörung Jerusalems geflüchteten Juden aufgerichtet wäre, natürlich nicht als 
»Denksäule«, sondern als Heiligtum vgl. z. B. Gen 28 n. Indessen ist diese Annahme 
unnötig. Heiligtümer, die freilich von den Schriftgelehrten perhorresziert wurden, hatten 
die Juden im 2. Jahrh. ntxQa ro xa^rixov viele vgl. Jos. Ant. XIII, 3, sonst wäre auch 
die Polemik der Späteren (z. B. c. 279 178) zwecklos gewesen; auch in Ägypten gah es 
zahlreiche Mazzehas und Ähnliches und daher ein n€^t rtis ^^axews ovx ofÄoSo^eiv, und 
unser Yf. scheint mit der Auszeichnung des einen Grenzheiligtums die anderen ver- 
leugnen zu wollen; es muss ein berühmtes Heiligtum gewesen sein, weil sonst der Ort 
an der Grenze (wahrscheinlich am Heerwege nach Asien) näher bezeichnet worden wäre. 
20 Altar und Mazzeba werden für Jahve Zeichen (vgl. Gen 9is— 17) und Zeuge sein, dass 
er Ägypten zu beschützen hat. Onias will, wie er an Ptolemäus schreibt, den Tempel 
bauen vniQ n aov xtn Trjg ywatxog xm ttav rexvtüv . . . raig aaig e^vnrigerHv XQ^^^S. Wenn 
auch der Brief von Jos. geschrieben sein mag, so entspricht er doch den Verhältnissen. 
Durch Erbauung eines Tempels waren die Juden und ihr Gott mit Ägypten verkettet. 
In V. 20b werden auf Ägypten Worte angewendet, die Jdc 39. 15 2is von den Israeliten 
gebraucht werden. Wenn die Ägypter, so müssen wir den Satz mit Hinblick auf v. 22 b 
verstehen, nicht gut thun, so schickt ihnen Jahve wie einst den Israeliten Bedränger, 
darauf bekehren sie sich, schreien zu Jahve, und der schickt ihnen einen Retter, 9*^tDio, 
allerdings keinen tat«, da sie ihre Könige haben, aber einen Vorkämpfer. Jener Ptolem. 
Philom. und seine Gemahlin Kleopatra, die »ihr ganzes Königtum Juden anvertrauten«, 
hatten jüdische Feldherm (Jos. c. Apion. II, 5), darunter Söhne des Hohenpriesters Onias. 
Wegen Jdc 39. 15 ist am besten 3*^1 zu lesen und der Helfer zum Subj. dieses und des 
folgenden Verb, zu machen. 21 Jahve thut sich dadurch den Ägyptern kund (Ps 48«) 
als der einzig wahre Gott, und jene treten zum Judentum über, eine Hoffnung, die bei 
der Vorliebe jenes Königspaars für die Juden nicht so thöricht war, auch die sibyllin. 
Literatur durchzieht. Wie gern das Judentum jener Zeit auch in ähnlicher Weise wie 
später Muhammed Mission trieb, das zeigt ja die Bekehrung der Edomiter durch Johannes 
Hyrkanus. i-ray steht absolut und als kultischer Terminus (wie v. 23), rrav und nnyo, acc. 
in Str., haben die technische Bedeutung, die ihnen im Gesetz, noch nicht in der vorexili- 
Bchen Zeit zukommt. Diese Opfer und die Gelübde, z. B. das Nasiräatsgelübde, das auch 
im Zeitalter Christi so hoch geschätzt wird, gelten, wenn in Leontopolis vollzogen, unserm 
Vf. für vollwichtig, was sogar die Mischnalehrer, obgleich mit Einschränkungen, zugaben. 
22 Die Plagen sind hier dieselben, die auch das sündigende Israel treffen würden; Jahve 
plagt aber plagend und heilend, weil die Ägypter sein Volk (v. 24) geworden sind — 
Heiden trifft die Plage zur Vernichtung. Die Bekehrung ist hier natürlich nicht mehr 



118 Jes 19 m— S5. 

>^Au jenem Tage wird Israel das dritte Glied sein für Ägypten und 
Syrien, ein Segen inmitten der Erde, ^^die da segnet Jahve der Heere sagend: 
Gesegnet sei mein Volk Ägypten und das Werk meiner Hände Syrien und mein 
Erbe Israel. 



die Bekehrung vom Heidentum zum Judentum, sondern von der Sünde zum Gntthun. 
Das Gerundium H^t^ enthält die Hauptsache, wie v. 22 h zeigt. 28 Eine Strasse zwischen 
Ägypten und Syrien war hesonders in der an ersteres grenzenden WQst« wünschenswert, 
die Ton vielen Schriftstellern mit allen Attributen des Schreckens ausgestattet wird (z. B. 
Jes 306 Jer 26 Dtn 8 15). Mit dem Gedanken an Anlegung von Strassen beschäftigen 
sich die Späteren gern und begreiflicher Weise; nicht blos, dass die persische und 
griechische Zeit den Asiaten den Wert von Eunststrassen ins Licht gestellt hatte, so 
hatte auch kein Volk mehr Nutzen davon, als die Juden, denen die Religion und der 
Handel vieles Reisen zum Bedürfnis machte. Dass Assut hier wie so oft den Erben des 
assyrischen Reiches, das seleucidische Syrien, bedeutet, ist selbstverständlich; ebenso 
leicht versteht man, wie der Vf. so plötzlich auf Syrien zu reden kommt. Denn abge- 
sehen von dem starken, bald freundlichen, bald feindlichen Verkehr zwischen Ägypten 
und Syrien, war kein Land für die Juden so wichtig wie Syrien, das zur Zeit des Vf.s 
noch nomineller Oberherr Judas war. Da auch in Syrien die Judenschaft sehr zahlreich 
war, so ist die Hoffnung erklärlich, dass die Syrer mit den Ägyptern »dienenc werden, 
wie der Vf. sich kurz und technisch ansdnickt, nicht erwartend, dass dieser Terminus 
nach V. 21 noch von Exegeten missverstanden werden konnte. Ein vorexilischer Prophet, 
zumal der Vf. von Jes lioff., würde sich allerdings nicht so ausgedrückt haben, vgl.- da- 
gegen den Zeitgenossen unsers Vf.s Zeh 14i2lf. 24 »Israel« wird dann der Dritte im 
Bunde sein. Zu dieser Erwartung hatte der Vf. schon deshalb ein Recht, weil die Juden, 
die sich nach dem Exil gern als die Repräsentanten der zwölf Stämme ansahen, einen 
beträchtlichen Teil der Einwohner beider Länder ausmachten, auch eigene Verfassung 
und Obrigkeit hatten. Aber schon wegen v. 17 darf man nicht blos an die ünterthanen 
der Ptolemäer und Seleuciden denken, sondern muss aus unserem Vers auch den Wunsch 
politischer Gleichberechtigung Israels, also der Freiheit Judas und der Wiederherstellung 
»Israels« und des »Erblandes Jahves« herauslesen. Der Vf. hofft, dass diese Güter auf 
friedlichem Wege erreicht werden. Eben dadurch wird man an die Stellung erinqert, 
die Jonathan zu Alexander Balas und Ptolem. Philom. einnahm. Der erstere machte ihn 
zum Hohenpriester und gab ihm Krone und Purpurraantel (152) und lud ihn zur Hoch- 
zeit mit der Tochter des letzteren ein (150). Israel wird als Dritter im Bunde ein Segen 
inmitten der Erde sein, die für einen ägyptischen Juden fast ganz von dem syrischen 
und ägyptischen Reiche eingenommen wurde v. 25 (vgl. zu c. 11 ii. is). Das Verhältnis, 
das die Völker zu Israel einnehmen, bedingt, nach Gen 12 sf., ihre Segnung (oder das 
Gegenteil). 25 Nach dem hehr. Text lautet der Anfang: mit welchem (Segen) Jahve 
es (Israel) segnet. Das ist unmöglich: Israel ist ein Segen, mit dem Jahve es segnet? 
ns^a zuerst die Quelle des Segens und darauf im Relativsatz ein Segensspruch? Noch 
dazu folgt gar nicht ein Segen Über Israel, sondern über alle drei Verbündeten, zuerst 
über Ägypten etc. Also ist mit LXX ns*^^ zu lesen, das Suff, aber auf ir*^Mn zu beziehen ; 
13^3 stammt aus der römischen Zeit, wo man Anstoss daran nehmen konnte, die Erde 
mit Ägypten, Assur und Israel sich decken zu lassen. Syrien heisst: »das Werk meiner 
Hände«, vielleicht um anzudeuten, dass das Königtum des Alex. Balas und der zu er- 
hoffende Übertritt Syriens zum Judentum eine ähnliche Gottesthat sein werde, wie die 
Wiederbelebung Israels war c. 29s8 GGs. Dass aber Ägypten Jahves Volk genannt wird, 
ist einzig in seiner Art und aus der älteren Religionsauffassung nicht zu erklären, viel- 
mehr ein charakteristisches Zeugnis für die Weitherzigkeit des Hellenismus, der auf den 
Übertritt der Völker zum Monotheismus hoffte und die Prärogative des jüdischen Blutes 



Jes 2O1-S. 119 

20 1 Im Jahr, da der Tartan nach Asdod kam, indem ihn Sargon, der König 
von Assur, sandte, und er Asdod stürmte und einnahm (*zu jener Zeit hatte ge- 
redet Jahve durch Vermittlung des Jesaia ben Ämoz also: Geh und löse den 
Haarmantel ab von deinen Hüften und deinen Schuh ziehe aus von deinem 
Fusse! Und er that so, nackt und barfuss gehend), »da sprach Jahve: Wie mein 



zwar nicht ganz aufgab, aber doch auch keineswegs stärker betonte, als der christliche 
Apostel Köm 94. Wäre nicht die Unduldsamkeit der Körner dazwischen gekommen, der 
nur die Geduld der Christen gewachsen war, so hätte dieser hellenistische Monotheis- 
mus ohne Zweifel auch in der zivilisierten Welt noch manche Erfolge errungen, wenn 
auch die hier gezeigte Weitherzigkeit, wie die LXX beweist, noch nicht Gemeingut aller 
griechisch redenden Juden war. Der Ausdruck »Erbe Jahves« bedeutet in der älteren 
Zeit ähnlich dem »Haus Jahves« das Erbland des gleichsam als Grossgrundbesitzers ge- 
dachten Gottes (z. B. ISam 26 19), hier soll es mehr besagen als die Ehrennamen Syriens 
und Ägyptens: Palästina ist das Stammland, Israel der Haupterbe, die andern Völker 
doch nur Kinder zweiter Ordnung (vgl. Gen 21 10), entferntere Stammverwandte. 

Achtes Stück c. 20. Nachdem Jes. drei Jahr lang nackt gegangen ist, wird 
erklärt, dass jetzt diese symbolische Handlung sich geschichtlich realisieren werde in der 
Gefangenfnhrung Ägyptens und Äthiopiens, zu der die Einnahme Asdods durch Assur 
den ersten Schritt bildet. Asdod hatte sich unter seinem Könige Azuri und nach dessen 
^tthronung unter dem Usurpator Jaman mit den kleinen Nachbarvölkern verbündet, 
um Assurs Joch abzuwerfen, und sich auf den Beistand der Äthiopen, die damals auch 
Oberägypten beherrschten, sowie Unter ägyptens, das sich einige Zeit vorher von Sabako 
befreit hatte, verlassen. Winckler sieht übrigens in o^'^s« und w die nordarabischen 
Länder Muzri und Kusch. Die v. 1 erwähnte Einnahme Asdods und somit die Weis- 
sagung unsers cap. fällt ins Jahr 711. Yon diesem cap. ist sicher der Inhalt echt, ob 
auch die Fassung, das ist weniger sicher. Es wäre z. B. möglich, dass das cap. ähn- 
lichen Ursprung hätte wie c. 36—39, und zu Gunsten dieser Annahme könnte man auf 
den in mehrfacher Beziehung verdächtigen 2. v. hinweisen. Aber selbst in diesem Fall 
müsste man zugeben, dass die Tradition über die prophetische Handlung und Eede fest 
und historisch treu war, denn die Weissagung dieses cap. hat sich nicht erfüllt und ein 
Späterer hätte mindestens die Datierung v. 1 verändert, um sie etwa auf Tarrako be- 
ziehbar zu machen. Natürlicher ist es, v. 2 als Einsatz von dritter Hand anzusehen 
und das cap. entweder direkt von Jes. oder von einem Zeitgenossen, etwa einem Jünger 
Jes.s, abzuleiten. Man könnte an eine Biographie des Propheten denken, mag er sie 
selbst oder ein Freund von ihm abgefasst haben. Das Stück hat dann einem Zusammen- 
hang angehört, aus dem das Subj. von v. 5 erkennbar war. 1 Tartan ist trotz fehlenden 
Artikels nicht Eigenname, sondern Amtsname des obersten assyrischen Feldherm, assyr. 
turt&nu, vom Vf. vermutlich als oompos. angesehen. Asdod, jetzt Dorf Asdud, eine der 
philistäischen Fünfstädte. Sargon, assyr. Scharrukinu, 722 — 705, der Eroberer Samariens, 
nur hier erwähnt. Der inf. va durch das impf. cons. in v. Ib fortgesetzt. Nach der 
Einnahme Asdods wurden dessen Götter, die meisten Bewohner und ihre Schätze nach 
Assyrien abgeführt; das Haupt der Bebellen, Jaman, schon vorher zum »König von Me- 
luchcha« (nach Winckler ein nordarabisches Reich) entflohen, wurde von diesem aus 
Furcht vor Sargon ausgeliefert, damit war der Krieg zu Ende. Dies kann Jes. noch 
nicht erlebt haben, als er unsere Weissagung sprach. 2 ist jedenfalls eine Parenthese, 
wahrscheinlich aber ein Einsatz. Im strengen Zusammenhang sollte man den Ausdruck 
KTin ry^ (vgl. c. IB7) auf das vorhergehende Yerbum »er nahm es ein« beziehen, aber 
die Exegeten folgen dem richtigen Gefühl, wenn sie ihn als verallgemeinernd bezeichnen, 
sollten nur auch ihr Befremden über ein so sonderbares Verfahren in der Zeitbestimmung 
aussprechen. Offenbar ist der Befehl an Jes., nackt zu gehen, drei Jahr vorher ergangen 



120 Jes 20 s— 6. 

Knecht Jesaia nackt und barfuss gelangen ist drei Jahre, als Zeichen und Vor- 
bedeutung über Ägypten und Äthiopien: ^so wird hinw^:ffihren der König von 
Assur die Gefangenen Ägyptens und die Exulanten Äthiopiens, Junge und Alte, 
nackt und barhiss und enti>lössten Oesasses (die Scham Ägyptens). ^Und bestürzt 
und beschämt werden sie sein wegen Äthiopiens, nach dem sie aussehen, und 
wegen Ägyptens, mit dem sie prahlen. ^Und sprechen wird der Bewohner 
dieser Küste: Siehe, so steht's mit unserer Aussicht, wohin wir flohen um Hülfe, 
um gerettet zu werden vor dem König von Assur, und wie sollen denn wir ent- 
rinnen! 



(b. y. 3), und es wird in dem, was unserer Erzählung vorherging, davon die Bede ge- 
wesen sein, V. 2 ist bestimmt, den Verlust zu ersetzen (ähnlich wie c. 7i). Jahve redete 
»durch die Hand Jesaias« ist eine wunderliche Einleitung für eine Bede an Jes. und nur 
an Jes.; -:'>a in diesem Sinn ist bei den Späteren beliebt vgl. Hag li. s Jer 37s IBeg 
12 15 Ex 986 Lev 10 ii. ^n^E prägnant: gürte los und lege ab. Der pv, ein enganlie- 
gendes Gewand aus rauhem Stoff, von gewöhnlichen Leuten als Zeichen der Trauer ge- 
tragen, scheint hier der "^yv n^r^ zu entsprechen, die wenigstens in der nachexilischen 
Zeit (Zeh 134) die Propheten trugen und durch die in der alten Zeit Elia bekannt und 
erkennbar war (II Beg 1 8) ; ob auch Jes. sich durch einen besonderen Anzug als Propheten 
kenntlich zu machen pflegte, wissen wir nicht. Nackt ist übrigens Jes. nach Ablegung 
des Sackes nur insofern, als er nur noch mit dem Unterkleid, der rans, bekleidet ist; 
völlige Nacktheit folgt nicht etwa aus v. 4 b vgl. IlSam 6io. 8 knüpft an v. 1 an. Jes. 
ist Jahves Knecht im emphatischen Sinne, der Leibdiener, der stets zu seinem Befehl 
steht (Nnm 12?). Dillm. sollte an diesem »Ehrentitel« in Jesaias Munde keinen Anstoss 
nehmen, das ist nicht schlimmer, als wenn er selbst seinen Titel auf sein Buch setzt. 
Die drei Jahre sind gegen die Akzente zum Vorhergehenden zu ziehen, weil sie sonst 
einen unmotivierten Nachdruck bekommen. Zum Zeichen vgl. c. 8i8. Ob Jes. wirklich 
drei Jahr nackt ging oder nicht, das darf man angesichts des Perfekts ^ist gegangen« 
gar nicht fragen. An der Aufwerfung dieser Frage ist auch nur v. 2 schuld, da er den 
Befehl zum Nacktgehen in das Jahr 711 setzt. Vielmehr bekommt jetzt Jes. eher in- 
direkt die Erlaubnis, das Nacktgehen nunmehr einzustellen, da die Erfüllung einer drei 
Jahre lang zur Schau getragenen Vorhersagung vor der Thür steht. Über diese drei 
Jahre voll Selbstverleugnung und Beschwerde, die man natürlich nicht als »Glosse« 
streichen darf, kann man sich nicht verwundern, wenn man bedenkt, dass sie den Zweck 
hatten, Juda von einer Beteiligung an dem selbstmörderischen Unternehmen gegen Assur 
abzuhalten. Vielleicht begannen die Zettelungen Azuris mit den Ägyptern seit dem 
Jahre 714, wo Unterägjpten sich endgültig mit Äthiopien auseinandergesetzt zu haben 
schien und in den Augen der Palästinenser sich stark gezeigt hatte. 4 Die letzten vier 
Worte sind gar nicht zu übersetzen. Die meisten übersetzen: mit entblösstem Gesäss, eine 
Schande Ägyptens, so dass n^y, Scham (pudenda), einen ganz ungewöhnlichen Sinn bekommt 
und wir die Offenbarung, die Wegführung der Ägypter und Äthiopen sei eine Schande für 
die Ägypter. Dillm. will nach entsprechender Emendierung übersetzen entweder: mit ent- 
blösstem Gesäss — Scham der Ägypter, oder: entblösst Gesäss — Scham der Ägypter, 
beides gleich schön. Es ist doch klar, dass Jes. entweder die Ägypter und Äthiopen 
beide nennen musste oder keinen von beiden, dass er femer als guter Schriftsteller nicht 
die Häufung Gesäss und Scham, noch dazu asyndetisch, begangen haben kann. Dem- 
nach sind die beiden letzten Wörter eine Beischrift zu dem derben rv des Grundtextes, 
das der Leser überschlagen soll, wie es auch die LXX thut. Der gute Mann, der so 
über der Beputation des Jes. oder dem Anstand der Leser wachte, hat wohl angenommen, 
dass die letzteren die Kuschiten von selbst hinzufügen würden; einen Genitiv konnte er 
bei ni->9 nicht entbehren. **rvrT (statt des notwendigen "^b — ) soll wohl ein stat. abs. pl. 



Jes 21 1-«. 121 

21 1 Orakel „Wüste". 

Wie Wirbeltcinde, im Südland einherfahrend, 

Kotnmt's van der Wüste, vom furchtbaren Lande. 

^Ein hartes Gesicht ist's mir gemeldet: 

„Der Räuber raubt und der Verwüster verwüstet. 

Heran, Elam, bedränge, Medien/ 

Auen Stolz mache ich jetzt still,*' 



sein wie Jdc 5 15 Jer 22 u. 5 Da man wegen der beiden p nicht ttbersetzen kann: es 
werden die, deren Aussicht Easch ist, u. s. w., da vielmehr atsats Apposition zu «ha sein 
mnss, so wird das Subjekt nicht genannt (das ans freilich aus v. 6 bekannt ist) und 
bleibt nur die Annahme übrig, dass unser cap. einem grösseren Zusammenhang ent- 
nommen ist. Die beiden Yerben wfirden auf beide Vershälften yerteilt sein, wenn eine 
Stichenbildung beabsichtigt gewesen wäre. 6 Der »Bewohner dieser Küste« muss auch 
Juda mit umfassen, weil Jes. nicht für Krethi und Plethi drei Jahr lang naekt gegangen 
w&ro. Dieser Vers lehrt, wanim dies Orakel erging, nicht um der müssigen Neugier die 
Zukunft zu enthüllen, sondern um Juda Tor dem Bündnis mit fremden Mächten zu 
warnen. Wirklich hat sich Hiskia damals warnen lassen. 

Neuntes Stück c. 21i— lo, Orakel „Wüste**; zu der Stichwortüberschrift s. die 
Einleit. § 15. Angekündigt wird die beyorstehende Eroberung Babels durch Elam und 
Medien und zugleich der visionäre Vorgang geschildert, durch den der Vf. die Nachricht 
empfing. Das Stück, in lakonischem, aber keineswegs ärmlichem Stil und in eigentümlich 
beschwingter Rhythmik geschrieben, in seiner zweiten Hälfte von hervorragender Wichtig- 
keit für die Einsicht in den geheimnisvollen Hintergrund des Prophetismus, fällt in die 
Zeit zwischen 549 und 539, denn Babel ist noch nicht erobert, Elam und Medien aber 
schon in der Hand Eines Herrn, des Cyrus, und zum Angriff auf die Chaldäer bereit. 
Der Vf. lebte wahrscheinlich in Palästina, spricht viel persönlicher als die anderen exili- 
schen Anonymi und scheint ein namhafter Seher gewesen zu sein. 1 »Wüste des Meeres« 
ist unverständlich und auch deshalb nicht ursprünglich, weil es nicht im Text vorkommt, 
auch nicht durch ein anderes Wort im Text veranlasst ist. Die LXX hat o^ nicht; es 
ist entweder der Best eines anderen Wortes oder der Sammler hat b'^'^a^o geschrieben, 
um auch a^a und nK'tia 'sc mit zu decken; der Plur. kommt sonst nicht vor, und das mag 
zu dem o^ geführt haben. rinVn^ asaa scheint einen Relativsatz zu vertreten, aaaa steht 
der Anschaulichkeit wegen voran : Wirbelstürme, im Negeb entstehend und von dort sich 
auf Palästina stürzend. Wie solche Wirbel und Tromben in der südlichen Wüste auf- 
stehen und den Bewohnern Judas das Gewitter ankündigen, so »kommt es«, das Unheim- 
liche, von der Wüste her. Warum der Negeb hier nicht wie überall das Land südlich 
in und von Juda sein soll, ist nicht einzusehen. Dillm. wendet ein, dass von Stürmen 
des palästinensischen Negeb nie die Rede sei: gegen derartige Beweise lässt sich nicht 
kämpfen, denn gegen Zeh 9i4 Jdc 54f. Hab Ssif. Ps 29s lässt sich siegreich sagen, 
dass dort zwar fiberall dieselbe Gegend gemeint, aber doch nicht just der Name Negeb 
gebraucht ist. Aus dem palästinensischen Bilde darf man schliessen, dass der Vf. in 
Palästina wohnte. Die Wüste ist nicht das Land zwischen Babylonien und Elam und 
letzteres nicht das »furchtbare Land«, denn die Vision v. 6ff. führt zu einem Standpunkt 
diesseits Babels. In letzter Linie stammt das, was wie Wirbelstürme heranfährt, von 
Babel her, kommt aber über die Wüste zu dem Seher, die Wüste ist also die zwischen 
Babel und dem Wohnort des Propheten nördlich vom Negeb. Das furchtbare Land ist 
Babylonien, nicht weil es den Juden furchtbar ist, sondern weil dort jetzt Furchtbares 
geschieht. 2 »Als (oder »durch«) hartes Gesicht ist mir^s gemeldet«, sagt in seiner ab- 
kürzenden Weise der Vf.; man muss nicht durch nn»n erleichtern, denn es wäre arg 
prosaisch und ein Missverständnis obendrein, aus v. 6 ff. abzuleiten, dass der Vf. das 
»Gesicht« nur gehört, nicht auch gesehen habe. DerLihalt des Gesichts ist: derBänbe^ 



122 Jes 21 8— 4a. 



^ Darum sind voll meine Hüften van Krampf, 

Wehen fassten mich gleich Wehen einer Gebährenden, 

Verstört bin ich vom Hören, bestürzt vom Sehen, 

^Es schtoindeU mein Herz, Entsetzen betäubt mich; 



raubt etc. Dillm. yermisst hier an dem Propheten die nötige Klarheit, aber der Prophet 
ist unschuldig daran, dass der Ausleger den Räuber und Verwüster für den Chaldäer 
hält, der nach v. 5 nicht mit Verwüsten, sondern mit Essen und Trinken beschäftigt ist 
und dessen Unthaten der Seher nicht erst durch ein Gesicht zu erfahren brauchte. Elam 
und Medien, sagt der Vf., sind am Werk, drauf los, Elam! Es giebt Krieg, Babel wird 
verwüstet werden. *Vy, zieh herauf, wird nicht blos der Alliteration wegen gewählt sein, 
unsec Stück ist überhaupt nicht künstlich, sondern der Palästinenser spricht von der 
grossen Stadt so, wie er von Jerusalem sprechen würde, er stellt sich Babel, wo nicht 
als hoch gelegen, doch als hochgebaut vor. Elam, assyr. Elamtu, war westlich vom 
Tigris, südlich vom persischen Meerbusen, nördlich von Medien begrenzt; es hat zahl- 
reiche Kriege mit den Assyrern geführt, diesen aber auch gefürchtete Bogenschützen 
geliefert (c. 226). In dem elami tischen Gebiet Anschan mit der Hauptstadt Susa 
herrschte Cyrus (und seine Vorgänger), bis er 549 Medien unterwarf, um darauf die ver- 
bündeten Lyder und Babylonier nach einander anzugreifen; gegen die letzteren führte 
er den entscheidenden Schlag erst seit 539 von Ekbatana aus und nahm Babel 538 ein. 
Ob die letzten drei Wörter in v. 2 richtig sind, das ist sehr fraglich. nnnsM könnte rtnsM 
mit dem suff. fem. sein, das aber ganz beziehungslos wäre, oder n^^:^x mit doppelter 
Femininendung. Aber der Inhalt lässt sich mit der Umgebung nicht vereinigen. Denn 
wenn Jahve das Seufzen (Israels oder der von Babel Unterdrückten überhaupt) beendigen 
will, wie kann dann »darumc der Prophet vom Krampf und von Entsetzen (v. 3 f.) erfasst 
werden und diese Ankündigung ein hartes Gesicht nennen? In v. 10 ist ein Trostwort 
für Israel am Platz, in unserer Stelle nur eine Drohung: die Freude oder der Hochmut 
sollte still gemacht werden. Um übersetzen zu können, schreibe ich : "^r&vn nry ^M»~Vd 
vgl. c. 239; die TiXY scheint hinter ""i« folgenden Text gelesen oder erraten zu haben: 
^raton [rnr-rm] nry itca -«^y, wobei die eingeklammerten Konsonanten vermutlich eine Kor- 
rektur zu den vorhergehenden fünf Buchstaben sind. 8 Wegen der schrecklichen Vision 
• ist der Vf. ganz verstört, ja körperlich erschüttert, rhrhn in den Hüften auch Na 2ii. 
In V. 3 b wird ^ meist privativ gefasst, auch von LXX, weil der Prophet »blos gehört, 
nicht gesehen hat« (Dillm.). Also kann der Prophet jetzt nicht sehen, wo er dies nieder- 
schreibt? hat er dies Orakel diktiert? oder macht er blos Phrasen und ist ganz wohl- 
auf? Es wäre nichts Ungewöhnliches, dass ein Seher infolge einer Vision den Gebrauch 
seiner Sinne oder der Sprache -verliert, aber so lange macht er eben keine Mitteilungen. 
Man muss übersetzen: ich bin verstört vom Sehen. Trotz des Spähers v. 6 hat er selbst 
eine ^')trT gehabt. Auch v. 5 giebt ein »Sehen« wieder. 4a Das Herz, d. h. der Verstand 
des Visionärs geht in die Irre. Er kann sagen, was er erlebt hat, aber er kann es nicht 
übersehen, nicht begreifen. Er ist noch ganz befangen von dem unmittelbaren Eindruck 
und zugleich körperlich angegriffen von der psychischen Aufregung. In seinem gewöhn- 
lichen menschlichen Bewusstsein sieht er die Zertrümmerung der babylonischen Herr- 
schaft als seines Volkes Erlösung an, ersehnt sie, betet um sie ; aber das psychische Vor- 
und Miterleben der Katastrophe hat ihm sein tagwaches Bewusstsein so weit zurück- 
gedrängt, dass er nur die Zertrümmerung deutlich sieht und fühlt, dagegen die glück- 
lichen Folgen höchstens dunkel ahnt, aber noch nicht in den Vordergrund seiner Be- 
trachtongsweise und seiner Stimmung hervorzuziehen vermag. Weil er fühlt, dass er den 
richtigen, israelitischen, religiösen Gesichtspunkt noch nicht finden oder doch nicht 
geltend machen kann, sagt er, sein Verstand sei irre. Er ist M3ar«i y;«« Jer 29 S6. Er 
kennzeichnet sich dadurch nicht als grossen Propheten, aber als echten Visionär. Die 
fliegenden Halbstichen, die er hervorstösst, sind der natürlichste Ausdruck für seinen 



Jee 21 4b— 6. 123 



Die Dämmerung meiner Lmt macht' es mir zum Zittern, 

^Man rüstet den Tisch, breitet die Decke isst, trinkt — 

y, Wohlauf ihr Fürsten, saJbet den Schüd!^ 

^Denn so hat gesprochen zu mir der Herr; 

„Oeh, stelle auf den Späher, ufos er sieht, wird er melden! 



seelischen Zustand. 4 b »Die (Abend-)Dämmerang meiner Lnst«, meine liebe Abendstunde, 
in der ich mich sonst erhole von der Hitze des Tages, Buhe erhoffe und bedarf, machte 
»es« mir zum Zittern. Der Vf. hat die Ekstase am Abend gehabt. 5 führt uns plötzlich, 
als würde der Vf. in diesem Augenblick von einem neuen Gesicht überrascht, unter die 
babylonischen Grossen. Die schicken sich grade zum Mahle an, nichts Böses ahnend, sich 
nur als die grossen Herren fühlend, da stört sie der Feind auf. Von der Schwelgerei 
der babylonischen Grossen konnte der §eher auf gewöhnlichem Wege erfahren haben (s. 
zu c. 14 ii), aber die hier geschilderte Szene erscheint ihm doch als ein unwillkürliches 
Gesicht, das sich an die Ekstase v. 6 ff. unmittelbar anreiht, sie fortsetzt. Denn auch 
das Gelage der Fürsten hat man sich als abendliches zu denken. r**csn ncs, sonst nicht 
Torkommend, in LXX fehlend, bedeutet nicht: die Spähnng spähen, weil das zu dem 
parallelen Sätzchen nicht passt, auch nicht dazu, dass augenscheinlich die Fürsten als 
ahnungslos hingestellt werden sollen; hes ist hier bedecken, überziehen, danach tynrt 
(vgl. "«^Bs) die Decke, das Polster, auf dem man beim Essen liegt. Das Essen und Trinken, 
das in den Vers nicht mehr hineingeht und die Schilderung gewiss nicht verbessert, 
möchte zu jenen müssigen Nachfüllnngen gehören, die die Abschreiber und Leser lieben. 
Den Schild sollen die Fürsten nicht salben, um ihn blank zu machen, wer denkt daran 
bei einem solchen Überfall; vielmehr macht man die Lederriemen, an denen man den 
Schild auf dem nackten Arm trägt, durch Ol geschmeidig, weil sie sonst ins Fleisch 
schneiden; rauhe Krieger verschmähen das (IlSam Isi), aber die Babylonier sind ver- 
weichlicht. Dazu ist ihre Büstung verwahrlost, weil sie auf den Verwüster nicht gefasst 
sind. Den Vers auf das — Endgericht zu deuten und dann zu streichen, ist ein höchst 
unglücklicher Gedanke. 6 Das »denn« greift auf v. 2a zurück, wir sollen jetzt die ritr; 
kennen lernen. Dem Gesicht ging die Aufforderung Jahves voraus, es vorzubereiten. Der 
Seher hatte sonst keine Veranlassung, ein Gesicht zu begehren oder zu erwarten, anders 
Habaknk (2i), der durch das Auftreten der Chaldäer zu dem Versuch kommt, Gotte eine 
Aufklärung zu entlocken. Das Sehertum unsers Vf.s ist mehr passiv, abwartend (vgl. 
V. 11 f.). »Auf, stelle den Späher auf!« Mehrere Kritiker haben gefunden, dass man die 
Konsonanten auch anders aussprechen kann z B. rtfps Trrai (Buhl) oder n|x»n nb? (Stade) 
s. ZATW 1888, S. 157 ff. In der That liegt der Satz: tritt auf die Warte! so nahe, dass 
man sich fragen muss, warum die Alten nicht so abgeteilt haben, die doch v. 8 vor sich 
hatten und Hab 2 t kannten. Buhl und Stade nehmen nun an, dass die Urheber des 
Ktib die nächstliegende Lesung unbegreiflicher Weise (Stade : weil sie den ganz gewöhn- 
lichen acc. der Bichtung verkannten) übersehen und darum den ganzen ursprünglichen 
Text im Folgenden umkorrigiert, nämlich die Verben in v. 6 am Schlnss, in v. 7 und 8 
aus der 1. oder 2. pers. in die 3. umgesetzt haben, um damit einen leicht verständlichen, 
fast trivialen Text in einen schwierigen und originellen zu verwandeln. Mir scheinen 
umgekehrt beide Gelehrten nur ein Beispiel gegeben zu haben, wie man nicht emendieren 
darf. Dass das Ktib die nächstliegende Wortabteilung nicht wählte, kann man nicht 
aus einer momentanen Geistesabwesenheit erklären, sondern nur daraus, dass die folgen- 
den Verben mit ihrer 3. pers. es ihnen verboten. Wenn auch der jetzige Text fehlerhaft 
sein kann, so mnss man doch erst versuchen, ihn zu verstehen und selbst einen sach- 
lichen Anstoss lieber in ihm stehen lassen, als ihn ins Moderne und Triviale zu trave- 
stieren. Der Seher soll den Späher (bem. den Artikel) aufstellen, dem eine Instruktion 
mitgegeben wird. Der Späher thut Tag für Tag seine Pflicht, endlich kann er melden, 
dass Babel gefallen ist, und der Vf, sagt das, was er auf diesem Wege »von Jahve« er^ 



124 Jes 21 7. 

''Und wird er sehen einen Zug, Paare von Rossen, 

Einen Zug von Eseln, Zug von Kameelen, 

Wird er aufhorchen, sehr aufhorchen!*^ 



fahren hat, seinem Volke weiter. Buhl sagt: die Trennung des Propheten ron dem auf- 
gestellten Wächter, der doch ein Prophet, ja der Prophet seihst sein soll, ist ohne alle 
Analogie und höchst unnatürlich. Diese Behauptung muss man wohl mit der Freude 
üher die Emendation entschuldigen. Woher weiss Buhl, dass der Späher ein Prophet 
oder der Prophet seihst sein soll ? Dass jene Trennung ohne alle Analogie sei, ist nicht 
einmal für das AT wahr, und unnatürlich ist sie yielleicht hei einem gewöhnlichen 
Schriftsteller, aher von einem Visionär darf man wohl etwas Abnormes erwarten. Wohl 
in allen Ländern des Altertums, aber auch heute noch mancherorts (Finnland z. B.) ver- 
setzen sich die Psychiker, um aus der Ferne Nachricht zu holen, in eine mehr oder 
weniger schwere Katalepse, während deren nach ihrer Meinung ihre »Seele« den Körper 
verlässt, sich nach dem gewünschten Ort begiebt und dort beobachtet, was beobachtet 
werden soll. Unfreiwillig soll das unzähligen Menschen, heiligen und unheiligen, ge- 
schehen sein. Es ist ganz gleichgültig, ob das wahr oder unwahr ist, wenn es nur all- 
gemein geglaubt wurde und derjenige, der solches zu können behauptet, es selbst glaubt. 
Sogar sog. Doppelgängerei, mit oder ohne Katalepse, freiwillige und unwillkürliche, mit 
irgend einem Zweck oder scheinbar ganz zwecklos, ist doch etwas so Gewöhnliches, dass 
es einem Erklärer von Prophetenschriften wohl einfallen sollte; auch den bibl. Schrift- 
stellern ist sie bekannt, wenn auch unter anderem Namen (Act 12 15). Man unterscheidet 
zwischen solchen Vorfallen, in denen das Bewusstsein beim Körper verbleibt und das 
austretende Bild scheinbar bewusstlos ist, und solchen, bei denen der Körper scheintot 
daliegt und das Phantom das »Ich« repräsentiert. Von der letzteren Art ist dem An- 
schein nach Hes 81--3 11 Mf. Fälle eines scheinbar verdoppelten Bewusstseins sind 
natürlich seltener. Unter diese gehört Sacharja mit dem **& *i;i^ "^K^ta. Man weiss ja, 
wie stark Kunst und Theologie bei Sacharjas Visionen beteiligt sind; aber auch wenn er 
reine Erfindung geben sollte, so hätte er jenes eigentümliche Wesen kaum ohne Kenntnis 
von solchen Vorgängen erfinden können, wie uns hier einer berichtet wird. Unserem 
Psychiker sagt jener Befehl, er solle sich der Katalepse hingeben und den »Engel« aus 
sich entlassen, der, von den Sinnen des Körpers nicht gehindert, übersinnliche Dinge 
wahrnehmen kann. Dass er es kann, weiss der Seher aus Erfahrung; vielleicht weiss er 
auch, vielleicht nicht, dass jenes Wesen schliesslich mit ihm identisch ist. Er behandelt 
ihn freilich als eine dritte Person, aber deren Bewusstsein ist auch das seinige (v. 10). 
Indem wir den alten Text festhalten, haben wir nicht blos den Vorteil, nicht in den 
folgenden Sätzen korrigieren zu müssen, sondern begreifen auch, warum der Vf. die Mit- 
teilung von V. 6 — 9 macht und wie er so verwirrt und nervös erregt sein kann. Dass 
nun der Späher die Instruktion: was er sieht, wird er melden! mitbekommt, hat einen 
psychologischen Grund: es ist die auch in der modernen Hypnotik häufige Suggestion, 
das Erlebte nach dem Erwachen noch zu wissen. Das Vergessen wäre leichter und wahr- 
scheinlicher, der Wille muss den Traum festhalten. Marti kann die Katalepse und die 
Suggestion im Text nicht finden; aus freier Hand und nach theologischen Lehrmeinungen 
(»Berufsbegabung«!), ohne ein besonderes Studium, lassen sich freilich diese abnormen 
Dinge nicht verstehen, der Autor spricht aber deutlich genug. 7a ist Vordersatz, 7b 
Nachsatz, allerdings mehr logisch, als sprachlich. Der göttliche Meister giebt die bevor- 
stehende Operation zum Voraus an, daran hat das »Medium« eine Stütze, um das, worauf 
es ankommt, zu behalten; zum Traum gehört eine gewisse mysteriöse Szenerie und eine 
dramatische Spannung. Das Wichtigste, das Entscheidende wird nicht vorher verraten, 
das sollen die verfeinerten Sinne des Spähers selbst herausbringen und gleichsam als 
etwas Objektives erleben. Ähnlich wird es diesem Visionär gewöhnlich ergangen sein 
(vgl. zu V. 11 f.); die Inspiration ist an die Natur des Sehers gebunden, und bei unserem 



Job 21s— 9. 125 

* Und er rief: „Siehe, auf der Warte, Herr, 

Stehe ich da beständig bei Tage, 

Und auf meiner Wacht bin uh aufgeeteUt 

AUe die Nächte*' . . . 
^Und siehe, da kam ein Zug van Menschen, 

Paare van Bossen . . . 

Und er hob an und sprach: „Gefallen^ gefallen ist Babd, 

Und all' ihre Oötterbuder zerbrach es zur Erde hin.** 



Yf. scheint sie sich langsam und mühsam zu entwickeln. Der Späher wird sehen as^. 
Gewöhnlich bedeutet dies Wort Wagen, den einzelnen oder collect, auch mehrere, oft mit 
Inbegriff der Pferde und Lenker. Das passt hier nicht wegen der Esel und Kameele. 
Stade liest überall mit LXX aa^, Beiter, mnss darum v. 9 «tm streichen; er erkl&rt -ms 
wg^t, Joch Pferde, für ein Gespann, das der zuerst anlangende Beiter vom ersten besten 
Wagen abgeschirrt hat; warum nahm er denn nicht den Wagen dazu oder, wenn er 
durchaus und schnell reiten wollte, nur das eine von den beiden Pferden ? Die Punkta* 
toren haben wegen y. 9 (yielleicht auch wegen c. 226) mit Becht ad^ vokalisiert; man 
sieht nicht ein, warum das Wort nicht den Sinn des arabischen rakb haben kann, Beiter- 
schar, Beiterzug. Wie as"^, so ist auch "res hier ein militärischer Terminus vgl. IIBeg 
9s5, wobei es zweifelhaft bleibt, ob v^t Bosse oder Beisige sind. Die Beiter jagen in 
militärischer Ordnung vorbei, etwa je zwei nebeneinander oder in zwei Gliedern, die je 
nachdem sie marschieren oder angreifen, neben oder hinter einander reiten. Der Späher 
sieht also Beitergeschwader, zum Kampf bereit, weiter Scharen von Eseln und Kameelen, 
die den Train bilden und die Beute des »Yerwüsters« fortführen, also das persische Heer, 
das auch Kameele hatte. Man wird an IIMak5iff. erinnert. Wenn er dies sieht, wird 
er aufhorchen, um nämlich von den gesehenen Gestalten selber zu hören, wer sie sind 
und was sie thnn oder gethan haben. Stade streicht das zweite a«^ ohne Grund, die 
Ausdrucksweise ist dieselbe wie c. 28si. 8 »Er rieft; der Visionär braucht nicht mit 
Bewusstsein den Späher beobachtet zu haben, er kann sich selbst sogar, wenn man den 
Späher für die dramatische Objektivierung seines hellseherischen Vermögens halten will, 
nach dem Übergang in das gewöhnliche Bewusstsein als dritte Person behandeln. rr*iM 
kann nicht richtig sein, er sieht ja keine Löwen, sondern Esel u. s. w. und vorläufig 
überhaupt noch nichts, und dass er als Löwe gerufen haben sollte, ist weder an sich 
noch nach dem Inhalt seines Bufes wahrscheinlich. Vielleicht hat der Vf. inkorrekt nr*^ 
für n^*^ geschrieben, und an dem k ist das vorhergehende Wort schuld. Der Späher 
steht Tag für Tag auf der Wacht, aber es geschieht nichts, sein Dienst ist ein anstren- 
gender, das Nervenleben des Sehers erschöpfender. Man sollte es nicht für möglich 
halten, dass auch v. 8 (excl. die beiden ersten Wörter) mit dem Endgericht in Ver- 
bindung gebracht werden konnte. 9 Als wenn der Mahnruf gewirkt oder, psychologisch 
gesprochen, der Buf das höhere Hellsehen ausgelöst, die Erscheinung angeregt, den 
Höhenpunkt des Vorgangs beschleunigt hätte, hat er plötzlich das vorhergesagte 
Gesicht: berittene Männer, Beiterzüge in Gliedern — mehr wird nicht gesagt, wohl 
nicht blos, um die Wiederholung zu vermeiden, sondern weil der Späher schon gleich 
anfangs das Losungswort hört, etwa Siegesrufe oder dgl. Sind nun die Beiter die leib- 
haftigen Perser, die er im Ferngesicht sieht, oder sind es Gestalten des »zweiten Ge- 
sichts«? Offenbar das letztere. Denn wenn Babel schon gefallen und zerstört wäre, 
so wäre ein schriftliches Orakel kaum nötig gewesen und den wenigsten Lesern 
vor dem Eintreffen ganz gewöhnlicher Nachrichten in die Hände gekommen; ausserdem 
hat der Vf. noch nichts von den vorhergehenden Feldschlachten gehört, wie v. 5 zeigt, 
schreibt also längere Zeit vor der Einnahme Babels. Hätten wir hier ein künstliches 
Orakel, so würde die Erstürmung und Zerstörung Babels wohl genauer beschrieben sein. 
Statt dessen ist das Gesicht halb realistisch, halb symbolisch, vor allen Dingen kurz 



126 Job älio— lt. 

^^Mein gedroschenes Volk, mein Kind der Tenne, 

Was ich gehört von Jahve der Heere, 

Dem Gott Israels, ich hab*s euch gemeldet. 

11 Orakel „Duma". 

Zu mir rufVs von Seir: 

Wächter, tcie weit in der Nacht, Wächter, wie weit in der Nacht? 

^^ Spricht der Wächter: 

Es kommt Morgen und auch Nackt — 

Wenn ihr fragen wollte fragt, kehrt uneder, kommt! 




(ygl. z. c. 6 c. 8iiff.); nur ein Ausschnitt aus den künftigen Ereignissen wird gesehen, 
das Übrige muss aus dem eigenen Wissen oder durch Kombination bewusst oder unbe- 
wnsst erg&nzt werden, z. B. dass es die Elamiter und Meder sind, die gesehen werden, 
dass ihre Kufe Babel gelten, dass die Götterbilder zertrümmert sind. In solchen Er- 
gänzungen und Deutungen kann sich der Seher irren, wenn ihm das Gesicht auch noch 
so fest steht; so hat sich unser Vf. betreffs der Götterbilder geirrt, die von Cyrus nicht 
umgestürzt wurden. Diese sind, so lange sie noch stehen, Babels Schutz, sind sie zer- 
brochen ("«av' steht prägnant), so ist Babel kein Volk mehr. Cyrus hat die babelschen 
Götter nicht bekriegt, vielmehr behauptet, Marduk habe ihn gerufen; die Altbabylonier 
mögen ihn auch gegen die Chaldäer (vgl. zu c. 14 w) wirklich gerufen haben. yr\ er 
hob an, wie c. 14 lO; natürlich spricht nicht der angebliche Stangenreiter, was gehen den 
die Götterbilder an! Der Späher nimmt die Bede wieder auf, nachdem er beim Ein- 
treten des Gesichts verstummt war. 10 ist ein Nachwort für die Leser. Israel ist 
»mein Dreschboden«, »mein Tennenkind« (das Suff, gehört selbstverständlich nicht zu "p:, 
sondern zum Gesamtbegriff), das Volk, auf dem seit langem von aller Welt gedroschen 
wurde; der lakonische Ausdruck ist wirkungsvoller, als ganze Seiten voll Klagen. *rTav 
ist nicht auf das Hören im engeren Sinn zu beschränken; der Vf. hat eine rvywo 
(c. 289. 19 53 1) gehaht, eine Aadition, die die Vision mit einschliesst, wie umgekehrt 
diese jene. Jahve der Heere, der Gott Israels, der das Perserheer zu Gunsten Israels 
entbietet, hat die Ekstase hervorgerufen. »Ich hab's euch gemeldet«, ich habe meine 
Pflicht gethan, schliesst, halb erschöpft, halb befriedigt, der Seher. Der Gedankengehalt 
seines Stückes ist gering, der Vf. kein grosser Prophet, aber dies Orakel ist so echt, wie 
die gedankenreichste I^eistung des grössten Propheten, und es ist lehrreich für das Ver- 
ständnis der Seherschaft, wie kaum ein zweites. 

Zehntes Stück c 21ii. i8, Orakel »Duma«, das zweite Stück mit Stichwort- 
überschrift. Allerdings steht diesmal das Stichwort nicht im Text (wenn dieser unver- 
ändert erhalten ist), vielmehr hat sich der Sammler selbst eins auf den Namen Seir 
zurechtgemacht. Wahrscheinlich soll rre^-r Edom sein und zugleich mit seiner appellat. 
Bedeutung »Stillschweigen« auf den Inhalt des Orakels in etwas künstlicher Weise an- 
spielen ; vielleicht ist diese halb verhüllende Bezeichnung Edoms auch sonst in Gebrauch 
gewesen. Dass mort etwas anderes als das Land Seir, z. B. eine entfernte Oase dieses 
Namens, bezeichnen sollte, das anzunehmen, hat man gar kein Becht, oder es müsste 
der Sammler den Vf. missverstanden haben. Den Inhalt des Orakels kann man kaum 
mit weniger Worten angeben, als dieses selber hat. Der Vf. ist unzweifelhaft derselbe 
wie der des vorhergehenden Stückes, an das Stil und visionäre Haltung durchaus er- 
innern; ausser der Vorstellung von der Wacht und der anscheinenden Trennung zwischen 
PrQ|^ut und Wächter kommt die merkwürdige Sachlichkeit und Neutralität in Betracht: 
V. Iff. über die Chaldäer, die Israel gedroschen haben, kein zorniges Wort 
kt man hier von dem alten, seit dem Exil gesteigerten Hass der Juden gegen 
ias Geringste. 11 »Zu mir ruft's von Seir« von den Edoraitern her nach 



Jes 2118—14. 1^ 

18 Orakel „In der Steppe". 

Im Wald in der Steppe Obemachtet, Karawanen der Dedanüerf 

^^ Entgegen dem Durstigen bringt Wasser, 

Bewohner des Landes Thema, empfangt mit seinem Brote den Fluchtigen! 



dem Wohnort des Sehers in der Nähe des Negeb v. 1. Es könnte zweifelhaft sein, ob 
die Edomiter bei unserm Seher Auskunft über die Zukunft erbeten haben, oder ob er 
gleichsam die Seele des Volkes fragen hört, ohne dass die Edomiter selber von ihm 
wissen. Für die erste Annahme möchte doch der Schluss des Orakels sprechen, unser 
Yf. ist wahrscheinlich weithin berühmt gewesen wegen seiner Sehergabe. Die Frage der 
Edomiter kleidet er in seine Sprache; »Wächter, was von der Nacht«, welche Nachtwache, 
wie spät ist es? Das heisst: was ist von der gegenwärtigen Weltlage zu halten? werden 
nicht bald für unsere Freiheit und für die Nahrung, für den Handel, bessere Zeiten 
kommen, als jetzt in diesem Bingkampf der Chaldäer, die zugleich die Herren und die 
Geschäftsfreunde Edoms sind, mit den östlichen Barbaren? Es ist begreiflich, dass die 
Edomiter der Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegensehen, mit Hoffnung auf die 
Freiheit und mit Sorge vor der Vernichtung des Handels. Sie glauben zwar nicht, dass 
das Numen des Sehers die Geschicke leitet, wohl aber, dass es sie vorhersieht. 12 Der 
Wächter antwortet. Offenbar ist er identisch mit dem Späher v. 6, nach der Meinung 
der Edomiter mit dem Djinn des Sehers (vgl. Wellh. Skizzen III, S. 133). Der Wächter 
kann keine vollständige Auskunft geben: »es kommt Morgen und auch Nacht«, beide 
gehen an seinem Blick vorüber, ohne dass er entscheiden kann, wer von beiden den Sieg 
davon trägt. Offenbar haben hier Tag und Nacht eine symbolische Bedeutung. Der 
Vorgang ist ein Beispiel einer nicht völlig zur Entwicklung gekommenen Vision. In 
V. 6 ff. hatte der Späher von vornherein einen Anhaltspunkt, der im psychologischen 
Moment das Spiel in Bewegung setzte; hier hat er ein verwickeltes Durcheinander von 
Wunsch und Befürchtung in die Katalepse mitbekommen, und es bleibt alles in unklarem 
Hin- und Herschweben der geistigen Schatten. Der Prophet fügt zuletzt einige Worte 
hinzu, aus denen hervorgeht, dass es nicht an seinem Willen lag, wenn er jetzt keinen 
genügenden Bescheid geben kann. Ein anderes Mal hat vielleicht der Versuch besseren 
Erfolg, sie mögen also wiederkommen, wenn sie das Bedürfnis haben. Es ist ganz ver- 
fehlt, bei dieser Antwort theologische Nebengedanken vorauszusetzen, wie dass der Vf. 
bei den Fragern die rechte Beligion vermisse und darum nicht antworten wolle oder 
zweideutig oder drohend antworte. Das ist alles in den Text hineingetragen und eine 
ganz moderne Eintragung, unser Seher ist weiter nichts als Seher, völlig objektiv, er 
spricht wohl als Mensch (v. 1 — 4. 10), aber nicht als Theolog. Das psychische Element 
herrscht bei ihm durchaus vor, so dass er, wenn v. 10 nicht wäre, jedem anderen Volk 
ebenso gut angehören könnte, wie dem israelitischen. Kr», aramäisch für nriK; ^ryan 
(nya aramäisch, Lehnwort), V9a, i^mm (% für m s. 0. § 87 b) mit hart gebliebenem **. 

Elftes Stück c. 21i3— n, Orakel »In der Steppe«. In der LXX fehlt die Über- 
schrift und ist v. 13 ff. mit v. 11 f. verbunden, aber der hebr. Text hat jedenfalls das 
Bichtige, der LXXtext ist ohnehin in v. 11 f. verstümmelt. Stade meint, die Weissagungen 
V. 1 — 10 und V. 11 — 17 seien von unmöglicher Kürze: was ist die vorschriftsmässige 
Länge eines richtigen Orakels? umgekehrt ist v. 13 — 17 jetzt länger, als es aus der 
Hand des Propheten kam; v. 16 f. ist ein Zusatz wahrscheinlich von derselben Hand, die 
den sehr ähnlichen Epilog c. 16isf. schrieb. Das Orakel selbst, v. 18 — 15, führt uns 
ähnlich wie v. 5 und v. 9 nur ein Bild vor Augen und zwar aus dem Geschick der 
Dedaniter. Der Autor ist höchst wahrscheinlich derselbe wie der von v. 1 — 12. 18 Die 
Dedaniter sind ein arabischer Handelsstamm, als solcher öfter von Hesekiel erwähnt, 
Jer 498 mit den Edomitem zusammen genannt und bedroht (vgl. Ez 25 is), darum wohl 
in deren Nachbarschaft ansässig. Ihren Karawanen ruft der Seher zu: übernachtet im 
Walde in der Steppe! Der Befehl ähnlich wie v. 5. Das zweite Wort muss nicht mit 



1^ Jes Sli5—it. 

^^Denn vor Schwertern flohen sie, vor gezücktem Schwert, 

Und vor gespanntem Bogen und vor der Schwere des Krieges. 

^^Denn so sprach der Herr zu mir: In noch .... Jahren gleich Jahren 

eines Soldners da wird alle sein alle Herrlichkeit Kedars; ^^und der Best der 

Bogenzahl der Helden der Kedarener wird gering sein; denn Jahve, der Oott 

Israels, hat's geredet 



LXX und Trg. a'^ya gelesen werden, weil es alsdann überflüssig sein würde; a*^;; heisst 
Steppe wie c. 15?, das gewöhnliche na^y ist von unserem in Palästina schreibenden Yf. 
vielleicht vermieden , um die Jordanaue auszuschliessen. In der Steppe sollen sie über- 
nachten, abseits vom Earawanenwege, wo sie von den persischen Beitern erjagt werden 
könnten; die Waldwildnis dient zum Versteck. Babel ist schon erobert oder wird in 
diesem Augenblick erobert, die H&ndler stieben nach allen Seiten aus einander 9 jeder 
nach seinem Lande« (13 14); während der Vf. von c. 13 weitläufig schildert, giebt unser 
Seher ein Augenblicksbild. 14 Jene Flüchtigen sind durstig und halb verhungert, weil 
sie die Stationen des Karawanen weges , wo sie Wasser getroffen hätten und den Mund- 
vorrat ergänzen mussten, gemieden haben; aber die Bewohner des Landes und der Stadt 
Thema (ostlich vom älamitischen Meerbusen, südlich vom Gebiet der Dedaniter), zu denen 
sie versprengt sind, haben arabische Gastfreundschaft an ihnen geübt (wenn man mit 
den Punktatoren ^wrp, liest) oder werden vom Seher aufgefordert, es zu thun (LXX). Das 
letztere ist wohl das bessere, es ist nicht Mos poetischer, sondern verhindert auch die 
Zerreissung des Bildes, also ^tarrp^ zu lesen, während ^"rn (ans iTKn oder kh) ebensowohl 
imp. als perf. ist. »Sein« Brot, Flüchtlingsbrot, vermutlich rasch gebackene Mazzen. 
15 Die Dedaniter sind friedliche Händler; da wo's gezückte Schwerter und schweren 
Kampf, Handgemenge giebt, fliehen sie davon, »wie die gescheuchte Gazelle« (13 u). Das 
dritte Orakel ist wohl etwas später, als das erste; warum der Yf. sich mit den Deda- 
nitem beschäftigt, wissen wir nicht, aber wenn er dem Negeb nahe wohnte, konnte er 
mit den Arabern leicht Fühlung haben. 

16. 17 Nachsatz von jüngerer Hand vgl. c. 16i8f. Der Anfang ahmt v. 6 nach, 
nur stellt der Seher das "hn sowohl v. 6 wie v. 11 voran ; der Schlusssatz in v. 17 erinnert 
an V. 10; er ist hier, wie oft bei den Ergänzern, herzlich überflüssig. Das **d v. 16 hat 
nur dann einen Sinn, wenn der Ergänzer die Dedaniter zu den Kedarenern rechnet. Das 
geschieht nicht überall, aber die letzteren sind hier wohl Zusammenfassung der nörd- 
lichen Araberstämme. »In noch . . . Jahren« heisst es, weil der Vf. Über die passende 
Zahl nicht gleich mit sich einig war; ähnlich ist ISam 13 1 das Zahlwort vorläuflg aus- 
gelassen und die Ausfüllung der Lücke ebenfalls unterblieben. »In einem Jahr« darf man 
natürlich nicht übersetzen, denn va« ^v zeigt ja, dass mehrere Jahre gemeint sind. 
Schon dieser Umstand beweist, dass der Seher von v 1 — 16 diese Yerse nicht geschrieben 
hat. n^ai für n^pai in c. 16 14, sonst ist die Übereinstimmung zwischen beiden Stellen so 
gross, wie es nur bei einem Epigonen möglich ist. »Die Helden« ist ein konventioneller 
Ausdruck der höheren Rede für Krieger; Bogenschützen (rvp ist die Mannschaft der 
Bogenschützen) sind die nördlichen Araber allesamt nach Gen 21 so. Gegen die Araber 
eine Drohung zu schleudern (v. 18—16 ist keine Drohung), konnte den Juden nahe liegen 
seit der Zeit, wo die arabischen Könige ihnen geföhrlich zu werden anfingen. Das war 
der Fall zur Zeit des Alexander Jannäus, wo Aretas es mit den Syrern und Juden auf- 
nahm. In dieselbe Zeit schien uns auch c. 16i3f. zu fallen. 

Zwölftes Stück c. 22i— u, Orakel »Thal Chissajon«. Ob es ein einheitliches 
Stück ist, das ist sehr die Frage, schon deshalb, weil mit v. 8 ein ganz anderer Bhythmus 
einsetzt: in v. Iff. haben wir Langverse, in v. 8 ff. die gewöhnlichen Distichen, v. 1 — 7 
hat folgenden Inhalt: inmitten der fröhlich erregten Volksmenge Jerusalems bricht der 
Prophet aus in Wehklage über die schimpfliche Flucht und Vernichtung des judäiscben 



Jes SSli— 1 12ft 



22 ^Orakel „Thal CJhissajon«. 

Was ist dir denn, dass du gestiegen bist du ganz auf die Dächer, 

^Larmerfüllte, rauschende Stadi; frohlockende Feste! 

Deine Durchbohrten sind nicht Schwertdurchbohrte, noch Kampfgetötete, 



Heeres und kandigt den Schreckenstag an, wo die wilden Hfllfsvölker Abbuts die Stadt 
stünnen. y. 8 — 14 besagt: die Judfter schauen auf ihre Festungswerke, statt auf Jahve, 
leben lustig, statt zu trauern, dafür droht Jahve mit dem Tode. Während früher das 
Stück allgemein als Weissagung galt, braucht nach DlUm. kaum mehr bewiesen zu werden, 
dass hier Gegenwärtiges und Vergangenes geschildert und beurteilt werde. Man beruft 
sich dafür auf die impff. mit ^ cons. (von denen in y. 1 — 7 nur ein einziges, noch dazu 
sehr zweifelhaftes vorkommt) und sonderbarer Weise auf die perff., die man c. 9i — e 
und c. 144ff. ohne Murren als futnra hinnimmt; die geschichtlichen Schwierigkeiten 
werden von dem einen so, von dem andern so weggedeutet. Sie sind unangenehm genug, 
aber schlimmer ist die Zurichtung, die bei dieser Erklärung v. 1—7 erfährt. Zuerst 
haben wir die Gegenwart, das Volk ist lustig, darauf folgt die Schilderung einer bei- 
spiellos schlimmen und schimpflichen Niederlage, in der alle Führer fielen oder flohen 
oder gefangen genommen wurden: die Jerusalemiten müssten doch wunderliche Leute 
gewesen sein, sich dabei zu freuen, oder hat Jes. diese Niederlage, von der die Geschichte 
nichts weiss, nur geträumt? Darauf fordert er die Umstehenden auf (die also bei ihrer 
Yerrficktheit doch noch gutmütig sind), ihn über das Unglück der Stadt nicht zu 
trösten. Ist denn der Prophet von dem allgemeinen Aberwitz angesteckt? Wenn nach 
Jena ein Preusse unter das Volk getreten wäre mit der dringenden Aufforderung, ihn 
nicht zu trösten, würde man den für vernünftig gehalten haben? Auch v. 5, der genau 
so wie c. 2is gebildet ist und den wenigstens Ew. für eine Prophezeiung hält, soll sich 
nach anderen auf die Vergangenheit beziehen, trotz des mangelnden mn, und natürlich 
erst recht die folgenden Verse. Leider steht diese Misshandlung einer unzweifelhaft 
jesaianischen Bede in bester Harmonie mit der Seelenruhe, mit der man auch sonst 
diesem Propheten die kläglichsten Stümpereien zutraut. Von der Zukunft redet v. 5, er 
motiviert aber v. 4, der wieder durch ip-hy mit 2b. 3 zusammenhängt; mit der futurischen 
Fassung von v. 2b — 5 sind der Widersinn und die Abgeschmacktheiten beseitigt, die 
man sonst der Situation und dem Propheten aufbürden muss. Die Szene, die die Lang- 
verse von V. 1 — 7 zum Gegenstand haben, muss bei einer Gelegenheit vorgefallen sein, 
wo die Jerusalemer in die Lage kommen konnten, eine Schlacht zu liefern und eine 
Belagerung auszuhalten, von einem unglücklichen Ausgang der Dinge aber nichts wissen 
wollten. Da sie beim Ausbruch des Krieges mit Syrien und Ephraim in Todesängsten 
waren (7i), so steht nur die erste Zeit Sanheribs zu Gebote. Die Judäer rechnen auf 
Sieg und Freiheit, der Prophet weissagt die Katastrophe. Jenes wäre nicht möglich, 
wenn Sanherib schon nahe bei wäre, die Veranlassung der Freude mag also die Freiheits- 
erklärung Hiskias gewesen sein. v. 1 — 7. 1 Die ganze Stadt ist auf die Dächer gestiegen, 
denn es giebt etwas zu sehen (vgl. Jdc 16 S7) und zwar etwas Angenehmes, weil sie 
die frohlockende genannt wird. Zu sehen ist, nach der gegensätzlichen Schilderung des 
Propheten v. 2 b. 3 zu urteilen, irgend ein Aufzug, der Judas Macht in günstigem Licht 
erscheinen lässt, die Musterung des Heeres, fremde Gesandten, die Zurschaustellung 
eines Erfolges, z. B. die Einbringung des assyrischen Vasallen Padi, den die Ekroniter 
nach Jerusalem ins Gewahrsam schickten, oder etwas Gleichbedeutendes. Jes. weiss 
natürlich wohl, wonach man ausschaut, aber er begreift nicht, wie man sich dabei so 
geberden kann, "t^s, seltene Form neben ^)ö, 2 Die kühne Wortstellung im Anfang 
und die gewählten Ausdrücke gehören der edleren Bede an, die auch das Versmass 
fordert, rr^ kommt auch in den verwandten Dichtungen c. Isiff. und c. 329ff. vor, 
vtr^y auch in der letzteren. Der Prophet ist schmerzlich erregt, innerlich verwundet bei 
dem Anblick der stolzen Freude der dem Untergang geweihten Menge. Er hat soeben, 

Uttndkomaiaiiter s. A.. T.: Dnbm, Jes. 2. Anfl. 9 







3 Alle deine Häuptlinge sind geflohen, die Bofiiengerusteten, 

Gefangen all' aeine Starken, weithin geflüchtet! 

^ Darum sage ich: blickt weg von mir, lasst mich bitter weinen, 

Drangt nicht mich zu trösten ob — der Zertrümmerung meines Volkes! 



in plötzlich auftauchender Vision, diesen Untergang gesehen, er erkennt »schon das 
kommende Grann des Todes, dem keiner entfliehen wird«, wie Theoklymenos, der mitten 
beim ausgelassenen Mahl der Freier vom Gesicht überfallen wird (Odyss. 20, 350 ff.). 
Die schriftliche Wiedergabe der Szene hat natClrlich ihren drastischen Charakter 
temperiert und die in der Wirklichkeit aufgeregtere Sprache schon durch die Durch- 
führung des geordneten Yersmasses gebändigt. Trotzdem hebt sich auch jetzt von dem 
fragenden Eingang der Aufschrei y. 2b mächtig ab: deine Durchbohrten sind nicht 
Schwertdurchbohrte! Ein Satz, an sich paradox, aber erst recht auffallend durch seinen 
Gegensatz zur Wirklichkeit. Es giebt ja gar keine Durchbohrten, keiner von all den 
fröhlichen Leuten auf den Dächern und in den Strassen sieht sie oder weiss von ihnen. 
Denn dass es sich nicht um eine verlorne Schlacht und ihre noch schlimmeren Folgen 
handelt, die vor aller Augen sind, sollte doch angesichts der allgemeinen lauten Freude 
selbstverständlich sein, der »Leichtsinnt, den man in der letzteren findet, wäre nur im 
Tollhause denkbar; verstockt, für Jabves Mahnungen unempfänglich kann man bleiben, 
aber nicht mit ganzer Yolksmasse sich auf den Dächern belustigen. Das erste Hemistich 
von V. 2b ist nach dem zweiten zu erklären: nicht in ehrenhaftem Kampf, sondern von 
Henkershand sind sie durchbohrt. 8 Air deine Häuptlinge, Hiskia und seine Grossen, 
sind gefangen. Von einem solchen Ereignis sollte uns billig die Bibel und würde 
gewiss Sanherib Meldung thun. Sanheribs Sieg bei Altaku über die Philister und 
Ägypter kann hier nicht aushelfen, überhaupt kein wirklicher oder gedachter Vorgang 
während der Anwesenheit Sanheribs in Palästina, denn solange die Jerusalemer noch in 
angstvoller Üngewissheit über ihr Schicksal schwebten und das vor Augen hatten, was 
c. l4ff. geschildert wird, waren sie doch wohl so vernünftig, keine »Freudenfeste« zu 
feiern; dass die Bede aber nicht nach Sanheribs Abzug fallen kann, giebt Dillm. selbst 
zu; leider ist diese unmögliche Annahme neuerdings wieder aufgewärmt. Von nn*« an 
gehen der sehr unbefriedigende hebräische und der griechische Text stark auseinander. 
Für Mopn -tn*t hat LXX nvp bthm, für ytfXQZ hat sie T^^^i ^^^ zweite i^k und i-irp 
fehlen ihr. Mit Ersetzung des rtiop durch das mas. Mvp und etwas anderer Aussprache 
der von der LXX vorgefundenen Konsonanten lesen wir pin*ii9 *7*'^«-Vd 1*^0» Mvp o'^mk. 
Zu dem Ausdruck »der den Bogen fassende« s. IlChr 256 vgl. Cnt da, zu fovi s. c. 28s. 
Wir vermeiden so das doppelte i*«m, ferner in^ und i-m*«, die zwar Lieblingsflickwörter 
der Späteren, hier aber wegen des h^ unnütz und störend sind und das Metrum be- 
lasten; femer fällt das unglückliche nvp« weg, das von jedem Ausleger anders erklärt 
wird (von Bogenschützen oder vor dem Bogen oder ohne Bogen, nämlich »ohne dass sie 
ihn noch hatten und man einen gegen sie brauchte«), während der Ausdruck »die 
Bogenbewaffneten« eine willkommene Präzisierung des sonst zu allgemeinen T^^scp (lio 
36) ist; endlich ist y*\nTo^ beseitigt, das ganz unbrauchbar ist. Denn es ist eine Tauto- 
logie zu sagen: die erreichten wurden gefangen (»wurden durchbohrt« c. 13 15 hätte 
einen Sinn gehabt), und es ist widersinnig zu sagen: die erreichten flohen weithin. 
Vielmehr die Starken, die sich so viel auf sich einbilden (c. 30 le), wurden gebunden oder 
flohen in die Weite vgl. Am2i6. 4 ist unerträglich affektiert, wenn er einem soeben er- 
lebten nationalen Unglück gilt, hingegen meisterhaft, wenn es sich um eine Prophezeiung 
handelt. Jes. hat im Gesicht die furchtbare Niederlage gesehen und das Gesehene laut 
in die Menge hinausgerufen, keiner von den fröhlichen Leuten hat ihn begriffen, nur 
mancher blickt erstaunt und erschrocken auf ihn und auf seinen Schmerzensausbruch. 
»Blickt weg von mir!« ruft er, warum? damit sie wegblicken? im Gegenteil, damit sie 
nach ihm blicken. Das ist eine natürliche psychologische Nötigung, die Aufmerksamkeit 



Jes 225—7. 131 

'^Denn einen Tag des Sturmens und Störzens und Verstörens hat der Herr 

[Jahve der Heere, 

Im Thal CSiissajon Brecher der Brustwehr und Geschrei den Berg hinan, 

^Und Elam hat erhoben den Köcher auf rossbespanntem Wagen, 

Und Kir entblösst den Schild 

7 Deine besten Thäler sind voll von Wagen und Rossen 

Aufgestellt sind sie gegen das Thor 



auf ihn statt auf das Schauspiel zu heften. Andere Mittel, sich Beachtung zu erzwingen, 
lernten wir c. 5iff. und c. 20 kennen vgl. noch c. 287ff. Zu ""i» (c. 30 1) s. 0. § 223 c. 
»Ich will bitter machen mit Weinen«, dadurch veranlasst er die Umstehenden zur Teil- 
nahme an dem Unglück, das nach ihrer Meinung ihn getrofTen hat, und zum Versuch 
ihn zu trösten. Jetzt hat er einen genügend grossen Kreis von interessierten Menschen 
um sich nnd braucht nicht mehr in Bfttseln zu sprechen. Doch ist der nächste Satz 
immerhin noch zweideutig: »ob der Vergewaltigung der Tochter meines Geschlechts«. 
^tMrra, nur hier bei Jes., dagegen auch in den Elegien Jer Sisff. und c. 14 17, stammt 
vielleicht aus der wirklichen Totenklage, als Ausdruck fflr die Verwandte; Jerusalem, die 
yc^s-i^a, ist eine Tochter aus der Familie Israel. Aber wer jetzt den Propheten erkannt 
hatte, wnsste, welche Verwandte gemeint sei. So donnert nun Jes. v. 5 das unnachahm- 
liche rmrm ur^ u. s. w. unter die erschreckten Zuhörer. Eine meisterhafte Benutzung 
der erhaschten Gelegenheit; selbst wer sich jetzt fortstehlen wollte, dem würden »die 
Ohren gellen«. Selbstverständlich hat Jes. nicht nach einem vorher überlegten Plan 
gehandelt; wie ihn plötzlich das Gesicht überfiel, so folgte er auch im Beden den Ein- 
gebungen des Augenblicks. Jahves Tag ist immer ein zukünftiger, hier bezeugt das 
noch die Ausdrucksweise (vgl. c. 2is 28s); dagegen kann keine richtig oder falsch ver- 
standene Fortsetzung »entscheiden« ; wer die letztere für imperfektisch h&lt, muss sie eben 
ausser Verbindung mit v. 5 setzen. Ein Tag des Tosens und Niedertretens und Ver- 
wirrens ist der Tag, wo Jahve durch den Assyrer Jerusalem bestürmen l&sst, das ist 
eine Drohung, keine Predigt. »Im Thal Chissajon« gehört nach dem Bhythmus, aber 
auch nach dem Sinn in den folgenden Stiches, denn einen Tag hat Jahve nicht in irgend 
einem Thal! Das Thal kennen wir nicht; natürlich ist nicht Jerusalem, das kein Thal 
ist, oder die Unterstadt gemeint, der Name auch schwerlich mit einem symbolischen 
Nebensinn genannt. Er erinnert an Namen wie: Hügel des Orakelgebers (Jdc 7i) oder 
Eiche der Zauberer (^Jdc 987), wahrscheinlich war eine alte Orakelst&tte in diesem Thal. 
Als Thal hatte es eine vorzugsweise hohe Mauer, die den AncnrifTen der Belagerungs- 
maschinen ausgesetzt war. "^p*^, doch wohl part., ist denom. von "^p: es ist einer ent- 
mauemd die Mauer. W&hrend der Feind diese unersteigliche Mauer mit Widderstössen 
zu brechen sucht, stürmt er zugleich mit wildem Geschrei gegen die auf den Hügeln 
errichteten Befestigungen. Das ist jenes Tosen und Stürzen und Verstören. Manche 
Exegeten ziehen vor, *^p in Tip zu verwandeln und unter rp und yro die Hes 23 si ge- 
nannten Völker zu verstehen. — Die Fortsetzung v. 6 f. trennen Mehrere vom Vorher- 
gehenden ab und fassen sie als einen historischen Bericht, aber die Belagerung, von der 
sie angeblich erz&hlt, ist ja gar nicht vor sich gegangen; v. 6 — 11 aber für unecht zu 
erklären, ist durch nichts zu rechtfertigen; auch haben die Späteren gar nicht geglaubt, 
dass es zu einer Belagerung gekommen sei vgl. c. 37s8ff. (Ps 485ff. 76 sf.). * 6 oV^n 
emphatisch vorangestellt; die Elamiter sind Söldner wie die Philister im Heer Davids 
oder die Grermanen bei den Bömem, die Skythen bei den Athenern (vgl. c. 21s). »Hat 
den Köcher erhoben«, um die Pfeile herauszuschütten. Im zweiten Hemistich ist d-tm 
Glosse zu B**v"^B, die diese als Menschen, nicht als Pferde gefasst haben will; es sind 
aber doch Pferde und der Ausdruck derselbe wie IIBeg 7u v^io s^x Kir, nach Am Is 
IIBeg 169 ein den Assyrem unterworfenes Land und Volk, uns unbekannt, hat den 
Schild entblösst, der demnach fßr gewöhnlich einen schützenden Überzug hatte. Dem 
Stichos fehlt die zweite Hälfte, von der "rm v. 7 ein Best sein mag. 7 ''n*') sollte auch 

9* 



183 ^es 22»--ii. 

^ 8 Und er deckte auf die Decke" Judas (?) 

Und ihr blickt an jenem Tage auf die Rüstung des Waldhauses, 
^Und die Risse der Davidsstadt seht ihr, dass sie viel sind, 

"^und ihr sammeltet die Wasser des unteren Teiches, ^^und die H&user Jeru- 
salems mustertet ihr und bracht die Häuser ab, die Mauer zu befestigen, 
^'*und ein Sammelbecken machtet ihr zwischen den beiden Mauern für die 
Wasser des alten Teiches, 

^ii>Doch nicht blickt ihr auf den, der es thut, 

Und der es fernher bildete, den seht ihr nicht 



von denen beanstandet werden, die den Jos. ein historisch-erbauliches Referat geben 
lassen, denn wenn eben gesagt war, dass die Feinde im Thal und am Berg an der Arbeit 
sind, so kann hier nicht, als würde ein neues Ereignis erzählt, fortgefahren werden : und 
es geschah, die Thäler waren voll von Feinden. Ein mni (LXX i^ni) wäre auch eine 
stilistische Schwäche. Jes. giebt hier überall nur Bilder zur Yeranschaulichung, nicht 
einen Bericht von Geschehenem oder eine Weissagung von Dingen, die genau so und 
nicht anders geschehen werden, daher kann er nur Perfekte brauchen. Ist "rm, das auch 
metrisch lästig ist, nicht Rest von v. 6b, so mag es von dem guten Mann herrühren, 
der V. 9b — IIa einsetzte. Die Thäler, wo die Jerusalemer ihre Lustgärten haben (c. 32 u), 
sind voll von Wagen und Bossen, wie man gegen die Akzente und mit Streichung des 
Artikels vor D'^ttn» übersetzen muss. Denn dass die Beiter direkt an der Belagerung einer 
Festung teilnehmen, ist nicht wahrscheinlich. Selbst wenn sie sich von den Fasstruppen 
die Thore wollen erbrechen lassen, um sich dann in die Stadt zu stürzen, so sieht man 
nicht ein, was sie in den engen und winkligen, mit leichtester Mühe für sie ungangbar 
zu machenden Strassen anderes thun könnten, als den eigenen Fusstruppen den Weg zu 
versperren. Vielmehr: die Wagen, die die Thäler anfüllen, haben auch Stellung ge- 
nommen gegen die Thore, als schnelles Beförderungsmittel für die Bogenschützen und 
als Wagenburg gegen einen Ausfall. Wie es scheint, bricht jetzt das Gedicht ab, 
höchstens könnte noch v. 8 a dazu gehören. 

8 — 14 ist eine Stra^redigt, wahrscheinlich aus etwas späterer Zeit, wo man 
schon auf eine Belagerung und auf einen vielleicht schlimmen Ausgang des Freiheits- 
kampfes gefasst war. Das Metrum ist ein ganz anderes als v. 1 — 7. 8 Der erste Satz, 
wahrscheinlich nur der Best von mehreren Sätzen, ist kaum verständlich. Man übersetzt : 
und er (Gott oder der Feind oder »es«) deckte auf die Decke Judas, entweder die Hülle, 
die den Judäern das Sehen verwehrt oder die die Scham Judas bedeckt oder die Juda 
vor dem Feinde deckte. Die LXX hat zwei Lesarten, die ein# v. 8: '^nrt für "7019, die 
andere, nach v. 9 verschlagene: niDso für 'po und an beiden Stellen i^r\ Mit alledem 
lässt sich gar nichts anfangen; Konjekturen sind hier, an der Grenze zweier Stücke, 
ebenso wohlfeil wie wertlos. 8b. 9a bilden mit v. IIb vier untrennbare Stichen; was 
dazwischen steht, muss heraus, selbst wenn es besser passte, als es thut. Femer ist 
schon in v. 8 b der Plur. ')Qtani zu lesen wie v. 9 a. Endlich ist Kinn wt^z in v. 8 b (und 
V. 12) zu streichen als Zusatz desselben Mannes, der v. 9b — IIa einsetzte; dieser Aus- 
druck würde auf die Zukunft gehen (wie denn auch die LXX mit dem futur. übersetzt), 
aber v. IIb kann keine Weissagung sein, darum auch nicht v. 8b. Die Judäer haben 
statt auf Jahve auf die Büstung, die Waffen verrate des »Hauses vom Walde Libanon« 
(IBeg Tsff. lOief.) gesehen und die schadhaften Stellen in der Befestigung der »Davids- 
stadtt, der Zionsburg (IISam57. 9), nachgesehen und wohl auch ausgebessert; sie haben 
ihre Stärke nicht im Vertrauen auf Jahve, sondern in weltlichen Hülfsmitteln gesehen 
(c. d0i5f.) wie früher Ahas. 9b — IIa Abgesehen davon, dass dieser Passus v. 9a von 
IIb trennt, sollte doch wohl klar sein, dass Jes. sich selbst in einem geschichtlichen 
Bückblick nicht in solche Details vertiefen würde, wie sie hier geboten werden. Ausser- 
dem sind ja doch nicht die hier genannten einzelnen Handlungen als solche verwerflich. 



Jos 22 IS— 14. 133 

^Und es ruft der Herr Jahve der Heere an jenem Tage 

Zum Weinen und Klagen^ zur Glatze und Sackumgärtung: 
13 Doch siehe da, Wonne und Freude, 

Rinder würgen und Schaie schlachten, 
Fleisch essen und Wein trinken — 

„Gegessen und getrunken, denn morgen sind wir tot!'' 
i^Und entnüllt hat sich in meinen Ohren Jahve der Heere: 

Wahrlich, nicht wird diese Sünde euch gesühnt, bis ihr tot seid! 



80 dasB ihre Aufzählung die Schuld der Jud&er grösser erscheinen lassen würde, sondern 
nur die Meinung, sieh selber helfen zu wollen, die zu konstatieren v. 8 b. 9 a völlig ge- 
nügt, während man über dem vielen Aufzählen die Hauptsache aus dem Gesicht verliert. 
Der Ergänzer hat hier seine gelehrte Kenntnis der Zeit Hiskias verwertet. Man sam- 
melte damals die Wasser des unteren Teiches, der wohl im Süden der Stadt lag und 
sonst sein Wasser aus der Stadt abfliessen liess, musterte die Häuser und brach die- 
jenigen, die, vielleicht an die Mauer gebaut, der Verteidigung hinderlich waren, ab und 
verstärkte mit dem Material die Mauer (12l^^ ohne dag. s. Ges.-K. § 20 m), schuf endlich 
ein Bassin zwischen den beiden Mauern, die den Ost- und Westhügel südlich umgaben, 
»für den alten Teich«, von dem und dessen Lage wir nichts Sicheres wissen. IIb Jahve 
hat »es« gethan, es von fernher, von langer Hand, »gebildet«, ^x**, ein Lieblingswort 
Deuterojesaias, hat hier, bei Jes., der es nur dies eine Mal braucht und kein Wort um- 
sonst sagt, eine grosse Bedeutung. Die Geschichte ist für ihn nicht ein regelloser Haufen 
von Begebenheiten und menschlichen Strebungen, sondern ein planmässiges Gebilde 
Gottes. Dies Wort spricht den Gedanken aus, durch den Israels Beligion alle anderen 
Religionen überragt. Keine von ihnen hat so entschieden die Kundgebungen Gottes als 
Geschichte und die Geschichte als Gottes Kunstwerk gefasst, »Gott macht die Geschichte« 
ist ein religiös viel wertvollerer Satz als »Gott hat die Welt erschaffen«. Jes. sieht jetzt 
die längst von ihm angekündigte Katastrophe herannahen. Sie sollte mit Glauben und 
Hoffen erwartet werden, sie wird diejenigen vernichten, die Gottes Werk nicht sehen 
und hören, sondern nur auf das Sichtbare sehen (c. 8i6ff.). 12 Indem Jahve die Zucht- 
rute beruft, ruft er das untergehende Volk zur Klage auf. Nicht etwa zur Busse, die 
das Geschick abwenden könnte, denn das ist längst zu spät c. Gsff. Die antezipierende 
Aufforderung zur Klage auch c. 32 ii. Unter den Äusserungen der Trauer wird das 
Fasten nicht genannt, das die späteren Schriftsteller nie vergessen. 18 Vielleicht sind 
doch in v. 13a infin. constrnoti beabsichtigt, obwohl inmierhin nirv inf. abs. sein kann 
(0. § 170 d). Den nächsten Anlass zu den Schmausereien werden grosse Opfer gegeben 
haben, mit denen man sich die Hülfe Jahves erkaufen wollte, aber man ist schon längst 
viel zu sinnlich und frivol geworden, um nicht den eigentlichen Zweck zurückzustellen 
und sich dem Sinnengenuss zu überlassen, der ihnen besser über die Sorgen, über die 
aufkommende Angst vor einem bösen Ausgang des Unternehmens hinweghilft, als die 
Beligion. Sie wollen sich betäuben, den Augenblick ausnutzen, essen und trinke^, so 
lange sie noch leben. Ob Jes. den berühmten, auch von Paulus zitierten (IKor 15s8) 
Wahlspruch der Sinnenmenschen selbst geprägt oder als Sprüchwort vorgefunden hat, 
wissen wir nicht; indessen schlägt das »bis ihr tot seid« v. 14 derartig auf diesen Satz 
zurück, dass man vermuten sollte, Jes. habe dies frivole Wort selbst aus dem Munde 
der Zechenden gehört. 14 So setzen sie das Heil des Staates aufs Spiel, so schlagen 
sie die Weissagung in den Wind und verachten Jahves Thun. Jenes Wort der Grossen 
aber hat ein Wort Jahves hervorgerufen, das Jes. in seinem Ohr, offenbar als von aussen 
hineingesprochen, vernimmt. Jahve schwört, jenes Wort solle nicht vergeben werden, 
sondern den Tod derer, die es aussprachen, herbeiführen. Natürlich kann das ty nicht 
den trivialen Sinn haben: bis an euer Lebensende, gleichviel wann dieses erfolgt; eine 
allgemeine Drohung mit dem Verlust der »vergebenden Gnade Gottes«, die im NT ihren 



134 Jes 2216—16. 



i^So sprach der Herr, Jahve der Heere: 

Auf, gehe hinein zu diesem Verwalter da:*) 

^^Was hast du hier und wen hast du hier, 
Dass du dir ausgehauen hier ein Grab, 
Du, der hoch sein Grab aushaut, 

Im Felsen sich seine Wohnstatt bohrt? 

*) Wider Sebna, den Palastvorsteher. 



gaten Sinn hätte, würde nicht von Jes. als ein besonderes Orakel ausgesprochen nnd noch 
weniger von den in v. 13 charakterisierten Leuten gewürdigt worden sein; Jes. ist kein 
Pfarrer, sondern ein Prophet und Politiker. Was Dillm. mit dem Satze meint, dass Jes. 
nicht mit bestimmter äusserer Strafe zu drohen in der Lage sei, weiss ich nicht; gleich 
hinterher meint er, dass der mit Exil und Tod im fernen Land bedrohte Sebna einer der 
hier gemeinten Grossen sei. Zum Gebrauch des tp vgl. Job 146. Über ^pn und das "«atK 
der liXX vgl. zu c69; über ^fid** zu c. 67. Der Schwur Jahves wie c. 14t4. — Der Schluss- 
satz: spricht Jahve etc. fehlt mit Recht in der LXX; er kann aus v. 15 eingedrungen, 
aber auch aus der Liebhaberei der Sp&teren entstanden sein, prophetischen Beden einen 
feierlichen Schluss anzuhängen. 

Dreizehntes Stück c. 22 16— 25, Drohung wider einen hohen Beamten von 
fremder Herkunft, mit späteren Anhängen über Eljakim und dessen Geschlecht. Während 
V. 15—18 völlig verständlich ist und dem Jes. recht gut angehören kann, steckt die Bede 
über Eljakim voller Schwierigkeiten. Es befremdet schon, dass Jes. den neuen Minister 
einsetzt, noch mehr, dass er zugleich dessen ganze Familie befördert haben will, ganz 
rätselhaft aber ist, dass er im selben Atem auch den schimpflichen Sturz des soeben 
ernannten Ministers anzeigt, — denn dass v. 25 auf Sebna, nicht auf Eljakim gehe, ist 
doch nur eine Lösung verzweifelter Exegese. Durch Streichung von v. 24f. hat Hitzig 
zwar den ärgsten Anstoss beseitigt, aber bei weitem nicht alle. Da auch stilistische 
Anstösse mitsprechen, so halte ich v. 19 — 23 für die Ergänzung eines Mannes, der c. 36$ 
vor Augen hatte und vielleicht auch an der Familie Eljakims irgendwie interessiert war, 
und V. 24 f. für einen zweiten Nachtrag von einem Manne, der der Familie Eljakim feind 
war, darum übrigens nicht vor dem Exil gelebt haben muss s. u. Abgefasst istv. 15 — 18 
vermutlich während der Begierung Hiskias. Der Sammler könnte das Stück schon in 
der jetzigen Verbindung mit v. 1—7 und v. 8 — 14 vorgefunden haben, und er hat nicht 
gemerkt, dass die Überschrift (falls diese nicht erst nachträglich geschrieben ist) an das 
Ende von v. 15 geraten ist. 15 Jahve befiehlt dem Jes., zu »diesem Verwalterc hinein 
zu gehen. Das konnte Jes. als Prophet und als der vornehme Mann, der er war; dem 
Jeremia wäre es vielleicht nicht so leicht möglich gewesen. Wo hinein Jes. gehen soll, 
das ist nicht ganz klar, denn man kann ebenso gut an die Königsburg, wo doch wahr- 
scheinlich der Beamte schaltet, wie an dessen Haus denken; vielleicht handelt es sich 
auch um den Platz der Adelsgräber, der gewiss abgeschlossen war, so dass ein na passte. 
Ohne Zweifel hat der hohe Beamte dem furchtbaren Gottesmann ganz still gehalten, und 
schon in sofern war die Szene, die gewiss nicht unter vier Augen vorfiel, eine gewaltige 
Demütigung für den Emporkömmling. pD kommt sonst nicht unter den Titeln der höch- 
sten Beamten vor , und I Beg 1 s. 4 wird die Wärterin Davids so bezeichnet ; entweder 
drückt sich also Jes. wegwerfend aus, oder aber der Mann, der die letzten fünf Wörter 
in V. 15 hinzugesetzt hat, ist im Irrtum, indem er den fremden Beamten für den Palast- 
vorsteher Sebna hält, dazu gebracht durch den fremden Klang des Namens loa« und den 
umstand, dass Sebnas Vater nicht mitgenannt wird. Was richtig ist, können wir nicht 
mehr feststellen. Dass aber Jes. den Schluss von v. 15 nicht geschrieben hat, dafür 
spricht ausser dem ^;, das wegen des vorhergehenden ^tc nicht so leicht Schreibfehler 
sein kann, eben der doppelt« Titel. »Wider Sebna, den Palastvorsteher«, das ist offenbar 
die Überschrift unserer sechs Disticha; Jes. brauchte den Mann nicht zu nennen, weil 



Jes 2217—18. 185 

1' Siehe, Jahve wirft dich im Wurf, 

Du Held, und kehrt dich um und um, 
^^ Zusammen knäult er dich zum Knaul, 

Wie einen Ball auf breitseitiges Land, 
Dort wirst du sterben und dort deine Ehrenwagen sein, 

Du Schande des Hauses deines Herrn! 



er natürlich jedem Bürger bekannt war. 16 Du bist weder ein erbangesessener Bürger 
(was hast da hier?) noch mit einer hiesigen Bfirgerfamilie verwandt (wen hast du hier?); 
im ersteren Fall hätte er das Kecht, im zweiten könnte er es erlangen, sich in Jeru- 
salem ein eigenes Grab zu erwerben. Denn sein eigenes Grab legt man '^r'^aa an (s. zu 
c. 14 18); wer den Geschlechtem nicht angehört, muss auf dem gemeinen Friedhof be- 
graben werden (Jer 26 ss). Dieser Ausländer aber will sich sogar unter dem Adel be- 
graben lassen, d*)*«, €v v^tiX^, im Felsen etwa des Zionsberges. y^n und ^sxh mit den 
alten Endungen Tgl. Isi. Die Anlegung des Grabes giebt den Anlass zum Ausbruch des 
Zornes, gewiss nicht den Hauptgrund, denn wegen dieser und ähnlicher Unverschämt- 
heiten hätte ihn Jes. nicht die Schande des Königshauses genannt. Darf übrigens der 
Fremde im Tode kein ^vo haben, keine Wohnstätte, wie hier nach ältester Auffassung 
vom Todeszustand das Grab heisst, so wahrscheinlich auch im Leben keinen vererbbaren 
Grundbesitz mit YoUbürgerrecht, es müsste denn eine Familie ihn adoptieren. Furness, 
Cheyne, Marti setzen v. 16b vor v. 16a. 17 f. die Drohung, rasch und zornig gesprochen; 
das erste Verbum beherrscht, wie das Wt v. 18 zeigt, den ganzen Satz v. 17. 18 a. nVts^ts 
(von h'^xa) scheint als weibliches nom. verb. aufgefasst zu sein, aber man liest wohl besser 
-^a^n hv/s^; TiKSx dagegen ist Substantiv, ntay soll nach dem Arabischen packen bedeuten, 
was nur hier vorkäme; Jer 43 is heisst es, wie es scheint, umkehren (vom Gewände, im 
Sommer das Bauhe nach aussen,' im Winter nach innen), danach meint Jes. wahrschein- 
lich, Jahve werde ihn rücklings umbiegen, Kopf an Ferse, wodurch er wehrlos wird und 
wie ein Ball fortgeschleudert werden kann. Das Land breit von Seiten mag Assyrien 
sein. Dort werden seine Ehrenwagen sein, die ein weiteres Zeichen seiner Anmassung 
sind. In der älteren Zeit ist ein rossbespannter Wagen das Vorrecht des Königs und 
nicht einmal den Prinzen zugestanden (USam 16 1 IReg l5 vgl. zu Jer 1796). 19 — 28 
ein Zusatz, wahrscheinlich von demselben, der im Schlnss von v. 16 den Schaffner mit 
Sebna identifiziert. 19 kommt post festum; wenn der Verwalter ins Exil geschleudert 
ist, braucht Jahve ihn nicht mehr von seinem Platz wegzureissen. Dieser Vers ist 
hinzugesetzt, um die Ersetzung des Ausländers durch Eljakim besser zu vermitteln, 
vielleicht auch deswegen, weil v. 17 f. sich nicht erfüllt hat, wenn dort Sebna gemeint 
ist. Von den beiden Verben lässt sich leichter das zweite in die erste Person umsetzen 
(wegen der häufigen Verwechslung von "^ und m), als das erste in die 3. pers. Der Er- 
gänzer lässt Jahve in der 1. pers. sprechen, während Jes. in der 3. pers. von ihm sprach. 
20 Mit der bei den Ergänzem üblichen Eingangsformel wird Eljakims Erhöhung ange- 
kündigt; »jener Tag« ist offenbar nicht der, wo der Vorgänger exiliert wird (v. 17 f.), 
sondern der, wo er degradiert wird (v. 19). Der Vf. fusst auf c. 36$, wo Sebna dem 
Eljakim nachgeordnet ist, aber keineswegs exiliert. Dass nun ein Prophet einem 
schlechten Beamten Jahves Strafen ankündigt, ist keineswegs auffällig vgl. Am 7i6f., 
wohl aber ist es unglaublich, dass ein Prophet den ersten Minister des königlichen 
Hauses ernennen sollte, ohne den König auch nur zu erwähnen. Jes. verlangt gehört 
zu werden, wo es sich um politische Entscheidungen von religiöser Bedeutung handelt, 
greift auch die Missregiernng freimütig an, aber er respektiert viel zu sehr die Königs- 
würde, um den Vormund zu spielen und sich direkt in die Verwaltung einzumischen, 
darin sehr verschieden von den Schriftgelehrten der hasmonäischen Periode. Dass ein 
Späterer ihn über den König stellt, ist nach c. 37iff. nicht zu verwundern, er selbst 
thut das nicht. »Mein Knecht«, in anderem Sinn als c. 20s, mein frommer Verehrer 



136 Jes 22i9— 25. 

19 Und stossen werde ich dich aus deiner Stellung 

Und von deinem Standort dich wegreiasen. 
^oXJnd geschehen wird's an jenem Tage, 

Da berufe ich meinen Knecht Eljakim, Sohn Hilkias, 
^^Und werde ihn bekleiden mit deinem Leibrock 
Und mit deiner Binde ihn gurten, 
Und deine Herrschaft gebe ich in seine Hand, 

Und er wird zum Vater dem Bürger Jerusalems und dem Haus Juda. 
^^Und ich lege den Schlüssel des Davidshauses auf seine Schultern, 

Und öffnen wird er, ohne dass einer schliesst^ und schliessen, ohne dass 

[einer öffnet. 
'3 Und einschlagen werde ich ihn als Nagel an einen sicheren Ort^ 
Und er wird sein zum Würdenstuhl dem Hause seines Vaters. 

'^Und ])ängen wird sich an ihn die ganze Bürde des Hauses seines Vaters, 
die Sprossen und die Aus wüchse, alle kleinen Gefässe, von den Schalen- 
gefässen bis zn allerlei Eruggefässen. ''An jenem Tage, ist der Sprach 
Jahves der Heere, wird weichen der Nagel, der an einen sicheren Ort 
eingeschlagene, und wird abgehauen werden und fallen, und Temichtet 
wird die Last werden, die an ihm ist, denn Jahve hat's geredet. 



vgl. Job l8. 21 Eljakim erhält die Uniform des ersten Hofbeamten, den Leibrock und 
die Binde, den Würdenamen eines sk (Gen 458) für die ünterthanen und 22 den 
Schlüssel des königlichen Hauses als Abzeichen seiner Befugnis, zu öffnen und zu 
schliessen ohne Einschränkung, d. h. der Verwaltung und Leitung des königlichen Haus- 
halts. Dass der Hausminister zugleich erster Staatsminister ist, entspricht dem 
patriarchalischen Zuschnitt eines Adelsstaates, dessen Oberhaupt der grösste Grund- 
besitzer ist und die Steuern grossenteils in Naturalien empföngt (s. auch c. 39 s). Zur 
Schulter vgl. c. 95; unsere Kammerherm tragen den Schlüssel anderswo. 28 enthält 
zwei Bilder, deren Nebeneinander grade kein stilistisches Verdienst ist: das Bild vom 
Zeltpflock oder, nach dei Meinung des Fortsetzers v. 24 f., vom Nagel, der in festem 
Boden oder solider Mauer steckt, also nicht leicht herausgerissen werden kann, und das 
Bild Yom Ehrenstuhl, auf dem zu sitzen eine Auszeichnung ist. Man kann sich übrigens 
nicht recht vorstellen, wie das »Haus seines Vaterst, seine ganze Verwandtschaft, auf 
Eljakim soll sitzen können. 24. 25 der Zusatz zum Zusatz, knüpft über v. 23 b hinweg 
an das Bild v. 23 a an, spielt aber mit raic rrz mas so deutlich und so spöttisch auf den 
gleichen Ausdruck in v. 23 b an, dass man nicht etwa die Stichen in v. 23 mit einander 
vertauschen darf, -las, mehr die Bürde, als die Würde, der Anspielung wegen so gewählt 
statt -T^s, das dem hws v. 25 genauer entsprechen würde, i^r scheint hier als intrans. 
gebraucht zu sein. Hypothetisch kann i^ni nicht gefasst werden, denn v. 25 ist in keiner 
Weise Nachsatz zu einer in v. 24 liegenden Bedingung, auch wäre es ein wunderlicher 
Einfall, eine blosse Möglichkeit so weit auszuspinnen, wie v. 24 thut, und Jahves Knecht 
Eljakim gleich bei seiner Ernennung so entschieden auf Nepotismus hin zu beargwöhnen 
oder vielmehr zu beschuldigen, dass ihm sogleich sein Fall angekündigt werden muss. 
Der Gegensatz von v. 24 f. gegen v. 20 ff. geht so weit, dass man auch nicht an eine 
nachträgliche Selbstkorrektur des Vf.s von v. 20 ff. denken darf: wenn dieser genötigt 
war, das Urteil und die Drohung von v. 24 f. auszusprechen, so musste er das Vorher- 
gehende einfach zurücknehmen. Die Bilder in v. 24 sind spöttisch: am Nagel bangen 
die Sprossen und die Auswüchse, als hielte er ein Spalier zusammen, und allerlei Klein- 
kram von Gefässen, als wäre es ein Nagel in der Küchenwand. Auswüchse, Gefässe der 
Kleinheit u. s. w. lauter spöttische Ausdrücke. 25 Die Drohung wider den Nagel und 
die Henkel topfe beginnt: an jenem Tage, ist der Ausspruch Jahves der Heerscharen! 



Jes 23i— t. 137 

23 1 Orakel über Tyrus. 

Jfammert, ihr TarsisstJiiffe, denn venoästet toard eure Feste, 

Von der Fahrt her vom Kitthäerlande üt^s ihnen enthiUU. 

*Vertilat sind die Bewohner der Küste, der Kaufmann Zidons, 

Der das Meer befährt, des Bote ^auf vielen Wassern, 

Des Ernte die Saat des Schichor, des Einkommen derSchacher der Völker. 



Dillm. findet hier einen entscheidenden Grund, v. 25 auf Sebna zu deuten, der gar kein 
Nagel genannt worden ist, denn »jener Tagt y. 25 falle mit »jenem Tage« y. 20 zusammen. 
Diese Babbinenexegese ist die Strafe fär die hartnackige Weigerung, die Mitarbeit der 
Babbis an den Prophetenschriften gebührend zu beachten; kein Leser hätte eine solche 
mathematische Gleichung herausgefunden. Das Wfnn w^:k ist hier so vage und ungeschickt, 
wie nur möglich, aber es kommt oft genug so vor z. B. 4s 187 19i6ff. 285. — Leider 
wissen wir nicht, was den Vf. von y. 24 f. zu seiner Animosität gegen Eljakim und seine 
Familie bewogen hat. Aber die Erzählungen yon den bösen Korachiten im Pentateuch 
oder yon den bösen Bewohnern yon Gibea und Jabes (Jdc 19 — 21) beweisen zur Genüge, 
dass die inneren Streitigkeiten in der nachexilischen Gemeinde sich auch im Kanon Luft 
y er schafft haben. 

Vierzehntes Stück c. 23, Orakel über Tyrus. Das cap. enthält ein Gedicht 
yon drei Strophen zu je sieben Langyersen über die Verwüstung Zidons und Phöniziens 
(y. 1 — 14) und einen späteren Nachtrag, in dem die Wiederherstellung yon Tyrus, dessen 
Erwerb jedoch die Juden verzehren sollen, verheissen wird (v. 15 — 18). Die Dichtung, 
die weder mit der Diktion noch mit den Ideen Jesaias etwas gemein hat, auch gar keine 
Prophetie sein will, hat stark verderbten Text, was auch die Bestimmung der Abfassungs- 
zeit erschwert; verwirrend wirkt besonders der Umstand, dass v. 8 Zidon durch einen 
Abschreibefehler oder durch den Ergänzer mit Tyrus vertauscht ist. Von den uns be- 
kannten Angriffen auf Phönizien können diejenigen nicht in Betracht kommen, die nicht 
zu einer wirklichen Katastrophe geführt haben, also nicht die Belagerungen von Tyrus 
durch die Assyrer und Chaldäer, die vorübergehenden Niederlagen durch einen Hophra 
von Ägypten oder Euagoras von Salamis; überhaupt nicht ein solches Ereignis, in dem 
Tyrus die Hauptrolle spielte. Dagegen würde hierher passen die furchtbare Züchtigung 
Phöniziens durch Artaxerxes III., in der Zidon fast vernichtet wurde. Der Ergänzer 
freilich, der das Gedicht als ein Orakel über Tyrus behandelt, scheint an das Schicksal 
zu denken, das diese Stadt durch Alexander d. Gr. erlitt, und mag im 3. oder 2. Jahrb. 
geschrieben haben. 1 Die Tarsisschiffe, d. h. die grossen Meerschiffe (s. zu c. 2i6), sollen 
jammern, weil sie bei ihrer Heimkehr die Zerstörung vorfinden: so führt uns der Dichter 
mitten in die Sache. Hinter -:-tv hat der hehr. Text drei Wörter mit p, was weder 
schön, noch klar ist. »Ohne Haus, ohne Hineinkommenc — das ist ja doch ein schreck- 
liches Stammeln. Die LXX hat r'^a« nicht, woran freilich der gleiche Anfang dieses und 
des folgenden Wortes schuld sein könnte. Am besten schreibt man für M^aa wohl mit 
Cheyne und Marti iptTa nach v. 14. Auch wenn man r'^a« beibehält, muss ina^ zum fol- 
genden Stiches gezogen werden, wie LXX thut, die nur falsch ein p privat, annimmt. 
»Von dem Kommen vom Kitthäerlande her«, d. h. im letzten Abschnitt ihrer Fahrt 
haben die Schiffer das Schreckliche erfahren, nicht durch die Kitthäer, weil dann wohl 
ein Wort wie T«n gebraucht wäre, sondern durch eigene Beobachtung der Symptome, die 
ihnen auf der Fahrt von der letzten Station her aufstiessen, durch Begegnung mit 
flüchtigen Schiffen, Feuerschein auf dem Lande u. s. w. trrz sind wohl zunächst die 
Bewohner von Kition auf Cypern, dann die Cyprier überhaupt (später auch die Mace- 
donier und Bömer). Der Vers beweist, dass die Verwüstung rasch gekommen ist, 
schliesst also die langjährigen Belagerungen von Tyrus durch die Assyrer und Chaldäer 
aus. 2a !i«^, verstummt! würde auch dann unmöglich sein, wenn nicht v. 6 das Gegen- 
teil von den Küstenbewohnern verlangte. Eine Aufforderung sollte dem iV^^n, eine 



138 Jes 234—5. 

^Erbleidie, Zidon, denn das Meer spricht: nicht kreissf und gebar ich, 

Nickt zog ich auf Jünglinge, machte gross Jungfrauen. 

'^Wenn die Kunde nach Ägypten kommt, beben sie, nämlich die Kunde von Tyrus. 



Aussage in der 3. pers. dem n-ro y. 1 entsprechen; lies n»?3, das auch dem Metrum auf- 
hilft. Es giebt kein Heim mehr v. 1, keine Bewohner von Zidon mehr v. 2 (die durch 
Ochos getötet oder als Sklaven verkauft wurden), keine Kinder des Meeres mehr v. 4. 
2 b und 8 enthalten ebenfalls die sonderbarsten Anstösse. ^tMVts soll ein Belativsatz 
sein, in dem das hier ausnahmsweise als femin. behandelte **» angeredet wird; im Deut- 
schen würde dem Satz, den die Ausleger dem unglücklichen Autor zur Last legen, 
folgende Leistung entsprechen : verstummt, Bewohner des Festlandes, o Festland, die der 
Kaufmann angefüllt haben. Das ist doch zu arg. und womit hat der Kaufmann die 
Küste angefüllt? Nicht weniger schön ist die Fortsetzung: deren Einkommen auf vielen 
Wassern die Saat des Schwarzen, die Ernte des Nil ist, und es ward ein Handelsgewinn 
der Völker. Sollen etwa die vielen Wasser den Wasserweg vom Nil bis Fhönizien be- 
deuten? Das wäre ein lächerlicher Ausdruck. Offenbar denkt der Vf. bei den vielen 
Wassern an die vielen Meere und Flüsse, die von den Fhöniziern befahren wurden. 
Wie kann das Einkommen der Phönizier, das in der Saat des Schichor bestehen soll, 
der Handelsgewinn anderer Völker sein? Denn ^rro heisst nicht Markt, auch ist Fhö- 
nizien nicht durch seine Komeinfuhr vom Flusse Schichor der Markt der Welt geworden. 
Nach Fs 10798 lesen wir mit Streichung einer mat. lect.: B'^a^ D*«»a 'omVu, dessen Send- 
ling auf vielen Wassern ist. Die Sendlinge und die Faktoreien der zidonitischen Kauf- 
lente werden an den meisten Meeren und Flüssen angetroffen. Sodann lesen wir Svsp 
und streichen das in der LXX fehlende ^ik**: dessen Ernte die Saat des Schichor ist. 
-irrv, -)*in'nD, »Schwarzer«, kommt als Name mehrerer Flüsse vor; die Glosse ^Sk^ deutet 
ihn auf den Nil, genauer auf den Kanal Östlich vom pelusischen Nilarm , der ägyptisch 
Schi-hur heisst (vgl. Jer 2i8), doch kann man an unserer Stelle auch an den Schichor 
im südlichen Gebiet Assers denken (Jos 1996), das nach Gen 4990 (Hes 27 is) Zidon mit 
Korn u. dergl. versorgt. In dem Best von v. 3 streichen wir, abermals der LXX fol- 
gend, das "«nni, das, vielleicht durch Dittographie aus dem vorhergehenden Wort ent- 
standen und vom Ktib aus purer Verlegenheit in eine Verbalform verwandelt, zu keiner 
Übersetzung passt. t^^"^ '^rxo nritian ist eine sinnvolle Fortsetzung des Vorhergehenden: 
dessen Einkommen der Weltschacher ist. Auf diese Weise erhalten wir zugleich ein 
korrektes Metrum, brauchen ""k nicht als fem. zu behandeln und nicht anreden zu lassen; 
das Subjekt ist Überall der Kaufmann von Zidon. 4 Zidon soll beschämt sein, denn das 
Meer ist kinderlos, als hätte es nie Kinder geboren. Das Bild, etwa das Gegenteil von 
Stellen wie c. 54i 667ff., ist von ihnen vielleicht auch beeinflusst, wie der letzte Stichos 
von c. l9. Das Meer ist die Mutter der Zidonier, eine poetische, leicht verständliche 
Wendung, bei der dem Dichter Sagen und Mythen vorgeschwebt haben mögen, nach 
denen Götter und Menschen aus dem Meer gekommen sind. Diese poetische Wendung 
wird aber verdorben durch die Glosse »die Feste des Meeres«, die schon Olsh. als solche 
erkannt hat und durch die der Ergänzer Tyrus in den Vordergrund rücken wollte. Die 
Feste des Meeres kann nicht Zidon sein, weil sonst der unsinnige Satz heraaskäme: sei 
beschämt Zidon, denn Zidon sagt u. s. w. Die Einschaltung von Tyrus aber ist sachlich 
höchst thöricht: wie kann Zidon beschämt sein, wenn Tyrus kinderlos ist! In der 
ganzen Dichtung ist Zidon der Hauptort Phöniziens; als Hauptort gerät es in Schande, 
wenn das Meerland kinderlos wird; auch ist nach v. 12 Zidon am härtesten betroffen. 
Beides, dass Zidon als Hauptort auftrat und dass es für den Aufstand am härtesten 
büssen musste, trifft zu auf die Zeit Artaxerzes III., der die von ihrem König Tennes 
verratene Stadt verbrannte und die Einwohner in die Sklaverei verkaufte. 5 ist ohne 
Frage ein späterer Znsatz , vielleicht nicht oder nur zum Teil (*^s t^ts) von der Hand 
des Ergänzers, sondern von einem älteren Leser, der da wusste, dass Fhönizien dnrch 



Jes 236—9. 139 

^Xieht hinüber nach Tarsis, jammert, Bewohner der Küste/ 

''Ist dies euch die frohlockende, d^en Ursprung aus der Urzeit, 

Deren Füsse sie trugen, weithin zu gasten? 

8 Wer bescMoss dies über Zidon, die Kronengd)erin, 

Deren Kaufleute Fürsten, die Geehrten der Erde? 

^Jahve der Heere haJtfs beschlossen, zu schänden die Hoffart, 

Auen iVtifiA; zu verunehren, allen Übermut der Erde. 



Ägypten zum Aufstand gegen Persien veranlasst und dass sein Fall das Vorspiel des 
Untergangs Ägyptens war (s. zu c. 19 1 — is). Der Vers ist prosaisch geschrieben, und 
sein Inhalt geht die Dichtung gar nichts an; hinter *^vMa ist das Verb (mm) ausgelassen 
wie c. 269 Jos 86. 6 bis 9, die zweite Strophe. Die Phönizier sollen ihr Land aufgeben 
und nach ihren alten Eolonieen in Spanien auswandern, — wenn Tarsis die gewöhnliche 
Bedeutung hat und Tartessus an der Mfindung des Guadalquinr ist. Die LXX versteht hier 
und Hes 27is 38i3 Karthago darunter. Wegen t. 12 ist aber sehr wohl möglich, dass der 
Vf. eine der zidonischen Eolonieen auf Cypern, Karpasia, Tamasus, genannt oder doch ge- 
meint hat; vielleicht ist ihm auch die Lage von Tarsis nicht besser bekannt als dem Vf. 
von Gen 104. 7 Ist dies euch die frohlockende, eure frohlockende? ein Ausruf des Staunens 
wie c. 14 16, vielleicht Nachahmung von Thr 2i5. nr«-:p, nur noch Hes 1655, zum Anklang 
an CTp. Zidon war die älteste Stadt der Phönizier. Ihr Gasten in weiter Feme bezieht 
sich natürlich . nicht auf die Flucht oder die GefangenfQhrung, da zu der ersteren der 
Dichter erst auffordert und Gefangene keine v^^i sind, sondern auf das Kaufmannsleben in 
der Fremde; der Ausdruck ist sehr glficklich, denn grade die Phönizier haben die Sitte 
und die Rechte der Gastfreundschaft nicht blos am vollständigsten ausgenutzt, sondern auch 
erst recht ausgebildet. 8. 9 Wer hat's geplant? Jahve hat's geplant, ein Spiel von Frage 
und Antwort, das auch in den Psalmen öfter vorkommt und wohl dem Wechselgesang 
entstammt. Für "'s lesen wir f^, von dem vorher und nachher allein die Bede ist. 
Zidon ist die Kronengeberin ; der Yf. mag an Cypetn denken, dessen kleine Königreiche 
fast alle von Zidon gegn^ndet waren. Später von Tyrus überflügelt, war Zidon seit dem 
Vordringen der Assyrer wieder öfter der Vorort PhÖniziens. unter Xerxes hatte nach 
Herod. VII, 98. VIII, 67 der zidonische König den Vorrang vor dem tyrischen. Der Aus- 
druck n-^'^tsyan enthält eine Anspielung auf das Fortleben der alten Herrlichkeit im Geist 
und im Benehmen der fürstlichen Kaufleute. Die Tyrier schickten dem heranziehenden 
Alexander dem Gr. eine goldene Krone. TTH?- sieht aus wie eine selbständige Neu- 
bildung von 71^ mit der Endung an; vielleicht glaubte man, an das gentil. **393s nicht 
ein Suff, anhängen zu können, da das auch sonst nirgends geschieht, trotzdem hat die 
letztere Form als Singul. zu der unsrigen zu gelten. Der Kanaanit in der Bedeutung 
Krämer kommt erst in nachexilischen Stellen vor (Job 4080 Prv 3124 Zeh 14n), wäh- 
rend der Volksnarae "i^ss schon früher in ähnlicher Weise gebraucht wird (Hos 128 Zph 
lii); hier ist das Wort um so auffälliger, als die Zidonier ja alle Kanaaniten sind. Da 
es auch metrisch eher lästig ist, so halte ich es für eine Variante zu m^no. In v. 9 ist 
die nötige Anzahl von Hebungen für die zwei Langverse vorhanden, aber vielleicht *as-Vs, 
das ein wunderlicher Zusatz zu ipv^i ist, hinter h^r^h zu stellen, jedenfalls davon abhängig 
zu machen. Die Wiederholung von y^H "«-raaa aus v. 8 könnte recht wohl auf einem Ver- 
sehen beruhen, und die beiden ersten Wörter von v. 10 (s. dazu) scheinen eine bessere 
Variante darzubieten. Jahve will alle Hoffart »entweihen«, den spöttischen Blicken preis- 
geben, vgl. Hes 28?; die Anwendung des Wortes hhr,, dessen Objekt zunächst ein Gegen- 
stand der Beligion oder der Pietät ist, auf an sich profane Dinge findet sich erst seit 
der deuteroromischen Zeit. Der Dichter scheint keine direkten Beschwerden gegen die 
Phönizier zu haben, sonst hätte er ein weniger allgemeines Motiv des göttlichen Be- 
schlusses angeführt; selbst Hesekiel konnte noch etwas konkreter sprechen (c. 28m). In 
dem Gedanken, dass Jahve alle Pracht der Erde entweihen will, spricht sich die aus der 



140 Jeg 2310—18. 

^^Wfehklage, Motte von Tarsis, kein Hafen mehrf 

^^Seine Hand streckte er über das Meer, machte beben Königreiche, 

Jahve hat geboten Über Kanaan, zu zerstören seine Feste. 

^^Nicht sollst du femer frohlocken, gesd^indete Tochter Zidon, 

Zu den KitOtäem auf zieh hinüber — auch dort mrd keine Ruhe dir: 

^^Siehe, das Land der Kitthäer*), er machte es zum SchvMuiufen. 

*) Das ist das Volk, das eine Gründung der Seefahrer ist, die errichteten 
seine Warten, seine Städte und seine Burgen. 



Geschichte der letzten Jahrhunderte erwachsene Beflexion eines Juden aus ddm müden 
vierten Jahrhundert aus. 10 his 14, die dritte Strophe. Der Anfang ist yerderht, muss 
aber wohl dem Anfang der ersten und zweiten Strophe v. 1 und 6 entsprochen haben. 
Wörtlich lantet der hebr. Text: ziehe über dein Land, wie der Nil, Tochter Tarsis, kein 
Gürtel mehr. Gewöhnlich erklärt man so: ergehe dich nach j^eiem Willen, Tartessus, 
die strenge Herrschaft des Mutterlandes hat aufgehört. Aber der Gürtel ist kein Zügel 
oder Strick; wird jemand der Gürtel genommen, so wird er nicht befreit, sondern wehrlos 
gemacht (Job 12 si vgl. Jes 5s7), und wer über Land ziehen will, bedarf grade des Gürtels. 
Aber auch wenn man ntta in yria verwandelte, so wäre damit noch nicht geholfen. Hat 
denn Phönizien den Tartessem verwehrt, ihr eigenes Land zu durchwandern? Oder ist 
es eine Folge der gewonnenen Freiheit, dass eine Stadt ihr Land »wie der Nil«, also mit 
ganzer Volksmenge überschwemmt ? Das könnte etwa geschehen, wenn ein in eine Stadt 
zusammengedrängtes Volk vom Belagerer befreit wird oder in hellen Haufen flüchtet, 
aber von dergleichen kann hier keine Bede sein. Da das erste Hemistich überlang ist, 
so dürften die beiden ersten Wörter, genauer: x*^» *tna9, entweder durch Dittographie aus 
dem Schluss von v. 9: pM ^n^'si entstanden oder eine Variante dazu sein, nämlich n-iay 
V*7K ; im letzteren Fall wäre es die bessere Variante, weil dem ^ii» und "as ^a besser ent- 
sprechend, während ^aas schon v. 8 in besserem Zusammenhang dagewesen ist. Sodann 
ist nicht wahrscheinlich, dass Tarsis selber sollte angeredet sein, und mit dem Nil ist 
erst recht nichts anzufangen. Die LXX las statt der Konsonanten r^a-t» nach v. 1. 14: 
ni*3K, an den hebr. Text würde sich ra ""m noch etwas genauer anschliessen. Die übrig 
bleibenden Konsonanten "aa lassen sich mit Bücksicht auf die übrigen Strophenanfänge 
und den Schluss des Gedichts als "aa (wenn "«aK fem. ist wie c. 33 si IBeg 10») oder 
naa verwerten: wehklage, Flotte der Tochter T., oder: wehklagt, Tarsisschiffe. nre stellen 
wir mit Hülfe des schon einmal benutzten 107. Psalms (v. 30) in rrva um: kein Hafen, 
kein Ufer zum Landen mehr. Dieser Ausruf passt zu der Fortsetzung, dass Jahve die 
phönizischen Beiche und Städte zerstört hat. 11 Das Meer wie in v. 4. Da v. 10 nur 
die halbwegs stereotype, refrainartige Eingangsklage enthält, so kann das Suff, von it« 
unmittelbar an v. 9 anknüpfen, rann wie c 14 16, iq«^ für Tosvn^ s. c. 38. Kanaaniter 
nannten die Phönizier und ihre Kolonisten sich selbst, und der Dichter schliesst sich 
hier ihnen an, während sonst bekanntlich im AT der Name einen weiteren Sinn hat. 
Dass man aber darum auch die Form mrrfi für phönizisch halten darf, ist mehr als 
fraglich. Olsh. sieht sie § 201a als Schreibfehler für rraiyo an, doch tilgt man wohl 
besser das "a nach v. 14 vgl. LXX; auch wird ja gleich hinterher die Feste angeredet. 
12 Dass "nsK^i ursprünglich ist, bezweifle ich, es wäre jedenfalls sogleich wieder vom 
Dichter vergessen, auch überfüllt es den Stiches, wie gleichfalls das in der LXX fehlende 
r^nra, das die Beminiszenz eines Abschreibers aus c. 47 1 vorstellen mag. Geschändet 
ist Zidon als eroberte Feste. Wie man unter bat Zidon Tyrus oder Phönizien verstehen 
kann, begreife ich nicht, d'^ts, dessen Schreibung als Aussprache des Ktib Kitthijjim 
ergiebt, ist hier Landesname vgl. rw^-rra Hes 11 ti, Q'^rva "■avi" Jer 51 ti, was kaum ein 
günstiges sprachliches Zeichen für das Alter der DicJitung ist. Auch auf Cypem werden 
die flüchtigen Zidonier keine Buhe finden. Warum nicht? Man darf erwarten, dass 
darüber die Fortsetzung Aufschluss giebt. 18 thut das aber in seinem gegenwärtigen 



3eB 2Si4. 141 

^^Jammert, ihr Tarsisschiffej denn verwüstet ward eure Feste! 



Zustand nicht, ist überhaupt eine böse crux interpretnm, die selbst die treuesten Ver- 
ehrer der alten Abschreiber zu Text&nderungen veranlasst hat. Wörtlich übersetzt 
lautet der Vers: siehe, die Landschaft der Chaldäer, das ist das Volk (oder: dort das 
Volk), es ist nicht gewesen, Assur hat sie gegründet für Wüstenbewohner, sie haben er- 
richtet seine Warten, aufgestört ihre (der Landschaft) Burgen, er hat sie gemacht zum 
Trümmerhaufen. Der eine findet in diesem Wust eine Nachricht aus der chaldäischen 
Geschichte, der andere eine Angabe über den Untergang PhÖniziens, beide Meinungen 
werden wieder auf sehr verschiedene Weise und mit unmöglichen Deutungen (z. B. ttti mV 
»ist nicht mehr«) durchgeführt. Zur Auflösung des Wirrwarrs ist von Belang, dass kein 
Schriftsteller, auch kein schlechter, hat schreiben können: das Land der X, das ist das 
Volk, es hat das und das gethan, dass vielmehr uyn nr in keinem syntaktischen Verband 
mit dem Vorhergehenden stehen, auch nicht einmal ein halbwegs selbstfindiger Zwischensatz 
sein kann (»dies war das Volk, nicht ist es Assur gewesen«), sondern in dem Notenstil 
geschrieben ist, den so viele Einschiebsel, besonders historische und geographische, in 
den historischen Büchern haben. Sodann ist klar, dass das Suffix von unav nicht blos 
auf 7^K sich bezieht, sondern auch verlangt, so nahe bei diesem Wort zu stehen, dass 
es ohne Zwang und künstliches Konstruieren vom Leser darauf bezogen werden kann: 
siehe das Land der X, er machte es zum Schutthaufen. Wer that es? Wenn man weiter 
nichts gelesen hat, als die vorhergehenden Verse, muss man antworten: Jahve that es. 
Schon hier ist klar, dass der Dichter nicht vom Chaldäerland sprechen kann. Aber auch 
nicht vom Lande der Kanaan&er (Ew. u. a.), denn was sollte da das yn bedeuten, ist die 
Zerstörung Kanaans etwas Neues? und kann sie begründen, dass die Zidonier auch im 
Kitthäerlande keine Buhe finden werden? Also ist v^n für vnv^ zu lesen (so schon 
Meier, der jedoch nachträglich wieder alles verdirbt). Cypern hat Jahve zum Trümmer- 
haufen gemacht ; der letztere Ausdruck zielt auf die Städte, denn die Phönizier sind ein 
Städtevolk, die Städte sind das »Land«. Was nun zwischen dem Anfang und dem 
Schluss in v. 13 steht, enthält Aussagen, die mit der Zerstörung nichts zu schafiTen 
haben, eher mit dem Gegenteil (rno*^ und ^o^pn); auch wird es durch das Strophen mass 
ausgestossen. Li Verbindung mit mcr> kann v^:i nicht Wüstenbewohner bedeuten, son- 
dern nur Schiffer (vgl. die &ts -pq q'^s Num 24 m, wo allerdings D'rta im erweiterten Sinne 
steht), wenn man nicht gar a^n^s lesen will, was übrigens sachlich auf dasselbe hinaus- 
kommt. Wegen des Dativs v^:ih ist femer nn^*; auszusprechen, entweder : eine Gründung 
für die Schiffer, oder besser: eine Gründung der Seefahrer, der Dativ statt des stat. 
constr., weil Cypem nicht die einzige Gründung der Zidonier ist. Das Subj. zu diesem 
Prädikatssubstantiv muss zunächst im vorhergehenden Wort stecken, das also nicht 
Assur sein kann, sondern nur *>i^. (das Belativum stellt sich mit Treue fast bei jedem 
prosaischen Zusatz ein). Das Belat. bezieht sich zurück auf das Sätzchen: »das ist das 
Volk« (vgl. Gen Gib) oder »das Volk da, ist es nicht das, welches« (Dtndii), im letzteren 
Fall ist tnn k^ (die LXX hat irni) für rrn »h zu lesen. Damit steht weiter im besten 
Zusammenhang die Fortsetzung: sie, die Seefahrer, die das Volk der Kitthäer gegründet 
haben, errichteten seine Warten, die doch nicht, wie man sonst annehmen muss, kriege- 
rische Veranstaltungen, Belagerungswerkzeuge, sind, sondern entweder Lusthäuser, Aus- 
sichtstürme in den Gärten der Beichen (vgl. c. 32 u) oder Seewarten. Es folgt w^iy, das 
man übersetzt: sie haben aufgestört, oder: sie haben blosgelegt, zerstört (wie '^Tfl Jer 
5156). Beide Übersetzungen sind bei jeder Auffassung von zweifelhaftem Wert, und 
jedenfalls wäre, da nirgends ein anderer Verstörer oder Zerstörer genannt wird als Jahve, 
der sing. 'Tity zu vermuten. Aber die Zerstörung der vorübergehenden Zuflucht der 
Zidonier so weitläufig darzustellen, ist ebenso wenig am Platz, wie umgekehrt die Be- 
schränkung der Note auf die Warten wahrscheinlich. Daher mag der Glossator ge- 
schrieben haben rriM^tici T*^y*, wer das n am Schluss des letzten Wortes retten will, mag 



142 Jos 231S--18. 

i'^ünd geschehen wird's an jenem Tage, da wird vergessen werden Tyrus 
siebenzig Jahre gleich den Tagen Eines Königs. Am Ende der siebenzig Jahre 
wird es Tyrus gehen nach dem Liede von der Buhlerin: 



^<^,,Nimm die Harfe^ 
Durchkreise die Btadt^ 
Vergessene Buhlerin! 



Spiele brav, 

Binge viel, 

Damit man dein gedenke !*' 



^^Und geschehen wird's am Ende von siebenzig Jahren, heimsuchen wird 
Jahve Tyrus, und es wird wieder zu seinem Buhlerlohn kommen und wird huren 
mit allen Königreichen der Welt auf der Flache des Erdbodens, ^^doch es wird 
ihr Schacher und Buhlerlohn Jahve heilig sein, nicht aufgespeichert und auf- 
gespart werden, sondern denen, die vor Jahve wohnen, wird ihr Schachergewinn 
werden, satt zu essen und zu stattlicher Kleidung. 



rns^ aassprechen. Die Note nennt die Warten, Städte, Paläste nach der Alterafolge 
ihrer Entstehung oder nach der Beihenfolge, in der sie dem landenden Beisenden ent- 
gegentreten. Kittel sagt: »Was Da sonst aas dem Y. zusamraenbraat, ist Schaum« — 
ein prachtvolles verbum magistri, man sieht die Perücke und den Bakel. 14 Nachdem 
den Zidoniem v. 12 f. noch der letzte Trost genommen ist, fordert der Dichter die Tarsia- 
schiffe wieder zum Klagen auf, so dass die Elegie ähnlich zum Anfang zurückkehrt, wie 
die Davids über Saul IlSam lis. S7. Die Feste ist natürlich Zidon, obgleich der Aus- 
druck auf Arad, Tyrus u. s. w. ebenso gut passen würde. 

15—18 Der Ergänzer, der die Dichtung über Zidon in ein Orakel über Tyrus 
verwandelt, knüpft seinen Zusatz natürlich mit dem unvermeidlichen »geschehen wird's 
an jenem Tage« an, obgleich die Formel zu den siebenzig Jahren, in denen nichts ge- 
schehen soll, schlecht genug passt. Nach einer Zerstörung, unter der wir wohl die von 
Alexander d. Gr. über Tyrus verhängte verstehen müssen, wird Tyrus vergessen sein 
(über die Aussprache der 3. pers. s. f. pf. nnsva mit versetztem Vokal und festgehaltenem 
r s. 0. § 226 b) und zwar 70 Jahre, offenbar deshalb, weil im Buch Jeremia diese Zahl 
für die Heiden festgesetzt ist (Jer 25 ii 29 lo); nur wird, um das Wiedererstehen der 
Stadt erklärlich zu machen, eine allgemeine Deutung hinzugefügt: es ist gleichsam die 
Lebenszeit eines Königs. So lange der König, der Tyrus zerstört hat, und sein Be- 
gierungssystem herrscht, liegt Tyrus danieder, kommt ein anderer König (oder eine 
andere Dynastie) auf, der von dem Groll wider Tyrus nichts weiss, wie jener andere 
Pharao nichts von der Zuneigung zu Joseph, so wird Tyrus wieder begnadigt. Tyrus ist 
wirklich in Vergessenheit geraten durch das Aufblühen Alexandriens ; erst als ein anderer 
König aufkam, als nämlich Phönizien an die Seleuziden überging, kam es wieder empor 
und »häufte Silber und Gold auf wie Staab« (Zeh 9s. s). 16 Das Lied hat den Tanz- 
rhythmus, in dem die feilen Tänzerinnen ihre Locklieder vortragen mochten. Die ver- 
gessene Buhlerin soll die Stadt durchkreisen (vgl. Cnt ds) und durch eifriges Singen und 
Spielen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Bezeichnung des Verkehrs mit fremden 
Völkern als Hurerei geht in letzter Linie auf Hosea zurück, ist dann durch Nahum und 
besonders Hesekiel sehr gewöhnlich gewerden. 17 Dann sucht Jahve Tyrus freundlich 
heim (Jer 29 lo), so dass es wieder huren kann — eine sonderbare Verbindung von Ur- 
sache und Wirkung, die zwar einerseits zu beweisen scheint, dass der Vf. das Wort nav 
schon in sehr abgeschliffener Bedeutung gebraucht, aber andererseits trotzdem ein Zeugnis 
von der Verachtung ist, mit der die Juden auf die w^m herabsehen. 18 Der Hurenlohn 
soll auch nicht mehr in den Schatz der Tyrier wandern, sondern Jahve heilig sein. Der 
Buhlerlohn wird in der alten Zeit von den Kedeschen wirklich an den Tempel abgeliefert, 
aber natürlich an den Tempel solcher Gottheiten, die durch die heilige Prostitution ver- 



Jes 84i~f. 14S 



o. Oap. 34—35. 

24 ^SUhe^ Jahve enÜeert die Erde und verheert sie, 

Und wird umkehren ihre Oberfläche und zerstreuen ihre Bewohner, 
*Und werden wird wie der Laie so der I\iester, 
Wie der Knecht so sein Herr, wie die Magd so ihre Gebieterin, 
Wie der Käufer so der Verkäufer, wie der Darleiher so der Anleiher, 
Wie der Wucherer so der, an dem er wudiert. 



ehrt werden. Hier bekommt Jahve den Gewinn Ton der allerdings nnr bildlich gemeinten 
Hnrerei. Dass r-ip (»Heiliges«) hier einen ethischen Nebensinn habe, wird ja wohl nie- 
mand behaupten. Wie aber nach dem naehexilischen Gesetz ein grosser Teil der von 
den Priyaten dargebrachten Opfer, Gaben und Bussen den Priestern gehört, so werden 
den von Tyrus eingelieferten Huren- und Schachergewinn die Juden verzehren, die nach 
Tritojes. (c. 61t) die Priester ffir die ganze Welt sind uud nach unserem Yf. »vor Jahve 
wohnen«. »Deine Thore stehen beständig offen, um das Vermögen der Völker zu dir zu 
bringen« heisst es c. 60 ii; die Fremden sind die Sklaven der Juden c. 6l5; ob die misera 
plebs der Heiden ein sittliches und anständiges Leben führt, das ist ziemlich gleich- 
gültig; ihr Geld riecht nicht (^Sueton. Vesp. 23). Die Juden sollen davon essen zur 
Sättigung, und es soll ihnen dienen »zu stattlicher Hülle« (zu pry vgl. pnf fm Prv 8i8); 
sie selber arbeiten eben nicht mehr, sondern liegen ihren kultischen Pflichten ob und 
müssen als Priester stattlich gekleidet sein. Selbstverständlich ist die Armut der naeh- 
exilischen Gemeinde weder eine Rechtfertigung für diese Ansprüche, noch auch die Haupt- 
ursache. Leider hat Deuterojes. in seinem Bestreben, die Exulanten zu trösten, den An- 
stoss zu diesen Erwartungen gegeben (c. 4514). 

Die dritte Gruppe des Jesaiabuches, c. 24 — 36, drei Büchlein, s. Kinleit. § 19 ff. 

Erstes Büchlein c. 24 — 27, wie die anderen ohne Überschrift. Es gilt all- 
gemein als einheitlieh und als unecht. In der That könnte Jes. ebenso gut das Buch 
Daniel geschrieben haben, wie diese Schrift. Über ihre Abfassongszeit gehen aber die 
Meinungen sehr auseinander; genannt worden ist die Zeit bald nach der Zerstörung 
Jerusalems, bald nach dem Exil, das 4. Jahrb., die griechische Zeit. Um eine Entschei- 
dung zu finden, ist zunächst nötig, die fremden Bestandteile auszuscheiden, denn das 
Büchlein ist eben nicht einheitlich. Dem Zusammenhang sicher fremd, weil ihn unter- 
brechend, ist das Lied c. 25 1 — 5, eine Lobpreisung Gottes wegen der Zerstörung einer 
starken Feste, deretwegen ihn die Stadt starker Völker ehrt und fürchtet, sodann das 
Spottlied über Moab c. 259— ii, femer wahrscheinlich das kunstvolle Gedicht c. 26i— 19 
mit c. 25u, das im AT ganz einzig dasteht durch die Menge der dem Text einverleibten 
Varianten, endlich das Lied c. 27s— ft. Das Orakel selber enthält c. 24 25f— 8 
c. 26to— 27i. IS. 19, weniger sicher ist der Best von c. 27. Es kündigt die bevorstehende 
Weltumwälzung an, die mit dem Gericht über die Engel und Könige abschliesst; darauf 
folgt die Niederlassung Jahves auf dem Zion in sichtbarer Glorie; das kleine jüdische 
Volk soll sich vor dem Sturm, der die drei Weltmächte vertilgt, in seine Kammer ver- 
schliessen; zuletzt wird sich mit ihm die syrische und ägyptische Diaspora vereinigen. 
Das Orakel ist durchaus Apokalypse, zu deren Erklärung man die sibyllini sehen Bücher, 
Daniel, Henoch u. s. w. nicht missen kann und die den pentateuchischen Priesterkodex 
schon ganz in dogmatischer Weise benutzt. Die äussere Situation ist fast verzweifelt. 
Jerusalem liegt in Trümmern; die Hoffnungen der im Westen lebenden Juden, belebt 
durch ein ungenauntes Ereignis, kann der Vf. nicht teilen, erwartet vielmehr demnächst 
die »Räuber«. Die drei Weltmächte sind leider nur durch apokalyptische Figuren ange- 



144 Jes 24s-~4. 



^Leer geleert wird die Erde und ausgekehrt, 
Denn Jahve hat dies Wart geredet. 

^Es wdkt, verfällt die Erde, 
Verwelkt, verfaUt die Welt, 
Verwelken die Höchsten des Erdenvolkes, 



deutet: die flüchtige Schlange, die gewundene Schlange, das Meerungeheuer. Ich ver- 
stehe darunter die Parther, die Syrer und die Ägypter, die erstgenannten sind auch die 
Plünderer. Der Apokalyptiker hat erlebt die Belagerung Jerusalems und die Verheerung 
Judas durch Antiochus Sidetes, bald nach dem Begierungsantritt des Johannes Hyrkanus 
(135), ferner den Beginn der Partherkriege, den unglücklichen Zug jenes Antiochus VlI. 
gegen die Parther, an dem die Juden gezwungen teilnahmen (etwa 129). Jenes unge- 
nannte Ereignis ist die Niederlage des Antiochus, über die sich der Vf. nicht freuen 
kann, weil sie die Veranlassung zum Einbruch der Parther sein wird. Der Vf. gehört 
wegen seiner ganz unkriegerischen Haltung wohl zu den Chasidim. Jünger sind die ein- 
gesetzten Dichtungen, soweit man ihre Abfassungszeit bestimmen kann: c. 25i — 5 geht 
auf die Zerstörung Samarias durch Johannes Hyrkanus (zwischen 113 und 105), die 
mächtige Stadt ist Rom. Dasselbe Ereignis scheint auch in c. 26 1 — 19 vorausgesetzt zu 
werden, c. 259— u gehört in die Zeit des Alexander Jannäus. 24, 1 Der Vf. beginnt 
mit dem Part., das nach den folgenden Verben futurisch gemeint ist, fährt v. 4 ff. in 
Aoristen fort, weil in der weitläufigen Schilderung das fortwährende fut. lästig ist, und 
kehrt v. 18 zum fut. zurück, aber das nan y. 1 lässt erkennen, dass die in diesem Ein- 
gang geschilderte Zukunft sehr nahe ist, und in den aoristischen Sätzen yerschmilzt sie 
mehr oder weniger mit der Gegenwart. Die Assonanzen, Beime, Alliterationen sind in 
Stimmungsgemälden an ihrem Ort, doch übertreibt der Vf. ein wenig in dieser Beziehung. 
Jahve leert und verheert die Erde (vgl. Na 2ii) u. s. w.; wie er das thut, das deutet 
V. 16b ff. an: zuerst durch die Plünderer, dann durch die Naturerscheinungen des Welt- 
gerichts. Was auf der Erde wächst und gedeiht und »sie füllt«, das wird verschwinden 
oder zerstört werden; die Menschen werden zerstreut, wie am Anfang der Weltgeschichte 
Gen 11 8. 2 Da löst sich auch die soziale Ordnung auf, dem Weltgericht geht die Anar- 
chie vorher vgl. c. 3iff. Als soziale Gegensätze gelten auch »Volk« und Priester (etwas 
anders als in Hos 49, wo der ursprüngliche Sinn dieser sprüch wörtlichen Bedensart noch 
zu erkennen ist : Priester und Laie, in Dingen der religio von verschiedener Skrupnlosität, 
sind bisweilen gleich leichtsinnig), nn'^a»^ haben die^Punktatoren wider die Begel mit 
dem Artikel versehen, um das Wort wie alle anderen elf mit der Silbe ka beginnen zu 
lassen. Das vorletzte Wort muss n«a geschrieben werden. 8 pian und Tiam fQr piin und 
T^n des Beimes wegen. Die Plünderung der ganzen Erde wird durch die Parther voll- 
zogen werden, deren Verheerungszfige auch nach der NTl. Apokalypse dem Endgericht 
vorhergehen. »Jahve sprach dies Wort«, ungewöhnlich weitläufig und präzis. Der Vf. 
beteuert (im Gegensatz zu den Hoffnungen anderer v. 14 ff.), dass seine Schilderung der 
Zukunft Gotteswort, d. h. wohl der prophetischen Eschatologie entnommen sei. So könnte 
er kaum sprechen, wenn er nicht in v. 1 — 3 ganz bestimmte Dinge im Auge hätte. 
Nicht blos das Weltgericht am Ende ist von Gott vorherverkündigt, sondern auch »dies 
Wort« stammt von ihm, dass die Erde zuvor den Baubzügen wilder nordischer Völker 
ausgeliefert werden soll. Wahrscheinlich denkt der Vf. an die Skythenweissagungen 
Jeremias und Hesekiels, die jetzt durch die Parther in Erfüllung gehen sollen. 4 Jetzt 
dürfen die Aoriste, mehr und mehr in die Gegenwart hinabgleitend, die Symptome und 
Vorboten des letzten eschatologischen Stadiums schildern, ohne dass die Schilderung als 
Dichterphantasie des Vf.s erscheint. Dass nicht blos 7*«n, sondern sogar auch Van (ohne 
Artik. !) von mehreren Auslegern als Bezeichnung Judas oder Palästinas angesehen wird, 
ist ein Missgriff, aber in der That wird unser Vf., der ein Stimmnngsmensch ist, von 
dem thatsächlichen Zustand seiner Heimat stark beeinflusst. nn^^, bei den älteren 



Jes 245—9. 145 

^Da die Erde entweiht ist unter ihren Bewohnern: 
Denn sie übertraten die Gesetze, Überschritten die Satzung, 
Brachen den ewigen Bund. 
Warum frisst Fluch die Erde 
Und sind in Schuld, die auf ihr wohnen. 
Darum brennen die Bewohner der Erde, 
Und bleiben Übrig u^enig Menschen. 
''Es welkt der Most, verwdkt die BAe, 
Es seufzen alle Frohmätigen, 
^Aufhört der Jubel der Pauken, 
Es feiert der Lärm der Frohlockenden, 
Aufhört der Jubel der Zither; 
^Beim Liede trinkt man nicht Wein, 
Bitter ist der Meth seinen Trinkern. 



Schriftstellern nur in der sinnlichen Bedeutung angewendet, hier ein Kollektiv für b**»^, 
kommt noch Koh 106 als sozialer Begriff vor; wer den Himmel darunter verstehen will, 
muss KH w tTi^wn V^ lesen, aber der Znsammenhang und der Text der LXX, die uy 
nicht hat, sprechen für die jetzige Lesung. 5 a ein Zustandssatz. Der Satz macht 
zuerst den Eindruck, als ob der Yf. aus einem urmenschlichen Gefühl heraus redete, aus 
dem frommen Gefühl für die reine Mutter Erde, auf der es den Menschen heimatlich ist, 
solange sie nicht entweiht ist, die aber, von dem unnatürlich verderbten Geschlecht der 
»letzten Zeit« durch Blutvergiessen u. s. w. entweiht, unter ihnen anfängt unheimlich zu 
werden undvsich gegen sie aufbäumen will. Doch zeigt die Fortsetzung, dass der Vf. 
wesentlich von einer Theorie geleitet wird, die das nachexilische Judentum über das Ver- 
hältnis der NichtJuden zum Einen Gotte ausbildete. Diese Theorie, die in der gesetz- 
lichen Richtung natürlich auch unter dem nomistischen Gesichtspunkt aufgefasst wird 
und in Gen 9iff. niedergelegt ist, erkennt auch den Heiden eine gewisse Gesetzesoffen- 
barung zu, die allerdings, was bei der hochmütigen Unwissenheit der späteren Juden 
nicht zu verwundern ist, tief unter der wirklichen Ethik der »Heiden« steht. Nach 
diesem »ewigen Bunde« (Gen 9i6) ist vor allen Dingen der Mord verboten. Aber die 
Erde hat viel Blut trinken müssen c. 2681. Vielleicht denkt der Vf. auch an solche 
Übertretungen noachischer Thoroth, wie sie sein älterer Zeitgenosse an den nächsten 
Nachbarn rügt Zeh 9?. 6 Fluch frisst die Erde und in Schuld sind etc. vier Wörter 
mit K als erstem Radikalen. Der Satz ist grade kein Widerspruch gegen die Verheissung 
Gen 8»i, aber allerdings kann die spätere Eschatologie mit der Meinung des Jahvisten 
nicht auskommen vgl. v. 18b — 20. 23 b. Auch Sacharja spricht von einem Fluch, der ins 
Land hinaus geht c. 5iff. Hier ist der Fluch die Nachwirkung der Blutfrevel, iisvk'' sie 
sind in Schuld und leiden darunter vgl. Jo li8. i"in leitet man mit Berufung auf Job 
30)0 von n*>n brennen ab, vielleicht mit Becht; die Menschen brennen im Fieber; der 
Fluch ist etwa wie ein Gift oder eine blutveigiftende fressende Krankheit gedacht, hat 
die magische Wirkung, die Menschen im Fieber hinschwinden zu lassen. »Und übrig 
bleiben wenig Menschen«, ein Satz, zu dem die Gegenwart allein schon führen konnte, 
obwohl die Austilgung der Menschen ja ein hergebrachter Zug der Eschatologie ist, denn 
gerade die ' geringe Zahl der Menschen wird nachher, besonders v. 10 und 12, durch 
Bilder veranschaulicht, die der Gegenwart entnommen scheinen. 7 Die Schilderung wird 
immer eingehender, vii'^n etwa für die Traube, a^-rnov sind Leute, die von Natur zur 
Fröhlichkeit aufgelegt, aber jetzt keineswegs »herzensfroh« sind; a^ steht also etwa im 
Sinne von Natur, Temperament, anders als c. 30x9. 8. 9 Pauke und Zither (wenn nicht 
V. 8 a und 8 c nur Varianten sind) dienen zur Verschönerung des Gelages v. 9 (vgl. c. 5i8), 
ebenso das Lied (zu "t'^via vgl. Neh 12 S7), das wohl von Öffentlichen Sängern gesungen 
wird. Man trinkt noch Wein, aber blos zur Notdurft, nicht in fröhlicher Gesellschaft, 

HaadkommmiUr s. ▲. T.: Dakm, Jes. 2. kuA. 10 



l46 Jes 24io— u. 

^^Zerbrochen ist die öde Stadt, 

Verschlossen jedes Haus, dass man nickt hineinkommt 
^^Geschrei über den Wein in den Gassen! 

Umnachtet ist aUe Freude, 

Fort^ewandert der Jubel der Erde, 
^*Übrtg geblieben ist in der Stadt Verwüstung, 

Und zu Trümmern ward das Thor zerschlagen. — 
^Wenn so wird's sein inmitten der Erde, 

Mitten unter den Völkern, wie beim OlivenMopfen, 

Wie hei der Nachlese, wenn vollendet die Lese. 
^^Jene erheben ihre Stimme, jubeln. 

Über Jahves Erhebung jauchzen sie vom Meer her: 



Gelage giebt's nicht mehr. Das geht über die Weissagung hinaus, ist der Gegenwart 
nachgezeichnet. Ebenso schildern v. 10—12 gewiss nicht einen blos zukünftigen, sondern 
den gegenwärtigen Zustand der Stadt und zwar der Stadt Jerusalem. Denn wenn eine 
andere Stadt gemeint wäre, so müsste sie auf irgend eine Weise näher bezeichnet sein, 
wie es z. B. c. 25s. 4 geschieht; die Stadt schlechthin ist für den Juden Jerusalem wie 
für den B5mer Rom. irrn ist natürlich nicht die erforderliche nähere Bezeichnung für 
irgend eine andere Stadt; Städte, die dies Prädikat verdienten, gab es seit der Assyrer- 
zeit in Asien unzählige. Jerusalem, das in chaotischem Zustand daliegt, ist gebrochen, 
d. h. nicht zerstört, sondern ihrer Mauern beraubt; sind die Stadtthore beseitigt, so sind 
die Hausthüren verschlossen, weil die Bewohner teils tot oder flüchtig sind, teils sich 
nicht hinauswagen und sich vor ungebetenen Gästen fürchten; Geschrei über den Wein, 
über »die Felder der Lust, den fruchttragenden Weinstock« (Jes 32i9), ertönt in den 
Gassen — warum einige Exegeten hieran Anstoss nehmen und nach anderen Deutungen 
oder Lesungen suchen, ist nicht recht einzusehen — , »verdunkelt« (nany hängt doch wohl 
mit 3*2; zusammen; Houbig u. a. wollen n^a^) ist die Freude, alles Erdenglück dahin, 
zurückgeblieben nur Verwüstung, das Thor zerschlagen (rt^ für rw^ 0. § 261) in 
Trümmer (n^KV an. Ac/.): das sind Schilderungen, die zwar die ersten Wehen des Ead- 
gerichts mit umfassen und nach dem eschatologischen Satz, Jerusalems Not und Leiden 
müsse erst den Gipfel erreichen, die Nähe des Gerichts beweisen sollen, die aber ohne 
Zweifel an die bare Wirklichkeit anknüpfen. Schon einmal, vor vier Jahrzehnten, hatte 
es in Jerusalem so ausgesehen, war die Stadt nach I Mak 845 dolxtirog tos i^fiog ge- 
wesen, die Freude getilgt, Flöte und Zither verstummt. Antiochus Sidetes aber hatte 
nach Jos. Ant. XIII. c. 82—4 im 1. Jahr des Joh. Hyrk. Judäa verwüstet, dann die Stadt 
ungefähr ein Jahr lang belagert, wobei viele Menschen Hungers starben, zuletzt die 
Übergabe der Stadt, Zahlung einer grossen Geldsumme, Stellung von Geiseln durch- 
gesetzt und »den Kranz der Stadt«, nach Diodor die Mauern, niedergelegt; Schürer 
(NTl. Ztgesch.' I, 207) hält mit Becht dafür, dass der unglückliche Krieg mehrere Jahre 
dauerte und nur durch Eoms Intervention kein noch schlimmeres Ende nahm. Bald 
darauf musste Joh. Hyrk. Heeresfolge gegen die Parther leisten (129). Die Stadtmauer 
hat er wieder aufgebaut (IMakl623), aber doch gewiss erst längere Zeit nachher. Unter 
solchen Umständen begreift man die Schilderungen des Yf.s, auch dass ihm die ganze 
Welt verdüstert ist und das Weltende nahe scheint. 18 Das selbsterlebte und noch 
gegenwärtige Leid hatte den Vf. in v. 7 — 12 fortgerissen, jetzt erhebt er sich wieder zur 
Prophetie, zur Deutung der Zeichen der Zeit, die auf das bevorstehende Gericht hin* 
weisen. Es wird gehen wie beim Olivenklopfen, bei der Nachlese, sagt der Y f. mit offen- 
barer Nachahmung von c. 176 und also wohl in demselben Sinne: das Gerieht wird 
gründlich sein, Ernte und Nachlese zugleich; die erstere ist schon im Gange, die Juden 
sind schon dezimiert, ähnlich andere Völker, z. B. die Syrer durch die Partherkriege. 
14 Andere fassen freilich die Situation anders auf, sind voll Hoffnung und Freude über 



Je8 24 15— 18. 147 

^^„Drum in den Lichtmarken ehret Jahve, 
An des Meeres Gestaden den Namen Jahves, des Gottes Israels!^ 
^^Vom Saume der Erde harten Gesänge mr: „Sieg dem Gerechten!" 

Dwih ich saae: Siechtum mir, Siechtum mir, wehe mir! 

Räuber rauben, ja Raub rauben Räuber. 
^"^ Grauen und Cfrube und Garn über dich, Bewohner der Erde! 
^^ünd geschehen wird's, der flieht vor dem Grauen, fäUt hin zur Grube, 

und der aufsteigt aus der Grube, wird gefangen vom Garn. 

Denn die Gitter von der Höhe her sind geöffnet. 

Und es erbeben die Grundfesten der Erae; 



Erfolge Jahves. Der Vf. spielt offenbar auf bestimmte Vorg&nge und Kundgebungen an, 
die letzteren kommen »vom Meer her«, etwa von Ägypten her, wo die Juden, wie c. 19i6ff. 
zeigt, Jud&a und Syrien stets im Auge behielten. Mit Recht ist «i^nx als perf. punktiert, 
nicht als imp., denn wenn man v. 14 b zu dem angefahrten Liede hinzuziehen würde, so 
hätte wegen "p-hy v. 15 der Vf. sein Zitat sonderbar ausgehoben. Der Zusatz der LXX: 
»die im Lande Übriggebliebenen« ist wohl Interpretament, sonst wäre der Dichter im 
westlichen Juda oder in Fhilistäa zu suchen. Er jauchzt (12 e) über die Erhebung Jahves 
(vgl. Ex 15 1. 8i), Über eine Gottesthat, durch die sich Jahve gross gezeigt hat. 15 führt 
ein Distichon an und zwar, wie "is-V; zeigt, wörtlich. D*t-)Ma hat zahlreiche Konjekturen 
ans Licht gelockt (&'^'?näi, b"'»ii&, &'*«Mfi, B'^^^ms, an den Nilarmen), aber keine ist so evident, 
dass sie unserem an. Xiy, vorzuziehen wäre, mag dies nun die »Lichtgegenden«, den 
Osten (c. 456), oder nach dem Arab. den Norden bedeuten, der auch Ps 1073 im Gegen- 
satz zu B«)T3 steht. Wird der Osten oder Norden zuerst genannt, so mag dort auch die 
That Jahves geschehen sein, deren Ruhm am Mittelmeer widerhallen soll. Man darf also 
an die Niederlage und Gefangennehmung des Zwingherm der Juden, des Ant. Sidetes, 
durch die Parther denken, die wirklich dem Job. Hyrk. freie Bahn verschaffte, die Unab- 
hängigkeit zu erringen und sogar die Grenzen zu erweitem. Was aber den entfernter 
wohnenden Juden Begeisterung und Hoffnung einflösst, das macht auf unseren Vf. wenig 
Eindruck, weil er im zerstörten Jerusalem wohnt und andere Folgen von dem Siege der 
Parther erwartet. 16 Zwar heisst es in einem anderen Gedicht vom Saume der Erde 
her, etwa von einem Juden in Äthiopien oder Libyen: »Glanz, Ehre dem Gerechten«, dem 
Jahvevolke, er aber ruft: Wehe mir! "«as ist ein Lieblingswort der Späteren, oft auch 
Beiwort für das gelobte Land; nach c. 4« wird der Rest »an jenem Tage« "»ax erlangen. 
Der »Gerechte« ist das Volk der Thora vgl. c. 26 s Hab l4. is 24, nicht Jahve, dem der 
Dichter sich nicht mit seinem ">V gegenüberstellen könnte, "^n soll wohl auf ^ax reimen, 
^^--•T->, Auszehrung mir! scheint ein dem Leben entnommener Ausruf zu sein. Der Wehe- 
rni wird motiviert durch den Satz: Räuber rauben etc. (c. 21a), das Klangspiel ist ja 
wohl dem Vf. schöner vorgekommen als uns. Also: die Parther haben wohl den Ant. 
Sidetes unschädlich gemacht, aber sie werden nun vordringen und in Syrien und Judäa 
einbrechen, wie sie ja in der That im Jahr 40 Palästina plünderten (vgl. B. Henoch 56) ; 
schon im Jahr 83 unterwarfen die Armenier Syrien. Dass dem Endgericht die Plünde- 
rungszüge der wilden Völker im Osten und Norden vorhergehen, steht für die Eschato- 
logiker seit Hes 38 fest. 17. 18 a findet sich mit geringen Verschiedenheiten wörtlich 
wieder in Jer 4848f., aber als Entlehnung aus unserer Stelle. Denn abgesehen davon, 
dass uns Jer 48 jünger erschien als unser Orakel (s. zu c. 15f.), dass femer in Jer 48 
wörtliche Einverleibung älteren Gutes ganz gewöhnlich ist, kann dort diese Satzreihe ge- 
strichen werden, ohne eine Lücke zu hinterlassen, hier aber nicht. Denn v. 18 b kann 
keine Begründung für den Satz von der Plünderung v. 16b sein, wohl aber für 
V. 16b— 18a zusammen: zuerst allgemeine Plünderung, dann Nöte aller Art, denn es 
naht die Weltkatastrophe, und wer der einen Plage entrinnt, erliegt der anderen; v. 18b ff. 
erläutert insbesondere das vorhergehende Bild von dem Grauen, der Grube und dem 

lÜ* 



148 Jes 24io— ii. 

19/n Trümmer zertrümmert sich die Erde, 
In SMüter zersplittert sich die Erde, 
Ins Wanken und Schwanken gerät die Erde, 

^^Hin und her taumeln wird die Erde gleich dem Trunkenen 
Und hin und her schwanken wie die Hängematte, 
Und lasten wird auf ihr ihr Vergehen, 
Und „sie wird fallen und nicht wieder aufstehn^. 

^^Und geschehen wird's an jenem Tage, 
Heimsuchen mrd Jah/ve das Heer der Höhe in der Höhe 
Und die Könige des Erdbodens avf dem Erdbaden; 



Garn. Dies Bild ist angensoheinlich dem Gedanken nach von Am 5i8 — so, wo der Tag 
Jahves beschrieben wird, dem Ausdruck nach vielleicht von Thr 347 abhängig; die Wort- 
spiele entsprechen der Art unseres Yf.s. Mit der LXX und der Farallelstelle Jer 4848f. 
lassen wir v. 18 die überflüssigen, wo nicht lästigen Worter \y und "jin weg. 18 b — 20 
schildert der Vf. die physikalischen Vorgänge beim Weltgericht und ist dadurch von Be- 
deutung für die Eschatologie geworden; späteren Apokalyptikern blieb nur noch die 
detaillierte Ausmalung und kunstvolle Gruppierung dieser Vorgänge hinzuzufügen. 
Andererseits hat er darin Vorgänger und nicht blos im Kanon, besonders oft wird man 
(auch an anderen Stellen unserer Apokalypse) an die ältesten Sibyllinen erinnert. Die 
Fenster des Himmels, die II Beg 7 s im Scherz erwähnt werden als eine lächerliche Vor- 
stellung, sind aus dem Friesterkodex entnommen (Gen 7ii 8 s), wo sie im Zusammenhang 
mit der exotischen Theorie von den überhimmlischen Gewässern stehen (Gen l7). Nach 
dem Priesterkodex entsteht die Sündflut durch Öffnung 1. der Himmelsfenster, 2. der 
unterirdischen Wasser tiefen. Auch unser Vf. spricht von den unterirdischen Grundfesten, 
jedoch nicht von dem Mitwirken des unterirdischen chaotischen Meeres, denn er weiss 
aus der Genesis, dass die Sündflut nicht wiederkehren wird. Er nimmt also nur einen 
sündflntartigen Regen an, wahrscheinlich mit allem Zubehör an Donner, Blitz, Hagel, 
Schwefel, Sturm, Finsternis etc. (Sibyll. B. III, 690 ff.); so bedarf auch das Gottesvolk 
c. 2690 keiner Arche, sondern kann sich in seine Kammern verschliessen. 19 Die Erde 
will dann zerschellen und gerät ins Schwanken, wie eine vom Wind geschüttelte Hänge- 
matte (Sib. III, 675 f.). Das hithp. drückt wie gewöhnlich nicht das Faktum an sich aus, 
sondern die Art, wie es sich darstellt: die Erde zerbricht nicht ganz und gar (sonst 
müssten auch die Juden umkommen und wäre die Verfolgung der Weltmächte durch 
Jahves Schwert c. 27 1 unnötig), sondern sie bricht und splittert an tausend Orten, als 
wollte sie zerbrechen (Sib. III, 680 f.). rr\ ist das aramäische Wort für das hebr. 7x1, 
rvf^ mit dem Ton auf der ersten Silbe aber eine Unform, aus einem Schreibfehler hervor- 
gegangen und durch ;n zu ersetzen (vgl. 0. § 133. 246 i). 20 Die Natur unterliegt dem 
Gericht, weil sie, allerdings durch die Menschen und mit ihnen, verschuldet ist, entweiht 
(v. 5). So ist ja die Tierwelt böse geworden durch den Fall der Menschen (vgl. zu 
c. 11 6 — 8) ; unser Vf. denkt allerdings eher an das vergossene Blut, durch dessen Heraus* 
gebung (26si) die Erde wieder gereinigt werden kann; bis dahin wird sie wie von einer 
giftigen Krankheit geschüttelt. Man kann dieser Darstellung der »Wehen« des Gerichts 
in V. 18b — 20 eine poetische Wirkung nicht absprechen; die beständige Wiederholung 
des Wortes 7'^k, die ungefügen Hithpoele und Hithpalele malen trefflich den gigantischen 
Krampf der grossen Natur und die Assonanzen das Bersten, Stossen, Schwanken der 
ungeheuren Fläche. Und grossartig ist der in dem schlichten vorletzten Stiches von 
V. 20 sichtbar werdende ethische Hintergrund für diese wildbewegte Szene des Aufruhrs 
der Elemente, das trostlose Gefühl, dass die ganze Menschenerde von Schuld erdrückt, 
die Natur vergiftet ist. Nur der letzte Stiches von v. 20 ist ein unglückliches wört- 
liches Zitat aus Am 52, aber es fragt sich, ob es dem Vf. zur Last fallt und nicht vielr 
mehr einem Leser» 21 Aber in der alttestamentlichen Beligion ist jenes trostlose Gefühl 



J6B 24»~-S8. 149 

^^Und sie toerden fortgeführt aefangen zur Grube 

Und verschlossen zum VersMuss herab. 

Und nach vielen Tagen heimgesucht werden. 
*^Und erröten wird der blasse Mond und erbleichen das GluÜicht, 

Denn König wird Jahve der Heere sein auf dem Berg Zion und in Jerusalem, 

Und vor seinen Ältesten ist Lichtglorie. 



nicht das Letzte, der Pessimismus nicht zu Hause, denn es giebt ein Gericht. Entspre- 
chend der Ausdehnung des Gerichts von den Menschen auf die Natur in der späteren 
Eschatologie, dem Fortschritt vom Volks- und Volkergericht zum Weltgericht, werden 
nicht blos Menschen gerichtet, sondern auch übermenschliche Wesen, die Geister, die 
den verschiedenen Regionen und Sphären der Welt vorstehen, z. B. die Gestirne führen, 
die Patrone und Leiter der Weltvolker sind u. s. w. Auch im Buch J3aniel und im B. 
Henoch, dessen älteste Teile nicht viel jünger sind als unsere Apokalypse, ist viel von 
diesen Wesen die Bede. Die spätere Theologie verarbeitete in diesen Stoffen die An- 
regungen, die sie von fremder Kosmologie und Beligion erhielt, doch zeigt der um- 
stand, dass Henoch nicht in den Kanon aufgenommen wurde, dass man Bedenken trug, 
die alttestamentl. Beligion mit diesen fremdartigen Ideen zu identifizieren, unser Vf. 
spricht über diese Dinge sehr kurz, zum Teil wohl deswegen, weil die unmittelbare Not 
der Zeit ihm zu ausführlichen Spekulationen über die Zukunft keine Müsse lässt, zum 
Teil aber auch deshalb, weil er einem im wesentlichen schon fertig ausgebildeten System 
folgt und auch bei blosser Aufzählung der Hauptpunkte auf das Verständnis der Leser 
rechnen darf. Der erste Akt des Gerichts betrifft die übersinnlichen und die mensch- 
lichen Vorsteher der Weltkönigreiche, die als solche natürlich zu existieren aufhören. 
Das Heer der Höhe, die Gestirne, deren Anbetung durch die Heiden im Buch Henoch 
(c. 80) den Sterngeistem selber zur Last gelegt wird, und die Weltkönige werden der 
Untersuchung unterworfen und 22 ins Gefängnis abgeführt. ntOK kommt sonst nicht vor 
und '^'«K lässt einen vorhergehenden stat. constr. vermuten, deshalb schreibt man besser : 
i*^n s)Di( vgl. c. 334; wieder ein Stabreim mit drei k. '\^vd prägnant: geschlossen und 
hinabgeführt; das Gefängnis ist wegen 'i'ia und h9 als unterirdisches zu denken. Das 
B. Henoch spricht öfter von Ortlichkeiten, wo Engel und Sterne gefangen liegen (c. 10. 
18. 19. 21), wie auch vom Fegefeuer der menschlichen Sünder (c. 22ioff.). Der zweite 
Akt ist die schliessliche Aburteilung der Schuldigen, die aber erst u*ian ani», nach langer 
Zeit, erfolgt; leider giebt wieder der Vf. nichts Bestimmteres darüber an. Die aus der 
Chronologie der LXX hervorgegangenen tausend Jahr der NTl. Apokalypse oder eine der 
zehn Weltwochen in Henoch 91 dürfen wir hier wohl nicht voraussetzen. Mutmasslich 
fällt in die Zwischenzeit zwischen dem Vorgericht und dem Endgerieht die Sammlung 
der jüdischen Diaspora c. 27isf., aber wohl nicht das Begiment der Ältesten und das 
Völkermahl auf dem Zion c. 2488 256—8. Der Ursprung dieser Zw iespaltung des Gerichts 
in ein vorläufiges und ein endgültiges ist im B. Jeremia zu suchen: der Untergang 
Jerusalems, darauf ein friedliches Arbeitsleben der Juden waren die ersten Elemente, die 
dann von Hesekiel und den Ergänzem des Jeremia mit einem letzten Weltsturm und 
Weltgericht kombiniert wurden; da aber der ursprüngliche erste Akt, Zerstörung Jeru- 
salems und Exil, thatsächlich keineswegs die Hes 38 geschilderte Friedenszeit zur Folge 
hatte, so wurde später diese Friedenszeit und mit ihr der erste Akt des Gerichts in die 
Zukunft verlegt. Das thut sowohl unsere Apokalypse, wie das B. Henoch (c. 91 isff.) und 
die NTl. Apokalypse. Unser Vf. beschäftigt sich jedoch nicht allzu ausführlich mit dem 
jüngsten Tage selber, weil er nicht aus apokalyptischer Neugier schreibt, sondern lieber 
bei dem weilt, was sein Herz bedrückt und was es tröstet. 28 Sonne und Mond, beide 
wie in der unjes. Stelle c. 30s6 mit den poetischen Namen bezeichnet, werden zu Schanden^ 
d. h. überflüssig werden, denn — Jahve ist König. Man sollte erwarten: denn Jahve 
wird zum Lichte; aber dass unser Vf. scheinbar so unvollständig motiviert, hat seinen 



150 Jes 26i— 8. 



25 1 Jahve, mein QoU bist du, 

Ich will dich ehren, deinen Ruhm mehren, 
Deon du voUbrachteBt WunderbeschlÜBse, 

Die von längst her Wahrheit sind wahrlich. 
*Denn du machtest die Feste zum Steinhaufen, 

Die befestigte Stadt zur Ruine, 
Die Burg der Frechen unbewohnt, 
Nimmermehr wird sie aufgebaut. 



Grund darin, dass er auf einen als allbekannt voransgesetzten Gedanken anspielt, n&mlich 
anf die Ausführung Tritojesaias c. 60i9f., dass die Sonne, die nur bei Tage scheint, und 
der Mond, der die halbe Zeit nur ein abnehmendes Licht hat, durch Jahves ewiges Licht 
ersetzt werden. Dies letztere ist mit dem Wort -nad gemeint: Jahve wird sich in sicht- 
barer Glorie, im »Glanz lodernden Feuers» (c. 45), auf dem Zionberge niederlassen. Ist 
der ganze Berg in diese Lichtherrlichkeit beständig eingehfillt, so werden, wie einst auf 
dem Sinai Ex 249ff., seine, des Königs, Ältesten sich ihres Anblicks erfreuen. Denn auf 
dem Berge Zion wird die yegovaia, o-rirrn -^am Vi^an inan ■pm", als die Vertreter des 
Gottesvolks tagen, als Jahves hoher Bat regieren. Trotz ihrer Kürze ist unsere Stelle 
von hervorragender Wichtigkeit für die Entwicklung der jüdischen Lehre vom Beich 
Gottes. Die Frage ist nur noch, ob wir uns das Kommen der naVo vor oder nach dem 
zweiten Gericht zu denken haben. Nach der Beihenfolge der Sätze liegt das letztere am 
nächsten. Auch Henoch 91 16. 16 erscheint der neue Himmel nach »dem Gericht für die 
Ewigkeit, das über die Wächter gehalten wird«, dasselbe nimmt die NTl. Apokalypse 
c. 21 11. 4 an. Das Verschwinden von Sonne und Mond, d. i. eben der neue Himmel, das 
Mahl auf dem Zionberge, auf dem Gottes Himmelsherrlichkeit Wohnung genommen hat, 
also die neue Erde, stellen für unsem Verfasser, der doch zu den älteren Apokalyptikern 
gehört, solche Höhenpunkte von Glanz und Glück dar, dass sie schwerlich überboten 
werden konnten und darum ans äusserste Ende gehören. — Hier wird der Zusammenhang 
unserer Apokalypse durchbrochen durch 

25, 1 — 5, einen Psalm, der etwa zwanzig Jahr jünger ist, als jene, und nur vom 
Bande in den Text geraten sein kann. Schon Ew. hat gemerkt, dass c. 256ff. sich un- 
mittelbar an c. 24 SS anschliessen, doch ist ihm die Selbständigkeit des Gedichts nicht 
zum Bewusstsein gekommen, und so glaubt er, durch blosse Umstellung helfen zu können. 
Aber in welche Verlegenheit man kommt, wenn man die fremden Bestandteile nicht aus 
der Apokalypse entfernt, das hat Smends Abhandlung ZATW 1BB4, S. 161 ff. gezeigt. 
Nimmt man die vier Capitel als Einheit, so kann man kaum anders, als die an ver- 
schiedenen Stellen erwähnte Stadt für ein und dasselbe Gespenst zu halten, das man 
nicht greifen kann. Die Stadt, deren Zerstörung unser Psalm besingt, ist das von 
Johannes Hyrkanus zerstörte Saroarien, das Lied demnach zwischen 111 und 107 a. Chr. 
zu setzen (Schürer, NTl. Ztgesch.* I, S. 211). 1 Der Psalm beginnt mit einer im Psalter 
beliebten Wendung vgl. z. B. 1188S. t^i'^m (zu dem i s. zu c. lis) reimt auf rpn (für 
T^). Jahve hat nix7 k^e gethan (Anspielung auf c. 9s), die von lang her wahrhaftige 
Wahrheit, verheissen und treulich festgehalten waren: er hat die Zerstörung Samariens, 
das längst bedroht war (z. B. c. 666), unter sehr schwierigen umständen gelingen lassen. 
2 Der erste Stiches ist überkünstlich: »du machtest, dass nicht mehr Stadt sei, zum 
Steinhaufen«; augenscheinlich ist "'t^d verschrieben, vielleicht durch den Einfluss des fol- 
genden ^"Ta; ob ^^y oder ^'^n oder was sonst dagestanden hat, ist nicht mehr zu sehen. 
xr^i übersetzt LXX mit ttafßtav, las also d'^tt oder it'^d; »die Stadt der Fremden« ist ein 
sonderbarer Ausdruck, trivial, wenn es wirklich Fremde sind, schwächlich, wenn die 
Samarier bezeichnet werden sollen; um so besser passt das in den Psalmen so häufige 
Scheltwort auf die Gegner der Gesetzestreuen, das Wort b'ht. Niemals soll die Stadt 
der Frechen wieder aufgebaut werden. Johannes Hyrk. begnügte sich, wie Jos. Antiqu. 



Jes 25s— 5. 151 

'Darum wird dich erheben 

Die starke NatioD, die Stadt der Völker, 
Die TyraDnen vor dir beben 



^Denn du warst ein Hort dem Niedrigen, 

Hort dem Armen, als er bedrangt war, 
Zuflucht vor'm Wetterguss, Schatten vor der Hitze *)^ 
Doch die Hoffart der Frechen beugtest du'*^). 

*) denn der Zorneshaiich der Tyrannen ist wie 
Wetterguss im Winter, ^wie Hitze an Bchatten- 
losem Ort. 
**) wie Hitze durch den Schatten einer Wolke; den 
Trinmphgesang der Tyrannen demütigt er. 



XIII, 10, 3 sagt, nicht mit der Eroberung der Stadt, sondern »liess sie ganz verschwin- 
den«, rec önfuut jov ytvea&ai, non noUv aurtiv aipttUro, 8 Dem dritten Tetrastich fehlt 
der vierte Stichos, und übrigens verstösst die Akzentnaiion gegen das Metrum, denn die 
B^ij und die wT^y haben nichts mit einander zu schaffen. Die erste und dritte Zeile 
reimen wieder auf einander. Wenn auch t9 w auf manches Volk passen würde, so doch 
nicht »die Stadt der Völker« auf manche Städte; und wenn nun noch die Völkerstadt 
Jahve ehren soll wegen einer Grossthat, so wird die Auswahl noch geringer, Babel z. B. 
kann nicht in Frage kommen. Gemeint rouss eine Stadt sein, bei der ein besonderes 
Interesse für die Juden vorausgesetzt werden kann. Das war Rom, das auch in der 
NTl. Apokalypse als Stadt der Völker charakterisiert wird (z. B. c. 17 15). Die Böraer, 
Swtttoi My/v» IMak 8i, hatten schon dem Judas Makkabäus ein Bündnis bewilligt und 
den Johannes Hyrk. aus den Händen des Antiochus Sidetes gerettet (Schürer a. a. 0. 
S. 206). Dass sie den Gott des siegreichen Bundesgenossen ehren, entspricht der antiken 
Auffassung. Die ^rsr^9 mögen allgemein alle Fürsten sein, die den Juden übel wollen, 
aber zunächst denkt der Vf. gewiss an einen Antiochus Kyzikenus, der die Eroberung 
Samarias beständig durch Angriffe auf das jüdische Belagerungsheer und Verwüstung 
des jüdischen Gebietes zu hindern suchte, und einen Ftolemäus Lathurus, der ihm dazu 
mit Hülfstruppen aushalf ; beide wurden bald darauf ihrer Herrschaft verlustig und zwar 
teilweise infolge ihrer antijüdischen Unternehmungen. 4 Das "a bezieht sich wohl auf 
V. 3. Jahve hat sich dem Niedrigen und Armen als Hort und Zuflucht vor winterlichem 
Wetterguss und sommerlicher Hitze erwiesen. Der Satz beweist, dass das v. 2 erwähnte 
Faktum in den Augen der Juden von ungewöhnlich grosser und unmittelbarer Bedeutung 
war, von grösserer, als z. B. die Zerstörung Babels durch Darius sein konnte. Die ein- 
jährige Belagerung Samarias war von den Söhnen des Job. Hyrk. mit äusserster Hart- 
näckigkeit geführt worden; selbst die Verwüstung Judäas zog sie nicht von der Stadt 
weg, dem Kyzikenus und später seinen Feldherm lieferten sie mehrere Schlachten, den 
Hauptsieg soll der im Tempel opfernde Vater durch eine göttliche Stimme erfahren 
haben, den Tag der Eroberung (25. Marcheschwan) hielt die Erinnerung Jahrhunderte 
lang fest, auch zeigt die Behandlung der Stadt, wie die Juden über sie dachten (vgl. 
auch JSir öOssf.). Da Hyrkanus schon früher den Tempel der Samariter zerstört hatte, 
so konnte man hoffen, die böswilligste und gefährlichste Feindin der jüdischen Gemeinde 
vernichtet zu haben. Niedrig und arm konnte sich das jüdische Volk damals wohl 
nennen, Joh. Hyrk. soll die Gräber der Könige geöffnet haben, um die Kriegsentschädi- 
gung an Antiochus zu bezahlen; bedrängt war es während der Belagerung Samarias 
durch den Kyzikenus ausserordentlich. Der dritte Stichos erinnert an c. 46. Während 
die drei ersten Stichen ganz in Ordnung sind, folgt von nr -^a bis zum Schluss von v. 5 
ein wirrer Haufen von Sätzen, den keine Erklärung oder Emendation als glaubwürdigen 
Urtext hat erscheinen lassen: denn der Zomeshauch der Tyrannen ist wie Wetterguss 



152 Jes 25«— 8. 

^Und anrichten wird Jahve der Heere 

AUen Volkern cmf diesem Berge 

Ein Gelage von FeUspeisen, ein Gelage von Hefenweinen, 

Von markigen FeUspeiaen, geläuterten Hefenweinen; 
7 Und er wird austilgen auf diesem Berge 

Die Hülle, die gehüOt ist über alle Väker, 

Und die Decke, die gedeckt ist über aUe Nationen. 

"Er tilgt ans den Tod für immer. 
Und es wird abwischen der Herr Jahve die Thronen von allen Gesichtern, 
Und die Schmach seines Volkes wird er entfernen von der ganzen Erde — 
Denn Jahve hafs geredet. 



des Wintere (1. ""p für das sinnlose "1**^), wie Hitze am kahlen Ort, den Lärm der Frechen 
(o^-TT nach LXX) wirst du knicken, Hitze durch den Schatten einer Wolke, den Triumph- 
gesang der Tyrannen beugt er (der letzte Satz fehlt in IjXX). Den ersten Satz (am 
Schluss von v. 4) hat schon Dillm. als Glosse erkannt, doch die beiden ersten Wörter 
Ton y. 5 gehören noch dazu. Dieser Satz will die Bilder im dritten Stiches (t. 4) er- 
klären, daher die Wahl des Wortes m-^, das sowohl zum Wintersturm wie zum sommer- 
lichen Samum passt. Der Best von v. 5a gehört dem Gedicht an, nur ist "pKv falsch: 
wie kann man einen Lärm knicken? Offenbar ist f»y'^ zu lesen, wodurch zugleich das 
nötige Imperfekt gewonnen wird. Das unsinnige "jikv hat nun aber die in der LXX 
fehlende Glosse am Schluss von v. 5 hervorgerufen, die den Lärm als Triumphgesang 
deutet und sich schon durch die 3. pers. als Glosse verrät. Endlich wollen die vor 
dieser Glosse stehenden Worte: »Hitze durch den Schatten einer Wolke« das Bild des 
dritten Stiches mit dem vierten Stiches in Verbindung setzen. Zufällig machen diese 
unnützen Zusätze ungefähr den Bestand eines Vierzeilers aus, doch darf man sich da- 
durch nicht verleiten lassen, aus ihnen ein fünftes Tetrastich zusammenzuleimen. 

25, 6 Für den engen Anschluss von c. 256—8 an c. 24s8 ist schon das mn "ina ein 
ausreichender Beweis. Auf dem Zion, wo Jahve sich niedergelassen hat, wird er allen 
Völkern ein Mahl anrichten, wie nach Ex 24 die Ältesten Israels auf dem Sinai »vor 
ihm« assen und tranken, ein Mahl, das ihre Aufnahme in die Gottesgemeinschaft be- 
deutet, das Leben im Reiche Gottes vgl. Mt 8ii Lk 14i5ff. unser Vf. weicht darin 
sehr entschieden von Tritojesaia (c. 65 is) und dem schlimmen Partikularismus der 
späteren Jahrhunderte ab, dass er das Mahl allen Völkern gönnt. Es ist ein reichliches 
und köstliches Mahl von Fett, das als das Beste vom Tier sonst der Gottheit zufällt, 
und von Hefenweinen, d. h. alten Weinen, die man nach der Gärung auf ihren eigenen 
Hefen hat stehen lassen, um sie zu Gunsten erhöhter Kraft und Süssigkeit nachgären 
zu lassen (vgl. Jer 48ii), und die man vor dem Gebrauch durchseiht (ppr, aaxxtttf <raxxiCut), 
o*3W für B^aVn und n'^^nv für v 7: dem Lautspiel zu Liebe; das an. Xiy. o-rnatt, denom. 
von nb, Mark, verdankt sein ä dem Bestreben, eine Art Beim mit dem folg. part. hervor- 
zubringen. 7 Das gute Mahl soll auch ein Freudenmahl sein, denn Gott vernichtet die 
Hülle, die gehüllt ist (das part. tsSV punktiert für o^, um auf das Subst. i9'iV zu reimen, 
aber da xs^h nach ISam 21 10 den acc. regiert, so hat wohl der Vf. das part. pass. x»\h 
beabsichtigt) über alle Völker, nämlich durch das c. 24 geschilderte allgemeine Unglück. 
Das Bild beruht auf der Sitte, sich in der Trauer zu verhüllen (I Sam 15ao). Q^Vn--«» 
wie Job 41 5 iviaV e; d*3c ist die sichtbare Aussenseite, die eine Person oder Sache uns 
zuwendet und hinter der sie sich birgt, tsiVn-^b also etwa die Gott zugewandte, die 
Völker bergende Hülle ; der Ausdruck hebt den Anblick hervor, den die Völkerwelt jetzt 
gewährt. 8 Wenn nun Jahve die Trauerhülle entfernt hat, so sieht er die Thränen und 
wischt sie ab. Bevor dies gesagt wird, was sich eng an v. 7 anschliesst, heisst es asyn- 
detisch: er tilgt den Tod für immer, und es ist mir zweifelhaft, ob dies dem ursprüng- 
lichen Zusammenhang angehört. Nicht als ob. nicht unserem Vf. ohne weiteres der 



Jes 209—10 26i— «y 1^8 



25 "Und man wird sprechen an jenem 

Tage: 

fliehe da, unser Gott, 
Auf den wir hofften, •) *) Dm tat jahw, 
Dass er uns helfe : t»"' ^"^ ''*' ^^^^"^ 
Wir jauchzen und freuen uns 
Üher deine Hülfe. 
^^Denn ruhn wird Jahves Hand 
Auf diesem Berge, 
Doch zerstampft wird Moah unter sich, 
Wie zerstampft wird ein Strohhündel 
Im Misttümpel. 



26 ' An jenem Tage wird gesungen werden 
dies Lied im Lande Juda: 

Starke Stadt haben wir, 
zum Schutz erschafii er 
Wälle und Wehr. 

* öffnet die Thore, 

dasB einziehe das gerechte Volk, 
das Treue bewahrende! 



Glauhe an die Unsterblichkeit der Teilnehmer des Gottesreiches zugetraut werden dürfte, 
aber der gesamte Zusammenhang beruht doch auf etwas andersartigen Gedanken, und 
die Unsterblichkeitshoffnung hätte wohl eine etwas wirkungsvollere Einführung und Aus- 
führung verdient, als ihr durch diese beiläufige Bemerkung zu teil wird; auch das n:ah 
(IKor 1564 nach aramäischer Auffassung mit iig vutos wiedergegeben, dazu pu. statt pi.) 
ist unter diesen Augenblicksbildern störend; eine einmalige Handlung, z. B. die Er- 
weckung der Getöteten, würde sich dem Zusammenhang besser eingefügt haben. Ich 
halte demnach das Sätzchen für die Bandbemerkung eines Lesers, der den Gedanken des 
Vf.s nicht genau ins Auge gefasst hatte und Trauer und Thränen einseitig auf das grosse 
Hauptübel der Menschheit deutete, während sie offenbar allen erduldeten Leiden, der 
Vergewaltigung, Plünderung, der Verödung der Erde u. s. w. gelten, endlich auch, so 
weit Jahves Volk in Betracht kommt, der Schmach, die es jetzt auf der ganzen Erde er- 
duldet. Nach dem letzten Satz ist die Diaspora schon über die ganze Erde verbreitet 
und das odium generis humani. Die Verse 6 — 8, durch ein »denn Jahve hat's geredet« 
ausgezeichnet und Apk 21 1 — 4 zur Darstellung des neuen Himmels und der neuen Erde 
verwandt, erheben unseren Apokalyptiker durch ihren rein menschlichen Zug über das 
Niveau seiner Zeit. Nicht durch Machterweisung und Gewalt, sondern durch Tröstung 
und Erquickung zieht Jahve alle Menschen zu sich heran, und nicht einmal die vorher- 
gehende Bekehrung der Heiden wird erwähnt. Die Könige werden gerichtet und ab- 
gethan c. 24tif., den Völkern, die alle unglücklich sind, wird nur Mitleid erwiesen. — 
— Jetzt sind wiederum Dichtungen in den Text eingedrungen, die unserem Vf. nicht an- 
gehören, da sie einen anderen Geist haben und später sind als die Apokalypse. Es 
scheint, dass das kleine Gedicht c. 259 — ii neben das längere c. 26 1 — 19 an den Band 
geschrieben war, da sich so am besten erklärt, dass eine Variante von c. 265 jetzt als 
c. 25 IS auftritt. Demnach wird das Gedicht 

25, 9 — 11 das jüngste sein, was mit seinem Inhalt übereinstimmt, denn es 
scheint die Hoffnung auszudrücken, die Alexander Jannäus durch die Unterjochung Moabs 
verwirklichte (Jos. Antiqu. XIII, 13, 5). Es hat wohl niemals in anderer Form denn als 
Beischrift zu unserem Buch existiert, da das mn -«na sich ohne Zweifel an v. 6 f. anlehnt. 
Die einleitenden Worte wiederholen in Kürze die Einleitung c. 26 1. »Siehe da, unser 
Gott u. s. w.«, m ist gegen die Akzente zum folgenden Sätzchen zu ziehen. *\'r'\p n^irr m 
'h scheint eine Variante zu dem ersten Satz zu sein, es fehlt in LXX cod. AI. und ist 
in cx)d. Vat. anders Übersetzt, als das Vorhergehende, also wohl Korrektur nach dem 
Ktib. Die Hoffnung auf Hülfe ist nicht zu Schanden geworden, sagt der Dichter, wir 
hahen Siege erfochten, und andere, der Sieg überMoab, werden folgen. 10 Denn Jahves 
Hand, d. h. seine Macht, wird sich auf den Zion niederlassen, Zion wird der Mittelpunkt 
der Weltherrschaft sein, eine Hoffnung, die auch der nur wenig ältere 2. Ps. ausspricht. 
Das von Moab gehrauchte Bild zeugt von dem tiefen Hass und Widerwillen der Juden 
gegen dies Jes 16 Jer 48 und Zph 28 — lo als prahlerisch, lügnerisch und schadenfroh 
gekennzeichnete Volk; es soll »anter sich«, da, wo es steht, gedroschen, zu Boden ge* 



154 Jes 26n— 1» 26s— 6. 



25 ^* Und breitet es aus seine Hände drin, 
Wie sie ausbreitet 
Der Schwimmende zum Schwimmen, 
Drückt man nieder sein Aufstreben 
Samt dem Budem seiner Hände. 



26 s Getreue Denkart 

bedenkst du mit Heil, 
denn auf dich traut sie. 
^Vertraut auf Jahve auf immer, 
denn Jah ist ein Fels der Ewigkeit. 
25 «Und die ragende Feste ^I>enn er hat erniedrigt 

deiner Mauern hat er ^^^ Bewohner der Höhe, 

erniedrigt, sinken las- die ragende Stadt, 

sen, niedergestossen zur I^«* ™ »"^>^° ^"^ ^f^« ^'\. 

Erde, zum Staube hin. s^»«* «>® °*^®' ^""^ ^^""^^ ^*°' 

^Es soll sie zertreten der Fuss des Elenden, die Tritte des Niedrigen. 



schlagen werden, larm, Strohhaufen, an nniti anklingend und mit ihm, wie es scheint, 
auf die moabitische Stadt yrro anspielend, der auch Jer488 die erste Drohung gilt. Zu 
vn-;n mit ü für o » ä s. 0. § 193 a. Das Ktib "^ ist dem Qre i^a vorzuziehen, weil vom 
Schwimmen die Bede ist. 1 1 v'^vi ist Vordersatz, V'^cvni Nachsatz. Wenn Moab im Mist- 
wasser zu schwimmen versucht, wird man (oder Jahve) »niederdrücken sein Aufstreben«, 
ihn immer wieder unters Wasser dräcken : iniKs ist infin. n^a'^M wird fast von jedem Er- 
klärer anders gedeutet (Ges. u. a.: Hinterliste, Liste, Nachstellungen, was zu dem Bilde 
und zu i-'-r nicht passt, Ew. u. ältere: Gelenke, nach dem Arabischen, Enob.: Strebungen, 
welcher Begriff sich aber wohl erst aus dem des Nachstellens entwickelt hat). Wahr- 
scheinlich hängt das Wort nicht mit a*>ic, im Hinterhalt liegen, zusammen, sondern eher 
mit ^zHj wovon ^^f^, Schwinge, 7: "'•^a«'^ =» ts-'tas Tsne Job 39«: Moab breitet die Arme 
aus, wie ein Vogel die Schwingen, d. h. er rudert mit den Armen im Wasser; ^•^t» pi-^s-'k 
nimmt das vorhergehende "i^-p b**E auf. w könnte man mit Del. nach Neh 5i8 durch 
»trotz« wiedergeben, doch genügt die gewöhnliche Bedeutung. 12 gehört nicht an diesen 
Ort, wie auch Ew. und Chejne gesehen haben, aber auch nicht hinter v. 5, sondern neben 
c. 266, als Variante dazu. 

26, 1 — 19 ist ein sehr künstliches Gedicht, vollgepfropft mit Assonanzen, Wort- 
spielen u. dgl. Das Metrum weist siebenzeilige Strophen auf; der Stichos besteht aus 
sechs, entweder 3x2 oder 2x3 Hebungen. Wenn Josephus die Dichtungen Ex 15]ff. 
und Dtn 33 hexametrische nennt (Antiqu. II, 16, 4. IX, 8. 44), indem er das Distichon 
als einen Langvers auffasst, so würde diese Bezeichnung auch hier angebracht sein, und 
es könnte wegen der eigentümlichen Behandlung /ler Cäsur recht wohl eine Nachahmung 
des sibjllini sehen Hexameters, natürlich ohne den daktylischen Bhythmus, beabsichtigt 
gewesen sein. Versmass wie Inhalt und Geist der Dichtung verbieten, sie schon mit v. 2 
oder V. 7 oder v. 10 oder v. 16 abbrechen zu lassen. Über die Abfassung wird nach 
folgenden Punkten zu entscheiden sein: 1. Jerusalem hat wieder feste Mauern; 2. eine 
andere Stadt ist gedemntigt durch die Juden; 3. fremde Herren haben geherrscht, sind 
aber vertilgt; 4. das Volk ist gemehrt und die Grenzen erweitert; 5. die Not der ver- 
gangenen Zeit wurde als Zucht empfunden und lehrte, dass man selber kein Heil für das 
Land schaffen könne ; 6. gehofft wird auf die Auferstehung der Frommen. Diese Punkte 
weisen uns in die Zeit, als Job. Hyrk. Jerusalem neu befestigt und Samaria zerstört 
hatte, als der Zwingherr Antiochus Sidetes im Partherkriege verschwunden und seine 
Bückkehr nicht mehr ernsthaft zu befürchten war, als Samaria, Edom u. s. w. unterjocht 
war und zwar durch offenbare Hülfe Jahves, während die Anfangsjahre des Johannes 
Hyrk. zur heilsamen Zucht für Juda gezeigt hatten, dass doch Juda und die Hasmonäer 
allein sich noch nicht helfen konnten, als endlich eben diese Marterzeit die Auferstehungs- 
hoffnung, die bei den Martern der Zeit des Antiochus Epiphanes im B. Daniel hervor- 
bricht, neu belebt hatte. 1 Die Überschrift ist nicht vom Dichter verfasst, denn »jener 
Tag« müsste die in c. 256 — 8 beschriebene verklärte Zukunft sein, auf die der Dichter 



Jes 267—8. IM 

"^Der Weg für den Gerechten ist Oradheit, des Gerechten Geleise ebnest du, 
^Und auf dem Weg deiner Gerichte, Jahve, harren wir dein, 
Nach deinem Namen und deinem Preise steht das Begehren der Seele, 



erst am Ende der Dichtung hoffend hinweist, die er also keineswegs als Gegenwart be- 
handelt. Im ersten Stiches haben wir nicht weniger als drei verschiedene Alliterationen. 
»Eine starke Stadt haben wir«, n&mlich das neubefestigte Jerusalem, dessen Maaem 
Antioch. Sid. niedergelegt, Hjrk. wieder aufgebaut hatte (s. zu c. 24ioff.). Dass der 
Wiederaufbau der »Mauern und Vormauerc (^*n m^inix^^i antemurale) ein Danklied wert 
war, lehrt die Geschichte Nehemias. Richtig macht die LXX die Mauern zum ersten 
und nrivr zum entfernteren Objekt, auch in v. 18 haben wir dieselbe Ausdrucksweise. 
Ges. dreht das Verhältnis um: Hfllfe macht er zu Mauern, und beruft sich dafßr auf 
c. 6O18, hat aber bei der Erklärung dieser letzteren Stelle sich besonnen und nennt die 
Thore Buhm, statt den Buhm Thore, während Dillm. konsequenter ist und an beiden 
Stellen denselben starken Missgriff macht. 2 »Offnet die Thore u. s. w.«, als wenn erst 
jetzt Jerusalem so recht bewohnbar wäre. Wahrscheinlich ist das Gedicht bei Anlass 
der Einweihung der neuen Thore entstanden, die das letzte Werk einer langjährigen 
Arbeit waren. Einziehen soll das gesetzestreue Volk, denn nur Anhänger der Thora 
sollen, wie der Dichter hofft, in der heiligen Stadt wohnen, nicht die D-yih v. 10. 8 Daun 
werden die guten Folgen nicht ausbleiben, ^ri" ist kurzer Ausdruck f&r a^ "^s** (Gen 65 
8 m); '^'rso und pKa steht Ps 111 8 in ähnlich enger Verbindung. Die in sich gegründete, 
zuTcrlässige Denk- und Lebensweise des gerechten Juden »bewahrst du ("^sn von -«xa) in 
Heil«. Abweichende Erklärungen giebt es so viel, dass die Anführung zu viel Platz weg- 
nähme; die meisten legen in das -«3* einen falschen Sinn (Hoffnung, Gedanke, Annahme) 
und konstruieren einen zerhackten Satz heraus: der Gredanke etc. steht fest: du wirst 
Frieden bewahren oder bilden ("'s-), n^tsa, eine Deponensform (vgl. Ps 112?), soll wohl 
die dauernde persönliche Eigenschaft deutlicher bezeichnen, als rroSa gethan hätte; Subj. 
dazu ist -^^s"*. 4 »Vertraut etc.« ist angeregt durch das vorhergehende Wort. Der Vf. ist 
nichts weniger als ein Meister rasch fliessender Bede, noch reich an zuströmenden Ge- 
danken, sondern arbeitet sich recht oft mühsam von Wort zu Wort weiter; und dieser 
mühsam gezwungenen Art, mit der trotz beständigen Versagens der dichterischen Kraft 
die 28 Hexameter fertig gebracht werden, verdankt wohl die Dichtung ihr ungleichartiges 
Kolorit und ihre wenig durchsichtige Disposition. In r^'^rr rra ist das zweite Wort eine 
der Varianten oder Korrekturen, an denen diese Dichtung so auffallend reich ist (vgl. 
c. 12»); wenn man nicht das *a mit der LXX streichen und rra mit Kimchi von *rit9a 
abhängig machen will, so muss man wohl zunächst übersetzen : in Jah besteht ein ewiger 
Fels. D^Q^iy kommt c. 51 9 und bei jüngeren Schriftstellern vor. 5 Als Felsen hat sich 
Jahve bewiesen, indem er die ragende Stadt zerstörte. Dieser Vers findet sich c. 25 is 
wieder, wenn auch mit allerlei Änderungen und in etwas verkürzter Form, nur dass die 
Variante das -r^nsir: mit seinem unerklärten Suffix mehr hat. In v. 5 selber findet sich 
noch die Variante rV^Kir neben rzh^ttr ; letzteres reimt sich auf naj-r und ist darum vor- 
zuziehen. Bewohner der »Höhe« sind die Gestürzten vielleicht nur deshalb, weil sie in 
der ragenden Stadt wohnen, doch konnte diese ja auch auf einer Anhöhe liegen. Welche 
Stadt gemeint sei, das müssen die Leser ohne weiteres haben wissen können. 6 giebt 
über sie noch etwas mehr Aufschluss: der Fuss (Variante: dieFüsse) der Niedrigen, d.h. 
der Juden, zertritt sie : also ist es nicht Babel, das nicht die Juden zerstört haben, auch 
nicht eine (unbekannte) rooabitische Stadt, über die nicht so viel Aufhebens gemacht 
wäre, sondern eben nur Samaria. Diese Burg der »feindlichen Brüder« (c. 665) bezwungen 
und gänzlich vernichtet zu haben, musste dem jüdischen Volk als hervorragender Beweis 
dafür gelten, dass man den wahren Felsen in seiner Mitte habe v. 4. 7 bis 10 bildet 
die zweite siebenzeilige Strophe. Mühsam gewinnt der Vf. einen Übergang von der Ver- 
gangenheit zur Zukunft durch eine allgemeine Sentenz der Art, wie sie in den Psalmen 



156 Jes 269—14. 

'Mit meiner Seele begehre ich dein und mit meinem Geist in mir sehne 

[ich mich nach dir. 
Wenn deine Gerichte der Welt werden, lernen das Recht die Be- 

[wohner des Erdreichs. 

^^Wird der Gottlose begnadigt, lernt er nicht das Recht im Lande der 

Er frevelt .... und sieht nicht die Hoheit Jahves. [Gradheit, 

^^ Erhoben war deine Hand, sie sehen es nicht: mögen sie sehen und er- 

[bleichen ! 
Der Eifer um das Volk, das Feuer deiner Gegner fresse sie, Jahve! 
^^ Richte Frieden uns ein, denn auch all unser Werk hast du uns gethani 
^^ Jahve, unser Gott, es beherrschten uns Herren ausser dir: 

Nur in dir wir preisen deinen Namen. 

^^Die Toten werden nicht leben, die Schatten nicht aufstehn, darum 

[richtetest du, 
Und vernichtetest sie und liessest untergehen alles Gedächtnis ihnen. 



beliebt sind. Weg, Geleise, Gradheit (Variante: grade), ebnen beziehen sich sämtlich 
nicht auf die Gesinnung, sondern auf das Geschick: dem Frommen, der in beiden Hemi- 
Stichen p^-rx genannt wird, geht es gut (zumal wenn er den Ketzer zertreten kann). 
8 Das rc^vt muss den weiteren Übergang vermitteln : auch Jahve hat einen Weg, nämlich 
den der Gerichte; dieses Weges erwarten ihn die gerechten Juden. Denn nach seinem 
Namen und Preise, d. h. zu sehen, wie sein Kultus triumphiert, verlangt ihre Seele, 
fiv und *^^f sind Synonyma; seinen Namen hat Jahve kund gegeben in Erscheinungen, 
aber auch durch grosse Thaten: im Rufen seines ruhmreichen Namens, im Erwähnen 
seiner Kundgebungen und Grossthaten besteht das Halleluja des Kultus, das tahlil 
(Wellh. Skizzen III, 107 fT.). 9 Der Dichter spricht jetzt in der 1. pers., gleichsam als 
Chorführer der Gemeinde; auch in den Psalmen hat das Ich bisweilen diesen Sinn, zumal 
da, wo ein Wechsel- oder Chorgesang erkennbar ist z. B. Ps 20? oder 877. Was aber 
tM;s^ in diesem Zusammenhang bedeuten soll, verstehe ich nicht, eben weil der Dichter 
hier nicht als Individuum spricht, wie der Dichter von Ps 16? oder 11955; wahrschein- 
lich ist es von jemandem hinzugesetzt, der im Folgenden "^paa las statt *a-ipa. In v. 9b 
wird das prosaische '^•mo eine Variante zu "^a (wann) sein, um so mehr, als es den Stiches 
überffillt (so auch Bick.). Jahves Gerichte werden die Weltmenschen, die abtrünnigen 
Juden und die Heiden, das Becht kennen lehren, darthun, wer Becht hat, die Juden 
oder ihre Gegner, werden das Gesetz zu Ehren bringen. 10 Wenn dagegen Gott noch 
länger wartet und die Frevler milde behandelt, so werden die Heiden und heidnisch ge- 
sinnten Juden selbst im Lande der Gradheit, in Juda (Sibyll. III, 218 ff. 573 ff.), unge- 
scheut, blind für Jahves Gesetz und seine Majestät, zu freveln fortfahren. V'^r gehört 
zu V. 10b, ist nur zu kurz für die erforderlichen zwei Hebungen; vielleicht ist ein V*)t 
hinzuzusetzen. Der Dichter gehört zu der strengen pharisäischen Partei, der noch höher 
als äussere Erfolge der Sieg des Gesetzes im Inneren des Landes steht und die selbst 
den hasmonäischen Fürsten Opposition machte, sobald die gesetzliche Disziplin in Frage 
kam. 11 bis 14, der dritte Siebenzeiler. Jahves Hand zeigte sich in der letzten Zeit 
mächtig genug in den Gerichten über Antioch. Sidetes, Samaria u. s. w., aber das hat 
nicht recht gefnichtet, möge der feurige Eifer (Zph lis Hes 865) für »das Volk«, das 
Thoravolk (Cheyne will t;»9, das auch den Bhythmus verbessern würde), und das Feuer 
»deiner Gegner« (t'^s als gen. object. mit v'k zu verbinden) die Abtrünnigen, die Gegner 
der Eiferer, fressen. 12 n*in-< gehört noch zu v. 11. tev', etwas an etwas legen, ab- 
grenzen, einrichten, scheint ein gewählter Ausdruck zu sein: du wirst (oder mögest) uns 
eine heilsame Ordnung einrichten. Denn auch bisher stammen alle Erfolge von Jahve. 
Im Hinblick auf die Zeit der Makkabäer und besonders des Hyrkanus konnte ein Frommer 
wohl so sprechen, die weltlich Gesinnten mochten die Erfolge der eigenen Klugheit und 



Jes 2615—16. 167 

>*]lu mehrtest das Volk, verherrlichteBt dich, erweitertest alle Enden des 

[Landes. 
i^In der Not suchten sie dich, Zauberzwang war deine Züchtigung ihnen. 



Tapferkeit zuschreiben ; jede Partei hatte ein Interesse daran, ihre einseitige Auffassung 
hetTorzuheben, und so wird unser Dichter seinen Grund gehabt haben, diesen seinen Satz 
Ton Jahves Alleinwirksamkeit so stark hervorzuheben. Den Frieden versteht er gewiss 
in dem Sinne, dass der Staat nach den Forderungen der Thoralebrer eingerichtet und 
verwaltet werden soll. 18 Lange hat die Herrschaft der »Griechen« gewährt, es waren 
fremde Herrscher, und sie regierten »ausser Jahve«, nicht nach dessen Geheiss und nicht 
nach den Gesetzen der Theokratie, um so mehr soll man jetzt, von ihnen befreit, blos 
Jahve dienen, v. 13b scheint dies besagen zu sollen, aber der Langvers ist jetzt ver- 
stümmelt; es scheint in der Mitte etwas wie iitffsnw vgl. Jer 3» ausgefallen zu sein, um 
so mehr, als man mit ^a den .letzten Satz "pv n-^ata nicht gut verbinden kann. Die LXX 
hat aXXop ovx osSuftiv (etwa ^""ta ^^) für fa-na^. 14 ist zwar nicht an sich, aber im 
ganzen Zusammenhang schwierig zu verstehen, und besonders stört es den Leser, dass 
V. 19 das Gegenteil von v. 14 zu sagen scheint, und reizt ihn, beide Verse mit einander 
zu kombinieren, etwa so, dass in der Verneinung v. 14 der Wunsch latent sei, der v. 19 
siegreich hervorbreche: es möchten doch, so unmöglich es scheine, die Toten wieder auf- 
erstehen. Aber die genauere Betrachtung von v. 19 scheint zu ergeben, dass dort nicht 
eine aus Zweifeln sich hervorringende Hoffnung, sondern ein längst gehegter sicherer 
Glaube ausgesprochen wird, und damit fällt jene Kombination, die ohnehin an dem 
übrigen Zusammenhang eine zu schwache Stütze hat. Soll nun v. 14 nicht die triviale 
Wahrheit aussagen, dass Tote tot sind, so muss er im Anschluss an v. 13 konstatieren 
wollen, dass jene fremden Herrscher Judas wirklich ein für alle Mal abgethan sind, dies 
aber im Gegensatz zu der Besorgnis, dass sie wiederkehren könnten und mit ihnen der 
Triumph der Abtrünnigen und die Unterdrückung der theokratisch Gesinnten. Wahr- 
scheinlich sind die Ausdrücke: Tote, Schatten, leben, auferstehen nicht im übertragenen 
Sinne gemeint, dagegen spricht die Fortsetzung; auch darf man nicht an Götter denken, 
obwohl die bisweilen auch Tote, Leichname u. dgl. genannt werden und auch zu v. 13 a 
passen würden, denn dann ergäbe sich kein Gegensatz gegen den Schluss der letzten 
Strophe, der doch beabsichtigt zu sein scheint. Viel näher liegt die Annahme, dass 
man noch Dezennien hindurch in Judäa sich vor der Bückkehr des Antioch. Sidetes 
fürchtete, waren doch bis dahin öfter zwar nicht tote Könige, aber deren angebliche 
Kinder (Alex. Balas, Alex. Sebinas) aufgestanden und zur Herrschaft gelangt und ein 
Demetrius II. aus der parthischen Gefangenschaft plötzlich wieder aufgetaucht, nimmt 
femer doch auch der Zusatz zum B. Maleachi die Wiederkehr des Elia in Aussicht. 
Sollte nicht auch die Nerosage selber, die den Nero in Asien weilen lässt, Vorgänger 
gehabt haben (vgl. Sueton, Nero 57 und dazu Lücke, Einl. in die Off. Job. 2. Aufl. 
S. 845)? unser Vf. tröstet sich und andere mit dem Satz: die Dränger sind tot, und 
Tote kehren nicht wieder ins Leben zurück. Die Austilgung des Gedächtnisses bedeutet 
nicht, dass die Tyrannen überhaupt, auch ihr Name, vergessen seien, denn daran konnte 
den Juden nichts liegen, im Gegenteil beweist die Hamansage, dass man das Andenken 
gerichteter Bedränger mit Wollust festhielt. Ausgetilgt ist vielmehr von Jahve jedes 
Zeichen ihrer Herrschaft, ihre Münzen und Hoheitszeichen, die Abgabenzahlungen, die 
zerstörten Mauern Jerusalems und ähnliche Spuren ihrer Thätigkeit. Darum hat Jahve 
diese Spuren so gründlich vertilgt, dass die Frommen wissen sollen, sie kommen nicht 
wieder auf. 15 — 19, die letzte Strophe; sie ist zwar leidlich verständlich, aber schlecht 
disponiert. Zunächst hebt der Dichter im Anschluss an v. 12ff. hervor, was Jahve gethan 
hat: er hat das Volk gemehrt, die Landesgrenzen nach allen Seiten erweitert; beides hängt 
mit einander zusammen, unter anderem ist daran zu erinnern, dass in den (jebiets" 
erwerbungen des Job. Hyrk. überall Juden wohnten; an die Zwangsbekehrung der Edo< 



168 Jes 2617—19. 

i'Wie ebe Schwangere, die nahe ist dem Gebären, schreit in ihren Wehen, 
So waren wir vor dir, Jahve, ^^ waren schwanger, wanden uns, 
Zu Wohlstand brachten wir nicht das Land, noch wurden geboren Welt- 

[bewohner. 
^^ Deine Toten werden auferstehen, erwachen und jubeln die Bewohner 

[des Staubes, 
Denn Thau der Lichter ist dein Thau, und das Land gebiert Schatten. 



miter braucht man nicht einmal zu denken. 16 Jahve hat das gethan, nicht die Jaden 
selber, die nur in sofern mithalfen, als sie Jahves gutem Willen nicht im Wege standen, 
sondern den göttlichen Zweck der ihnen auferlegten Drangsal erkennend sich betend zu 
ihm wandten. Die LXX liest schon in v. 16 die erste Person, was leichter, aber eben 
darum wohl nicht ursprünglicher ist als die 3. pers. des hebr. Textes, übrigens sachlich 
auf eins hinauskommt. Die Drangsal ist die der Jahre .135 — 129. v. 16 b wird wohl 
übersetzt: sie ergossen leises Gebet, deine Zucht (war) ihnen. Aber es ist fraglich, ob 
vnV Gebet heissen kann, da es sonst immer den Zauberspruch bedeutet. Man wird also 
mit Koppe u. a. fps (von pu, zur Form s. 0. § 215 d 4) »Zwang des Zaubers« lesen und 
dies als Pr&dikat zu dem Subjekt 7-01« ansehen müssen. Die Not wirkte mit unwider- 
stehlicher Kraft auf das Volk, dass es Jahve als einzigen Helfer erkannte und aufsuchte. 
»Zauberzwang« dürfte eine sprüchwörtliche Bezeichnung für das gewesen sein, was bei 
Jes. Wirkung eines Geistes ist (29ioff.), für eine unwiderstehliche Nötigung zum Guten 
oder Bösen; andere wollen yn^ !)p^ oder *9 x^vs ^apv^ (und na? für yvk) dafür schreiben, 
die LXX übersetzt ein nr^ yr:h. 17. 18 Der Vf. yerliert sich nun in die eine Hälfte des 
vorhin angedeuteten Gedankens, dass man sich selber nicht helfen konnte, während er 
die vom stilistischen Ebenmass geforderte Hinzufügung der zweiten Hälfte, dass nämlich 
Jahve überreichlich geholfen hat, verabsäumt. In v. 17 a fehlt der LXX das Vnr, das, 
vollkommen überflüssig, wohl von einem Abschreiber oder Leser aus dem parallelen Satz 
eingetragen ist. Zu v. 17 b gehören nach dem Metrum noch die zwei ersten Wörter von 
V. 18. Dagegen ist das folgende Sätzchen: als hätten wir Wind geboren, eine Glosse, 
und zwar zu v. 18 b, denn mit v. 18 a lässt es sich syntaktisch nicht vereinigen. Man 
hat wohl übersetzt: als wir gebaren, (war es) Wind, aber diese Übersetzung ist eher 
eine Verurteilung. Aufklärung über die Scheinschwangerschaft (Psychometra) wird man 
ja wohl nicht von uns verlangen, noch dazu wegen einer blossen Glosse. »Zu Bettungen 
machten wir nicht das Land«, vielmehr musste man sich den Syrern unterwerfen und 
ihnen Städte abtreten. Dass keine »Weltbewohner«, wie der Vf. mit künstlichem poeti- 
schen Ausdrucke sagt, »fielen« (nur hier und v. 19, öfter im Arabischen, s. Ges.), hat 
auch unser Apokalyptiker stark hervorgehoben vgl. c. 24 10 — is. 19 Die beiden letzten 
Langverse, die dem Vf. noch zur Verfügung stehen, widmet er nicht dem zu erwartenden 
Gedanken: aber du, Jahve, brachtest die Bettung und mehrtest das Volk, sondern einem 
Satz, den er offenbar für den Schluss (und zugleich als Gegensatz zu dem Schluss der 
vorhergehenden Strophe) aufgehoben hatte und nun ziemlich abrupt vorträgt, dem Leser 
die Herstellung der Gedankenverbindung überlassend: Jahve (hat bereits das Volk auf 
dem natürlichen Wege vermehrt und) wird das Volk in der bald erfolgenden Parusie 
wunderbar mehren durch die Auferweckung der Frommen. Nur wenn das Dogma von 
der Auferstehung schon fest, ja im Vordergrunde der Vorstellungen seiner Gesinnungs- 
genossen stand, konnte der Vf. so ohne Vermittlung darauf zu reden konunen. Aber 
dann dürfen die beiden Verben in v. 19 a nicht als Jussive und die beiden folgenden 
nicht als Imperative gefasst werden. Das empfiehlt sich auch schon deswegen nicht, 
weil dann in drei unmittelbar auf einander folgenden Sätzen erst Jahve, dann die Toten, 
dann wieder Jahve angeredet sein würden. Auch haben sämtliche Übersetzer vor 
Hieronymus in v. 19 die 3. pers. angenommen. Sie weichen auch sonst ab, besonders in 
den Suffixen, in der LXX fehlt t*rr^; der Text ist also sehr unsicher. Mit Anschluss an 



Jes ^so— ti ä7i. 159 

26 ^^Oeh, mein Volk, komm in deine Kammern 

Und scfdiesse deine Thür hinter dir zu, 

Verbirg dich einen Meinen Augenblick, 

Bis vorObergeht der Orimm, 
^^Denn siehe, Jahve zieht aus von seinem Orte, 

Heimzusuchen die Schuld des Erdenbewohners an ihm, 

Und ans Licht toird geben die Erde ihr Blut 

Und nicht länger zudecken Ober ihren Ermordeten, 
27 ^ An jenem Tage unrd heimsuchen Jahve 

Mit seinem harten und grossen und gewaltigen Schwerte 

Den Drachen, die flüchtige Schlange, 

Und den Drachen, die gewundene Schlange, 

Und wird erwürgen das Wassertier. 



die LXX schreibt man am besten wohl statt des jetzigen t. 19a nur: ym^" -^«rv, fasst ^nVaa, 
dessen Suffix unbegreiflich ist, als einen Zusatz, der als stat. constr. vor 7T0 stehen 
und hervorheben sollte, dass es sich nicht um eine Bdckkehr der Toten als Bevenants, 
sondern um die leibliche Auferstehung handele (das Trg. hebt dies mit seinem »Knochen 
ihrer Leichname« noch stärker hervor), streicht das rrr, das erst nach dem Eindringen 
der Glosse nötig geworden war, und liest weiter •laa'^i 'i2r^r!> »Deine Toten« sind die 
Frommen, vielleicht besonders auch die Märtyrer der Beligionskriege und Verfolgungen. 
Dass rti-tiM in v. 19b nicht wie II Beg 489 Gemüse heissen kann, ist wohl klar; Thau der 
Lichter ist freilich auch merkwürdig genug. Die LXX las ns^it, ta/ia^ aber Tote werden 
nicht geheilt. Aus dem Begriff »Licht« den des Lebens abzuleiten, kann ja nicht helfen, 
weil weder die Form m^K noch der Ausdruck Thau dabei erklärt wird. Es lässt sich 
denken, dass die Juden die Auferstehungsidee, sobald sie sie akzeptierten, sich in irgend 
einer realistischen Weise zurechtlegten. Wie das Bach Henoch (c. 25) das lange Leben 
der Auserwählten nach dem Gericht aus dem beständig eingeatmeten Geruch des Lebens- 
baumes erklärt, so mag auch die talmudisohe Vorstellung, dass der im siebenten Himmel 
aufbewahrte Thau die Knochen der Toten beleben werde, schon im Keim um 100 a. Chr. 
existiert haben. Der Thau, der nach unserer Stelle in der Begion der himmlischen 
Lichter existiert, belebt blos die Toten Jahves, nicht seine Feinde. Auf die Gräber der 
Verdammten fällt überhaupt nicht Thau noch Begen. »Thau der Lichter ist dein Thau« 
heisst: du hast noch einen göttlichen Thau, den Thau, der im oberen Himmel auf- 
bewahrt wird; wenn du den einmal herabsendest, so »gebiert das Land (oder die Erde) 

Schatten«. 

26, 20. 21 27, 1 gehört aller Wahrscheinlichkeit nach wieder zur Apokalypse. 
Die Schmach des Volkes, von der der Vf. zuletzt, c. 258, gesprochen hat, führt ihn gleichsam 
wieder in die Gegenwart zurück, die ja freilich schon im Zeichen der Weltumwälzung 
steht. 20 »Geh in deine Kammern (der sing, wäre noch schöner) und schliesse deine Thür 
hinter dir zu«. Der dual des Ktib ist dem Qre ?;n^^ (von rt\r) vorzuziehen, mag aber 
hier, bei der Kammer, eher eine obere und untere Hälfte, als eine Flügelthür bezeichnen, 
um nicht mit ins Verderben gezogen zu werden, sollen sich die Juden möglichst aus 
der Welt zurückziehen vgl. Mt 24i6ff. "an, ein aramäischer imp. masc. Der Weltsturm 
dauert nur eine kurze Zeit, weil er ein Gottes werk ist. 21 Er wird hier in etwas anderer 
Weise beschrieben als c. 24i6— si. Der Verheer ungszug der Parther ist vorüber gebraust, 
da zieht Jahve aus von seinem Orte, hier ohne Zweifel dem Himmel, um die Welt- 
bewohner, mit Ausschluss seines Volkes, zu richten, vor allem die Mordthaten vgl. zu 
c. 246. Die Erde hat das vergossene Blut aufnehmen müssen (Gen 4 11) und es bis jetzt 
verborgen (vgL Job 16 is), so dass es nicht nach Bache schreien konnte (vgl. Hes247. 8), 
aber Jahve wird sie veranlassen, es herauszugeben, damit es die Mörder verklage, ebenso 
die Leichen der Ermordeten, die nicht aufstehen, sondern durch ihr Sichtbarwerden gegen 
die Mörder zeugen sollen. 27, 1 Vor allem sollen die Weltmächte als solche vernichtet 



IIX) Jos 27 t— s. 

*[ünd nun wird Bpreehen] an jenem Tage: 
Weinstock der Liut, singt ihm zu! 
*Ich Jahye bin sein Beschützer. 
Alle Augenblicke netz' ich ihn, 
Dass nicht fehle sein Laub, 
Tag und Nacht schütz' ich ihn, 
^Zom hab' ich nicht 

Hätte ich Domen, 

Dbteln im Salzland, 
Losschreiten woUf ich darauf. 

Es verbrennen zumal, 
^Oder man erfasste meinen Schutz, 
Machte Frieden mir. 



werden; aach c. 24ti werden die Könige bestraft, w&hrend die Völker c. 2ö<ff. getröstet 
werden. Jene werden nach apokalyptischer Art durch Symbole gekennzeichnet; es sind 
zwei Livjatbane and das Tannin. Der Livjathan ist Job 3 8 die Wolkenschlange (in 
sp&teren Stellen c. 40s5ff. das Krokodil, das hier nicht passt); als >fl&chtige Schlangec 
verfinstert sie nach Job 26 u den Himmel und wird durch den Himmelsgott durchbohrt. 
Das pr, das Gen Iti die grossen Wassertiere zusammenfasst , wird Jes 51» mit dem 
Seeungeheuer ^m parallelisiert oder vielmehr identifiziert, ebenso Job 7u, sodass die 
Glosse 0^3 ^VM sachlich richtig ist. In der Deutung der drei ungeheuer gehen die Er- 
klftrer sehr auseinander. Manche wollen darunter nur eine Weltmacht verstehen, andere 
beziehen die beiden Schlangen auf Assur und Cbaldäa (obwohl Assur l&ngst gerichtet 
war, als Chald&a als Weltmacht gegen das Gottes volk sich erhob) oder Medien und 
Persien oder Medien und Babylonien oder Persien und Griechenland, w&farend das tannin 
meist richtig auf Ägypten gedeutet wird. Gehört aber unser Vers wirklich dem Apo- 
kalyptiker, so ist das tannin Ägypten und die eine der beiden Schlangen »Assurc, d. h. 
Syrien s. v. 13; die andere Schlange muss dann jene »Bauber« bedeuten, die sich nach 
0. 24 16 schon zu ihrem an Magog erinnernden Plfinderungszug^ anschicken, also die 
Parther. Diesen widmen wir wegen ihrer bekannten Fechtweise und weil sie im Norden 
wohnen, das nördliche Sternbild des »fiüchtigen Drachen«; sie verdienten auch seit 129 
an die Spitze der Weltmächte gestellt zu werden. Syrien ist die gewundene Schlange, 
die Judfta zu einem grossen Teil umfasste und zu erdrücken drohte. Der Symmetrie 
halber empfängt auch Jahves Schwert drei Prädikate; es ist grausam wie die Parther, 
gross wie das Seleucidenreich und gewaltig wie die »Hand«, deren es bedurfte, um einst 
Israel aus Ägypten zu retten. Jetzt kommt wieder eine Unterbrechung durch 

das Lied 27, 2—5, das ganz gewiss am Bande gestanden hat, weil es mit dem 
Zusammenhang nichts zu thun hat. Es feiert Israel als Jahves Weinpflanzung, die er 
mit Sorgfalt und Liebe pflegt, während er das Unkraut, wo es sich zeigen würde, aus- 
rotten will. Die LXX lässt in mehreren Stellen unsern Text fast nicht wieder. erkennen. 
2 wird von mehreren Exegeten so übersetzt: An jenem Tage, Weinberg der Lust, singt 
von ihm. So würde aber doch der unbeholfenste Schriftsteller nicht stammeln. Biohtig 
hat die Punktation die beiden Anfangsworte vom Folgenden abgetrennt, aber sie sind 
unvollständig. Vielleicht steckt der Ausfall in den (in der LXX allerdings fehlenden) 
SchluBSWorten von v. 1: o^a -nvii und ist nach c. 259 zu lesen: Minn ora ^^ (vgl. zu 3i0: 
i-^M für "noM). Höchst auffallend ist femer, dass ans in v. 2 f. als fem. behandelt wird, 
während es sonst immer masc. ist; man sollte es für einen, vielleicht durch c. 5iff. ver- 
anlassten Schreibfehler für ^bji halten vgl. Hes 176. *^«n, gärender Wein, passt weder 
zu Dia noch zu ^i; die LXX übersetzt es doppelt, las aber -ran, was vorzuziehen ist 
vgl. Am 5ii. Th"Qf scheint Nachahmung von Xum 21 17 zu sein, obwohl es dort einen 
anderen Sinn hat (durch Zusingen die Welle zum Erscheinen nötigen). 8 Jahve selbst 



Jes 276—11. 161 

'Die klinffcigen [Tage] wird Wurzel schlagen Jakob, 
Wird blähen und sprossen Israel; 
Und anfüllen die Fläche des Erdreichs mit Frucht. 
. . . . ''Hat er une er den schlägt, der es schlty, es geschlagen? 
Oder ward es gleich der Erwürgung seiner Enoürger erwürgt? 
^ Darum darin werde gesühnt die Schuld Jakobs, 
Und darin bestehe die Frucht der Entfernung seiner Sünde: 
Dass er aUe AÜarsteine macht gleich zerstretden Kalksteinen, 
Nicht sollen bestehen bleiben Äscheren und Sonnensäulen. 
^^Denn die feste Stadt ist einsam^ •Sie fortstossend, sie ver- 

Eine Wohnstatt verscheucht und verlassen wie die Trift; scheuchend bestritt er sie, 
Da u^eid^das Bind, und Gestrüpp säztZu^e an, ^Är8turm"am''Tare 
^^Ist verdorrt sein Trieb, werden sie abgebrodien, ^j^g Ostwindes. 



hütet und tränkt (Hes 17 7) den Weinstock alle Augenblicke, natürlich nicht immerzu, als 
wenn der Dichter aus dem Bilde gefallen wäre (Dillm.), sondern jedesmal, wenn es nötig 
ist. Das folgende Sätzchen ist wunderlich punktiert: »damit man ihn nicht heimsuche«. 
hy ipt kann doch nicht schaden heissen, richterlich heimsuchen könnte aber nur Jahve 
selber den Weinberg. Man muss lesen: rr^hy tpjt': 7B., damit nicht vermisst werde sein 
Laub (vgl. das Bild Jer 178): ein Zweck, der doch dem sorgfältigen Begiessen durchaus 
entspricht, also nicht »zu beschränkt und kleinlich« (Dillm.) ist. mpoM reimt auf na-^xM 
{-^ für -r 8- 0. § 65. Ges.-K. § 10 h. 4 Das erste Sätzchen »Zorn hab' ich nicht«, Ge- 
gensatz zu Jes 5 oder Hes 17, wäre besser mit v. 3 verbunden. Was folgt, wäre wörtlich : 
wer giebt mir (ina mit acc. statt dat. wie z. B. Jer 9i) Domen, Disteln im Kriege. Man 
hat zu helfen gesucht, indem man rnan^isa zum Folgenden zog : im Kriege will ich darauf 
los gehen, aber das geht nicht, denn das letzte Verbum von v. 4 zeigt, dass der Dichter 
sein Bild noch nicht aufgegeben hat, dazu schafft man so das unbegreifliche Asyndeton 
Dornen, Disteln, und zerstört den Bhythmus. Am besten streicht man in dem anstössigen 
Wort das zweite q und liest nach Jer 176 Ps 107 S4 Job 396: rtnho, die salzige (Erde, 
Steppe), denn die Gottlosen, an die doch der Dichter denkt, sind nach Jer 17 wie 
Sträucher in der Steppe und wohnen im Salzlande. Zu rtyvBM s. 0. § 65 c. Das Suffix 
von na und dem folgenden Verbum ist Neutrum. Der Sinn ist also: Kämen etwa an 
einer unfruchtbaren Stätte des Weinberglandes Disteln auf, die würde ich anders be- 
handeln als den Weinstock, die würde ich vernichten. Der nachexilische Dichter ist der 
Meinung, dass es im Ganzen mit der Theokratie wohl bestellt ist, nur kann es immer 
noch räudige Schafe oder auch heidnische Widersacher geben, die ausgerottet werden 
müssen. 5 verlässt das Bild : oder man ergriffe meinen Schutz u. s. w. Wenn der Text 
richtig ist, so hat sich der Yf. wohl durch Jer 17 sf. leiten lassen (verflucht, wer auf 
Menschen baut, der wohnt im Salzlande). Die LXX lesen prt statt pTn und haben auch 
sonst einen anderen, aber schlechteren Text. Das letzte Sätzchen kommt in zwei Varianten 
vor. Eigentlich macht der Mächtigere dem Schwächeren (dat.) Frieden, der Schwächere 
dagegen mit (mm oder oy) dem Mächtigeren. Jahve will die Gottlosen oder Heiden schonen, 
wenn sie sich in seine Klientele begeben und die Gemeinde nicht mehr beunruhigen. 

6 gehört nicht mehr zum Gedicht, aber gewiss auch nicht zur Apokalypse, in 
deren Zusammenhang das o-'Kan (seil. &"«*>) befremdlich wirken und der Inhalt gegenüber 
e. 256 — 8 herzlich trivial sein würde, sondern ist wahrscheinlich ein Nachsatz zu dem 
Gedicht, von derselben Hand geschrieben, die das letztere einfügte und es durch die ein- 
leitenden Worte V. 2 zu einem Bestandteil der Weissagung machen wollte. D*wan ist 
wohl ein technischer eschatologischer Ausdruck, vry^ wird das poetisch verkürzte fut. 
sein. Blüte und Frucht scheint nicht den moralischen, sondern den physischen Zustand 
des Volkes zu bezeichnen, ^an "^ bedeutet hier so wenig wie anderswo das jüdische 
Jiand, aber auch nicht grade die Erde nach ihrem ganzen umfang, sondern nur die 
AlaadkoninMiter 1. A.. T.: Dahm, Jm. 2. Ani. 11 



162 Jee 27 ii. 



Weiber kommen und zünden sie an. 
Denn nicht ein Volk von Einsichten ist es, 



Erdoberfläche, einerlei wie gross das bedeckte Stftck ist vgl. c. 26 18. m^q ist transitiv 
wie c. 1421. 

7 — 18 ist reich an Schwierigkeiten. Offenbar wurde sich v. 12 f. am besten an 
V. 1 anschliessen lassen, w&hrend v. 7 nach rückwärts gar keinen Anschluss besitzt, v. 8 
nicht mit v. 7 stimmt und auch v. 9—11 manches Auffällige hat. Soll unserem Apoka- 
Ijptiker möglichst viel gerettet werden, so scheinen folgende Annahmen nötig zu sein: 
1. zwischen v. 1 und v. 7 ist eine Lficke, entweder verursacht oder umgekehrt zn füllen 
gesucht durch die Einsetzung des Liedes v. 2 ff.; 2. v. 8 ist ein Zitat, das von dritter 
Hand neben v. 10 an den Band geschrieben war und an verkehrter Stelle in den Text 
geraten ist; endlich v. 7. 9 — 11 ist der Best einer mehr parenthetische^, vielleicht auch 
erst später eingeschalteten Ermahnung an die Juden, ganz mit aller Sünde zu brechen 
und sich dadurch der Yerschonung im bevorstehenden Gericht würdig zu machen. Aber 
bei alledem bleibt das GefTihl der Unsicherheit, und es ist keineswegs ausgeschlossen, 
dass dem Apokalyptiker von v. 7—11 kein Wort gehört. 7 Schlug er, Jahve, es oder ihn 
(Jakob V. 9) gleich dem Schlage seines Schlägers, d. h. wie er ihn nach v. 1 schlagen 
wird? in3i9 ist gen. obj., und t^tz wie v^r\ beziehen sich auf das y^j^ v. 1, auf die bevor- 
stehende Vernichtung Syriens u. s. w. Israel ist geschlagen, nämlich durch Antioch. 
Sidetes, daneben auch durch die Parther, gegen die es mitfechten musste; es hat sein 
Gericht, das jenen noch bevorsteht, schon durchgekostet; aber so schwer es auch gelitten 
bat, so kommt sein Leiden doch nicht dem gleich, was jene durch das harte Schwert 
Jahves zu erleiden haben. An der Künstlichkeit des Satzes ist die Vorliebe des Vf.s für 
das Wortgeklingel schuld, das an c. 24 16 erinnert In v. 7b ist mit LXX und Posch. 
i'^^'p (gen. obj. zu :'^n wie insQ zu ns«) auszusprechen. 8 kann weder sachlich noch 
stilistisch Fortsetzung von v. 7 sein, stilistisch nicht, weil den Suffixen in v. 8 kein Subst. 
vorhergeht, worauf sie sich beziehen lassen, sachlich nicht, weil v. 8 von einem harten 
Schicksal spricht, während v. 7 es in milderem Lichte erscheinen lassen will. Auch der 
Text ist schlecht, wie oft in Bandglossen. Mit Bücksicht auf v. 8b wird man in v. 8a 
naa-'-f^ (der acc. des suff. auch Job 10 a) lesen müssen. rtKCica wird von vielen Exegeten 
in rtMD rtKDi} aufgelöst, aber sehr verschieden übersetzt (Mass für Mass oder je nach dem 
Mass oder mit Mass), aber schon die Wortstellung widerspricht dem, und wie kann man 
jemanden scheffelweise entlassen? Wegen des folgenden Wortes ist es entweder ein 
Subst. oder wahrscheinlicher ein inf. (mit dem suff. n-^) von einer onomatopoetischen 
Wurzel sasa, fortscheuchen, also pilpel von k%. Dem weiblichen Suff, von nn^v bietet 
sich nur in v. 10 ein passendes Nomen dar; hat es wirklich auf die Stadt Bezug, so ist 
bei nVv nicht an die Entlassung eines Weibes zu denken, was ohnehin weder zu kdmd 
noch zu V. 8b passt, sondern es liegt dem Verbum das Bild eines aufgescheuchten Nestes 
oder Wildlagers zugrunde, richtiger das eines Nestes, das auch durch den Sturm fort- 
getrieben werden kann, während n^vn n>3 v. 10 ein Wildlager meint. Das Verbum in 
V. 8 b ist entweder mn oder Tah (von nr vgl. IlSam 20 is) auszusprechen. Er hat sie 
bekämpft durch Fortstossen und Fortscheuchen, hat sie weggeschleudert durch den 
Sturm. Wer der Er und die Sie ist, das kann man aus dem Vers nicht sehen; er ist 
aber v. 10 so ähnlich, dass er ein Zitat dazu sein muss, aber auch nur ein Zitat sein 
und nicht etwa vor oder hinter v. 10 a dem Text einverleibt werden kann. 9 eignet sich 
zur Fortsetzung von v. 7. Israel ist noch glimpflich davon gekommen; damit es aber 
seine Bettung verdiene und auch von dem bevorstehenden Weltgericht mit Becht eximiert 
werden könne, ist noch ein Letztes zu thun, es sind alle Altäre, selbstverständlich mit 
Ausnahme des Tempelaltars auf dem Zion, zu zerschlagen. Das wird sowohl ein Zudecken 
seiner Schuld, gleichsam das nach überstandener Gefahr darzubringende Schuldopfer sein, 
als auch die volle Frucht, d. h. entweder der Gipfelpunkt oder die Folge, der Dank für 



Jes 27 11. 163 



Darum erbarmt sidi seiner sein SckSpft 
Und sein Bildner begnadigt es nicht 



die Sündentilgung, ^tsr ist juBs. ; für rfr^ sollte man mni (wegen "wvoz) erwarten; das h's 
vor '^^B, das in LXX fehlt und vielleicht aus der folgenden Zeile eingedrungen ist, müsste 
schon einen ganz ungewöhnlichen emphatischen Sinn (etwa die abschliessende, volle, 
letzte Frucht) haben, wenn es nicht anstössig wirken soll, da es doch hoffentlich noch 
andere Frucht der Sündentilgung giebt ; besser wird es gestrichen. Der Vf. dieses Verses 
muss einen besonderen Grund zu diesem grimmigen Ausfall gegen die Alt&re gehabt 
haben, unwillkürlich fühlt man sich durch diesen Vers daran erinnert, dass Job. Hyr- 
kanus, sobald er Luft bekam, den Tempel der Samaritaner auf dem Garizim zerstörte 
(Jos. bell. Jud. I, 2, 6. Antiqu. XIII, 9, 1). Übrigens gab es ja unter den Juden noch 
mehr Altäre vgl. zu c. 19i9. Auch die den griechischen Göttern errichteten Altäre 
könnten gemeint sein; waren diese wohl auch von Judas Makkabäus und seinen Nach- 
folgern schon grösstenteils zerstört, so gab es gewiss noch »Altarsteine« genug, die noch 
nicht pulverisiert waren und darum das Land noch verunreinigten. Der letzte Satz in 
V. 9 über die Ascheren und Sonnensäulen (s. zu c. 178) fällt auf wegen des Asyndetons,' 
doch passt sein Inhalt zum Übrigen. Dass aber der Geist der Verse 7 und 9 viel 
Verwandtschaft mit dem des Apokalyptikers zeige, lässt sich kaum behaupten ; dem letz- 
teren, der alle Völker zu dem Gottesmahl auf dem Zion berufen sein lässt, ohne ihnen 
zuvor Bedingungen zu stellen, traut man eigentlich diesen Eifer wegen der Altarsteine 
gar nicht zu. Nicht anders steht es mit v. 10 f. 10 f. Wenn dieser Passus mit v. 9 
zusammenhängt, so ist der Gedankengang wohl dieser: Israel hat immer noch Schuld 
auf sich, denn es geht ihm noch schlecht. Die feste Stadt kann schwerlich eine andere 
als Jerusalem sein, erstens weil eine andere Stadt irgendwie näher bezeichnet sein müsste, 
zweitens weil nur an den Juden (höchstens noch an den Samariem) getadelt werden kann, 
dass sie keine Einsichten haben, endlich weil Jahve , wenn er auch Schöpfer der ganzen 
Welt ist, doch nicht der Schöpfer und Bildner eines beliebigen Volkes (auch nicht der 
Samaritaner s. c. 662), sondern nur des Gottesvolkes genannt werden kann. Die Lage 
Jerusalems ist nach v. 10 f., mag dies geschrieben haben wer will, dieselbe wie die 
c. 24 10 — u geschilderte. Jerusalem ist eine »ausgetriebene Wohnstatt« ; zu n^vn ma vgl. 
riVvvs ]p c. 16 2 und als Gegensatz ptv ma c. 3320; nia steht öfter neben yvm, Tierlager 
(Hes 255 vgl. c. 34 u Jer 2580 Jes 65 10). In v. 10 b sind die beiden Wörter nVöi y^^" 
schwerlich richtig: das Bind weidet dort, lagert und vertilgt (?) ihre (?) Zweige, das 
kann nicht der schlechteste Skribent geschrieben haben, n^s stände in einem ganz un- 
gewöhnlichen Sinn, wäre von nyn durch das ganz müssige lagern getrennt, und dass die 
feste Stadt Zweige und Laub hat, die das Bind (wenn's noch eine Ziege wäre!) alle 
macht, dabei steht einem doch der Verstand still. Es muss vor n-»D eine Pflanze ge- 
nannt sein, die in der Prärie wächst und die getrocknet als Brennmaterial benutzt wird. 
Das letztere wird c. 33 12 von den v^'sp gesagt, die c. 32 is mit n-iav und dem Verbum 
n^3> verbunden sind. Lesen wir also : mB?D. irvg^ yp; -i-^wj »und Dorn und Gestrüpp setzt 
Zweige an«, so kann die Stadt Stadt und die Kuh beim gewöhnlichen Futter bleiben und 
die Form na^awpi hat ihr Subjekt bekommen. Zu nVr (für nVsi nach der häufigen Ver- 
tanschung von hv und ^d), wachsen lassen, vgl. Jos 4031 Hes 376; zu n^'^xp (das neu- 
trische Suffix kann zur Not bleiben), frischer Trieb, vgl. Job 149; zu nifeyo vgl. Hes 316.8. 
Die Schilderung erinnert und soll vielleicht erinnern an die Weissagungen von der 
Verödung Jerusalems c. 32i8. u 5 17. Zum Schluss wird v. )lb noch der Grund ange- 
geben, warum es so ist, wie es ist : das Volk ist einsichtslos (nia''a, vielleicht nicht plur., 
sondern junge Abstraktform vgl. 0. § 219 b, nur hier), weil es sich nicht beeilt mit der 
Entfernung seiner Sünde, darum beeilt sich auch Jahve nicht mit seiner Erbarmung und 
Gnade. Wie die beiden letzten Verben zu verstehen sind, lehrt die gleichfalls späte 
Stelle c. 30i8ff. Die glänzende Zukunft bleibt so lange aus, bis das Volk ganz sündlos 

II* 



164 Jes 27 12— IS. 

1* Und geschehen wird's an jenem Tage: 
AuskUwfen unrd Jahve von den Akren des Stroms bis zum Bach Ägyptens, 
Und %nr werdet einzeln aufgelesen werden, ihr Söhne Israels. 

^^Und geschehen wird's an jenem Tage: 
Gestossen wird in die grosse Posaune, 
Und kommen werden die Verlornen im Lande Syrien 
Und die Vereprengten im Lande Ägypten 
Und u>erden huldigen Jahve auf dem heiligen Berge in Jerusaiein, 



geworden ist. Ist diese Stelle vom Apokalyptiker geschrieben, so ist sie doch wohl ein 
späterer Nachtrag und dadurch veranlasst, dass das als nahe bevorstehend verkündigte 
Weltgericht immer noch auf sich warten Hess. Ähnlich suchen und finden die Propheten 
Haggai und Maleachi und später Tritojesaia (vgl. c. 59 1. 2) die Grunde für das Ausbleiben 
der mit jedem Tage erwarteten eschatologischen Umwälzung in dem Benehmen des 
Volkes. 12 An »jenem Tage«, der v. 1 genannt ist und den auch der Nachtrag v. 7 — 11 
im Sinne hat, wird Jahve die Israeliten erretten, die jetzt in den zu richtenden Ländern 
Syrien und Ägypten leben. Dies grosse Gebiet zerfallt in zwei Hälften, in einen engeren 
Kreis und einen weiteren. Der erstere umfasst das Gebiet vom Euphrat bis zum >Bach 
Ägyptens«, dem Wadi el Arisch, als Grenzbach gegen Afrika; das ist das Gebiet, das 
nach der Behauptung der nachdeuteronomischen Historiker von Rechtswegen, weil einst 
von David erobert, den Israeliten zukommt. Hier sind die Heiden das Stroh, die Juden 
die Körner, die einzeln, damit keines verloren gehe, aufgelesen werden. Dass sie nach 
dem Auslesen nach Judäa kommen sollen, wird nicht gesagt; sie befinden sich ja schon 
in Jahves Lande. Nach Jer 12 u — 17 sollen auch die Heiden im Lande Israels wieder 
wohnen dürfen, wenn sie sich dem Gesetz unterwerfen, tsan wird auch Jdc 611 und 
Bt 2 17 vom Dreschen des Weizens und der Gerste gebraucht, nicht von Jes. (c. 2827), 
der vielleicht nur den Grossbetrieb der reichen Grundbesitzer (58) von Jerusalem kennt. 
18 Der weitere Kreis begreift Syrien und Ägypten (s. auch c. lliiff. Zeh 10 10), welche 
Länder bei weitem die meisten Juden beherbergten. Die grosse Posaune kommt eben- 
falls, wenn auch in etwas anderer Verwendung, bei Deuterosacharja vor (9 14), hier 
hoffentlich und wahrscheinlich nur als Bild. Die Ausdrücke D-^-raiin und D^n-rsn zeugen 
wohl mehr von der Meinung der judäischen Juden, dass ihre Brüder im fernen Ausland 
für die Gemeinde verloren gehen könnten, als von der unglücklichen Existenz der 
Diaspora, aber allerdings mag es den syrischen Juden während des Krieges zwischen 
Ant. Sid. und Joh. Hyrk. nicht zum besten gegangen sein, und in Alexandrien soll 
Ptolemäus Physkon Greuel gegen die Juden verübt haben (Jos. c. Apion. U, 5). Man 
könnte aus den Verben des Verses schliessen, dass der Vf. nicht die eigentliche Bfick- 
kehr und Ansiedlung der Diaspora im jüdischen Lande, sondern nur ihren religiösen 
Verkehr mit dem Zionstempel meine vgl. Zeh 14i6ff., aber dann hätte er wohl nicht von 
der grossen Posaune gesprochen ; er erwähnt nur ihre erste Ankunft und ihre Vorstellung 
im Tempel; wo sie sich darauf innerhalb der davidischen Beichsgrenzen ansiedeln werden, 
das überlässt er der Zeit ebensowohl, wie die Frage nach der Einrichtung des neuen 
Beiches, nach dem etwaigen künftigen Könige u. dgl. Denn er hält sich gern an das 
Nächstliegende und begnügt sich, die Punkte, die ihn nicht direkt interessieren, wenn 
sie auch im eschatologischen System ihre wichtige Stelle haben mögen, nur eben anzu- 
führen (c. 2422) oder gar nur, wie in der Nennung der Beichsgrenzen v. 12, von weitem 
anzudeuten. 

Zweites Büchlein c. 28 — 33 s. die Einl. § 21. Den Anstoss zu der Zusammen- 
stellung dieses Büchleins hat Jes. selbst gegeben (s. Einl. § 26), aber in seiner jetzigen 
Form ist es das Werk eines spät lebenden Sammlers , der an mehreren Stellen grössere 
Einschaltungen gemacht und wahrscheinlich auch c. 33 hinzugesetzt hat; er zeigt in 



Jes 28 1—4. 165 

28 ^Wehe der stolzen Krone der Trunkenen Ephraims 
Und der welken Blume seiner prächtigen Zier 
Auf dem Haupt des fetten Thals der weinerschlagenen! 
2 Siehe, einen Machtigen und Starken hat der Herr, 
Wie Hagelwetterguss, zerschmetternden Sturm, 
Wie Wetterguss gewaltiger, überflutender Wasser, 
Der nieders&eckt zur Erde mit Gewalt 

'Mit Füssen werden sie zertreten werden, 
Die stolze Krone der Trunkenen Ephraims 
^Und die welke Blume seinerprachtigen Zier 
Auf dem Haupte des fetten Tnals; 
Und sie wird sein wie die Frühfeige vor der Ernte: 
Kaum erblickt sie einer — 
Während sie noch in seiner Hand ist, verschlingt er sie 



diesen seinen Arbeiten, dass er die alten Prophetenreden durchaus unter dem Gesichts- 
punkt »jenes Tages« auffasste. Die Tröstung Jerusalems, wo er zu Hause ist, liegt ihm 
so sehr am Herzen, dass er seine Trostreden selbst in die widerstrebendsten Zusammen- 
hänge einschiebt und die unmöglichsten Übergänge zustande bringt. Wollten wir ihm 
folgen, so müBsten wir wohl sechs Abschnitte annehmen, die sämtlich mit **^r: beginnen 
(c. 28i c. 29i c. 29i5 c. 30i c. 31i c. 33 1). 

Erstes Stück c. 28 1— 6. Bedrohung Samarias mit schnellem Untergang durch 
Jahves Gewaltigen, Assur, ▼. 1 — 4, mit einem Zusatz tröstlichen Inhalts vom Bedaktor 
y. 5 f. Die ersten Verse sind noch vor der Belagerung Samarias, ja noch vor jedem 
assyrischen Einfall geschrieben, da sonst der Prophet nicht so geheimnisvoll von dem 
Assyrer hätte sprechen können, wie v. 2 thut; sie mögen also etwa mit c. 97fT. 5i6ff. 
gleichzeitig sein. 1 enthält eine Anzahl von Genitivverbindungen, die in solcher Kühn- 
heit fast beispiellos sind; zwischen vn und "QiVn ist sogar ein stat. abs. eingeschaltet. 
In V. Ib (und v. 4) hat die LXX das '^v» noch nicht gelesen , und wir streichen es um 
so lieber, als es ebenso prosaisch wie entbehrlich ist. Samaria, nicht genannt, aber deut- 
lich genug bezeichnet, auf einem massig hohen Hfigel in einem fruchtbaren Thal gelegen, 
wird mit einer Krone oder einem Blumenkranz auf einem menschlichen Haupt verglichen ; 
Jes. mag die Stadt selbst gesehen haben. Aber es ist ein Kranz, wie ihn Trunkene bei 
ihren Zechgelagen tragen, die stolzen und üppigen Zecher des Nordreichs, die schon Arnos 
(c. 6ifr.) wegen ihres Übermuts und ihrer Schwelgerei hart angegriffen hatte, nnd die 
Blume ist welk, wie die, die ein ganzes Zechgelage hat mitmachen müssen. Unsere Stelle 
scheint zu beweisen, dass sich die Zecher mit Kränzen schmückten, weil man sonst nicht 
verstände, wie Zecher und Blumen zusammengeraten könnten. Die Charakteristik Sa- 
marias ist eines Meisters wie Jes. würdig, mit wenig Sätzen, die aber in pathetischer 
Fülle daher rauschen, zeichnet er uns das Bild der schön gelegenen Stadt, die Trink- 
gelage ihrer Grossen, ihren Stolz und zugleich ihre Verlebtheit. Vaa rs"'s, Vas T> ▼• 4: 
die Blume vom Welkenden (vgl. c. 34*), ähnli<fh wie -psp^n *V», y*l ^^., a"'«^" n» ™i* super- 
lativischem Nebensinn: die ganz erschlaffte Blume, den stat. constr. von seinem gen. 
ebenso trennend, wie n*»« und ö*3W. Zu 7* -ttiVH vgl. c. 16 8. 2 motiviert das •'in von 
V. 1. Jahve hat schon das Werkzeug der Strafe für den Stolz und die Sinnenlust bereit. 
Der Assyrer wird noch in ganz idealer Weise gedacht wie c. 5s6ff. Die Bilder vom 
Wetterguss, Hagelschlag, von der Überflutung liebt Jes. ; Altisrael hatte in den Gewitter- 
regen nnd Wolkenbrüchen die persönliche Nähe des Schlachtengottes wahrgenommen, 
und der alte Enthusiasmus steckt zumal dem jugendlichen Jes. noch tief im Blut. Die 
letzten drei Wörter von v. 2 bilden einen Relativsatz mit d-)t als Subj. : »der nieder- 
streckt zur Erde (Am 6?; zu n-an s. 0. § 255 i) mit Gewalt« (nicht »mit blosser Handc, 
was -?'>3 heissen müsste und weder zu den Bildern von v. 2 noch zu denen von v. 1 
passt). 8. 4 abermals sieben Zeilen, von denen die erste vielleicht etwas verstümmelt 



166 Jes 286—6. 

^An jenem Tage wird Jahve der Heere sein zur zierenden Krone 
Und zum prachtigen Diadem dem Rest seines Volkes 

^Und zum Geist des Gerichts dem zu Gericht Sitzenden 
Und zur Heldenkraft denen, die den Kampf zum Thor zurücktreiben. 



ist. n3C)9-^r kann nicht Prädikat zu n-^o:^ allein sein, da dies Wort nicht blos singu- 
larisühe Form hat, sondern als Bild für Samaria auch singularischen Sinn, denn über 
die eigentlichen Kränze der Zecher würde Jes. nicht so viel geredet haben. Wahr- 
scheinlich hat er mit n-^ts; das folgende ns'^s nicht blos verbinden wollen, sondern auch 
wirklich verbunden, indem er unter den beiden Ausdrücken nicht ganz dasselbe verstand, 
etwa unter der Krone die Stadt mit ihrer Mauerkrone, unter der Blume den Schmuck 
der Gärten, Lusthäuser u. s. w. um die Stadt herum. Dann muss nn^ii v. 4 vor n'^isas 
gesetzt werden. Das ist auch ein entschiedener Gewinn für v. 4b, wo nun nicht mehr, 
dem einfachsten ästhetischen Gesetz zum Trotz, das eine Bild mit dem anderen, die 
Blume mit der Feige verglichen wird, sondern die Stadt selber, die zwar wie öfter nicht 
genannt ist, Subjekt von nr^Tn wird. Auch werden so die Stichen gleichmässiger. In 
R-^isas ist das Mappiq zu tilgen. Die Frühfeige vor der Feigenernte (im August), die 
schon Ende Juni reif ist, gilt als Leckerbissen. rrriK ist schwerlich Objekt von ntc*in, 
vielmehr von n»n-; letzteres Wort mit ■»»» fehlt in der IjXX, aber wahrscheinlich streicht 
man auch hier am besten nur das "^vtc, da auf alle Fälle entweder dies Wort oder nr*)K 
überflüssig ist und den Satz schwerfällig macht, und da das -^U7k erst nach der irrigen 
Versetzung des nn*>n an den Anfang von v. 4 in den Text gekommen sein dürfte. So 
erhalten wir einen sehr lebhaften, der Sache angemessenen Satz : Samaria wird der Früh- 
feige gleichen: es sieht jemand sie, hat sie kaum ergriffen, so verschluckt er sie schon. 
Bekanntlich ist es mit der Einnahme Samarias durch die Assjrer nicht so schnell ge- 
gangen (IIBeg 18 10); jene scheinbar verlebten Schwelger erwiesen sich doch ritterlicher, 
als Jesaia in seinem Zorn annahm. 

5 und 6 sind nicht von Jesaia. Der Satz, dass Jahve »an jenem Tage«, wo 
Samaria untergeht, dem Best seines Volkes, der danach Juda sein müsste, Glanz und 
Herrlichkeit, sowie kriegerische Kraft im Kampf wider Assur geben werde, widerspricht 
gradezu allem, was wir sonst von Jes. über Juda und die Zukunft hören. Juda soll 
gar nicht kämpfen, sondern sich absolut passiv verhalten und seine Bettung in der 
Buhe und im Vertrauen auf Jahvo erblicken; es soll auch keineswegs bei Samarias Unter- 
gang verherrlicht werden, sondern ein ganz ähnliches Gericht erleiden, und grade die 
ältesten Beden Jesaias sind in diesem Punkte die schärfsten. Und kann man Jes. die 
Geschmacklosigkeit zutrauen, dass er die Bilder, die er eben vorher von Samaria und 
dessen trunkenen Aristokraten gebrauchte, nun auf Jahve anwenden sollte? Auch er- 
innert der Versbau und Stil (das nachklappende iw "^kw^), sowie mancher Ausdruck an 
0. 42—6. Die Einleitungsformel »an jenem Tage« steht, wie gewöhnlich in solchen Zu- 
sätzen, völlig in der Luft und ist nur dann einigermassen berechtigt, wenn man an das 
Samaria und das Jerusalem um 100 a. Chr. denkt. In c. 42 soll der blühende Zustand 
des Landes, hier »Jahve der Heere« dem »Best« zur Zier werden. ni-En kommt im AT 
in dem hier j<emeinten Sinn nicht vor (denn Hes 77. lo hat es einen anderen Sinn); in 
der Mischna bedeutet es den Beif oder Bing der Gefässe (Abulwalid bei Ges.), danach 
hier den Beif der Königskrone. »Der Best« ist Ehrenname Air die nachexilische Ge- 
meinde. 6 Jahve wird zum Geist des Gerichts! das kann man wohl eine unglückliche 
Verbindung nennen. Dieser Geist kommt auch c. 4* vor, obgleich als Geist des Läute- 
rungsgerichtes; aber vielleicht soll auch hier der »über dem Gericht Sitzende« vor allem 
die D^yin austilgen, weil sonst in diesem Zusammenhang die Erwähnung der Bechts- 
pflege ziemlich unbegreiflich wäre (vgl. IMak 978 14 u). Der Vf. hat c. 11 4 wohl etwas 
anders verstanden als wir. Die Holdenkraft, die die Verteidiger Jerusalems besitzen 



Jes 287—8. 167 



7 Und auch diese, im Wein schwindeln und im Meth schwanken sie, 

Priester und Prophet schwindeln im Meth, 

Sind verwirrt vom Wein, schwanken vom Meth, 

Schwindeln im Gesicht, wanken im Schiedsspruch. 

^Denn alle Tische sind voll von Gespei, 

Unflat .... bis auf den letzten Raum. 



(c. 11s), weist auf die Kämpfe des 2. Jahrh. hin. Zum Thor zurücktreiben (1. "s*««^) 
bedeutet: den Kampf innerhalb der Stadt, nachdem der Feind bereits durch die Thore 
eingedrungen ist, zum Stehen bringen und darauf den Feind zum Thor zurück und aus 
diesem heraus schlagen. Vielleicht ist das einmal im 2. Jahrh. wirklich geschehen. 

Zweites Stück c. 28? — is: es reproduziert die Streitreden, die zwischen Jes. und 
den von ihm bei einem Opfersohmaus Überfallenen Priestern und Propheten gewechselt 
waren. Die überleitenden Worte v. 7 sind nicht etwa vom Redaktor, der ja über die 
Jerusalemer v. 5 f. in grade entgegengesetzter Weise spricht, sondern von Jes. selbst ge- 
schrieben. Daraus folgt nicht, dass v. 7 ff. in dieselbe Zeit mit v. 1—4 fallen, denn Jes. 
kann recht wohl diese Verbindung erst später hergestellt haben, als er nämlich alle 
diese einzelnen Stücke zu einem Büchlein vereinigte s. zu c. 90 8. Aus den Worten der 
Priester u. s. w. geht hervor, dass Jes. schon längere Zeit gewirkt hatte, als diese Szene 
vorfiel, femer aus v. 12, dass die Machthaber grosse Lust hatten, Juda in einen Krieg 
und zwar mit Assur zu verwickeln, und dass Jes. ihnen davon abgeraten hatte. Da 
aber eine unmittelbare Gefahr offenbar nicht vorhanden ist, so hat man wohl die Szene 
entweder in die Zeit von Sargons Krieg gegen die Philister s. zu c. 20, oder spätestens 
in die erste Zeit Sanheribs zu setzen. Unsere Bede ist die erste von einer Anzahl 
Tempelreden, die sich bis mindestens in das 29. cap. fortsetzen. 7. 8 bildet die nach- 
trägliche schriftstellerische Einleitung zu der v. 9 ff. dargestellten Szene. »Auch diese« 
sind Trunkene wie die Grossen Samarias. Gemeint sind nicht blos die Priester und 
Propheten, sondern wegen v. 12 (14 ff.) auch die Machthaber Judas, aber die ersteren 
werden besonders namhaft gemacht, weil Jes. mit ihnen in Streit gerat, ^t^hx^ sie sind 
verschlungen vom Wein her, ist allzu künstlich und (wegen p) sonderbar; entweder ist 
^m zu schreiben (s. zu c. 3u) oder 9^3 als Seitenwurzel zu hhz (das sonst nicht im 
niph. vorkommt) anzusehen. Die Priester wanken (ips wegen des Gleichklangs mit den 
anderen Verben auf der letzten Silbe betont vgl. G.-K. § 72, 6) im Schiedsspruch (1. rrV^!»ta), 
wenn nämlich die Parteien in schwierigeren Fällen an Elohira appellieren (Ex 228 ISam 
2f5 19 17 21 5). Auch hier ist dem Jes. die Bechtspflege die Hauptsache, um die kul- 
tische Thora kümmert er sich nicht. Die Propheten fehlen im Gesicht. Tmr\ ist wie 
rrtn v. 15 wohl kein Partizip, von dem aus der hier nötige Sinn schwerlich gewonnen 
werden kann , sondern ein Nomen von allerdings unsicherer Bildung. Bemerkenswert 
ist, dass Jes. den Propheten nicht etwa erdichtete Orakel vorwirft; sie haben echte 
Ekstasen, verfehlen aber deren richtiges Verständnis, weil sie nicht körperliche und 
geistige Disziplin üben, um die Eindrücke der Ekstase richtig aufzufassen, von be- 
gleitenden Nebenumständen zu unterscheiden, zu interpretieren und in der Bede wieder- 
zugeben, muss man ein nüchterner Mann sein vgl. v. 9. Der nabi' scheint in der alten 
Zeit oft der nicht offizielle, aber keineswegs uninteressierte Gehülfe der D*ar;a gewesen zu 
sein, deren Seherschaft sich mehr und mehr auf die technische Mantie beschränkte und 
darum die auf der persönlichen Veranlagung beruhende Mantie nicht als Bivalin, sondern 
als Ergänzung betrachten und für das Ansehen der Kultstätte ausnutzen konnte. 8 Die 
Tische haben wir uns wohl im Tempelvorhof, das Gelage als Opferschmaus zu denken, 
an dem, weil das Opfer im Tempel doch im Namen des Königs geschah, auch die 
obersten Beamten teilgenommen haben werden. So erklärt es sich am leichtesten, wie 
Jes. darüber zu kommen konnte. Er hat sie überrascht, wie grade die Exzesse aufs 
Höchste gestiegen sind, Exzesse, die seit Alters gar nichts Ungewöhnliches sind (vgl. 



168 Jes 28»— 11. 

^„Wem will er Erkenntnis lehren und wem Orakel deuten» 

Von der Milch Entwöhnten, von der Brust Genommenen? 

^^Denn: zawlazaw, zawlazaw, kawlakaw, kawlakaw, 

Ein Weilchen da, ein Weilchen dort" 

^^Wohl, durch stammelnde Lippe und fremde Zunge 

Wird er reden zu diesem Volke da, i*er, der zu ihnen sgrach: 

„Dies ist die Ruhe, gebt Ruhe dem Müden, 

Und dies die Erholung!" doch sie wollten nicht hören. 



ISam lisf. Am 28) und grade in der Zeit Hiskias den Zorn Jesaias (c. 2äi8) und 
Michas öfter erregen. Die Überfallenen hat JeR. mit geflügelten Zomesworten der Art, 
wie wir sie v. 7 lesen, überschftttet, selber ergriffen von einer Ekstase, die seine Mienen 
und Sprache fremdartig macht, seinen Worten eine seltsame Artikulation und Klangfarbe 
mitteilt. Nun entsteht eine merkwürdige Szene. Die Gescholtenen, die in ihrer Trunken- 
heit die sonstige Scheu vor diesem Manne ablegen, antworten, aber auch nicht im ge- 
wöhnlichen Bedeton, sondern teils infolge ihrer Trunkenheit, teils um ihm höhnisch 
nachzuäffen, mit fremder, lallender Stimme. 9 Wem will er Erkenntnis lehren ? sagen die 
Priester. Das Wissen des Priesters in kultischen und richterlichen Sachen stammt aus 
der Thora (daher ri*^r), die die Gottheit und ihre Priester früher erteilt haben, und ans 
der erlernten Methodik, die Zeichen des orakelgebenden (n^'i«) Gottes auszulegen; dies 
Wissen werden sie doch besitzen, sie sind doch keine Kinder mehr? Sache des Pro- 
pheten ist die riTi^v ; dies Wort bedeutet zwar Öfter Gerücht, Kunde, hier aber wie ▼. 19 
c. 53i Orakel, die Andition als Seitenstück zur Vision. Die Audition, in der die Gott- 
heit oder andere unsichtbare Wesen (c. 406) zum Seher reden, verlangt von diesem die 
Fähigkeit des ünterscheidens und Yerstehens der geheimnisvollen, gleichsam unsinnlichen 
Laute, das 7a: will er uns lehren, sagen die Propheten, wie man das Wort Jahves auf- 
fängt und deutet? Jes. befasst sich in der That mit der Thora und der Prophetie (lio 
8i6l. Jene Trunkenen aber wenden einen gewöhnlichen Kunstgriff niedriger Naturen an, 
indem sie den Streit auf ein falsches Gebiet hinüberspielen, als ob es sich darum handele, 
wer der Klügste sei. 10 Sie verhöhnen seine rastlose Th&tigkeit. Die Ausdrücke, deren 
sie sich bedienen, sind ziemlich rätselhaft und waren schon den alten Übersetzern unklar. 
Gewöhnlich kombiniert man jetzt das ip mit dem np v. 17 und übersetzt es mit Mess- 
schnur und dann weiter mit Richtschnur. Dementsprechend soll "^s mit msis, Gebot, 
zusammenhangen oder vielleicht auch ein unbekanntes Werkzeug der Baumeister sein, 
ein Richtscheit nach Ewald. Aber was bedeutet denn: Richtscheit zu Richtscheit, 
Messschnnr zu Messschnur, pflegt man diese in der Weise aneinander zu reihen, wie es 
hier der Ausdruck verlangt? Es scheint doch, dass wir es hier mit einer sprüchwört- 
lichen Redensart aus der niedrigen Volkssprache zu thun haben; wahrscheinlich sind 
zaw la zaw, kaw la kaw onomatopoetische Laute, etwa das Kauderwelsch der Barbaren 
oder das Faseln halbverrückter Nabis nachahmend, mit denen Jesaias ewiger Redefluss 
oder sein beständiges Hin und Her verhöhnt werden soll; grade die vielfache Wieder- 
holung und die verächtlichen Ausdrücke, mit denen v. 11 darauf Bezug genommen wird, 
deuten darauf hin. Ob n^^r ein Bisschen oder ein Weilchen bedeutet, ist nicht auszu- 
machen, beides kommt auch auf dasselbe hinaus. Es drückt sich darin der Arger der 
Überfallenen aus: nirgends ist man vor ihm sicher. Vielleicht darf man auch daraus 
ableiten, dass Jesaias mündliche Reden ebenso kurz zu sein pflegten, wie es seine schrift- 
lichen in der That sind. Lange Reden stammen auch nicht von Gott, sondern vom 
Schreibtisch. 11 Zornig und schlagfertig pariert Jes. den höhnischen Hieb. *3 ist 
elliptisch: redet nur, denn u. s. w. Jetzt spricht noch Jahve durch die immerhin fremd- 
artigen Klänge der Prophetenrede zu euch, die ihr mit der lallenden Zunge der Trunkenen 
beantwortet, bald spricht er in dem barbarischen Radebrechen der wilden Assyrer zu 
»diesem Volke da«, "xf'^ leiten die meisten Ausleger mit Recht von dem im sing, nicht 
vorkommenden xi's ab vgl. IKor 14 ti: ire^oyloMraoi und Jes 33 19, denn x^, immer im 



.Tee 2818—15. 169 

^Und es wird ihnen sein das Wort Jahves 

yyZawlazaw, zawlazaw, kawlakaw» kawlakaw» 

Ein Weilchen da, ein Weilchen doif *, 

Damit sie gehen und rücklings straucheln und zer- 

fschellen. 
• « 

1* Darum hört das Wort Jahves, ihr Manner des Spottes, 

Beherrscher dieses Volkes da, das in Jerusalem ist! 

15 Weil ihr sagt: wir haben geschlossen einen Bund mit dem Tode, 

Und mit Scheol machten wir einen Vertrag, 



sing., bedeutet Spott, passt also nicht. 12 giebt mit sachlicher Ruhe den Inhalt v^on 
Jesaias Beden ans der letzten Zeit an, wobei Jes. vor den Leuten, die diese Beden gehört 
haben, sich kürzer fassen darf, als uns lieb ist. Die angeführten Worte scheinen von 
der Beteiligung an dem Kampf wider Assur abzuraten. Der »Müde« ist wohl der Bürger 
und Bauer, der vor nicht allzu langer Zeit unter der syrisch-ephraimitischen Invasion 
schwer gelitten hatte, unter dem an Assur zu zahlenden Tribut und indirekt unter den 
ewigen Kriegen in der Nachbarschaft wohl auch jetzt noch litt. Er wird von den 
Machthabern als Sklave oder Arbeitstier behandelt, dem man keine Buhe gönnt, und 
am meisten bei den Büstungen zum Kampf und in einem etwaigen Kriege selber mit 
seiner Person und Habe herangezogen. Tvrrra (oft Niederlassung, Wohnsitz z. B. Gen 
49 15) bedeutet hier wie das parallele rrpi'^ das Ausruhen von der Arbeit, der Frohn, 
und ricT muss auf das vom Propheten empfohlene Mittel hinweisen, durch das man dem 
gedrückten kleinen Mann eine Erleichterung und ein Aufatmen verschafft, und das ist 
wahrscheinlich (vgl. auch zu v. 15) die Verzieh tleistung auf die grosse Politik, ünver- 
kennbar ist doch die Ähnlichkeit unsers Verses, zumal auch des Schlusssatzes, in Form 
und Inhalt mit c. 90 15. mn Dan in v. 11 steht nicht in Widerspruch zu dieser Deutung; 
das D9 sind eben die führenden Parteien, die herrschenden Geschlechter, die die plebs 
als ihre Arbeitstiere ansehen. Zu der inkorrekten Orthographie von M^aic s. 0. § 38 g. 
18 Darauf kommt Jes. auf den heutigen Spott zurück. Jahves Wort wird ihnen zum 
zaw la zaw werden, n&ralich in der Gestalt der von ihm angekündigten, in ihm gleichsam 
schon enthaltenen Gottesschläge unaufhörlich und bald hier, bald da, auf sie eindringen ; 
man spürt etwas von dem Doppelsinn von Wort und Sache in dem Ausdruck "a-t (vgl. 
c. 97). Die zwei oder drei letzten Wörter in v. 13 b dürften von einem Leser aus c. 8i5, 
wo sie durch den Kontext motiviert sind, eingetragen sein. Diese zweite Vershälfte 
dient offenbar zum Abschluss der Bede. 

Drittes Stück c. 28 u — 2S. Es ist von Jes. selber mit dem vorhergehenden ver- 
bunden, auch mag sein Inhalt zu derselben Zeit, wo die v. 7 ff. geschilderte Szene vor- 
fiel, geredet sein, doch aber wohl nicht als unmittelbare Fortsetzung der Bede gegen 
die Trunkenen. Jes. bedroht die Grossen, die sich durch abergläubische Praktiken gegen 
das Unglück gefeit glauben. 14 Männer des Spottes sind die Beherrscher Jerusalems, 
wenn auch die v. 9 f. angeführte Spottrede nicht die ihrige ist; Jes. wird sich bei solchen 
Vorstellungen, wie er v. 12 eine anführt, spöttische Abweisungen geholt haben, und 
einen weiteren Spott, nämlich über das Nich teintreffen seiner Weissagungen, setzt v. 23 ff. 
voraus. Der Zusatz zu r^t'n üyrt: »das in Jerusalem istc, muss einen besonderen Sinn 
haben, weil er sonst ganz überflüssig wäre. Da Jes. im Folgenden andeutet, dass die 
Angeredeten sich für ihre Person geborgen, dagegen ein allgemeines Unglück für möglich 
halten, so scheint der Zusatz ein Ausdruck des (mit etwas Verachtung gemischten) Mit- 
leides mit der misera plebs zu sein, die von ihren Führern verraten wird, ihnen aber 
gleichwohl blindlings folgt, unfähig, dem Propheten zu folgen. 15. 16 eine längere 
Periode wie c. 3i6f. 75 — 9 29isf., wo überall "3 yr für unser "»d. Sie haben mit dem 
Tode und mit Scheol einen Bund geschlossen, sodass, wenn die Plage kommen sollte, 
sie verschont bleiben. Darunter darf man nicht etwa ein listiges Abwarten des Kampfes 



170 Jes 28i5--i7a. 

Die geisselnde Oeissel, wann sie uns trifft sie nicht, 

[einherfährt, 
Denn wir machten Luge zu un- und bargen in Trug uns: 

[serer Zuflucht 
i^Drum so hat gesprocnen der Herr Jahve: 

Siehe, ich habe gegründet in Zion einen bewährten Stein, 

[einen Stein, 
Einen kostbaren Orfindungseckstein : der glaubt, weicht nicht, 

17 Und ich mache Recht zur Rieht- und Gerechtigkeit zur Setzwage. 

[schnür 



zwischen Assar and seinen Gegnern verstehen, weil das kein Bundschliessen wäre. £her 
könnten es schlaue, diplomatische Ränke und Kniffe sein, etwa private geheime Unter- 
handlungen mit den assyrischen Machthahern, als deren Parteigänger sie sich gerierten, 
während sie zugleich den Freiheitskampf betriehen, um auf jeden Fall, bei Assurs Sieg 
oder Niederlage, gedeckt zu sein. Aber das wäre auch schwerlich ein Bund mit Scheol 
genannt. Fasst man diesen Ausdruck, was doch das Natürlichste ist, im wörtlichen 
Sinne, so bezichtigt Jes. die Grossen, sich durch abergläubische Mittel »fest« gemacht zu 
haben für den Fall des Zusammenbruchs. Sie haben sich nicht blos durch Nekromantie 
(c. 294 8 19) Gewissheit über ihr künftiges Geschick verschafft, sondern auch den Todes- 
gottheiten geopfert, sich von deren Priestern und von Adepten Schutzzauber geben lassen. 
So hatten sich die Israeliten dem Osiris zugewendet 104 und Adonispflanzen grossgezogen 
17 10. 11, die ebenfalls gegen den Unglückstag helfen sollten (vgl. c. 47 iiff.) ; Zauberer gab 
es im Lande genug (c. 2 «ff. c. 38), und mit den Ägyptern unterhielt man in der Zeit 
Sargons und Sanheribs fleissigen Verkehr. Dem Vertrauen auf diese Lügenmagie und 
die unterirdischen Schicksalsmächte setzt dann v. 16 den wahren Glauben und die wahre 
uiisichtbare Schutzmacht entgegen. Mit dieser Auffassung lässt sieh der Ausdruck ntn 
(vgl. V. 7), Gesicht, vereinigen: wir haben ein Gesicht mit Scheol gemacht, heisst: wir 
haben einen Toten oder die Todesgottheit selber zitiert und mit der Erscheinung einen 
Vertrag abgeschlossen. Dagegen hätte schwerlich ein Bündnis unter Menschen mn oder 
r^iTH heissen können, denn die Opferschau u. dgl. kann kaum mit nrn bezeichnet werden. 
Eine Erklärung wie: mn, Gesicht (Vision!), also Absehen, Abkommen, ist keine Erklärung ; 
da giebt sich Ges. mit seinem : Gesiebt »» Offenbarung »= Gesetz »» Bund noch bessere 
Mühe, obwohl man nach dieser Methode auch den Sinn Pfeifenkopf oder Mondgebirge 
erzielen könnte. Zur Verteidigung der »strömenden Peitsche« erinnert uns Del. an die 
Wellenlinien der geschwungenen Peitschenschnur, Dillm. nimmt eine Konfusion zweier 
heterogener Bilder an. Der arme Jesaia! Vermutlich schrieb Jes. ^wv oiv, das zweite 
Wort als gen., Stachelpeitsche (vgl. Jes 28 is). Das aoristische "oy ist beizubehalten 
8. V. 18. Die Lüge ist wie so oft Bezeichnung der religiösen Gaukelei s. z. B. Mch 2ii 
Jer 5.11. Der zornige Prophet bemüht sich nicht, im Geist der redend Eingeführten zu 
sprechen, sondern legt ihnen sein eigenes Urteil in den Mund. In v. 16 ist mit Becht 
TD" als perf. punktiert, nicht als part., denn wenn Jahve den Grundstein erst noch legen 
mÜBste, so wären jene Männer einigermassen entschuldigt, wenn sie sich an Schntzmächte 
eigener Wahl halten. Auch wenn Jahve den idealen Zustand erst künftig schaffen kann, 
so versteht es sich doch für den antiken Menschen von selbst, dass schon die Gegenwart 
eine reale Grundlage dafür besitzt. Der Stein der Prüfung, d. h. der auf seine Festig- 
keit geprüfte Stein, der Eckstein der Kostbarkeit der Gründung [r^^'^ eingeschoben wie 
V>aa und ritu in v. 1), der Grundlageneckstein aus edler Gesteinsart (vgl. c. 54 ii), ist 
Jahves Verhältnis zu jenem Volk, dessen »Haupt« Zion ist (7 8f.), ein Verhältnis, das 
äusserlich so wenig sichtbar ist wie das Fundament eines Hauses (vgl. die leise fliessen- 
den Wasser Siloahs c. 86), trotzdem aber die Unvergänglichkeit Zions verbürgt (c. 31 9). 
Das Bild vom Grundstein, den Jahve legte, ist noch geistiger als das Bild vom Felsen, 
der Jahve ist (17 lo), weil es die Initiative und freie Thätigkeit Gottes in der Religion 



Jes 28 17b— 19. 171 

Und wegfegen wird Hagel die Zu- und das Versteck Wasser fortschwem- 

[fiucht [men, 

1^ Und zerbrochen werden euer Buna und euer Vertrag mit Scheol nicht 

[mit dem Tode [bestehn; 

Die geisselnde Oeissel, wenn sie ein- verfallt ihr zur Züchtigung ihr, 

[herfahren wird, 

i^So oft sie einherfahrt, wird sie euch fassen; 

Denn an jedem Morgen fährt sie einher, am Tage und in der Nacht, 

Und es wird rein Entsetzen sein, Orakel zu deuten. 



mehr heryortreten lässt. Das Subst. "rom und das part. hoph. "(oin sind nur durch das 
dagesch der Punktation unterschieden ; das Nebeneinander dieser Formen ist nicht grade 
angenehm, weil eine reichlich starke Zumutung an den Scharfsinn des Lesers, und die 
von Ges. verglichenen Stellen Ex 129 Ps 647 Prv dOu sind nicht gleichartig. Streicht 
man das part., so wird der Zweck von "toiq viel klarer: einen Eckstein kann man sehen, 
wenn es nicht grade der Eckstein des Fundaments ist, -tcno hebt also die ünsichtbar- 
keit hervor. Darum die Fortsetzung : der glaubt, weicht nicht. Gleich im Beginn seines 
Auftretens wird der Begriff des Glaubens von seinem Schöpfer in klare Beziehung zu 
den ov ßX^nofova Hbr 11 1 gesetzt. Der Glaube sieht geistig das, was mit den Sinnen 
nicht gesehen wird; es ist für den gewöhnlichen Menschen das, was für den Propheten 
das visionäre Sehen, und verhält sich dazu etwa wie unsere Empfänglichkeit für die 
Poesie oder die Musik zur schöpferischen Inspiration des Poeten und Tondichters. Jene 
Grossen haben Jahve nicht gesehen und seine Worte nicht gehört, wie Jes. (c. 6), aber 
sie sollten mit dem inneren Sinn Jahves Gegenwart spüren und seine Thaten sehen. 
«rn-> ist zweifelhaft; es bedeutet sonst immer berzueilen, auch c. 5i9, nicht davoneilen; 
das v'\2^ der LXX ist ein wenig trivial, aber es bildet eine Brücke zu dem von Cheyne 
und Guthe vorgeschlagenen v^«^ vgl. c. 22 so 54 lo, das zu dem Bilde vom festliegenden 
Grundstein sehr gut passt. 17a Die Yersteilung ist hier und weiterhin verunglückt. 
V. 17 a ist mit seiner Yerheissung, dass Jahve auf jenem Grundstein einen Bau errichten 
will, offenbar nur Anhang von v. 16. Bei diesem Bau des zukünftigen Gottesreiches wird 
Recht und Gerechtigkeit die Messschnur und die Setzwage des göttlichen Baumeisters 
sein, das Reich wird gerechte Ordnungen und Einrichtungen haben, und die Beherrscher 
des Volkes werden dieses nicht mehr bis zur Erschöpfung in den Dienst spannen v. 12. 14 
(vgl. c. 32 1. 1 114.5). 17b Dagegen wird die Zuflucht der jetzigen Gewalthaber durch 
Hagel und Wasser, mit denen v. 2 der Assyrer verglichen wurde, zerstört werden, sie 
haben nicht auf jenen Grundstein, sondern auf den Sand gebaut Mt 7s4 — 27. Zu dem 
«n. Uy. n9^ vgl. ?;, die Schaufel, mit der die Asche vom Altar weggeräumt wird, ars 
ist wohl hinzugesetzt, da auch ^rt allein steht. Ähnlich droht Jes. in älteren Reden, 
dass der Tag Jahves die Götzenbilder wegfegen wird (2i8ff. 104 l89ff.). 18. 19 Dann 
geht die Übereinkunft mit den Todesmächten in die Brüche. Für nsn, das nach Gen6i4 
erklärt den Sinn hätte: mit Pech wird überzogen werden (etwa zum Schutz gegen das 
Wasser v. 17?), lies mit Houb. u. a. '^tn) vgl. 8io, wo ebenfalls aip in Parallele steht. 
Das impf, t^y steht hier ebenso richtig, wie v. 15 das perf. ; für die Sprecher in v. 15 
ist die Geissei nur etwas, was kommen kann, für Jes. kommt sie gewiss. Aber kann die 
Geissei zertreten? Wahrscheinlich ist c^irs Schreibfehler fftr -»cnis vgl. c. 308«. Ist aber 
erst die Geissel da, so wütet sie Tag für Tag und fasst grade jene Grossen (absichtlich 
s:rM zur Betonung des Objekts), die vor ihr sicher zu sein wähnen, sie gleichsam stück- 
weise vernichtend, wie der Satan den Hiob. Auch dann giebt's Orakel, nicht blos an 
Jesaia, sondern auch an die Propheten der Gegenpartei, aber solche, welche nur von 
neuem Unglück reden und dann nicht mehr missdeutet werden können von den längst 
ernüchterten Unglücklichen. Es ist gar kein Grund vorhanden, nymv in den Unterricht, 
den Gott durch seine Schläge erteilt, umzudeuten, was ohnehin der Sinn des Wortes 
nicht erlaubt, und man braucht den Ausdruck nicht einmal auf jesaianische Orakel zu 



172 Je8 28«)- M. 

^Denn zu kurz ist das Bett sich zu und die Decke zu schmal ffir's Ein- 

[strecken [hüllen, 

^^Denn wie zu Har Perazim wird wie zu Oibeon toben, 

[aufstehn Jahve, 

Zu thun seine That, — fremd seine That! 

Und zu wirken sein Werk, — wildfremd sein Werk! 



beziehen. Der Gregensatz v. 7 und 19 ist doch deutlich genug: heute lassen sich's jene 
Propheten und ihre Anhänger wohl sein bei ihren Orakeln, die sie falsch deuten, nämlich 
auf Glück und Sieg deuten, künftig müssen sie sie unter den Geisseihieben schon richtig 
verstehen. Die ganze Stelle lehrt, was auch psychologisch als das Natürlichste erscheint, 
dass der Inspirierte nicht platte verständliche Bede von Gott vernimmt, sondern geheimnis- 
volle Laute, in gewisser Weise vergleichbar den verzückten Lauten der Zungenredenden, 
die nur prophetisch begabte Menschen auffassen und in gewöhnliche Rede umsetzen 
können. Auch die Pythia bedarf der Propheten. Die Gottesstimme, das "strs n^sa, das 
DM, die nmae ist dunkel, vieldeutig, auf den auffangenden Instinkt des iraa rechnend, oft 
durch die äussern umstände verdeutlicht, oft aber durch verkehrte Kombinationen, sub- 
jektive Wünsche, unreine Leidenschaft und sinnliche Verrohung (v. 7) verdunkelt. Ein 
wahrer Prophet, der die göttlichen Stimmen nicht miss versteht, muss eine reine, fromme 
Seele und einen schöpferischen, gestaltungsfähigen, aber auch entsagenden, nüchternen, 
aufmerkenden Geist haben. Wer im Sinnengenuss lebt, hört im Glücke nur Angenehmes, 
im Unglück nur Entsetzliches. Ein Jes. sieht jetzt nur die Tragödie, aber in der Kata- 
strophe wird ihm »Herzensfreude« (30 S9) aufgehen. 20 sagt mit einer augenscheinlich 
sprüch wörtlichen Redensart noch einmal, dass die von jenen gewählten Schutzmittel nicht 
ausreichen werden. Das Lager ist nicht lang genug, die Decke nicht breit genug, es 
fehlt aller Orten. »Schmal gemäss dem Sicheinhüllen«, c» hängt wahrscheinlich mit 
TU, Decke, Hülle Hes 27i4, zusammen, nicht mit dem später häufig gebrauchten Yerbnm 
ca?, sammeln. Jes. richtet sich hoch auf, wie er diese Worte spricht, Worte aus der 
niederen Sprache, mit verachtender Yomehmheit auf die Erbärmlichen hernieder ge- 
sprochen. 21 Aber schon fasst ihn der göttliche Schauer, er fühlt den Gott der Heer- 
scharen über sich. »Denn« — dies denn markiert das rasche Aufsteigen und Überhand- 
nehmen der psychischen Welle — »wie bei Har Perazim wird Jahve aufstehen, wie bei 
Gibeon toben«, ein herrliches Aufbrausen dieses starken Charakters. Zur Schlacht wird 
Jahve erscheinen. Davids Siege über die Philister bei Baal-Perazim nndGeba(IChr 14i«: 
Gibeon) sind auch nach ISam6i7 — is unter direkter Mitwirkung Jahves, dessen Anwesen- 
heit David an dem Schall seines »Schreitens« durch die Bakabäume wahrnahm, erfochten 
worden; es scheint aber, dass dem Propheten eine viel lebendigere Tradition zu Gebote 
stand, als dem Historiker. Die Erregung, mit der Jes. spricht, malt sich lebhaft in den 
kühnen Satzbildungen des zweiten und dritten Stiches von v. 21. Fremd, ja rr-sa, bar- 
barisch fremd ist Jahves Werk, weil er an der Spitze der Barbaren sein eigenes Volk 
bekämpft Darum hiess es c. 8is: Jahve haltet für den Verschwörer ! undnaehher c. 29i4: 
äusserst wunderbar wird er dies Volk behandeln. Dem Propheten selber, der ja freilich 
längst in Assur Jahves Zuchtrute erkannt hatte, ist offenbar höchst fremd zu Mute, 
wenn er sich jenes Werk vorstellt, wenn auch zugleich in der Anwesenheit Jahves unter 
Assurs wilden Scharen für ihn ein Trost lag. Ein wenig scheint übrigens die hier vor- 
getragene Auffassung von der späteren Ansicht Jesaias abzuweichen: nach c. SOsrff. 
kommt Jahve persönlich erst in dem Moment, wo Assur zum letzten Schlage ausholt, und 
nicht um ihm beizustehen, sondern um es zu schlagen. Har-Perazim heisst IlSam 5 
Baal-Perazim, und es wäre interessant zu wissen, von wem und warum für Baal das 
harmlose tn eingesetzt ist. 22 »Und jetzt«, schliesst der Prophet mit ernster Mahnung 
ab, stellt euch nicht länger so an, als dürftet ihr spotten, sonst giebt's kein Zurück mehr. 
Die Bande (*cts von "o») sind nicht die Bande des assyrischen Joches, die durch den 



Job 38 »—m. 17d 

^Und nun, legt euch nicht auf's dass nicht fest werden eure Bande, 

[Spotten, 
Denn Untergang und Entscheidung hab' ich gehört von Jahve der Heere. 

23 Horcht her und hört meine Stimme, 
Merkt auf und hört meine Rede! 



** Pflügt immerfort der Pflüger. 

önnet*) und ^gt seinen Boden? 



♦) für'B Säen. 



Spott nicht anders werden, denn selbstverständlich h&ngt ffir einen Jes., wie zum Über- 
fluss noch y. 22 b beweist, Jahves Weltplan nicht vom Benehmen der Grossen Judas ab. 
Es ist hier nur, wie in der ganzen Rede, gedacht an das private Greschick jener Spötter, 
die nach ihrer Meinung gegen das Unglück gedeckt, nach Jesaias oft wiederholter Ver- 
sicherung aber in Schuld und Strafe verstrickt sind (8isf.), die durch ihren Spott und 
Unglauben die Schuld »wie mit Stricken« herbeiziehen (5i8f.); sie sind schon für den 
Strafrichter gebunden und werden um so sicherer von den selbstangelegten Banden fest- 
gehalten werden, je mehr sie sich durch leichtfertiges Spotten in ihr gottabgewandtes 
Treiben verrennen. Denn das Verderben kommt, Jes. hat sichere rtynov davon, "a-w fehlt 
in LXX und stellt im hebr. Text wahrscheinlich nur das ältere Mittel vor, das Aus- 
sprechen des Namens Jahve zu umgehen. ynKn-^s-^y, was nicht »über das ganze Land« 
heissen kann, halt-e ich ebenfalls für einen späteren Zusatz, der in dem vorhergehenden 
Text in keiner Weise begründet ist und den Rhythmus belastet. 

Viertes Stück c. 28s9— i9. Es ist eine Dichtung, ein Maschal, in zwei Zehn- 
zeiler zerfallend: der Landmann thut nicht immer Ein und Dasselbe, thut auch nicht 
alles auf dieselbe Weise, und das hat er von Gott gelernt, dessen Bat wunderbar ist. 
Dies Maschal ist offenbar eine Selbstrechtfertigung des Propheten oder vielmehr Gottes, 
und sein Sinn grade nach v. Iff. v. 7 ff. leicht zu enträtseln. Jahve hat nicht, wie nach 
dem Buchstaben älterer Weissagungen hätte erwartet werden können, das Strafgericht 
ununterbrochen fortgesetzt, hat nicht Samaria auf einen Streich und gleich hinterher 
Jerusalem und Juda vernichtet, nicht die Trunkenen Judas ebenso behandelt wie die 
Trunkenen Ephraims ; aber das alles ist kein Grund zu spotten, zu sagen : es beschleunige 
sich sein Werk, damit wir's sehen (5i9), Jahves Plan kommt doch zur Ausführung, nur 
aber nach Massgabe der Umstände und der Leute, mit denen er zu thun hat. Das 
Maschal ist eine Art Theodicee auf dem Gebiet der Weissagung und der Geschichte. Es 
ist wahrscheinlich, dass Jes. es selbst an diese Stelle gesetzt hat, denn ganz selbständig 
konnte dies Maschal nicht bestehen, weil ihm keine Deutung beigegeben ist, es war von 
vorn herein auf einen grösseren Zusammenhang berechnet. Wie mir scheint, ist es in 
einer Zeit gedichtet, wo gar nichts zu geschehen schien, wo man Müsse hatte, die bis- 
herigen Weissagungen Jesaias zu prüfen und festzustellen, dass Jahve keineswegs immerzu 
gepflügt und gedroschen habe, wie es nach den Drohungen aus der Zeit vor Samarias 
Untergang in Aussicht zu stehen schien; Jahve muss, giebt Jes. zu, auch für neue Aus- 
saat, für nnm ^rs^, sorgen und darf das Brotkom nicht ganz zermalmen; für die Saat 
ist die Zeit der Buhe bestimmt, und ihr dient die ungleiche Behandlung der Samarier 
und der Judäer. Demnach setzt man die Dichtung wohl am besten in die stille Zeit 
zwischen 711 und 705. Für die behauptete Unechtheit sind keine stichhaltigen Gründe 
beigebracht; man sagt, wenn v. 23 ff. mit dem Vorhergehenden übereinstimmen solle, so 
müsste auch das Brotkorn v. 28 zermalmt werden, aber selbstverständlich sind nicht die 
mit dem Untergang bedrohten Grossen, sondern »der Best, der umkehrt«, das Brotkorn, 
das Jahve schonen will. Ein Späterer hätte das Maschal nicht ohne Deutung gelassen, 
hätte auch eine Trostrede (wozu man es machen will) nicht so sonderbar angelegt. 
28 Der Eingang so wie c. 329 vgl. c. 5i la (Gen 4»), dem Volksliede nachgeahmt, das 
mit solchen Präludien die Aufmerksamkeit auf den Sänger ziehen will. 24 arn-Vs hat 



174 Jes 28s5— M. 



'^ Nicht wahr, wenn er geebnet dessen Fläche, 
So streut er Dill und säet Kümmel 
Und 1^ Weizen und Gerste 

Und Spelt als dessen Einfassung: 

^^Und zwar unterwies ihn zum Rechten, 
Sein Gott lehrte ihn. 



den Ton und regiert auch den zweiten StichoB. Der Bauer pflügt und eggt nicht ewig 
fort, sondern wenn er damit fertig ist, nimmt er eine andere Arbeit yor. yntV ist eine 
unberufene Glosse zu nnB"; wenn der Pfiüger pflügt, um zu säen, also pflügt und sät, 
so kann man den Satz gar nicht mehr verneinen, weil er allerdings, so lange er Bauer 
ist, allezeit pflügt und sät. Freilich pflügt er, um zu säen, aber beides soll hier in 
Gegensatz zu einander gestellt werden: er pflügt nicht immer, sondern er sät auch. 
Der Glossator meinte das m neben dem Pflügen, mit dem es ja identisch ist, motivieren 
zu sollen. 25 Die Breviloquenz KiVn (inkorrekt geschrieben) ist wohl auch volkstümlich. 
n-iiv und iqds hat Wellh. (Proleg. 417. Gesch. Isr. I, 409) mit Recht als vor der Korrektur 
stehen gebliebene Corrigenda bezeichnet ; beide Wörter sind unübersetzbar, die LXX hat 
sie nicht (denn das xiyxqov des Cod. B. ist ohne Zweifel später eingesetzt), auch der 
Sinn, der allzu langes Verweilen bei solchen Einzelheiten nicht gestattet, und das Metrum 
empfehlen die Ausstossung. Weizen und Gerste werden aus Sparsamkeit »gelegt«, nicht 
gestreut, ein Zeichen grossen Fleisses, von dem Niebuhr auch ein Beispiel ans Jemen 
für den Weizen beibringt; vgl. für Weizen und Gerste ZDPV IX, 29. Das Suff, von 
inVai bezieht sich neutrisch auf die vorhin genannten Getreidearten zurück, nicht auf 
das Subj. von Di?, da n^as, selbst wenn eine praepos. dabei stände, hier schwerlich Grund- 
stück bedeuten kann. 26 Solchen geordneten Betrieb hat Jahve dem Bauern gelehrt. 
Der Vers ist für ein Maschal etwas künstlich , und es fragt sich , ob nicht im ersten 
Stiches ein (abgekürzt geschriebenes) Jahve stand. Der Gottesname muss überhaupt in 
zahlreichen Fällen abgekürzt geschrieben gewesen sein, da man sonst den Abschreibern 
zu grosse Willkür zutrauen müsste. Interessant sind die Verben ">d'* und nnin, die noch 
ganz allgemeinen, keinen ethischen und kultischen Sinn haben. Nicht minder interessant 
und wichtig ist es, dass Jes. die Kunst des Ackerbaus auf göttliche Anweisung zurück- 
führt. Noch die Bauern der Zeit Hoseas sind der Meinung, dass die einheimischen 
Baale sich auf den Ackerbau besser verstehn als Jahve (c. 2). Und diejenigen Stämme, 
die niemals zum Ackerbau übergingen (die älteren lioastämme, die Bechabiten) huldigten 
gewiss einer anderen Meinung, als unser Prophet, der selber von anderen Kulturerrungen- 
schaften weniger erbaut ist (c. 26ff.), aber auch c. 32 w beweist, dass er den Segen des 
Ackerbaus zu schätzen weiss. Der Ackerbau hat sein tscv«, über das (V poetisch wie 
c. 6i 10^3^) Jahve den Bauern belehrt und das es ohne Zweifel vor allem dem Jes. abge- 
wonnen hat. Wir sollen nun den Schluss ziehen: so wie Jahve acva in das Thun des 
Bauern gebracht hat, so beobachtet er es auch in seiner eigenen Thätigkeit, auch diese 
ist gesetzmässig, planvoll, nicht dem blinden Triebe folgend. Es gehört zu den an- 
ziehendsten Wahrnehmungen in der Beligionsgeschichte , wie die geistigsten und sitt- 
lichsten Ideen auf dem Boden der gesunden Wirklichkeit, nicht im Gehirn der Philosophen 
gewachsen sind und noch weniger als angeborne Ideen von uran fertig da waren. Die 
Ableitung des rid^og und der Ethik vom Stall und Wohnraum hat angesichts unserer 
Stelle nichts Herabwürdigendes ; auch das rita der Inder ist die Ordnung der natürlichen 
wie der sittlichen Dinge. 27 "'s dient wie oft nur zur Fortsetzimg und entspricht un- 
serem auch oder femer, fTir das der Hebräer kein Wort hat, da D2 und tiy zu stark 
sind. Auch beim Dreschen verfährt der Bauer ganz verschieden. Die Krautarten wie 
Dill und Kümmel werden nur geklopft, nicht mit der Dreschschleife, einem viereckigen, 
unten mit spitzen Steinen oder Steinen und Messern besetzten Brett, oder mit dem 
Dresch wagen gedroschen, weil sie dadurch zermalmt würden. 28 p*)^*" on^ giebt nur als 



Jee 28 »7— M. 175 

27 Auch nicht mit der Schleife wird Dill gedroschen, 

Und das Wagenrad über Kümmel nicht gewendet, 
Sondern mit dem Stabe wird Dill geklopft 

Und Kümmel mit dem Stecken. 
^Wird Brotkom zermalmt? 

Nein, nicht immerzu drischt er es, 
Und hat er angetrieben das Rad seines Wagens, 

So wirft er es auseinander, zermalmt es nicht 
^Auch dies ist von Jahve ausg^;angen. 

Wunderbar ist sein Rat, gross seine Einsicht 



Frage einen Sinn, ist aber für das Metrum etwas zu kurz, so dass der Text wahrschein- 
lich beschädigt ist. nnh ist Brotkom wie z. B. c. 36 17. Der inf. abs. eitK ist vielleicht 
nur ein Schreibfehler (vgl. 0. § 245 k) oder gar nur eine Variante (» «ji-i-«) zu dem fol- 
genden impf. In V. 28b scheint das erste Yerbum nur einen Vordersatz einzuleiten: 
und treibt er etc. Pferde werden heutzutage bisweilen in Syrien zum Dreschen ver- 
wendet (ZDPV. IX, 43), ob auch in der vorchristlichen Zeit, ist unbekannt. Hier sind 
aber die Pferde jedenfalls lästig, weil der letzte Stiches dadurch etwas Unbeholfenes be- 
kommt, weil die Pferde schon mitgenannt sind, wenn man vom Antreiben des Wagens 
spricht, und dann, wenn man sie doch nennen will, vor dem Wagen genannt sein sollten. 
Wahrscheinlich ist zu lesen: k^i 'i^^c!^, »so wirft er es auseinander«, wirft das Stroh oder 
vielmehr das Häcksel »in den Wind« (Hes 17 si), um es zu entfernen und die Kömer zu 
sammeln. Jes. bewundert es, dass der Bauer so genau weiss, wie lange er den Dresch- 
wagen über das Rom fähren darf, und dass die schwere Maschine es nicht zerquetscht; 
ein so praktisches Werkzeug ohne Schaden anzuwenden, das muss der Bauer von Gott 
gelernt haben, Menschen hätten das nicht erfinden können. 29 »Er macht wunderbar 
Rat«, d. h. er hat, nicht er giebt, wunderbaren Bat; der Ausdruck ist ähnlich gebildet, 
wie die denomin. im hiph., die für unser Gefühl intrans. sind, z. B. Vsvn. mvir, das 
Lieblingswort der Ghokmadichter, durch unsere Stelle als alt erwiesen, aber darum 
freilich kein Beweis für das Alter der Weisheitsdichtungen, bedeutet wohl eigentlich das 
objektive Wesenhafte, darum Vernünftige, und erst dann die vernünftige Denkweise. In 
V. 29a ist niKss nicht ^m Platz, denn als Gott der Heerscharen war Jahve nicht der 
Lehrmeister der Bauern. Das Maschal bleibt ohne weitere Nutzanwendung, um so wahr- 
scheinlicher ist es, dass Jes., da doch der Sinn und Zweck der Dichtung nicht so auf 
der Hand liegt, die Deutung dem Zusammenhang anvertraute, dass also das Maschal 
eine Antwort auf den vorher erwähnten Spott über seine Weissagungen sein soll. £| 
löst keine »scheinbaren Widersprüche«, die in v. 9 — 22 enthalten wären und die Dillm. 
auch erst nachträglich einfallen, es verteidigt den Propheten wider den spöttischen Vor- 
wurf, dass seine Drohungen nicht eintreffen. 

Fünftes Stück c. 29i— 8. Eine am Herbstfest gehaltene Bede, die die Belage- 
rung Jerusalems ankündigt. Mehr zu sagen getraut man sich kaum, denn das Stück ist 
ungewöhnlich reich an Schwierigkeiten und bedenklichen Stellen. Nicht blos dass der 
griechische und hebräische Text starke Differenzen zeigen, der letztere regt auch für sich 
die Frage an, ob das Stück in der jetzigen Gestalt aus Jesaias Feder stammen kann. 
Mindestens scheint v. 4b zu v. 4a und v. 8 zu v. 7 Variante zu sein; denkt man sich 
V. 4 b und v. 8 weg, so wird man unsicher, ob von v. 5 an eine Verheissung der Bettung 
kommt oder ob die Drohung fortgesetzt wird. Im letzteren Fall, der aber der weniger 
wahrscheinliche ist, würde die Bede etwas einheitlicher, aber auch noch nicht vollkommen 
einheitlich, denn v. 1 wird wahrscheinlich vom Propheten gesprochen, v. 2. 3 von Jahve, 
V. 6 vom Propheten; v. 1 haben wir eine Anrede im Plur., v. 3 ff. im sing, fem., vorher 
und nachher wird von derselben weiblichen Gestalt in der 3. pers. gesprochen. Der In- 
halt, so weit er sicher ist, scheint auf die Nähe der Periode Sanherib hinzuweisen, aber 



176 Jes 291—8. 

29 ^Ha Opferherd, Opferherd, Stadt, wo David das Läger nahm, 

Fugt Jahr zu Jahr, lasst die Feste kreisen ! 

'Bedrängen will ich den Opfer- und sein wird Qestöhne und Stöhnen, 

[herd, 

Und du wirst mir sein wie ^und ich lagere mich mit Getümmel 

[ein Opferherd, [wider dich; 



wegen des Eingangs ist es geraten, die Weissagung in die letzten Jahre Sargons zu 
setzen, denn noch feiert man ahnungslos die Feste, und so mag es noch eine Zeitlang 
weiter gehen, sagt Jes., sieht also keine sehr nahe Änderung der Dinge vorher. In dieser 
friedlichen Zeit, wo allerdings Juda unter dem Joch Assurs seufzte, mag Jes. seine Zu- 
kunftsgedanken ausgebildet und vertieft und besonders auch für seine Vertrauten manche 
der eigentlich eschatologischen Stücke geschrieben haben. 1 hw^n scheint von den 
Punktatoren als Kompositum mit h» angesehen zu sein, wie schon von der LXX, und 
viele Exeget-en übersetzen es demgemäss mit »Löwe Gottesc. Das w&re eine so fremd- 
artige Bezeichnung für eine Stadt, dass man wohl eine Motivierung dafür verlangen 
dürfte, um so mehr, als Jes. sonst nirgends geneigt ist, der Stadt Jerusalem Löwenstärke 
zuzugestehen oder gar sich daran zu erbauen, und was ist noch dazu ein Löwe Gottes ? 
Aber keiner von jenen Exegeten giebt uns die nötige Aufklärung. Noch viel weniger 
thut es der Zusammenhang, der den Namen in v. 2 f. vielmehr in Verbindung bringt mit 
der blutigsten Bedrängung Jerusalems. Es ist selbst zweifelhaft, ob der Mannes- oder 
Volksname *?k*)k (Gen 46 16 Num 26 17 IlSam 23 so IChr 11 S2 vgl. Jes 337, wo wie in 
Aribaal, Arbaal, die Form ar mit ari wechselt) einen Gotteslöwen bedeutet; aber wenn 
auch, so passt ein Mannesname noch nicht zur Bezeichnung einer Stadt, zumal wenn m^p 
im parallelen Gliede folgt. Es muss Bezeichnung eines Ortes sein und daher entweder 
das Kompositum Feuerherd (arabisch 'ira) Gottes oder eine Bildung von n-iic, brennen, 
mit angehängtem h (wie ^a*)2, ht^y) Das Kompositum ist an sich nicht sehr wahrschein- 
lich und sogar unmöglich, wenn unser Wort mit dem hvnr,, W*^k Hes 43i5f., das den 
Artikel hat, und mit dem hvrn des Mesasteins (Z. 12. 17. 18) identisch ist. Bleibt also 
blos die zweite Möglichkeit übrig, nur dass man keineswegs weiss, wie man aussprechen 
soll, da es offenbar selbst die Urheber des Ktib nicht mehr recht wussten und von ihnen 
die Punktatoren wenigstens in Hes 43i5f. wieder abweichen; vielleicht darf man die 
Form arjäl zugrunde legen. Dillm. wendet ein, dass Jerusalem nicht Opferherd genannt 
werden konnte, weil es zwar den Herd Gottes in sich hat (c. 31 9), aber selbst keiner 
ist (dann müsste man auch Namen wie Bethel, Kades u. s. w. ausrotten, die nicht blos 
poetische Beinamen, sondern sogar nomina pr. sind); einen Herd könne man nicht be- 
lagern (aber einen Gotteslöwen!), ein Herd könne auch nicht stöhnen (warum soll er 
denn stöhnen? das verlangt ja keiner). Cheyne will in v. 1 (nicht in v. 2) ^^k aus- 
sprechen, was an den alten Namen üruschalem anklingen soll; aber dass der letztere 
dem Jes., der immer Jerusalem schreibt, bekannt war, ist sehr zweifelhaft, und wer hätte 
unter seinen Lesern dies archäologische Rätsel auch nur richtig gelesen, geschweige ge- 
raten? Es ist die Stadt Jahves und die Stadt Davids, die heilige und die altehrwürdige 
Stadt, der Jes. das Wehe zurufen muss. Diese Ehrennamen werden nicht ohne Grund 
gewählt sein; sie kompensieren einigermassen das Wehe und erleichtern uns die An- 
nahme, dass auf die Drohung bald (nämlich eben v. 5 ff.) eine Verheissung folgen kann. 
p"^^ ist stat. constr. zu dem Sätzchen S narr (Ges. K. § 130 d), Stadt, wo David das 
Lager aufschlug, nämlich nicht zur Belagerung, sondern um dort zu wohnen (vgl. den 
Ortsnamen nsma). »Fügt Jahr zu Jahr etc.«; aus dem Ausdruck geht deutlich hervor, 
dass die Bede beim Jahreswechsel, der navn rcipr, beim grossen Herbstfest, dem c)*OKn yr, 
Ex 34», entstanden ist. Dagegeii liegt keineswegs darin, dass die v. 2 ff. geweissagte 
Katastrophe nach Jahresfrist eintreten soll, eher das Gegenteil: feiert nur fröhlich und 
Unbekümmert, sorglos und sicher (329) eure Feste, als ob es immer so bliebe. Das 
ist mit schmerzlicher Ironie gesprochen. Jes. hält es für möglich, dass noch einige Male 



Jes 298b— 4. 177 

Und ich schliesse dich ein mit und errichte wider dich Belagerunfi;s- 

[Schanzen [werke, 

^Und unten von der erde her und demütig aus dem Staube kommen 

[wirst du reden, [deine Rede, 

Und sein wird wie ein Gespenst und aus dem Staube deine Rede zirpen, 
[aus der Erde deine Stimme, 



die iFeste kreisen werden bis zum Anbruch der schrecklichen grossen Zeit; offenbar sind 
die Wirren, die auf den Tod Sargons folgten, noch fern. 2 unvermittelter Übergang in 
die Gottesrede, denn das "^nn y. 1 ist wie fast überall bei Jes. vom Propheten gesprochen. 
Es kann recht wohl etwas ausgefallen sein, denn der ganz abweichende Text derLXX in 
V. 1. 2, so toll er ist, macht doch wahrscheinlich, dass der hebr. Text seine jetzige Ge- 
stalt erst der Bedaktion des Etib verdankt, die vermutlich unleserlich Gewordenes ein- 
fach weggeschnitten hat. Jahve wird die Tempelstadt ängstigen, dann giebt's Jammer 
über Jammer (nachgeahmt Thr 25). Im dritten Stichos schreibt man wohl besser n^n, 
da hinterher die Stadt beständig angeredet wird, deren Bewohner bereits v. 1 anredete. 
Wie aber dieser dritte Stichos eine Verheissung sollte bringen können, das ist mir un- 
begreiflich. Selbstverständlich kann dergleichen an sich wohl im Wortlaut liegen: die 
Stadt wird mir wie ein Opferherd sein, sofern ein solcher unantastbar ist und unter dem 
rächenden Schutz der Gottheit steht. Aber wenn doch vorher und nachher gesagt wird, 
dass Jahve selber die Stadt belagere, so könnte doch nur ein ganz verwahrloster Stil 
dazwischen den (nur bildlich ausgedrückten) Gedanken dulden: diese Belagerung wird 
zu nichts führen; von einer »Bewährung« des angeblichen Gotteslöwen steht ja doch 
kein Wort da. Vielmehr sagt Jes.: wenn Jahve Jerusalem bedrängt, so wird die Stadt 
wie ein Opferherd sein, der von Blut trieft (s. zu li5), wo man Schafe und Binder würgt 
(22 la). Wenn man sich vergegenwärtigt, wie bei einem grossen Feste der blutbesprengte 
Altar mit seiner Blutrinne und den zerstückten, verbrennenden Tieren aussieht, und be- 
rücksichtigt, dass Jes. daran und an den Opferschmäusen nichts weniger als Grefallen 
hat, dies alles vielmehr des Jahvedienstes unwürdig findet, so ist der Ausdruck ver- 
ständlich genug. 8 a schliesst sich an den vorhergehenden Stichos, wenn dieser eine 
Drohung enthält, unmittelbar an. Jahve macht die Stadt zum Opferherd, indem er sich 
feindlich wider sie lagert und sie angreift. "^itTt heisst c. 22 18: gleich einem Ball, das 
passt nicht, aber ebenso wenig die Übersetzung: wie im Kreise, denn wenn man auch 
davon absieht, dass ein Einzelner sich nicht gut im Kreise um eine Stadt lagern kann 
und dass ^''hy (statt etwa a**aD) nicht für diese Bedeutung jenes Wortes spricht, so ist zu 
bemerken, dass die Vergleichungspartikel hier unmöglich ist; die Belagerer lagern sich 
im Kreise, nicht wie im Kreise um die Stadt, m^ (LXX), wie David, ist wegen v. 1 
unannehmbar und an sich wenig wahrscheinlich. Vermutlich haben wir eine Seitenform 
zu ^'\'r^ Job 1584 (wenn nicht gar dasselbe Wort) und zwar wie das folgende a:n als acc. 
instr.: ich lagere mich wider dich mit ^ms. kadar scheint in zwei Bedeutungen, die 
aber auf eine zurückgehen könnten, vorzukommen: 1) kreisen, 2) verworren, in wüster 
Bewegung sein; danach mag '^''^n& oder *)iind oder ^'i?q», ^n-r& einen Menschenhaufen be- 
deaten, der mit wildem Getümmel zum Handgemenge stürzt. Eine der Belagerung ent- 
gegengehende Stadt sieht sich gegenüber zuerst einen wilden, scharmfitzelnden, sich all- 
mählich nm die ganze Stadt verbreitenden Kriegerschwarm, darauf folgt 8 b die Ein- 
schliessung durch den asso, die verschanzte Aufstellung des Feindes, die Wagenburg, die 
auch die Ausfälle der Verteidiger abwehren soll, endlich die Errichtung von Belagerungs- 
werken und -maschinen aus Holz (Dtn 20i9f.), die, mit Widdern, Wurfmaschinen und 
Fallbrücken versehen, auf nach und nach vorwärts rückenden Aufschüttungen über die 
Gräben hinweg gegen die Stadt vorgeschoben werden. 4 n^Bv ist neben dem asyndetisch 
angefügten Hauptverbum nur Hülfsverb mit adverbiellem Sinn. Jerusalem wird am 
Boden liegen vor dem Belagerer und demütig reden, v. 4 b scheint eine Erklärung dazu 

HmdkomnwnUT i. ▲. T. : Dahin, Jas. 2. Anfl. 12 



178 



Jes 296—8. 



^(Und sein wird wie zerstäubter Staub 

Und wie dahinfahrende Spreu 
Und gescheht! wird's plötzlich ur- 
lplötzlich. 
Mit Donner und Dröhnen una 

[grossem Schall, 

^Und es wird sein wie ein Traum, 
ein Gesicht der Nacht, 
Der Schwärm aller Völker, 

die wider den Qottesherd streiten 

Und all ihre Schanzen (?) und Boll- 

und die sie ängstigen [werke (?) 



der Schwann deiner Feinde, 
der Schwärm der Tyrannen J 
^von Jahve der Heere wirst du heim- 

[gesucht 
Windsbraut und Wetter und c& Lohe 

[fressenden Feuers. 

^Uod es wird sein, wie träumt der 
und siehe, er esse, [Hungrige, 
Und er erwacht . . . 
und leer ist seine Seele, 
Und wie träumt der Dursüge, 
und siehe, er trinke. 
Und er erwacht und ist matt 
und seine Seele lechzend. 
So wird sein der Schwärm aller Völker, 
die wider den Zionsberg streiten. 



sein zu sollen, die aber eine andere Auffassung geltend machen und die Demütigung vor 
dem Belagerer entfernen will. Jerusalem wird wie ein Totengeist aus der Erde her 
zirpen, nämlich wegen tötlicber Erschöpfung. Aber bei dieser Auffassung weiss man 
gar nicht, was das Beden bedeuten soll und wozu es erwähnt wird. Deshalb scheint 
mir die Möglichkeit ausgeschlossen zu sein, dass wir in v. 4 b eine Selbstverbesserung 
Jesaias vor uns haben. Der Yf. der Korrektur mochte meinen, dass Jerusalem nach c. 37 
gar nicht demfitig zu dem Assjrer geredet habe. 5 a Wenn sich für die Umstellung 
neben den inneren Gründen auch äussere ausfindig machen liessen, so würde ich v. 5 a 
etwa hinter y. 6 oder ▼. 7 a stellen. Oder ist t. 5 a mit seinem ^"^i für T''^ ^uid dem 
bei den späteren Schriftstellern beliebten t3^^«-]r, sowie mit dem kakophonen Elangspiel 
p-T pati und dem doppelten yt/art von fremder Hand verfasst und nur vom Bande einge- 
drungen? 5b ist mit Unrecht von 6 getrennt, da das Metrum und der Stil (mm mit 
nachfolgendem asyndetischen impf.) in gleicher Weise die Vereinigung fordern. Die plötz- 
liche Heimsuchung Jerusalems durch die Schreckens- und hoheitsvolle Erscheinung Jahves, 
dargestellt mit echtjesaianischem Schwung und Feuer, kann bei dem Doppelsinn von -rpt 
in gutem wie in bösem Sinn aufgefasst werden. Es scheint aber, dass es sich um den 
Schutz Jerusalems handele (wie c. dOs7ff.), denn die Darstellung der Ängstigung und Be- 
lagerung Jerusalems harmoniert nicht mit dem Ausdruck plötzlich urplötzlich (c. 30 is). 
Der Assyrer kommt wohl rasch (586), aber nur die Gottheit kommt und wirkt urplötz- 
lich ; insofern haben also die Bearbeiter die Meinung des Propheten wahrscheinlich richtig 
verstanden und durch v. 5 a den Sinn des Stückes nicht alteriert. Die Betonung des 
Plötzlichen entspricht der ganzen Tendenz der jesaianischen Politik und Eschatologie : 
es soll auch nicht der kleinste Teil des Sieges auf Bechnung der Volkskraft kommen, 
Jahve soll »allein erhaben sein an jenem Tage«, damit auch die Neuordnung der Dinge 
nur sein Werk sei und in seinem Geist erfolge. Übrigens zeigen auch Donner, Winds- 
braut u. s. w., dass V. 6 nicht von der Belagerung durch die Assyrer, sondern von der 
Parusie Jahves redet. 7 und 8 sehen aus wie zwei Bearbeitungen desselben Gedankens, 
die sich wohl sachlich mit einander, aber nicht stilistisch nacheinander vertragen. In 
V. 7 werden die Belagerer mit einem rasch verfliegenden Traum verglichen, in v. 8 sind 
sie selbst die Träumenden; sind die Feinde einmal vor unserem geistigen Auge wie ein 
Traum verflogen, so soUten sie nicht noch einmal wiederkehren als solche, die im Traum 
essen und trinken und nach dem Erwachen noch nüchtern sind; ausserdem ist v. 8b in 
V. 7 mit einer kleinen Abweichung schon wörtlich vorhanden. Unter den vielen Möglich- 
keiten, mit denen man dies Nebeneinander erklären könnte (v. 1—8 ist eine unfertige 



Jes 299—10. 



179 



^Erstarrt und starrt! 

Seid trunken, dach nicht von 

fWein, 
10 Denn fi;egossen hat auf euch Jahve 

Und verschlossen eure Augen*) 

•) die Propheten 



erblindet und seid blind! 
taumelt, doch nicht von Meth! 

den Geist des Tiefschlafs, 

und eure Häupter **) eingehüllt; 

♦*) die Seher 



Skizze oder ist mehrere Male, wie dergleichen von Jeremia bekannt ist, veröffentlicht 
oder von Jüngern des Propheten nach mündlichen Aussprüchen verfasst u. s. w.)i scheint 
mir am natürlichsten die Annahme, dass v. 8 eine »Yerbesserang« von v. 7 durch eine 
jüngere Hand ist, wie sich ähnliches auch sonst findet z. B. in Gren 24m neben v. 29 
oder in Mch 44b. 6a neben v. 5 b vgl. Jes 2iof. neben v. 18f. Jedenfalls könnte v. 7 eine 
Yerbesserung vertragen, wenn auch eine etwas weniger willkürliche, denn v. 7 b ist gar 
nicht übersetzbar, t-naat von nax, während eben vorher vox steht, femer mit dem acc. 
statt mit Vy, wäre selbst dann unmöglich, wenn das Kax nicht schon dagewesen wäre 
und wenn neben das Suffix ein Nomen in der Art gestellt werden könnte wie hier nn-m^. 
Die Lesung «rax passt nicht zu dem Öpferherd, aber auch »seine Burg« passt nicht zu 
ihm. Da das folgende part. auf v. 2 zurückgreift, so mag das vorhergehende Wort in 
der Form nn^^Kia (oder Dirn^^x») als Anspielung auf das letzte Wort in v. 3 gelten und 
rras aus nas^ verstümmelt sein. Wahrscheinlich ist dann noch ein Doppelstichos mit 
den Prädikaten zu den Subjekten in v. 7b ausgefallen, etwas wie v. 5a: sie werden Staub 
sein, verftiegende Spreu. Übrigens ist es unangenehm, dass das weibl. Suff, hier in der 
3. pers. auftritt. Auch in v. 8 sollte man hinter dem ersten yyn ein Sätzchen erwarten, 
das dem vpy nann nach dem zweiten yyr^ entspräche. Leer ist »seine Seele«, denn die 
Seele ist die Lebenskraft, die den Körper erhält und daher nach Speise und Trank gierig 
ist; selbst nach dem Tode verlangt die beim Körper verbleibende Seele noch zu essen 
(Dtn 26 u) und zu trinken (vgl. Ges. zu c. 26 lo. Wellh. Skizzen III, S. 161 f.). Die sehr 
allgemeinen Wendungen, in denen von den Belagerern Jerusalems gesprochen wird, be- 
günstigen die Annahme, dass unser Stück aus Friedenszeiten stammt. 

Sechstes Stück c. 299 — is: das Yolk wird durch Jahve wunderbar verblendet 
und dadurch unfähig gemacht, seine Yorhersagungen zu verstehen. Dass man dies kleine 
Stück nicht unmittelbar mit dem vorhergehenden verbinden darf, dafür liefert z. B. 
Dillm., der es versucht, einen unfreiwilligen Beweis: diese Worte sollen eine Folge des 
verblüffenden Eindrucks sein, den das Rätsel wort v. 1—8 auf die Zuhörer gemacht habe. 
Wo war denn da ein Bätsei? zumal für Zuhörer, die doch hundertmal ähnliches gehört 
hatten? Selbst wenn Jes. wirklich vom belagerten Gotteslöwen phantasiert hätte, würden 
ihn etwa jene Spötter von c. 28 wohl mit Verwunderung, aber nicht »mit dummer Ver- 
wunderung« angeschaut haben; man mnss doch die Grossen nicht für eitel Unmündige 
und Einfaltspinsel halten. Und v. 9 auf verblüfftes Anstarren zu deuten, das heisst 
doch von unserer exegetischen venia dormitandi zu freien Gebrauch machen. Da das 
Volk dem Propheten wie verzaubert vorkommt, so muss er, als er v. 9 ff. sprach, be- 
sonders starke und wiederholte Erfahrungen mit dessen Verstocktheit gemacht haben; 
auch scheint die Erregtheit, mit der v. 9 hervorgestossen wird, einen Kampf mit den 
Volksleitem zu reflektieren, wie er mit steigender Schärfe zwischen beiden Parteien seit 
den ersten Abfallsgelüsten zur Zeit Sargons bis zur Invasion Sanheribs geführt wurde. 
So sind wir mit unserm Stück wohl schon in der Periode Sanheribs angelangt, und die 
Katastrophe steht für Jes. nahe bevor, das von Freiheitsdurst und Siegesträumen erhitzte 
Volk taumelt dem Untergang entgegen. Vielleicht sind nur v. 9 und 10 im ursprüng- 
lichen Wortlaut erhalten, denn v. 11 f. fällt in stilistischer Beziehung stark ab, ohne 
dass man gegen den Inhalt ein Bedenken haben könnte. 9 ^msrmnn müsste von mma, 
zaudern, unschlüssig warten, herkommen (Gen 19 16 43 lo Jdc 396), aber das passt nicht 
zum Übrigen ; jedenfalls ist es eine Form von man (0. § 273), aber wohl kein hithpealpal, 

12* 



IftO Jes 29u— li. 

i^Uod es wurde eucb das Gesicht von dem allen wie Worte des ver- 
siegelten Buches, das man übergiebt dem Schriftkundigen, sagend: 
lies doch dies! da sagt er: ich kann nicht, denn versiegelt ist es. 

^^Und es wird übergeben die Schrift dem, der nicht schriftkundig ist, 
sagend: lies doch dies! da sagt er: ich verstehe keine Schrift. 



dlts nicht vorkommt, sondern ein Terschriebenes nn»pn, das auch Hab 1 5 neben imsn 
steht. Zu dem Yerbum tro vgl. c. 610, zu den Imperativen mit dem Sinn eines Futurums 
c. 89. 10. Angeredet sind die Ungläubigen, sie werden die Gottestbaten anstarren (vgl. 
Hab I5 Jes 13 s) voll Entsetzen, unfähig, sich ihres ffirchterlichen Eindrucks zu er- 
wehren. Und auch unfähig, sie zu verstehen: erblindet und werdet blind. Es ist eine 
von Gott gesandte (610 Gen 19 11 UBeg 61s) Blindheit, zwar eine Strafe und psycho- 
logisch-ethische Folge ihres bisherigen Unglaubens, aber unmittelbar die Wirkung dessen, 
was man von Gott zu sehen bekommt. Schon unter sonst günstigen Umständen hat die 
Begegnung mit dem Übersinnlichen leicht schwere Folgen (Lk lao Act 98), hier aber 
werden die jetzt Ungläubigen die Ereignisse zu sehen bekommen, die mit ihrem Unter- 
gang endigen. Und ganz hingenommen von dem Schrecklichen, Unfassbaren, taumeln sie 
wie Trunkene. Warum die Pnnktation in v. 9b das perf. will, ist nicht zu begreifen; 
man mnss mit LXX den imper. lesen: ^^vv und ^y^, denn auch in v. 10 f. herrscht die 
2. pers. V. 9b steht nicht »in Rückbeziehung zu c. 28?«, denn dort sind die Leute von 
Wein trunken, und die Kombination der Geistesumnachtung mit dem Saufen in c. 28 ist 
eine ganz unberufene Hülfsleistung, deren Jes. nicht bedarf. Er hat eine andere Dia- 
gnose : Jahve hat auf übernatürliche Weise jene Leute in den unglückseligen Zustand ver- 
setzt, den V. 9 schildert. Das Taumeln, die Trunkenheit ohne Wein wird die Ungläubigen 
überfallen, wenn die bevorstehenden Gottestbaten sie erwecken und aufschrecken aus 
dem Tiefschlaf, den Jahve 10 jetzt auf sie gesenkt hat. niai^r ist überall, wo es vor- 
kommt, ein Gottesschlaf, sonst immer mit hti, hier noch deutlicher mit m-i ^i verbunden. 
Die V. 10 zugrunde liegende Vorstellung ist hergenommen von den Veranstaltungen, durch 
die der Psychiker sich in Verbindung mit dem Übersinnlichen setzt; er begiebt sich in 
die Einsamkeit, verhüllt sich, schliesst die Augen und konzentriert seinen Geist auf einen 
fixen Gedanken, der je nach seinen Zwecken (mystische Devotion, Weckung des hell- 
seherischen Vermögens n. dgl.) und nach seiner Vorstellung von dem übernatürlichen 
Besucher verschieden ist : die Folge ist eine Autohypnose, ein schlafwacher Zustand, ver- 
bunden mit katalepti sehen Erscheinungen; der Hypnotiker ist gegen fremde Eindrücke 
verschlossen, selbst gegen Schmerz unempfindlich (Gen 2fi), behaftet mit Wahnideen, 
also das beste Bild für die unempfänglichen, von falschen Meinungen besessenen Un- 
gläubigen; das Erwachen versetzt, wenn es gewaltsam geschieht, den Schlafwandler in 
Verwirrung, Hülflosigkeit, Schrecken, wie viel mehr hier, wo es ein Erwachen zum 
Tode ist. Die römische Art zu beten velato capite ist dasselbe, nur mehr zur symboli- 
schen Handlung herabgesetzte Verfahren, die Inkubation herbeizuführen. Vermutlich 
war es bei den nebiim sehr in Übung, obwohl diese zur Hervorrufung des ekstatischen 
Zustandes auch noch stärkere Mittel anzuwenden wissen (Musik, Selbstkasteiung und 
-peinigung u. s. w.); ein erleichtertes und besonders bei Laien beliebtes Verfahren ist 
der Tempelschlaf. Hier werden die Judäer oder deren Leiter durch einen von Gott über 
sie »ausgegossenen« Geist unfreiwillig in die Hypnose versenkt; der Geist ist wie ein 
Fluidum gedacht, wie eine Flüssigkeit, deren Genuss, oder besser Geruch narkotisch wirkt. 
Also hangen v. 9 und 10 so zusammen: ihr werdet, wenn das Gericht kommt, fassungs- 
los, geblendet und erblindend, taumelnd wie Trunkene dem Schrecklichen gegenüber- 
stehen, denn jetzt seid ihr Schlafwandler, die die prophetische Rede nicht zur Besinnung 
bringen kann. Wer dem Gericht entgegengeht, muss nüchtern sein und wachen, sagt 
auch das NT, aber diese Unglücklichen können es nicht mehr, ihre Bande sind fest ge- 



Jes 29 13— 14. 181 

18 Und es sprach der Herr: Weil sich nähert 

Dies Volk mit seinem Munde und mit seinen Lippen mich ehrt 

Und sein Herz entfernt hat von mir 

Dass ihre Furcht vor mir wurde ein eingelerntes Menschengebot: 

i^Drum siehe behandle ich es femer wundemar und wundersam, 

[wunderbar, 

Und untergeht die Weisheit seiner und die Einsicht seiner Einsichtigen 

[Weisen, [versteckt sich. 



worden t. 22. Die Ausdr&cke »die Propheten«, »die Seher« sind natürlich unrichtige 
Glossen, obwohl auf der Einsicht beruhend, dass in v. 9. 10 ein Vorgang psychischer 
Art beschrieben wird. 11 f. Die prosaische Satzbildung und die vielen prosaischen Aus- 
drücke in diesen Versen: inM- ^^vk, ^k^, ^sn nirn machen es wahrscheinlich, dass wir 
hier nur den Gedanken, nicht den ursprünglichen Ausdruck des Propheten vor uns haben. 
»Das Gesicht von dem allen« (zu nnn mit bleibendem S, s. 0. S. 417), die Offenbarung 
über all die künftigen Ereignisse — eine schwerfällige und unlebendige Ausdrucksweise 
— wird den Ungläubigen ein versiegeltes Buch infolge des geistigen Schlafs, in den 
Jahve sie versenkt hat. Die beiden Beispiele von Unfähigkeit, das Buch zu lesen v. 11 
und 12, stehen sich nicht im Wege wie die beiden Bilder v. 7 und 8; das zweite Beispiel ist 
stärker, denn ein versiegeltes Buch könnte ein Schriftkundiger immerhin noch aufbrechen 
und lesen. Gleichwohl wäre der erste Satz von v. 11 bis otm ausreichend und sogar 
kräftiger und wirksamer ohne die weitläufige Ausführung in v. 11 b. c und v. 12 gewesen. 
In V. 11 ist mit Qre der Artikel in dem zweiten *)CDn zu tilgen und v. 12 hy in Vk zu 
verbessern. 

Siebentes Stück c. 29t8. u. Das Volk dient Jahve nur mit dem Munde, nicht 
mit dem Herzen, darum wird er es wunderbar, unbegreiflich behandeln. Ob die ein- 
leitenden Worte : der Herr sprach, diesen Spruch mit dem vorhergehenden verbinden 
wollen oder auf einen anderen, vielleicht historischen Zusammenhang hinweisen, ans dem 
der Sammler das Stück herausgebrochen hat (vgl. c. Sie), das lässt sich nicht ausmachen. 
Doch lässt es sich wohl als Fortsetzung von v. 9—12 denken ; und auch der Inhalt, der 
an c. lioff. erinnert, spricht für seine Zuweisung zur Periode Sanherib. 13 ^antc für Jahve 
ist wohl meist etwas zweifelhaft, hier haben noch dazu viele Handschriften rv\rr. Zu ^y 
-9 vgl. wieder c. Sie. i'&a gehört gegen die Akzente zum Vorhergehenden, denn das 
Nahen zu Gott ist nicht tadelnswert, sondern dass man blos mit dem Munde »sich naht«, 
die Enltushandlungen ausübt. Statt "ai-tas ist wegen des vorhergehenden Suffixes '^i'r^^ 
zu lesen. »Ihr mich-fürchten« ist ein gelerntes Gebot; die religio ist für den Bürger 
ein Gesetz, ein bindender Bechtsbrauch, der gelernt werden muss, letzteres um so mehr, 
je künstlicher und anspruchsvoller der Kultus wird. Aber während die Priester be- 
haupten, dass die Thora, die sie lehren, von Gott stammt, nennt sie Jes. Menschenwerk, 
eine freisinnige Äusserung wie die das Gleiche besagende c. lis, die im Grunde die alte 
Tendenz der Beligion des Wüstengottes zum Ausdruck bringt und nur in der kühnen 
und klassischen Formulierung unserem Meister angehört. Die Übersetzung der LXX, 
zitiert in Mt 158. 9, setzt die Lesungen prv^ und ^inp (für ^nn) voraus, von denen die erste 
mindestens nicht schlechter ist als pnn, während die zweite der Jahvefurcht zwei allzu 
ungleichartige Prädikate giebt : wesenlos ist ihre Furcht vor mir, ein gelerntes Menschen- 
gebot. Das Herz ist hier das Organ der Zuneigung wie z. B. Jdc Ö9 und so oft im 
Deuteronomium, und die Forderung, dass man mit dem Herzen an Gott hangen soll, 
wenn man ihm dienen will, bildet die Ergänzung zu der Thora c. lio — 17, dass man 
Jahve durch Erfüllung der Bürgerpflichten dienen soll. 14 Weil man Gotte entfremdet 
ist, versteht man ihn und sein Thun nicht mehr, und grade die Klugen am wenigsten. 
Denn während man meint, dass der Nationalgott, dem man so viele Opfer bringt, gegen 
den Feind helfen muss, ist er es gerade, der den Feind herbeiführt. Das Wunderbare 



182 Jes 29i5— 1«. 

i^Ha über die, die tief vor Jahve verbergen den Beschluss, 

Und es ist ... . und im Finstem ihr Thun, 

Sodass sie sprechen: wer sieht uns und wer weiss von uns? 

i^'Eure Verkehrtheit! Oder ist wie Thon 'der Töpfer zu achten, 
Dass spräche das Werk von seinem Wirker: nicht hat er mich gewirkt, 
Und das Gebild von seinem Bildner: nicht hat er Einsicht? 



ist hier natürlich ganz anders zu verstehen als c. 28s9, es ist das »wildfremde« Werk 
von c. 2881. M^Bn muss wegen k^c als acc. gedacht werden, cpi'' kann mit der Panktation 
als impf, gefasst werden; worauf sich das »femer« bezieht, ist schwer zu sagen, wahr- 
scheinlich nicht auf den Inhalt von v. 10, denn das Volk merkt nichts von seiner 
Geistesumnachtung, sieht sie also nicht als etwas Wunderbares an. Vielleicht sind schon 
Ereignisse vorgefallen, die das Volk befremdet und enttäuscht haben, z. B. die Nieder- 
lage der Bundesgenossen, auf deren Starke die klugen Politiker gerechnet hatten; und 
das Beten, von dem v. 13 spricht, konnte nach c. lioff. verstanden werden, als eifriges 
Bestärmen Jahves um Hfilfe, die aber ausbleiben wird. Es soll im Gegenteil noch viel 
wunderbarer kommen, sagt Jahve, bis die Klugheit jener Eigenklugen (vgl. c. 289ff.) sich 
beschämt verkriechen muss. Das obj. explic. ntn-DTn-h» ist oben ausgelassen, weil es 
überflüssig ist, den Stiches unförmlich macht und nach eben vorhergegangenem mn tiyn 
unschön klingt. 

Achtes Stück c. 29i5— 14. Nur v. 15 gehört dem Jes. an und mag irgendwie 
mit c 30iff. zusammenhangen; was etwa noch folgte, scheint unleserlich geworden und 
darum vom Bedaktor durch v. 16 — 24 ersetzt zu sein. Dieser ahmt dabei, wahrschein- 
lich nicht ganz unbewusst, viel mehr dem Deuterojes. nach, als dem Jes., wird also 
schon c. 40 fr. für jesaianisch gehalten haben, was der Chroniker noch nicht thut. Wegen 
V. 20 ist er schwerlich älter als die Makkab&erzeit. Wen der weiche, gefühlsselige Ton, 
der allerdings c. dOis— 86 noch stärker hervortritt, nicht von der ünechtheit dieses Ein- 
satzes überzeugt, der mag sich fragen, wie er die Yerheissung v. 18, dass die Tauben 
und Blinden hörend und sehend werden sollen »an jenem Tage«, mit Jesaias oft genug 
ausgesprochenen Ansichten üher diesen Punkt in Einklang setzen will. Dass das Stück 
wirklich Ergänzung, nicht etwa selbständiges Produkt eines andern Autors ist, beweist 
die beständige Bezugnahme auf die Umgebung, zu der es sich so verhält, wie c. 28 5f. 
zu V. 1—4 oder wie c. 42—6 zu c. 26— 4 1 ^vgl. weiter zu c. dOisff.). 15 Der Anfang 
ähnlich wie c. dOi 31 1; die Konstruktion wie c. 589. Der geheime Beschlass, von dem 
Jahve nichts wissen soll, ist wahrscheinlich wie c. 30 1. 8 das Ansuchen der Hülfe Ägyp- 
tens. Die Politiker Judas, Hiskia und seine Grossen, haben es also vermieden, die sonst 
bei wichtigen Angelegenheiten üblichen Anfragen an Jahve zu richten, weil sie aus den 
oft gehörten Äusserungen Jesaias schliessen, dass Jahve mit Nein antworten würde. 
Wenn nicht wirklich Jahve, so doch Jes.: jene Propheten von c. 287ff. mögen sie ja be- 
fragt haben, aber das ist für Jes. kein Befragen Jahves. n^ro^ für "i-ron^ (c. 38). Hinter 
t-pnn mag, nach dem Metrum und der Anspielung von v. 18 zu urteilen, ein htta ausge- 
fallen sein. Wer sieht uns, wer weiss von uns, sagen sie als Leute, die sich wohl be- 
wusst sind, dass sie Unrechtes thun. Dem Jes., der als vornehmer Mann in den höchsten 
Kreisen verkehrte, war trotz aller Geheimniskrämerei das Treiben der Diplomaten nicht 
entgangen. 16 gehört schon dem Ergänzer. Schwerlich hätte Jes. jenen Politikern ihre 
Verkehrtheit in solcher Beweisführung nachgewiesen. Für ihn sind sie Bebellen (c. 30 1), 
und die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und ihnen waren mit politischen Sätzen 
(c. 304f.) auszufechten, nicht aber durch eine naive Theologenlogik zu entscheiden, die 
sich auf die eschatologische Dogmatik beruft: steht nicht die Weltumwälznng bevor? 
wie mögt ihr also euch selbst helfen wollen? Auch die Yorstellungen vom Töpfer und 
Thon, Schöpfer und Geschöpf gehören nicht in die alte Welt, die vielmehr vom Verhältnis 
des Königs zum Volk, des Gotteswillens zum Willen der ünterthanen Gottes ausgeht. 



Jes 29i7— w. 188 

^7 Ist's nicht Doch ein kleines Weilchen, so wandelt sich der Libanon zum 

Und das Fruchtfeld wird zum Walde gerechnet [Fruchtfeld, 

i^Und hören werden an jenem Tage die Tauben Schriftworte, 

Und aus Dunkel und Finsternis heraus die Augen der Blinden sehen. 
i'Und die Elenden werden in Jahve vermehrte Freude haben. 

Und die ärmsten Menschen im Heiligen Israels jubeln. 
soDenn dahin ist der Tyrann, verschwunden der Spötter, 

Und ausgerottet alle^ die auf Unheil wachen, 



DSSEn ist doch wohl infin. (das dag. aach Gen 19si): euer Umkehren seil, des wahren 
Sachverhalts. Das Bild ist entlehnt aus c. 459, das auch c. 64? benatzt ist (10i5 ist 
etwas anders), dm leitet den zweiten Teil einer Doppelfrage ein, deren erster aasgelassen 
ist. Zu V *B ^K oder hy s. za c. 5i. 17 M^n, als ob die Weltamwälzang eine feststehende 
Thatsache w&re, an die man nar zn erinnern braucht, um die Verkehrtheit der Selbst- 
hülfe schlagend bewiesen zu haben. Der Ergftnzer denkt sich die you ihm Angeredeten 
nicht so böse, wie Jes. seine Gegner darstellt: es sind ja die Juden des 2. Jahrb., und 
ihre Yertrrung besteht offenbar darin, dass sie an der Besserung der Dinge zweifeln und 
über Gott murren. Für ihn sieht die Situation ganz anders aus als für Jes.; zwar sind 
Läuternngsgerichte im Innern nötig, aber Strafgerichte nur nach aussen; Zion soll nicht 
weinen, sondern bekommt nur Tröstliches zu hören. »Ein wenig, ein Weilchen« wie 
c. 10 15 16 14. Der Inhalt des Satzes ist Nachahmung oder fast Zitierung Yon c. 32 15. 
Der Libanon ist aber ein etwas sonderbarer Ersatz für die Prftrie in der Grundstelle, 
die der Vf. offenbar nicht richtig verstanden hat. Denn Jes. sagt c. 32 15, dass die 
Prärie zum Fruchtland erhoben, verbessert, und dies letztere so reich mit Fruchtbftumen 
besetzt werden soll, dass es wie ein Wald aussieht; hier dagegen wird das Waldgebirge 
Libanon in ein Fruchtland, und dieses in Wald verwandelt, wenn nicht gar der Vf. wie 
die TTy'^ Won für den Berg Earmel genommen hat Entweder ist der Sinn der, dass 
eine völlige Umkehrung der Dinge eintreten, die Niedrigen (die Juden) erhöht, die Hohen 
(die heidnischen Herren) erniedrigt werden sollen — und das ist wohl das Wahrschein- 
lichste — oder der Vf. meint, mit etwas engerem Anschluss an die Grundstelle, dass 
der Libanon für den Eüchenbedarf nutzbar gemacht werden soll. Aber auch c. 10 S4 ist 
der Libanon das Bild für die heidnische Weltmacht vgl. noch unten v. 19 f. 18 Hören 
werden »an jenem Tage« die Tauben Schriftworte — eine sehr unglückliche Verbindung 
von c. 42 18 mit 29iif. Eine Schrift kann der Taube ebenso gut lesen und verstehen wie 
der Hörende. Natürlich versteht der Vf. unter den Tauben geistig Taube und die Schrift 
ist nach v. 11 »das Gesicht von dem allen«, die eschatologische Offenbarung, an die 
manche Juden des 2. Jahrb. nicht glauben mochten, sei es aas zn oft erlebter Ent- 
täuschung, weil die Verheissungen der Apokalyptiker nicht in Erfüllung gehen wollten, 
sei es ans Gleichgültigkeit oder auch wegen der Meinung, dass es sicherer sei, sich auf 
die eigene Kraft und auf das Bömerbündnis zu verlassen. »Aus Dunkel heraus«, d. h. 
nachdem das Dunkel gewichen ist; man sieht aber nicht recht, ob das geistliche Dunkel 
der Blindheit oder das Dunkel des Elends gemeint ist. Jes. macht den Tauben und 
Blinden seiner Zeit solche Verheissungen nicht, sie sollen »gehen und rücklings straucheln« 
c. 28 13, »bis dass wüste sind- die St&dte ohne Bewohner« c. 6ii; diejenigen, die die gol- 
dene Zeit' erleben, sind ein kleines Häuflein von Gläubigen. 19 Die Elenden und 
ärmsten Menschen sind hier wie c. 1480 668 und in den Psalmen die Frommen, nicht 
die niedrigen und gedrückten Volksklassen zur Zeit Jesaias, die dieser Prophet niemals 
als frömmer denn die Grossen hinstellt und hinstellen konnte, ih-rpa ist wohl verkürzter 
Ausdruck für 'p b«i: jubeln unter frohlockendem Ausrufen des Namens Jahves (c. 41 is 
Ps 149s vgl. 95). Der Heilige Israels aus c. l4, hier mit Beziehung auf den sicherge- 
stellten, verherrlichten Tempelkultus, auf die triumphierende Gemeinde, wie die Fort- 
setzung zeigt. 20 »Denn (alsdann) ist verschwunden der Tyrann« (25sf.), der äussere 



184 Jes 29ti— 24. 

^^Die Menschen schuldig machen mit Worten 

Und dem Schiedsmann im Thor Schlingen legen, 

Und die niederstrecken durch Nichtiges den, der Recht hat. 
3^ Darum so spricht Jahve, der GU>tt des Hauses Jakobs, der Abraham erlöste: 

Nicht mehr soll erbleichen Jakob und nicht mehr sein Antlitz erblassen, 
^^Denn wenn er sieht das Werk meiner Hände in seiner Mitte, werden sie 

[heiligen meinen Namen, 

Werden heiligen den Heiligen Jakobs und den Gott Israels fürchten, 
'^Und erkennen werden die Geistesirren Einsicht und die Murrenden die Lehre 

[lernen. 



Feind, der Syrer, und mit ihm der ihm befreundete innere Feind, der Religionsspötter. 
yh kann in diesem Zusammenhange nichts mit c. 28 u. 88 zu schaffen haben, sondern ist 
term. techn. wie Fs 1 1 und oft. Eine solche Zusammenstellung Yon Tyrann und Beligions- 
spötter ist kaum in einer anderen Zeit als in den beiden letzten Jahrhunderten denkbar, 
y. 20 a erinnert auffallend an c. 164. v. 20 b gehört näher zu y. 21. Bei einem alten 
Schriftsteller könnte man in "jik "npvg ein Wortspiel vermuten: Heiligtums Wächter — XJn- 
heilswächter ; vgl. Über den Doppelsinn von f» zu c. lis. Unser Vf. mag etwa an den 
Gegensatz: »Wächter des Becbts« gedacht haben. Im B. Jeremia wird das dort sehr 
beliebte Wort mit hv oder h (l8 56 3187 4487) konstruiert. 21 *^aia wird übersetzt: in 
einer Bechtssache oder um eines blossen Wortes willen oder mit falschem Wort, was 
alles schwerlich in dem blossen "^n-tn liegen kann. Auch die Übersetzung von '^K'^anu : die 
zur Sünde verleiten, kommt nur durch Eintragung zu Wege, und verurteilen kann das 
Wort noch weniger bedeuten. K**t9nn heisst entweder: sündigen lassen, oder: für einen 
Kisn erklären. »Jemanden sündigen lassen in einer Sachec wäre vielleicht möglich, wenn 
die Sache genannt wäre. Es bleibt also nur übrig, vnsnrt als Pendant zu y^o^r. anzu- 
sehen; das letztere thut der Bichter, das erstere der Ankläger, der Denunziant. Vor 
Denunzianten warnt Eob 1080, von ungerechten Anklagen sprechen viele Psalmen (z. B. 
74), und die »Heiligen« hatten viel zu leiden von denen, die sagten: Unsere Lippen sind 
mit uns, wer ist Herr uns? (Ps 124). -la-ra heisst also wohl: mit Bede, mit Worten. Die 
Genannten wissen mittelst advokatischer Beredsamkeit, durch die sie dem ehrlichen pro- 
zessscheuen Bürger überlegen sind, Menschen schuldig zu machen, als schuldig hinzu- 
stellen. Sie wissen ferner dem Schiedsrichter im Thor, wo das Gericht abgehalten wird 
(Job 3181 Prv 2288 Dtn 16 18 Am 5i8. 15), Schlingen zu legen, d. h. wohl, durch listige 
Bedekniffe, vielleicht auch Geschenke oder anderweitige Beeinflussung den Schiedsinann 
für sich einzufangen, »blinde zu machen (Dtn 16 19). iivp*, das das part. fortsetzt, ist 
impf, von «np s vp" (0. § 244b G.-E. § 72 r). Durch solche Künste überwinden sie den 
Unschuldigen, ntsn ist in unser m Sinn häufig Am 5i8 Prv 186 Mal 35. inra, durch 
Nichtiges, in diesem Sinne besonders oft bei Deuterojes., bei Tritojes. (594) noch mit 
dem Neben sinn des k137, der auch hier am Platz ist. Das Unwesen der Babulisten moss 
zur Zeit des Yf.s besonders arg gewesen sein, da er verhältnismässig so weitläufig dar- 
über redet. 22 kehrt zum Hauptthema zurück. »Darum«, weil die goldene Zeit bevor- 
steht, soll man nicht mehr zweifeln oder murren, denn es ist für »Jakob«, für die Juden, 
nichts mehr zu befürchten, ein Satz, der sich in der jesaianischen Umgebung sehr 
wunderlich ausnimmt, denn Jes. spricht von nichts als von der bevorstehenden Beschämung 
»dieses Volkes da«. Dass die Erlösung Abrahams in der Zeit Jesaias ein ganz fremder 
Gedanke ist, hat bereits Wellh. bemerkt, aber zu unserem Znsammenhang passt sie 
durchaus und ist keineswegs Einsatz. Allerdings ist der Belativsatz jetzt reichlich weit 
von dem Substantiv getrennt, auf das er sich bezieht, eben deshalb muss man aber mit 
Lowth im Vorhergehenden h» statt hn sprechen, dies um so mehr, als die Wendung: 
»über das Haus Jakobs« vollkommen überflüssig ist. Die spätjüdische Sage, dass Abra- 



Jos 30 1—«. 186 

30 1 Ha aber die widerspenstigen Söhne, ist der Spruch Jahves, 

Auszufahren einen Seschluss und nicht von mir, 

Zu giessen Gussopfer und nicht mit meinem Geist, 

Um zu häufen Sünde auf Sünde! 

^Die hinabziehen wollen nach und meinen Mund nicht befragten, 



[Ägypten 
)Zufli 



Zu flüchten in Pharaos Zuflucht und sich zu bergen im Schatten 

[Ägyptens. 



ham aas dem »Feuer der Ghaldaer« gerettet worden sei, ist aus dem Namen Ur Easdim 
herausgesponnen, der selber erst in nachezilischen Schriften vorkommt, i'^'in'' soll wohl 
ein gewählteres Wort sein als das gewöhnliche i*^Erp. 28 »Denn« wenn die Juden das 
Werk Jahves unter sich sehen, nämlich seine Gerichte an den Tyrannen, Spöttern und 
ungerechten und die glorreiche Erhöhung der Gemeinde, so werden sie Jahves Namen 
heiligen, werden ihm, befreit von der Blindheit und Verkehrtheit, alle eifrig dienen. 
i'^-tV'« kann nicht acc. zu irK*) sein, sondern nur Erklärung des Suffixes dieses infin., also 
eine Glosse, die nur für recht thörichte Leser nützlich sein konnte, da sowohl ta'^pa als 
der plur. des folgenden Yerbums deutlich genug zeigt, dass Jakob das Volk ist und nicht 
der Patriarch, den man sich ja allerdings auch als besorgt für das Geschick seiner Nach- 
kommen dachte. »Sie werden heiligen den Heiligen Jakobs« kann man doch nicht anders 
als Schwulst nennen, zumal nach einem Satz gleichen Inhalts (vgl. 5i6). Über ix'^-^s''' vgl. 
zu c. 819; der Ergänzer hat in c. 8is wohl schon die falsche Lesart i«n-rpn gelesen. 
24 nra rr auch Job 38*; nra ist hier als Synonymum von maan vgl. Koh 8i6 nicht die 
Thätigkeit des Erkennens, sondern dessen Inhalt, und die Phrase offenbar sekundärer 
Art. Aus der Chokmaliteratur stammt auch n^^, dem das spätere n^a): entspricht. Ist 
ni*i— ;n ein älterer Ausdruck, so bedeutet es wohl zunächst die durch einen Geist irrenden, 
d. h. die Irrsinnigen. Die jetzt verblendeten oder unzufriedenen Juden werden infolge 
der Wendung des Geschickes sich gern der Belehrung und der Disziplin des Gesetzes 
hingeben vgl. Prv l5. Der Grundgedanke ist immer, dass die Juden als Juden des 
Heiles sicher sind. 

Neuntes Stück c. 30 1 — 5: Wehe über das nutzlose Bündnis mit Ägypten. Die 
Bestimmung der Abfassungszeit hängt von der Beantwortung der Frage ab, wann sich 
die Judäer nach Ägypten um Hülfe wandten. Das letztere umfasst zu der Zeit der Bede 
das Gebiet von Zoan (Tanis, im Nordosten) bis Chanes (Hnes, "JvvüiSj südlich von Mem- 
phis), also Unterägypten. Damit ist nicht das Beich des Sabako gemeint, der von Ober- 
ägypten aus zwar eine Zeit lang auch IJnterägypten beherrschte, dessen Herrschaft aber 
so wie V. 4 thut nicht beschrieben werden konnte. Die äthiopische Dynastie verlor die 
Herrschaft über Unterägypten seit ihrem Misserfolg gegen Sargon, die Deltafürsten, von 
denen der Fürst von Sais sich Pharao nannte, blieben bis über Sanheribs Zeit hinaus 
selbständig; nächst der sai tischen Dynastie war die tanitische die mächtigste. Nun 
könnte man an ein Bündnis wider Sargon oder wider Sanherib denken, aber dem ersteren 
gegenüber scheint sich Juda nach c. 20 nfcht so weit mit Ägypten eingelassen zu haben. 
Daher ist es geraten, unsere Bede in die Zeit von 704 bis 701 zu setzen. 1 D*3a wie 
c. Is. 4, wo der Ausdruck besonders motiviert ist; indessen liegt auch hier ein Grund 
angedeutet in dem "s« k^i: mich, den Vater, hätten die Judäer doch fragen sollen, q^-i-^'id 
auch c. l£8. r^'wyh angehängt wie c. 52S. *T2 für '"T'sn auch c. 224. »Zu giessen ein 
Gussopfer«, nämlich zum Abschluss eines Vertrages, vgL anovSrj^ Gussopfer und (im plur.) 
Vertrag, naoia kommt nur hier so vor für 71^^. Daher andere: ein Gewebe weben, aber 
"^ca heisst nicht weben, sondern giessen oder decken (25?), roüta Guss oder Decke (28 20). 
-rtn-i K^i ist auffallend kurz: und nicht mit meinem Geist, d. h. unter Zuziehung meines 
Propheten vgl. c. 29 15. iisvk selten bei Jes. (c. 28 13), um so häufiger bei den Deuterono- 
misten; es nennt hier den Zweck für die Folge. Sie häufen Sünde auf Sünde: verkehrt 
war es schon, an fremde Hülfe, ja überhaupt an Krieg zu denken, doppelt verkehrt ist 



186 Jes 30s— 5. 

»Sein wird euch die Zuflucht zur und die Bergung zur Schmach, 

[Schande 

^ Mögen auch in Zoan seine und seine Boten bis Chanes reichen: 

[Fürsten sein 

^Jeder trägt Unehre davon an dem Volk, das nicht nützt, 

Dem Volk, das keine Hülfe sondern Schande und Schimpf dazu. 

[bringt. 



es, Jahve und seinen Propheten za umgehen. 2 ny und fiy^ können sowohl von tt», stark 
sein, wie von ti;, fliehen, abgeleitet werden, doch würde im ersteren Fall die Ortho- 
graphie inkorrekt sein und der Sinn nicht sehr passend vgl. den folgenden Ausdruck. 
Tiy (intrans. Infin. wie vtra) kommt wohl blos zufallig sonst nicht im qal vor; das hiph. : 
flüchten seil, die Habe würde hier nicht angebracht sein; zu tira s. 0. S. 384. Der 
Pharao ist ein nationalägyptischer König; Sabako wird auch IIBeg 174 nicht Pharao 
genannt, obwohl er sich die Titel der Pharaonen angeeignet hatte. Die Palästinenser 
scheinen sich zunächst an das Nachbarland Ägypten gehalten zu haben, und dem letzteren 
wäre vielleicht die Zuziehung des Äthiopenkönigs gar nicht angenehm gewesen. Nach 
0. 18 kommen die Gesandten Tarrakos nach Jerusalem, nicht die judäischen nach Napata, 
und an Tarrakos Beteiligung an dem grossen Kampf scheint hauptsächlich sein Ehrgeiz 
schuld gewesen zu sein. 8 Zu rva vgl. c. 206. Ägypten ist selbst machtlos gegenüber 
Assur ; wer sich mit ihm einlässt, kommt sogar in rra^s, blamiert sich y. 5. Oben ist das 
wiederholte rt^^t und a''*i:n-^s als ästhetisch und rhythmisch unangenehm weggelassen. 
4 Warum vn nicht heissen kann: sie sind (Dillm.), verstehe ich nicht. »Sie sind ge- 
wesen« (Dillm.) giebt keinen Sinn, denn dass seine (nämlich vermeintlich Sabakos) Fürsten 
einmal in Zoan gewesen sind, war für Politiker, die mit der Gegenwart zu rechnen hatten, 
vollkommen gleichgültig; femer würde Jes., wenn er den Sabako im Auge gehabt hätte, 
doch das diesem nähere Chanes zuerst und Zoan zuletzt genannt haben; auch würde er, 
wenn er die Ausdehnung der Äthiopenherrschaft über Mizraim beschreiben wollte, statt 
Ägypten vorher Kusch haben nennen müssen. Ebenso verkehrt ist es, die Fürsten und 
Boten als judäische anzusehen; es steht ja doch nicht da: eure Fürsten oder : die Fürsten 
Judas, sondern: seine, also Ägyptens oder Pharaos Fürsten; und Jes. ist nicht der Mei- 
nung, dass Ägypten nicht helfen will, wenn es auch noch so dringend angefleht wird, 
sondern dass es nicht helfen kann, wie aus der ganzen Bede und aus c. 20 und 31 deut- 
lich genug hervorgeht. Jes. will auch nicht sagen, wie klein die Ägypterherrschaft (Hitz.), 
sondern wie gross sie sei. Er nennt Zoan und Chanes (ägyptisch Hachnensu, Chnensu, 
Hnes) als Sitze kleiner Dynastien, weil sie die südnördliche Ausdehnung des damaligen 
Ägyptens gut veranschaulichen konnten, auch vielleicht in den Kämpfen mit Sabako oft 
in Palästina genannt waren. Cheyne verwandelt i'^n in ^tsn und Chanes in Thachpanches 
und streicht die Suffixe, aber dass die Fürsten, die in Zoan das Lager aufgeschlagen 
haben, palästinensische Gesandte sein sollen, hätte schwerlich ein Leser erraten, und 
der Ausdruck nyr weist auf einen relativ weit entfernten Ort hin. Die LXX liest die 
beiden letzten Wörter von v. 4: ^yy: ojr: (ersteres Wort auch in hebr. codd.) und scheint 
deswegen die Reichsboten Ägyptens zu bösen Engeln gemacht zu haben ; ihre Lesung ist 
wohl dadurch veranlasst, dass sie die beiden ersten Wörter von v. 5 nicht hatte. 5 Ktib 
«TKan, ist stinkend geworden, in Unehre geraten (II Sam 16 21 ISam 134); es passt zu 
V. 5b und zu nnVs v. 3 und ist als das derbere Wort dem v*a^n des Qre vorzuziehen, 
um so mehr als rva schon genug vertreten ist. Jeder trägt Schimpf davon (Erfahrungs- 
satz, darum perf.), wenn er auf Leute rechnet, die nicht helfen, 'nh für cnV ist auffällig 
und der Dativ selber, der v. 7 fehlt, eher lästig, zumal wegen des Plurals. Für die 
Fassung: sich selber nützen sie nicht, ist die Fortsetzung nicht günstig und der Aus- 
druck kaum stark genug (vgl. c. 47 14). Wahrscheinlich ist es aus üyh entstanden, das 
das vorhergehende Q9~!»7 wieder aufnehmen soll (vgl. zum Stil c. 18 9). Dadurch wird 



Jes 306—7. 187 

30 «Orakel ,Jn den WüstuDgen des ßüdlandes''. 

[In den Wüstungen des Südlandes,] im Land der Enge und Angst, 

Von wo Löwe und Leu, Otter und geflügelter Saraf, 

Führen sie auf der Schulter von Eseln und auf dem Hocker von Kameelen 

[ihre Güter [ihre Schätze 

Zum Volk, das nicht nützt, 7*) dessen Hülfe eitel und nichtig ist**). 

*) Ägypten. **) Darum nenne ich dies: Bahab der Wüsten. 



auch dem folgenden Stiches aufgeholfen, der jetzt eigentlich in gar keiner fühlbaren 
syntaktischen Verbindung mit dem Übrigen steht, so aber ein volltönendes Glied ab- 
giebt: dem Volk, das nicht zur Hülfe, sondern zur Schande gereicht. WinV k^^ ist eine 
leere Wiederholung, fehlt in der ursprünglichen LXX und stört das Metrum, wird daher 
besser gestrichen. 

Zehntes Stück c. 30«. 7. Inhaltlich mit dem vorhergehenden ziemlich identisch, 
muss es eben deswegen als ein besonderes Stück behandelt werden. Die Stichwortüber- 
schrift macht wahrscheinlich, dass es einst neben c. 21. 22 gestanden hat und erst vom 
letzten Redaktor hierher versetzt ist; denn die Überschrift würde vor v. 1 stehen, wenn 
sie erst nach der Verbindung von v. 1—5 mit v. 6f. entstanden wäre. Dass rniona nicht 
den Wasserochsen von Job iOiofT. bedeutet und nicht »emblematische« Bezeichnung 
Ägyptens ist, das doch nicht im Negeb liegt, bedarf keines Beweises. Aber auch der 
Sinn »Tiere des Negeb« will nicht recht passen, da doch nur vom Löwen die Bede ist 
und n-«n zu sagen gewesen wäre, wenn die Überschrift auch die Schlangen des Negeb 
umfassen wollte. Ich vermute, dass die Überschrift wie gewöhnlich ein oder ein paar 
Worte des Textes wiederholt, dass der letztere mit eben diesen Worten anfing und dass 
auch das unerklärliche Schlusswort von v. 7 darauf anspielt (s. u.); ich schlage daher 
vor als Anfang der jesaianischen Bede a^a n*«^, danach als Überschrift : niisva avo, welch 
letzterer Ausdruck in niuna durch Konjektur umgeändert wurde, als er im Anfang der 
jesaian. Bede weggefallen war. Dadurch erhalten wir den Vorteil, dass jetzt nicht mehr 
mit 80 unnützer und bei Jes. ganz ungewöhnlicher Greheimthuerei von dem Lande der 
Drangsal gesprochen wird, das man ohne die nichtjesaianische Überschrift höchstens aus 
dem geflügelten Saraf erraten könnte, und dass das pluralische Suffix von um (masc. 
statt fem. wie oft bei diesem Suff. s. 6.-E. § 135 o) jetzt nicht mehr in der Luft steht. 
Denn dass sma bedeute: aus dessen (des Landes) einzelnen Teilen, oder dass es gar auf 
rnx und rrpns gehe und partitiv sei, ist ja doch nur eine Ausflucht der Verzweiflung, die 
lieber dem Jes. die ärgste Geschmacklosigkeit aufbürdet, als die eigene Verlegenheit ein- 
^ gesteht; die Änderung des cma in cn: würde die Wiederholung von x'^^ vor tr^h erfordern. 
In den Wüsten (c. 156) des Negeb, wo es kein Wasser und keine liobensmittel giebt, in 
dem Notlande, das Jer 26 Dtn 8i5 in ganz ähnlicher Weise geschildert wird und über 
dessen Sarafen zu c. 69 zu vergleichen ist, wandern die Abgesandten Judas, die sich 
V. 1 erst zur Wanderung anschicken, mit den auf Esel und Eameele geladenen Huldi- 
gnngsgeschenken für Pharao, einem Ziel entgegen, von dem nur Enttäuschung winkt. 
Der Plnr. an-V'^n nur hier. Werden die Greschenke von Lasttieren getragen, so bestehen 
sie nicht blos in Gold und Silber, sondern auch in edlen Landesprodukten vgl. Gen 48 ii 
Jes 399. 7 Die emphatische Voranstellung von u^xo hat gar keine Berechtigung. Wahr- 
scheinlich ist das Wort eine Glosse zu dem w v. 6, aus der Zeit herrührend, wo v. 6 f. 
noch nicht mit v. 1 — 5 verbunden und also eine nähere Bezeichnung des nutzlosen Volks 
von Nöten war. Wird es gestrichen, so erhält man aus dem Schluss von v. 6 und v. 7 a 
ein Distichon, das dem von v. 5 (nach unserer Lesung) gut entspricht: das Volk nützt 
nicht und hilft nicht ordentlich. Sonderbar ist v. 7 b. »Darum nenne ich (wer? Jahve 
oder der Prophet oder ein dritter?) dieses (was?): rahab hem, schabet«. Dass Jahve, 
als wäre er ein Mensch, oder auch sein Prophet Ägypten wegen seiner IJnthätigkeit oder 



188 Jes 308. 

30 ^Jetzt geh hinein, schreib es nieder*), und auf ein Buch zeichne es, 

Dass es sei für einen späteren Tag, zum Zeugen für immer! 

*) auf eine Tafel in ihrer Gegenwart. 



Machtlosigkeit mit einem Spitznamen belegen sollte, ist ein za abenteuerlicher Gedanke, 
als dass man ihn dem Jes. oder auch einem andern alten Schriftsteller zutrauen dürfte; 
wahrscheinlich rührt die spöttische Bandglosse Yon einem Leser her. Damit harmoniert 
es, dass die Namengebung, so rätselhaft sie ist, doch voraussetzt, dass Ägypten längst 
Rahab genannt wurde: dieser apokalyptische Eätselname findet sich aber erst bei den 
spätesten Schriftstellern (Ps 874 89 ii), nachdem seit dem Exil die Last für das Mytho- 
logische aufgekommen und Hesekiel mit der Bezeichnung Ägyptens als des grossen 
Wassertieres (Hes 29s Jes 27 1) voraufgegangen war. Auch kommt 2m erst im Hieb 
(9 18] als Name eines mythischen Ungeheuers vor. Der Glossator dachte bei seinem rw^ 
offenbar an den Landesnamen Ägypten, der selber am Anfang von v. 7 eingesetzt ist. 
Nach der Meinung des Etib und der Punktation nennt nun die Glosse Ägypten : Bahab, 
die sind Sitzen, oder: Rahab sind sie, Sitzen. Es ist nicht schön, dass diese unglaub- 
liche Auffassung von manchen Exegeten akzeptiert ist, die sich beeilen, das on durch 
das angebliche Kollektiv zu rechtfertigen (obwohl weder Rahab noch rao Kollektiv ist 
und eben vorher der weibl. Sing, tkt steht) und das Wort Sitzen stillschweigends in 
Sitzenbleiben s Unthätigkeit umsetzen. Konjekturen sind in grosser Zahl gemacht: 
naw Bnan->, nawen an^, ratnen '1, n*jiWBn, und sie Hessen sich in dieser Weise leicht ver- 
mehren, z. B. : pa»»n '-1 (Thr I7) oder: t^'smn '-> (vgl. Mch 28 Jer 37?), aber keiner 
dieser Vorschläge erklärt die Wahl und den Witz des neuen Beinamens genügend. Wegen 
des pV muss nav an im Vorhergehenden stecken und aller Wahrscheinlichkeit nach, bei 
einem Glossator am ersten, nicht blos dem Sinn, sondern auch dem Ausdruck nach. 
Deshalb lese ich riav>än '-<, Rahab der Verwüstung. Dies Wort hat der Glossator in der 
Überschrift zu lesen geglaubt und die letztere auf Ägypten bezogen, da das Stück ja 
wohl ein massa über Ägypten genannt werden kann; er lässt nun Jahve oder den Pro- 
pheten diesen Ausdruck der Überschrift in dem hinzugefügten Schlusssatz erklären: weil 
Ägypten verwüstet werden soll, ein Wasser ungeheuer auf dem Trockenen, wie Hes 295 
gedroht war, soll es Rahab der Wüste heissen. 

Elftes Stück c. 308— 17. Jes. soll seine Warnungen und Weissagungen auf- 
zeichnen als Zeugnis für die Zukunft, denn das Volk ist widerspenstig ; dessen Unglaube 
und Ungehorsam wird ihm zum schwersten Verderben ausschlagen. Das Stück will in 
sofern nicht selbständig sein, als es auf die vorhergehenden Reden anspielt, aber es setzt 
eben doch eine andere Situation voraus: Jes. steht nicht vor dem Volk, sondern sitzt in 
seinem Hause und schreibt »für einen folgenden Tag«, obwohl er bald in die ihm ge- 
wohnte Form der Anrede zurücklenkt. Es ist ein interessantes Beispiel für die Art, wie 
seine Schriften zu Stande kommen: er kann nicht mehr reden, wenigstens nicht mit 
Nutzen, so schreibt er, aber auch das Schreiben wird ihm von Jahve geboten. Es wäre 
nun wichtig zu wissen, wie weit diese Schrift geht, doch haben wir für diese Frage auf 
sichere Entscheidung nicht zu hoffen. Ich halte es für möglich, dass Jes. die Stücke, 
die wir jetzt von c. 28 1 an lesen, die sich recht gut als eine durch Jesaias eigene Hand 
redigierte Schrift auffassen lassen, in ihrer dem Anschein nach beispiellos korrekten 
chronologischen Reihenfolge zusammengestellt habe; diese Schrift geht dann mindestens 
bis G. 30 17, umfasst aber vielleicht auch noch c. 3027 — 31 9. Die Schrift sollte sein und 
ist geworden ein Zeugnis und Vermächtnis Jesaias für die Zukunft aus einer Zeit, wo 
seine Mission beendigt schien, wo das Volk auf dem Punkt der Verblendung angelangt 
war, der nach c. 6 bei dem Vernichtungsgericht erreicht sein sollte, wo es aber anderer- 
seits ein Häuflein Gläubiger gab, die c. 29 1—8 und 30s7ff. verstehen und sich daran 
trösten und aufrichten konnten. Eine Schrift verwandter Art und Abz weckung glaubten 
wir in c. 816— 18 angedeutet zu sehen. 8 Den ersten Stiches verstehe ich nicht. »Geh 



Job BO9— 11. 189 

^Denn ein widerspenstiges Volk ist es, verleugnende Söhne, 

Söhne die nicht hören wollen die Weisung lahves, 

i^Die sagen zu den Sehern : seht nicht! und zu den Schauem : schaut uns nicht 

Redet uns Schmeicheleien, schaut Täuschungen! [Richtiges! 

^1 Weichet vom Wege, biegt vom Pfade, 

Schweigt vor uns vom Heiligen Israels! 



hinein« heisst doch wohl: gehe in dein Hans, da Kin sonst eine nähere Angabe bei sich 
haben müsste; »und schreibe es auf eine Tafel in ihrer Gegenwart«. Auf eine Tafel 
schreibt man nur ein kurzes Wort (c. 81. s Hab 28). Wo hätten wir dies kurze Wort 
zn suchen? Denn wenn es nicht angegeben wäre, so hätte die Erwähnung der Tafel 
keinen Zweck. Man yerweist nun auf y. 7 b, aber der rührt nicht von Jes. her und kann 
durch diese Tafel nicht als echt erwiesen werden, abgesehen davon, dass wahrscheinlich 
V. 6 und 7 nicht in diese Schrift aufgenommen waren. Und was bedeutet snc, in ihrer 
Gegenwart ? Welche Leute hat Jes. mit in sein Haus genommen, um vor ihnen die Tafel 
zu beschreiben, die D*d^n von v. 2, die Wtistenwan derer von v. 6 oder die Ungläubigen 
von V. 9? Denn es liegt doch auf der Hand, dass onK nicht heissen kann: »so dass die 
Tafel bei ihnen (ausserhalb des Hauses Jesaias) sei und bleibe« (Dillm.), da müsste doch 
das Kta gestrichen werden. Und wie verhalten sich die Suffixe von stand und n^n zu ein- 
ander? und warum steht nicht das erste Verbum bei ^tt und das zweite bei n*\h? Hat 
Jes. geglaubt, dass die Tafel ewig existieren würde? von einem Buche konnte er dies 
annehmen, weil es immer wieder abgeschrieben wird und die Abschrift denselben Wert 
hat wie die Urschrift, während eine Inschrift, die das Sitzenbleiben Bahabs verkündigt, 
schon dem nächsten Jahrzehnt gleichgültig sein konnte und die Tafel, wenn einmal zer- 
stört oder verwittert, gewiss nicht erneuert wurde. Aus diesen Gründen ist onti ni^-^y 
als ein Einsatz anzusehen, der in Nachahmung von c. 8if. erst auf Grund von v. 7 b in 
den Text gekommen ist. Das Suffix von rana bezieht sich auf den v. 15if. noch einmal 
wiederholten Grundgedanken der Beden Jesaias aus den ersten Zeiten Sanheribs, dass 
man sich nicht auf Menschen verlassen, sondern Jahves wunderbares Werk in Buhe und 
Vertrauen abwarten soll, und dass die, die das nicht thun, widerspenstig sind und unter- 
gehen werden. Diese »Bezeugung und Weisung« (Sie) wird (Subj. von *nn ist nicht ^so 
oder gar niV, sondern das, was das Suff, von nars meint) für die Zukunft bleiben, ein 
Zeuge bis in Ewigkeit. Für Tih ist mit Trg. Fesch. Vulg. und vielen Exegeten -r^!» zu 
sprechen vgl. c. 19 so Dtn 3119. 21. In dem 0^*19—19 -ry spricht sich nicht das Selbst- 
bewusstsein des Schriftstellers (»monnmentum aere perennius«) aus, sondern der prophe- 
tische Glaube an die ewige Wahrheit, die Hoffnung und die Entrüstung. Das Buch wird 
ein ewiges Denkmal des Unglaubens sein. 9 Denn es ist ein widerspenstiges Volk, gott- 
verleugnende Gotteskinder (vgl. Job 3188 Prv 309 und zur Sache c. Is 638). Die hier 
gemeinte Thora wird v. 15 noch einmal wiederholt, s. ausserdem zu c. 28 19 c. 816. 10 f. 
Sie verbieten sogar den Sehern den Mund, wofern sie nicht Angenehmes weissagen wollen. 
Ähnlich spricht der Zeitgenosse Micha (c. 26. 11 vgl. 3 11) und früher Amos (2j8 7is) und 
Hosea (97. 8) und später Jeremia. Die seit Amos aufkommende Eschatologie isolierte 
die Propheten, die ihr anhingen. Jes. legt den Bedenden sein Urteil in den Mund wie 
c. 28 15. Für das breite i*^m ^vm hat die LXX vielleicht nur '^yM gelesen. rn^rnQ, an. 
Xiy., deverb. vom hiph. von hhr. Die Pluralform -stt v. 11 nur hier. »Weicht ab vom 
Wege< kann nicht den Sinn haben: weicht ab von Jahves Wegen, von der Gottesfurcht, 
was weder einen Anhalt im Eontext hat, noch im Interesse jener Politiker läge, sondern 
bedeutet: gebt eure Bichtung auf, euer Bestreben, uns durch Unglücksdrohungen Furcht, 
Unbehagen, Sorgen einzuflössen. Jes. lässt sie nur wieder mit seinen eigenen Worten 
sprechen: sein Weg ist die ihm von Gott vorgeschriebene Aufgabe. Vom »Heiligen 
Israels« wollen sie nichts hören, nicht als ob sie die Jahvereligion aufgeben wollten, 
vielmehr hören sie es gern, wenn andere Propheten ihnen im Namen Jahves Angenehmes 



190 



Jes BO12— 16. 



i^Drum so spricht der Heilige Israels: 

Und vertraut auf Krummes und 

13 Drum wird euch sein [Verdrehtes 

Wie ein Riss, der sinkt, sich aus- 

Der plötzlich urplötzlich [baucht 

i^Sie zerbrechend wie ein Töpfer- 

[krug zerbricht, 
Dass nicht mehr gefunden wird 
Zu fassen Feuer vom Herde 
i^Denn so sprach der Herr, 
Durch Abkehr und Ruhe 
Im Stillesein und Vertrauen 

Doch ihr wolltet nicht 
Sondern auf flfichtigem Ross wollen 

[wir fliegen, 
Und auf dem Renner wollen wir 

[reiten, 



Weil ihr verachtet dies Wort, 
und stützt euch darauf: 
diese Verschuldung 
in einer ragenden Mauer, 
kommt ihr Bruch, 
zerschmetternd schonungslos, 

in seinem Getrfimmer eine Scherbe, 
und zu schöpfen Wasser aus der 
Jahve, der Heilige Israels: [Zisterne, 
sollt ihr gerettet werden, 
wird liegen eure Kraft, 
i^und sprächet: nein! 
darum sollt ihr fliehen, 

drum werden rennen eure Verfolger! 



prophezeien (Mch du); sie wollen sich nur nicht sagen lassen, dass ihr Thun sich mit 
der Jahvereligion nicht vertrage, ein Hohn auf sie sei (I4) und die Strafe nach sich 
ziehe. Der Zusammenhang zeigt aher deutlich, dass ahsolut keine Bede von »Heilig- 
keitsforderungen« ist, die überhaupt kein alter Prophet stellt, sondern nur von der poli- 
tischen und persönlichen Unterwerfung unter Jahves Leitung der Geschichte, von der 
Hingebung an Jesaias Eschatologie. So stellt 12 die falsche Politik in den Vordergrund ; 
es ist die weltliche Politik der Ränke und Schliche, die mit Ägypten ein Bündnis zu 
stiften sucht und dies nicht blos vor dem assyrischen Oberherrn (der sich mutmasslich 
wie später Nebukadnezar Hes 17i8— 19 hatte Treue schwören lassen), sondern auch vor 
dem eigenen Gott geheim hält. In diesem Zusammenhang und neben riVa ist pi^, Be- 
drückung, Erpressung, unpassend und mit Houb. u. a. nach Prv 2 15 in v^jf zu ändern. 
Zu den Schluss werten von v. 12 vgl. wieder Mch 3 11: und auf Jahve stützen sie sich. 
Zu oseirs, sprich mÖö8«kem, s. G.-E. § 61, 1 Anm. 2. 18 Der Nachsatz zu dem yr v. 12. 
Die Verachtung der göttlichen Weisung und die eigenmächtige Politik ist eine Ver- 
schuldung, die aus eigener innerer Eonsequenz immer stärker anwächst, bis plötzlich das 
Verderben da ist. Das prächtige Bild dieses Verses ist dem Bild unseres Dichters von 
der Schuld, die fortzeugend Böses muss gebären, noch fiberlegen; der Doppelsinn des 
Wortes yvfj das sowohl subjektiv die Schuld, wie objektiv die Last und Strafe der Schuld 
bedeutet, kommt zur vollen Geltung. Der Zwiespalt zwischen Jahve und Juda ist für 
letzteres wie ein Biss in einer hohen Mauer, der von oben beginnt, dann in immer 
stärkerem »Ausbauchen«, Abweichen von der lotrechten Linie, sich vergrössert und zu- 
letzt an dem Punkt anlangt, wo das Übergewicht zu gross wird und die ganze Stelle 
plötzlich einstürzt. Zuerst der Unglaube, dann die heimlichen Zettelungen, zuletzt die 
trotzige Auflehnung wider die göttliche Abmahnung: da giebt's kein Halten mehr, dem 
moralischen Sinken muss der Sturz folgen, denn Israel kann nicht ohne Jahve oder gar 
in Auflehnung gegen ihn bestehen. Biss hat den Doppelsinn Biss oder Beissen und 
rissige, reissende Stelle, das letztere wiegt hier vor. 14 Und der Sturz wird gründlich 
sein, wie mit Hülfe eines neuen, durch das Wort *^atD angeregten Bildes ausgeführt wird. 
rt'navii darf wegen des folgenden ^an'« kV nird nicht in ^^{^1 (LXX) verändert werden; 
Subj. ist *^av oder eigentlich ein daraus zu entnehmendes »es«; das dreifache ^v dient 
einer kunstlosen Klangmalerei. Für ti^rt ist wegen hforc der inf. abs. nins zu schreiben 
(Dillm.). So vollständig scheitert die Politik der Grossen, dass Judas Staat darüber 
ganz in Scherben geht. 15 bis 17 fasst noch einmal alles zusammen. Zuerst was Jahve 
verlangt hat, seine Thora v. 9. 12 c. 816, eine Wiederholung jenes: Halte dich ruhig, 
wenn ihr nicht glaubt, bleibt ihr nicht c. 7. Durch Enthaltung von Selbsthülfe, durch 
Vertrauen auf Jahve hätten sie sich retten können. Das ist der allgemeine Satz, von 



Jes 3017—18. 191 

i^Vor dem Dräuen von ffinfen*) wer- bis dass ihr seid ein Rest 

[det ihr fliehen, 
Wie der Mast auf dem Berges- und wie die Fahne auf dem Hügel. 

[haupt 

*) Je ein tausend vor dem Dränen eines Einzigen. 
*^Und darum ist Jahve voll Ungeduld, euch Huld zu schenken, 
Und darum erhebt er sich, eure Not zu heben ; 
Denn ein Gott des Rechts ist Jahve, 
Heil allen, die auf ihn harren! 



dem fireilich Jes. niemals geglaubt hat, dass er fßr die Gesamtheit oder auch nur für 
die Mehrheit des Volks von praktischer Bedeutung sein werde. Er selbst hat sein 
Bestes gethan, das Volk f&r den »Glauben« zu gewinnen, aber er hat nach seiner Be- 
hauptung c. 6 von Anfang an gewusst und thatsächlich immer wieder erfahren, dass 
das Volk blind ist und immer blinder wird. Er schreibt es hier dem Nichtwollen zu, 
aber hanpts&chlich deshalb, um den Inhalt von y. 16 rhetorisch besser Yorznbereiten, 
denn er hat soeben noch durch das Bild von dem unaufhaltsam fallenden Biss ange- 
deutet, dass das Volk sich längst nicht mehr in der Gewalt hat. Der objektive Historiker 
wird sagen müssen, dass Jes. mit seiner Forderung des Glaubens und der selbstTerleug- 
nenden freudigen Unterwerfung unter Jahyes Führung seiner Zeit um Jahrhunderte 
vorausgeeilt war; ihn haben erst die Christen verstanden, die selbst die Flucht vor dem 
Martyrium verwarfen, oder ein Luther, der seinem Fürsten sagt, dass nicht dieser ihn, 
sondern er den Fürsten schütze. Dagegen bezweifle ich, dass man objektiv urteilt, wenn 
man sich ganz auf die Seite der Gegner Jesaias stellt, den Ahas verständig nennt, weil 
er sich feige dem Assjrer in die Arme wirft, und den Hiskia nur deswegen nicht in 
gleicher Weise lobt, weil er nicht reüssiert hat. Gegenüber solcher Klugheit, die Jes. 
recht gut als solche erkennt c. 29 14, vertritt er den höheren Standpunkt der Idee; und 
was wäre aus der Beligion geworden und was wäre die Beligion wert, wenn er es nicht 
gethan und mit Becht gethan hätte? naio erklärt man wohl am besten nach Mch 28: 
vnnhna "^^Vj abgewandt vom Kriege, friedlich gesinnt. 16 Jene Grossen haben phan- 
tastische Ideen von grossen Thaten, die sie vollbringen wollen, im Bunde mit den Ägyp- 
tern ; auf Bossen z\\ reiten, ist für sie ein Hochgefühl, obwohl Juda, auch wenn Ägypten 
die Pferde lieferte, zu der verbündeten Armee nur ein kleines Beiterkontlngent hätte 
stellen können (c. 368). Das maqqeph in ^-kV ist sonderbar unpassend. 17 Aber sie 
sind nur Helden in ihrer Phantasie , vor dem wilden Kriegsruf von nur fünf Assyrern 
werden sie davon fliehen vgl. c. 228. s. Die ersten fünf Wörter von v. 17 scheinen mir 
eine Glosse zu sein, veranlasst durch die »Fünfc des Textes und abhängig von Dtn3290 
Lev 268 Jos 23 lO; denn es fehlt ein Yerbum , n*^» wäre eine öde Wiederholung, und 
-trrK ejVic, das nicht »ein ganzes Tausend« heissen kann, ist nur in einer Glosse erträglich. 
DnnPis klingt an f^n an ; sie werden vereinzelt, als versprengte Flüchtlinge, übrig bleiben, 
wie ein einsamer Signalmast auf dem Berge vgl. eis ISam 11 ii. 

Zwölftes Stück c. 30i8— 86. Es ist wieder Zusatz des Bedaktors, der vielleicht 
eine Lücke im alten Text ausfüllt und im Stil von c. 29 16 — 84 die Juden, speziell die 
Jerusaleraer des 2. Jabrh. durch die Hinweisung auf die bevorstehende goldene Zeit zu 
trösten sucht. Das »Darum« v. 18 ist so gänzlich unmöglich als Fortsetzung von v. 17, 
dass man nur annehmen kann, der Ergänzer habe das Auge viel mehr auf seinen eigenen 
früheren Einsatz c. 29i6ff., als auf den Text des alten Propheten gerichtet gehabt. Wie 
in c. 29 geht er auch hier ganz und gar vom fertigen eschatologischen Dogma aus. Das 
Volk in Zion ist Jahves Liebling, der nicht weinen darf; Jahve selbst wird zugegen sein 
und das Volk vor Verirrungen, die Strafe nach sich ziehen, durch Lehre und Leitung 
bewahren; das Land aber wird, wie auch Sonne und Mond, wunderbar verwandelt werden 
»am Tage des grossen Mordens, wenn die Türme fallen«. Also durchweg Vorstellungen, 



102 Jes 3019—10. 

i^DeDD Volk in Zion, das wohnt in Jerusalem, weinen sollst du nicht» 
Begnadigen wird er dich auf den Laut deines Schreiens, wie er es hört, hat 

[er dich erhört 

^<>Und gab euch der Herr Brot der Not und Wasser der Drangsal, 
So wird sich nicht ferner verbergen dein Lehrer (?); 
Und es werden deine Augen sehen deinen Lehrer, 



die der spätesten Eschatologie angehören, femer dieselbe äussere Situation wie c. 29i6ff., 
nämlich erlittene Drangsalierung, yielleicht auch Belagerung (vgl. c. 286f.), Mutlosigkeit 
des Volkes nebst Zeichen von Verirrung, ja von Abfall. 18 Jabve harrt darauf, euch zu 
begnadigen, erhebt sich, sich eurer zu erbarmen (bem. die Alliterationen), die Not wird 
bald vorüber sein, wo Jakob nicht mehr zu Schanden wird c. 2988ff., denn bis zum jüng- 
sten Tage ist es ja nur noch ein kleines Weilchen 29 17. Zahlreiche Ezegeten haben an 
diesem Vers gezeigt, was Kunst und Verzweiflung vermag, indem sie ihm glücklich den 
entgegengesetzten Sinn entlockt haben. »Jabve harrt darauf« soll heissen: er steht an, 
es zu thun; »er erhebt sich« wird umgedreht in: er bleibt fem, oder: er bleibt hoch- 
erhaben und teilnahmlos; und wo das sprachliche Gewissen gegen diese Wortverdrehung 
rebelliert, wird w-v^ in Dirr^ verwandelt: er wird schweigen «= sich ruhig verhalten, wäh- 
rend die beiden \ vor den Infinitiven stehen bleiben. Was ist solcher Kunst unmöglich ! 
und wozu exegesiert man überhaupt noch? Und statt diese Deutungen künstlich zu 
nennen, zieht Dillm. vor, den Propheten der Künstlichkeit zu beschuldigen, wenn das 
■«sin am Schluss den gewöhnlichen Sinn hat und v. 19 ff. sich mit dem v. 18a aufge- 
nötigten Sinn durchaus nicht vertragen will, xstvo^ auch c. 286 44, bedeutet das gerechte 
Gericht, durch das Jahve die Gemeinde von den Tyrannen befreit und von der Unreinheit 
säubert. Zu dem letzten Stiches vgl. Ps2i8; -sin (zum stat. c. vgl. c. 5ii) korrespondiert 
dem nsn*": Jahve verlangt danach, seinem Volke wohlzuthun, Heil denen, die nach ihm 
verlangen. 19 Auch das ''s beweist, dass der Vf. von jener künstlichen Deutung nichts 
weiss. »Das Volk in Zion, das in Jerusalem wohnt«, wie man gegen die Akzente ver- 
binden muss, ist ein manierierter Ausdruck und nur unter der Voraussetzung verständlich, 
dass Zion und Jerusalem schon hochwerte und heilige Namen sind. Im 2. Jahrb. mussten 
in allen übrigen Städten die Juden mit Fremden und Abtrünnigen zusammenwohnen, in 
Jemsalem hielten sie streng auf rein jüdische und gesetzestreue. Bevölkerung. Dies Volk 
darf nicht weinen (tda für nsa s. c. 22 is), es ist Jahves Liebling und Schosskind; Jahve, 
der danach verlangt, sich seiner zu erbarmen, wird dies sofort thun {r\vr^ für t^vt'^ 0. 
§ 243a), sobald es nur zu ihm schreit; sobald er es hört (nrav nom. verbi nur hier), hat 
er es schon erhört. Das ist die Meinung, die die Historiker seit dem Deuteronomium 
ihrer Pragmatik**zu Grunde legen, die aber die alten Propheten keineswegs teilen (Hos 
6 1—4 Am 88. iif.), am wenigsten Jes. (c. ]i5). 20 Da jetzt nicht mit einem Male eine 
Drohung, nicht einmal eine limitierte (das Brot der Not als vorübergehendes Zuchtmittel), 
folgen kann, so ist v. 20 a entweder Vordersatz zu v. 20 b oder irgendwie in Unordnung 
(Marti streicht ^s und yr^, sollte dann aber »euer Brot« u. s. w. herstellen). Das Brot 
der Not und Wasser der Drangsal (7nV im Appositions- statt Genitivverhältnis zu q*19 
G.-K. § 131 c) steht fast wörtlich so IBeg 22 S7; es bezeichnet dort die schmale Ge- 
fängniskost. Bist du auch auf schmale Kost gesetzt gewesen — vielleicht darf man 
auch an die Hungersnot bei der Belagerung der Stadt durch Antiochus Sidetes denken — , 
so wirst du künftig deinen Gott bei dir haben, ja ihn beständig (part.) sehen, cps'* viel- 
leicht denom. von pac, sich zur Seite wenden; ebenso gut würde die Bedeutung des arab. 
rps, verhüllen, hierher passen. Für das erste '^'^'^ sollte man eigentlich einen anderen 
Ausdruck, z. B. t-iie erwarten, da der Gegensatz dieses Stiches gegen v. 20a gar nicht 
scharf ist. Man muss in v. 20b nicht den moralisierenden Sinn hineinkünsteln: wenn 
die Not Zion gebessert hat (wo steht das?), so wird Gott nicht mehr »bei Seite ge- 
schoben« durch den Unglauben, sondern (?) man wird »auf ihn« (!) sehen, was dann 



ies äO«— i5. 195 

*^Und deine Ohren werden hören Bede hinter dir also: 

Das ist der Weg, geht auf ihml mögt ihr rechts, mögt ihr links gehen. 
>*Und du wirst verunreinigen den Überzug deiner silbernen Schnitzbilder 

Und das Kleid deines goldenen Gussbilded, 

Wirst sie wegstreuen wie etwas Ekelhaftes, hinaus! dazu sagen. 
''Und geben wird er den Regen deiner Saat, womit du besäst den Acker, 

Und das Brot des Ertrags des Ackers, das wird fett und markig sein. 

Weiden wird dein Vieh an jenem Tage auf erweiterter Aue; 
>^Und die Rinder und Esel, die den Acker bearbeiten. 

Gesalzenes Mengfutter werden sie fressen, das gewürfelt ist mit Wurfschaufel 
'^ Und es werden sein auf jedem hohen Berge [und Wurfgabel. 

Und auf jedem ragenden Hügel wasserführende Bache, 

Am Tage des grossen Würgens, wenn Türme fallen. 



Gegensatz zu v. lOf. sein soll! Der Gegensatz zu dem Sehen Gottes ist nicht der Un- 
glaube, höchstens der Kleinglaube, die Blindheit von c. 29 18, die das Unglück hervor- 
gerufen (nicht gebessert!) hat, aber einfacher: das gegenwärtige Nicht-sehen Gottes, die 
(scheinbare) Gottverlassenheit Zions. Als -i^-^ita (sing., s. 0. § 131 e), als Judas Thora- 
lehrer, wird Jahve mit Augen gesehen werden (Job 1987), sichtbar im Volk zugegen sein. 
Das letztere ist ja die Ansicht der spätesten Eschatologiker (45f. 2488); dass er aber der 
Thoralehrer der Juden ist — denn den älteren Sinn (s. zu lio 9i4) kann n-^i« hier nicht 
haben — , ist eine interessante Bereicherung der apokalyptischen Eschatologie, die aller- 
dings noch nicht so weit geht wie die talmudische Behauptung, dass Gott selber täglich 
in der Thora studiere. 21 Fehltritte wird es dann, wie es im Nomismus nicht anders 
möglich ist, auch noch geben, aber sobald man nach rechts (i3'*«Kn mit m statt *) oder 
links abweicht, wird immer der richtige Weg angegeben durch Jahve selber, der hinter 
den Juden einhergeht, wie der Vater hinter den Kindern. Ähnlich c. 29 is: die jetzt 
Tauben werden die Worte des Buches hören. 22 Freiwillig und eifrig entfernt man 
alsdann allen Götzendienst. Ahnlich wird nach c. 279 Israels Sünde entfernt durch die 
Zerstörung der Sonnensäulen vgl. ferner c. 280 178 31 7. Es ist kaum nötig, anzunehmen, 
dass der Ergänzer sich hier in die Situation des Jesaia versetzt, denn auch im 2. Jahrh. 
gab es unter den Juden, selbst unter den national gesinnten, oft genug Götzenbilder vgl. 
IIMak 1240 Zeh 108. Das erste Wort von v. 22 muss wegen des Suff, in rsrao ver- 
wandelt werden, so oft auch sonst zwischen dem sing, und plur. gewechselt wird. Der 
Silber- oder Goldüberzug des Bildes scheint fast als die Hauptsache angesehen zu werden, 
vielleicht schon in alter Zeit, da sich so am besten erklärt, wie das -r-.E«|, das doch mit 
n-wH ziemlich identisch sein dürfte, oft wie etwas Selbständiges neben dem Bilde auftritt, 
um vorzüglich zum Orakelgeben zu dienen. Wahrscheinlich hüllte sich der ins, wenn er 
ein Orakel erlangen wollte und vor dem Orakel Suchenden die Gottheit vertrat, in die 
Maske des Gottes: die älteste und sinnlichste Form jener Verhüllung, die zu c. 29 lo 
besprochen wurde. Dass dem Goldblech des Götzenbildes magische Kraft innewohnt, 
bezeugt indirekt das Verbot Dtn 785f., dass man es an sich nehmen oder ins Haus 
bringen soll, um nicht dadurch verstrickt zu werden. Jene Kraft wird beseitigt durch 
Verunreinigung (II Reg 238ff.), noch gründlicher durch Pulverisierung. Der kurze Aus- 
druck D-)tr scheint auf der Stelle Ex 3280 zu beruhen: das Goldblech wird pulverisiert 
und der Staub zerstreut. Ges. erinnert daran, dass man im Mittelalter die Asche ver- 
brannter Ketzer in die Flüsse oder in die Luft streute. 28 — 25 schildert in Anlehnung 
an c. 3280 die Fruchtbarkeit des Landes »an jenem Tage«, wovon auch c. 48 sprach. 
Jahve giebt der Saat, womit das Volk den Acker besät (;-)t mit doppeltem acc. vgl. c. 58), 
den richtigen Bogen vgl. Zeh 10 1. Zum sing, i^ap» s. zu "f^^in v. 20. Die Binder und 
Esel, welche letzteren auf leichtem Boden auch zum Pflügen verwendet wurden (Dtn 22 lo), 
bekommen Mengfutter, d. h. bestes Futter (Job 65), das mit Salz oder Salzkräutern ge- 

UttodkuauiianUr s. A. T. : Dubni, Jes. 2. Aufl. 13 



194 ies $ÖM. 

s'Und es wird das Licht der Blassen wie das Licht der Glühenden sein, 
Und das Licht der Glühenden wird siebenfach sein wie das Licht von sieben 
Am Tage, wo Jahve verbindet den Bruch seines Volkes [Tagen, 

Und die Zertrümmerung seines Schlages heilt 



mischt ist (Ges. führt ein arabisches Spruch wort an: das süsse Futter sei das Brot, das 
salzige das Konfekt der Eameele) und gewürfelt wurde (1. rnh, perf. pual, mit £w. u. a.) 
mit der Wanne und der sechszinkigen Wurfgabel. In v. 25 sollte man m*i erwarten, 
wenn rrrv\ nicht heissen soll: es wird geschehen, und ein Imperf. ausgefallen ist. Palä- 
stina hat dann Wasser genug, woran es ihm jetzt mangelt, denn auf jedem Berge (»hoch« 
und »ragend« ist ein ziemlich unnützer, aus c. 2i9ff. entlehnter Bedeschmuck) giebt es 
Bäche, die auch wirklich Wasser führen vgl. Jo 4i8. Das wird der Fall sein »am Tage 
des grossen Blutbades, wenn Türme fallen«. Dies klingt wie eine Anspielung auf be- 
kannte ältere Stellen. Die Türme wären ja freilich c. 2i5 vorhanden, das grosse Morden 
c. 27 1.7; immerhin fragt sich, ob der Yf. nicht noch bestimmtere Anhaltspunkte hatte. 
So viel ist gewiss, dass die Zeitgenossen des Yf.s schon durchaus mit der Eschatologie 
bekannt sein mussten, wenn er ihnen ein Verständnis dieser kurz hingeworfenen Andeu- 
tung zumuten konnte. Charakteristisch ist für ihn wie für das spätere Judentum, dass 
ihm, während er von den weinenden Juden so wehleidig spricht, das grosse Morden den 
Hauptinhalt des Gerichts bildet und ein Gefühl des Behagens verursacht, da er es so 
eng an die voraufgehenden idyllischen Bilder anschliesst. Jes. verhüllt-e c. 186 das 
grosse Blutbad, auf das zu rechnen er etwas mehr Grund hatte, durch ein Bild. Das 
Dogmatische dieser Eschatologie zeigt sich besonders darin, dass gar nicht gesagt zu 
werden braucht, wer abgeschlachtet werden soll; es sind natürlich die Weltmächte, deren 
Bild vielleicht die Türme sein sollen. 26 Der Mond wird dann so hell scheinen wie jetzt 
die Sonne und die Sonne siebenmal so stark wie jetzt. Dass dies ohne allen Obergang 
an das Vorhergehende, mit dem es scheinbar gar keine Fühlung hat, angehängt werden 
kann, ist ein weiterer Beweis für den sekundären Charakter dieser Zukunftsbilder. Sonne 
und Mond werden mit ihren poetischen Namen genannt wie c. 2488; im Übrigen ist 
die Vorstellung ziemlich verschieden, da in jener Stelle wie auch bei Tritojes. (c. GO) 
Sonne und Mond vor Jahves übersinnlichem Lichtglanz zurücktreten, hier nur sehr viel 
heller leuchten sollen. Doch wird auch hier ein neuer Himmel (c. 65 1?) angenommen; 
die neue Erde ist ja eigentlich auch im Vorhergehenden beschrieben worden , und neue 
Menschen sind wohl auch notig, um das vermehrte Licht aushalten zu können. Eine 
Glosse, die noch in der LXX fehlt, erklärt das siebenfache Sonnenlicht als ein Licht von 
sieben Tagen, als siebentägigen Tag, aber so hat es der Vf. wohl nicht gemeint. Wie 
es scheint, hat letzterer dieselbe Vorstellung vom Verhältnis der Lichtstärke des Voll- 
mondes zu der der Sonne, wie das B. Henoch (c. 7287 738): das Sonnenlicht ist siebenmal 
stärker. Die wunderbare Verwandlung der Natur erfolgt, wenn Jahve den Bruch seines 
Volkes (v. 13 f.) verbindet (vgl. Jer 6i4). Das Suff, von "»nstt geht nicht auf Jahve, der 
nach diesem Vf. gewiss nicht Israel schlägt, sondern auf das Volk. 

Dreizehntes Stück c. 3087—88: Jahves persönliches Erscheinen zum ent- 
scheidenden Kampf mit Assur. Diese Weissagung ist bestimmt für die Gläubigen (y. 29) 
und ist darum mehr Gedicht als Bede, fällt auch wohl später als v. 1 ff., nämlich in die 
Zeit der Invasion Sanheribs (wie c. 9iff.), und mag der Schrift v. 8 erst nachträglich 
angehängt sein oder auch gar nicht angehört haben. Das Stück kann natürlich ebenso 
gut unecht sein, wie jedes andere auch, aber die Befürworter der TJnechtheit hätten doch 
dafür irgend einen sachlichen Grund angeben sollen. Jjeider lässt der Zustand des 
Textes zu wünschen übrig. 27 »Siehe«, es steht nahe bevor (vgl. c. 17 1). Jahve kommt 
von ferne — woher? Ohne Zweifel ist das ^r,^fafo nicht erst durch das Bild des fernher 
aufsteigenden Üngewitters veranlasst, eher das Gegenteil. Es liegt in dem Wort zu- 



Job dOs7— m. 195 

*^ Siehe, Jahves Name kommt von ferne — 

Brennenden Zorns und wuchtiger Erhebung, 
Seine Lipi)en sind voll von Grimm 
Und seine Zunge wie fressendes Feuer 
^Und sein Atem wie ein strömender Bach, 
Der bis zum Halse reicht — 
Zu schwingen Völker in der Schwinge des Unheils, 

Und bindend seinen Zaum an die Backen von Nationen. 



nftchst ein bewusster oder anbewusster Nachklang des Gedankens, dass Jabve auf dem 
fernen Wfistenberge baust and von da zur mrr r^nhio beranstürmt (Jdc 5 vgl. Dtn 33 s 
Zcb 9u), wenn aucb Jes. nicbt grade mebr an den Sinai zu denken braucbt. Aber ver- 
mutlicb liegt darin ein weiterer Gedanke, den ein späterer Autor (Jer 2ds8f.) mit den 
Worten ausdrückt : bin ich etwa ein Gott ans der Nabe und nicbt Tielmebr ein Gott aus 
der Feme? und den er dann durcb den Zusatz erklärt: fülle ich nicht Himmel und Erde ? 
Nabe sind die lokalen Gottheiten, die Götter der Gescblecbterreligion , Jabve ist ferne, 
aber zugleich überall zugegen. Die räumliche Entfernung Jahves verbürgte den Propheten 
mehr als unsere transzendentalistischen Abstraktionen Jahves unbedingte Überlegenheit. 
Dies »von ferne« ist mit Enthusiasmus gesprochen. Jabve, überall und nirgends, kommt, 
wenn seine Stunde da ist (c. ISiff.). Merkwürdig ist der Ausdruck : Jahves Name. Dass 
es »aus Dezenz statt Jabve« stehe, um den gleich folgenden sinnlichen Bildern, die 
»nach dem strengen Denken von ihm« nicht zulässig sind, ein Feigenblatt vorzubinden, 
ist ein abscheulicher Missgriff eines modernen Ezegeten ; wenn andere Kritiker das Wort 
als Beweis für die ünechtheit von c. 30s7— ss verwerten, so ist mir vollkommen rätsel- 
haft, wie der angebliche jüngere Dichter im ersten Stiches eine solche Scheu vor Anthro- 
pomorphismen haben kann, dass er nicht einfach »Jabve« zu schreiben wagt, während 
er gleich hinterher die allersinnlichste Schilderung von Jahves Lippen, Zunge, Atem 
giebt. Ist also dv verdächtig, so wäre es einzig korrekt, blos dies Wort zu streichen. 
Hat Jes. es aber geschrieben, so muss es hier bedeuten: »Jabve persönlich«. So lange 
man den Namen der Gottheit nicht kennt, ist sie für den Menschen ein unpersönliches 
Numen; nennt dieses sich, so wird es Person für ihn und tritt in persönliche Verbindung 
mit ihm. Der Name steht für den Benannten, den persönlich Bekannten; »er kommt, 
der Jabve heisst«. Wie die Debora ihre Inspirationen von Elohim und dem Malak Jabve 
erhält (Jdc 58.88), während Jahve zur Schlacht in Person erscheint, so ist auch hier 
ein Unterschied zwischen dem Jahve, der unsichtbar dem Jes. ins Ohr hineinspricht, 
und der Person des sich in den Kampf stürzenden Gottes. Allerdings ist hier die Unter- 
scheidung feiner und verdünnter, nicht grade so sehr deshalb, weil die Gottesvorstellung 
vergeistigter wäre, sondern weil die Entfernung Jahves, seitdem er nicht mehr auf dem 
Sinai wohnt, nicht mehr so entschieden in sinnlichem Gegensatz zu den stellvertretenden 
Nnmina der Nähe, die ja überhaupt für Jes. bedeutungslos sind, gedacht werden kann; 
die »Hand« c. 8ii ist fßr den bei Jes. nicht vorkommenden '"^ ^Vq ein ziemlich schatten- 
hafter Ersatz. Trotzdem ist auch bei Jes. der Gegensatz zwischen dem alltäglichen 
Wirken Jahves und dem Kommen in Person und aus der Feme fGLhlbar genug. Ein 
Beweis, dass dem Propheten jede theologische Ader abgeht, liegt darin, dass man nie 
erfährt, wo eigentlich Jahve seinen Hauptsitz hat; vielleicht hat Jes. eben die Meinung, 
die Jer 23 m ausgesprochen wird. Jahve kommt »brennend seine Nase und Wucht die 
Erhebung«, absolute Partizipialsätze. Das malt das am (südlichen) Horizont aufsteigende 
Gewitter. Eine schwere Wolkenwand hebt sich empor, unheimlich, von hervorzüngelnder 
Flamme immer häufiger durchbrochen: das ist Jahve und sein Grimm. Vgl. die Schil- 
derung Ps ISsff.; der Vergleich lehrt erst die unendliche Überlegenheit Jesaias in Dar. 
Stellungen Jahves recht kennen. 28 Sein Atem ist der von Wettergüssen und Wolken- 
brüchen (v. 30 Jdc 54f.) begleitete Sturm. Die Schilderung ist ganz merkwürdig kurz 
und prägnant: wenn ein solcher Gewittersturm losbricht, so sind im Nn die (sonst 

13* 



19Ö Jes 30«9— Sö. 

» 

^Das Lied wird euch sein 

Wie in der Nacht, wo das Fest geweiht wird, 
Und Herzensfreude wie dessen, der geht mit der Flöte, 
Zu kommen auf den Bet^ lahves, zum Felsen Israels. 
^Und hören lässt Jahve seinen hehren Donner, 
Und die Senkung seines Armes lässt er sehen^ 
Mit grimmigem Zorn und der Lohe fressenden reuers, 
Sturm und Wetterguss und Hagelstein. 



wasserleeren) Wadis in tobende, alles tiberschwemmende Wildbäche verwandelt, so dass 
die Anwohner unyersehens bis zum Hals im Wasser stehen. Statt dies nun als Folge 
des Gewitters, in dem Jahve erscheint, hinzustellen, heisst es : sein Atem ist ein solcher 
Giessbach, der »bis zum Hals hälftet«, d. h. der bis zum Hals reicht (88) und so den 
Menschen in zwei Teile teilt. Bis hierher geht die Beschreibung der Erscheinung 
Jahves, in lauter Partizipialsätzen, die nur einmal durch ein verb. fin. abgelöst wurden 
(27b), vorfibereilend ; jetzt kommt, abhängig von k3 in v. 27a, die Angabe des Zweckes: 
zu schwingen Völker in der Wanne des Nichtigen, sie zu schütteln wie Korn und Spreu 
im Siebe, bis nichts mehr darin bleibt, man, hiph. von qia mit Femininendung, um an 
nn anzuklingen, eine im Hehr, selten vorkommende Form des inf. hiph. (0. S. 583). 
V. 28b müsste Apposition zu mm do sein: »und als ein irreführender Zaum an den 
Backen von Nationen«. Aber man begreift nicht, wie Jahve ein Zaum sein kann und 
warum der Zaum die Völker in die Irre führen soll. Wenn v. 28b nicht wesentlich auf 
Konjektur des Etib beruht, so muss in n^rn» p'^ das Wort Zaum (p^ oder »na) stecken 
und ein Verbum. Zufällig kommt die Phrase: einen Zaum anlegen, nicht vor (Hesekiel 
gebraucht c. 384 sein ewiges ^n); oben ist (aus Verzweiflung) die Lesung nina *^mi be- 
folgt. Zu "^yih mit eingesetztem ä s. 0. S. 275 vgl. G.-K. §93z. 29 scheint einen zweiten 
Achtzeiler zu beginnen. »Das Lied wird euch sein« klingt etwas abrupt, und besonders 
ist der Artikel auffällig, wenigstens dann, wenn man das Lied als einen Lobgesang zu 
Ehren Gottes oder als ein Festlied ansieht. Aber vielleicht denkt der Vf. an das »Lied«, 
von dem die Debora Jdc 5is spricht, den Schlachtsegen, mit dem sie die Scharen in den 
Kampf sendet. Also: der Schlachtsegen, das Kampflied, wird euch klingen wie der Ge- 
sang in der Weihenacht. Das Häuflein der Gläubigen soll das Lied wohl nicht selber 
singen, wie es vermutlich auch nicht selber mitkämpfen soll, aber es soll es hören, und 
die Heerscharen Jahves werden es singen. Natürlich ist es kein liebliches, sondern ein 
wildes Kriegslied, das aber den Eingeweihten lieblich klingen wird, wie jene Weihelieder, 
in denen die Vorfreude auf das kommende Fest das beste ist; es kommt ja jenes Lebens- 
fest, das z. B. c. 9iff. c. 11 iff. geschildert wird. Betont man den Parallelismus zwischen 
")tv und a^ nrrav stärker, so wird man allerdings geneigt sein, das Lied den Jerusalemern 
in den Mund gelegt zu denken; auch dann kann es kein eigentlicher Festgesang sein 
(es müsste denn v. 29 an dieser Stelle ursprünglich fremd sein), sondern etwa der Gesang, 
mit dem die Krieger den Gott herbeirufen oder dem herbeigeeilten Gott zujauchzen 
(Num 10 S6: erhebe dich, Jahve, dass sich zerstreuen deine Feinde !), und dem Gesang 
der Festprozession wäre dies Hosianna ähnlich durch das begeisternde Gefühl der Gottes- 
nähe. Das »Fest« könnte an sich jedes der drei sn genannten grossen Feste sein, aber 
das an xar* f^ox^iv ist das Herbstfest c. 29 1. Ältere Exegeten verstehen unter der Nacht, 
in der das Fest eingeweiht wird, das Passah; das hätte man nicht wieder aufwärmen 
sollen. Denn das Passah ist keine Einweihungsfeier, sondern ein selbständiges Opfer- 
mahl, das vor dem Deuteronominm (das es zum ersten Mal erwähnt) schwerlich in so 
enger Verbindung mit dem Mazzothfest gestanden hat und nicht auf dem Tempelberg, 
sondern in den Häusern gefeiert worden ist. Unsere Stelle reicht für sich allein aus zu 
dem Beweis, dass dem Fest eine Weihenacht vorherging, was auch, da der Tag mit dem 
Abend beginnt, der Erwartung gemäss ist. Wahrscheinlich diente das nächtliche 
Wachen dazu, dass sich die Teilnehmer an dem Festtanz (ah) heiligten, da das hithp. 



JpB 3()31— 38. 197 

31 Denn vor Jahves Donner wird erschrecken Assur,*) 

32 Und jedes Einherfahren des Stabies wird seine Züchtigung sein**); 
Bei Pauken und Zithern 

Und mit Kämpfen der Schwinguno^ bekämpft er sie. 
33 Denn zugerüstet ist soeben schon die Brandstätte***), 
Erriditet tief, breit, 
Ihre Schicht ist Feuer und viel Holz, 

Jahves Hauch wie ein Schwefelbach brennt darein. 

*) mit dem Stabe wird er geschlagen, **) den Jahve niederlässt auf ihn. 

***) auch sie dem »König«. 



wörtlich besagt: »in der sich der Festtanz (LXX »die Tftnzer«) heiligt«; die Heiligang 
wird in Waschungen, Enthaltung von körperlichen Genüssen u. dgl. (IlSam 11 4) und 
im Absingen alter Formeln , in denen man die Gottheit herbeirief, bestanden haben. 
Beginnt nach der alten Festordnung mit dem Herbstfest das neue Jahr, so wird in der 
nächtlichen Einweihungsfeier der neue Mond seine Bolle gespielt und vielleicht sein Er- 
scheinen das Zeichen zum Aufbruch der Festprozession gegeben haben. Dass nun Jes. 
grade diese Nacht zum Yergleich heranzieht, hat wohl seinen Grund 4<^rin, dass er sich 
Jahves Werk als nächtliches denkt (s. zu c. 17 u). Die Flöte, als einfachstes Instrument 
mit nur wenig Tönen, das jeder spielen konnte, war für einen Festzug besonders geeignet 
vgl. IBeg l40. Dillm. sagt: das Zeugnis unserer Stelle für Jerusalem als Ziel der Fest- 
wallfahrten ist zu beachten. Steht denn auch nur eine Silbe von diesem angeblichen 
Zeugnis im Text ? Die »Herzensfreude« mnss Jes. auch empfunden haben, wenn er unter 
dem Min ynn (Ps 425) zum Tempelberg hinaufstieg, so wenig ihm sonst der Festlärm 
und die Fes tsch mausereien behagen. Hier aber ist es die Freude auf den Advent Gottes, 
die er vorahnend empfindet, indem er diese Worte schreibt. Unser Vers gehört zu den 
wenigen Stellen, die uns einen Einblick in das persönliche Fühlen des grossen Mannes 
gewähren, "r^tna verkürzt für ^^inn nmsvs. Der letzte Ausdruck »zum Felsen Israels« 
klingt ein wenig wie ein konventioneller Bedeschmuck, oder stammt er aus einem alten 
Prozessionsliede ? 80 Nach dem r>v beginnt die Schlacht. Jahve Iftsst seinen Donner 
hören und seinen auf den Feind niederfahrenden Arm sehen, vielleicht den Blitz, hinter 
dem als der Waffe der innere Sinn den göttlichen Arm sieht. Da werden die Gläubigen 
»hören und sehen« in einer Weise, wie es sonst nur den Propheten oder den erwählten 
Gottesmännern der Vorzeit vergönnt gewesen ist. nna muss von nna, nicht von nia, ab- 
geleitet werden, obgleich letzteres schon die Glosse in v. 32 thut; denn nna von nia be- 
deutet Buhe V. 15; zu nna vgl. Ps 383. ^ta, an. Uy., wörtlich das Zerstreuen, scheint 
ein poetischer Ausdruck für Sturm, procella, zu sein. Mit Hagelsteinen kämpfte Jahve 
nach dem alten Liede in der Schlacht bei Gibeon Jos lOii. 81 scheint Anfang eines 
neuen Achtzeilers zu sein; **3 ist kaum mehr als Anknüpfungsmittel, das mit scheinbarer 
Begründung des Vorhergehenden etwas Neues einführt. Das Neue ist die Nennung des 
Gegners Jahves, Assurs, dessen völlige Vernichtung jetzt geschildert wird. Die erste 
Wirkung der Erscheinung und der Donnerstimme Jahves ist der Gottesschrecken. Dem 
na-« taavn ist innerhalb des Textes schwerlich ein Sinn abzugewinnen; punktiert und 
akzentuiert man mit der Masora nach c. 10m, so entsteht ein nutzloses und metrisch 
anstössiges Prädikat für Assur oder, wenn Jahve Subj. ist (Dillm.: der oder wenn er mit 
dem Stabe schlägt), ein ganz verunglückter Satz, der den Donner zur Hauptsache und 
das Schlagen zum begleitenden Umstand macht und obendrein den Belativsatz an ganz 
verkehrter Stelle nachklappen lässt; die Aussprache rw^ wäre zwar möglich, wenn man 
das Athnach unter nn<« setzte, ergäbe aber ein reichlich künstliches Distichon: durch 
den Donner wird erschreckt, Assur wird geschlagen. Wahrscheinlich bildet ns^ t9a«;a 
mit dem Belativsatz i**V9 — ^mt in v. 32 eine Glosse zu dem ersten Satz in v. 32. 
82 r.-;Dt«, nur hier (und Hes 41 8 im Qre), ist völlig sinnlos, denn ein Stock gründet 



' 



196 Jes 31 1. 



31 ^Wehe denen, die da hinabziehen nach Ägypten um Hülfe, 

Die auf Rosse schauen und aufaen Tross, weil er gross, 




weder noch wird er gegründet. Der »Yerh&ngnisstock«, in den man den Grflndungssiock 
aus eigener Machtvollkommenheit umwandelt, passte in das himmlische Inventar der 
rabbinischen Eschatologiker, nicht zu Jesaia. Eher könnte man mit Clericus u. a. nach 
Prv 22 16 n^cn« lesen, das aber gleichfalls an. Xiy, wäre. Vielleicht schreibt man am 
besten rt^wo, als Prädikat: jedes Einherfahren des Stabes ist seine, Assurs, Züchtigung 
vgl. zu c. 28i8, jeder Streich trifft ihn. Der folgende Belativsatz ist im Text unnötig, 
dazu prosaisch und hat sein Yerbum rrr aus dem falsch verstandenen nna v. 30 ge- 
wonnen: ein Stock, der einherfährt, kommt eben nicht zur Buhe, thut auch dem, auf 
dem er sich niederlässt, nicht mehr wehe. Mit v. 31b zusammen ergiebt unser Belativ- 
satz die Glosse: er wird mit dem Stabe geschlagen, den Jahve auf ihn herablässt, und 
diese Glosse gilt offenbar dem Stock der Gründung, der sich, nach der Meinung des 
Glossators, auf Assnr gleichsam festlegt, um ihn zu bearbeiten. Der Glossator mag 
seinem Assur, d. h. Syrien, einen solchen Knüppel aus dem Sack lebhaft gewünscht 
haben. Dass nun aber auch noch der Gründungs- oder Yerhängnisstock unter Pauken- 
und Zitherklang arbeiten soll, ist doch eine zu groteske Vorstellung. Diese Festmusik 
begleitet vielmehr den Kampf v. 32b, der ein Kampf der Schwingung genannt wird, 
d. h. wohl nicht ein Kampf mit »geschwungener Hand« , weil das selbstverständlich, 
also nichtssagend wäre, auch an die Erwähnung der Musik nicht mit einem »und« an- 
geschlossen werden könnte, vielleicht auch den Zusatz n^n forderte, sondern ein Kampf 
der Weihnng oder Bannung. nfitsn spielt an auf das darbringende »Schwingen« der 
Weihegaben (Lev 9si 10 15 Num 6w), als welche auch Menschen gelten könnten (Num 
8ii. si); vielleicht hatte ein ähnlicher Bitus bei der »Bannung« der Kriegsbeute statt. 
Jahve schwingt die Assyrer, um sie dem Tode zu weihen. Dabei erschallt Musik wie 
sonst bei Gottesfesten; wieder aber erfährt man nicht, wer die Musik macht, ob die 
Gläubigen sie in den Lüften hören oder ob sie selbst, vor Freuden, zu der Pauke und 
der Zither greifen vgl. Ex 15 so. Dem nta am Schlnss mit seinem beziehungslosen Suffix 
ist das Qre oa vorzuziehen. 88 *a knüpft an den letzten Satz an. Jahve schwingt die 
Assyrer, denn er wirft sie ins Feuer. Dies ist schon hergerichtet »von gestern her« 
(1. VioMn, da Vfo r^, gegenüber, keinen Sinn hat), wörtlich also: den Tag vorher, an 
dem Tage, wo der Assyrer sich zum letzten, entscheidenden Sturm auf Jerusalem an- 
schickt. Die Brandstätte heisst n^tP, eine Weiterbildung ans ncr (eigentlich wohl n^), 
wie die Brandstätte des Molochkultus im Thal Ben-Hinnom südlich von Jerusalem hiess 
(Jer 78if. 196.18 IIBeg 23 lo). ih^o^ Kin m scheint eine Bandbemerkung zu sein, denn 
im Text würde diese witzige Anspielung auf den Kultus des tj^, Moloch, mit dem be- 
geisterten Ernst des Propheten unangenehm disharmonieren. Auch sprechen zwar 
überall die Glossatoren von dem "iivk "tVo, Jes. aber stets und so auch hier nur vom 
Volk Assur. Endlich spricht der Bhythmus für die Ausstossung der drei Worte, nrrn 
wird vom Ktib als masc, von der Punktation als fem. behandelt; nach ersterem muss 
man nH^-re aussprechen; ferner ist p*«9^ und snrn als inf. abs. zu lesen, n-in« sclieint 
Hes 249. 10 vgl. v. 5 im Sinn von Scheiterhaufen zu stehen , was hier sehr gut passt. 
Das p**«9n, wofür der nachahmende Hesekiel das farblose V'nan hat, regt die Frage an, 
ob man vielleicht die Scheiterhaufen, auf denen man in Pestzeiten die Leichen verbranntet 
tief in der Erde anlegte, um so die halbverbrannten Beste leichter zu beseitigen. Breit 
muss der Scheiterhaufen sein, weil das ganze feindliche Heer mit seiner Ausrüstung 
(c. 94) zu verbrennen ist. Für vm ist man versucht, etwa v'p. als ursprünglich anzu- 
nehmen, weil doch eigentlich der Atem Jahves es (das Suff, von ra ist neutrisch) in 
Brand setzen soll. In c. 186 giebt der Prophet ein etwas anderes Bild. Beide dichte- 
rischen Stücke, c. 17it— 18s und c. 30s7— ss, neben einander sind ein trefflicher Beleg 
dafür, wie verschieden Jes. ein und denselben Gedanken auszuführen vermag. 



Je8 31 1—2. 199 

Und [vertrauen] auf die Reiter, weil sie sehr stark sind, 

Und nicht schauen auf den Hei- und Jahve nicht fragen. 

[ligen Israels 
^Doch auch er ist weise und bringt und hat seine Worte nicht aufgehoben, 

[Unglück (?) 
Und wird sich erheben wider das und wider die Hülfe der Übelthäter. 

[Haus von Bösewichtem 



Vierzehntes Stück c. 31. Eigentlioh sieht das cap. mehr als ein Geröll von 
allerlei Brocken, denn als ein einheitliches Stück aus, oder wie ein kürzeres Seitenstück 
zu c. 30. y. 1 — 3 droht den Politikern, die Ägyptens Hülfe nachsuchen, wie c. 30i— 17; 
▼. 4. 5. 8. 9 enth&lt die Yerheissung von Jerusalems Beschirmung und Assurs Vernichtung 
durch Jahves persönliches Einschreiten wie c. 30s7— 88; die dazwischen stehenden Verse 
6 und 7 sprechen von der Bekehrung der Israeliten und dem Aufgeben der Götzenbilder, 
ähneln also dem Einsatz c. 30i8— 16. Am ärgsten stören v. 6 und 7 den Zusammenhang; 
sie sind jedenfalls zu entfernen. Aber auch das Übrige giebt zu allerlei Bedenken Anlass. 
Zwischen v. 3 und 4 scheint eine Lücke zu bestehen, und v. 8 b. 9 a passt gar nicht gut 
zu v. 8a, überhaupt nicht gut zu Jesaias sonstigen Äusserungen über das Schicksal der 
Assyrer; das prächtige Bild in v. 4 a erhält einen ziemlich unglücklichen Nachsatz in 
v. 4b und einen nicht viel besseren Bivalen in v. 5; auch der Schlusssatz in v. 3 scheint 
mir nicht in Jesaias Art zu sein. Daher meine ich c. 31 für die Komposition des Re- 
daktors halten zu müssen, der allerlei jesaianische Trümmer mit eigenem Material ver- 
baute und vielleicht auch fremde Brocken (v. 8 b. 9 a) zu Hülfe nahm. 1 Die ersten drei 
Verse gehören in die Zeit von c. SOifT. Die ägyptischen Reiter sind, wie Jes. ganz 
objektiv bemerkt, stark (an Zahl), ein Beweis ffXx die ünerschöpflichkeit der Hülfsquellen 
Ägyptens, das durch die Äthiopen und* Assyrer so stark gelitten hatte. Die Judäer 
hoffen, an der Seite der Ägypter in einer Feldschlacht die Assyrer zu bestehen und zu 
schlagen, während Jes. stets auf eine Belagerung rechnet. Der Gegensatz der ersten 
Stichen gegen den letzten kommt in der LXX besser heraus, die ^rxr für layv^ hat. 
intss'^i, das in der LXX fehlt, ist oben aus metrischen Gründen vom zweiten in den 
dritten Doppelstichos versetzt, a*^ "«a aa*^ enthält ein vielleicht zufälliges Xlangspiel; 
QXQio and ad^i gehört zusammen, was ebenfalls die Versetzung empfiehlt. Der Gott 
Israels will von Wagen und Rossen nichts wissen c. 2?. 2 »Auch er ist weise«, ironisch 
gesprochen, nicht blos die Politiker sind es, die durch ägyptische Hülfe das Glück zu 
erzwingen glaubten (c. 29 u). »Und bringt (oder brachte) Unglück« könnte in diesem 
Zusammenhang etwa bedeuten: er ist weise genug, um gemäss seinem Plane und trotz 
der Anstrengungen der Politiker das Strafgericht herbeizuführen; man sollte allerdings 
eher na^'j im Sinne von iranV erwarten. Aber der Satz ist auffallend kurz und das Wort 
y^ sehr farblos; man sollte eher etwa yi m^ vermuten: er ist weise und durchschaute 
die Bosheit, oder auch blos "iiaai (c. 29 u). Ew. tibersetzt: und meldete Übles, aber das 
liegt kaum in iran und würde ebenfalls besser durch ^"«an ausgedrückt (289). Wer etwa 
nicht so weit geht, zu meinen, dass man Jahve gegenüber Versteckens spielen dürfe 
(29 lö), könnte doch annehmen, dass Jahve seine in früheren Zeiten gesprochenen 
Drohungen jetzt, wo man sich so schöne Hoffnungen auf Abwerfung des assyrischen 
Joches machen kann, unerfüllt lassen werde: auch das ist ein Irrtum, Jahve hat die 
früher durch Jes. gesprochenen Worte niemals zurückgenommen. Der einmal beschlossene 
Lauf der Geschichte, dessen Ziel die Ersetzung der unhaltbar gewordenen Zustände durch 
eine höhere Weltordnung ist, wird nicht wieder rückgängig gemacht, wird vielmehr die- 
jenigen, die sich ihm entgegen stemmen und die, weil Jahve die Geschichte macht, darum 
Bösewichter sind, samt ihrer »Hülfe«, ihren Helfern, den Ägyptern, aus dem Wege 
räumen. Jes. verteidigt mit diesen Worten wiederum seine Eschatologie. Wenn man 
bedenkt, wie so ziemlich das ganze Volk, den König Hiskia nicht ausgenommen, dazu 
alle Nachbarvölker in Asien und Afrika, deren Lenkern man nicht so ohne weiteres 



200 Jes 31 8— 4 a. 

^Und Ägypten ist Mensch und nicht und ihre Rosse Fleisch und nicht 

[Gott, (Geist, 

Und jahve streckt aus seine Hand: da stürzt der Schutzer und fällt der 

Und sie alle kommen zusammen um. [Geschützte. 

^Denn so sprach Jahve zu mir: 
Wie der Löwe knurrt und der junglöwe über seiner Beute, 

Über den herbeigerufen wird die Vollzahl der Hirten, 



Yerstand und Kenntnis der Dinge absprechen konnte, über die politische Lage voll- 
ständig anders dachten als Jes., so begreift man, dass der vereinsamte Prophet das 
Bedürfnis haben musste, sich auf Jahves »Worte« zurückzuziehen und zu sagen: hier 
stehe ich, ich kann nicht anders, Jahve kann sich nicht verrechnet haben, und er hat 
mir gegenüber seine Worte nicht widerrufen. 8 stellt mit einer Klarheit, wie bisher 
noch nicht geschehen, die beiden sich bekämpfenden Mächte und Prinzipien einander 
gegenüber. Der Gegensatz zwischen Vtt und m*^ einerseits und dik und *>va andererseits 
ist ja keineswegs neu, sondern uralt, aber die Art, wie Jes. ihn anwendet, ist neu. h» 
und D-TK leben nach der alten Vorstellung neben- und miteinander in der Welt, wie sie 
nun einmal ist, als verschiedene Wesensklassen wie etwa Mensch und Tier, und in 
Ägypten oder Assur giebt es ebenso gut Elim wie in Palästina; wenn die Ägypter mit 
Boss und Wagen in den Kampf ziehen, so ziehen ihre Götter mit. Aber für Jes. kommen 
die ägyptischen und andere Götter gar nicht in Betracht; stände er auf dem Boden der 
alten Anschauung, so würde er sagen, dass Jahve stärker ist als andere Götter: statt 
dessen vertritt für ihn Jahve alles, was sonst Vk und ni^ biess, Jabve und sein Weltplan 
stellen das spiritualistische Element in der Welt vor, alles andere ist b-tk und "^ra. Die 
Ignorierung der fremden Götter, die Inanspruchnahme der geistigen Welt für Jahve allein, 
die Formel, dass in dem weltgeschichtlichen Bingen der grossen Völker um die Welt- 
herrschaft und die Freiheit das pneumatische und das sarkische Prinzip sich gegenüber- 
stehen und das erstere den endgültigen Sieg davon tragen wird, bilden die Höhenpunkte 
des altprophetischen, ohne Theologie und Polemik vordringenden üniversalismus und die 
Triebkräfte der folgenden Beligionsentwicklung bis zu IKor 15 hinauf. Die Ägypter 
und ihre Bosse sind nicht wie £1 und Buach gegen Hieb und Stich gefeit, noch weniger 
halten sie gegen £1 und Buach Stand; der £1, Jahve, braucht nur die Hand auszu- 
strecken, so liegen die sarkischen Beiter am Boden. Das letzte Sätzchen in v. 3 mit 
seinem Tirr und ';r^3* (zur Form s. 0. § 240 e) halte ich für einen vom Sammler hinzu- 
gesetzten vorläufigen Abschluss; eine solche allgemeine Phrase, die wohl auch mehr sagt, 
als Jes. sagen will, kommt bei ihm sonst nicht vor und passt auch kaum in eine politische 
Bede. 4 würde sich an v. 3 zur Not anschliessen lassen, wenn er von dem Streit Jahves 
wider Zion spräche. Aber abgesehen davon, dass dann wieder v. 5 ohne Verbindung 
mit V. 4 wäre, passt das gebrauchte Bild nicht zu Jahves Kampf gegen Zion, denn weder 
Juda noch Ägypten können die Hirten sein, die dem Löwen Jahve die Beute Jerusalem 
abjagen wollen; diejenigen, die ihrer Theorie zu Liebe das eschatologische £lement aus 
Jesaias Beden möglichst zu beseitigen suchen (ganz gelingt es ihnen doch nicht), sind 
freilich gezwungen, sich zu dieser absurden Annahme zu bequemen. Die Judäer und 
Ägypter werden viel zu sehr von Jes. missachtet, so weit es auf Stärke ankommt, um 
mit einem solchen Bilde geehrt zu werden; auch würde Jes. Jahven nicht in dieser 
Weise mit dem Assyrer identifizieren. Auch lässt sich die Verbindung nicht durch den 
Gedanken herstellen: Ägypten soll nicht helfen, denn Jahve will allein Jerusalem retten, 
obwohl das wirklich Jesaias Meinung ist, denn weder in v. 4 noch in v. 3b ist dieser 
Gegensatz auch nur mit einer Silbe angedeutet. Will man nicht zu dem verzweifelten 
Ausweg greifen, v. 4 f. für das erste Glied eines lang ausholenden Satzes anzusehen, 
dessen Hauptton auf v. 8 läge, so bleibt nur übrig, entweder v. 4f. für ein Fragment 
aus einer anderen Bede zu halten oder zwischen v. 3 und 4 einen Aasfall anzunehmen» 



Jes 31 4b— 7. 201 

Vor Ihrer Stimme erschrickt er nicht und vor ihrem Lärm weicht er nicht: 

So wird herabfahren Jahve der Heere zum Heerzuge auf den Berg Zions und 

[seinen Hügel ; 
* Wie fliegende Vögel so wird schirmen Jahve der Heere Jerusalem, 

Schirmend wird er retten, verschonend in Sicherheit bringen. 

* Kehret um zu dem, gegen den sie tiefen Abfall begingen, ihr 
Söhne Israels. ''Denn an jenem Tage werden sie verschmähen 
ein jeder seine silbernen und goldenen Nichtse, die euch eure 
Hände zur Sünde gemacht haben. 



Dann dürfte der einleitende Satz v. 4: denn so sprach Jahve zu mir, vom Sammler ein- 
geschaltet sein, um wenigstens eine scheinbare Verbindung zwischen v. 3 und 4 herzu- 
stellen. Das prächtige Bild v. 4 zeigt besonders in seinem Zwischensatz: vor ihrer 
Stimme erschrickt er nicht u. s. w., wieder einmal Jesaias Meisterschaft, dem primitiven 
hebräischen Satzbau ästhetische Effekte abzugewinnen, die man sonst nur der indo- 
germanischen Syntax zutrauen möchte (vgl. c. 28 3i). Leider entspricht die zweite Hälfte 
der Vergleichung v. 4 b der ersten in keiner Weise. Das »Herabfahren« Jahves, an sich 
schon ffir Jes. zweifelhaft, deckt sich ja gar nicht mit den Verben von v. 4a: der Löwe 
knurrt, weicht, erschrickt nicht; dazu ist das ^ras-*in-^9 iias in c. 287. s schon dagewesen 
und zwar in ganz anderem und auch wohl besserem Sinne, da Kax, Heeresdienst thun, 
von Jahve kaum ausgesagt werden kann und der Anklang an n-ücas die verkehrte Wahl 
des Verbums nicht rechtfertigt; endlich ist »Berg Zions und sein Httgel« eine ganz 
verfehlte Nachahmung von c. lOaa. Demnach ist v. 4b ein Flickvers von der Hand des 
Sammlers, und man weiss eigentlich gar nicht, für welchen Gedanken Jes. das Bild in 
V. 4a schuf, wenn nicht, was jedoch zweifelhaft ist, der wahre Nachsatz in v. 5 steckt. 
5 ist ebenfalls wunderbar zusammengeflickt. »Wie fliegende Vögel« oder Sperlinge wird 
er Jerusalem beschirmen: wie kann der Gott der Heerscharen mit Sperlingen (noch 
dazu plur.) verglichen werden, die doch sonst nur Bild scheuer Vögel sind (vgl. Ps 11« 
Jes 10i4)? Was n^Dc eigentlich bedeutet, mag dahingestellt bleiben, weil es doch 
schwerlich noch herauszubringen ist; hier muss es einen ähnlichen Sinn haben wie y^a, 
etwa: vor einer Gefahr schützen, der andere erliegen; aber dass das Wort zu dem 
Bilde von den fliegenden Vöglein passt, ist nicht wahrscheinlich. Also werden die 
riC7 a->nts (zu b^^es von zippür s. 0. § 184 b] dem Sammler angehören und nicht dem 
Jesaia. Der Sinn ist im Übrigen: während alles zugrunde geht, bleibt Jerusalem 
immun. Jerusalem geniesst einen ähnlichen Vorzug, wie einst Israel in Ägypten, als der 
Würgengel die Erstgebornen tötete; ob freilich Jesaia diese Geschichte im Auge hat, 
ist nicht sicher. Ganz willkürlich ist es, aus dem Gebrauch des Wortes nicc zu schliessen, 
dass diese Bede bei Gelegenheit der Passahmahlzeiten gehalten sei. 6 f. kann jesaiani- 
sches Gut enthalten, passt aber nicht in den Zusammenhang. Ist der Text richtig, so 
enthält v. 6 eine Mahnung zur Bekehrung, die die vorhergehende Verheissnng aus einer 
unbedingten zu einer bedingten machen würde und die in allen diesen Beden ganz ver- 
einzelt dasteht, jedenfalls mit ihrem Imperativ hier höchst fremdartig wirkt. Liest man 
*iaiT; und in v. 7: an-p dh^ (LXX), so bilden beide Verse eine Motivierung der Beschirmung 
Jerusalems, die so trivial und unjesaianisch ist wie nur möglich, v. 7 ist ohne Zweifel 
von derselben Hand verfasst wie c. 30» und erinnert stark an c. 220 vgl. 17 s. Auch 
der prosaische Satzbau verrät den unjesaianischen Ursprung. 8 a weistauf v. 3 a zurück: 
nicht durch d^k und nva wird Assyrien besiegt werden, sondern das Schwert Gottes wird 
sein Heer vertilgen. Der Satz kann Fortsetzung von v. 3 a und von v. 5 sein, kann ebenso 
gut aber auch aus einer anderen Bede stammen. Das zweimalige 2'-n ist nicht grade schön. 
8b. 9a: Noch weniger schön ist es, dass in v. 8b das Schwert noch einmal vorkommt 
und zwar in einem Satz, der mit v. 8 a sich schlecht vereinigen lässt Denn wie Assur, 




202 Jes 318-9. 

^Und fallen wird Assur durch das und das Schwert eines Unsterblichen 

[Schwert eines Nicht-Menschen, [wird ihn fressen, 

Und flüchten wird er sich vor dem Schwerte, 

Und seine Krieger werden der Frohn verfallen, 
» Und seinem Felsen läuft er vor Grauen vorbei, 

Und es schreckest von der Fahne weg seine Fürsten, 
Ist der Spruch jahves, der ein Feuer und einen Ofen in Jerusalem. 

[hat in Zion 



nachdem das Schwert es gefällt und gefressen hat, vor dem Schwerte davon laufen kann, 
das ist ein Bätsei. Dass ein Teil der Assyrer getötet werden, ein anderer davon laufen 
kann, ist freilich eine unbestreitbare Wahrheit; aber wer das sagen will, raüsste ein 
stümpernder Schriftsteller sein, wenn er es so sagte, wie hier. v. 8 b ist sicher nicht die 
ursprüngliche Fortsetzung von v. 8a, aber wahrscheinlich nicht einmal jesaianisch, 
wenigstens dann nicht, wenn es eine Aussage über Assur ist. Schwerlich hat Jes. er- 
wartet, dass Assur Jahve entrinnen werde, und ganz gewiss hat er nicht gemeint, dasa. 
die überlebenden Assyrer die Sklaven der Judäer werden sollen. Ähnlich steht es mit 
V. 9 a, der offenbar v. 8 b fortsetzt. Die ersten drei Worte werden von den Meisten über- 
setzt: sein Fels, vor Granen wird er vergehen oder davon laufen; und unter dem Felsen 
denkt man sich bald die Macht oder das Heer, bald den König oder den Gott Assurs. 
Aber ein Fels, mag er bedeuten was er will, läuft nicht davon und vergeht auch nicht, 
wie etwa der Schatten oder Wasser oder Spreu oder die Wolke, von denen «U9 mit Fug 
ausgesagt wird. Wenn also der Text richtig ist, so muss ly^D accus, sein; ^^ c. acc. 
heisst : an einem Ort vorübergehen vgl. z. B. II Beg 6 9. »Sein Fels« bedeutet aber wohl 
nicht Felsenhöhen, auf die sich ein besiegtes Heer rettet, da sich ein Heer schwerlich 
vor der Schlacht in der Weise auf die Flucht vorbereitet, dass es sich einen Felsen 
wählt, der nun »sein Fels« wäre. Das Bild mag etwa von der Jagd hergenommen sein: 
wie eine gehetzte Gemse in blindem Schrecken ihrem Felsen, auf dem sie sich gewöhnlich 
in Sicherheit bringt, vorbeiläuft und so dem Verfolger zur Beute wird, so verfehlt der 
Besiegte, von panischer Furcht ergriffen, seine Bettungsmittel richtig zu benutzen. 
Und »von der Fahne schrecken hinweg (prägnant) seine Fürsten«; selbst seine Fürsten, 
die die Tapfersten sein sollten, fliehen. Dillm.'s Meinung, dass die Fürsten sich scheuen 
werden, künftig unter seiner Fahne zu dienen, setzt ein merkwürdiges Verhältnis der 
»Fürsten« zu ihrem Herrn voraus und würde, wenn sie richtig wäre, zu dem Schlüsse 
nötigen, dass hier von einem assyrischen Könige nicht die Bede sein kann. Aber auch 
so stimmt imser Vierzeiler nicht mit v. 8 a zusammen und rührt wohl aus einem Gedicht 
her. Seine Ausstossung bringt der Bede unsers Propheten nur Gewinn, nämlich einen 
kurzen, aber kräftigen Abschluss: Assur wird durch ein Gottessohwert fallen, ist der 
Spruch Jahves, der ein Feuer hat in Zion u. s. w. 9b Feuer und Ofen erinnern zwar 
an c. dOss, können hier aber neben dem Schwert nicht ein Werkzeug der Vernichtung 
sein; Assur fUUt durch Jahves Schwert, der ein Feuer hat, ist eine unmögliche Verbin- 
dung. Vielmehr giebt v. 9b den Grund an, warum Jahve Jerusalem gegen Assur schützt. 
Bei dem *^im denkt man mit Becht an das Vsc'^k c. 29. Dass der Altar sonst niemals 
"^Mr heisst, ist doch kein Einwand gegen diese Deutung: darf denn selbst ein Jes. nur 
solche Ausdrücke gebrauchen, die sonst schon jemand gebraucht hat? Übrigens ist 
doch die Stelle Gen 15 17 bekannt genug, wo Abraham als Zeichen der Anwesenheit 
Gottes einen '■•lar erblickt. Vielleicht denkt auch Jes. nicht blos an den sinnlichen 
Altar im Tempel, sondern auch an das, was er selber einmal dort gesehen (c. 6) und 
das, wenn es auch für gewöhnlich nicht gesehen wird, doch darum nicht minder gewiss 
vorhanden ist. Unsere Stelle gehört zu denen, die auf die Folgezeit hervorragenden 
Einflnss ausübten. Obgleich Jes. nicht, wie ein Späterer unfehlbar gethan hätte, von 
der »Heiligkeit« Jerusalems spricht, so ist doch v. 8a. 9b der prägnanteste Ausdruck 



Jes 32 1—5. 203 

32 ^ Siehe, nach Gerechtigkeit wird herrschen der Herrscher, 
Und die Regenten nach dem Recht regieren, 
2 Und jeder wird sein wie ein Bei^ngsort vor'm Winde 

Und [wie! ein Versteck vor wetterguss 

Wie Wasseroäche in öder Steppe, 

Wie Schatten eines wuchtigen Felsen im lechzenden Lande. 

^Cnd nicht sind verklebt die Augen der Sehenden, 

Und die Ohren der Hörenden sind scharf; 
*Und das Herz der Schnellfertigen versteht zu erkennen. 

Und die Zunge der Stammler redet fertig Deutliches; 
* Nicht wird femer genannt der Narr ein Herr. 

Und nicht der Känkeschmied vornehm geneissen. 



jener jesaianischen Ansohaaungen , die in Mitwirkung der geschichtlichen Ereignisse 
Jerusalem den Charakter der heiligen oder vielmehr alleinheiligen Stadt und Gottes- 
statte aufprägten und die denteronomische Reform wie die spätere Eschatologie hervor- 
hringen halfen. 

Fünfzehntes Stück c. 32i— s. Es enthält in v. 1—5 zwei seohszeilige Strophen 
genau von der Art der Strophen in c. 2 s — 4 und c. 11 1 — 8; auch der Inhalt handelt wie 
jene von der Zeit nach dem Gericht; und so gut wie o. 2fff. und c. lliff. kann auch 
c. 32] — 5 echt sein, wird alsdann auch ungefähr in dieselhe Zeit fallen, nämlich in das 
vorgerückte Alter Jesaias. Von dem König wird v. 1 nüchterner gesprochen, als c. 11 iff. ; 
oh deswegen, weil das herrliche Bild c. 11 iff. noch nicht in dem Propheten aufgegangen 
war, oder weil er umgekehrt in c. llifT. sich schon erschöpfend üher die Person des 
Davididen geäussert hatte, darüher kann man nur ganz subjektive Ansichten haben. 
Jedenfalls setzt aber dieser Vers einer nachexilischen Ansetzung ein starkes Hindernis 
in den Weg: nicht als ob ein nachexilischer Dichter nicht von einem künftigen Könige 
hätte sprechen können, sondern deshalb, weil er nicht so trocken von ihm hätte sprechen 
können, vielmehr den >Messias< hätte stärker hervorheben müssen; der Vf. dieses Verses 
hat doch wahrscheinlich unter Königen und Königsbeamten gelebt. Hingegen sind die 
redseligen Maschais v. 6 — 8, die die beiden Begriffe ^aa und ^Va in v. 5 abhandeln, dem 
Jes. abzusprechen, nicht blos weil sie trivial sind und in der Sprache und >Theologie< 
von seinen Schriften abweichen, sondern vor allem deswegen, weil es ganz allgemeine 
Sprüche sind, die ein Theologe spricht und nicht ein Politiker. 1 Eine Verbindung mit 
dem Vorhergehenden ist nicht vorhanden. Für p finden wir sonst bei Jes. mn; ob eine 
Variation des Autors vorliegt wie bei 'ph und p-^y, oder ob der Schreiber schuld ist, 
kann man nicht sagen. D->nb^ könnte heissen: was die Fürsten anbelangt. Aber zu 
dieser Hervorziehung der Fürsten ist kein Grund; das h ist wohl Versehen des Ab- 
schreibers, der jatvfah schreiben wollte. Dass der Artikel fehlt, kommt auf Bechnung der 
poetischen Sprache und gestattet selbstverständlich keinen Schluss auf IJnechtheit. 
Zu dem Gebrauch von h vor px und xstvo vgl. c. 11 s. ^'^v ist in der altem Sprache 
wohl nur als poetisches Wort gebraucht. 2 Jeder, nämlich jeder Begent, ist wie em 
Bergungsort. Der folgende Stiches ist im hehr. Text zu kurz; ausgefallen ist die Ver- 
gleichungspartikel und wahrscheinlich noch ein Zusatz zu s^t vgl. die LXX. Zu dem 
Schatten des Felsen zitiert man seit Ges. Hesiod Lb 589 und Verg. Lb 3, 145. 8 bis 5. 
Handelte die erste Strophe von den Regenten, so die zweite vom Volk überhaupt. Bei 
dem Satz: die Sehenden werden nicht verklebte Augen haben (lies mit Ew. rrr^rr von 
JTC vgl. 6 10 299) denkt der Prophet an die politische und religiöse Blindheit »dieses 
Volkes da«, das beständig sieht und hört, aber dabei immer blinder und tauber wird. 
Das wahre Gottesvolk wird das, was Gott ihm darbietet, mit Empfänglichkeit aufnehmen 
und damit die Hauptbedingung der Religion erfüllen. Das qal rraavp ist ohne Beispiel, 
aber bedingt durch den Umstand, dass B'^anc hier subj. ist, daher richtig (vgl. a^p^ c. 21?). 
4 v^rm^ und '^msr sind ein absichtlicher Gegensatz. Bei der Überlegung soll man 



204 Jes 32 fi -8. 

^MMenn der Narr, Narrheit redet er. 

Und sein Herz sinnt Unheil, 
Zu thun Unheiliges 

Und über Jahve Irrung zu reden, 
Leer zu machen die Seele des Hungrigen 

Und den Trank des Durstigen mangeln zu lassen. 

^ Wind der Ränkeschmied, seine Ränke sind hose, 

Auch plant er böse Gedanken, 
Zu verderben Elende durch LUgenworte, 

Auch wenn der Arms das Rechte sagt. 
• Dock der Edle, edle Dinge plant er. 

Und wird auch auf edlen Dingen bestehen. 



langsam, nicht zu rasch fertig sein, dagegen das Überlegte fertig aussprechen können: 
das giebt gute Redner und Berater der Volksgemeinde. Die Kategorie von Menschen, 
der diese Verheissung gelten könnte, ist uns bei Jes. sonst nicht vor Augen gekommen, 
doch ist das nicht auffällig. Jes. scheint an Gesinnungsgenossen und Jünger zu denken, 
die sp&ter in seinem Geist wirken sollen ; unter ihnen fehlten gewiss unbesonnene, unge- 
duldige Petrusnaturen nicht, solche, die auch' das Maschal c. 2828ff. zu beherzigen nötig 
hatten; und andere mochten mehr guten Willen als Fähigkeit haben, für die Gedanken 
und Forderungen des Propheten öffentlich einzutreten. Den ersteren wird Jahve grössere 
ßodachtsamkeit , den letzteren grössere Beredsamkeit schenken, beiden die grössere 
Klarheit des Geistes, durch die sich Jes. jetzt ihnen so sehr überlegen fühlt; alsdann 
werden sie auf die Sehenden und Hörenden v. 3 rocht einwirken können. Auch v. 5 wird 
Anspielungen auf bestimmte Leute und Verhältnisse enthalten; irgend eine bestimmte 
Persönlichkeit, z. B. am Hofe, wird der Narr und der "Vs sein, den man zum Edelmann 
(nv nur noch Job 34 19) machte. Was "V's bedeutet, wussten schon die Alten nicht 
mehr. Die Rabbinen leiten es ab von bis, abmessen oder an sich behalten, daher : geizig, 
Hitz. u. a. von n^s, daher entweder Verschwender oder Volksverderber, die meisten kom- 
binieren es mit bt9, ^99, daher: arglistig, Intriguant. Eine Entscheidung ist nicht mehr 
möglich. Jes. rechnet auch für die messianische Zeit auf Standesunterschiede in der 
Gesellschaft, und sein aristokratisches Fühlen offenbart sich hier sehr deutlich (vgl. zu 
c. 35). — Dass die Dichtung sich auf diese zwei Strophen beschränkte, ist nicht sehr 
wahrscheinlich. Aber die beiden folgenden Strophen, v. 6 — 8, sind, obgleich ganz ähnlich 
gebaut, nicht die Fortsetzung. 

v. 6 — 8. 6 Der Vaa ist hier nicht, wie v. 5, der aufgeblasene Hochmutsnarr, 
der sich einen Edelmann nennen lässt, sondern der religiöse Thor von Ps 14 1 Job 2 10, 
vgl. auch Jes 9 16, der von der wahren Weisheit, der Furcht Gottes, abgewichen ist, und 
die nVaa, die er redet, sind seine freigeistischen Ansichten. Das zweimalige rvy er- 
weckt Verdacht; ft&r r^y hat LXX yoiyac«, etwa arrr, und das wird den Sinn richtig 
treffen. Dass der Vf. c. 9t6 gelesen hat, beweist auch das Wort ran, hinter dem ein 
Svnonymum ausgefallen zu sein scheint. Profanes thun , statt das Heiligkeitsgesetz zu 
befolgen, über Jahve nnr, Ketzereien, sagen, charakterisiert den abtrünnigen Juden des 
2. Jahrh.B. Auch in moralischer Hinsieht lässt er es fehlen, denn er übt keine Wohl- 
thätigkeit vgl. c. 58?. 10. Zur »Seele« des Hungrigen vgl. c. 298 58 lo. r^r? in der Be- 
deutung Trank ein spätes Wort Lev 11 S4. 7- 8, die zweite Strophe, nimmt den «b*^ 
durch, der v. 7 zur Assonanz mit dem folgenden Wort "V: genannt, möglicher Weise 
auch von dem Erg&nzer anders aufgefasst wird als vom Propheten. r^^T in bösem Sinne 
ist ein beliebtes Wort in den späteren Dichtungen. Die Beschreibung der bösen Bänke 
erinnert an c. 29io ti : auch diese Mascbals werden von dem ergänzungslustigen Sammler 
verfasst sein. v. 8 berührt noch kurz den Gegensatz des Vaa und *V-:, den a^ der aber 



Jes 829—18». 906 

»Ihr sorglosen Weiber, hört meine Stimme, 

. Vertrauensselige Töchter, vernehmt meine Rede! 

1^ Ober Jahr und Tag bebt ihr Vertrauensseligen, 

Denn zugrunde ging die Wein- Obsternte kommt nicht 

[lese, 

iiaHttert, ihr Sorglosen, bebt, Vertrauensselige, 

Zieht euch nackt aus, ^=^auf die Brüste schlaget! 

Um die Felder der Lust, den fruchttragenden Weinstock, 

^^Um den Acker meines Volkes, der in Domen aufgeht! 



wieder nicht als soziale, sondern als moralische Grösse auftritt. Solche Tautologien, 
wie sie uns v. 6 und 8 aufgetischt werden, dem Propheten zuzutrauen, zeugt von ge- 
ringer Achtung vor Jesaia. Übrigens liehen es die späteren Schriftsteller von den ältesten 
Sibyllinen bis zu Josephus, die gesetzes treuen Juden als die gerechtesten und edelsten 
Menschen der Welt hinzustellen. 

Sechzehntes Stück c. 329 — u: eine Dichtung, die sich an die Weiber von 
Jerusalem wendet und ihnen die völlige Verwüstung der Stadt und ihrer anmutigen 
Umgebung ankündigt. Da Dornen das Land bedecken, die Lustgärten eine Weide der 
Wildesel »für immer« werden sollen, so muss diese Dichtung in die früheste Zeit Jesaias 
fallen. Eben dasselbe wird auch durch die poetische Form wahrscheinlich; ob Langverse 
beabsichtigt sind, wie ich früher für wahrscheinlich hielt, ist mir zweifelhaft geworden; 
man braucht nur wenige unbedeutende Wörter zu entfernen, um das erste Hemistich 
überall auf zwei Hebungen zu reduzieren und nimmt daher wohl am besten drei zweihebige 
Achtzeiler an. Das Stück für unecht zu halten, konnte nur denen widerfahren, die es 
nicht blos mit seiner nächsten Umgebung, sondern sogar mit c. 33 in einen Topf werfen ; 
es ist so gut jesaianisch, wie nur irgend ein Stück im ganzen Buch, und schon die 
Androhung der Verwüstung Jerusalems üh-\y^y schliesst nachexilische Abfassung aus. 
9 Der Eingang ist der des volkstümlichen Liedes vgl. zu c. 28s8 5i Is. Dass ein solcher 
Eingang, durch den die Volkssänger die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu 
ziehen suchten, irgend eine andere Stelle nachahme, ist eine Entdeckung, durch die sich 
die Kritik nicht grade empfiehlt. Der Prophet klopft mit seinem Liede gleichsam an 
Thür und Fenster der vornehmen Weiber, um sie durch das Orakel vom kommenden 
Gottestage aus ihrer sicheren Buhe aufzuscheuchen, ranp wird vielleicht besser mit 
Bickell gestrichen. 10 »Tage zum Jahr« ist nach Stade (ZATW. 1884, S. 269) ein »un- 
geschickter, wo nicht orakelnder Ausdruck«, darum nicht jesaianisch. Das letztere ist 
in sofern richtig, als dergleichen Ausdrücke nicht von Schriftstellern, sondern vom Volk 
geschaffen werden, aber ungeschickt sollte man sie nicht nennen, sondern nur unpedan- 
tisch. Unser »über Jahr und Tag« ist ebenso »ungeschickt, wo nicht gar orakelnd«. 
Tage zum Jahr hinzu oder über's Jahr hinaus heisst wörtlich : ein Jahr und noch etwas 
mehr, und will sagen, dass der Termin noch nicht unmittelbar vor der Thür steht, aber 
auch nicht mehr allzu fern ist; es kommt just nicht im nächsten Jahr, aber es kommt 
bald. Die Weiber sollen beben, weil die Ernte verloren ist; offenbar handelt es sich 
nicht blos um einen Misswachs, sondern um die völlige Verwüstung des Landes, "^ba 
beim verb. fin. kommt bei Hosea (87 9i6) in ähnlichen Wendungen vor, sonst nicht bei 
Jes. 11 weissagt in noch viel stärkeren Worten die kommende Verzweiflung. Der Text 
hat manches Auffällige. In der LXX fehlt n^i^aKV. Das masc. i-nn wird durch das Vor- 
kommen ähnlicher Fehler an anderen Stellen nicht angenehmer und ist wohl in m^n zu 
ändern, das sich alsdann den anderen Ausnahmsformen nt}"^, ntavt, nr^in anschliessen 
würde. Diese Imperative sind wohl nicht direkt aus ruu'i, natsos u. s. w. verkürzt, 
sondern aus solchen schon volkstümlich verkürzten Formen, die das ä am Schlass ver- 
loren haben und von denen ^rav und ^y^ Gren 488 Ex 220 übrig geblieben sind; denn 
nur so erklärt es sich, wie das n abfallen und ein Vokal übrig bleiben konnte (vgl. 0. 
§ 228 b). Was n-^r anlangt, so empfiehlt es sich vielleicht, das *; mit LXX zu streichen 



ä06 Job d2isb->u. 

Ja, um alle Häuser der Wonne, die frohlockende Stadt! 

" Denn der Palast ist verlassen, der Stadtlärm verödet, 

Hügel und Warte ist fi;eworden Blosse ffir immer. 

Die Wonne der WTldesel, die Weide der Herden. 



und rr>9 für den Inf. abs. piel von n^y anzusehen. Die Weiber sollen sich nackt aus- 
ziehen, zum Zeichen grosser Trauer. Die arabischen Weiber thun es beim Ansagen eines 
Unglücksfalles, bei der Totenklage oder überhaupt in leidenschaftlicher Erregung (Wellh. 
Skizzen III, S. 159 f. 107). Die Anlegung des Gurtes, der den pv umschnürt, passt nicht 
zu der Entbio ssung, wenn man nicht annehmen will, dass der Prophet den Weibern eine 
genaue Unterweisung über die Sackumgürtung erteile; ich halte das Schlusss&tzchen 
von V. 11 : umgürtet die Lenden, für den Zusatz eines Lesers, dem die Dezenz am Herzen 
lag wie dem Glossator von c. 204. 12a gehört zu dem ersten Sätzchen von v. IIb: 
entblösst euch und schlagt auf die Brüste ! d^tb ist nicht in v^'fo (Felder) zu verändern, 
da sonst auf die Felder ein unmotivierter Nachdruck fallt. Das part. d^ko, schon wegen 
der masc. Form unrichtig, ist wohl in np^cD zu verbessern. 12b. 18a giebt mit drei- 
fachem hy den Gegenstand der Klage an, Felder, Fruchtbaum, Acker. Das Asyndeton 
"i-^v pp verrät, wie es scheint, dass das bei Jes. nicht vorkommende yip Schreibfehler 
war und zu streichen ist; ^^»v ist acc. wie c. 56: der Ackerboden meines Volkes (o. 224), 
der aufsteigt zu Domen. 18 b Auch die Stadt mit all ihren schönen Häusern geht zu- 
grunde. 14 Da die in v. 9 angeredeten Weiber offenbar den vornehmsten Ständen an- 
gehören wie c. 3 16, so werden hauptsächlich die Stätten genannt, wo sie wohnen: der 
Palast ist verlassen, der ^B7, der südliche Teil des Zionberges, wüste »auf ewig«. Dass 
D^iy nicht »Dauer« heisst, geht schon aus der vorgesetzten Präposition hervor. Jerusalem 
soll von der Erde verschwinden, mindestens der Teil, wo die Eönigsburg und ihr Anhang 
steht, wo die Weiber wohnen, die nach c. 3i8 die Herrschaft führen; nur verlassene 
Buinen, wo wilde Tiere und Herden sich einfinden, bleiben übrig. Nur c. 5i4. 17 haben 
wir bei Jes. eine ebenso starke Bedrohung Jerusalems, obwohl aus anderen Stücken 
(c. 6. 7i8ff. 2i2ff.) auf indirektem Wege ähnliche Ansichten gewonnen werden könnten. 
)r,2 scheint wie Vcy Name einer Ortlichkeit zu sein, vielleicht einer Anlage, einer Garten- 
terrasse, eines turmartigen Aussichtspunktes oder dgl., könnte ja wohl auch mit dem 
Neh Sssff. erwähnten Turm der königlichen Residenz identisch sein {Ges. u. a.). -i» ist 
kaum zu übersetzen, auch der Sinn, den es Job 24 Prv 6i6 hat, passt nicht (Hfigel und 
Warte sind hingegeben für Höhlen); es ist wohl "i^. Blosse, dafQr zu lesen und dies flir 
eine Variante zu ni-^pa oder vielmehr das letztere für eine Korrektur des seltenen ^s« 
(aa rrygii) zu halten, jedoch für eine verunglückte, denn wie der hty zu einer Höhle werden 
und was die Wildesel und Herden mit den Höhlen sollen, ist schwer einzusehen. Welche 
Katastrophe den Untergang Jerusalems herbeiführt, sagt der Prophet hier so wenig, 
wie c. 5 14. c. 6, wird aber wohl an Feindeseinfall denken. Allerlei Abschwächungen 
dieser Drohungen sind von den Exegeten versucht worden, die die Selbständigkeit dieser 
Dichtung nicht erkannten, sondern sie mit v. 15 ff. verbinden. Aber das Stück geht mit 
v. 14 zu Ende; der Abschluss v. 14 und die Klimax in den letzten Versen sind des 
Jes. würdig. 

Siebzehntes Stück c. 32 15 — so, eine Dichtung, die das Heil der Endzeit schil- 
dert und sich im Ausdruck wie im Bau ihrer beiden sechszeiligen Strophen an v. 1 — 5 
c. 11 1 — 8 c. 2f— 4 anschliesst; sie könnte einst die Fortsetzung von v. 1 — 5 gewesen sein, 
wenn auch dazwischen eine oder mehrere Strophen ausgefallen sein mögen. Sie ist jetzt 
auf eine unmögliche Weise mit dem Gedicht v. 9 — 14 verbunden , mit dem sie weder in 
der Form noch im Inhalt irgend etwas gemein hat. An der jesaianischen Abfassung 
sind Zweifel nur in demselben Masse erlaubt, wie an der der verwandten Stücke. Die 
besonderen Ausstellungen, die Stade und Guthe noch machen zu müssen glauben, gründen 
sich zum Teil auf Textverderbnisse, zum Teil auf irrige kritische Ansichten von anderen 



Jeg S3i6— 16. ÖO? 

^^ . bis ausg^ossen wird 

Ober uns der Geist aus der Höhe; 
Und es wird die Trift werden zum Fruchtgefilde, 

Und das Frucht^fild zum Wald gerechnet werden, 
^^Und wohnen wird m der Trift das l^ht, 

Und Gerechtigkeit im Fruchtgefilde hausen. 



Stücken, von denen das unsrige abhängig sein soll, während das Gegenteil der Fall ist, 
endlich anf biblisch-theologische Wahrheiten, für die nicht die alttestamentlichen Schrift- 
steller aufzukommen haben, sondern nur ihre Schöpfer, die Kritiker selber. Dem Jes. 
eine Weissagung absprechen, weil sie keine Busspredigt enthält, das ist keine Kritik 
mehr. Gewiss ist die jesaianische Abfassung nicht sicher beweisbar, man darf vielleicht 
an diesen Dichtungen etwas mehr zweifeln, als an der Echtheit anderer Stücke. Aber 
die Ünechtheit ist noch weniger nachweisbar, so lange nicht bessere Argumente auf- 
geboten werden. 15 Das ny gehört vielleicht dem Bedaktor, der damit auf seine Weise 
die beiden verschiedenen Stücke mit einander zu verknüpfen und die Drohung von v. 14 
abzuschwächen sucht, ähnlich wie c. 29 16 30 is. Aber dies -^ ist so unglücklich wie nur 
möglich, denn abgesehen davon, dass gleich die folgenden Stichen sich nicht mehr von 
ihm regieren lassen, kann doch, sollte man denken, nur ein in Zukunftshofinungen 
schwelgender Schriftsteller den Nexus vertragen: Jerusalem wird verwüstet sein auf 
ewig, bis dass das Gegenteil eintritt. Leider haben dennoch die Exegeten diesen Über- 
gang sich gefallen lassen,, zum Teil mit sinnreichen Wegdeutungen des D^ty-ny v. 14. 
Übrigens fehlen am Anfang zwei Hebungen. Die Ansgiessung des Geistes ans der Höhe 
wird so kurz erwähnt, als wüsste der Leser schon, was das zu bedeuten hat, als wäre 
etwa c. 11 2 vorhergegangen. Stade weiss mehr, als was dasteht, wenn er sagt, dass die 
Bekehrung und sittliche Erneuerung des Volkes von dieser Geistesausgiessung abhängig 
gemacht werde; das^ thun nicht einmal die späteren Schriftsteller. Die Geistes- 
ausgiessung wirkt Wunderkräfte, Charismata, in den Bogen ten z. B. die Kraft, die 
Herrschaft der Gerechtigkeit durchzusetzen (v. 16), in anderen die Gabe der Weissagung, 
im allgemeinen ein erhöhtes Leben, aber keine Bekehrung (in Hes 3684if. ist ja doch 
von der Geistesausgiessung gar nicht die Bede). Und dass »das Gericht den Menschen 
über seine Sünden belehrt und in ihm den freien Entschluss zur Umkehr erweckt«, grade 
das wird von Jes. durchaus verneint, und unser Text sagt auch kein Wort davon ; ausser 
dem Namen seines Sohnes Schear-Jaschub hat Jesaia Überhaupt kein Wort von der Be- 
kehrung, während die Späteren wenigstens von dem Endgericht keine Bekehrung mehr 
erwarten. Eher könnte Bickell mit seiner Meinung im Becht sein, dass der ganze 
V. 15a Zusatz des Bedaktors sei, nur ist darüber bei dem defekten Zustand des Textes 
keine sichere Entscheidung möglich. Nach der Yerheissung der übersinnlichen Wunder- 
kraft stellt V. 15b die Umwandlung der Natur in Aussicht und bildet somit ein Seiten- 
stück zu c. llsff. Nach Stade ist v. 15b Nachahmung von c. 29 17, aber dass es sich 
umgekehrt verhält, ist schon zu c. 29 17 gezeigt worden. Die Trift wird erhöht zum 
Frnchtgefilde, das letztere (das Ktib ohne Artikel ist vorzuziehen) ist so dicht mit 
Fruchtbäumen bestanden, dass es für einen Wald gelten kann; der Boden ist also un- 
gemein fruchtbar und nicht mit sterilen Stellen durchsetzt. 16 In der Trift aber, wo 
man sich sonst um Weideplätze und Brunnen zankt und jedermanns Hand wider alle ist, 
herrscht dann die Ordnung des Bechts so gut wie im Fruchtland. Dass dies nicht von 
selbst so wird, ist für einen alten Propheten selbstverständlich ; vermittelt ist die Herr- 
schaft des Bechts durch die Thätigkeit der Begenten c. 11 8 32 1.2. Dass trotz v. 15 b 
hier noch von der Trift die Bede sein kann, vielmehr muss, leuchtet für eine Viehzucht 
treibende Bevölkerung ohne weiteres ein; die Trift ist nur weiter in die eigentliche 
Wüste hinausgeschoben zu denken (s. u. v. 20). 17 Die Folge der Herrschaft des Bechts 
ist die allgemeine Sicherheit. Auch c. 96 hat der Messias die Aufgabe, den »Frieden 
ohn' Ende« zu sichern. Der Text leidet an mehreren Gebrechen: anstössig ist das 



ä08 Jes 32 17— so 33 1. 

17 Und es wird das Werk der Gerechtigkeit Friede sein, 

Und die Wirkung des Rechtes Sicnerheit; 
i»Und wohnen wird mein Volk in der Wohnstätte des Friedens 

Und in sicheren Wohnungen und in sorglosen Buhesitzen. 

^•ünd herabfahren wird herabfahrend der Wald, 
Und in Niedrigkeit niedrig werden die Stadt. 

^Heil euch, die ihr säet an alle Wasser, 

Die ihr frei entsendet den Fuss des Stieres und des Esels. 

33 ^WFehe dir VergewcMiger, der du nickt vergewaltigt bist, 
Und dir nävber, den man nicht beraubt hat: 
Wenn du fertig bist mit VergeicaÜigen, wirst du vergewaltigt werden, 
Wenn du zu Ende bist mit Rauben, wird man dich berauben. 



zweimab'ge npnx, ferner rroai ^:i^mr\^ das an rnoai i9pvn c. 30 15 erinnert und doch nicht 
denselben Sinn haben kann, endlich die Überfüllung des zweiten Stichos. Jedenfalls ist 
das zweite rtp-;2s ein (aus bekannten Gründen s. c. 3i8 stehen gelassener) Schreibfehler; 
statt tspfn wird isev^ zu lesen und die Kopula vor rrca, das Prädikat ist, zu streichen 
sein; endlich ist wahrscheinlich d^it-t; ein müssiger Zusatz wie z. B. das ptr:*)-- v in 
Mch 43. 18 macht nach den voraufgehenden Stichen unstreitig einen etwas leeren Ein- 
druck; die Hand des Ergänzers mag hier einem unleserlich gewordenen Text nachge- 
holfen haben. Die zweite Yershälfte ist überladen und wahrscheinlich aus zwei Varianten 
zusammengesetzt. 19 ist vollends sonderbar und unbegreiflich. Das verb. n'^ia kommt 
sonst nicht vor, Seckers Vorschlag tvi ist vielleicht vorzuziehen, da dann beide Vers- 
hälften gleich gebaut sind. Aber welcher Wald und welche Stadt kann hier gemeint 
sein? und warum sollen beide erniedrigt werden? Der Wald könnte freilich nach 
c. 10 18. ssf. der Feind oder die Weltmächte sein, aber dann stammt der Vers nicht von 
Jes., und die Stadt bliebe immer noch im Dunkeln. Gehörte das Distichon dem Zu- 
sammenhang an, so müsste die Stadt Jerusalem sein, aber eben deshalb, weil hier Jeru- 
salem nicht bedroht werden kann, ist der Vers zu entfernen. Vielleicht ist das einem 
Gedicht über ein fremdes Volk entnommene DiBtichon einem Leser bei v. 14 eingefallen 
und an den Rand geschrieben worden. 20 schliesst ab. Glücklich der Landmann, der 
die goldene Zeit erlebt! Wenn er einen Acker besät, der auf Bewässerung durch einen 
benachbarten Bach zu rechnen hat, so braucht er nicht zu befürchten, dass der Bach 
versiegen werde vgl. Job 6i6 Jes 58 ii; und weil die Prärie, obwohl sie bei der Um- 
wandlung der bisherigen Weiden in Fruchtland in der jetzt menschenleeren, von Baub- 
tieren bewohnten Wüste liegt, völlig gefahrlos ist (c. 11 6. 7), darf man Stier und Esel 
frei gehen lassen, ohne Sorge, dass sie geraubt oder zerrissen werden oder dass sie nicht 
von selbst zurückkehren (1 s). Dass der Bauer Jesaias Liebling ist, bestätigt auch diese 
Stelle. 

Achtzehntes Stück c. 33. Es bedroht in v. 1 einen ungenannten Feind, bittet 
um Jahves Hülfe v. 2, vor dem die Völker zunicht werden 3 f. und der Zion mit Becbt 
und Gerechtigkeit angefüllt hat v. 5f. ; jetzt ist das Land im Unglück durch den gewalt- 
thätigen und treulosen Feind 7 — 9, Jahve wird sich siegreich und ruhmvoll gegen ihn 
erheben 10 — 13; die abtrünnigen Juden erschrecken: »wer kann das verzehrende Feuer 
aushalten?« der Redliche kann's v. 14—16; der wird den »König« sehen, ein von den 
Barbaren befreites Land, vor allem die beglückte Hauptstadt, deren Bewohner frei von 
Unglück und Sünde sein werden 17—24. Dem apokalyptischen Charakter der in Vier- 
zeilern abgefassten Dichtung entspricht der zerhackte, künstliche Stil; die Sprache ist 
die der Psalmen. Der Feind, der noch vergewaltigen darf, das freche Volk, das »zählte 
und wog«, kann nur das Heer der Seleuciden sein, dessen Söldner, aus aller Welt zu- 
sammengeweht (vgl. I Mak 699), eine unverständliche Sprache reden. Wie es scheint, ist 



Jes 33 s— 6. 209 

^Jahve, sei uns gnädig, auf dich hoffen wir, 



Sei ihr Arm aUmorgendlichj 

Ja unsere Hülfe in Drangsalszeü, 

^Wor dem Schau des Getoses entfliehen Volker , 
Vor deiner Erhebung zerstreuen sich Nationen, 

^JJnd hingerafft wird Beute, wie die Heuschrecke hinrafft. 
Wie Grashüpfer rennen, rennt man darauf. 

^ Wirhaben ist Jahve, denn er UH)hnt in der Höhe, 

' Hat angefüllt Zion mit Recht und Gerechtigkeit. 
^Und es werden Wahrheit sein deine Zeitmarken, 

Ein Schatz von Hülfe, von Weisheit und Einsicht*). 
*) die Furcht Jahves ist sein Schatz. 



Jerusalem Tom Feinde eingenommen und verräterisch behandelt worden. Der Eroberer 
scheint Antiochus Eupator gewesen zu sein nnd demnach unser Gedicht etwa in das 
Jahr 162 a. Chr. zu fallen. 1 steht etwas isoliert und würde bei einem besseren Schrift- 
steller Verdacht erregen, aber das Gedicht hat ohnehin eine mangelhafte Disposition. 
Die Syrer dürfen noch immer vergewaltigen und rauben (21 1 24 16), aber endlich wird 
das Mass voll sein vgl. Hab 27. s. Zn ^«-«nn mit fm statt imm s. 0. § 191 c; diese Er- 
weichung der Aussprache kann ebenso wie die von nvhn Etib dem Yf. zur Last fallen. 
Zum part. -rniv in v. 1 b s. G.-E. § 120b. Für ^nVss wird mit den meisten neueren Exe- 
geten "r^^ss zu schreiben sein; rth^ und uor auch c. 16i bei einander. 2 Der Dichter 
wendet sich an Jahve um Hülfe. Es sind nur drei Stichen vorhanden, aber das Suff, 
von or^T scheint zu verraten, dass zwischen der ersten und zweiten Zeile ein Stiches aus- 
gefallen ist; er wird von den Kämpfern Judas geredet haben, deren Arm (Ps 839) Jahve 
sein möge, vß nicht bei Jes. 8. 4 Jahve ist stark genug zur Hülfe. Die Perfekta 
sprechen Erfahrungen aus, keine Weissagungen, auch das sjcki v. 4 nicht, das zeigt schon 
der allgemeine Ausdruck »Völker, Nationen«, vgl. Ps 485fr. pan ^ipu, vor dem Schall des 
Lärms: eine inhaltslose Phrase, mit der der Vf. aber doch etwas zu sagen glaubt; viel- 
leicht soll sie, entlehnt aus c. 134, bedeutungs- und geheimnisvoll auf "das Getöse hin- 
weisen, das den Gerichtstag begleitet vgl. c. 24 19 und besonders c. 666. niim'^ (vgl. Ps 
1496) ein junges Wort, ^isca für unti wie Gen 9i9 (als wäre yts qal statt niph.) und 
neben ^ses Gen lOis. In dsV^v ist das Suff, der 2. pers. anstössig, ebenso das Fehlen 
der Vergleichungspartikel vor cjdk; beiden Fehlem wird abgeholfen durch k to V>^, Zu 
spM ist, wie der folgende Stichos zeigt, V^nn gen. subj. Zu dem Rennen der Heusohrecke 
vgl. Jo 29. Zu pvQ mit dag. im v vgl. 0. § 105 b. pj^v mit subj. implic. wie o. 21 u 
gehört ebenfalls der späteren Sprache an. Wer die Beute der Heiden sammeln soll, sagt 
V. 23, natürlich die Juden. 5 Dass der Satz : Erhaben ist Jahve, denn die Höhe bewohnt 
er, eine matte Nachahmung von c. 40» 66 1, nicht von Jes. sein kann, darin hat Stade 
recht, nur nicht in der Begründung, weil nämlich Jes. Jahve nicht im Himmel, sondern 
im Tempel wohnen lasse. Allerdings ist Dillmanns Nachweisung für den himmlischen 
Wohnsitz mittelst falsch gedeuteter Stellen (c. 6 c. 8» 296 3087 19 1) völlig verunglückt 
und vielmehr nur ein Beichtzettel dieses Exegeten. Aber erstens braucht dii» nicht den 
Himmel zu bezeichnen s. v. 16 c. 265: in der Höhe wohnen, heisst stolz und sicher 
wohnen. Und zweitens wissen wir gar nicht, wo nach Jesaias Vorstellungen Jahve wohnt. 
Jahve lässt sich zwar einmal im Tempel sehen c. 6, kommt ein anderes Mal aus der 
Ferne c. 3027, schwebt aber auch beobachtend Über den Menschen 184 und hat dann 
zwar nicht seinen Wohnsitz, aber seinen yyy>a unzweifelhaft »in der Höhe«. Jesaias Vor- 
stellungen sind offenbar nicht so sinnlich and kindlich, wie sie nach den Bedürfnissen 
der neuesten Konstraktionstheologie eigentlich sein sollten. Gegen das u*fya lässt sich 
also an sich nichts einwenden, mag der Vf. die Höhe räumlich oder im Sinn von v. 16 

ÜJUuUomiBvotMr i. A. T. : Du hm, Jw. 2. AnA. 14 



210 Jeß 337—8. 

''Siehe, die Hdden(?) klagen draussen, 
Die Friedensboten weinen bitter, 

* Verwüstet sind die Strassen, es feiert der Pfadwanderer. 

Gebrochen hat er den Bund, verachtet die Zeugen, 
Nicht geachtet einen Menschen. 



meinen; nur dass die Erhabenheit Jahves bewiesen und dass sie so äusserlich bewiesen 
wird, ist Jesaias nicht würdig, v. 5b ist wohl von c. In beeinflusst, aber unser Autor 
hat das entgegengesetzte Urteil wie Jes., weil er unter dem Gesetz lebt, dessen Erfüllung 
Becht und Gerechtigkeit ist (s. zu c. 66 1), das auch selbst wohl einmargerecht genannt 
wird (Ps 19 lo). Zion, die neujüdische Gemeinde, hat das Gericht von c. Isiff. schon 
hinter sich, das zweite und letzte Gericht, das noch bevorsteht, trifft nur die »Sünder« 
und die Heiden. 6 Die ersten Worte dieses Verses sind nicht mit Sicherheit zu erklären 
und auch der Text nichts weniger als sicher. Die LXX, die grade in diesem Cap. sehr 
frei übersetzt, mag bei ihrem Iv vofjup naqado^aovtai etwa n'^fsK und -rry angenommen 
haben. Man weiss nicht, worauf sich das Suff, von ^^^9 bezieht, ob auf Jahve oder auf 
Zion oder auf den Frommen, der v. 17 ff. angeredet wird, und was heisst: T^y nroK? 
Man übersetzt: Sicherheit deiner (Zions) Zeiten, aber die dt3^ sollten als gute Zeiten cha- 
rakterisiert sein, wenn die Beständigkeit der Zeiten als etwas Gutes gelten soll: den 
Bestand der Zeitläufte, unter denen der Dichter schrieb, konnte er nicht wünschen, d'^9 
bedeutet IChr 1282 Est lis Dan 995 11 6 Job 24 1 die vorherbestimmten künftigen 
Zeitläufte, die astrologisch-apokalyptischen Zeiträume und Zeitmarken, wohl auch, sofern 
sie enthüllt sind, diese Terminbestimmungen selber. »Zuverlässigkeit deiner Zeitmarken« 
wäre ein verständlicher Ausdruck und ein solcher, der zum Charakter des Stückes und zu 
seiner Entstehungszeit gut passen würde. Hält man sich genau an den Text, so mnss 
(wegen des masc. n*>n) "jcn Subjekt sein: der Schatz von Hülfe, Erkenntnis u. s. w. ist 
Gewähr deiner Zeiten. Aber der so entstehende (früher von mir akzeptierte) Satz: »Zu- 
verlässigkeit deiner (Jahves) Zeiten wird sein der Reichtum von Hülfe, die Weisheit und 
Erkenntnis, die Furcht Jahves« befriedigt nicht: das Metrum ist überlastet, der Satz un- 
gemein schwerfällig und der Inhalt insofern bedenklich, als die Gottesfurcht danach eine 
Bürgschaft für die Glaubwürdigkeit von Jahves Zukunftsbestimmungen sein würde, also 
in einem ungewöhnlich objektiven Sinn zu fassen wäre. Die ersten drei Wörter einfach zu 
streichen (Cheyne, Marti), kann ich mich nicht eutschliessen, denn abgesehen davon, dass 
die originelle Ausdrucksweise nicht auf eine Glosse hinweist, folgt dann eine Sentenz: 
»ein Schatz von Hülfe ist Weisheit und Erkenntnis«, die schwerlich in den Zusammen- 
hang passt, und mit dem, was folgt: »die Furcht Jahves ist sein (wessen?) Schatz« ist 
man erst recht verlegen. Ich schlage vor: ns^tm n^n^, »und Wahrheit werden sein deine 
Zeitfristen«. Weil Jahve erhaben ist und in Zion die wahre Religion begründet hat 
V. 5, so kann man sich auf die von ihm geoffenbarten Zeitfristen verlassen, darf man, 
wenn auch der Syrer noch Gewalt übt, an die Eschatologie glauben, die den Untergang 
der Gottlosen und den Anbruch der Herrlichkeit für Zion verheisst. Jene Zeitbestim- 
mungen Jahves sind femer »ein Schatz von Heil, von Weisheit und Einsicht«, nämlich 
für den, der sie, wie der Dichter, gläubig studiert. Mit diesen Worten scheint das ein- 
leitende Gebet v. 2—6 abzuschliessen — ob v. 1 ursprünglich vor v. 7 stand und nur 
wegen seines "«Hn (vgl. die Vorbemerkungen zu c. 28 ff.) an den Anfang gesetzt wurde? 
Das Sätzohen: »die Furcht Jahves ist sein (Zions?) Schatz« halte ich für eine Glosse, 
die in der LXX noch etwas ausführlicher ist, aber den Sinn von v. 6 a wohl nicht recht 
trifft, sofern es sich nicht um die Beligion im Allgemeinen, sondern um das Studium 
der Zukunftshoffnung handelt. Der Vf. wird das B. Daniel gelesen haben; zu seinen 
BT? vgl- Dan lls4. 27. 36 (und c. 12?). Gehörte er mit zu den Zahlenkünstlern von Dan 
12 11. 12? man ist archaistische Form; die Punktation fasst sie allerdings als stat. constr. 
(vgl. G.-K. §130b); nach dem Ktib zu urteilen, ist ursprünglich auch rrv^ beabsichtigt. 



Jefi d39. ^11 



9JBs welkt, hinwelkt die Erde, 

Beschämt ist der Libantm^ verdorrt, 

Es wurde Saron wie die Steppe, 

Und kahl steht Basan und der Karmd. 



7 und 8b charakterisieren die ge^^enwärtige (;n) politische Lage: die Friedensboten 
weinen bitter, er, wahrscheinlich der ttw von v. 1, hat den Bund gebrochen u. s. w. Zu 
den Friedensboten steht in Parallele das Wort x^wnnt, das, wenn der Text richtig ist, 
eine zeitgeschichtliche Anspielung apokalyptisch eingekapselt enthält; die LXX, die v. 7a 
doppelt Übersetzt, scheint beide Male [h r^ tfoß^ v/äuv; ovt itpoßeta^i) Ddrm*^ Torauszn- 
setzen, womit sich nichts anfangen lässt. Lassen wir dies Wort erst bei Seite, so ist in 
Y. 8b anstössig das Wort u^^y, Städte verachtet der Einsiedler oder der Beduine, nicht 
ein Kriegsheer; dieses könnte etwa Festungen verachten (Hab lio), was aber weder in 
n'^y liegt, noch zum Zusammenhang passen würde. Zu einem Bunde gehört ein -ry oder 
^IZ (Gen 3l44ff.), Zeugen oder Zeugnisse. Diese Stelle lässt sich wohl am besten auf 
Antiochus Eupator und Lysias deuten. Nachdem diese den Judas Makkabäus zum Bück- 
zug genötigt, Bethzura (nach Schlatter, Jason von Kyrene, S. 25, auf dem Olberg) er- 
obert und das Heiligtum auf dem Zion hart bedrängt hatten, nötigte sie der Aufstand 
des Philippus, Frieden mit den Verteidigern des Tempels zu schliessen ; Antiochus schwur 
ihnen einen Eid, worauf sie aus der Yerschanzung hervorkamen, brach aber den Eid, als 
er eingelassen war, und riss die Mauern nieder (IMak 6i7~6t). Passt dies vortrefflich zu 
V. 7 b. 8b, so muss sich v. 7 a auf Judas Makkabäus und seine Mitstreiter beziehen, die 
sich >draussen«, ausserhalb Jerusalems befanden, und d^k^m ist wohl eine ehrenvolle Be- 
zeichnung für sie, die vielleicht verständlicher sein würde, wenn das 1. Makkabäerbuch 
uns in hebräischer Sprache vorläge. Beinamen sind ja in jener Zeit an der Tagesordnung. 
Die eigentliche Bedeutung des Wortes ist nicht mehr festzustellen. Man hat es als 
D^^K*iK Helden oder als gent. von Vtr*^« c. 29i gedeutet; auch an Gen 499, wo Juda ein 
Löwe genannt wird, ist erinnert worden, wo dann IMak 34 zu Hülfe käme; manche 
halten, aber gewiss mit Unrecht, an dem ganz beziehungslosen Suff, fest, das man in 
der Endung ftm erkennen will. Die Friedensboten weinen (zur Form s. c. 31 s) bitter 
(224), weil der von ihnen eingegangene Friedensvertrag 4^8 Unglück herbeigeführt, weil 
der Feind den Bund gebrochen, sie, dessen Zeugen, oder auch die Zeugnisse des Vertrags, 
die Eidschwüre, verachtet hat (vgl. Hes 17 18: r-'-»a -»enV nhn nta). Nebenbei bemerkt ist 
es ein starker Missgriff, Sanherib für diesen Feind zu halten, hat doch nicht Sanherib, 
sondern Hiskia den Bund gebrochen, wie 100 Jahre später Zedekia (Hes 17 15). Den ge- 
schlossenen Zusammenhang von v. 7b. 8b stört das Distichon v. 8a: Verwüstet sind die 
Strassen u. s. w., das Beischrift zu v. 9 sein wird. 9 ist ein Vers, wie ihn die Späteren 
lieben vgl. o. 244 Zeh 11s. Die genannten Landschaften, die ja zum Teil nicht einmal 
zu Israel gehören, dienen in antiker Weise (s. zu c. 2i8ff.] zur Belebung und Verzierung 
der Bede. Wie sie nur als Typen von vegetationsreichen Landschaften figurieren, so ist 
auch ir-iK nicht das Land der Juden, freilich auch nicht die ganze Erde, sondern die 
Erde als Qualitätsbegriff, die sonst blühende, jetzt trauernde Natur. Vielleicht war es 
ein Notjahr, als der Vf. schrieb, der den Zustand der Natur als Reflex der Schlechtigkeit 
der Menschen und des Unglücks seines Volkes mit jener Gefühlsweichheit empfindet, die 
vielen späteren Schriftstellern eigen ist; vielleicht darf man auch daran mit denken, 
dass Bethzura und der Tempel sich dem Antioch. Eupator aus Hunger übergeben mussten, 
weil die Juden im Sabbathjahr das Land nicht bestellt hatten; wäre die erhoffte Zeit 
schon da, so hätte man trotzdem nicht Not gelitten. Schreibe nVsK. hysp in pausa für 
^K? 0. § 91 d. Die na*^9 ist schwerlich die Jordansaue (Dillm.), sondern die Steppe über- 
haupt; den Artikel setzen die Pnnktatoren gewohnheitsmässig bei s. Der Name yrrn, als 
appell. gefühlt, hat immer den Artikel, -«^s, abschüttelnd; zu ergänzen wäre nachEimchi: 
die Blätter. Die LXX spricht nVa, niph. von ^19 (Hab B9), was weniger poetisch ist. 

14* 



31d Jos dSio— 14. 

^^„Jfetzt will ich aufstehn, spricht Jahve, 
Jetzt mich erhöhen, jetzt mich erheben; 

^^ Schwanger seid ihr mit Heu und gebärt Stoppeln^ 

Euer Zameshauch ist ein Feuer, das euch verzehrt; 

^^WTnd Völker werden zu Kalk verbrannt, 

Abgehauene Dornen, die im Feuer auflodern: 

^^Es hören die Femen, was ich thue. 

Es erkennen die Nahen meine Hddenkraß." 

^^JBs beben in Zion die Sünder, 

Es erfasst Zittern die Unheäiaen: 
„ Wer unrd uns weilen bei dem fressenden Feuer, 
Wer unrd uns weilen bei den ewigen Gluten?^ 



10 bis 13 enthält Jahves Antwort auf die vorhergehende Bitte und Klage. Die dreifach 
variierte Zusicherung, dass er jetzt aufstehen wolle, wirkt lebendig, aber die Fortsetzung 
ist mehr künstlich als kräftig und passte besser in den Mund eines Menschen als in 
den Gottes. D^f")« mit assimiliertem n und mit ftm statt 6m wegen der Pausa (0. § 272a). 

11 Das erste Bild ist seit Job 1585 beliebt vgl. Jes 694 Ps 7i5, ist hier aber, nach der 
Drohung mit Jahves Dreinfahren, höchst unglücklich angebracht, ebenso das Bild in 
V. IIb, das durch die Stoppeln in v. IIa veranlasst ist. Denn wenn die Heiden sich 
durch ihr eigenes Trachten und Handeln vernichten, so braucht Jahve nicht mehr »auf- 
zustehenc. n'n ähnlich wie c. 254. 12 ist der Form nach eine Prophezeiung, aber eine 
solche, die nicht mit prophetischer ürsprünglichkeit eine konkrete Gottesthat ins Auge 
fasst, sondern aus der allgemeinen eschatologischen Dogmatik gefolgert ist. Zu iirat': für 
iinss:, von nx% vgl. 0. § 242b G.-K. § 20i. rres nur noch Ps 80i7. Das Bild: zu'^Kalk 
verbrannt werden, das zu v. 11 nicht sonderlich passt, ist eine Reminiszenz aus Am 2i. 
18 Mit der LXX muss man ^[yo'o und ^yr lesen, denn es handelt sich nicht um Anhörung 
solcher Worte, in denen Jahve sein Thun ankündigt, sondern der Gerüchte über das, 
was er thut, denn sonst müsste es nv9» heissen und der ganze Satz vor v. 10 stehen. 
Der Vf. meint: wenn Jahve solche Dinge gethan hat, wie sie v. 11 — 12 genannt sind, 
dann wird die ganze Welt staunend davon hören und sich von seiner Kraft Überzeugen. 
Auch im Folgenden haben wir Perfekte. 14 Vor allem wird das Gericht eine mächtige 
Wirkung im jüdischen Volke hervorbringen. Die Sünder, d. h. die abtrünnigen Juden 
(s. zu c. lis), und die ünheiligen (s. zu c. 326) in Zion, die in IMak 6 ff. als Partei- 
gänger der Heiden stark genug hervortreten, erbeben (Ps 145), Zittern erfasst sie (Ps 
48?), so dass sie sprechen: wer mag uns (dat. ethic.) weilen (c. acc. wie Ps 55) bei dem 
fressenden Feuer, den ewigen Gluten. Dass die Gottheit in einem feurigen Hause wohnt, 
auf einem Feuerthron sitzt, ist auch die Vorstellung des Henochbuches (c. 14i5ff.), heraus- 
gesponnen aus den lehrhaften Auseinandersetzungen darüber in Dtn 4 12. 15. ss. 36 bn — S6. 
Unser Vf. stellt sich vor, dass die sichtbare Erscheinung Jahves in der messianischen 
Zeit auf dem Zion, die für die Frommen ein Schutz und eine Ehre ist (c. 46 24 ss), den 
Abtrünnigen wie ein schreckendes Feuer sich darstellt, vor dem sie weichen müssen. 
vkty bedeutet nicht, dass das Gottesfeuer auf ewig vernichtet oder ewig wieder ausschlägt, 
so oft neue Frevler aufstehen möchten, die ja die Sprecher dieser Worte nichts angehen, 
sondern ist ein schmückendes Beiwort, das das Feuer als göttliches bezeichnet. Denn 
die Vorstellung von c. 66 S4 passt nicht zu der Frage: wie können wir verweilen bei 
dem Feuer. 15 sieht aus wie eine Antwort auf die Frage v. 14, die aber keine Antwort, 
wenigstens nicht diese, verlangt, da er nicht die Beichtfrage von Ps 15 1 24s ist, sondern 
ein entsetzter Ausruf der Sünder von v. 14. Will man daher nicht annehmen, dass der 
Vf. vollkommen aus dem Text geraten ist, so kann man ihm nur v. 15a zuschreiben, der 
mit V. 16 einen passenden Gegensatz zu v. 14 abgiebt: den Sündern steht der n-^p-rx *f^n. 



Jes 3315-18. 213 

^^WTer in Gerechtigkeit wandelt und Qradheit redet, 
Verschmäht den Gewinn von Bedrückangen, 

Schüttelt seine Hände vom Anfassen der Bestechung, 
Verstopft seine Ohren, nicht Blutschuld zu hören, 

Und verschliesst seine Augen, sich nicht am Bösen zu weiden, 
^Wer wird Höhen bewohnen, 
Felsenburgen sind sein Hort, 

Sein Brot ist gereicht, sein Weisser sicher. 

^'^MBen König in seiner Schönheit werden schauen deine Äugen, 

Werden sehen ein Land der Weiten; 
^^Dein Herz wird denken des Schreckens: 

Wo ist der zählte, wo der uH>g? 



dem Unheiligen der a'^v^ "u-r, dem Schicksal der ersteren das Geschick des Frommen 
V. 16 gegenüher. Dagegen hat sich der Einsetzer von v. 15h durch die Ähnlichkeit von 
V. 14 h. 15 a. 16 mit den erwähnten Prozessionsliedem Ps 15. 24 verleiten lassen, ein 
Tetrastich einzuschalten, das das Gedicht ganz aus seiner Bahn zieht, indem es eine 
breite Antwort giebt auf die Frage, wer am Beich Gottes teilhat, also den Charakter 
von V. 14 b ganz verändert, ntp-ix kommt in älteren Stellen (Jdc 5ii Mch 65) von Jahve 
vor, erst seit Hesekiel (Stade) von Menschen ; fär "j^n c. acc. vgl. Ps 159 könnte man sich 
etwa auf Mch 2ii berufen. D-«ie*«tt ist das Gegenteil von der nyin c. 32«. Der Einsatz 
hat das Bestreben, möglichst kräftig zu reden: der Fromme fasst nicht blos kein Be- 
stechungsgeschenk an, er »schüttelt« seine Hand davon weg, er verstopft das Ohr, nicht 
»Blutschuld zu hören«. Letzteres kann nicht bedeuten: von Blutschuld zu hören, da 
das keine Sünde wäre und beim Bichter sogar Pflicht ist, auch nicht: einen Mordplan 
anzuhören, weil das auch nicht ohne weiteres Sünde ist und D*)9-r nicht Mordplan be- 
deutet, sondern : gottlose Reden, Lästerungen u. dgl. anzuhören, weil das willige Anhören 
einer Lästerung so gut ist wie das Aussprechen einer solchen, also ein todeswflrdiges 
Verbrechen ist (Job 3128). Der Ausdruck ist geschraubt, aber nicht mehr als die Sätze 
Tritojesaias c. 668, und ein Textfehler, etwa ''B-i oder o'^Ena oder auch oitsa (Prv 9?) für 
D-tt-r, ist wohl nicht anzunehmen. 16 Die Höhen und die Felsenburgen darf man nicht 
mit der, übrigens nicht blos in den Psalmen (vgl. Jes 17 lo) vorkommenden Bezeichnung 
Jahves als des Felsen und der Burg vergleichen (Stade), weil dazu weder pv noch der 
Plural nnsta passt; zu vergleichen ist c. 265 und zu denken an die Unüberwindlichkeit 
der von Gott geschützten jüdischen Festungen, besonders Zions (c. 286). Darauf bezieht 
sich auch v. 16 b, wo vielleicht auf die Hungersnot, die zur Übergabe Bethzuras und des 
Tempels genötigt hatte (s. v. 7 ff.), angespielt wird: in der messianischen Zeit hat man 
keinen Mangel mehr zu leiden vgl. c. dOis— S5 Ex 2325. 17 Dass schon im Vorher- 
gehenden die messianische Zeit dem Vf. vorschwebte, zeigt sich jetzt deutlich: ohne be- 
sonderen Übergang stehen wir v. 17 ff. mitten in den Schilderungen der goldenen Zukunft. 
Die Verbindung von v. 16 und v. 17 erinnert so stark an c. 3020, dass man in beiden 
Stellen dieselbe Hand zu sehen glaubt, v. 17 ff. haben wie c. 29i6ff. 30i8ff. entschieden 
die Tendenz, die Gesetzestreuen zu trösten und zum Ausharren anzufeuern; man erkennt, 
warum das Büchlein c. 28—33 zusammengestellt ist, nicht aus blossem Sammeleifer, um 
den prophetischen Kanon zu kompletieren, sondern aus demselben Grunde, aus dem das 
Buch Daniel geschrieben wurde. Mit Augen wirst du sehen, redet der Dichter den 
Frommen an, den »König in seiner Schönheit«. Es ist nicht ganz klar, ob Jahve der 
König ist (v. 22) oder ob der Messias gemeint ist, das letztere aber wohl wahrschein- 
licher; auch der Zeitgenosse unseres Vf.s, Deuterosacharja, bezeugt, dass in dieser Be- 
pristinationszeit die messianische Idee unter dem Eindruck der makkabäischen Freiheits- 
kriege wieder lebendig geworden war (Zeh 99). Die »Schönheit« des Königs erinnert an 
Ps 458 und meint sowohl die persönliche Erscheinung des Messias als auch den Glanz 
seiner Umgebung (c. 11 lo). Daran schliesst sich passend an das Land der »Weiten«, die 



214 Jes 33 18b— »1. 

VW^o ist der Präfekt mit den ZöUnern? 
^^Das freche Volk, du siehst es nicht, 
Das Volk zu tiefer Lippe, es zu vernehmen, 
Stammelnd mit sinnloser Zunge. 

^^MBeine Augen werden Jerusalem sehen »Schaue an Zion, die Stadt 

Als sichere Stätte, als ZeÜ, das nicht wandert, [unserer Festversammlungc 
Dessen Pflöcke nimmermehr ausgezogen werden, 
Und dessen Seile aUe unzerreissbar sind. 

^^ Sondern dort ist der Bach Jdhves uns 
Anstatt breitseitiger Nile, 
Nicht geht darauf eine Buderflotte, 

Und ein stolzes Schiff befährt ihn nicht. 



ausgedehnte Herrschaft des Messias Tgl. Zeh 9io Jes 26 15. Der König ist wie bei 
Denterosacharja nicht selbst der Eroberer, sondern erscheint erst nach der Besiegung 
der Heiden durch Jahve. Die Makkabäer schufen das Land weiter Ausdehnungen, aber 
sie hatten selbst keinen Anspruch auf die Königswürde, hatten auch zu der Zeit, wo 
unser Dichter schrieb, noch keine ehrgeizigen Gedanken. Der König ist noch eine ganz 
ideale, halbgöttliche Gestalt. 18 Nur noch in der Erinnerung lebt die Schreckenszeit 
fort, mit frohem Erstaunen entdeckt man immer wieder, dass der Dränger yerschwunden 
ist. Wo ist, der die Münzen zählte, die Gold- und Silberbarren wog, die man als Steuer 
oder als Kriegskontribution dem Zwingherm bringen musste? Völlig rätselhaft ist der 
Satz: wo ist, der die Türme zählte? Ein Pilger könnte das thun, um daheim genauen 
Bericht zu erstatten Ps 48 is, ein Belagerer könnte es aus Neugierde thun, ein Eroberer 
aus Buhmbegier, um nämlich damit zu prahlen: einen praktischen Wert hätte die Zahl 
für den Feind gewiss nicht, und am allerwenigsten wäre das Zählen für den Belagerten, 
wenn er es überhaupt merkte, eine rnrK. Dazu geht ^£D eben vorher. Wahrscheinlich 
ist der Hersteller des gegenwärtigen Textes durch eine yielleicht unbewusste Reminis- 
zenz an Ps 48 geleitet gewesen. Man könnte etwa mit Bücksicht auf Na 3 17 schreiben : 
Q'"?^?«n'^K -)QBts "K, wo ist der Präfekt mit den Söldnern? In deren Gestalten repräsen- 
tierte sich für den Bewohner Jerusalems die feindliche Zwingherrschaft am meisten. Sie 
hatten schon vorher die Davidsburg inne, deren erfolglose Bestürmung durch Judas 
Makkabäus der Anlass des Heereszuges des Antiochus Eup. gewesen war, und sie werden 
nach der Einnahme des Heiligtums mit eiserner Gewalt Jerusalem niedergehalten haben. 
P. Buben will für o^ira« nach assyr. mindidu: D-'-tna^a (vgl. nriD, Tribut, Neh 54), die 
Steuerbeamten, was vielleicht besser ist; ersterem Wort ist ohnehin nicht recht zu trauen. 
19 Jetzt sieht man täglich die verhassten fremden Beamten, dann erblickt man nichts 
davon. Sie sind ein Tyia d9; t^q an. Uy,^ part. niph. von rr» = try, sich frech benehmend; 
vgl. die Bezeichnung des Antioch. Epiphanes als ta^afi ry -^^ Dan 89S. Das n hat auch 
die LXX in ihrem ny'^a. Baschi und Spätere wollen tnh, barbarisch redend (Ps 114 1), 
welcher Eigenschaft aber das folgende Distichon gewidmet ist. »Zu tief, um zu hören«, 
nach der unwillkürlichen Vorstellung, dass man einen Fremden besser verstehen würde, 
wenn er lauter spräche vgl. Hes 35. 6. Volkstümlich ist auch die Meinung, dass die 
Fremden nur stammeln und unvernünftig sprechen und nur die eigene Sprache vernünftig 
ist (auch »^3 im niph., stat. constr. des part.). 20 Zion ist die »Stadt unserer Fest- 
versammlung« seit der deuteronomischen Beform; la-ryi« mag noch dazu auf die Stifts- 
hütte anspielen, die erst im Priesterkodex, also seit Esra, vorkommt. Aber dieser Stiches 
verrät sich schon durch den imper. als Zitat eines Lesers aus einer anderen Dichtung, 
und jene Eigenschaft Zions gehört nicht blos der messianischen Zeit an, von der der 
Kontext redet, steht auch nicht in Parallele zu derjenigen, die Jerusalem beigelegt wird. 
Diese Stadt ist eine sichere Wohnstätte (nach c. 32 is), ein Zelt, das nicht wandert (^yx 
«TT. Xiy.). Der Satz: alle seine Seile u. s. w. scheint eine'Beminiszenz aus Jer lOso zu 



Jeg aSss— SS. 215 

^^MBenn Jahve ist unser Richter, ''Gelöst sind deine Taue, halten nicht 

Jahve unser Ordner, [e»^, ^»« ^^^"^^^^ \^'^es ^astes, nicht 

Jahve unser Konig, ^'^'^^'^ "^ *"« ^'^ ^*^"^- 
Der tüird uns retten. 

MBa unrd verteilen der Blinde Baub in Menge, 
Lahme werden plündern; 



enthalten. Es giebt also nicht etwa wieder ein neues Exil, Jerusalem hat sein Gericht 
schon hinter sich. 21 Die heilige Stadt kommt nicht wieder ins Unglück, »sondernc ist 
höchsten Glückes gewiss. Die Verbindung der beiden Bilder in v. 20 und 21 durch 
»sondern« wäre gewiss nicht möglich, wenn der Vf. nicht mit längst bekannten Gedanken 
spielte, denen er nur ein neues künstliches Gewand überwirft. Der Text enthält einen 
abgeschmackten Fehler : dort ist ein Herrlicher, Jahve, uns, anstatt der Flüsse, auf ihm 
(Jahve) fährt kein Schiff. Dass Jahve Apposition zu *^->ts( ist, da^s dies Wort auch als 
Adjekt. bei ^s auftritt, reicht allein schon hin, es im ersten Stiches unmöglich zu machen ; 
da man ferner nicht sagen kann: Jahve ist an Stelle von Flüssen, welchen Unsinn auch 
der selbst verderbte 5. v. von Ps 46 nicht zu rechtfertigen vermag, da ferner das Suff, 
von ta und ^a^aar voraussetzt, dass vorher ein Fluss, Bach oder dgl. genannt ist, so muss 
statt i"»-« etwa p^c^ (Jo 4i8) gelesen werden, wenn man nicht annehmen will, dass der 
Abschreiber sich noch stärker vergriffen hat und "ina oder y^yo (Jo 4i8) oder hr^i (Hes 
475) hätte schreiben sollen, v^.m im 2. Stiches ist wohl blos ein stehen gebliebener 
(c. 3 12) Schreibfehler für das folgende d*'-ik-*, da der Stiches überfüllt ist und beide Wörter 
neben einander zu setzen kein Grund war. Das Fremdwort "^tr ist ja bei den Späteren 
beliebt. Der Bach Jahves, der in einer Schilderung der messianischen Zeit seit Hesekiel 
47 (ausser Joel und Ps 46 vgl. noch Zeh 148) nicht leicht fehlt, ist nicht für Kriegs- 
und Prunkschiffe, in deren Bau die Seleuciden und Ptolemäer wetteiferten. Israel ist ein 
geistliches Volk, und das hier Gesagte bedeutet nichts anderes als die sonst häufig vor- 
kommende Weissagung, dass es künftig keine Festungen, Kriegswagen, Waffen u. dgl. 
mehr geben wird z. B. Mch 59ff. Hes 387ff. Zeh 99f. Auf fremde Kriegsschiffe, die 
Jerusalem bedrohen, ist v. 21b nicht zu deuten, wie sollten diese auch auf den einst 
von der Tempelquelle ausgehenden Bach kommen! oip^ wie ü^^ Hos 2i. 22 Das *a 
giebt den Sinn der Weissagung vom Gottesbach an: er ist wie die Wunderwirkung so 
auch das Sinnbild des Anbruchs der n'ia^», wie schon jetzt die Wasser Siloahs das Sinn- 
bild der Herrschaft Jahves auf dem Zion sind c. 8 6. Natürlich steht die Königsherr- 
schaft Gottes nicht im Widerspruch mit dem Königtum des Messias v. 17, da dieser 
wie auch das künftige Volk geistliche Grössen sind und, von unserem Standpunkt aus, 
nur deshalb Weltliches an sich haben, weil die sinnliche Religionsauffassung der Juden 
nun einmal weltliche Güter und Freuden, Macht, Reichtum, Ehre, nicht entbehren konnte. 
Die Ausdrücke ^prro und tsEv sind ein poetischer Zierat, aus dem man nicht folgern darf, 
dass der Dichter wie der Vf. von ISam 8 das Königtum für unverträglich mit derTheo- 
kratie hält. Übrigens sind die beiden letzten Stichen dieses Vierzeilers reichlich kurz. 
28 bildet von pVn tk an einen denkbaren Zusammenhang mit v. 22: Jahve wird uns 
retten, indem er den Bedränger v. 1 besiegt und die Heiden in die Flucht jagt v. 3, 
dann wird Beute geteilt v. 4. Dagegen ist der erste Teil von v. 23 entweder verstümmelt 
oder ein fremder Zusatz. Bei der ersteren Annahme muss ein Vokativ, etwa ^rs, bei 
yhzr ausgefallen sein, auf den sich das Suff, dieses Wortes beziehen lässt, ferner ein 
vierter Stiches, der die eingetretene Wendung im Schicksal Zions ausspricht und den 
Übergang zu dem ph^: tm vermittelt. Aber die zweite Annahme ist wahrscheinlicher, denn 
die Vergleichung Zions mit einem Schiffswrack, dessen Wanten gelöst und dessen Mast 
umgefallen ist, wirkt in fast unmittelbarer Nähe der Bilder von v. 21 und der Aussage 
über Jahves Suffeten- und Königsherrschaft v. 22 höchst unangenehm; auch lässt sich 
die Beuteverteilung durch die Stadtbewohner, man mag den ausgefallenen Stiches er- 



216 Jes 33 S4 34 1—8. 

*^Und nicht scujt der Insasse: ich bin krank, 

Das Volk, das darin wohnt, ist vergebener Schuld. 

« 
34 ^H/ahet, Völker, zu hören. 

Und Nationen, horcht auf. 
Es höre die Erde und ihre FaUe, 

Der Erdkreis und seine Sprösslinge! 

^MBenn Zorn hat Jahve auf aUe Völker 
Und Qrimm auf all ihr Heer, 

Hat sie gebannt 

Hat sie bestimmt für die Schlachtung. 



ganzen wie man will, nicht in Gegensatz zu dem entmasteten Schiff bringen. Also sind 
die Worte ivtsa bis oa als Zitat eines Lesers za v. 21 anzusehen. Da soll nicht die Flagge 
sein, weil diese gar kein notwendiges Erfordernis zum Seefahren sei — das braucht es 
ja auch nicht zu sein — und weil die Alten keine Flaggen hatten (Dillm.), aber es be- 
deutet sonst immer die Fahne, kann schwerlich das Segel bedeuten und reicht zum 
Beweis hin (wenn es dessen bedarf), dass auch die Alten Fahnen hatten oder mindestens 
Toppsegel, mit denen die Signale gegeben wurden. — tk, dann, wenn Jahve rettend da- 
zwischen tritt. hhv"^y erkl&rt Ges. als praeda ezuviarum, doch liest man wohl besser 
mit Ges.-Buhl u. a. '^^:f pVn^t schon wegen der Fortsetzung: Lahme werden plündern. 
Diesen singulären Zug hätte der Vf. nicht anbringen können, wenn er nicht bei seinen 
Lesern Bekanntschaft mit IlSam 56 hätte voraussetzen dürfen, dtidb ohne dag. im c s. 
0. § 82 a. na^a nur noch c. 96 und aus dieser Stelle entlehnt, wie denn überhaupt 
c. 9i — 6 zu den von unserem Dichter benutzten heiligen Texten gehört zu haben scheint. 
24 Keiner ist krank im künftigen Jerusalem, nach der schon zu v. 16 benutzten Stelle 
Ex 2386, denn keiner ist sündig, sondern alle sind gerecht nach C.6O21. Auf die Krank- 
heit führte wohl die Erwähnung der Lahmen, aber alles ist äusserlich an einander ge- 
reiht; der Vf. hat eine Menge älterer Weissagungen im Gedächtnis und braucht nur 
hineinzugreifen, um die Strophen zu füllen. Zu yt9 K^a (pass. von \> tuvi) vgl. Ps 32i. 5. 
Das Volk hat die in Zion bereiten Gnadenmittel gebraucht und den Erfolg davon gespürt, 
die durch frühere Schuld bedingte Leidenszeit ist endgültig vorbei. 

Drittes Büchlein c. 34. 35: Ankündigung des Gerichts, in dem alle Völker 
hingeschlachtet werden sollen und der Himmel vergeht c. 34 1—4; Bedrohung Edoms mit 
Jahves Bache für Zion v. 5—17; Verheissung der goldenen Zeit für das Land und Volk 
Gottes und der Bückkehr der Diaspora c. 35. Obwohl überall dasselbe Versmass inne- 
gehalten ist, stehen doch die beiden Hauptteile c. 34 und c. 35 in gar keiner stilistischen 
Verbindung; nur der sachliche Gegensatz zwischen dem Gericht über die Völker und 
dem Geschick der Juden hält sie zusammen und kann das, weil ein längst gegebener 
Gedanke, das eschatologische Dogma der letzten Jahrhunderte, zugrunde liegt. Kaum 
giebt es ein Stück im B. Jes., dem so sehr das Gepräge des Epigonischen auf die Stirn 
gedrückt wäre, wie diesem »Buch Jahves« (34 le). Eine nähere Zeitbestimmung von 
c. 34 f. ist nicht wohl möglich, da derHass gegen Edom sich seit dem Exil immer gleich 
bleibt ; doch schrieb der Vf. wohl noch vor der Unterjochung der Edomiter durch Johannes 
Hyrkanus. Der Text zeigt merkwürdig viel Lücken, besonders am Schluss der Stichen. 
84, 1 Die Völker, ja die ganze Welt soll hören: ein anspruchsvoller Eingang wie Dtn 
32 1, Nachahmung von Mch I2 Jes 41 1 48 16, wo aber überall die Aufforderung zum 
Hören besser begründet ist, da eine Art Disputation mit den Aufgerufenen folgt. Hier 
sind die Völker, die hören sollen, ja nur zur Abschlachtung bestimmt, und es ist ganz 
gleichgültig, ob sie es vorher hören oder nicht. Die d*'kxk:z (c. 22 S4, ein spätes Wort) 
und »die Fülle« der Erde sollen hier ohne Zweifel die Menschen bezeichnen, obgleich es 
zunächst Ausdrücke für die Vegetation u. dgl. sind; das ist, da es sich um die abzu- 



.Tes 34s— 5. 217 

^iPnd ihre Durchbohrten werden hingeworfen, 

Und ihre Leichname — aufsteigt ihr Gestank, 
Und zerfliessen werden die Berge von ihrem Blut, 
^Und flüssig werden alle [nügd]. 

Wind zusammen rotten werden sich wie ein Buch die Himmel, 

Und all ihr Heer abwdJcen, 
Wie abwelkt dcts Laub vom Weinstock 

Und wie das Abwelkende vom Feigenbaum. 

^MBenn trunken ward [von OrimmJ 

Im Himmel das Schwert [JahvesJ, 
Siehe auf Edom fährt es herab 

Und auf das Volk seines Banns zum Gericht. 



schlachtenden Menschen handelt, ein recht misslungener Bedeputz. 2 Rsp, bei den 
Späteren häufig, mag nur zufällig bei den Älteren fehlen, dagegen ist ksx, von der Erde 
gebraucht, jedenfalls jung und schwerlich eine glückliche Nachbildung des Ausdrucks: 
Heer der Himmel. Der Zorn Jahves, der allen Menschen ausser den Juden gilt, wird 
nicht weiter begründet, ein sicherer Beweis für den sekundären Charakter dieser Dich- 
tung. Es giebt für sie nur Auserwählte und zur Vernichtung bestimmte Heiden. D^^-*nn 
ist zu wenig für einen Stiches; die einfachste Ergänzung wäre ein inf. abs. oi^nn vgl. 
Dtn 36, wo die Bannung auch die Weiber und kleinen Kinder umfasst. 8 Das Grass- 
liehe wird gesteigert durch Yersagung des Begräbnisses. Es fällt schwer, sich in dies 
Übermass von Menschenhass und Eigenliebe hineinzudenken, das noch dazu in religiösem 
Gewände auftritt, v. 3 b giebt den dritten Stichos des Vierzeilers ab, der vierte muss 
in V. 4 stecken. 4 ist nicht in Ordnung. Zweimal kss und zweimal b^v ist zu viel und 
die ganze Bilderreihe konfus: die Sterne zerfliessen, die Himmel rollen sich zusammen, 
die Sterne zerfallen, c^uvn Kax in v. 4 a wird von Bick. mit Becht für eine Glosse zu 
DK3X V. 4 b angesehen, die einem Leser nötig schien, weil v. 2 Dicnx einen anderen Sinn 
hat. Über dem Interpretament, das zwischen die Zeilen geschrieben war, ist dann das 
wirkliche Subj. von ipsa ausgefallen, das von Bick. richtig in riiyaa gesehen wird: alle 
Hügel werden flüssig seil, üwro v. 3. So erhalten wir den parallelen Vers zu v. 3 b und 
das beabsichtigte Zusammenklingen von idqs und ipiaa und werden den abgeschmackten 
Gedanken los, dass die Sterne von dem auf Erden vergossenen Blut zerfliessen. Das 
Blutbad ist schon schlimm genug, wenn alle Berge von Menschenblut zerfliessen. Was 
von V. 4 übrig bleibt, bildet den vierten Vierzeiler. Die Himmel rollen sich zusammen 
(zu tV;a mit statt ä vgl. 0. S. 592), wie eine Buchrolle (Apk 6i4), das Heer des Himmels 
(Neh 96 vgl. Jes 24 21), die Sterne, welkt ab (prägnant), wie Laub vom Weinstock (Mt 
2490 Apk 613). Dass der gegenwärtige Himmel vergeht, um einem neuen Platz zu 
machen, wird seit dem schwungvollen Ausspruch Deuterojesaias c. 5l6 oft ausgesprochen 
vgl. c. 65 17 6621 Fs 10297. Die Hereinziehung der physischen Welt in das Gerichts- 
drama ist ein Kennzeichen der späteren Eschatologie (vgl. zu c. 24i8ff.). 5 würde nach 
dem gegenwärtigen Text von Jahve gesprochen, ohne dass die geringste äussere oder 
innere Veranlassung dazu erkennbar ist. Ferner sollte man doch erfahren, was das 
Schwert im Himmel getrunken hat, da die sonst selbstverständliche Ergänzung Blut hier 
ausgeschlossen ist, selbst wenn man aus v. 4 ein Gericht über die Sterne und Stern- 
geister herauslesen wollte; es ist um so nötiger, als das n^^va gradezu diese Frage pro- 
voziert, während man ohne diese Ortsangabe sich mit der proleptischen Fassung: es be- 
rauscht sich im Blut der Heiden, zufrieden geben könnte. Hätte der Vf. n^n^^ (Hes 
2188) für nr^-^ -s geschrieben, wie Koppe zu lesen vorschlägt, so würde das r^n wohl 
nicht an seinem jetzigen Platz stehen. Vielleicht ist vor oder nach D'*o«a ein Wort aus- 
gefallen, z. B. üzvs, da auch das Versmass auf eine Lücke hinweist. Ergänzt man ein 
solches Nomen, so liest man wohl besser nri*^ (Jer 46 10), da das piel, das übrigens sonst 



218 Je« 346—8. 



^MBas Schwert Jahves ist voU vmi Blut, 

Getränkt wird es von Fett, 
Vom Blut der Hammel und Böcke, 
Vom Nierenfett der Widder. 

MBenn ein Opferschlachten hat Jahve in Bozra 
Und ein Abschlachten im Lande Edom, 

Wnd es stürzen Büffel mit .... 
Und Farren mit Stieren. 

Wind es trinkt ihr Land da^ Blut, 

Und ihr Staub wird von Fett getränkt. 
Wenn einen Tag der Rache hat Jahve, 

Und ein JcStr der Vergeltung für Zions Hader. 



benetzen heisst, wohl nur gewählt ist, weil das verb. absolut zu stehen schien. Das 
Schwert Jahves (vgl. 27 1) fährt nun herab (Sibyll. HE, 672) auf Edom, das demnach 
unter den gebannten Völkern v. 2 eine erste Stelle einnimmt. Der plötzliche Absturz 
aus der Darstellung des Weltgerichts, bei dem selbst die Himmel vergehen, auf die Ab- 
Schlachtung des kleinen Nachbarvölkleins ist allerdings mehr als sonderbar. Selbstver- 
ständlich handelt es sich bei diesem Herausgreifen Edoms nicht um eine Exemplifizierung 
der gegen alle Völker gerichteten Drohungen. Trüge diese Dichtung nicht alle Kenn- 
zeichen der kompilierenden Nachahmung und grössten Ungeschicktheit an sich, so würde 
den kritischen I/eser die Versuchung anwandeln, Edom etwa in ta-m "^aa zu ändern und 
das dritte Distichon von v. 6 sowie den 8. v. als Einschiebsel zu betrachten, da sie so 
wie so im Zusammenhang etwas verdächtig und störend erscheinen :. dann wären die Edo- 
miter eliminiert und die Einheitlichkeit der Dichtung, die dann von den Heiden über- 
haupt handeln würde, scheinbar hergestellt. Aber doch nur scheinbar, der pomphafte 
Eingang bliebe auch dann noch im Missverhältnis zu den späteren Schilderungen. So 
stehen wir vor der Erscheinung, dass die Idee des Weltgerichts nur Mittel zum Zweck 
ist, nur das erhabene Podium hergiebt, um recht gewaltig, in vermeintlich prophetischem 
Tone, über die verhassten Nachbarn zu donnern. Während es in ästhetischer Beziehung 
kaum eine Verteidigung für dies parturiunt montes etc. giebt, wäre in theologischer Hin- 
sicht zur Entschuldigung des Vf.s anzuführen, dass die von ihm nachgeahmten älteren 
Frophetien über Edom sich sämtlich in eschatologischen Zusammenhängen finden und 
dass überhaupt die Juden des 2. Jahrh. in einer beständigen gespannten Erwartung der 
kommenden Dinge leben, deren Hochflug sie leicht um die richtige Würdigung der Wirk- 
lichkeit, ihrer Wünsche und ihres Wertes betrügt. Mit dem Dogma des Völkergerichts, 
das er als mitleidlose, wollüstige Abschlachtung der Heiden auffasst, ausgerüstet, glaubt 
der Vf. Prophet zu sein, indem er in an das Dogma lose angeknüpften Bildern der gräss- 
lichsten Rache an Edom schwelgt, den fürchterlichen Hass, der ihn selbst beseelt, auf 
Jahve überträgt und die Motivierung der gedrohten Unmenschlichkeiten mit dem einen 
Wort von Zions Hader abmacht. 6 Die Umschreibung des Grenitivs in "nrr^h a-trr sieht 
wie eine Anspielung auf den Schlachtruf Jdc 7 so aus. r:av^7^ ist hothpaal mit ungewöhn- 
licher Betonung der drittletzten Silbe vgl. 0. § 271. Blut und Fett der Erschlagenen 
stehen ähnlich bei einander IlSam l». Hier führt es aber den Dichter weiter zum 
Bilde vom Opfer. Er vergleicht die Edomiter mit opferbaren Tieren, kommt dabei sogar 
auf das Nierenfett zu sprechen, das beim Dankopfer zum süssen Geruch für Jahve dient 
Lev 34. 10. 15, und da er mit alledem Hes 39 18 nachahmt, so fehlt auch das Wort Opfer 
nicht (Hes 39i7ff. Zph 1? Jer 46 lo 51 4o). Den Namen n-'sa, -txa führen mehrere Städte, 
LXX spricht Boooqx die edomitische Stadt ist, obwohl oft (schon Am lis) erwähnt, noch 
nicht sicher nachgewiesen ; meist wird sie mit Buzeira, südlich vom toten Meere, identi- 
fiziert, Wetzst. (bei Delitzsch 3. Aufl.) versteht Petra daninter. 7 Sie stürzen, nämlich 
vom Schlächter niedergestreckt, um abgestochen zu werden Jer 51 40 48 15 5027. Ist das 



Jes 349—11. 219 

^Wlnd verwandeln werden sich sehie Bäche zu Pech 
Und sein Staub zu Schwefd, 
Und es wird sein Land zu Pech, 
Brennend ^^hei Nacht und Tage. 

JH/icht erlischt es in Ewigkeit, 

Aufsteigt sein Rauch von Geschlecht zu Geschleckt, 
Öde ist es fort und fort, 

Keiner der hin [und wieder] zieht, 

^^ Besitzen werden es Pelikan und Igel, 
Und Eule und Rabe drin hausen. 
Und legen wird an es [Jahve] 

Die Schnur der Wüste und die WcMgsteine der Wüstung. 



dritte Distichon von v. 6 ursprünglich, so dfirfte in voy ausser der Präposition der Best 
eines Tiernamens stecken; vielleicht schrieb der Vf. b^*^ w (für d^k-i^s) vgl. Hes 39 is, 
und die Ähnlichkeit mit dem folgenden Wort verschuldete den Ausfall. Zu nn*)^ vgl. zu 
V. 5. In V. 7 b, dessen Suffixe sich auf die in Schafe und Büffel verkleideten Edomiter 
beziehen, wird so viel aus v. 5 und 6 wiederholt, dass man bei einem älteren und bes- 
seren Schriftsteller abermals misstrauisch gegen die Richtigkeit oder die Echtheit des 
Textes werden würde. 8 kommt mit seiner Motivierung für die Abschlachtung der Edo- 
miter ganz unerwartet, übt auch nicht den geringsten Einfluss auf seine Umgebung aus. 
Die Abwechselung von Jahr und Tag der Rache stammt aus Tritojes. (c. 634 61»), vgl. 
ausserdem Jer 5098 51 e. ii. m. Der Hader Zions wird als bekannt vorausgesetzt. Seit 
der Zerstörung Jerusalems, an der die Edomiter unter Hohn und Schadenfreude beteiligt 
waren, und der Besetzung des südlichen Juda durch sie werden die Propheten, Hesekiel 
voran, nicht müde, Edom aufs grimmigste zu bedrohen, und die Makkabäer griffen es 
schon in der ersten Zeit an, bis Johannes Hyrkanus es unterjochte. 9 Werden die 
Menschen abgeschlachtet, so wird das Land selbst in eine Art Holle verwandelt. Die 
Bäche werden zu Pech, der Boden zu Schwefel, und das brennt in Ewigkeit. Angeregt 
ist der Gedanke wohl durch das beliebte Beispiel von Sodoms Strafe, das für Edom 
wegen der Nachbarschaft besonders nahe liegt vgl. Jer 4918; das Verbum "jEn scheint 
auf die o rsEr« anzuspielen. Aber man wird ebenso sehr an die Vorstellungen des 
2. Jahrb. von den StrafÖrtern des Hades erinnert, die, von Jes6624 ausgehend, besonders 
im Buch Henoch weitläufig ausgeführt werden. Die Suffixe von n-Vna und srity beziehen 
sich auf -pK V. 7, das aber dem Vf. sich mit dem Namen Edom vertauscht zu haben 
scheint, da er mit ns'^K fortfährt; vermutlich ist das dazwischen getretene Zion an der 
unbewussten Vertauschung schuld. Diese Annahme ist besser, als die Verbesserung von 
rs-<M in ds-)k; denn hat der Vf. den Landeanamen st^tt des vagen Appellativs im Sinne 
gehabt, so konnte ihm eher entgehen, dass man nach dem Wortlaut jene Suffixe eigentlich 
auf Zion beziehen müsste. 10 Die Versteilung und Akzentuation ist hier völlig verfehlt, 
die LXX hat das Richtige. Die Zeitbestimmungen sollen nach der Meinung des Vf.s 
den Verben folgen, nicht umgekehrt; »bei Nacht und Tage« gehört zu nnya v. 9, und 
dies Partizip zu y-^K, nicht zu r^ET. Hätte der hehr. Text das vk^ der LXX gehabt, so 
wäre der Fehler nicht möglich gewesen, a^i-i nW bilden eine Klimax, denn ein Feuer, 
das auch bei Tage gesehen wird, ist stärker als das blos bei Nacht sichtbare. Von den 
vier Ausdrücken für die ununterbrochene Dauer des höllischen Feuers kommen ^"r!^ ii-r^s 
und o^rrsa rrsa nur hier vor. Zu dem letzten Stiches r^a -»35 ■;•», der zu kurz ist, darf 
man ein 3»i oder a» •p»'? nach Hes 35? Zeh 7i4 98 hinzufügen (so auchBick.). 11 Dass 
Wüstentiere Edom »besitzen«, ist Nachahmung von c. 1423 und Zph 2i4, um so mehr, 
als diese Vorstellung mit der vorhergehenden von dem brennenden Schwefellande durch- 
aus nicht vereinbar ist. Überhaupt ist die jetzt folgende Schilderung ganz steuerlos. 
Im dritten Stiches mag hinter rrhy ein abgekürztes Jahve (n*«) abgefallen sein. Die 



220 Jes 3412—14. 

^^[Wlnd Satyrn werden drin wohnen, 
Dahin werden sein] seine Edlen, 
Und kein Königtum ^giebifs dort, das sie ausriefen, 
Und all seine Fürsten sind verschwunden. 

^^Wlnd aufsteigen werden seine Buraen mit Domen, 
Nesseln und Disteln sind in seinen Festen, 
Und es wird sein eine Wohnstatt der Schakale 
Und ein Gehöft für Straussen. 

^^Wlnd es stossen Schreier auf Heuler, 
Und ein Satyr begegnet dem andern. 
Nur dort hat Käst die Lilith 

Und findet für sich einen Buheplatz. 



»Steine« scheinen die Lote der Setzwaagen (28 n) zu sein. Messschnur und Setzwaagen 
sind dann heim Niederreissen nötig, wenn dies nur teilweise geschehen soll; so ist es 
wohl Am 78 gemeint, doch wird das Bild von Späteren sonderharer Weise auch dann 
gehraucht, wenn es sich um völliges Niederreissen handelt (IIBeg 21 u Thr 28), hier 
nun gar von einem Lande, dessen Bauten erst y. 13 erw&hnt werden, und nicht als 
niedergerissene, inn und ins aus Gen Is. 12 enthält im hehr. Text zu viel für ein und 
zu wenig für zwei Distichen, n^-in steht ganz Yerlassen da, ohne Anschluss nach vor- 
wärts oder rückwärts, und verrät sich schon dadurch als Best des ausgefallenen Doppel- 
verses, der in der LXX (v. 11) wenigstens noch teilweise erhalten ist: r;a iiav'n b'^T^^» 
und Satyrn werden darin wohnen. Bick. möchte diesen Satz verändern in ra "av»» '^^7v\ 
was zwar zu der Fortsetzung sehr gut passt, aher für unsernVf. reichlich knapp gesagt 
sein würde, auch wäre die emphatische Yoranstellung von Seir gar nicht motiviert. 
Dass die Satyrn später noch einmal vorkommen, fallt hei unserem Vf. gar nicht ins Ge^ 
wicht. Die LXX fährt v. 12 fort: seine Archonten werden nicht sein. Oh sie zu dem 
Prädikat das folgende *;•« verwendet oder, wie Bick. meint, vor rpin noch einiges, etwa 
^->Ka rn-*, gelesen hat, steht dahin; jedenfalls ist aher etwas Ahnliches ausgefallen. Der 
folgende Satz wird wohl übersetzt: da sind keine, die das Königtum ausriefen, und 
daraus geschlossen, dass Edom ein Wahlkönigtum hatte. Aher wenn dies schon an sich 
recht zweifelhaft ist, so ist ausserdem unwahrscheinlich, dass der Nachdruck, statt auf 
das Königtum selber, auf die gelegt sein sollte, die den König als solchen proklamieren. 
Daher ist die oben gegebene Übersetzung vorzuziehen (so auch Del.). Aber allerdings 
ist der Relativsatz iM'^p^ auch so auffällig genug, das Ausrufen kommt doch nicht alle 
Tage vor. Wenn der Text richtig ist, so sollte man annehmen, dass grade damals, als 
der Dichter schrieb, der Begierungsantritt eines neuen Königs durch die Herolde ausge- 
rufen wurde, dcm wie c. 4129. 18 »Aufsteigen werden zu Dornen (vgl. c. öe 32 is) seine 
Burgen« ; zu dem sing. fem. des Verbums, den jüngere Schriftsteller bei sachlichen Be- 
griffen häufig zu einem männlichen und weiblichen Plural gebrauchen, s. G.-K. § 145 k. 
Die Nesseln und Disteln nach Hos 96. Wieder kommt der Vf. auf die künftigen unheim- 
lichen Bewohner Edoms zu sprechen, dies Mal nach c. 13 si. ». v^n für "^sn nur hier 
und c. 357. 14 K-tp*^ für n'^'p" (mit hs Ex 58), wenn man nicht hvt für hy lesen will; doch 
spricht auch der Zusammenhang für n'^p. Die n*«V'*^, das Nachtgespenst (von VV), wird 
in älteren Schriften nicht erwähnt, könnte aber doch wohl der ältesten Dämonologie an- 
gehören, denn was man in späterer Zeit von ihr erzählt, dass sie Kinder stiehlt, Männer 
entführt und verführt, ist dasselbe, was schon die alten Babylonier und mit ihnen, zum 
Teil auch abhängig von ihnen, zahlreiche alte Völker von daemones succubi (und in- 
cubi) fabeln. Die n^vrv, die auch vorwiegend in der Nacht ihr Spiel treiben und mensch- 
liche Weiber zu überfallen lieben, werden wohl auch als ihre Kinder angesehen. Der 
weibliche Vampyr Prv 30 15 ist ein ähnliches Nachtwesen. Weiteres s. bei Ges. (Comm.). 
Wie alle Unholden ist die Lilith ruhelos (Mt 1248 Tob 88) und findet nur an solchen 



^^MBorten nistä die Pfeäschlange und legt, 
BriUet aus und häuft ihre Eier, 
Nur dort versammeln die Geier sich, 
Einer ruft den andern*). 

^^MErfarscfU es vom Buche Jahves: 
Keines von diesen bleibt aus, 
Denn der Mund Jahves hafs geboten, 
Und sein Geist, der hat sie versammelt. 

^'^Wfnd Er hat ihnen gefäüt das Los, 

Und seine Hand es geteilt mit der Schnur, 
Bis in Ewigkeit werden sie es besitzen. 
Auf alle Zeiten darin wohnen. 
*) Yar.: Keiner vennisst den anderen. 



Stätten Ruhe, die den Menschen unheimlich sind. 15 Die Ffeilschlange ist in Arabien 
und Afrika heimisch. Den Verben a^n u. s. w. fehlt das Objekt und folgt der sonder- 
bare Ausdruck »Vxa, dessen Suffix von dem einen auf das Land Edom, von dem anderen 
auf die Schlange selbst bezogen wird, während der Zweck des Schattens ganz unaufge- 
klärt bleibt. Die Schlange legt Eier im Schatten eines Landes oder in ihrem eigenen 
Schatten: was ist schöner? Der Unsinn wird beseitigt, wenn man n**x%, ihre Eier, liest. 
rpz und '^y^ bedeuten so ziemlich dasselbe ; *7a-t heisst sammeln zum Zweck des Ausbrütens, 
daher ausbrüten, nicht: die Jungen hegen (auch Jer 17 ii nicht); *^d-T sollte allerdings 
besser vor ypa stehen. Den beiden letzten Wörtern von v. 15 fehlt das Yerbum, als 
welches man nicht das iv*^n von v. 16 heranziehen darf. Wo es steckt, das zeigt v. 16 a 
in seinem letzten Satz deutlich genug. In v. 16 hat der Satz : keins vermisst das andere, 
gar keinen Sinn, da die vorhin genannten Tiere Jahves Schrift nicht erforscht haben, 
also auch keine Nachfrage nach etwa fehlenden Tieren halten können. Dieser Satz hat 
am Bande gestanden, als Verbesserung des jetzigen Schlusses von v. 15. Sogar eine 
Variante dazu steckt noch in v. 16, nämlich das Wort iK->p (Var. zu *\tpt nh). Das Wort 
überfüllt den ersten Stiches von v. 16 und sollte ja, wenn es »leset!« bedeutete, nicht 
hinter, sondern vor dem »erforscht es von (wörtlich von herab, da man sagt: auf ein 
Buch schreiben) der Schrift Jahves« stehen; dass es eine erklärende Glosse zu ^'n sei, 
ist ein wunderlicher Einfall: für wen ist denn letzteres Wort einer Erklärung bedürftig 
gewesen? Die Variante ^irp giebt einen etwas lebendigeren Sinn als ript k^. 16 ist 
einer der sonderbarsten Sätze in allen Prophetenschriften. Das Buch Jahves (das Wellh. 
Bleeks Einl. in d. A. T. 4. Aufl. S. 554 durch eine gewaltsame Übersetzung vergebens 
zu beseitigen sucht) kann kaum ein anderes sein, als eben unser Orakel, resp. der 
grössere Znsammenhang, für den es verfasst sein mag, denn nirgends sonst sind ja die 
künftigen tierischen und dämonischen Bewohner Edoms, zumal in dieser Vollzähligkeit, 
aufgeführt. Augenscheinlich zerteilt sich hier der Vf. wider seinen Willen in den Pro- 
pheten, der er sein will, und in den Schriftgelehrten, der er ist. Er selbst hat auf dem 
Wege des Studiums sein eschatologisches Material gefunden und stellt sich die künftigen 
Leser ebenfalls als Schriftgelehrte vor, die alsdann sein Buch als altes (jesaianisches ?) 
Prophetenbuch studieren werden (das einzige, was er richtig vorhergesehen hat), und die 
Genugthuung darüber und die Hoffnung, sie noch mehr dazu anzufeuern, lässt ihn aus 
der Rolle fallen. Sein Zeitgenosse, der Sibyllinendichter, hat es schwerer, vor griechi- 
schen Lesern seine Autorität sicher zu stellen: er beschuldigt den Homer des Plagiats 
(III, 424f.). In V. 16b ist entweder mit mehreren Exegeten irrt oder besser mit LXX 
mrr "t zu lesen. n*n ist als masc. behandelt, vielleicht in Nachahmung von IReg 22«i 
(vgl. Job 4i5); Jahves Geist, sein maPak, sein logos, hat die Tiere versammelt, so dass 
kein einziges fehlt und desselben Geistes Weissagung also buchstäblich eintrifft. Auch 



2^ Job d5i— s. 

35 ^JFauchzen sollen Trift und Wüste, 

Und jvbdn die Steppe und sprossen^ 
Gleich der Herbstzeitlose ^soU sie sprossen, 
Und jubeln, ja mit Jubel und Frohlocken! 

JOie Herrlichkeit des Libanon wird ihr gegeben. 
Die Pracht des Karmel und Sarons. 

Jene sollen sehen die Herrlichkeit Jahves 
Und die Pracht unseres Gottes. 



diese Wertschätzung der buchstäblichen Erfüllung und diese Theorie von deren Zustande- 
kommen beweist den rabbinischen Charakter unsers Stackes. 17 Jahve selbst hat jenen 
Tieren und Gespenstern ihr Land nach dem Lose und mit der Messschnur zum ewigen 
Besitz in derselben Weise zugeteilt, wie früher den Israeliten das gelobte Land. Ob p^ 
und onV in absichtlicher Variation das m&nnliche und weibliche Geschlecht der Tiere 
bezeichnen, ist fraglich; c. 11 12 hatten wir allerdings etwas Ähnliches, aber da on*^ in 
der LXX fehlt, so wird es besser gestrichen (Cheyne). nnpVn ohne mappiq im r s. 0. 
§ 96 e. — Cap. 35 und c. 34 sind im Versmass, in ihrer musivischen Zusammensetzung, 
in Zitaten und Beminiszenzen aller Art, in ihrem eschatologischen Charakter so nahe 
verwandt, dass sie demselben Vf. angehören müssen. Eine äussere Verbindung zwischen 
beiden ist allerdings nicht vorhanden; c. 35 stösst vielmehr so unglücklich auf c. 34, 
wie etwa c. 349 auf v. 8, denn im strengen Zusammenhang sollte man bei der Wüste 
c. 35 1 ja an Edom denken. Aber der innere Gegensatz zwischen Esau und Jakob ist 
für den Vf. so stark, dass er als selbstverständlich voraussetzt, der Leser müsse die 
Plage ohne weiteres auf Edom, die Lust auf Juda deuten. 1. 2 Das erste Wort ist wohl 
aus yw'B'^ verschrieben, da das Verbum kein SufT. regieren kann, letzteres auch beziehungs- 
los wäre, n^sans gehört, wie das Metrum zeigt, nicht zu dem vorhergehenden, sondern 
zu dem v. 2 folgenden n-ten. Die Herbstzeitlose ist eine Wiesenblume (Cnt 2i), die in 
grossen Mengen wächst. Dass der Vf. es gar nicht für nötig hält zu sagen, was er mit 
der Wüste meint, ist wieder ein charakteristisches Zeichen für sein Epigonentum. Er 
meint eben die Wüste, von der seine Gewährsmänner immer sprechen. Leider verstehen 
diese aber nicht immer dasselbe darunter. Deuterojes. denkt c. 41i8f. 43i9f. u. s. w. an 
die Wüste, durch die die zurückkehrenden Exulanten wandern müssen, dagegen meinen 
Jes. und seine Nachahmer in den Stellen, aus denen unser Vf. die Wüste, den Libanon, 
Karmel und Saron entlehnt hat (c. 32 16 29 17), alles, was in Palästina Wüste und Prärie 
ist. Unser Vf. scheint bald das eine, bald das andere im Sinn zu haben, je nach dem 
unwillkürlichen Einfluss seiner Vorbilder. In den ersten Vierzeilern waltet, schon wegen 
des Gegensatzes zum Edomiterlande, der Sinn von c. 29 17 vor ; die Herrlichkeit des 
Libanon würde auch, wenn in die Wüste verpflanzt, den durchreisenden »Erlösten« eher 
lästig sein. nW wie rmr. c. 336. Dass Libanon und Karmel dieselben Attribute nas 
und "i-in bekommen, wie Jahve, beruht wohl weniger auf irgend einer Absicht, als auf 
derselben Armut, die den Vf. in c. 345—7 dieselben Prädikate für das Schwert Jahves 
und das Edomiterland verwenden liess. Immerhin mag er ja die Herrlichkeit Jahves in 
c. 406 nach den eben daselbst v. 3 f. erwähnten Veränderungen in der Wüste sich ge- 
deutet haben. Ob untrer den mgn die Trift, Wüste und Steppe verstanden ist oder etwa 
dieJudäer (LXX hat ^7) als Gegensatz zu den Edomitern und mit Anlehnung an c. 24i4, 
ist nicht sicher auszumachen; jedenfalls »verbietet siehe das Letztere nicht »schon durch 
irn^M« (Dillm.), sondern setzt nur einen gewissen Gegensatz zwischen dem Dichter und 
»jenen« Juden voraus: jene sind die Verzagenden von v. 3 ff., die das mit Augen sehen 
sollen, was unserm Dichter schon in der Zukunftshoffnung gegenwärtig ist; zu der 
letzteren Deutung dürfte auch das Wörtchen man besser passen. 8 f. In diesen Versen, 
in denen fast jedes Wort entlehnt ist, fordert der Vf. die, die dazu befähigt sind, etwa 
die c 34 16 angeredeten Leser und Schriftgelehrten auf, die schlaffen Hände und straucheln- 



Jes B63— t. SÖS 

^JPestigt die ersctdc^ftm Hände, 

Und strauchelnde Kniee stärket! 
^Sagt zu denen, die bestürzten Herzens sind: 

„Seid fest, fürchtet euch nicht! 

Siehe da, euer Oott! 

Rache [übend kommt er], 
Es kommt die Vergütung Gottes, 

Er selbst kommt und unrd euch retten." 

^MBann werden geöffnet werden die Äugen der Blinden, 

Und die Ohren der Tauben geöffnet werden; 
^Dann unrd springen wie der nirsch der Lahme, 

Und jubeln die Zunge des Stummen. 

MBenn es spalten sich in der Trift Wasser 

Und Bäche in der Steppe, 
Wnd glühender Boden wird zum Teich werden 

Und durstiges Land zu Wassersprudeln. 

Mn der Wohnstatt der Schakale [und unlden Hunde] 

Lagern [euere Herden], 
Das Gehöft [der Straussen] 

Zu Bohr und Schilf [wird es werden]. 



den Kniee zu festigen (nach Job 48f.) ; die Schlaffheit und das Straucheln sind nicht im 
sittlichen Sinne gemeint, sondern bestehen nach v. 4 in der Mutlosigkeit und dem 
Mangel an Glauben an die eschatologische Hoffnung. »Saget zu«, »fUrchtet euch nicht«, 
»siehe da, euer Gott«, »er kommt« — lauter Ausdrücke, die aus c 40 9f. geborgt sind. 
Die al^-^maa stammen aus c. 324, haben nur ganz andere Bedeutung, aus den Über- 
stürzten sind Bestürzte geworden. Mit nan y. 4b beginnt ein neuer Vierzeiler, doch 
setzt sich noch die Bede der zur Tröstung Aufgeforderten an die Mutlosen fort. Dpa 
ist ohne Anschluss und unverständlich, wenn man, wie doch wohl nötig ist, Kia^ zu dem 
folgenden Substantiv als Prädikat zieht; auch das Distichon ist defekt. Vielleicht sind 
die Konsonanten M^a*" Dpa doppelt zu schreiben: m a Kia'^ Kta*^ Dp^a üpj, Bache übend (vgl. 
Hes 26 12 Num 31 9) kommt er, euer Gott. Die Bache gilt zunächst denen, von denen 
Jahve sein Volk retten wird; es mag nicht grade ein einziges Volk gemeint sein, z. B. 
die Syrer, sondern alle Völker (34»), unter denen die Juden als Unterthanen und als 
odium generis humani leben. Das letzte Wort in v. 4 ist eine Verkürzung für Dsarv^ vgl. 
Dtn 327, deren Berechtigung zweifelhaft ist (G.-K. § 65 f.). 5. 6a Dann, wenn Jahve 
das grosse Heil bringt, werden die Blinden sehend werden, die Tauben hörend, die 
Lahmen gehend u. s. w. Die genannten Gebrechen sind gewiss nicht blos als geistige 
und geistliche zu verstehen, sondern auch als körperliche vgl. Mt ll5; durch v. 6 b kann 
man das nicht widerlegen. Übrigens begrüssen wir fast in jedem Wort von v. 5. 6a 
alte Bekannte; zu v. 5 vgl. 29i8 32s, zu v. 6a vgl. c. 324 3388. 6b. 7a Es ist thöricht, 
diesen Vierzeiler mit dem vorigen in die Verbindung zu bringen, dass die Entstehung 
von Quellen in der Wüste die Blinden sehend und die Lahmen gehend mache, mögen 
Blindheit, Taubheit u. s. w. geistliche oder körperliche Gebrechen sein. ^0 steht ja doch 
ausserordentlich häufig als lediglich rhetorisches Bindemittel ohne eigentlich logischen 
Wert, zumal im Anfang neuer Strophen (s. zu c. 2887). Höchstens darf man den logi- 
schen Sinn des ^s in folgender Verbindung festhalten : dann verschwinden alle Gebrechen, 
denn es kommt die (von Deuterojesaia verheissene) Zeit des Heils, wo die Wüste Wasser 
hat. Deuterojes. hat freilich diese Verheissungen (c. 43i9f. 4821 49 10) ans dem ganz 
konkreten Grunde gegeben, dass die Israeliten durch die Wüste wandern müssen; unser 
Vf. aber, der weder hier noch im Folgenden an das babylonische Exil denkt, hat die 
Weissagungen des exilischen Propheten von ihrem zeitgeschichtlichen Hintergrunde ab- 



^4 Jes 358. 

^Und sein wird dort eine Strasse, 

Und heiliger Weg wi